II. Das Denkmal am Fürstenberge.

(Dazu Abbildung No. 2.)

Jahrhunderte sind vergangen und nicht ein Stein, geschweige denn ein Monument zeigte oder zierte die Stelle, wo der Stammvater unsers allgeliebten Regentenhauses aus den Händen eines habsüchtigen Ritters befreit wurde. Nur durch Tradition wußte man, daß an diesem Orte, wo jetzt das Denkmal steht, Herzog Albrecht seine Rettung einem schlichten Köhler zu verdanken hatte, doch noch sehr ungewiß, ob bei Wiesenthal[82] oder Grünhain oder anderswo die Stelle wäre. Als ein Geschichtsforscher, Namens Schreiter, Pfarrer zu Elterlein, in seinem mit dem aufopfernsten Fleiße und sorgfältiger Mühe gearbeiteten Werke: »die Geschichte des Prinzenraubes kritisch bearbeitet. Leipzig, 1804« uns jeden Zweifel benahm.

Die geschichtlichen Nachforschungen Schreiters; indem die Herrschaft Crottendorf mit Wiesenthal allererst im Jahre 1559 von dem Kurfürsten August zu Sachsen erkauft wurde,[83] also zur Zeit des Prinzenraubes gar nicht dem Kloster in Grünhain gehörte, dessen Abt doch der nächste Beschützer des Prinzen Albrecht nach dem Köhler war und vorzüglich auch die hier bloß vorhandene nie versiegende Quelle[84] gaben Aufschluß über Alles und letzterer gebührte daher die Ehre, daß ein Monument sie bedeckte, zierte und durch eine Einfassung dem müden Wanderer zu seinen stillen Betrachtungen ein Ruhepunct wurde.

Das goldne Zeitalter der Monumente war gekommen, der verheerende Krieg war vorübergegangen und das Jahr 1822 wurde das Jahr, was nächst dem Jahre 1455 in der Geschichte des Prinzenraubes dem Andenken nie entzogen werden wird.

Das Jahr 1822 war nämlich das Gründungsjahr des Monumentes am Fürstenbrunn.

Wir folgen nun ganz in Ermangelung anderer vielleicht ausführlicheren Quellen, der glaubhaften Beschreibung der Gründung und Einweihung des Monuments, wie es Dr. Hering in seinem Werke: »Geschichte des sächsischen Hochlands«, Leipzig, 1828. im 2. Theil pag. 167 u. ff. mittheilt:

»Am 8. Juli fand auf dem Fürstenberge zwischen Grünhain und Raschau eine merkwürdige Feier der hier am 8. Juli 1455 erfolgten Rettung des von Kunz von Kauffungen entführten Prinzen Albrecht statt. Es hatte nämlich bis dahin kein Denkmal den Ort ausgezeichnet, wo dies so wichtige Ereigniß statt fand. Im Jahre 1818 hatte der Herr Finanzprocurator Lindner zu Schwarzenberg schon mehrere Freunde der vaterländischen Geschichte für den Plan gewonnen, durch freiwillige Beiträge den hier befindlichen Fürstenbrunnen in einen steinernen Bassin einzufassen und sein Wasser für jeden Durstigen genießbar zu machen, daneben ein steinernes Denkmal aufzurichten und es am Regierungsjubelfeste des Königs feierlich zu weihen. Er trug diesen Plan dem Herrn Kreishauptmann Freiherrn von Fischer[85] vor, welcher ihm die vollste Beistimmung ertheilte; nur war für die Ausführung bis zum Jubelfeste die Zeit zu kurz. Im Jahre 1822 aber kam durch die mächtige Unterstützung des Herrn Kreishauptmanns Frhr. von Fischer und die lebhafteste Mitwirkung des Herrn Justizbeamten Philippi der schöne Plan zur Reife. Es wurden im Kreisamte Schwarzenberg und Amte Grünhain über 200 Thlr. unterzeichnet. Den ansehnlichsten Geldbetrag gab der Herr Kreishauptmann selbst, und der Herr Bergcommissionsrath Nitzsche[86], Hammerherr zu Erla, ließ die, das errichtende Denkmal zierende, eiserne Tafel mit der gelungenen Inschrift[87] unentgeldlich auf seinem Werke gießen und vergolden, und leistete auch alle Steinfuhren. Die Verfertigung einer am Fürstenbrunnen zu errichtenden Pyramide wurde dem Baumeister Lohß in Schlettau übertragen und diese mit Einschluß des Fußgestelles 13 Ellen hohe Pyramide[88] am 7. Juli glücklich aufgerichtet.

An der Feierlichkeit der Weihe nahm die weite Umgegend den freudigsten Antheil. Die Schwarzenberger Bürgergarde marschirte schon Vormittags 10 Uhr auf den Platz, wo sie die Wachen versah und die Piquets ausstellte, um die Ankunft der hohen Beamten bei Zeiten zu erfahren. Mehr als 10,000 Menschen drängten sich um die Pyramide herum, erkletterten die Bäume, erstiegen die Dächer der erbauten Buden und erduldeten bei drückender Hitze unerschüttert Hunger und Durst. Nun marschirten die Schützencompagnien von Crottendorf vor dem Plateau des Brunnens auf; diesen folgten 230 Bergleute mit ihren Fahnen und Hautboisten und bildeten einen Halbkreis um die Pyramide. Um 1 Uhr donnerten Kanonen durchs Oswaldsthal, um die Ankunft hoher und niedrer Beamten aus verschiedenen Orten zu verkündigen. Die Offiziers von Zwickau und Schneeberg waren mit 36 Hautboisten schon zuvor angelangt, und wie am 8. Juli des Jahres 1455 in der Umgegend die Sturmglocken ertönten, um alles zur Rettung des geraubten Prinzen aufzufordern, so ertönten jetzt die Glocken auf den benachbarten Kirchen und riefen zu Dank und Freude über die glückliche Rettung des Geraubten und Erhaltung des hohen Fürstenhauses alle Herzen auf.

Die Feier begann mit dem Gesange eines Weiheliedes, welches der Herr Rektor Lange[89] zu Schwarzenberg dazu gedichtet hatte:

Seid uns gegrüßt der grauen Vorzeit Tage!
Euch suchet unser Blick!
Gesang ertöne! – Zu der Vorwelt trage
Begeisternd uns zurück!

Hier ist es, wo dem Vaterschloß entrissen
Auf Kunzens Räuberflucht
Der Fürstensohn, gequält von Hungerbissen,
Des Waldes Beere sucht;

Prinz Albert hier umringt von Todesschrecken
Dem wackern Schmidt sich naht,
Und leise Worte schüchtern ihm entdecken
Die grause Frevelthat.

Hier ists, wo dem Geraubten ach! so bange
Der Stahl des Mordes blitzt,
Und ihn mit hochgeschwungner, rußger Stange
Des Köhlers Arm beschützt.

Die Glockenstürme – und das Köhlerzeichen
Ruft Hilfe laut umher,
Und es erliegen unter Trillers Streichen
Die Räuber bandenschwer.

Gerettet ist der Fürstensohn – die Quelle
Erlabt den Durstgen hier,
Sie quillt uns heut' noch unversiegt und helle, –
Sie segnen heute wir!

Ein Denkmal soll die große That erneuen
Den Söhnen künftger Zeit,
Und Alberts Enkel, dem Gerechten[90], weihen
Es wir aus Dankbarkeit.

Der Herr Superintendent Dr. Lommatzsch[91] trat jetzt auf die mit Blumen bestreuten Stufen des Brunnens und sprach Worte der Weihe.[92] Ihm zur Rechten war die mit einem Eichenlaubkranze gezierte Büste des Königs Friedrich August aufgestellt und über ihr hingen Blumengewinde von der Pyramide herab. Nach Beendigung der Rede folgte wieder ein Gesang, gedichtet vom Herrn Postmeister und Gerichtsdirector Reiche zu Annaberg.[93]

Einer.

Ein Gaudeamus soll uns heut' vereinen
In Gottes heiliger Natur;
Denn hier in dieses Waldes düstern Hainen
Fand Albert einst der Gottheit Spur.

Chor.

Als Denkmal von Sachsens Vergangenheit
Sei dieser Stein – dem Leben geweiht!

Einer.

Der treue Sachse blickt noch mit Entzücken
Zurück in jene graue Zeit,
Wo Trillers Arm von Seines Räubers Tücken
Den hohen Sprösling hat befreit.

Chor.

Als Denkmal der Rührung und Dankbarkeit
Sei unser Herz, o Fürst! Dir geweiht.

Einer.
Wie heißt Dein Zweig in Seinen Silberhaaren,
Der Sachsen Vater und ihr Glück?
Ists nicht August, den Seines Hauses Laren
Beschirmten einst ein Mißgeschick?

Chor.

Wie heißt der König, der Glückliche schafft,
Redlichkeit übet mit Jugendkraft?

Einer.

Nennt Ihn ja Vater unsers Vaterlandes,
Der Seinen Gott im Busen trägt!
Der, eingedenk des hohen Völker-Bandes,
Das Recht auf ächter Wage wägt!

Chor.

Ja Treu' und Ehrfurcht dem einzigen Mann,
Der allen Sachsen Treue gewann!

In dem Augenblicke, wo der Chor diese letzten Worte sang, trat der Herr Kreishauptmann an die Stufen des Brunnens und sprach diese Worte noch einmal feierlich allein, und wie er geendet, sprach mit entblößtem Haupte die große Versammlung, unter dem Donner der Kanonen diese Worte nach. Es folgte ein tiefes ehrfurchtsvolles Schweigen, welches dann in den tausendstimmigen, von den Musikchören kräftig begleiteten Gesang überging:

Den König segne Gott! etc.