Begleiter
In grauem Mantel, mit schwarzem Zylinderhut, das Gesicht von der Farbe grauen, grün überhauchten Wildleders, lief Apollon Apollonowitsch Ableuchow wie geängstigt die Stufen hinunter und stand nun im durchnäßten glitschrigen Portal.
Jemand rief seinen Namen, und auf den ehrfurchtsvollen Ruf hin tauchten aus der Dunkelheit die schwarzen Konturen des Wagens auf, und im Lichtkreis der Laterne hob sich das Wappen ab: ein Einhorn, einen Ritter durchbohrend. Schon hob Apollon Apollonowitsch seinen Fuß zum Wagentritt, als er das schäbige Herrchen, von dem er soeben die wichtige, traurige Wahrheit vernommen hatte, auf der Straße erblickte.
Apollon Apollonowitsch ließ darauf den im geraden Winkel gehobenen Fuß wieder sinken, berührte mit dem Handschuh den Rand des Zylinders und gab dem vor Erstaunen blöd dreinschauenden Kutscher trocken den Befehl: allein nach Hause zu fahren. Dann beging Apollon Apollonowitsch eine unerhörte Tat: so was wies die Geschichte seines Lebens in den letzten fünfzehn Jahren nicht auf: Apollon Apollonowitsch, selbst vor Verwunderung mit den Augen zwinkernd und die Hand, des Asthmas wegen, an das Herz gedrückt, begab sich zu Fuß, bemüht, den sich im Nebel verlorenen Rücken des schäbigen Herrchens einzuholen, auf den Weg; eine wesentliche Tatsache bitte ich in Betracht zu nehmen: die unteren Extremitäten des ruhmvollen Mannes waren nämlich bis zum äußersten klein geraten; wenn Sie diese wesentliche Tatsache berücksichtigen, dann werden Sie es verständlich finden, daß Apollon Apollonowitsch durch eifriges Bewegen der Arme sich das Gehen zu erleichtern suchte.
Apollon Apollonowitsch beging also zwei unerhörte Abweichungen von dem Kodex seiner höchst geregelten Lebensweise, erstens: verschmähte er den Wagen (in Anbetracht seiner krankhaften Raumangst — eine wirkliche Heldentat); zweitens: flog er in nicht übertragenem, sondern buchstäblich wahrem Sinne des Wortes in dunkler Nacht durch eine menschenleere Straße. Er rief dem in die Dunkelheit entfliehenden Rücken zu:
»Mm . . . Hören Sie!«
Doch der Rücken (eigentlich nicht der Rücken, sondern die mitlaufenden Ohren) hörten nicht.
»Halten Sie doch . . . Pawel Pawlowitsch!«
Der Rücken wandte sich um, blieb stehen und, den Senator erkennend, kam er ihm entgegen.
»Exzellenz! . . . Apollon Apollonowitsch! Wieso ohne Wagen? . . .«
Aber Apollon Apollonowitsch unterbrach den Gefühlserguß:
»Die Nachtluft ist mit nützlich . . .«
Beide gingen nun in derselben Richtung: das Herrchen bemühte sich, Schritt mit dem Senator zu halten, was aber in Wirklichkeit nicht leicht war (die Schrittchen Apollon Apollonowitschs konnte man durch das Mikroskop betrachten).
Apollon Apollonowitsch hob die Augen auf den Begleiter und sagte — sagte mit sichtbarer Verwirrung:
»Ich . . . wissen Sie . . .«
»Ja?« horchte das Männchen auf.
»Ich . . . wissen Sie . . . möchte Ihre genaue Adresse haben, Pawel Pawlowitsch.«
»Pawel Jakowlewitsch«, verbesserte bescheiden der Begleiter.
»Pardon, Pawel Jakowlewitsch, ich habe, wissen Sie, ein schlechtes Gedächtnis für Namen . . .«
»Macht nichts, bitte, macht absolut nichts, nichts.«
Das schäbige Herrchen dachte inzwischen bei sich:
»Möchte wohl über den Sohn etwas erfahren . . . aber schämt sich zu fragen . . .«
»Also, Pawel Jakowlewitsch, ich bitte Sie um Ihre Adresse.«
Apollon Apollonowitsch Ableuchow knöpfte den Mantel auf und zog sein, in das Fell eines gefallenen Nashorn gebundenes Notizbuch hervor; sie blieben unter einer Laterne stehen.
»Meine Adresse«, sagte, sich gleichsam windend, das Herrchen, »ist veränderlich. Meist halte ich mich auf der Wassiljewskij-Insel auf: 18. Linie, Haus Nr. 17; dort habe ich zwei Zimmer beim Schuhmacher Beßmertny; zu fragen: der Schreiber des Polizeireviers Woronkow.«
»So — so — so: ich werde Sie in diesen Tagen besuchen . . .«
Plötzlich hoben sich die Augenbrauen des Senators und Erstaunen prägte sich in seinem Gesicht:
»Warum?« fragte er, »warum? . . .«
»Warum mein Name Woronkow ist, während ich in Wirklichkeit Morkowin heiße?«
»Ja — eben.«
»Das kommt daher, Apollon Apollonowitsch, weil ich dort unter falschem Namen wohne.«
Das Gesicht Apollon Apollonowitschs drückte Ekel aus (im Prinzip war er gegen solche Erscheinungen).
»Meine eigentliche Wohnung ist auf dem Newskij . . .«
Apollon Apollonowitsch dachte: »Was ist zu machen: solche Erscheinungen sind in einer Übergangszeit und im Rahmen der Gesetzlichkeit — eine traurige Notwendigkeit, aber eben eine Notwendigkeit.«
»Ich bin zur Zeit, Exzellenz, mit der Auffindung einer gewissen Spur beschäftigt: es ist jetzt eine äußerst bedeutsame Zeit.«
»Ja, ja, Sie haben recht«, stimmte Apollon Apollonowitsch bei.
»Es ist ein politisches Verbrechen von besonderer Wichtigkeit in Vorbereitung . . . Vorsichtig: hier ist eine Pfütze . . . Dieses Verbrechen . . .«
»Soo . . .«
»In nächster Zeit dürfte es uns gelingen, dieses Verbrechen an den Tag zu bringen . . . Hier ist eine trockene Stelle, darf ich Ihnen die Hand bieten? . . .«
Apollon Apollonowitsch wurde von seiner Angst befallen: sie schritten über einen großen Platz; unwillkürlich rückte er ganz nahe an den Begleiter heran.
»Soo, soo: sehr gut . . .«
Apollon Apollonowitsch suchte Mut zu fassen, aber der riesige Platz und die ihm entgegenlaufende Ferne drückten ihn nieder. Einen Augenblick überwand die Sorge um das bedrohte Rußland die persönlichen Ängste: die Angst um den Sohn und die Angst vor der Notwendigkeit, diesen riesigen Platz zu überschreiten.
»Ist ein terroristischer Akt in Vorbereitung?«
»Wie gesagt — ja . . .«
»Und sein Opfer?«
»Soll ein hoher Beamter werden!«
Über das Rückgrat Apollon Apollonowitschs lief es kalt: er hatte vor einigen Tagen einen Drohbrief erhalten; in diesem Briefe wurde ihm mitgeteilt: falls er den Posten annehme, würde er von einer Bombe vernichtet werden; Apollon Apollonowitsch verachtete anonyme Briefe; er warf das Schreiben fort; den Posten nahm er an.
»Verzeihen Sie, wenn es kein Geheimnis ist: wen haben sie jetzt vor?«
Hier geschah etwas wirklich Seltsames: alle Dinge an dem Senator duckten sich gleichsam und rückten viel näher heran; auch Herr Morkowin schien kleiner geworden zu sein und rückte näher heran; ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen, als er im Flüsterton, den Kopf gegen den Senator geneigt, sagte:
»Wieso — wen? Sie, Exzellenz, Sie!«
Apollon Apollonowitsch sah: eine Karyatide vor dem Portal: nichts weiter — eine Karyatide. Doch — nein, nein! Keine Karyatide, so eine hat er nie im Leben gesehen: diese hängt nur so im Nebel. Dort ist der Giebel eines Hauses: nichts weiter — ein Giebel; doch — nein, nein: es ist nicht einfach ein Giebel, wie auch alles andere nicht mehr einfach ist; alles hat sich verschoben, hat sich von den Wurzeln gelöst; selbst er hat sich von den Wurzeln gelöst; und er stammelte in die mitternächtliche Dunkelheit:
»Warum aber? . . . Bitte — bitte. Warum? . . .«
Apollon Apollonowitsch konnte es sich durchaus nicht denken, daß diese behandschuhte Hand, daß diese Beine, daß dieses müde, absolut müde (glaubt es mir!) Herz — unter der Einwirkung sich verbreitender Gase in irgendeiner Bombe im Nu sich verwandeln können sollte . . .
»Das heißt, wie meinen Sie das?«
»Aber eben so, Apollon Apollonowitsch — höchst einfach . . .«
Dann aber fügte Herr Morkowin hinzu:
»Sie dürfen sich durchaus nicht fürchten, Exzellenz, denn es sind die strengsten Maßregeln getroffen worden: wir verhindern es: eine unmittelbare Gefahr für heute oder morgen besteht nicht . . . In einer Woche aber werden Sie informiert sein. So lange gedulden Sie sich . . .«
Das ängstlich bebende Gesicht betrachtend, das, vom fahlen Laternenlicht beschienen, an eine Leiche gemahnte, dachte Herr Morkowin: »Wie alt er doch ist, die reinste Ruine . . .«
Aber mit kaum merklichem Krächzen wandte Apollon Apollonowitsch dem Männchen sein bartloses Gesicht zu und lächelte plötzlich, ganz trübe, wodurch sich unter seinen Augen gewaltige faltige Säcke bildeten.
Einen Augenblick später kam jedoch Apollon Apollonowitsch wieder zu sich, verjüngte sich, seine Gesichtsfarbe wurde heller: er drückte fest Herrn Morkowins Hand und schritt, aufrecht wie ein Stock, dem schmutzigen, herbstlichen Nebel entgegen, im Profil an die Pharaomumie Ramses’ des Zweiten erinnernd.
Uh! Wie war es feucht, wie faulnaß, wie war die Nacht so bläulich und lila mit rötlichem Ausschlag von den Laternen, wie entwand sich Apollon Apollonowitsch dem Lila, um in den Kreis der Laterne zu gelangen, und wie flog er aus dem Rot der Laterne wieder in das Lila!