Närrisch

Knacks — knacks — knacks: so knacksten die elektrischen Knöpfe, und die Dunkelheit nahm einen unbeholfen langen Menschen auf, mit allzu scharfen Gesten. Das war vielleicht gar nicht Leutnant Lichutin?

Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: sich so widerwärtig im Spiegel zu erblicken, weil irgendein Domino sein ehrliches Haus entehrt hatte, weil, seinem Offizierswort treu, er jetzt auch seine Frau nicht auf die Schwelle lassen durfte. Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: es war eben Leutnant Lichutin — er selbst.

Knacks — knacks — knacks: im zweiten Zimmer knacksten die elektrischen Knöpfe; ebenso im dritten. Dieser Laut beunruhigte Mawruscha, und als sie mit schlürfendem Schritt aus der Küche ins Zimmer trat, erstaunte sie über die völlige Dunkelheit.

Und sie brummte:

»Was ist das nun wieder?«

Aber in der Dunkelheit hüstelte jemand trocken.

»Gehen Sie fort . . .«

»Aber, gnädiger Herr . . .«

Aus der Ecke schrie jemand zornig mit pfeifender, befehlender Stimme:

»Gehen Sie fort . . .«

»Aber, gnädiger Herr, ich muß im Zimmer der gnädigen Frau Ordnung machen . . .«

»Gehen Sie ganz fort . . .«


»Und dann sind auch, Sie wissen, die Betten nicht abgedeckt . . .«


»Hinaus! sagte ich.«

Kaum war sie in die Küche getreten, als der Herr ihr dahin folgte:

»Gehen Sie überhaupt weg aus dem Hause . . .«

»Aber warum nur, gnädiger Herr . . .?«

»Fort, gleich fort! . . .«

»Aber wohin soll ich?«

»Wohin Sie wollen: fort mit Ihnen . . .«

»Gnädiger Herr!! . . .«

»Fort mit Ihnen, daß Sie sich nicht zeigen bis morgen.«

»Aber gnäd . . .«

»Fort, fort! . . .«

Er steckte ihr ihren Mantel zu und schob sie aus der Tür hinaus; Mawruscha brach in Tränen aus; sie erschrak — tödlich: der Herr schien plötzlich nicht ganz . . . Sie hätte zum Hausmeister und aufs Polizeirevier laufen sollen, statt dessen lenkte sie ihre Schritte zu einer Freundin.

Ja, Mawruscha . . .


Wie schrecklich ist die Lage eines harmlosen, eines normalen Menschen: sein Leben hängt an einer Anzahl gewöhnlicher Gebrauchswörter, an dem Faden ganz durchsichtig klarer Handlungen, von diesen Handlungen geleitet, segelt er in die Ferne, einem Fahrzeug gleich, wohl ausgerüstet mit absolut — ausreichenden Worten und Gesten; läuft aber dieses Fahrzeug auf einen verborgenen Felsen der Lebensunverständlichkeiten auf — so zerschellt es, und der einfältige Segler sinkt im Nu auf den Grund des Meeres . . . Beim kleinsten Stoß des Lebens verlieren Normalmenschen die Fähigkeit des Verstehens. Nein, kein Wahnsinniger kennt die Gefahren für das Hirn, die für den Normalen bestehen: das Hirn der Abnormen ist vielleicht aus leichterem Ätherstoff geschaffen. Für das normale Hirn gibt es völlig undurchdringliche Dinge, die dem kranken Hirn ohne weiteres klar erscheinen: dem normalen Hirn bleibt nichts übrig, als sich zu zerstören; und es — zerstört sich.

Seit dem gestrigen Abend empfand Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin die schärfsten Schmerzen im Kopf, wie wenn er im Laufen mit der Stirn gegen eine eiserne Mauer gestoßen wäre; und während er vor der Mauer stand, sah er, daß es gar keine Mauer gab, daß sie nicht undurchdringlich war und daß es dort, hinter ihr, ein unsichtbares Licht gab; daß es dort eigene Gesetze des Sinnlosen gab; wie es hinter den Mauern einer Wohnung Licht gab . . . Hier brummte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin etwas und schüttelte den Kopf; er fühlte ein intensives, ihm selbst verborgenes Arbeiten des Hirns . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin brummte wieder etwas und dann wieder: er schüttelte wieder und wieder den Kopf: seine Gedanken verwirrten sich vollständig. Er hatte seine Betrachtungen mit der Analyse der Handlungen seiner untreuen Gattin begonnen und endete damit, daß er sich selbst auf Häßlichkeiten ertappte.

Was also nun? Seit dem gestrigen Abend begann es: es kroch heran, zischte; was ist dieses Es? — Warum kam es? Außer der Verkleidung Nikolai Ableuchows gab es nichts, was zu beanstanden wäre . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch, ein einfach gutmütiger Mensch, stieß mit dem Kopf an die Mauer: aber durch sie sehen, hinter ihre spiegelnden Flächen — das vermochte er nicht: hatte er nicht, wenn auch nur vor seiner Frau — das ehrliche Offizierswort gegeben, sie nicht wieder ins Haus zu lassen, falls sie zum Ball gehen würde?

Was also tun? Was tun?

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin kam in Aufregung und begann, immer von neuem, Streichhölzer zu reiben; rotbraune Flämmchen zuckten auf; rotbraune Flämmchen beleuchteten das Gesicht eines Wahnsinnigen; voll Unruhe blickte er auf die Uhr: zwei Stunden waren vergangen, seit Sofja Petrowna fortgegangen war — zwei Stunden, das heißt hundertundzwanzig Minuten; jetzt begann er zu rechnen, wie viele Sekunden es waren.

»Sechzig multipliziert mit hundertzwanzig . . . Sechzig mal einhundert . . .«

Ssergeij Ssergeijewitsch faßte sich an den Kopf:

»Sechzig mal einhundert . . . Nein, eine Sekunde mal einhundert . . .«

Seine Gedanken verwirrten sich: Ssergeij Ssergeijewitsch bewegte sich in vollständiger Dunkelheit: ta — ta — ta — tönten seine Schritte; Ssergeij Ssergeijewitsch fuhr fort zu rechnen:

»Einmalhundert mal . . . Und zwei Nullen dazu — macht zusammen siebentausend zweihundert Sekunden. Ja.«

Erfreut über die Bewältigung dieser komplizierten geistigen Arbeit äußerte er diese Freude in einer etwas überlauten Weise. Plötzlich fiel ihm ein: sein Gesicht verfinsterte sich:

»Siebentausendzweihundert Sekunden — seit ihrem Entfliehen: zweihunderttausend Sekunden — dann ist alles zu Ende!«

Nach den siebentausendzweihundert Sekunden führt die siebentausendzweihundertunderste in den Zeitraum hinein, in dem sein Offizierswort Geltung bekommt; siebentausendzweihundert Sekunden durchlebte er gleich siebentausend Jahren; seit der Entstehung der Welt sind ja bis zum heutigen Tage nicht mehr Jahre vergangen. Es schien Ssergeij Ssergeijewitsch, als wäre er seit der Entstehung der Welt in diese Finsternis eingeschlossen gewesen, mit seinen unerträglichen Kopfschmerzen; den selbsttätigen Gedanken, der Autonomie des Gehirns, das die leidende Person ausschließt. Ssergeij Ssergeijewitsch begann plötzlich fieberhaft in einer Ecke zu suchen; er nahm aus einem Schrank einen Strick und versuchte eine Schlinge zu machen: das wollte ihm aber nicht gelingen. Ganz verzweifelt lief er in sein Zimmer, den Strick hinter sich herschleifend.

Was tat nun Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin? Suchte er seinem gegebenen Offizierswort Geltung zu verschaffen? Ach — wo! Er nahm bloß, weiß Gott wozu, die Seife aus der Seifendose heraus, kauerte sich auf den Fußboden nieder und begann über einem hingestellten Waschbecken den Strick mit Seife einzureiben. Kaum war er damit fertig, als seine Handlungen einen wahrhaft phantastischen Charakter annahmen; man konnte ruhig sagen, nie im Leben hatte Ssergeij Ssergeijewitsch so originelle Dinge gemacht.

Denken Sie sich nur!

Er stieg, weiß Gott wozu, auf den Tisch (vorerst hatte er die Tischdecke abgenommen); dann zog er vom Fußboden einen gebogenen Stuhl herauf, den er ebenfalls auf den Tisch stellte; auf dem Stuhle stehend, nahm er die Lampe vom Haken und legte sie sich vorsichtig vor die Füße; an Stelle der Lampe aber befestigte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den von der Seife glitschrigen Strick; dann schlug er ein Kreuz und blieb unbeweglich einen Augenblick stehen; und langsam legte er mit beiden Händen die Schlinge über seinen Kopf, wie jemand, der im Begriff ist, sich aufzuknüpfen.

Aber ein glänzender Gedanke ging dem Offizier jetzt durch den Kopf: eigentlich mußte er sich doch die Haare vom Halse wegrasieren.

Mit diesem glänzenden Gedanken ging Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin in sein Zimmer: dort begann er beim Schein einer abgebrannten Kerze sich die Haare vom Hals zu rasieren.

Endlich war er fertig, zögern durfte er nicht mehr. Aber gerade in diesem Augenblick ertönte im Vorzimmer die Hausglocke; geärgert schlenderte Ssergeij Ssergeijewitsch, vor sich das mit Seife bedeckte Rasiermesser, sah mit Bedauern auf die Uhr (wie viele Stunden doch dahingeflogen waren:) und — was tun? Was tun? Einen Augenblick lang dachte er daran, sein Vorhaben zu verschieben; er konnte doch wahrhaftig nicht voraussehen, daß er überrascht werden würde; zum zweitenmal ertönte inzwischen die Glocke und verkündete ihm, daß er keine Zeit zu verlieren habe; er sprang also auf den Tisch, um die Schlinge vom Haken zu lösen; aber der glitschrige Strick gehorchte ihm nicht und entrutschte seinen Fingern. Eiligst stieg Ssergeij Ssergeijewitsch wieder herunter und begann sich in das Vorzimmer zu schleichen; und während er schlich, merkte er: langsam schmolz die schwarzblaue Finsternis der Zimmer, die sich wie Tinte die ganze Nacht über ihn ergossen hatte; langsam begann sich in die Tintenfinsternis Grau zu mischen; und in dieser grauenden Finsternis zeichneten sich Gegenstände: ein auf dem Tische stehender Stuhl, eine umgelegte Lampe; und über all diesem — eine nasse Schlinge.

Im Vorzimmer legte Ssergeij Ssergeijewitsch das Ohr an das Schlüsselloch und blieb unbeweglich stehen; aber wohl infolge der Aufregung zeigte sich bei ihm ein solcher Grad von Vergeßlichkeit, einer Vergeßlichkeit, bei der die Durchführung eines Vorhabens undenkbar ist: Ssergeij Ssergeijewitsch merkte nicht im geringsten, wie sehr er keuchte; und als er nun das unruhige Rufen seiner Frau hinter der Tür hörte, begann er aus purer Angst entsetzlich zu brüllen; jetzt sah er ein, daß alles verloren war, schnell rannte er ins Zimmer zurück, um sein originelles Vorhaben rasch durchzuführen: geschwind sprang er auf den Tisch, streckte den frisch rasierten Hals und begann hurtig die Schlinge zuzuziehen, wobei er aber, wer weiß wozu, zwei Finger zwischen Strick und Hals steckte.

Dann rief er, weiß Gott wozu:

»Wort und Tat!«

Er stieß mit den Füßen den Stuhl um, und der Tisch rollte auf seinen Messingröllchen fort (diese Laute waren es eben, die Sofja Petrowna vor der Tür hörte).