Sechste Szene

Der Hoberg-Alte. Don Quixote (ohne Pferd).

Don Quixote (nimmt den Helm ab und trocknet sich die Stirn)

Der Hoberg-Alte

Heda, alter Ritter!

Don Quixote

Ist das der Schmied? — der ein Riese geworden ist?

Der Hoberg-Alte

Und das ein richtiger, ohne Windmühlenflügeln an den Schultern.

Don Quixote

Ei, still davon!

Der Hoberg-Alte

Bist du verdrießlich, Ritter?

Don Quixote

Ja, sehr.

Der Hoberg-Alte

Wie kommt das? Und wo hast du deine Stute gelassen?

Don Quixote

Sprich nicht von ihr! (Erhebt sich) Weißt du, wie es um einen Menschen steht, der nicht essen kann?

Der Hoberg-Alte

Der Arme hat wohl kein Geld, sich Essen zu schaffen!

Don Quixote

Possen! — Hast du einen Begriff, wie das einen Menschen hernimmt, nicht schlafen zu können?

Der Hoberg-Alte

Vielleicht hat er zu tief in den Tag hinein geschlafen.

Don Quixote

Possen! — Welche niedere Auffassung!

Der Hoberg-Alte

Mir scheint, der Herr Ritter beginnen wieder in höheren Regionen zu schweben. Wie kommt das?

Don Quixote

Weißt du, warum ich meine Stute verkaufte?

Der Hoberg-Alte

Geldmangel!

Don Quixote

Materialist! Geld! Ha! Was ist lumpiges Gold gegen — das Goldhaar eines Weibes —

Der Hoberg-Alte

Haha! So habt Ihr Euch verliebt, Ritter?

Don Quixote

Sprich nicht in so niedern Ausdrücken von einer so hohen Sache! — Ich liebe!

Der Hoberg-Alte

Gott in deinem Reich! Ja, ja! Hat man Silber im Haar, möchte man Gold haben!

Don Quixote

Ich liebe! Liebe rein, unschuldig, uneigennützig und — absolut monogam.

Der Hoberg-Alte

Das heißt, er möchte der einzige sein.

Don Quixote

Pfui, schäme dich, Schmied, Riese, oder wie du dich sonst zu nennen beliebst!

Der Hoberg-Alte

Und wird die heilige Flamme erwidert — uneigennützig — absolut monogam?

Don Quixote

Ja, siehst du, das weiß ich nicht! Aber darin besteht gerade der Zauber.

Der Hoberg-Alte

Oder der Reiz. Und Rosinante?

Don Quixote

Das Ziel meiner Wünsche vertrug den Stallgeruch nicht, und demzufolge —

Der Hoberg-Alte

Wie sieht es denn aus, dieses Ziel Eurer Wünsche, oder richtiger Eures Begehrens?

Don Quixote

Ich habe die Angebetete nie gesehen! Doch ich hörte sie, hörte sie sogar auch beschreiben.

Der Hoberg-Alte

Ist sie schön?

Don Quixote

Was kümmert das dich?

Der Hoberg-Alte

Ich finde, daß Ihr Euch in sehr ungeziemender Weise ausdrückt, Ritter, und ist’s Euch gefällig, so brechen wir eine Lanze miteinander.

Don Quixote

Es gab allerdings eine Zeit, da ich mich mit Riesen schlug, darüber bin ich jedoch nunmehr hinaus, und hast du nichts dagegen, so scheiden sich unsere Wege.

Der Hoberg-Alte

Ihr weigert Euch also, mir Genugtuung zu geben?

Don Quixote

Ja, ich will überhaupt nichts mit dir zu schaffen haben. Du bist mir zu groß! Leb wohl! — Sancho!

Siebente Szene

Die Vorigen. Sancho Pansa.

Der Hoberg-Alte

Also auch ihm bin ich zu groß!

Don Quixote

Wieviel hast du für die Stute bekommen?

Sancho

Sechsunddreißig Taler, gestrenger Herr!

Don Quixote

Her damit!

Sancho (sucht in seinen Taschen)

Don Quixote

Du hast sie vertan!

Sancho

Ich habe sie deponiert.

Don Quixote

Her denn mit dem Depositenschein.

Sancho (sucht in den Taschen)

Don Quixote

Du hast nie einen besessen. Ja, du bist ein schlechter Mensch, aber bei allen deinen Gaunereien steckt eine gewisse Ehrlichkeit in dir, die ich zu schätzen weiß, weshalb ich dir denn, wie nicht minder in Anbetracht meiner Liebe, verzeihen will. Folge mir nun, und wandern wir weiter. Doch hinaus aus dem engen Tal, hinauf auf die Höhen, Sancho! Auf die Höhen!

Sancho

Ach, also wieder auf die Höhen! Und dann wird es wieder ins Tal hinunter heißen?

Don Quixote

Alle Vorwärtsbewegung geht der Welle gleich, erst hinauf, dann hinab, und nur durch Veränderung läßt sich ein fester Halt gewinnen, sagt der weise Konfuzius.

Sancho

Gewiß, ein verteufelt kluger Mann! Allein, obgleich ich mich stets in Krümmungen bewegte, habe ich den festen Halt im Leben immer noch nicht finden können.

Don Quixote

Vorwärts, Sancho, vorwärts!

Sancho

So schwanken wir denn in Gottes Namen weiter! — Gehen Euer Gnaden gefälligst voran. (Sie gehen.)

Achte Szene

Der Hoberg-Alte. Dann Die Liebhaberin.

Der Hoberg-Alte

Wie gräßlich hier zu sitzen und so groß zu sein,
Da niemand Umgang pflegen will mit Recken.
Das können auch die Ammen, Kinder schrecken,
Und schließlich glaubt an Riesen weder Groß noch Klein.

(Die Liebhaberin tritt auf.)

Haha! Da kommt mit frecher Stirne,
Die jüngst so schmählich mir entrann.
Nun will ich imponieren dieser Dirne,
Und augenblicks ist sie mir untertan! —

Hörst meine Schöne, die im Tal du wandelst:
Ich bin der Größte, den’s auf Erden gibt.
Willst mein du sein, so trägst du goldne Krone
Und sitzt im Bergessaal auf meinem Throne.

Die Liebhaberin

Nicht paßt für meine Stirn die Krone, Riese,
Und auch dein Bergschloß ist zu groß für mich!

Der Hoberg-Alte

Ha, du bist stolz, du kleine Schlange,
Verschmähst den Riesen, weil er häßlich ist.

Die Liebhaberin

Das nicht, doch weil du auf das pochst,
Was andre sich gleich einer Gunst erbetteln.

Der Hoberg-Alte

Ich bettle nie, das ist mein Stolz,
Und ford’re ich, so geb’ ich voll zurück.

Die Liebhaberin

Was könntest du mir geben, die nichts sich wünscht,
Da Liebe unter deinen Schätzen fehlt?

Der Hoberg-Alte

So fahr’ zur Hölle, störrisch Weib,
Das einst ich aus dem Schmutze zog.
Ich seh’ nun, wie in schönem Leib
Ein fauler Kern mich gleißend trog!
Mag Liebe denn in Haß sich wenden,
Und mag die Sage nun mit grausem Schrecken enden!

(Starkes Getöse. Felsen stürzen herab und verschütten die Kirche, den Pfarrhof und das Tal. Der Hoberg-Alte wird mitten auf die Bühne vorgeschoben, wo er einsam auf den Trümmern sitzt, unter denen die Liebhaberin begraben wird.)