Siebente Szene
St. Peter. Don Quixote. Der Schmied. Die Liebhaberin. Sancho.
St. Peter
Verzeiht, Ritter, aber Ihr scheint mir ein Mann zu sein, dem das Beste abhanden gekommen.
Don Quixote
Wieso? Was sollte mir abhanden gekommen sein?
St. Peter
Das Ideal, Ritter!
Das Ideal! In welchem Kapitel und welchem Vers der Heiligen Schrift kommt das Wort Ideal denn eigentlich vor?
St. Peter (sinnt nach)
Don Quixote
Spekuliert bis zum Anbruch des Jüngsten Tages, Ihr kriegt es doch nicht heraus, denn es steht einfach nicht drin. Meint Ihr vielleicht die Illusionen? Was die sind, weiß ich!
St. Peter
Nun, was sind sie?
Don Quixote
Windmühlen, Schankmädchen, Stechbecken — —
St. Peter
Wartet ein wenig! — Seht Euch diesen Mann hier an!
Don Quixote
Nun! Er sieht in diesem Augenblicke dümmer aus als selbst Othello, der sich von Desdemona hintergehen ließ. Wer ist dieses Frauenzimmer da?
St. Peter
Seine Braut!
Don Quixote
Schön! Weshalb heiraten sie sich nicht?
Wird schon kommen! Wird schon kommen! Seht, sie ist krank, mit Aussatz behaftet, aber er liebt sie dennoch.
Don Quixote
Da ist er ja verrückt, der Mensch. Schickt ihn aufs Beobachtungszimmer und sie ins Spital.
St. Peter
Nein, Ritter! Seht, dies ist die Liebe!
Don Quixote
Verschiedene Namen für das gleiche Ding. Muß mir das Weibsbild doch mal ansehn! (Reißt ihr den Schleier weg) Ha! (Zum Schmied) Und die willst du heiraten?
Der Schmied
So wahr ich lebe und sie mich würdigt, mir ihre Hand zu reichen.
Don Quixote
Das mußt du nochmals sagen.
Der Schmied
Auf Ehre und Gewissen!
Don Quixote
Daß sie aussätzig ist, das siehst du selbst. Daß sie aber eine liederliche Dirne ist, die im Spinnhause saß, das sollst du nun von mir erfahren.
Das lügst du!
Don Quixote
Komm ins Freie und fechten wir’s aus!
Die Liebhaberin
Opfert nicht euer Leben für ein Wesen wie mich. Vergreift euch nicht aneinander!
Der Schmied
Ist es wahr, was der Mann da sagt? Ist das wahr?
Die Liebhaberin
Es ist wahr!
Der Schmied
O, Herr, steh mir bei! Du logst also, als du dich unbemakelt nanntest?
Die Liebhaberin
Ich log!
Don Quixote
Eine aussätzige, lügnerische Dirne. — Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht trennen!
Der Schmied
So lüg’ doch nochmals, Weib! Lüg’ in des Himmels Namen noch einmal: sag’ daß jetzt du logst!
Die Liebhaberin
Ich vermag nicht mehr zu lügen, seit ich mich von der Unendlichkeit deiner Liebe überzeugte.
Ich glaube dir — und folge dir!
Mit einem Herzen wund und weh,
Gleich deinen Zügen, jüngst so hold!
Ob du nun siech, ich bin es auch,
Vergingst du dich, so fehlte ich.
Dein Joch ich trage, fluch ihm nicht,
Nein, segne es, denn Liebesschmerz
Er überdauert Liebeslust,
Und ich, ich will dich lieben ewiglich!
St. Peter
Was sagt Ihr nun, Herr Ritter?
Don Quixote
’s ist zum Teufel holen.
St. Peter
Das ist die wahre Liebe.
Don Quixote
Es ist zum Teufel holen!
St. Peter
Habt Ihr je so etwas gesehen?
Don Quixote
Es ist rein zum Teufel holen!
St. Peter
Na, aber so flucht doch nicht!
Sancho, führ’ mir mein Roß vor.
Sancho (kommt mit dem Roß)
Herr Ritter!
Don Quixote
Hast du den Hafer bezahlt?
Sancho
Alles in Ordnung, Ritter!
Don Quixote
Wieviel hast du dabei gestohlen? Mach dir nur keine Illusionen darüber, mich betrügen zu können!
Sancho
Was wäre das Leben ohne Illusionen, Herr!
Don Quixote
Was soll das nun heißen! Hast du deinen praktischen Blick verloren, du, der sich früher so geschickt aus den vielen Verdrießlichkeiten zu retten wußte, während ich in der Patsche stecken blieb?
Sancho
Da Ihr mir auf unseren bekannten Irrfahrten so oft die Peitsche gabt, weil mir die Flügel — Ihr wisset ja, die Flügel fehlten, bewirkte dieses Peitschen endlich, daß sie mir wuchsen! So will ich denn auch, so schmerzlich und unklug es sein mag, die Wahrheit zu sprechen, nicht verfehlen, Eure Lehren zu beherzigen und — Illusionen zu nähren.
Was der Teufel!
Sancho
Ritter! Ich kann nicht leugnen, daß meine niedre Herkunft, mein Stand, um nicht zu sagen, meine beschränkten Verhältnisse, mich zuweilen in die peinliche Lage versetzten, unter den Mißlichkeiten des Lebens empfindlicher zu leiden, als bei der Natur der Dinge eigentlich der Fall zu sein brauchte.
Don Quixote
Faß dich kürzer!
Sancho
Und — so — fand ich es rätlich, gleichsam — wie sag’ ich nur — das fehlende Ende anzustücken.
Don Quixote (zieht ihn am Ohr)
Sancho
Ritter, so ausgemacht ist das nicht, daß es nicht auch Euch einmal passieren kann, ein Pferd satteln zu müssen, vielleicht gar das meine!
Don Quixote
Was sagst du?
Sancho
Und ich damit in die Lage käme, Euch durchzuprügeln: Ja!
Sancho! Du redest wahr! — Alles ist möglich, und ich könnte mich durch eine Verkettung von Umständen — wenn du, was ja möglich ist, ein junges, reiches Mädchen in Illusionen zu wiegen vermöchtest — ist doch die Macht der Illusion groß — in die Lage versetzt sehen, dein Pferd satteln zu müssen. Allein deinen Hafer stehlen, so etwas, siehst du, würde ich nie und nimmermehr tun!
Sancho
Was, Sie würden nie meinen Hafer stehlen? Welch irrer Traum!
Don Quixote
Ach, ich habe Schlangen an meinem Busen gezüchtet. Sancho, laß uns Freunde sein!
Sancho
Freunde! Freundschaft! Mir scheint, meiner Seele, Eure alten Illusionen wandeln Euch wieder an.