LIED AUS DER NACHT

Ist mein Bett das wilde Schiff,

Das in stürzenden Kreisen dreht?

Ist die Wand verstrickend das Riff,

Das krächzend entgegensteht?

Doch draußen weit ist Meer und die Welt,

Der göttliche Gesang!

Ich komme, ich komme! und bin euer Held!

Und bleibe euch treu mein Leben lang.

Funkelnd richt’ ich mich auf,

Noch verlassen wie ein Stern.

Doch im Fenster der Himmel dort

Ist Weg und Gewähr,

Und über alle Maßen fern

Zieht der Begierde zitternder Lauf

In das brütend dunkle rauschende Meer.

Hell ruf’ ich die Nacht zum Schwert.

O du endlich gefundene Tat!

Ich selbst mein Geleit und heiliger Wert,

Der zwingend menschengütig naht.

Ja! Hier ist Meer und Welt,

Der göttliche Gesang!

Ich komme, ich komme! und bin euer Held!

Und bleibe euch treu mein Leben lang.

DANK

Man dankt mir viel und drängt mir Worte auf

Und Arme voll von Händen ... Stets war’s noch

Ein gleicher Arm, steif wie ein Flintenlauf,

Aus dem die Hand wie eine Zunge kroch.

Was soll mir euer Dank so kalt und stier,

Er reicht doch nie an mein Gefühl heran:

Das ist so glutvoll tief und wild in mir,

Daß nur das tiefste Sehnen nahen kann.

O könnt’ ich selber einmal Dank verkünden,

Ich wollt’ die Hand zerdrücken, die ich hielte,

Und würde wogend solche Worte finden,

Daß jede Ader ihre Strömung fühlte!

BESINNUNG

Du bist der Himmel und das Grab,

Verträumter Geist, der mich belebt.

Ich weiß nicht recht, wo ich mein Schicksal hab’,

Oft hab’ ich wie ein Schatten nur gebebt.

Das Erdensein ist der Versuch,

Das Land des Glückes zu entdecken.

Das Menschenleben ist ein Knabenbuch,

Den Schlaf der Wünsche strahlend aufzuschrecken.

Am heimlichsten ist unser Ich,

Nur blitzend wie ein Blitz, der schon erlischt.

Die Bilderdinge rühren dich —

Sind wir dem All, dem Nichts vermischt?

Das Leben hat nur in sich selbst den Sinn

Und im Vertrauen in den eigenen Rat.

Das ist die Antwort auf dein Wort „Wohin“:

Zu dir, zu deiner Höhe, deiner Tat.

KNAPPE VOM BERGWERK

Ist Jugend kranke Armut?

Ist das geweinte frühe Leben

So ohne jedes süße Gut,

Schon hingesunken, ohne sich zu heben?

Was will die wilde Stadt,

Die mir im Ohr erdröhnt?

Schon hab’ ich mich zu Tode matt

Nach Menschen hingesehnt:

Nach einem Inbegriff,

Der überm Schmerz besteht

Und nicht wie Wellen an dem Riff

Der schwarzen Erde stumm verweht.

Und dann, dann kam der Qualm,

Der in der Höhlen sielt,

Und losch den Blütenhalm

Und Blick, den ich noch aufrechthielt.

Dann immer neue Wolken und die Nacht

Und Regen, Grauen und die letzten Schauer —

Jetzt sind nur unermeßlich noch der Schacht

Und meine große Angst auf ihrer Lauer.

DER VERURTEILTE

Am Morgen kam seine Mutter.

Sie saß den ganzen Tag bei ihm.

Er kniete an ihrem Schoß,

Weinte in ihr zärtliches Kleid,

Lachte in ihre küssenden Hände,

Und weinte;

Hätte den ganzen Körper

In sie hineinweinen mögen.

Sie war ihm so hell wie ein einziger Stern.

Sie sprach: Mein Kind,

Mein liebes Kind.

DER GEKERKERTE

Die tiefe Mauer, die mich starr umstellt,

Ist wie das Grab der Gräber. Hartes Stein-

Gebilde ist der Mensch; mir gönnt die Welt

Auch nicht das kleinste Tröpfchen Sonnenschein.

Es beugt sich niemand, mir in meinem Kerker

Die dunkle Stirne himmelhell zu küssen.

Und meine Wünsche werden immer stärker,

Wenn sie so langen Tod erleben müssen.

Und manchmal träume ich von einer Rache,

Nach der dann wie verglast die Hände langen —

Doch wenn ich zuckend wieder bald erwache,

Bin ich umengt von Mauern wie von Schlangen.

NAPOLEON

Himmel! Sinke den Augen!

Ich bin zwar blind und überdeckt,

Doch noch nicht blind genug in meinem Haupt:

Mein Blick will Menschen saugen,

Hat Tausende hingestreckt.

Was ich dem Trieb verbiete,

Hat sich mein Trieb erlaubt.

Wer trug die Kraft in mein Gehirn?

Wer gab mir Macht und Können schwerer Schlacht?

Wer die Idee? — Ich schlage mir die Stirn;

Ich will nicht Krieg und Mord,

Nicht Krieg, nicht Krieg,

Nicht Mord!

Ich sehne den Sieg!

In meiner Stirn ist ein Adler, ein Geier,

Rasend mit den Flügeln vor Ungeduld!

Schweige, Tier! Ich fühl’ es wie Schuld:

Über der Vernunft ist ein Schleier.

Ich bin von der eigenen Kraft zerrissen.

Völker, Volk, Frankreich,

Ihr seid in meinem Blut;

Ich blute mit euch,

Mit dem Reich;

Ich opfere, zum Ruhme gesandt,

Euch das heiligste Gut,

Mein Gewissen.

JUNGER SOLDAT

Schon heult die Nacht. Die Schlacht brüllt auf und brennt.

Bald sind auch wir nur Fetzen.

Noch in Reserve unser Regiment.

Wir warten entseelt in Entsetzen.

Brach wirklich hin, was kaum noch blühend sang?

Für wessen Habsucht-Rachen?

O Gott! Warum der viehisch rohe Zwang,

Totschlag und Qual und Nieerwachen!

Wer ist mein wahrer Feind? Ich wurde Knecht

Nur durch den eignen Staat.

Sind aber Ruhmgier, Raubgelüst im Recht?

Jung sink’ ich hin, jung ohne Tat.

Mai, Juni, Juli, Monate der Blumen,

Werd’ ich euch wiedersehn?

April ist jetzt. Heut’ soll noch in den Krumen

Der Erde all mein Herz zergehn.

Ward die Geduld der Jugend und Gefahr

So hinterrücks belauert?

Muß Strafe sein, wo keine Sünde war,

Wo nur ein früh Sichsehnen schauert?

Liebst du mich nicht, Macht meines Vaterlands,

Daß du mich niedertrittst?

Nur um der Feldherrn willen und des Stands,

Der eitel waltet und besitzt.

Sind nicht auch wir wie ihr ein Heimatgut,

Wohl wert auch, daß es bleibt?

Verachtet ihr uns so und unser Blut,

Daß ihr uns auf die Schlachtbank treibt?

O Heimatland, das liebste, das ich wüßte,

Des Lebens tiefster Lohn,

Entweichst du mir? der dich geküßt so küßte

Wie nur dein innigst junger Sohn.

Du Freundeland, Land heißer Jugendbriefe,

Zu Tränen reißt du hin,

Du singst die Sprache meiner trunknen Tiefe: —

Und du erfüllst nicht ihren Sinn.

Kehr’ ich noch heim? Und wie? Zerschlagen, krumm,

Ein Krüppel, blind — ganz blind?

Hier ist kein Aufschrei mehr, nur kalt und stumm

Ist Schutt und Dunst und Todeswind.

Muß wirklich so die Pflicht erniedrigt werden,

Um fremden Glanz zu gründen?

Ist denn die Sonne nicht genug auf Erden?

— Oder war ich voller Sünden?

Ich darf nicht länger von mir selber wissen,

Schon hör’ ich das Signal.

Ich muß, muß, muß, und kann nur immer müssen,

Und selbst zum Mut bleibt keine Wahl.

So zieh ich fort, erloschen und verloren.

Wohin? Nirgendwohin.

Das Ewige ist tot. Ich ward geboren

Für meinen Mord und toten Sinn.

Lebt wohl! Ich will nicht allzu feindlich scheiden —

Daß nicht zum Fluch noch werde,

Was eine Jugend war voll milder Leiden.

Lebt wohl! Ach! Mutter, Brüder, Erde.

DER KRIEGSBLINDE

Nicht mehr die Lust

Des Taumelns im Getriebe;

Nicht mehr voll Macht die Brust,

Voll Ruhm und allgeliebter Liebe;

Nicht mehr das Singen, Stürmen in den Himmel,

In wilder Wiesen blühendem Gewimmel,

In der Gebüsche grün verschlungnem Blühn;

Nie jubelnd mehr das weite Land durchziehn;

Zu nichts mehr als zum Erdbekriechen taugen;

Nie mehr die Düfte einer Welt einsaugen:

— Verloren irgendwo auf dürrem Pfad

Steht der Soldat

Mit den zerschossnen Augen.

Er geht und macht nach jedem Schritte Halt.

Was soll er gehn?

Die Welt ist dumpf, ungütig kalt

Wie schweres Winterwehn.

Geräusche hört er hohl vorüberrauschen;

Sein Hirn erstickt im Denken an ein Glück.

Er will mit seinem Kopf der Sonne lauschen: —

Der Alte Wahnsinn krallt ihn im Genick.

Er weint in seinen Leib.

O süßes Weib,

Mit Blumen, Blüten, Kränzen im Haar,

Mit Tanz und Spiel,

Umschlingendem Gefühl,

O alles, was im Licht voll Liebe war!

Viel Tausende mit ihm

Zerschlug die Schlacht und ließ sie leben.

Sie waren jung, in frohem Ungestüm,

Voll Wille wollten sie die Welt erheben.

Nun schleppen sie den Leib wie eine Fracht,

Die niemand will,

Erstarrt und still

Von Nacht zu Nacht.

O käme Mord in diesen Qualenschacht!

Ein Gnadenstoß

In das verdammte Menschenlos,

Das ihr zum Vieh-Dasein gemacht.

Mord ist nicht grausam, wäre willkommen jetzt,

Wo ein zerwühltes Nichtsmehrsehn

Die Sinne folternd fetzt!

O käm’ ein unbegrenztes Untergehn!

ERBLINDUNG

Nie faßt ihr sehend Seligen den Trug

Und Jammer, den die Blindheit birgt;

Daß, seit mich die Erblindung niederschlug,

Ein Heulschrei immer meine Kehle würgt.

Seht her, wie wild verfiebert ich noch schwitze,

Da ich vom Sonnenuntergang geträumt.

Sah ich’s denn nicht, wie eine goldne Litze

Blaugraue Hügelwellen schön umsäumt?

Ich sah’s und sah es nicht, — und seh es nie.

Es war das Wahnsinnslachen meiner Trauer.

Ich bin im engen Stall der Welt ein Vieh,

Die Luft ist steinig dick wie eine Mauer.

Nacht oder Tag: ist all in eins verjammert,

Da solch ein Leben ohne Leben ist.

Mich hält das tiefste Grauen tief umklammert,

Das langsam sicher meinen Leib zerfrißt.

DIE PHALANX