Dritte Szene
Die Vorigen. Der Däumling (in Siebenmeilenstiefeln, hinter ihm) Aschenbrödel (in einem Schuh von einer Ratte gefahren).
Däumling
Nein! König bin ich!
Dritter Zwerg
Wer bist du?
Ich bin der Däumling, und hier ist meine Königin Aschenbrödel.
Dritter Zwerg
Mit welchem Rechte, wenn ich fragen darf, erlaubt Ihr Euch Ansprüche auf den erledigten Thron zu erheben?
Däumling
Mit dem Recht, daß ich der Kleinste unter den Kleinen bin, und wer sich erniedrigt, der soll erhöht werden. Und meine Königin hat bekanntlich den kleinsten Fuß der Welt!
Dritter Zwerg
Für eine Königin kann diese Eigenschaft eine Empfehlung sein, aber von einem König fordert man selbst bei den Kleinen denn doch noch etwas anderes, als daß er klein sei! Mein Herr! Haben Sie die Güte und stellen Sie sich in Socken.
Däumling
In Hemdärmeln meinen Sie wohl!
Dritter Zwerg
Nein, ich meine in Socken. Denn ich schlage mich niemals mit einer Person in Siebenmeilenstiefeln.
Nicht sich schlagen! Nicht sich schlagen! Ihr dürft es nicht!
Däumling (zieht die Stiefel aus)
Ein Rittersmann schlägt sich alle Zeit und überlegt nicht lange, meine Königin!
Aschenbrödel
Oh! mir schwindelt! Ich werde ohnmächtig! Zu Hilfe!
Däumling (bemüht sich um sie)
Dritter Zwerg (zieht die Siebenmeilenstiefel an)
Nun aber schlage ich mich nicht, Herr Winzig!
Däumling
O, der kleine hinterlistige Spitzbub! Der kleine falsche Diebskerl! (Weint und beißt sich in den Daumen.)
Dritter Zwerg
Huldigt mir nun, Gesindel! Solch einen König habt ihr bis jetzt noch nicht gehabt. Marsch! Sonst lasse ich euch alle miteinander die Köpfe abschlagen.
(Allgemeines Geschrei, Schlägerei. Neuer Steinregen vom Berge. Däumling und Aschenbrödel fallen tot um.)
Vierte Szene
Die Vorigen. Sankt Peter.
Dritter Zwerg
Hier riecht’s nach Christenblut!
(Alle verschwinden, St. Peter setzt sich unter die Linde.)
Der Hoberg-Alte
Bist du da, St. Peter?
St. Peter
Die Stimme ist des Schmiedes Stimme, aber . . . Ja, ich bin hier . . . Wo bist du?
Der Hoberg-Alte
Hier oben!
St. Peter (erblickt den Hoberg-Alten)
So groß bist du geworden, Schmied!
Der Hoberg-Alte
Das will ich glauben! Wie geht’s denn dir aber, alter Petrus?
St. Peter
Ich weiß nicht, ob ich recht habe, aber mit dem Wissen dieses Dr. Allwissend scheint es mir durchaus nicht so weit her zu sein, als er uns weismachen wollte. Wie mich dünkt, führt er uns auf Irrwege.
Ja, das ist auch meine Meinung! Und wenn ich aufrichtig sprechen soll, habe ich Lust, mich von ihm loszureißen.
St. Peter
Ich glaube, er ist der Böse selber. Du aber, der du so groß und stark geworden bist, könntest ihm doch den Garaus machen.
Der Hoberg-Alte
Lock’ ihn nur in Niesweite, so werde ich Steine auf ihn regnen lassen.
St. Peter (bemerkt Aschenbrödel und den Däumling auf der Erde)
Was ist denn das? — Mir scheint gar, das ist der Däumling! (Er packt ihn heim Knie.) Wer hat ihn getötet?
Der Hoberg-Alte
Das hab’ ich getan!
St. Peter
Wie, du schlägst die Kleinen, du großes Ungeheuer?
Der Hoberg-Alte
Ja, wenn sie meine Stellung als Riese untergraben wollen.
Wer einen dieser Kleinen ärgert . . .
Der Hoberg-Alte
Sie haben ja mich geärgert! Aber du bist von jeher der Kleinen Freund!
St. Peter
Und hier ist das kleine Aschenbrödel!
Der Hoberg-Alte
Deren größter Vorzug ihr kleiner Fuß war.
St. Peter
Und diese Armen hattest du das Herz zu töten! Oh!
Der Hoberg-Alte
Sonst hätten sie mich getötet! Und Notwehr ist erlaubt! Übrigens hättest du sehen sollen, wie sie zankten und rauften, einander betrogen und sich balgten, ganz wie die großen Menschen. Glaubst du, sie hätten soviel Pietät gehabt, ihre Trauer zu bezeugen, als der Zwergenkönig totgeschlagen war? Bewahre. — Sie gerieten sich sofort wegen der Krone in die Haare und ließen die Leiche liegen. Wahr dich vor den Zwergen, sie beherrschen die Welt. Im Innern der Berge verbringen sie ihre Zeit damit, nach Gold zu schürfen, für das die Menschenkinder Glauben und Seele verkaufen, um Schwerter zu schmieden, mit denen die Menschenkinder einander umbringen.
Das ist nur Verleumdung! Und könnte ich diese Kleinen zum Leben erwecken, so würdest du sie gleich dankbaren Kindern mir auf meiner langen Wanderung folgen sehen.
Däumling (erwacht)
Guten Morgen, Großpapa!
St. Peter
Nein, sieh, er lebt! — Und ich, der ich glaubte, die Zeit der Wunder wäre vorbei! — Wie kam das, du kleines Wechselbaby?
Däumling
Ah, ich stellte mich nur tot, um den Zwergen und ihren Prügeln zu entwischen.
St. Peter
Fliehen ist des Fechtens bessrer Teil! — Ja, du warst allezeit ein kleiner schlauer Teufelskerl! Na, was ist denn mit dem kleinen Aschenbrödel? —
(Der Däumling geht herum, findet St. Peters Fisch, den dieser auf den Tisch gelegt hat, nimmt ihn und steckt ihn ein.)
Aschenbrödel (erwachend)
O, ich bin nur in Ohnmacht gefallen, wie’s mich meine Stiefmutter lehrte. Sonst hätte sich Däumling geschlagen.
So klein und so klug! Ach, wieviel Raum ist nicht in einem so kleinen Hühnerhirn, du großer Riese droben!
Der Hoberg-Alte
Und wieviel Raum, glaubst du, ist in Däumlings Brusttasche?
St. Peter
Was sagst du da oben?
(Aschenbrödel schleicht sich zum Tisch und packt St. Peters Brille, die er weggelegt hat.)
Der Hoberg-Alte
Ja, ich mag’s nicht noch einmal sagen; aber wenn vier Augen mehr sehen als zwei, so siehst du nicht über deine Nasenspitze hinaus.
St. Peter
Das ist gewiß sehr tiefsinnig! — Da muß ich erst darüber nachdenken! . . . Laß mich sehen . . . Wo ist denn meine Brille?
(Er sucht. Däumling und Aschenbrödel schleichen links hinaus.)
St. Peter
Und mein Symbol! Wo ist mein Symbol!
Meinst du den Fisch, der denselben Weg wie die Brille nahm? So, jetzt hast du noch ein klein wenig mehr zu tun, St. Peter; und nun du auch die Brille nicht mehr hast, wirst du niemals der Schlüssel zum Himmelreich habhaft werden.
St. Peter
Ja, aber ich habe sie doch hier auf den Tisch gelegt!
Der Hoberg-Alte
Ja, aber der Däumling hat sie in seine Brusttasche gesteckt.
St. Peter
Ach, der Schelm! — Meiner Seel, ich werd’ ihm . . .
Der Hoberg-Alte
Was wirst du?
St. Peter
Ich werd’ ihm eine Tracht Prügel zukommen lassen — das werd’ ich! (Petrus wendet sich zum Gehen.)
Der Hoberg-Alte
Einem von diesen Kleinen? Pfui, Petrus! — Bleib doch! — Geh nicht von mir . . . und leiste mir Gesellschaft.
Ich weiß nicht! Aber mir ist hier nicht recht geheuer!
Der Hoberg-Alte
Ach, ich bin so einsam und brauche Freundschaft!
St. Peter
Freundschaft kann nur zwischen Personen von einigermaßen gleicher — Korpulenz bestehen. — Du bist zu groß für mich, Schmied! — Viel zu groß! —
Der Hoberg-Alte
Und der Däumling zu klein! — Wie groß soll man denn in deiner Gesellschaft sein? —
St. Peter
Na, ungefähr wie ich!
Der Hoberg-Alte
Demokrat!
St. Peter
Despot! — Adieu! — (Links ab.)
Fünfte Szene
Der Hoberg-Alte. Der Pastor. Die Pastorin. Der Sohn. Die Schwiegertochter. Die Enkelin und deren Bräutigam. Zweite Enkelin (acht Jahre alt).
(Sie kommen zu zwei und zwei die Veranda herab. Erstes Paar Arm in Arm. Zweites Paar die Arme um den Leib geschlungen. Drittes Paar Hand in Hand. Das Kind folgt dem zweiten Paare.)
Pastor
Ein schöner Abend! — Und nach schönem Tag!
Habt Dank, ihr meine Kinder, Kindeskinder!
Der Jahre achtzig füllte heut der Greis,
Nun neiget sich dem Abend zu sein Leben.
Habt Dank, daß wolkenlos die Rüste ihr gestaltet,
Ihr alle, die ihr meine Welt gewesen.
Denn nie verließ ich noch dies stille Tal.
So recht mein Leben erst den Anfang nahm,
Als hier ich mit der Frau das Heim uns baute.
Ich weiß nicht, wie es kommt, doch dieser Abend
Ruft das Vergangne neu mir ins Gedächtnis.
Kind (erschrocken)
Großvater, sieh, der Hoberg-Alte rührt sich!
Pastor
Du siehst Gespenster, Kind! — Der Berg ist’s,
Und der hat sich noch nie gerührt!
Es geht vom Hoberg-Alten eine Sage,
Ein Märchen, weißt du, Kind, daß er ein Riese,
Der einst verhext von einem Bischof ward,
Und eher nicht Erlösung finden kann,
Bis er sich eines Weibes Lieb erringt! —
Sei also nur getrost, mein Enkelkind,
Der Hoberg-Alte sitzt noch lange still.
Sohn
Nein, Vater, das ist gar noch nicht so sicher;
Hier spricht man schon von einem Schienenweg,
Den mitten durch den Berg man ziehen will.
Pastor
Sieh, das ist mehr, als ich gewußt — — —
Das freut mich und betrübt mich auch,
Denn teuer war mir dieses Tal,
So still und einfach, fern vom Weltgetriebe . . .
Kind
Sieh nur, nun schüttelt sich die Linde,
Großvater, und doch bläst kein Wind.
Pastor
Er bläst gewiß dort oben in der Krone,
Ob wir’s hier unten auch nicht fühlen, Kind.
Bräutigam (zur Braut)
Vielleicht, daß sich vor Schmerz die Linde schüttelt,
Weil morgens in die Rinde wir den Namen ritzten.
Braut
Vor Schmerz sah ich sie weinen, und wie sollte
Denn sie nicht leiden, während wir genießen,
Ist unser Glück doch stets auf andrer Schmerz gebaut.
Sie blühte diesmal reich, die alte Linde,
Da wird’s viel Honig geben in den Körben.
Schwiegertochter
Du denkst doch stets an deinen Haushalt, alte Mutter.
Pastorin
Wer, glaubst du, sollte sonst wohl daran denken?
Man ritzt nicht mehr den Namen in die Linde,
Hat man die siebzig hinter sich.
Großmutter pflückt da lieber Blüten
Und trocknet sie, um Tee zu haben,
Wenn an dem Sarg der Husten hobelt.
Kind
Großvater, komm, bevor das Dunkel fällt;
Sobald die Sonne sinkt, wird mir so bang.
Pastor
Recht gern! Und laßt uns nun zur Kirche gehn.
Hab’ in der Sakristei noch manches zu besorgen,
Für morgen, für den Gottesdienst! So kommt!
(Der Pastor und seine Gattin rechts ab.)
Schwiegertochter (zum Sohn)
Wie schön ist Eintracht bei Verwandten!
Ich sah noch nie bei andern solche Liebe;
Gesegnet preis’ den Tag ich, da ich hierher kam
Und eingefügt durch dich in diese Kette ward!
Die erste Frau, die nicht die Kette drückt!
Schwiegertochter
Du Schelm du! Gib mir einen Kuß, im Ernst!
(Sie gehen.)
Bräutigam
Mein Jugendglaube nicht zu Schanden ward:
Das Glück wohnt nicht im hohen Marmorsaale.
Ich strebt nach Lammes-, nicht nach Wolfesart
Und such’ die Unschuld in dem stillen Tale.
(Die Eule schreit.)
Braut
Oh, die abscheuliche Eule!
(Sie gehen.)