Zweite Szene
Der Schmied allein. Dann Die Liebhaberin.
Der Schmied
Philosophie, bah! Horizont und Archimedes,
Was kümmert’s mich, mag sich die Erde drehen,
Mag sie auf Vieren kriechen!
Die Liebhaberin
Zu Hilfe! Helft mir, edler Herr!
Der Schmied
Was stieß’ Euch zu, mein schönes Fräulein?
Ich bin ein hilflos elend Weib,
Geplündert wurd’ ich eben auf der Straße.
Der Schmied
Von wem? — Wer war es? Sprecht ein Wort,
Und stracks den Arm zu Eurem Schutze,
Wie’s Ehrenmännern ansteht, will ich heben.
Ward Eure Tugend, Eure Sittsamkeit verunehrt,
Laß ich die ganze Räuberbande hängen!
Doch sprecht nur, sagt: Wer seid Ihr?
Und wo geschah’s? Wer ist der freche Täter?
Die Liebhaberin
Seid Ihr der Edelmann, der Ihr mir scheinet,
So fragt mich nicht um meinen Namen.
Der Schmied
Ich fragte nicht, ich stellte bloß in Frage . . .
Die Liebhaberin
In Frage stellet, was Ihr wollt,
Nur glaubt an meine Ehrlichkeit
Und Tugend, an die Schmach, die ich erlitten . . .
Der Schmied
Ich glaub’ daran, wie nur an Eure Schönheit,
Die ich mit meinen offnen Augen sehe,
Wie nie zuvor dergleichen ich erschaut! —
Ich wußt’ es ja: Ihr seid ein edler Mann . . .
Nun denn! mein Vater wollte mich zur Ehe zwingen!
Der Schmied
Ha! Nun versteh’ ich alles! — Ihr;
Ihr liebtet einen andern!
Die Liebhaberin
Nein! — Doch ist das mein Geheimnis.
Ich bitt’ Euch, fragt nicht mehr! Erlaubet nur,
Daß ich mich Eure Schwester nenne
Und unter diesem Namen suche Schutz und Schirm.
Der Schmied
Als Schwester? Herzlich gerne, edles Fräulein,
Wenn Eure Schönheit, Eure edle Art
Nicht allzu tief mich stellt in Schatten
Und dies nicht allzu unwahrscheinlich macht.
Die Liebhaberin
Sprecht nicht von Schönheit, von der meinen gar,
Das Schöne ist nur Schein!
Der Schmied
Ein strahlend heller Schein, der wärmt und leuchtet.
Die Liebhaberin
Ein Irrwisch nur auf Wiesensumpf.
Das ist nicht wahr, kann nimmermehr so sein!
Allein der Güte Widerschein ist Schönheit,
Wenn sie mit solchen Augen redet —
Kein böses Wort von Euren Lippen
Kann ich mir denken! Diese klare Stirn,
Die furchen Zornesfalten nimmer,
Und diese kleine Hand erhebt sich wohl
Zum Handschlag nur und zur Versöhnung —
O wollt Ihr folgen mir, doch nicht als Schwester!
Die Liebhaberin
Wie mancher freite mich und hat sich’s überlegt!
Du kennst mich nicht, du weißt es nicht,
Wie elend und bedrückt ich bin!
Der Schmied
Noch besser! — Gleich und gleich gesellt sich gern!
Die Liebhaberin
Wie krank . . .
Der Schmied
So will ich warten dein!
Die Liebhaberin
Wie böse!
Der Schmied
Nur Kraft verrät es! Eine Tugend mehr!
Wenn ich dich schlag’ und schelte!
Der Schmied
Vertreibt’s mir nur die üble Laune!
Die Liebhaberin
Das deutet wirklich schon auf echte Liebe!
Sag’, kannst du, Mann, ein Weib denn lieben?
Trotz all, und jedem — Nein, rühre mich nicht an!
Sagt, wirst du, wenn verschwunden meine Schönheit
Durch Alter, Krankheit, Gram,
Mich lieben wie zuvor?
Der Schmied
Seit ich ins Auge dir geschaut,
Kann ich dich nimmer, nimmermehr vergessen!
Und auf des Alters Schreckbild würde sich
Erinnerung wie eine Maske legen,
Ob Pest auch ihre schwarzen Zeichen ließe,
Ob Feuer deine weißen Wangen sengte
Und deine Augen aus den Höhlen träten,
Ich säh’ es nicht!
Dein schönes Bild in meinem Herzen blieb,
Das seh ich überall, das hab’ ich lieb!
Die Liebhaberin
Aussätzig bin ich, nun besteh’ die Probe!
(Sie lüftet ihre Maske und läßt ihr vom Aussatz verwüstetes Antlitz sehen)
(anfangs etwas verzagt, faßt sich allmählich)
Ich traure, wie im schneeigen Winter
Man trauert um des Sommers Blumen;
Gram ist der Liebe Schnee,
Und unterm Schnee, da treiben Rosen!
Wie früher lieb’ ich dich,
Nein, wärmer noch!
Ich lieb’ in dir Erinnerung
An das, was ich geliebt! Mein Lieb,
Zum Unterpfand der Liebe küsse mich.
Die Liebhaberin
Rühr’ mich nicht an! Ich trag’ den Tod
Auf meinen Lippen!
Der Schmied
So laß uns beide sterben,
Und nichts mehr kann uns fürder trennen!
Nicht Zank, nicht Zwist, des Lebens Kümmernisse,
Nicht Neid, Verleumdung nicht, wir sterben selig
Der Jugend wunderschönen Tod!
Die Liebhaberin
O Gott, nie hätt’ ich solche Lieb! erträumt!
Der Schmied
Sieh, darum sollst du nicht an Träume glauben!
Dritte Szene
Die Vorigen. St. Peter
(St. Peter, der während dieser ganzen Szene sich ab und zu im Hintergrunde gezeigt und dem Gespräche gelauscht hat, tritt hervor).
St. Peter
Jetzt aber glaub’ ich, daß wir das Himmelreich gefunden haben. Solche Liebe ist sicherlich nur bei Engeln daheim.
Der Schmied
Sieh da, alter Petrus, bist du’s? — Sag, willst du uns zum Altar führen?
St. Peter
O ja, sehr gern, wenn ich nur dürfte!
Der Schmied
Was sollte denn im Wege stehen?
St. Peter
Ich weiß, siehst du, nicht, ob ich ordiniert bin, und übrigens glaube ich, daß man abgesetzt werden kann, wenn man eine — Aussätzige traut.
Der Schmied
Du bist feig, Petrus!
St. Peter
Wenn man das so nennen will, sich an die Gesetze und Verordnungen zu halten.
Vierte Szene
Die Vorigen. Don Quixote (kommt zu Pferde durch das große Tor hereingeritten. Er ist mit der traditionellen Rüstung bekleidet, doch stark beleibt).
Die Liebhaberin
Komm fort von hier, Geliebter, ehe mehr Leute kommen! — Ach, da ist ja dieser abscheuliche Don Quixote. (Sie zieht den Schleier vors Gesicht)
Don Quixote
Guten Tag, liebe Leutchen!
Der Schmied
Wen sucht Ihr, mit Verlaub?
Don Quixote
Ich bin der Ritter Don Quixote de la Mancha, und von Romeo und Julia zu ihrer silbernen Hochzeit im Gasthause: „Zum goldenen Roß“ eingeladen. Bin ich etwa fehlgegangen?
Der Schmied
Das Gasthaus ist allerdings das genannte, ob aber Romeo und Julia hier ihre silberne Hochzeit feiern sollen, darüber kann ich keine Auskunft geben, um so weniger, als ich in den Geschichtenbüchern nirgends eine Andeutung gefunden habe, daß die beiden jungen Leutchen sich bekamen.
Don Quixote (sitzt ab)
In den Geschichtenbüchern! Sprecht mir nur von diesen nicht! Was haben sie nicht alles über mich zusammengelogen! — Komm her, Sancho Pansa! —
Fünfte Szene
Die Vorigen. Sancho Pansa (mager wie ein Jockey, faßt Don Quixotes Pferd am Zügel, um es in den Stall zu führen).
Sancho
Zu Befehl, gestrenger Ritter!
Don Quixote
Führ’ meinen Vollbluter in den Stall und gib ihm Hafer!
Der Schmied
Mir scheint, so mager Sancho Pansa geworden, so fett ist jetzt Rosinante.
Don Quixote
Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen. Selbst ich habe vom Leben gelernt, meine Vernunft zu Rate gezogen und mich zum klugen Mann entwickelt! O, ich bin jetzt verteufelt klug.
Der Schmied
Sollten Sie, Herr Ritter, sich sozusagen auch einer bestimmten Laufbahn zugewendet haben und in die engen Verhältnisse des bürgerlichen Lebens eingetreten sein?
Don Quixote
Ich züchte Traber und besuche Pferdemärkte. — Darf ich Sie mit einer Adresse versehen?
(Reicht St. Peter einen Prospekt, der ihm dagegen ein Traktätchen einhändigt)
Vielen Dank, Ritter, aber meine Pferde brauchen nie gewechselt zu werden.
Don Quixote
Was sind das für Pferde?
St. Peter
Apostelpferde!
Don Quixote
Haha, alter Spaßvogel! Läßt sich mit diesen Rappen gut auf und davon reiten?
St. Peter
Jedenfalls vor Windmühlenflügeln.
Don Quixote
Pfui, schämt Euch!