IX.
Acht Monate waren mir in dem Kerker von Logroño verflossen, die Operationen der beiden Armeen hatten mit dem Eintritt der schöneren Jahreszeit mit mehr Lebhaftigkeit wieder begonnen; meine Ungeduld, da ich immer zur Unthätigkeit verdammt blieb, ward bei jeder Nachricht von neuem glorreichen Kampfe der Meinen zu bitterer Verzweiflung. Umsonst hatte ich Auswechselung gefordert: es erfolgte keine Antwort auf meine Vorstellungen, die wohl in irgend einem untergeordneten Büreau mochten liegen geblieben sein. Da trat eines Morgens — am 8. Juni 1837 — ein Platzadjudant in mein Zimmer, mich zu benachrichtigen, daß ich am folgenden Tage nach der französischen Gränze abgeführt werde. Der Gouverneur der Provinz, ein trefflicher Mann, der nach langem Dienste im Auslande nicht ganz die Ideen und Vorurtheile seiner Landsleute theilte, hatte mir erklärt, daß er streben werde, Befehl zur Auswechselung oder den Paß für mich zu erlangen. Auf seine Darlegung befahl ihm Espartero, bis zu der Gränze mich escortiren zu lassen. Lange blieb ich regungslos bei der Freudenbotschaft, ich faßte nicht, glaubte nicht, was ich schon nicht mehr zu hoffen gewagt; dann sprang ich umher in lautem sinnlosen Jubel und lachte und dankte Gott für so herrliches Geschenk. Mein sehnlichster Wunsch sollte ja endlich erfüllt werden: ich verließ diesen Kerker, aus dem Flucht unmöglich war. Wohl war ich entschlossen, das französische Gebiet nicht zu erreichen.
Am nächsten Tage durchschritt ich zwischen zwei Reihen von Soldaten die fruchtbaren Gefilde der Rioja, welche der Ebro der Länge nach bespült. Mit welcher Sehnsucht blickte ich auf die Hügel, die jenseit des Stromes sich erhebend dem carlistischen Gebiete angehörten! Wiederholt war ich im Begriff, die Wache zu durchbrechen und in den Strom mich zu stürzen, der durch die Sonnenhitze ausgetrocknet fast überall passirbar war. Solcher Versuch wäre Tollheit gewesen. Wir übernachteten in Calahorra, wo früher die Messer der Mörder auf meine Brust gezückt waren, und setzten dann den Marsch auf Tudela fort, den Ebro dort zu passiren. Mein Plan war, nördlich von diesem Strome die Flucht zu versuchen, da es leichter sein mußte, von dort aus durch die Gebirge die carlistischen Truppen zu erreichen; da eine günstige Gelegenheit früher sich darbot, eilte ich, sie zu benutzen.
Am Mittage des zweiten Marschtages machte meine Escorte Halt, um in einem Landhause, einige hundert Schritt vom Ebro entfernt, ihr Mahl zu bereiten und dort während der drückendsten Wärme zu ruhen. Durch eine Schildwache vor der Thür bewacht, ward ich in ein Gemach der oberen Etage eingeschlossen, während die übrigen Soldaten vertrauend, daß ich der Freiheit zueilend wohl nicht entfliehen werde, und sorglos, wie stets der Spanier es ist, sich niederlegten, ihre Siesta zu schlafen. Auch der Officier zog sich auf sein Zimmer zurück, nachdem er mir einige Impertinenzen gesagt hatte. Ich biß die Lippen über einander und wünschte vom Grunde des Herzens, daß eine carlistische Streifparthei die unvorsichtigen Schläfer unangenehm aus ihrer Ruhe aufstören möge.
Die Sonne stand hoch am Himmel, glühende, erschlaffende Hitze ausströmend, da nicht der leiseste Hauch die Luft bewegte, Kühlung zu erzeugen. Die lautlose Stille war nur durch der Schildwache eintönig klagenden Gesang unterbrochen, der an die schwermüthig wilden Weisen des Arabers erinnert, wenn er vor dem Eingange des Zeltes den dunkeln Sternenhimmel bewundernd und umgeben von Allem, was ihm theuer, die Gazellenaugen der schönen Töchter Arabiens oder die Reize seines abentheuerlichen Wanderlebens besingt. Ich ward wunderbar aufgeregt; stürmisch wechselten Erinnerungen und Hoffnungen und Wünsche, bis alle in die eine Empfindung hinschwanden, in die unüberwindliche Sehnsucht nach Freiheit, den Entschluß, sie zu erlangen — sei es durch den Tod. Geräuschlos nahete ich dem Fenster. Es war so hoch über dem Boden, daß es unmöglich schien, hinabzuspringen; doch ich konnte nicht mehr überlegen, ich schwang mich hinaus, ein kleiner Absatz begünstigte mich, doch der Fuß glitt ab, ich stürzte auf das Gras hinab, mit dem der Boden bedeckt war. Einen Augenblick lag ich betäubt, nur einen Augenblick: das Gefühl der drängenden Gefahr trieb mich auf, ich empfand kaum den Schmerz, welchen der heftige Fall dem linken Arm und der Schulter verursachte. Oben ward Geschrei hörbar; ich bog um die Ecke des Hauses, da lag der größte Theil der Soldaten ruhend im Schatten — ich flog an ihnen vorbei dem Strome zu. Kugeln pfiffen um mich her, ehe ich ihn erreicht, ich warf mich in die Wellen und theilte sie mit der Kraft des höchsten Entschlusses; eine kurze Strecke nur mußte ich schwimmen, und bald deckten mich die Olivenwälder des jenseitigen Ufers gegen die Schüsse der Verfolger, die sehr lau in ihrem Bemühen den Fluß nicht zu überschreiten wagten, wiewohl ihr verworrenes Geschrei noch weithin mir nachtönte. Dennoch lief ich in athemloser Hast durch die Felder landeinwärts, bis gänzliche Erschöpfung in dichtem Gebüsche zu rasten mich zwang.
Ich war frei! Herrliches Gefühl der Freiheit; was bietet das menschliche Leben Erhabeneres, wer möchte ihm widerstehen, wer wäre taub und fühllos gegen die tausendfachen Güter und Reize, welche das eine Wort „Freiheit“ in sich fasset! Sie ist der schöne Götterfunken, durch den alles Edlere in des Menschen Brust zu Leben und Thätigkeit gerufen wird, das höchste Gut, welches den übrigen Werth giebt und sie veredelt. Wie traurig, daß erbärmliche Selbstsucht und Partheigeist so hehren Schatz zum Deckmantel ihrer Leidenschaften mißbrauchen können, daß die Freiheit dienen muß, zu allem Niedrigen und Entehrenden die verblendeten Menschen hinzureißen, und zur Verletzung ihrer heiligsten Pflicht und ihrer Eide, zum Umsturze der ehrwürdigsten Rechte zu vermögen. Wie schmerzlich, daß sie Selbstlingen, die jeder loyalen Empfindung unfähig sind, den Vorwand bieten muß zu dem vergeblichen Streben, was immer Natur, Recht und Gewohnheit als geheiligt hinstellt, bis zu ihrer eigenen schmutzigen Sphäre hinabzuwürdigen!
Ich war frei! Mein Herz pochte laut bei so wonnigem Gedanken, und ich stattete dem Höchsten innigen Dank für die neue Wohlthat. Doch die Gefahr war noch nicht vorüber, und ich eilte, nach kurzer Frist meinen Marsch fortzusetzen, indem ich den Stand der Sonne beachtend nach Nordwesten mich richtete, wo ich zuerst carlistische Truppen zu finden hoffte. Wohl durch die Mittagshitze von den Arbeiten zurückgehalten, war lange Niemand in den Feldern sichtbar; wie aber die Frische zunahm, traf ich häufig Bauern, deren Blicken ich möglichst mich zu entziehen suchte. Was sollte ich thun? Ich wußte nicht, wo ich war, wie fern von unsern Garnisonen; ich mußte fürchten, gar irgend einer feindlichen Streifparthie oder einem ihrer festen Punkte mich zu nahen, im Falle ich etwa noch im Gebiete der Christinos mich befände. So beschloß ich zu fragen. Ein greiser Bauer war mir nahe mit der Hacke beschäftigt; ich eilte zu ihm, der nicht wenig überrascht, erschreckt selbst mich nahen sah. Mein Gespräch beruhigte ihn bald, und da ich endlich, durch seine herzlichen, einfachen Worte ermuthigt, ihm meine Lage offen auseinander setzte, bot er mir die Hand und bat mich, ohne Furcht ganz auf ihn zu vertrauen. Eine Stunde später saß ich ruhig in seinem niedrigen Häuschen, einen Becher stärkenden Weines vor mir, und spät am Abend bestiegen wir die Maulthiere meines Wirthes, der mich sicher nach Estella zu geleiten versprochen hatte.
Die Nacht war mondhell und erlaubte uns, auch auf den Gebirgspfaden verhältnißmäßig schnell zu reiten; wir hatten dazu das Glück, Niemand auf dem Marsche zu treffen, von dem wir Verrath hätten fürchten dürfen. Wenige hundert Schritt zur Rechten erhoben sich die Mauern von Lerin, die durch die Unseren kurz vorher zerstört, nun von Neuem aufgerichtet wurden, und der Ruf der Schildwachen „sentinela alerta“, wie er in rascher Folge längs den Werken hinablief, tönte hell und drohend in unser Ohr. Gewohnt, während der Nacht carlistische Krieger ihnen nahe und bis zum Fuße ihrer Wälle schweifend zu wissen, ließen die Feinde uns unbeachtet, wiewohl das Gebell der Hunde wie der laute Schall von den Tritten unserer Maulthiere die Gegenwart von Fremden ihnen verrieth, und so wie wir aus ihrem unmittelbaren Bereiche waren, entriß uns schnell ein tüchtiger Trab der Gefahr. Da naheten Tritte, Bajonnette blitzten im Mondenscheine; ich gestehe, ich fürchtete und beklommen vermochte ich kaum zu athmen. Doch mein Führer, scharfen Blickes das Helldunkel durchspähend, ritt ruhig vorwärts — im nächsten Augenblicke erkannte ich die weißen Barette der Freiwilligen: ich war unter den Meinen. Mein Jubel war unendlich. Nach so langen Monaten, die ich eingekerkert, thatenlos verschmachtet, sah ich die Krieger, die ich als Cameraden begrüßen durfte, deren Kämpfe zu theilen das Streben meines höchsten Ehrgeizes war. Die Zukunft erschien mir wieder in das anziehend glänzende Gewand der Hoffnung gehüllt, die, wie oft auch bittere Erfahrung dem Menschen ihre Trüglichkeit zeigt, doch immer wieder auftaucht aus der Tiefe, in der sie geschlummert; die alte, heiße Sehnsucht nach Kampfesgetümmel und kriegerischem Treiben war nur feuriger geworden durch das Erlittene und in dem Schmerze, daß so lange Zeit, so glänzende Ereignisse für mich verloren waren.
Am Mittage des 11. Juni langte ich in Estella an, einer der vorzüglichsten Städte Navarra’s und Hauptpunkt des carlistischen Theiles der Provinz; die Stadt, im Innern freundlich und durchströmt von der Ega, war nun doppelt belebt und blühend durch die Ausgewanderten, welche ihr eigener Eifer oder revolutionaire Unduldsamkeit dorthin getrieben hatte. Die Befestigung war seit dem Angriffe Oráa’s bedeutend gehoben; da die Stadt in einem Kessel liegt, waren rings die sie umgebenden Höhen mit selbstständigen Forts und Werken gekrönt, deren Feuer, überall sich kreuzend, wechselseitig sie vertheidigte, die zu der Stadt führenden Wege und Schluchten beherrschte und so die Annäherung sehr schwierig machte. Ich traf in Estella einen befreundeten Officier, mit dem ich während ein Paar Wochen vereint gefangen gewesen, und der mich dem General Garcia vorstellte, von dem ich zum General Uranga gesandt wurde, da dieser als commandirender General der vier Provinzen während der Abwesenheit Sr. Majestät zurückgelassen war. Er war in der Armee unter dem bezeichnenden Namen des guten Dummkopfes bekannt: seine rühmlichsten Eigenschaften bestanden in unbegränzter Herzensgüte, Redlichkeit und der Treue für seinen Monarchen, zu dessen Vertheidigung er das Schwerdt ergriffen. Seine Talente entsprachen leider nicht der hohen Stellung, die ihm anvertraut war, wiewohl er Vieles dadurch ersetzte, daß er stets bereit war, den Rath erfahrener Männer zu erbitten und zu befolgen. Uranga bestimmte mich nach freundlicher Aufnahme und langer Unterredung zu dem Generalstabe von Navarra, da General Garcia mich dazu erbeten hatte, von dem ich sofort, nach Estella zurückgekehrt, auf das schmeichelhafteste empfangen wurde.
Don Francisco Garcia war bei dem Ausbruche des Aufstandes Pr.-Lieutenant der freiwilligen Royalisten; Bravour und Talent hoben ihn rasch zu den höchsten Graden. Ohne militairisch-wissenschaftliche Bildung ersetzte er diesen Mangel durch lebhaften, das Verwickeltste mit Leichtigkeit auffassenden Verstand und durch genaue Kenntniß von seiner vaterländischen Provinz Navarra, den Vorzügen, Mängeln und Bedürfnissen derselben, so wie von dem Charakter seiner Landsleute. Seit er an der Spitze des Königreiches stand, leitete er die Kriegs-Operationen mit höchster Auszeichnung und verwaltete das Land sehr gerecht, weßhalb die Bauern, welche nicht selten seiner Fürsorge und Großmuth die Erhaltung ihrer Erndten, ihrer Güter und ihres Lebens verdankten, ihn eben so anbeteten wie die Soldaten, denen er der sorgsamste Vater war. Unerschütterlich in seiner Treue für Carl V. war er scharfsichtig genug, um die undankbaren Selbstlinge zu durchschauen, welche den verblendeten König durch Heuchelei zu täuschen wußten, da sie bereit waren, ihren erhabenen Wohlthäter zu opfern, so wie ihre Zwecke es erheischen möchten. Garcia kannte sie und that, so viel in seiner Macht stand, um ihren Plänen entgegenzuarbeiten. Arglist siegte auch da über biedere Loyalität; der edle Garcia fiel unter den Streichen Derer, die durch seinen und seiner Freunde Tod das Gelingen ihrer Verrathes-Complotte sicherten.
Kurze Zeit vor meiner Ankunft hatte Garcia durch Überraschung das feste Lerin genommen, bei der Annäherung Espartero’s aber, der mit sechszehn Bataillonen von Pamplona heranzog, es geräumt, da er den vorgeschobenen Platz nicht behaupten konnte. Die Bewohner der umliegenden Dörfer, erbittert über die Gräuel, mit denen die Garnison auf ihren Streifzügen sie heimgesucht, hatten die Stadt ganz ausgeplündert. Espartero fand sie am 10. Juni evacuirt und die Festungswerke zerstört, die er sogleich mit größter Thätigkeit wieder errichten ließ. Er blieb dann in dem Ebro-Thale, um das bei Estella concentrirte Carlisten-Corps zu beobachten, dem auch Uranga einige Bataillone zuführte, einen Angriff Espartero’s auf die Stadt befürchtend, zu dem die Abwesenheit der königlichen Expeditions-Truppen wohl einladen konnte.
Am 15. war Gen. Garcia mit einigen Bataillonen nach dem Dörfchen Allo in dem reichen Solana-Thale aufgebrochen, von wo aus er die zur Deckung der Arbeiten in Lerin aufgestellten Truppen beunruhigte. Am Abend marschirten wir von dort ab, gegen Westen uns richtend, und durchschnitten mehrere Stunden lang bald fruchtbare Thäler, bald auf schmalen Felswegen unwirthbare Bergrücken, wobei wir uns mit vieler Vorsicht und Anempfehlung von Stille bewegten und fortwährend Detachements zur Rechten und Linken entsendeten. Endlich machten wir Halt, und die Freiwilligen streckten compagnieweise, das Gewehr im Arm und in die bunten Decken gehüllt, zu kurzem Schlafe sich hin, während der General Meldungen empfing oder eifrig mit vier Landleuten redete, die kurz vorher zu uns gestoßen waren. Plötzlich ward mit leiser Stimme der Aufbruch befohlen, kaum hörbar durchlief dumpfes Gemurmel die Reihen, selbst die Cigarren mußten ausgelöscht werden, und nur das gleichmäßige, vage Geräusch der marschirenden Bataillone — es waren ihrer drei vereinigt geblieben — tönte durch die Stille der Nacht. Da ward auf geringe Entfernung ein dunkeler Gegenstand sichtbar, von dem bald das bekannte „sentinela alerta“, weit zurück hinsterbend, herüberschallte, und „Peralta, Peralta!“ säuselte ein leises Flüstern die Marschkolonne hinab: es war in der That die bedeutende vom Feinde befestigte Stadt Peralta, durch ganz Spanien wegen der ausgezeichneten Weine seiner Umgegend bekannt.
Der General blieb mit den Bataillonen hinter einem nahen Olivenhölzchen stehen, während zwei Grenadier-Compagnien, an deren Spitze er mich und einen andern Officier seines Stabes gestellt, von zwei Landleuten geführt vorwärts schlichen, jeden Busch, jede Vertiefung zur Deckung benutzend und oft auf dem Bauche über offene Stellen fortkriechend. Unbemerkt gelangten wir bis unter die Mauer, wo sie kaum neun Fuß hoch von dem Felsen sich erhob, in den der Graben geöffnet war; rasch wurde die mitgebrachte Leiter angesetzt — da tönte wieder der Wache Ruf[28], längs der Mauer hin, und rechts und links, kaum dreißig Schritt entfernt, antworteten zwei Schildwachen der warnenden Stimme; regungslos schmiegten wir uns an die Mauer. Einen Augenblick später schwangen sich die beiden dazu bestimmten Grenadiere gewandt hinauf, ich folgte mit meinem Gefährten, Beide gleichfalls mit Büchsen bewaffnet und die Canana um den Leib geschnallt. „Quien vive? Quien vive?“ und zwei Schüsse auf beiden Seiten folgten sich; die Grenadiere erstiegen gedrängt die Mauer und sprangen sofort in die Stadt hinab, wo alsbald ungeheures Getöse von Schüssen und Geschrei, Trommelwirbel und Geläute der Glocken sich erhob. So wie eine halbe Compagnie innerhalb der Mauer formirt war, führte sie mein Gefährte, mit der Örtlichkeit vertraut, raschen Schrittes gegen das nächste Thor, dessen Wache wir unter dem Gewehre fanden. Eine Salve, die erste, welche wir gaben, von lautem Viva el Rey begleitet zerstreute sie; fünf Minuten später war das Thor mit Beilen geöffnet, und Garcia stürmte herein mit seinen Bataillonen, besetzte die Hauptstraßen, entsendete starke Patrouillen und vermehrte durch wildes Feuer die Verwirrung des Feindes. Als der Tag anbrach, fanden wir die Stadt in unserm Besitze, da die Garnison mit Zurücklassung von etwa siebenzig Gefangenen in das Fort sich geworfen hatte. Viele unserer Soldaten hatten sich plündernd durch die Häuser zerstreut, und erst nach zwei Stunden gelang es durch unerbittliche Strenge, sie wieder zu formiren und Ordnung herrschend zu machen.
Espartero befand sich wenige Meilen entfernt in Lodosa, aber er rührte sich nicht und machte eben so wenig irgend eine Bewegung gegen Uranga, der mit neun Bataillonen von los Arcos aus, vier Stunden nördlich von Lodosa, ihn beobachtete. So konnten wir drei Tage in Peralta bleiben, dessen Besatzung übrigens im Fort unbelästigt blieb und auch gegen uns keinen Schuß weiter abfeuerte. Nachdem alle Vorräthe, deren an Wein, Getreide und Öl viele sich fanden, so wie die Waffen und Pferde nach Estella geschafft waren, verließen wir die Stadt, um nach der Solana zurückzukehren. — Ich war glücklich, da ich endlich wieder dem Feuer dieser Christinos mich gegenüber gesehen hatte.
Einige Tage nachher ward ich vom Gen. Garcia beordert, siebenzig Individuen der französischen Fremdenlegion, meistens Deutsche, die zu uns übergegangen waren, nach der französischen Gränze zu geleiten, da sie den Wunsch ausgesprochen hatten, nach ihrer Heimath entlassen zu werden. Das aus solchen Deserteurs gebildete Bataillon, welches mit der königlichen Expedition abmarschirt war, zeichnete sich bei jeder Gelegenheit ebenso durch ungemessene Bravour wie durch Mangel an Disciplin und durch Unordnungen, vor Allem Trunk und Diebereien, aus, was natürlich nur der Schwäche der Officiere zuzuschreiben ist, die meistens lediglich ihr pecuniäres Interesse zu fördern suchten und selbst ihren Theil von den durch die Soldaten gestohlenen Gemüsen und Obst empfingen, so daß mehrere von ihnen wegen Veruntreuung zu Festungsarbeit verurtheilt werden mußten. Die Mehrzahl derselben stammte gleichfalls von der Legion her.
Die mir anvertrauten Leute, wenn auch roh und wild, betrugen sich ganz zu meiner Zufriedenheit. Ich passirte anderthalb Stunden von Pamplona, durchkreuzte längs der Zubiri-Linie das schöne Ulzama- und Bastan-Thal, überstieg den Höhenzug der Pyrenäen und erreichte glücklich die Gränze bei Zugarramurdi, wo ich das Detachement den französischen Posten überlieferte. Nachdem ich einige Stunden im nahen Städtchen mit den Officieren der dort cantonnirenden Compagnien verplaudert, ward ich nach Spanien zurückgeleitet und mit freudigem Staunen von dem Chef des Gränzcordons begrüßt, der, da ich — ohne Zweifel höchst unvorsichtig — den französischen Boden betreten, überzeugt gewesen war, daß ich entweder auch die Provinzen verlassen wollte oder doch von den jenseitigen Behörden an der Rückkehr würde verhindert werden.
Langsam ging ich dann, nur von einem Burschen begleitet, auf Estella zurück. Wieder überstieg ich jenen Gebirgszug, der durch Wildheit zugleich und Anmuth sich auszeichnet, indem die Berge über zwei Drittel ihrer Höhe mit reichem Laubholze bedeckt sind und zahllose kristallhelle Quellen aus ihnen hervorsprudeln; in den Thälern aber, die vielen Mais und Roggen erzeugen, liegen vereinzelt schöne, reinliche Städte, deren Bewohner die echte Treuherzigkeit und Geradheit der Gebirgsvölker entfalteten und ganz besonders gastfrei sich mir bewiesen. Dörfer oder vereinzelte Häuser finden sich erst im Bastan wieder, wo ich auch zuerst Truppen traf, da auf dem ganzen Striche bis zu der Gränzlinie das Terrain hinlänglich gegen die Einfälle der Feinde sicherte. Schon hatte ich auch den hohen Rücken überschritten, der das Bastan- vom Ulzama-Thale scheidet, und ich ruhte vom beschwerlichen Marsche in einem der großen, ganz carlistisch gesinnten Dörfer dieses Thales, von dem oft nicht eine Stunde entfernt die feindliche Linie sich hinzog. Nachdem ich mit meinem Wirthe, einem reichen Bauer, über den Krieg und die Angelegenheiten der Provinzen, unerschöpflichen Stoff der Unterhaltung, geplaudert, suchte ich das Bett auf und schlief bald fest auf fünf oder sechs über einander gethürmten Wollmatratzen, während der Bediente in einem Winkel des an meinen Alkoven stoßenden Zimmers sein Lager ausbreitete.
Mitternacht mochte vorbei sein, als ein dumpfes Geräusch auf der Straße mich weckte; zugleich stürzte eine weibliche Gestalt mit fliegendem Haare, in ein langes weißes Hemd gekleidet und ein brennendes Licht in der Hand, in das Gemach; sie stellte sich vor mein Bett, bewegte mit ausdrucksvoller Heftigkeit die Arme, auf Thür und Fenster deutend, und verschwand lautlos, höchstes Entsetzen verrathend. Überrascht sprang ich auf. Da ertönten heftige Kolbenstöße gegen die Hausthür, der Lärm auf der Straße ward stets verworrener, und mein Thomas, der an das Fenster geeilt war, rief mit zitternder Stimme: „por Dios, Señor, que son los christinos!“ Ich flog an das Fenster: da stand tobend und fluchend ein Haufen Bewaffneter, deren Kopfbedeckung nur zu unzweifelhaft die verhaßten Negros erkennen ließ. In einem Sprunge hatte ich die Thür erreicht: schon wälzte der Lärm sich die Treppe herauf; ich eilte zum Fenster zurück; die kleine, kaum einen Fuß breite Öffnung, wie sie oft in den Wohnungen der navarresischen Bauern sich finden, machte Flucht unmöglich. Meine Lage, meine Gefühle waren entsetzlich. Wieder ein Gefangener! Schon standen die Feinde auf dem Vorplatze, wo die Frauen des Hauses, da der Wirth bereits durch die Hinterthür entflohen, umsonst sie aufzuhalten suchten. Ich befahl meinem Burschen, der, vor dem Kriege Mönch, zitternd mich fragte: „Werden sie uns tödten?“ sich ruhig niederzulegen, versteckte die Waffen und militairischen Kleidungsstücke unter das Bett und legte mich gleichfalls nieder, nachdem ich die Depechen, welche der Chef der Gränze als sehr wichtig für den General mir eingehändigt, oben auf den Himmel des Bettes geworfen hatte.
Der Lärm auf dem Vorplatze dauerte fort; ich unterschied die Bitten der Weiber, ihre Versicherungen, kaum verständlich im gebrochenen Castilianisch, daß in diesem Zimmer Niemand versteckt sei, worauf die Feinde mit Lachen erwiederten, daß sie ja Niemanden suchten, daß nun Alle eins seien. Da ward die Thür aufgerissen, und schweigend, die Gewehre in der Hand, traten funfzehn bis zwanzig christinosche Soldaten herein. Der Augenblick war furchtbar: halb aufgerichtet, als sei ich so eben erwacht, sah ich mit hochklopfendem Herzen auf die Eindringlinge, ungewiß, ob Tod, ob Gefangenschaft mein Loos sei. Sie stellten in Ordnung ihre Gewehre an die Wand, hängten Tornister und Lederzeug daran auf und.... verließen in ehrerbietigem Schweigen das Zimmer. Dann hörte ich sie zum Strohboden hinaufsteigen.
Ich sprang auf, den günstigen Augenblick zur Flucht zu benutzen, erstaunt und nicht meinen Augen trauend. Doch Freude strahlend trat die Wirthinn herein und erzählte weitschweifig, wie eine feindliche Compagnie, die im nahen Fort als Garnison gestanden, mit Waffen und Gepäck zu uns übergegangen sei; nur die Officiere und Sergeanten waren in Thränen zurückgeblieben, da sie umsonst durch jedes Mittel die Ausführung des rasch Beschlossenen zu hindern gesucht hatten. — Eine Tochter des Hauses, eine unglückliche Stumme, war, so wie sie das Bett verlassen, zu mir geeilt, mich zu warnen, da sie die christinoschen Soldaten erkannt hatte, während die übrigen Frauen Alles aufboten, um mich zu retten und die gefürchteten Gäste von mir fern zu halten, in ihrer einfachen Unwissenheit aber eben dadurch mich verrathend. Am Morgen sah ich die Compagnie, dem Regimente von Ziguenza angehörend, unter dem Befehle einiger Corporale zum Abmarsch formirt: schöne, kräftige Leute, vollkommen bewaffnet und uniformirt. Da ich ein halbes Jahr später das Commando einer Compagnie im 7. Bataillon von Castilien erhielt, fand ich in ihr den größten Theil dieser Burschen wieder, die den Schrecken, den sie einst mir verursacht, durch treuste Hingebung zu vergelten suchten.
Als ich im Anfange Julis in Estella anlangte, hatte sich General Uranga mit dem Operations-Corps nach dem westlichen Vizcaya gezogen, und Espartero, eine neue Expedition fürchtend, war ihm auf das valle de Mena gefolgt, während Iriarte in der Rivera mit acht Bataillonen und der Baron das Antas mit seiner Division in Vitoria stehen blieb. Bald kehrte Espartero nach Logroño zurück und marschirte schon am 8. Juli mit zwei Divisionen über Soria auf Guadalajara, da er Ordre erhielt, Madrid gegen den Vormarsch der königlichen Expedition zu decken. Uranga beschleunigte den Abmarsch eines andern Corps, welches die gänzliche Entblößung Alt-Castilien’s von Truppen benutzen und der Armee des Königs eine Diversion machen sollte, da alle disponibeln Streitkräfte der Christinos auf sie sich geworfen hatten. Da es natürlich mein innigster Wunsch sein mußte, jetzt, da die Schwäche beider Heere in den Nordprovinzen keine bedeutenden Kämpfe erwarten ließ, dieser Division mich anzuschließen, erreichte ich, zum Generalstabe derselben bestimmt zu werden, und ward von dem General Zariategui mit Herzlichkeit aufgenommen.
Nie sah ich so hohe, freudige Begeisterung die Truppen beleben, nie fühlte ich selbst so ganz ihre Alles überwindende Macht, wie zu jener Zeit, da wir, eine kleine, aber auserlesene Schaar, den Krieg in das Innere des Königreiches tragen und den übermüthigen Feind in seinem eigenen Gebiete aufsuchen sollten. Jubelnd zogen wir Alle dahin, und an dem Tage, an dem wir nach glorreichem Siege den Ebro passirend aus unsern Gebirgen in die reichen Ebenen Castilien’s hinabstiegen, sah ich manche dunkelgebräunte Wange von einer Thräne des herrlichsten Enthusiasmus genetzt. Wenn der Krieger dasteht, fest den Choc des Feindes erwartend, da ergreift ihn ein innerer Trotz, jeder Einzelne sucht sich fester hinzupflanzen, als gälte es persönlich schweren Stoß zurückzuweisen; sein Antlitz verfinstert sich, der Mund ist fest zusammengekniffen, und vielleicht zuckt ein leichtes verächtliches Lächeln über seine Züge, wenn er die glänzenden Escadrone heranbrausen sieht, deren Ohnmacht er wohl kennt, und die er schon von der unerschütterlichen Masse abprallend in wilder Flucht aufgelöset im Geiste sieht. Rückt er aber mit Vertrauen auf seine Führer und auf sich selbst zum entscheidenden Angriff, dann strahlt das Auge des wahren Soldaten von innerem Feuer, sein Kopf hebt sich im Gefühle stolzen Muthes, sein Schritt wird elastisch, und echte Begeisterung macht das Schwierigste ihm leicht, treibt ihn, durch Gefahr und Tod Heldenruhm und Heldenehre sich zu erkämpfen und willig dem Triumphe der gerechten Sache sich selbst zum Opfer zu bringen.
[28] Er wird jede Viertelstunde von dem dazu bestimmten Posten erneuert und läuft von einem zum andern durch die ganze Chaine.