NACHTGESANG
Falle in des Himmels Nacht,
Glühend in die Schlucht der Straßen,
Schmerzenlichter sind entfacht,
Greller, als Drommeten blasen.
Nirgends, wo ich knieend bliebe;
Gleite über weiche Steine;
Unerlösbar ist die Liebe,
Die ich in der Stadt verweine.
Zückt nur, Lichter, nach dem Müden,
Bis ihr all’ ihn umgebracht!
Ach, mein Sinn weht in den Süden
Mit den Wogen dieser Nacht!
Dort erfüllt den Himmel voll
Ein geliebter Sternenbund,
Küsse träum’ ich tief und toll
Meinem liebebleichen Mund.
Liebste, daß ich sinken werde,
Wußt’ ich, da ich dich nicht fand.
Nach dem Schiffbruch dieser Erde
Spült das Meer mich an den Sand.
Wär’ doch die Umschlingung mein
In den Sternendiademen!
Immer ist das Erdensein
Ein umarmtes Abschiednehmen.
ES WIRD EIN TRAUM
Es wird ein Traum aus dem, was Tag noch war.
O süßer Abend, der die Augen küßt!
O Lichterschmuck, Musik und Harfenhaar!
Verzückte Stadt, die wie ein Weihnachtsbaum beglitzert ist.
Ein Lieben ist im tummelnden Bewegen.
Viel’ Frauen, nackt in Kleidern, ziehn vorbei.
Das Gold der Sterne ist wie goldner Regen.
Die Erde, die ihr Nachtfest fahrend feiert, atmet frei.
Und unsrer schlanken Körper müde Führung
In Straßen, die wie Flüsse nächtlich glänzen,
Ist wie ein Mädchen träumender Berührung
Mit junger Nacht und Glück und Rausch von ferngefühlten Tänzen.
HYMNE
Wenn hoch ein Stern die Tempelnacht beglüht:
Hält nicht die kleinste Hand den Allpokal?
Ist’s nicht ein einziger Strom, der heimwärts zieht
In Grotten leiser Wasser ... traumhaft wie Opal?
Mein Musikant und deiner — alle geigen
Den Linienrausch, der raumlos uns verführt.
So löst sich unser Halten in den Reigen,
Der an die ewige Verzückung rührt.
Schämt euch des Weinens nicht! Ihr seid ja Kinder!
Ein Lächeln ist im Tränenregenbogen.
Vieltausendmal geküßt sind eure Münder
Von Liebsten, blühenden in Welt und Wogen.
DAS HEIMATZIMMER
Nun bin ich wieder heimgekehrt,
Dort draußen war die Angst der Welt;
Hier innen hat sich nichts vermehrt,
Blieb alles ruhig aufgestellt.
Und oben, hör’ ich, spielt man noch Klavier,
Jungsanfte Hände schweben über mir.
Ich bin in meinem treuen Bett,
Will lesen wie vor weiter Zeit.
O liebes Glück! Ein Amulett
Ist jede kleine Einzelheit.
Ganz ferne schlagen Blitze um das Zelt,
Wo Haß und Hast und Schreigelächter gellt.
Hier ist das Glück umfaßt geküßt!
Mein Unruhblut ist liebewach,
Als ob mich jemand küssen müßt’,
Als stellten Menschen tausendfach
Sich in der Liebe meiner Augen dar,
Als sehnt’ ich Küsse für mein wildes Haar!
Oft schien ich lebend eingebaut,
Oft weint’ ich ohne rechten Grund.
Doch dieser Raum ist so vertraut
Wie ein geflüstert tiefer Bund.
In Bett und Gondel fließt der nächtige Schein
Und hüllt die Fahrt des weiten Lebens ein.
Komm, Liebste, in das Nahgefühl
Von Welt und Menschen heller Nacht!
Die Leiber wogen im Gewühl,
Verheißung unerschöpfter Pracht.
O Melodie, die sich in Küssen neigt,
Die süß, in Glück verführend, uns umgeigt!
FRAUEN
Frauen sind das Vertrauen,
Wissende ohne Klügeln,
Wehende Schiffe dahin —
Fahrtverzückt im Erschauen,
Lächelnd in Buchten und Hügeln,
Trächtig von Sein und Sinn.
Küssende Blicke führen
Glück der umarmenden Weite,
Schmiegen sich deinem Mund.
Sehnendes Nahberühren
Glühen sie deiner Seite,
Gotteskindlichen Bund.
Farben, trunken und golden,
Spiegeln sie in den Augen,
Leiten sie deinem Lauf ...
Frauen sind reichende Dolden,
Lassen die Süße dich saugen,
Liebende himmelauf.
Wo ihr Leib der Milde
Breitet Brüste und Hüfte,
Himmelwerden im Schoß:
Da umfaltet Gefilde
Taumelnder Gärten und Lüfte
Unsere Seele groß.
DER HIMMELFLIEGER
Wund von Wundern und jung
Riß dich ein Rausch in die Höhe,
Daß im sausenden Schwung
Jubel und Ruhm bestehe.
Nicht bedürftig der Erde
Schien dein stürmendes Steigen,
Auf die kriechende Herde
Sahst du aus höchsten Gezweigen.
Sangst in die Sternäonen
All, was dein Eigen war,
Lachtest drohender Zonen,
Lähmender Höhengefahr ...
Doch mit einemmal zuckte
Zitternd dein Leib und Blut,
Und die Kehle schluckte
Mühsam nach Luft und Mut.
Und in rasendem Drehen
Fühltest du klemmende Not — —.
Konntest nicht länger bestehen.
Luft ohne Staub ward dein Tod.
In der Leere der Lüfte
Brach die Seele der Glieder.
In die Tiefen der Klüfte,
Tonlos, stürztest du nieder.
MYRTENKIND!
Ich umschlinge deine Hand und zerpresse alles Leiden,
In schmiedenden Küssen den angstwachen Traum,
Daß keine Tage mehr sind und kein Raum
Zwischen uns beiden.
Ich zerküsse deine Lippen, deine Stirn, deinen Blick,
Daß Gärten erblühen und singen. Und die Wonne
Und Schöpfung der Welt kehrt zurück
Zum ersten Morgen der Sonne.
GEDICHT IM MAI
Ich dacht’ es nicht, nie, daß ich so verzücke,
Wo Wiesen blühn wild in ihr eigenes Meer,
Die junge Sonne an Gesträuchen pflücke,
Die Luft, die Lust umarme und die Brücke
Der Erde leicht mich trage überher;
... und Flügel fühlend tausenden Gehäusen,
Der Unruh Linien findend ihre Bahn,
Entring ich mich, unendlich in den Kreisen,
Will Welt, dich, mich und alles an mich reißen,
Musik, wie Glaube glüht, ist aufgetan!
Weinen vertraut, wo so Versunkenheit
Der Landschaft ist —, viel Farben führen, erwidern
Das Leid. Und Strömung, Jubel ist und weit
Geöffnet Flut großer Gemeinsamkeit;
Herr bin ich von Brüdern, Bruder von Brüdern.
So zieht wie über alle Länder mein Blick,
Friede sinnend; tief in die Brust hinein
Atmet der Raum. Nichts bleibt verarmt zurück —
Denn allen ist und alles Unglücks Glück,
Unter der einigen Sonne zu sein.
Oft ging ich dumpf und blind; und hier ist Kunde,
Brausender Dom, Sieg der Sonne, und Segen!
Ich will nicht grübeln, warum. Meinem Munde
Fühl’ ich Küsse entstehn, geweihter Wunde!
Zügle mein Hirn, o Gott, laß mir den Segen!
AN DEN ANDEREN
Du gehst zerschluchtet, Bruder, von tausenden Streiten.
Ich seh dich gehen, blicklos blickend, dunkel schwer.
Du kreisest die Erde, verfolgt vom eignen Begleiten:
Dein entmenschtes Gesicht ist Krampf im begrabenden Meer.
Dein Höhlenleib heult in fleischzerpeitschtem Zucken.
Was du ersehnt, das Viele, einst jung, ist verloren.
Hell wolltest du herrschen, dann wieder dich demutvoll ducken:
So schienst du zum Führen nicht und nicht zum Folgen erkoren.
Härte und Huld, erdstarken Aufstieg, aber auch Milde hast du gesungen,
Gebietenden Geist und frei dennoch die menschenwogende Masse —
Nun im Zerdenken des Ziels, bis das Licht, das dich lockte, in Dunst verklungen,
Läufst du blind und entleibt von sich selbst fluchendem Hasse.
ICH DENKE EINEN FREUND
Schon will der Tag im Zimmer untergehn.
Mein Freund erzählt, in weite Linien blickend,
Von Wandernächten zu erwachten Höh’n,
Zeit überwindend, Räume überbrückend.
Wir gehen aus und treffen in den Straßen
So viele Menschen, die uns nicht verstehn.
Wir wollen nicht in enger Hürde grasen,
Komm, laß uns zu den großen Bäumen gehn.
Ich fahr’ mit dir in den Botanischen Garten —
Doch ist nicht jeder Weg ein Doppelsinn?
Fühl’ ich nicht hinter mir Verlassne warten?
Mein Blut ist Flut in weiten Weltbeginn!
Wir gehen zwischen großen Baumkulissen.
Hoch werden Wolken in die Nacht geschwemmt,
Um uns ist alles willenlos umrissen.
Wir sprechen laut und heiß und ungehemmt.
Ich weiß, daß wir uns alles Dasein gönnen.
Die kleinsten Qualen darf ich dir erwähnen.
Wenn wir am innigsten uns finden können,
Ist das Beisammensein voll Sturm und Tränen.
Den heißen Kopf in kühle Nacht geschmiegt,
Erdenkt ein neuer Mut sein Weltsignal.
Und wo der düsterhafte Druck zerfliegt,
Strahlt eine Weite auf wie ein Choral.
FÜGUNG
Der Abend erst hat meine Kunst gefunden,
Ich war entartet schon in meiner Müh,
Doch plötzlich durft’ ich noch zum Licht gesunden
Am Vollgelingen meiner Melodie.
Da ging ich schnell zu meinem Bruderfreunde,
Der auch in seiner Stube glücklich war,
Gleich mir den ganzen Tag verloren meinte,
Dann aber auch den hohen Sang gebar.
Wir gingen aus, in Straßen still umher —
Es war kein Gehen, eher noch ein Fahren
In Glück. Wir hatten keine Worte mehr,
Die Klänge nur, die fast frohlockend waren.
DUO
Saßen viele Stunden beide
Immer an der Türe Schwelle,
Du in deinem blauen Kleide,
Beide wie an tiefer Quelle.
Hörten stumm und sahen wieder
Immer unsre Gegenbilder,
Waren seliger denn Brüder
Und noch inniger und milder.
Süß bedrückt, um Worte mühend,
Sehnen war und kein Bewegen;
Und wir hätten uns doch glühend
In die Arme sinken mögen.
Doch ich zitterte und fühlte,
Unheil sollte niederbrechen,
Wünsche, die ich mir erzielte,
Wollten mir das Herz durchstechen.
Denn, noch ohne die Berührung,
Sprachst du schon das Abschiedswort;
Und wie außer aller Führung
Schwamm das ganze Leben fort.
DEM ENGEL DER ERDE
Noch rührt’ ich nicht an deine Blütenhände,
Dein Bildnis zieht in flimmernden Gestalten —
Ich aber geh’ die Stube und die Wände
Und kann den Schritt an keiner Stelle halten.
Denn alles ist wie aufwärts ausgegraben;
Wie Schlangen greif’ ich in die Gegenstände
Auf meinem Tisch, und will doch gar nichts haben —
Denn der Gedanke sucht nur deine Hände.
Ihr Liebenden der Welt, wo soll ich hin?
Oh, daß die Jugend noch ein Jubel werde,
Die Mitternacht gekrönt und heller Sinn! —
Wie Muscheln schallt die dumpfe Zaubererde.
Ich glaube, darf ich je die Hände küssen,
Die deine Unschuld so unendlich wahrt:
Da, glaub’ ich, bin ich wie vom Glück zerrissen,
Ein seliges Opfer nach der weiten Fahrt.
ABENDGANG
Des Tages Hirn wird dunkel und verdorben,
Die Häuser blutleer und wie stille Leichen.
Schon ist in mir auch vieles ausgestorben,
Und nichts Bestimmtes will ich mehr erreichen.
O weiche Melodie der Müdigkeit,
Bist du das Gift, das mich so ruhig macht?
Ich geh’, für alle Menschen jetzt bereit,
Mit halb geschlossnen Augen in die Nacht.