Achte Szene

Die Vorigen. Der Brautzug (erscheint im Laufe der Szene). Der Arzt.

Der Arzt

Ei sieh da, meine Reisegefährten! Und Ihr, Ritter Don Quixote de la Mancha. Ein interessanter, belehrender Umgang! Ihr leistet uns wohl Gesellschaft?

Don Quixote

Irre ich nicht, so sehe ich Doktor Allwissend vor mir! Ich bin wohl infolge meiner teuer erkauften Erfahrungen, mit denen ich weder großtun noch Verstecken spielen kann, hinter gar manche Dinge gekommen, aber alles weiß ich denn doch nicht, und wenn die Herren mit ihrer Reise nicht gerade einen bestimmten Zweck verfolgen, so gestatten Sie mir, mich Ihnen anzuschließen.

Der Arzt

Der Zweck unserer Reise ist, den Schlüssel zum Himmelreich, den St. Peter irgendwo verloren hat, zu suchen. Finden wir ihn nicht, so wollen wir uns direkt nach dem Himmel aufmachen!

Don Quixote

Vortrefflich! Wohl habe ich, seitdem ich mich überzeugte, welche Hölle das Leben ist, alle Illusionen in bezug auf einen Himmel auf Erden aufgegeben, will aber dennoch mit —

Der Arzt

Herr Ritter! Euer tiefgewurzelter Unmut über das Leben scheint mir daher zu kommen, daß Euch die Ideale verloren gingen.

Don Quixote

Bums! Da haben wir das Wort wieder! Was ist denn das Ideal? Seht Euch den Schmied da an. Er hat sein Ideal an einer aussätzigen Spinnhausdirne gefunden, deren vornehmste Tugend darin besteht, daß sie nicht leugnet, gelogen zu haben! Ist der Schmied glücklich?

Der Arzt

Wahrscheinlich! Er berauscht sich an seinem Unglück!

Don Quixote

Denkt Euch, wenn er so wirklich glücklich wäre! Denkt Euch, wenn . . . Aber hört, ich glaube, ich werde in der Tat guttun, mich Euch anzuschließen, um nach meinen verlorenen Idealen zu fahnden. Etwas Glück täte mir nur zu not, nachdem ich den ganzen Kehrichthaufen der Jugendideale sich auf dem Boden umherschleppen gesehen habe. Seht Euch nur dieses fette Schwein Romeo an, wie er seinen Knaster raucht und der Braut eines andern die Kur macht. Seht da diesen Blaubart, der sich der moralischen Liga angeschlossen und Lady Macbeth geehelicht hat, die ihrerseits Präsidentin des Vereins zur Abschaffung der Todesstrafe ist. Pfui! Pfui! Pfui! Ich wollte, ich könnte sie alle auf einen Haufen werfen, Teer darüber spritzen und hernach das Ganze in Brand stecken.

Der Arzt

Ihr Schatten, die ich hier ans Licht beschwor,
Gedanken in ein sichtbar Bild zu kleiden,
Hinab mit euch, dahin, woher ihr kamt!
Erzeugt aus trocknen Brunnens sumpf’ger Luft,
Seid Irrwisch wiederum am alten Ort!
Marsch, alle marsch! Macht fort!

(Der Brautzug kehrt in den Brunnen zurück. Der Arzt schlägt den Deckel zu, sperrt ihn ab und wirft den Schlüssel weg. Als zuletzt auch die Liebhaberin hinabsteigt, springt der Schmied auf und will ihr nach, wird aber von dem Arzte zurückgehalten. Die Liebhaberin winkt dem Schmied ein Lebewohl zu. Irrlichter erscheinen hierauf oberhalb des Brunnendeckels.)

Der Schmied

Sie ging, und ich, ich darf nicht mit!

Der Arzt

Ihr seht Euch wieder! Stör, nicht meinen Plan!

Der Schmied

Ich armer Mann! Was soll nun aus mir werden?

Der Arzt

Sag, selbst! Ich laß dir freie Wahl!
Was wärst du gern?

Schmied

Was gern ich wär?
Was bin ich? O! Ich fühle mich so alt,
So böse, seit des Lebens holder Trug
Mir ward geraubt!
Mir ist, als wandelt’ ich auf Modergrund.
Man fürchtet mit den Beinen einzusinken
Und dazusitzen, wie der Fuchs im Eisen.
Ach! Wie’s des Lebens mich, der Menschen ekelt!
Je mehr man lernt, je weniger man glaubt,
Und wer am meisten meint zu wissen,
Weiß nichts! Ja, dieses kaum!
Ah, daß ein Ries’ ich wär, die Alpen tragend
Auf meinem breiten Schulterblatt,
Ich wollt’ mich bücken und die ganze Last
Zur Erde wälzen, daß sie flög’ in Trümmer!
Groß will ich sein und stark, der Allerstärkste,
Das Universum mit dem Fuß zertreten,
Auf daß beim Schreiten der Vergänglichkeit
Mit Stolz mich der Gedanke schwellte,
Allein zu fallen von der eignen Hand,
Wenn all die anderen von fremder fielen!

Der Arzt

Mich dünkt der Wunsch so deutlich vorgetragen,
Daß nicht daran zu zweifeln ist! Wohlan!
Magst Riese sein, die alte Erd’ erschüttern!
Nur gib hübsch acht, wie du den Kreisel peitschst,
Daß er dir laufe, ohne anzuprallen!
Hinweg nun, marsch!

(Hinausrufend) Laßt Eure Künste spielen!

(Verwandlung.)

Dritter Akt

(Rechts die von Laub und Blumen umrankte Veranda des Pfarrhofgebäudes. In der Mitte des Hofes eine Linde. Darunter ein Tisch. Zur Linken ein jäher Abhang, über den sich der Hoberg-Alte erhebt, ein Pfad schlingt sich am Fuße des Bergriesen hin. Im Hintergrunde sieht man das Tal mit einem See, an dem die Dorfkirche liegt.)