La valigia
Die Nacht war längst angebrochen, als der Zug, mit dem ich fuhr, sich Venedig näherte. In meinem Abteil saßen mir zwei Herren gegenüber, auf meiner Seite niemand. Ich streckte mich also der Länge nach aus und merkte nicht einmal, daß einer meiner Reisegefährten in Vicenza ausstieg, der andere in Mestre. In Venedig angekommen, merkte ich aber, daß an Stelle meiner Handtasche eine viel kürzere, die ihr außer in der Farbe gar nicht glich, zurückgeblieben war. Die meinige war offen gewesen. Kofferschlüssel führe ich prinzipiell schon lange keine mehr mit mir. Wozu auch? Es mußte regelmäßig der Schlosser gerufen werden, der neue Schlüssel aber war es, der als erster abhanden ging, während der alte wieder zum Vorschein zu kommen pflegte, zum geänderten Schlosse aber nicht mehr paßte. Außerdem: was nützen Schlüssel? – Fuhrwerke etwa ich in Koffern herum, die andern gehören? Wäre ich aber ein Dieb, würde das bißchen Schloß mich daran hindern? Also.
Übergehen wir aber, ehrlicher und teilnehmender Leser, meine Fassungslosigkeit, als über das Fehlen meiner Tasche kein Zweifel mehr bestand. Nichts von angelsächsischer Selbstbeherrschung legte ich an den Tag; nichts von Stoik. Ungeheuchelt brach sich mein Furor Bahn. Zwar hatte schon ein Herr aus Vicenza wegen eines Gepäckstückes telephoniert; aber böse Ahnungen zogen im Sturme in mir auf; den Bettelstab sah ich grünen in meiner Hand. Denn auch meine Manuskripte, die Arbeit von Jahren, steckten wohlverschnürt in einer Seitentasche und sollten in Venedig ihre letzte Reife erfahren. Und nicht nur sie, sondern mein jüngstes Produkt, mein Benjamin, welcher den Titel führte: veder Napoli e partire. Er war nicht gegen Napoli, nur gegen das schlechte Wetter gemünzt, das ich dort angetroffen hatte. Wer aber bürgte mir, daß mein mal’ occhio weiter als diesen Titel lesen und in nationalistischer Entrüstung den ganzen Bündel nicht ins Feuer werfen würde. Hatte man nicht wegen Palermo den Maeterlinck gefordert? –
Um zwei Uhr morgens war ich in meinem Hotelzimmer, um neun Uhr schon wieder auf dem Weg zur Bahn. Über meine Tasche lagen nur höchst undeutliche Meldungen vor, die des Vicentiners hatte man ihm zurückgeschickt. Ich begab mich zum capo di stazione. Wert im Rate der Zehn zu sitzen, höchst ritterlich, und noch dazu auffallend schön, nahm er sich, über jeden sacro egoismo erhaben, sofort meiner an und telephonierte nach Vicenza. Es sei eine Tasche da, jawohl. Ich wurde gefragt, was alles drin sei, und ich nannte ein paar Dinge, die mir gerade einfielen. „Toilettengegenstände, eine Reiseuhr, ein Arbeitssack, Delle lettere“, sagte ich; scritture. Der capo di stazione notierte alles und gab seine Orders. Mit dem Sieben-Uhr-Abendzug würde die Tasche ankommen, wenn ich also um dieselbe Zeit mich einfinden wollte? ... Doch ach, nur ich traf ein zu diesem Abendzug. Der capo di stazione begab sich in den Gepäckraum; errötend gab er mir das negative Ergebnis mit. Er telephonierte und telegraphierte von neuem.
Am nächsten Morgen war die Tasche da.
Verschnürt und plombiert harrte sie meiner im Lagerraum, und ich wurde aufgefordert, sie zu öffnen und festzustellen, ob nichts fehle. Ich zerschnitt die Schnüre, sie sprang auf. Ein Griff nach rechts, ein Befühlen der Rolle, meine Werkstatt war unversehrt. Da genügte ein flüchtiger Blick auf alles übrige. „C’è tutto!“ sagte ich, zog ab mit meiner Tasche, nahm eine Gondel für die Tasche und mich und blickte triumphierend den Canal Grande hinab. Die Tasche und ich, wir fuhren dann ein in die stilleren Seitengewässer und die nur aus ihrer Stille vernehmbare Musik Venedigs, von den Steinen und den Pforten angestimmt, ob sie eintauchen in die Flut oder bemoost sie überragen, wie süß drang sie zu mir.
Erst beim Auspacken trat zutage, was alles fehlte: von drei Scheren zwei, von zwei Bürsten die zusammenlegbare in einem Etui, der Sack Pralinés aus Nizza. Allein solche Verluste nimmt man leicht. Als ich jedoch den Arbeitsbeutel öffnete, wehe! Da fehlte der wertvollste und teuerste jener Gegenstände, die ich immer mit mir führe: eine schmale, silberne, einfache, aber wirklich vollkommen schöne Empire-Nadelbüchse, einzig in ihrer Art, die alle kennen, die meine Sachen kennen. Sie fehlte. Sie war gestohlen. Der naheliegende Gedanke, daß man so grausam sein würde, sie mir zu rauben, war mir nie gekommen. Eine Welt von Erinnerungen umschloß für mich ihr schmaler, schreinartiger Hals. Nie öffnete ich sie mit gleichgültiger Hand. Ich hing an ihr über mein Leben hinaus, ich träume von ihr.
Mit welchem Fuge aber hätte ich den Weg zur Bahn von neuem eingeschlagen, nachdem ich doch ausgerufen hatte: „C’è tutto!“
Ihr Herren Eisenbahner aus Vicenza, lohnt mir so nicht mein Vertrauen. Gebt mir meine Nadelbüchse wieder! Was ist sie für ein verschwindend Ding inmitten der Pracht, die euch umgibt.
Oder sollten Sie mein Herr, der Sie meine Tasche verwechselten – Ihr Name wurde ja auf Protokoll genommen –, sollten Sie ein Antiquar sein und der Versuchung nicht haben widerstehen können, so schicken Sie mir die kleine Nadelbüchse wieder. Wer sie mir findet und zurückschickt, dem werde ich ihren vollen Wert zurückerstatten, wer immer es sei. Dem Dieb, der sie behält, wird sie Unglück bringen, denn sie gehört zu niemandem als zu mir.
Seltsame Stadt, schwebend gleichsam, nein, wie in sich selbst versunken, und dem Tode stärker als dem Leben zugewandt. Wie behält sie jedes Echo! Was läutet sie? – Noch vibrieren heimliche Reflexe jenes Februartages, an dem der junge d’Annunzio den Sarg des „Grande Barbaro“ auf seine Schultern hob und mit seinen Freunden die Stufen des Palazzo Vendramins hinabtrug. Noch lauern Schatten jener Gondel, die Wagners Leiche zog, noch weht am Canal Grande ein Hauch der Stunde, zu der er starb.
Schöner, tiefer, stiller war Venedig vor zwei Jahren inmitten seiner Junihitze und seiner Leere. Damals klang die trübe Nachricht vom Mord an Rathenau herüber; dieses Mal der Tod der Duse, und gleich darauf in seiner schauderhaften Schrille das Ende Helfferichs. Wer hat den Tod mit einer Geige abgebildet? Wie verschieden moduliert er seine Weisen! Mit welcher Pracht umleuchtete und steigerte er weithin das Sterben der Duse. O heilige Kunst! –
Molières Tod
Es ist die Liebenswürdigkeit Molières, welche wir bei aller sonstigen und eingebürgerten Würdigung seines Genies übersehen. Geistige Verwandtschaften konstruieren sich ebenso bestimmt wie die Ausläufer und Nebenlinien eines Stammbaumes. Es gibt Familien hier wie dort.
Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe – ganz unswedenborgisch natürlich – ich sehe immer Pascal mit Hebbel und Brahms eingehängt daherkommen, und ich sehe, wie Molière und Mozart „mon cousin“ zueinander sagen und ein Lächeln an sich tragen wie Brüder; eines selben Hauses und von selbem Adel: zwei lichte Gestalten auf dunklem Grund.
Molières ausgelassene Augen haben sehr melancholische Wimpern. Es verhält sich ähnlich mit Mozarts vielgerühmter und doch so beschatteter Heiterkeit, seinem beiläufigen, aber grandiosen Ernst. Sie sind beide zu scharfblickend, um sich mit dem leichtsinnigen Rossini oder dem trotz chronisch unglücklichen Verliebtseins bei Gelegenheit so fidelen Schubert zu verzweigen. Molière und Mozart haben die ähnlichen Nerven, den ähnlichen geistigen Charme und jene charakteristischen Merkmale, welche nur den Lieblingen der Götter eigen sind: selbst der unheilbar erkrankte Molière, der, in der Sänfte getragen, seinen hohen Gönnerinnen Besuch abstattet, ist noch von Jugend umweht. Selbst der sterbende Molière ist unvorstellbar als ein Gealterter.
Sie haben eine ähnliche Haltung ihrer Zeit gegenüber, die ihnen teils eine bevorzugte Stellung einräumt und sie kajoliert, teils mit letzter Roheit ihre Vorurteile ihnen gegenüber aufrecht hält.
So trägt Mozart den berühmten Fußtritt jenes Grafen davon, an dessen Wappen er dann haftenblieb, und Molières Leiche wird einer Bestattung in geweihter Erde nicht für würdig erachtet.
Sollte man da nicht doch versucht sein, an einen Fortschritt zu glauben? Aber nichts beleuchtet ihn besser als die unbestreitbare Tatsache, daß in unserer Zeit Molière und Mozart auf ihre Felddiensttauglichkeit geprüft worden wären. – Wolfgang Amadäus Mozart im Schützengraben! Molière als Poilu! – Es ist also schon besser, nicht wahr, sie lebten im Dix-septième und Dix-huitième.
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