X.

Am 17. Juli 1837 war die zur Expedition nach Castilien[29] bestimmte Division bei Santa Cruz de Campezu vereinigt, von wo aus sie unter dem Mariscal de Campo — Generallieutenant — Zariategui den Marsch durch Alava nach dem Ebro richtete. Sie bestand in drei Brigaden aus den Bataillonen 2. und 6. von Guipuzcoa unter Brigadier Iturbe, 1. und 7. von Navarra unter Oberst Oteyza, 1. von Valencia, 6. von Castilien und 3. von Aragon, Brigade von Castilien, unter Brigadier Noboa; das Bataillon von Aragon war in Cuadro, d. h. es enthielt nur seine Officiere und Unterofficiere, um aus Rekruten completirt zu werden. Die Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität, ganz aus Officieren zusammengesetzt, und 1. und 3. von Navarra; ein Ganzes von 3700 Mann Infanterie und 220 Pferden. Als Chef des Generalstabes fungirte Brigadier Elio.

Langsam durchzogen wir das reiche Alava, passirten am folgenden Tage die Heerstraße von Vitoria nach Logroño unmittelbar neben der feindlichen Festung Peñacerrada und richteten uns dann westlich parallel dem Ebro, den wir zu überschreiten bestimmt waren. Am 19. setzten wir ruhig den Marsch fort, als am Morgen unser Vortrab ein starkes feindliches Detachement entdeckte, welches sich in dem Dorfe Zambrana festsetzte, dadurch andeutend, daß es Hülfe erwarte. Auch erschienen bald zwei feindliche Bataillone und nahmen auf den Höhen neben dem Dorfe Stellung, wo sie sogleich vom 1. Bat. von Navarra, der Avantgarde, angegriffen wurden. Das Gefecht war kurz; der Feind, durch Navarra stark gedrängt und von der Höhe geworfen, dann von einigen Compagnien von Guipuzcoa, die herzugeeilt waren, in der rechten Flanke bedroht, während eine Escadron ihn links umging, zog sich rasch auf das Fort Armiñon zurück, ehe noch der Rest der Division erschienen war. Der General blieb mit seinem Stabe, den Escadronen und dem Bataillone 1. von Navarra in Zambrana, während die übrigen Truppen in zwei und eine halbe Stunde rückwärts liegenden Dörfern stehen blieben.

Es war Mittag und unendlich heiß, die Cavallerie hatte ihre Pferde abgezäumt, die Bataillone die Gewehre zusammengestellt, und die meisten Officiere suchten die Mittagsgluth zu verschlafen; ich lag halb bekleidet auf einer Matratze ausgestreckt. Da stürzten einige Leute zum General mit der Meldung, daß feindliche Cavallerie, von starken Infanteriemassen begleitet, im Trabe nahe; wir flogen zu den Fenstern und sahen die Escadrone der Christinos schon am Eingange des Ortes formirt. Es war der Portugiese Baron das Antas, der seine Division, mit dem Freicorps des Schleichhändlers Martin Barea vereinigt und verstärkt durch die Garnisonen von Vitoria und Treviño, heranführte, um die Ehre der portugiesischen Waffen zu retten, da einige Bataillone am Morgen zu weichen genöthigt waren. Die höchste Verwirrung herrschte in dem Dorfe, von allen Seiten erschallte wildes Geschrei, bald von den Trommeln übertönt, die Infanterie eilte zu ihren Gewehren, die Cavalleristen schwangen sich auf die zum Theil ungesattelten Pferde. Auch ich warf mich auf das Pferd, den Überrock und den Säbel in der Hand haltend und ohne Weste, die ich am Abend in dem Hause wiederfand. Wenn die feindliche Cavallerie sofort in den Ort eingebrochen wäre, hätte unsere Infanterie gar nicht zu den Waffen greifen können, Alles wäre wehrlos überrascht, ohne Zweifel der General mit seinem Stabe und sämmtliche Cavallerie gefangen genommen; das Zaudern des Feindes, der wohl nicht ohne Infanterie in einen besetzten Ort sich zu engagiren wagte, rettete uns, da Zariategui trotz dem feindlichen Andrängen das Bataillon in Masse formirt auf die Division zurückführen konnte, die er bereits in Bataillons-Colonnen in einer Linie aufgestellt fand.

Reißend schnell zogen die Portugiesen zum Angriffe heran, in sieben Bataillonen und drei Escadronen, 6200 Mann und 360 Pferde stark: Barea auf dem linken Flügel bedrohete die Brigade Guipuzcoa, während eine tiefe Colonne gegen unsern linken Flügel, die Brigade Castilien, sich wandte, wo Valencia an ein stark besetztes Dörfchen sich lehnte. Auf dieses warfen sich die Portugiesen mit Kraft und trieben das Bataillon bis zu den Häusern zurück; dort wurde ihr Choc mit solcher Festigkeit aufgenommen, daß sie schnell weichen mußten. Nochmals drangen die Massen zum Sturm, und nochmals wurden sie zurückgeschlagen; ein dritter Versuch hatte keinen bessern Erfolg. Das Gefecht hatte sich indessen auf der ganzen Linie ausgebreitet, ohne daß es dem Feinde gelungen wäre, irgendwo durchzubrechen. Das 7. Bataillon von Navarra bestrich von seiner Centralstellung auf einer leichten wenig vorgeschobenen Höhe die ganze vorliegende Ebene, und Iturbe mit dem 6. von Guipuzcoa vertrieb Barea’s Corps von den Hügeln, die es inne hatte, und bedrohete die linke Flanke der Portugiesen, worauf sie, da die ganze carlistische Linie eine kräftige Bewegung vorwärts machte, in Ordnung den Rückzug antraten.

Auf dem Fuße von unsern Tirailleurs verfolgt, nahm Das Antas hinter dem Flüßchen Zadorra Position und stürmte, da Iturbe über eine Brücke auf der Rechten rasch nachdringend sich isolirt hatte, mit überlegenen Massen auf die Brigade Guipuzcoa ein, die jedoch den Angriff mit Festigkeit aushielt, bis die übrigen Truppen den Fluß passiren und die Escadron 3. von Navarra herzueilen konnte. Zwar mißlang eine Charge derselben gegen ein feindliches Bataillon mit schwerem Verluste an Menschen und Pferden, da aber zuletzt auch die Brigade Navarra den Übergang erzwang und die ganze Linie wieder zum Angriff überging, entschlossen sich die Portugiesen zu neuem Rückzuge, den zwei Bataillone ihres rechten Flügels und die drei Escadrone deckten. Wiewohl heftig gedrängt, zogen sie sich, ohne unser Feuer zu erwiedern, bis zu einigen einzeln stehenden Häusern, wo sie Front gegen uns machten. Die Escadrone der Legitimität — 50 Pferde —, der die Officiere des Generalstabes sich angeschlossen hatten, und 1. von Navarra chargirten und trafen sich mit zwei der feindlichen Escadrone; nach zwei furchtbaren Chocs, in denen ihr Oberst[30] getödtet, wurden die Portugiesen zerstreut, worauf die beiden Bataillone, da sie ihre Cavallerie geworfen sahen und unsere Tirailleurs, in die Massen hineinschießend, sie eng umzingelt hielten, das Gewehr streckten. Doch die dritte Escadron eilte herzu, befreite die Bataillone und umwickelte selbst die Hälfte der 1. von Navarra, die aber eine neue noch höhere Kraftanstrengung ihrer Gefährten rettete, wobei selbst einige Gefangene bewahrt wurden. Der Tummelplatz war mit Todten und Verwundeten, Pferden, Gewehren und Lanzensplittern bedeckt; Infanterie und Cavallerie war bei den wiederholten Chargen und dem Wechsel der Bewegungen bunt durch einander geworfen. Der Feind zog sich rasch, aber geschlossen zurück, von der wieder geordneten Cavallerie gedeckt, die auch hier den Ruf der Bravour behauptete, der sie auszeichnet. Wir verfolgten ihn bis nahe dem Fort Armiñon, dessen Geschützfeuer zur Rückkehr uns nöthigte.

Plötzlich ertönten zu unserer Rechten häufige Schüsse; ein Adjutant eilte dorthin und fand am Ufer der Zadorra, deren Wasser von Blut roth gefärbt war, einige Compagnien in lebhaftem Feuer begriffen. In der Verwirrung der Cavallerie-Chargen hatten sich viele Soldaten der beiden portugiesischen Bataillone in den Fluß geworfen und im Schilfe versteckt, wo sie nun, so wie sie zum Athemholen den Kopf über das Wasser erhoben, unsern lachend am Ufer wartenden Freiwilligen zur Zielscheibe dienten.

Der Verlust des Feindes betrug 1100 Mann, worunter 150 Gefangene, der unsere fast 500 Mann; neunhundert Gewehre und einige vierzig Pferde waren in unsere Hände gefallen. Der General schlug mich für den Orden St. Ferdinand’s erster Classe vor und ließ mir, da mein Pferd in einer der Chargen verwundet war, das des gefallenen portugiesischen Obersten, einen prachtvollen Goldfuchs, nebst dessen Waffen überreichen. — Übrigens ist gewiß der unverzeihlichste Fehler, den ein General zu begehen vermag, der, sich überraschen zu lassen; hier war er doppelt schwer, da Zariategui bei solcher Nähe des Feindes auch nicht die geringste Vorsichtsmaßregel getroffen, selbst nicht einen Vorposten ausgestellt oder eine Patrouille entsendet hatte: Alles schlief oder kochte. Könnte aber je solcher Fehler durch Tüchtigkeit im Erkämpfen des Erfolges vergessen gemacht werden, so that es Zariategui durch die meisterhafte Leitung der Action.

Nachdem die Verwundeten und Gefangenen zurückgebracht waren, und da der General noch eine Zusammenkunft mit General Uranga gehabt hatte, bivouakirten wir in der Nacht vom 21. zum 22. Juli auf dem Ufer des Ebro und passirten ihn früh Morgens zwischen den beiden Festungen Miranda de Ebro und Arro. Mit lautem, enthusiastischen viva el Rey! betraten die Freiwilligen die fruchtbaren, mit lachendem Grün bedeckten Gefilde Castilien’s, und von den Wällen des nahen Miranda sahen die Feinde, ohne sich zu bewegen, wie wir siegreich die Scheidewand überschritten, die von dem christinoschen Spanien uns zurückhalten sollte. Hätte Das Antas, anstatt mit seinem schönen Corps unnütz prunken zu wollen, sich begnügt, die wenigen Furthen zu decken, welche hier den Übergang des Ebro gestatten, so würde er der Sache, die er vertheidigte, bessere Dienste geleistet haben.


In kleinen Märschen durchzogen wir die Provinz Burgos, vom General Escalera bis Lerma verfolgt, ohne je seine Truppen zu Gesicht zu bekommen; nur ein Mal nicht weit von Aranda de Duero sahen wir fern die Colonne von Soria, welche unter General Alcala gleichfalls zu unserer Verfolgung bestimmt sein sollte: sie zog sich zurück, so wie wir sie zu empfangen uns aufstellten, und erschien nicht wieder. Allenthalben wurden wir gut vom Volke aufgenommen, und da wir am Tage des Ebro-Überganges einem niedlichen Städtchen naheten, kamen die National-Gardisten weit uns entgegen und begrüßten die Truppen als Befreier von den Einfällen der Facciosos. Verführt durch den eben so pompösen als lügenhaften Bericht Das Antas’s, worin er den Castilianern verkündete, daß er durch einen entschiedenen Sieg die Expeditions-Division vernichtet und in ihre Wälder versprengt habe, hielten uns die Armen für das portugiesische Corps und wollten sich lange nicht von ihrem Irrthume überzeugen lassen, da sie, was wir sagen mochten, für Scherz erklärten. Sie wurden jedoch nach Ablieferung ihrer Waffen entlassen, wie es überhaupt Zariategui’s Grundsatz war, durch wohlwollende Behandlung und Milde die Liebe des Volkes zu erwerben.

Am 27. Juli vereinigten wir uns bei Covarrubias mit einer Brigade von Vizcaya, dem 5. Bataillon von Castilien und der Escadron von Cantabrien, die den Ebro nahe seinen Quellen passirt hatten und die Junta von Castilien uns zuführten. Die Mitglieder derselben, von einem Geistlichen präsidirt, schienen von Allem zu wissen mit Ausnahme dessen, was ihre Pflicht betraf: während die einfachsten Regeln in der Verwaltung ihnen ganz unbekannte Dinge waren, wußten sie wohl ihre Koffer tüchtig zu füllen. Auch ist nie bekannt geworden, was diese Junta gewirkt hat.

Sie setzte sich in San Leonardo fest und mit ihr wurde in dem Gebirge zwischen Burgos und Soria das 5. Bataillon von Castilien unter Oberst Barradas zurückgelassen, der den Auftrag erhielt, Rekruten auszuheben, einige Punkte zu befestigen und große Magazine von Lebensmitteln und sonstigen Kriegesbedürfnissen anzulegen, da Zariategui, im Fall ein Rückzug nöthig würde, sich hieher ziehen und hier behaupten wollte. Dann kreuzte die Division, nun in acht Bataillonen und vier Escadronen 4300 Mann und 310 Pferde stark, die große Heerstraße nach Frankreich zwischen Aranda und Lerma, überschritt am 31. bei Roa den Duero und rückte, ohne irgend Widerstand zu finden, in die Provinz Segovia vor.

Am 3. August Nachmittags standen wir vor Segovia, zwölf Meilen von Madrid entfernt, einer alten Stadt von 15000 Einwohnern, die als Hauptort der Provinz, wegen seiner Münze und großen Tuchfabriken von hoher Wichtigkeit ist; auch schloß sie mehrere militärische Etablissements in sich, das große Cadetten-Institut des Königreiches, Stückgießereien, Gewehrfabriken und bedeutende Niederlagen von Kriegsbedürfnissen jeder Art. Die Stadt war mit einer hohen Mauer umgeben, die durch vorspringende Thürme flankirt war. Sofort wurde die Disposition zum Angriff gemacht, indem die Brigade Castilien zur Erstürmung des uns gegenüberliegenden Thores bestimmt ward, während die Brigaden Vizcaya und Guipuzcoa rechts und links die Mauer escaladiren würden; Navarra blieb nebst der Cavallerie hinter einem großen Fabrikgebäude als Reserve stehen. Jeder der angreifenden Brigaden wurde ein Officier vom Generalstabe[31] beigegeben, mich traf die Brigade Vizcaya. Die einzige Instruction, welche der General uns gab, war: die Stadt muß genommen werden; Sie werden die Ersten innerhalb der Mauer sein.

Auf das Zeichen zum Angriff drangen die drei Colonnen vorwärts, bald von den Kugeln der Garnison — 1500 Mann mit acht Geschützen auf der Mauer — überschüttet. Valencia gelangte fast bis zu dem Thore, das es umsonst zu sprengen suchte, die andern Brigaden aber, da sie keine Leitern hatten, holten aus den nahen Häusern Tische, Stühle und Thüren zusammen, um aus ihnen Gerüste zur Ersteigung der Mauern zu erbauen. Nach viertelstündiger vergeblicher Anstrengung wichen die Colonnen, hinter den Häusern sich neu formirend, von wo sie, da Zariategui wieder zum Sturm blasen ließ, sofort vorbrachen. Während Valencia den Eingang zu erzwingen, das Thor in Brand steckte, hatte Vizcaya endlich das Gerüst errichtet; mit lautem viva el Rey stürmten wir hinauf, von Stuhl zu Stuhl emporkletternd. Der Feind wich, die Ersten der Unseren schwangen sich auf die Mauer und stürzten die schon zur Flucht gewendeten Vertheidiger jenseit hinunter; in demselben Augenblicke drang Valencia durch das halb niedergebrannte Thor in die Stadt, wo die siegreichen Colonnen mit Jauchzen sich begrüßten. Die Besatzung floh allenthalben, so daß nun auch Guipuzcoa die Mauer ersteigen konnte. Ob Valencia, ob Vizcaya zuerst die Stadt betraten, blieb unentschieden.

Eiligen Laufes flohen die Christinos dem Alcazar zu, nun zum Castell gemacht, ihnen nach jagten die Eingedrungenen und streckten Manchen in den Straßen nieder. In entsetzlicher Unordnung löseten die Bataillone sich auf und zerstreuten sich plündernd durch die Stadt, die rings von Geschrei und Klagen wiederhallte; die Münze wurde erbrochen, und große Säcke Kupfergeld, kaum noch beachtet, lagen bald in den Straßen umher. Selbst einzelne, nein, sehr viele Officiere nahmen an der Unordnung Theil, und einen derselben fand ich vor dem Hause eines reichen Banquiers mit Säcken voll Piaster vor sich, aus denen er freigebig allen Vorübergehenden mittheilte. Umsonst suchte der General dem Unwesen zu steuern, umsonst sendete er die ihn umgebenden Officiere nach allen Seiten aus; wenn die Plünderer mit Flüchen und Säbelhieben aus einem Hause vertrieben waren, zerstreuten sie sich, um anderwärts ihr grausames Spiel wieder zu beginnen. Endlich zog der General die Reserve-Brigade von Navarra herein, um durch sie die Ordnung herzustellen, auch gelang es ihm, etwa tausend Mann zu sammeln und aus der Stadt zu führen. Da, in der Meinung, nun seien sie als Reserve abgelöset, begannen die Navarresen ihrerseits zu plündern. Zariategui war in Verzweiflung. Alles geschah unter den Augen der Besatzung des Alcazar, und die weit überlegene Division von Mendez Vigo, dem General-Capitain von Alt-Castilien, stand nur zwei Stunden entfernt in dem Lustschlosse San Ildefonso (la Granja). Hätte die eine oder die andere so furchtbare Unordnung benutzt, die Division mußte vernichtet werden: keine der Beiden rührte sich.

Erst am folgenden Tage, da der Alcazar capitulirte, hörte die Plünderung auf, in der viele Soldaten sich so bereicherten, daß später auf dem Rückzuge stundenweit Silber- und Kupfergeld sich hingestreut fand, nach und nach von den Soldaten weggeworfen, wie die Last der gefüllten Tornister zu groß wurde. Die Garnison, wiewohl der Alcazar ein sehr festes Gebäude und von tiefen in den Felsen gehauenen Gräben umgeben, auch Mendez Vigo so nahe war, versuchte keinen Widerstand nach der Einnahme der Stadt; sie capitulirte am 4. Juli und übergab das Castell mit der Bedingung, daß die 300 Cadetten mit ihren Waffen und tambour battant, die Besatzung mit Gepäck und ohne Waffen nach Madrid abzögen; das Eigenthum des Instituts, die Bibliothek, die Waffensammlung und die Exercier-Geschütze en miniature der Cadetten würden unangetastet bleiben. — Die Erstürmung Segovia’s hatte uns etwa 200 Mann gekostet.

So wie die Thore der mächtigen Burg sich öffneten, eilten wir hinein, unsere Eroberung zu bewundern. Wir mischten uns mit den Christinos, die großen Theils für ihre Lage sehr passend und fest sich benahmen, und unter denen viele höchst gebildete Officiere sich befanden, die wiederum die Bravour unserer Truppen anerkannten und ihr Erstaunen nicht verhehlten, daß sie anstatt der rohen, fanatischen Facciosos, wie sie ihnen geschildert waren, vollkommen organisirte Truppen und manche wissenschaftlich gebildete Officiere sahen, die, weit entfernt von jenem blinden Fanatismus, mit Freimuth über die entgegengesetzten Meinungen zu discutiren und auch im Gegner, so lange sie nicht selbstische Motive zu verdecken dienen und, auf Überzeugung gegründet, mit Edelmuth gepaart sind, sie zu ehren wußten. Ich gestehe, daß es mir unendlich wohlthuend war, da ich unsere sonst so übermüthigen Gegner hier genöthigt sah, wahre Anerkennung uns zu zollen; denn ich fühlte, daß nicht Furcht oder Rücksicht aus ihnen sprach, und der ernste Händedruck einiger ausgezeichneten Officiere des Cadetten-Corps zeigte ihre Sympathie für die Carlisten, die sie bisher nur nach den Erzählungen unserer Feinde gekannt und verabscheut hatten. Übrigens erkannte die Garnison von Segovia, als sie mit ihren Waffengefährten wieder vereinigt, auch in Madrid öffentlich den Edelmuth und die Freisinnigkeit an, mit der sie von den siegenden Rebellen behandelt waren.

Das feste und militärische Benehmen eines kleinen Cadetten frappirte mich besonders als Contrast gegen die Niedrigkeit eines seiner Lehrer, der am Morgen vor unserer Ankunft eine erbärmliche, mit beleidigenden Invectiven gefüllte Proclamation an die Einwohner und Truppen erließ, worin er sie aufforderte, gegen die blutdürstigen Meuchelmörder bis auf den letzten Mann sich zu vertheidigen. Nun aber, da er uns als Sieger in der Stadt sah, suchte er unsere Gunst durch eben so jämmerliche Schmeicheleien und kriechende Unterwürfigkeit zu gewinnen, während wir sein Machwerk in der Tasche hatten und darüber lachten. Jener Cadett aber, ein Bursche von dreizehn Jahren, stand als Schildwache bei den im Speisesaal zusammengesetzten Carabinern des Corps mit der Instruction, Niemand die Waffen berühren zu lassen. Kaum hatten wir den Alcazar besetzt, als ein plumper Navarrese in das Zimmer trat und sofort einen der schönen Carabiner gegen sein Gewehr eintauschen wollte. Die Schildwache rief ihm ruhig ihr: „zurück!“ zu. Der Navarrese griff nach dem Carabiner mit verächtlichem Seitenblick den Knaben messend, als die Schildwache wieder ein herrisches „zurück!“ ihm zudonnerte und das Gewehr mit der Drohung auf den Erstaunten anlegte, ihn sofort niederzuschießen. Einige Officiere entfernten den fluchenden Navarresen, dem Cadetten gerechtes Lob für die Erfüllung seiner Pflicht in solcher Lage spendend.

Große Schätze waren uns zu Segovia in die Hände gefallen, so viele tausend Gewehre, eine bedeutende Munitions-Niederlage und einige zwanzig Geschütze, von denen acht auf den Mauern des Alcazar aufgepflanzt waren, dann fanden wir ungeheure Magazine vor, und aus dem erbeuteten Tuche wurde die ganze Division neu uniformirt. Die Stunden vergingen rasch in fortwährender drängender Beschäftigung. Der Intendant fand gleichfalls außer dem baaren Gelde der königlichen Cassen zwanzig Millionen in Staatsschuldscheinen vor und... ließ das Packet öffentlich auf dem Markte verbrennen. Als Zariategui auf die Nachricht erschreckt und zornig hineilte, kaum das Geschehene glaubend, sagte ihm der Finanzmann mit kläglicher Miene, er habe geglaubt, daß die Papiere nur für Isabella’s Regierung Werth hätten, weßhalb er sie habe zerstören lassen. Viele behaupteten, der Intendant habe andere Papiere untergeschoben. In der Münze waren nur noch einige Barren, da sie ganz ausgeplündert wurde; in ihr wurden Geldstücke mit dem Bildnisse Carls V. geprägt, die einzigen, welche je angefertigt wurden.

Noch möchte ich ein ausgezeichnetes Monument antiker Baukunst nicht unerwähnt lassen, da es stets meine Bewunderung in hohem Maße erregte: eine alte Wasserleitung, deren Ursprung ungewiß ist, dort aber den Carthaginensern und selbst den Phöniciern zugeschrieben wird. Sie besteht aus behauenen Steinblöcken von solchem Umfange, daß zu ihrer Herbeischaffung und Placirung Kräfte müssen angewendet worden sein, wie sie für jene Zeiten uns kaum denkbar scheinen; das Merkwürdigste dürfte sein, daß diese Steine an einander gefügt sind, ohne daß das Auge das geringste bindende Material zu entdecken vermöchte. Jeder Karren, der unter den weiten Bogen hinfährt, macht den ganzen Bau erzittern, und doch trotzte dieses Riesenwerk Jahrtausenden. Über einem Bogen findet sich eine halb zerstörte Inschrift in Charakteren, über welche die Forscher bisher nicht einig waren, und die, anstatt in den Stein gehauen zu sein, künstlich auf ihm befestigt sind.


Indem das Bataillon — in Skelett — von Aragon in Segovia zurückgelassen wurde, um sich aus den stets herzuströmenden Rekruten zu vervollständigen, zogen wir am 6. August auf der Straße nach Madrid vorwärts, welches an eben dem Tage in Belagerungszustand erklärt ward. Mendez Vigo zog sich bei unserer Annäherung zurück, so daß wir ohne Widerstand das prachtvolle Lustschloß von San Ildefonso besetzten. Der General mit einem großen Theile der Officiere besah das Schloß, in dem Alles in dem Zustande sich befand, wie die Königinn Wittwe es verlassen hatte, so daß viele Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten in den Gemächern zerstreut umherlagen. Dann ließ Zariategui das Schloß schließen und Todesstrafe für einen Jeden verkünden, der den kleinsten Schaden anstiften würde. Am Abend spielten die schönen Wasserkünste der Gärten, die weithin ausgedehnt und mit geschmackvoller Eleganz geschmückt, ganz das Werk Christina’s waren.

Langsam überstiegen wir das wilde Guadarama-Gebirge, auf dessen höchstem ganz kahlem Gipfel ein ruhender Löwe über einem Piedestal sich erhebt, dessen Inschrift anzeigt, daß „Ferdinand VI. die Gebirge besiegt habe“, um durch diese Straße die beiden Castilien zu verbinden. Mendez Vigo wich fortwährend, bis wir ihn am 11. Aug. Morgens nur noch drei Stunden von der Hauptstadt entfernt, deren Thürme aus der Ferne uns winkten, in einer festen Stellung trafen, die durch achtzehn Geschütze der reitenden Artillerie der Garde gedeckt war. Die Stellung war augenscheinlich unangreifbar und Umgehung durch das Terrain faktisch unmöglich gemacht, da rechts und links tiefe Abgründe und ungangbare Felswände sich hinzogen. Dennoch ließ Zariategui einige Bataillone vorrücken, die jedoch, nachdem sie wenige vorgeschobene Truppen auf die Hauptposition zurückgetrieben, mit Granaten empfangen sich zurückzogen mit einem Verlust von zwanzig bis dreißig Mann, der, so gering er scheinen mag, eine nutzlose Aufopferung war und vermieden werden mußte und konnte, da die Demonstration durchaus keinen Zweck hatte und nur durch den erbärmlichen Stolz, nicht ohne Gefecht sich zurückziehen zu wollen, veranlaßt ward. Wir übernachteten in mehreren Ventas und gingen dann, ohne vom Feinde gedrängt zu werden, auf der Straße von Villacastin auf Segovia zurück, während die Brigade von Vizcaya über den nahen Escurial marschirte.

Vielfältig ist es dem General Zariategui zur Last gelegt, daß er zu jener Zeit nicht Madrid’s sich bemächtigt habe, und in der That war bei unserm Vormarsche die Hoffnung, in die Hauptstadt einzuziehen, in der Division allgemein verbreitet. Selbst unterrichtete Officiere, die bei dem Zuge gegenwärtig waren, haben behauptet, daß der General die Begeisterung der Truppen benutzend, die bei dem Anblicke Madrid’s zu Allem sie bereit machte, Mendez Vigo hätte schlagen und die Stadt nehmen müssen; sie ließen sich in ihrem Urtheile wohl nur durch ihren feurigen Muth leiten, der ihnen jedes Hinderniß als unbedeutend schilderte, da nur noch eine Kraftanstrengung zur Erreichung des ersehnten Zieles nöthig schien. Wenn man die Stärke der Division Vigo — 9000 Mann —, die Zahl der Nationalgarden — acht Bataillone — und der übrigen Truppen in dem großen befestigten Madrid und dagegen die Schwäche der Division Zariategui — in Segovia nach den im Generalstabe abgegebenen Rapporten der Corps 3950 und einige Mann und 300 Pferde schlagfertig — und ihre gänzliche Entblößung von Artillerie berücksichtigt, kommt man leicht zu dem Schlusse, daß es Tollheit gewesen wäre, die Hauptstadt anzugreifen, selbst wenn Mendez Vigo den Weg dahin ganz frei gelassen hätte. Billig aber muß bewundert werden, wie dieses kleine Corps so Vieles ausrichten konnte.

Da die Division am 13. Villacastin sich näherte, entfloh der Gouverneur mit 120 Pferden und 40 Infanteristen, ward aber von der Escadron 3 von Navarra unter dem braven Oberst Osma eingeholt, trotz seiner Mehrzahl chargirt und geschlagen; Osma kehrte mit achtzig gefangenen Reitern, den vierzig Infanteristen und dem Gouverneur zurück, dessen Leben mit Mühe durch unsere Truppen gerettet wurde, da das Volk in Villacastin wüthend den Kopf seines Peinigers forderte. Als wir in die Stadt einzogen, sahen wir fern hinter uns auf der Höhe des Guadarama eine mächtige Staubwolke sich einherwälzen: das Armeecorps Espartero’s, der, mit seinen 20000 Mann von Guadalajara zum Schutze der Residenz herbeigerufen, am Abend vorher seinen Einzug dort gehalten hatte, war ohne Rast zu unserer Verfolgung aufgebrochen. Zugleich folgte uns der nun mit General Aspiroz vereinigte Mendez Vigo, und die Division Puig Samper, in Eilmärschen aus der Provinz Cuenca herangezogen, operirte auf unserer linken Flanke. So war der eine Zweck des kühnen Zuges erreicht: das Expeditions-Corps des Königs war von einem Theile der Massen befreit, die sich gegen dasselbe vereinigt hatten und in den Gebirgen von Cantavieja es zu erdrücken drohten. Die unmittelbare Folge davon war die siegreiche Schlacht beim villar de los navarros.

Am 14. Mittags langten wir wieder in Segovia an, von den feindlichen Colonnen, die bei unserm Abmarsche von Villacastin angesichts der Stadt standen, nahe verfolgt. Wir fanden nicht nur das Bataillon von Aragon vollständig, sondern auch ein anderes, von Segovia genannt, aus freiwilligen Rekruten gebildet, die sofort mit einem Theile der genommenen Gewehre bewaffnet wurden. Am Abend ward im Theater ein großes Schauspiel aufgeführt, da wir eine Comödianten-Gesellschaft aufgefangen und nach der Stadt geschickt hatten. Die Freiwilligen, denen freier Zutritt gestattet war, und die daher den größten Theil des Hauses einnahmen, staunten jubelnd die Wunderdinge an, da sie ja in den vaterländischen Gebirgen nichts Ähnliches gesehen hatten, und als endlich der nationale Bolero das Fest schloß, mußte unter dem donnernden Applaus unserer Burschen der malerische Tanz wiederholt werden.

Gewaltige Verwirrung herrschte indessen in der Stadt. Unbegreiflicher Weise war während der eilf Tage, die unsere Truppen in ungestörtem Besitze derselben zugebracht, Nichts geschehen, um für den Rückzug, der doch wohl vorausgesehen werden mußte, die nöthigsten Vorbereitungen zu treffen, so daß nun Alles in Unordnung durch einander rannte und wir in Betreff der Transportmittel lediglich auf das beschränkt waren, was die Stadt uns bieten konnte. Ein wenig Fürsorge des Generals würde alle die unersetzlichen Effekten gerettet haben, die wir nun mit tiefem Schmerze aufgeben mußten. Der größte Theil der vorgefundenen Vorräthe, die Lebensmittel und das Tuch wurden verlassen, das Pulver, mit Ausnahme von etwa funfzig Maulthierlasten, ward in einen nahen Teich geworfen, und, noch empfindlicher! selbst für die Fortschaffung der Gewehre reichten unsere Mittel nicht hin. Die Artillerie wurde ruinirt, nur eine sechspfündige Kanone und eine fünfzöllige Haubitze, beide ganz neu und ausgezeichnet durch Schönheit und Leichtigkeit, konnten mitgeführt werden; für erstere wurden zweihundert, für die Haubitze einhundert funfzig Schuß ausgewählt, alles Übrige mußte zurückbleiben. Auch unsere Verwundeten ließen wir mit denen des Feindes in dem Hospitale; ihre Klagen und ihr Flehen, da sie so dem Elende der Gefangenschaft sich hingegeben sahen, waren herzzerreißend und ach! nur zu gegründet, denn Wenige wurden je wieder mit den Ihrigen vereinigt. Während der Nacht war alle Welt in Bewegung, da die Saumthiere gesammelt, bepackt und wieder entladen werden mußten, weil etwa irgend etwas Wichtigeres vergessen war; Befehle wurden von hundert Stimmen auf einmal gegeben, von Niemand ausgeführt, denn Jeder war schon mehr als zu sehr beschäftigt. Gegen Morgen ward Apell geblasen, nach welchem die Truppen in ihre Quartiere zurückkehrten, um eine halbe Stunde später durch das Assemblee-Signal wieder zur Formation gerufen zu werden. In der Meinung, es gelte einer Gewehr-Inspection, die am Tage vorher angesagt war, ließen viele Soldaten, sorglos wie sie sind, ihr Gepäck im Logis zurück und mußten ohne dasselbe abmarschiren; denn die feindlichen Colonnen standen nur noch eine halbe Stunde von Segovia und rückten von Süden her in die Stadt, als wir, der vorausgesandten Bagage folgend, auf der Straße nach Aranda aufbrachen, um die Sierra, unsern Stützpunkt, wieder zu gewinnen.

Rührend war der Schmerz der Einwohner, als sie uns davon ziehen sahen. Eben Die, welche wir bei unserm Einzuge mißhandelt und ausgeplündert hatten, flehten jetzt weinend, wir möchten sie nicht verlassen, nicht wieder dem Elende und den Erpressungen der revolutionairen Regierung Preis geben. So wohlthätig hatten die Milde Zariategui’s und sein versöhnendes Betragen, wie die nähere Bekanntschaft mit unsern ungebildeten, aber treuherzigen und wackern Freiwilligen auf Aller Gemüther eingewirkt. Zariategui hatte nicht nur die Stadt ganz von Contributionen und sonstigen Abgaben befreit, er vertheilte selbst in Rücksicht auf die Leiden, welche die Erstürmung nach sich geführt, unentgeltlich die nöthigsten Bedürfnisse, von dem Geraubten wurde Vieles zurückerstattet, und die einzelnen unvermeidlichen Fälle, in denen Soldat oder Officier dem Bürger Grund zur Klage gegeben, waren mit Strenge bestraft. Schmerzlich ist, daß er mit so edler Schonung der friedlichen Bewohner nicht die nothwendige Thätigkeit und Energie verband, durch die er manche Verluste uns hätte ersparen und die errungenen Vortheile ganz benutzen können.

Während die Brigade Vizcaya mit den Escadronen der Legitimität und Cantabrien die Heerstraße hinabzog, marschirte das Hauptcorps rechts von derselben ab, anfangs in höchster Ordnung und schlagfertig, wiewohl der Feind uns nicht auf dem Fuße zu verfolgen schien. Als wir aber um Mittag eine dürre Sandebene betraten, auf der, so weit das Auge reichte, kein Haus, keine Höhe, nur hie und da Fichtengehölz zerstreut sich zeigte, als bei drückender Gluth der Sonne im aufquellenden Staube weder Quelle noch Brunnen gefunden ward, den brennenden Durst zu löschen; da wurde die Marschcolonne immer länger und länger, und die Bataillone mit Ausnahme des 1. von Navarra, welches geschlossen den Nachtrab bildete, löseten sich endlich ganz auf, da die Soldaten rechts und links sich zerstreuten, um Wasser zu suchen und zugleich die Staubwolken des Weges zu vermeiden. Wie eine große Schafheerde durchkreuzte die Division die Ebene, als hinter uns Waffen und Helme durch den Staub blitzten: die feindliche Cavallerie nahete in scharfem Trabe und war im Begriff, sich auf uns zu werfen. Ein ungeheurer Schrei des Schreckens ertönte weit hin über die Fläche, und die Freiwilligen rannten in kleine Haufen sich zu vereinigen, während ich im Gefolge Elio’s dem 1. von Navarra zuflog, welches er sofort in Masse formirte und rechts und links durch die beiden Escadrone von Navarra deckte. Hätte der Feind seine sieben oder acht Escadrone in mehrere Theile getheilt und so auf die ungeordnete Menge sich geworfen, würde gewiß gänzliche Vernichtung uns getroffen haben; aber er vereinigte sich in eine große Colonne uns gegenüber und stürmte in drei Echelons zum furchtbaren Choc gegen das Carré. Elio ließ die Escadronen bis auf dreißig Schritte nahen, ehe er das Commando zum Feuer gab: sie zerstoben nach allen Seiten, dem zweiten Echelon Platz machend, welches wie das dritte rasch ihr Schicksal theilte, den Boden mit Menschen, Pferden und Waffen bedeckt lassend. Die Navarresen verlangten nun, den geworfenen Feind zu chargiren, was Elio nicht gestattete, worauf der Marsch mit größerer Vorsicht und Ordnung fortgesetzt und von der christinoschen Cavallerie, die sich in respektsvoller Entfernung hielt, nicht weiter beunruhigt wurde.

Bei der gewöhnlich so großen Scheu unserer Infanterie vor den Cavallerie-Angriffen, die im Gebirgskriege so selten und daher durch den Mangel an Vertrautheit mit ihnen mehr gefürchtet sind, war das Betragen unserer Soldaten bemerkenswerth, die, anstatt zu fliehen, in kleine Massen vereinigt dem formirten Bataillon sich anzuschließen eilten. Einem Officier, der einem Trupp Navarreser, auf das nahe Gehölz deutend, zurief, sich dahinein zu werfen, antworteten die braven Burschen dem Bataillone sich zuwendend: „Nein, wir siegen oder wir sterben mit unsern Brüdern.“

Bald hatten wir, mit Vizcaya vereinigt, den Duero passirt und erreichten die Gebirge von Soria, während die feindlichen Divisionen Mendez Vigo und Puig Samper nach Aranda marschirten. Espartero war nach Madrid zurückgekehrt, um von neuem dem königlichen Expeditions-Corps sich entgegen zu stellen.

[29] Diese Expedition, als eine der interessantesten und da meine Stellung mit allen Details mich genau bekannt machte, habe ich weitläuftig behandeln wollen, so daß sie ein deutlicheres Bild unserer Kriegesart zu geben vermag.

[30] Der schönste Mann, den ich je gesehen, vielleicht sechs und zwanzig Jahre alt. Abgeschnitten und ohne Rettung sprang er vom Pferde und rief, auf ein Knie sich niederlassend und dem nächsten Lancier seinen Degen reichend: Pardon, Pardon! dieser stach ihn trotz dem Zurufe zweier heransprengender Officiere erbarmungslos nieder. Als ich von der Verfolgung zurückkehrte, lag der Leichnam, ein Bild männlicher Kraft, ganz nackt neben dem Wege.

[31] Bei den Divisionen, welche die Nordprovinzen verließen, war meistens die Stellung der Officiere vom Generalstabe sehr schwierig, da sie aus Mangel an Ingenieur- und Artillerie-Officieren deren Geschäfte mit übernehmen mußten. Bei der Expedition Zariategui befand sich ein Ingenieur und ein Officier der Artillerie, der bald getödtet wurde. Übrigens zogen die Generalstabs-Officiere die höchste Eifersucht der andern Officiere auf sich, da sie zu jedem gefährlichen Unternehmen gebraucht wurden. Von den sieben Officieren, welche unter Brigadier Elio den Generalstab bildeten, wurden zwei getödtet und drei schwer verwundet.