XI.
Als die Division in den Gebirgen, die zwischen Soria und Burgos in beiden Provinzen sich hinziehen, mit dem Obersten Barradas sich vereinigte, fanden wir zu unserm höchsten Erstaunen, daß der Auftrag, Lebensmittel anzuhäufen und passende Orte zu befestigen, gar nicht in Ausführung gebracht war. Ein neu gebildetes Bataillon war jedoch da, für das es nun an Waffen und Uniformen gebrach. Wie schmerzlich empfanden wir da den Verlust der Tausende von Gewehren, die durch unsere Schuld in Segovia hatten zurückbleiben müssen. Hier stieß auch der Oberst Valmaseda zu uns, der mit dem 8. Bataillon von Castilien — 250 Mann, — vier Compagnien von Alava und anderen vier von Navarra bei Mendavia den Ebro passirt hatte, um einen bedeutenden Munitions-Transport dem Corps des Königs zuzuführen. Die Compagnien von Alava und Navarra kehrten sofort nach den Nord-Provinzen zurück, während Valmaseda, später als Partheigänger durch kühne Entschlossenheit wie durch Wildheit bekannt, mit einiger Cavallerie seinen Zug fortsetzte. Castilla blieb mit unserer Division vereinigt.
Bis zum Ende des Monates August standen wir ohne wichtige Ereignisse in der Sierra, vorzüglich mit der Ausbildung der neu errichteten Bataillone beschäftigt und Vorräthe jeder Art in San Leonardo und Ontorio del Pinar sammelnd. So wie wir dort anlangten, war eine Operation gegen die kleine Colonne von Soria, 2500 M. stark, versucht worden, die bisher in der Verfolgung des Oberst Barradas beschäftigt gewesen, dem als des Terrains Kundigem die Leitung des Unternehmens anvertraut wurde. Die Colonne ward nach erschöpfenden Hin- und Hermärschen während der Nacht umstellt und jeder Ausweg ihr abgeschnitten, so daß wir sie sicher gefangen hatten, als ... sie bei Anbruch des Tages verschwunden war. Barradas hatte eine Schlucht zu besetzen versäumt, und durch sie war der Feind entflohen.
Mendez Vigo, nachdem er lange unthätig in Aranda de Duero gerastet, wo seine Truppen von Erschöpfung vollkommen aufgelöset angekommen waren, hatte sich endlich gegen uns in Bewegung gesetzt und seine 7000 Mann in Navreda aufgestellt, wo Zariategui ihn am 28. August zu überfallen beschloß. Spät am Morgen naheten wir dem Dorfe und erfuhren von einigen Bauern, die wir eine Stunde entfernt antrafen, daß die Truppen mit Reinigen der Wäsche und Gewehrputzen beschäftigt seien; auch gelang es uns, nur wenige tausend Schritt von dem feindlichen Vorposten — ein einziger Posten war ausgestellt — einen seinen Blicken offenen Grund unbemerkt zu durchkreuzen. Alles versprach uns glücklichen Erfolg. Die Brigade von Navarra sollte rechts hinter dem Dorfe ein Gebüsch besetzen, welches als Rückzugspunkt des Feindes angesehen werden mußte, während Noboa mit dem 5. von Castilien links den Ort umgehen und, so wie das Feuer begänne, mit dem Bajonnett auf ihn sich stürzen, das Hauptcorps aber in der Front und von der rechten Seite ihn bestürmen würde, so den Feind auf die versteckte Brigade werfend. Schon war Navarra auf dem Marsche nach jenem Gebüsche, als plötzlich Feuer zu unserer Linken gehört wurde, dem alsbald die Allarm-Trommeln im Dorfe antworteten: Noboa war es, der, so wie er den feindlichen Feldwachen sich gegenüber sah, mit lautem Geschrei sie angriff und in das Dorf hineintrieb. Die feindliche Division verließ dieses sogleich und wälzte, eine große verwirrte Masse, dem Gebüsch sich zu, in dem, wenn nicht Noboa’s Übereiltheit den Plan vereitelte, Navarra sie schon hätte empfangen müssen. Nur die großen Wachen des Feindes, einzige geordnete Truppe, deckten den Rückzug der Division, die von Castilien kräftig gedrängt wurde. In dem Gebüsche formirte sie sich rasch, als Navarra dort ankam, fest mit dem Bajonnette sie angriff, Alles warf, was sich ihm entgegenstellte, mehrere hundert Gefangene machte und, furchtbare Gewohnheit, die oft den navarresischen Bataillonen verderblich wurde, sich zerstreute, die Gefangenen zu plündern. Mendez Vigo führte seine Reserve herbei, die allein noch auf dem Kampfplatze formirt war, und trieb ohne Schwierigkeiten die debandirten Bataillone vor sich her. Ihre Vernichtung schien unvermeidlich, als die Reserve in der Flanke angegriffen und zum Stehen genöthigt wurde. Zariategui, richtig die Ereignisse beurtheilend, hatte unter Elio’s Leitung einige Bataillone auf das Gebüsch entsendet, so wie Noboa unzeitig das Feuer eröffnete; wir langten mit Valencia in dem Augenblick an, da Navarra in gänzlicher Unordnung floh, griffen mit dem Bajonnett an und warfen die Reserve des Feindes, die eilig auf die übrigen Truppen zurückwich. Umsonst waren die Befehle, Drohungen und Bitten der christinoschen Generale, um ihre Soldaten zum Stehen zu bringen. Die ganze Division floh, von panischem Schrecken ergriffen, bis Aranda, wo sie unwillig sich empörte und Mendez Vigo zwang, das Commando niederzulegen, so daß nun Puig Samper beide Divisionen befehligte.
Zariategui aber, da auch seine Truppen in hohe Verwirrung gerathen, kehrte in seine frühere Stellung zurück, von wo er gegen Salas de los Infantes aufbrach, in dessen Castell eine Besatzung von 120 Mann sich befand. Nach vier und zwanzigstündiger Beschießung aus unsern beiden Geschützen, wobei die Kanone ihres geringen Calibers wegen auf funfzig Schritt Entfernung vom Fort aufgestellt war, ergab es sich, und die Garnison, von der etwa 30 Mann vorzogen, für Carl V. die Waffen zu ergreifen, marschirte nach Aranda ab. Mit dem Gepäcke der Colonne von Soria, welches sie, um leichter zu marschiren, in Salas zurückgelassen hatte, konnten unsere jungen Bataillone bekleidet werden; die abgeschossenen Kanonenkugeln wurden, so viel thunlich, wieder eingesammelt. An demselben Tage zogen wir vor el Burgo de Osma, ein reiches niedliches Städtchen, welches gleichfalls durch ein Fort, aus einer Kirche in solches verwandelt, gedeckt war. Der Chef du jour ließ, da das Fort nur von einem schmalen Platze umgeben war, die Kanone der bessern Deckung wegen in das erste Stockwerk eines gegenüber liegenden Hauses postiren, und durch den Balkon feuern. Bei dem ersten Schusse stürzte, wie längst vorhergesagt war, der Fußboden ein, so daß über dem Hervorziehen aus dem Schutte und der neuen Aufpflanzung, die auf dem Platze unter lebhaftem Feuer des Feindes geschehen mußte, die Nacht anbrach. Am Morgen capitulirte die Garnison, zwei Compagnien, mit den Bedingungen, die Salas erlangt hatte. So Herren der ganzen Sierra, ohne daß Puig Samper, uns so sehr überlegen, irgend eine Bewegung unternommen hätte, richteten wir uns gegen Lerma, welches auf der großen Heerstraße in gleicher Entfernung von Burgos und Arando de Duero die Verbindung dieser Städte und dadurch die von Madrid mit der Nordarmee der Christinos sicherte, weshalb die mit Mauern umgebene Stadt durch ein Bataillon und eine Escadron garnisonirt war; das als trefflich geschilderte Fort beherrschte sie. Indem wir, aus dem Gebirge hervorbrechend, wieder zur Offensive übergingen, wurden die neuorganisirten Bataillone in der Sierra zurückgelassen, um sich dort in Ruhe zu üben und auszubilden.
Bei der Belagerung von Salas und el Burgo hatte ich einen verhältnißmäßig müssigen Zuschauer abgegeben, da jedes Mal nur zwei Officiere des Generalstabes ihrer Anciennetät nach mit den vorfallenden Geschäften, d. h. mit Allem, was sonst dem Ingenieur- und Artillerie-Officier obliegt, beauftragt wurden. Denn die carlistischen Artilleristen bekümmerten sich nur um die Fortschaffung ihrer Geschütze und um das Feuern; auch der Bau der Batterien gehörte nicht in ihren Bereich. Jetzt bei der dritten Belagerung lag es mir als drittältestem Officier ob, die Arbeiten zu dirigiren, wozu der Pr. Lieutenant Galindo als jüngerer Officier mir beigegeben wurde. Am Mittage des 5. September, da die Division die Chaussee von Aranda nach Lerma erreichte, sandte uns deshalb Zariategui mit einer Jäger-Compagnie und zwölf Pferden voraus, um die Stadt zu recognosciren.
Von Ungeduld hingerissen ließ ich, etwa anderthalb Stunden von Lerma entfernt, das Detachement unter der Führung eines Gefährten zurück und ritt die Heerstraße entlang der Stadt zu. Frohen Muthes trabte ich auf meinem prächtigen Goldfuchs, demselben, der bei Zambrana den portugiesischen Obersten getragen, durch das reiche Hügelland, mit Freude die dunkelnde Färbung der Trauben, mir die lieblichste Frucht, bemerkend, da die sanften Abhänge zur Anlegung von Weingärten benutzt waren. So bog ich um die scharfe Ecke eines Hügels, um dessen Fuß die Straße sich hinwand, als ich zu meiner Überraschung kaum zweihundert Schritt entfernt die Stadt erblickte, und auf dem schattigen Spatziergange, der zwischen ihr und dem Hügel sich hinzog und mit eleganten Damen und Herren, meistens Officieren, bedeckt war, ein starkes Detachement Cavallerie, das wie es schien, im Begriff war fortzureiten. So wie ich, durch das Scharlachbarett mit goldenem Quaste auf den ersten Blick als Carlist erkannt, trabend um die Ecke bog, ertönte ein wilder Schrei: „los facciosos, los facciosos!“ Die Damen kreischten, die Spatziergänger flogen mit nie gesehener Behendigkeit rechts und links durch die Felder, und die 25 Lanciers, die so eben zur Recognoscirung der Division abgehen sollten, jagten in Carriere der Stadt zu. Sie mußten natürlich voraussetzen, daß die Truppen unmittelbar mir folgten.
Da ich alle Welt laufen sah, sprengte ich hinter den Fliehenden drein, die das Stadtthor bereits geschlossen fanden und daher längs der Mauer sich hinwandten, von der einige Schüsse mich kurz halten machten. Die Cavallerie, da sie mich fortwährend allein sah, hielt auch an und kehrte bald zögernd gegen mich zurück: ich wandte halb mein Pferd und forderte den Capitain, der an der Spitze seiner Leute ritt, auf, allein vorzukommen; da er aber von der ganzen Schaar begleitet heransprengte, jagte ich davon, sofort mit furchtbarem Geschrei von dem Feinde verfolgt. Ehe er indessen die Biegung passirte, hielt er nochmals an, wohl ungewiß, ob nicht Truppen dahinter ständen, wodurch ich einen kleinen Vorsprung gewann. Als aber die Lanciers dann, so weit ihr Blick reichte, kein carlistisches Barett sahen, da war ihr Muth plötzlich wiedergekehrt, und in wilder Jagd tobten sie die Straße hinab hinter mir her. Ich konnte auf meinen Renner vertrauen und erkannte ihn bald den Pferden der Feinde überlegen, während die Hecken und Weingärten diese zwangen, vereint auf der Straße zu bleiben; so sah ich sie mit Freude mir folgen und bemühte mich nur, möglichst die Kräfte meines Thieres zu schonen.
Endlich nach halbstündigem Lauf sah ich das Detachement mir nahe; die Infanterie nahm eine Stellung auf einem Hügel ein, die Pferde postirten sich auf die Straße, ihre ganze Breite einnehmend. Doch bald erkannte ich an den Reitern jene schwankende Bewegung, das unruhige Vor- und Zurückprallen einzelner Pferde, die stets das sichere Vorzeichen augenblicklicher Flucht sind. Ich fühlte mich erbleichen: die ganze Last der Verantwortlichkeit fiel mir auf das Herz, wie sie mich treffen mußte, wenn meine Reiter zur Division flohen und die Infanterie verlassen zurückblieb. Da konnte nur schneller Entschluß retten. Verzweifelt riß ich das Pferd herum und stürzte mit gezücktem Säbel auf den feindlichen Rittmeister, der, wenige Schritte hinter mir, seinen Leuten bedeutend voraus war. Überrascht wich er und warf sich unter die Lanciers. Mein Zweck war erreicht; denn meine Reiter, durch den raschen Akt ermuthigt, chargirten, und die Feinde flohen verwirrt zurück. Bis dicht vor die Stadt setzten wir die Verfolgung fort und nahmen drei der Christinos, einen von ihnen verwundet, gefangen; wir fanden die Thore noch immer geschlossen, und als bald meine Jäger anlangten, fingen sie einen Officier und mehrere andere Spatziergänger auf, die noch in den Feldern umherirrten. Auch nicht ein Mann war von dem Gouverneur entsendet, um Nachricht über uns und über die Lanciers einzuziehen; noch an demselben Abend, ehe wir die Stadt einschließen konnten, ward die feindliche Escadron weggeschickt und zog sich auf Aranda zurück.
Ich hatte bei Abgabe der Gefangenen nur allgemein gemeldet, daß ich ein kleines Rencontre gehabt. Als aber Zariategui bei der Übergabe des Forts durch die christinoschen Officiere den Vorfall erfuhr, schickte er mich nach einem derben Verweise arretirt nach meinem Logis, weil ich meine Truppen verlassen, durch jugendlichen Übermuth, wie er es nennen wollte, das Gelingen des mir Aufgetragenen compromittirt und mich selbst unnütz ausgesetzt habe. Nach einer Viertelstunde ließ er mir durch einen Adjudanten ankünden, daß ich frei sei, und ein prachtvolles englisches Fernrohr, das, in Lerma erbeutet, meine Bewunderung erregt, mir überreichen, damit ich in Zukunft den Feind aus der Ferne sehen könne.
Als die Division am Abend anlangte, hatte ich meine Recognoscirung bewerkstelligt und erhielt vom General auf meinen Antrag zwei Compagnien Grenadiere, um einen Versuch zur Überrumpelung der Stadt zu machen. An mehreren Punkten lehnten sich Häuser an die Mauer, so daß ich hoffte, durch eines derselben mich introduziren zu können, aus dem ich bei Tagesanbruch vorbrechen, dem Corps die Thore öffnen und die in der Stadt befindlichen Christinos nach dem Castell jagen würde, wo der größere Theil der Besatzung die Nacht zubrachte. In der That gelangte ich nach Mitternacht mit meinen Grenadieren unbemerkt an eines jener Häuser und stieg auf einer Leiter zu einem etwa dreißig Fuß über dem Boden befindlichen Fenster empor. Nach wiederholtem Klopfen antwortete zitternd eine feine weibliche Stimme; mit der Versicherung, daß sie persönlich Nichts zu besorgen habe, verband ich die Drohung, das Haus in Brand zu stecken, wenn sie nicht sofort öffne. Das Fenster flog auf, und mit Entsetzen sah ein junges, reizendes Mädchen, kaum mit dem übergeworfenen Tuche bedeckt, ihr Zimmer mit bärtigen Grenadieren gefüllt. Der Ausdruck der Stimme, da sie halb ohnmächtig auf einen Stuhl sinkend: „caballero, por Dios!“[32] mir zuhauchte, erschütterte mich tief, und ich eilte aus dem Heiligthume sie zu führen, zu dessen rücksichtsloser Verletzung ich das Werkzeug gewesen war. Auf dem Vorplatze übergab ich sie der Mutter, die entsetzt bei dem ungewöhnlichen Lärm herbeieilte. Natürlich sah ich die Damen, welche einer der ersten Familien der Provinz angehörten, nicht wieder; mehrere Jahre später traf ich aber in Morella den Bruder des jungen Mädchens, einen ausgezeichneten Officier im Sappeur-Corps, der damals im väterlichen Hause sich aufhielt und oft über die tragikomischen Scenen jener Nacht lachte.
Mit den größten Vorsichtsmaßregeln wurde bewirkt, daß eine Wache, die im anstoßenden Hause sich befand, nicht das mindeste Geräusch hörte, bis wir, so wie der Tag graute, auf die Straße stürmten und ein lebhaftes Feuer eröffneten, um in der Stadt Verwirrung zu erregen und die Unseren zu benachrichtigen. Während die eine Compagnie das nahe Thor öffnete und die schon harrenden Bataillone einließ, durchstreifte die andere, in Patrouillen vertheilt, die Straßen, wo der Feind, ohne an Widerstand zu denken, dem Fort zueilte. Mit vier Mann verfolgte ich einige Flüchtlinge und hatte fast sie erreicht, als sie um eine Ecke bogen und uns ein lebhaftes Flintenfeuer entgegen donnerte: wir standen unmittelbar vor dem feindlichen Fort, und ein Tambour, vor dem uns bisher die Fliehenden gedeckt, bestrich die ganze Straße. Zwei meiner Grenadiere stürzten nieder, der dritte schwankte einige Schritte zurück und sank gleichfalls, wir andern Beiden flogen in weiten Sprüngen die Straße hinab, von den feindlichen Kugeln umzischt, bis wir — uns schien die Zeit eine Ewigkeit — ein schützendes Seitengäßchen erreichten. Einer von den Grenadieren war todt, die andern wurden bald mit Haken, die an lange Stäbe befestigt waren, in die nahen Häuser gezogen und den Wundärzten übergeben.
Das Fort bestand aus einem sehr festen Kloster und einer Kirche, die künstlich zu einem zusammenhängenden Vertheidigungs-Systeme eingerichtet waren, dessen erste Linie der vorliegende gleichfalls befestigte Platz bildete. Zur Beschießung bot sich ein ganz besonders günstiger Punkt dar, auf dem keine Kugel verloren gehen und der am wenigsten Feuer gegen unsere Arbeiten und bei dem Sturme concentriren konnte, während alle übrigen Punkte, gegen die wir Artillerie hätten aufstellen können, durch starkes flankirendes Feuer beschützt wurden. Dagegen mußte dann die Batterie kaum dreißig Schritt von dem Fort angelegt werden, weil die feindlichen Werke den Raum weiter rückwärts ganz von der Seite beherrschten, was bei dem Batteriebau ungeheuren Verlust nach sich ziehen mußte. Es gelang mir mit Elio’s Hülfe endlich, die Einwilligung des Generals durch die Bemerkung dazu zu erhalten, wie sehr die Wirkung unseres Sechspfünders gegen die starke Mauer durch solche Nähe erhöht werde. Wir eröffneten daher, von Haus zu Haus die Zwischenwände durchbrechend, einen verdeckten Gang, stapelten in dem letzten Hause einen großen Vorrath von Wollmatratzen, Mehlsäcken und ähnlichen Gegenständen auf und stürzten, ein Jeder mit Matratzen oder Säcken belastet, auf die Straße, in der ein furchtbarer Kugelregen uns empfing. In einem Augenblicke war eine Brustwehr errichtet, hinter der dann der regelmäßigere Bau der Batterie vor sich gehen konnte. Am Nachmittage war sie vollendet trotz dem unausgesetzten Feuer der Besatzung, welche uns 4 Mann und den Artillerie-Capitain, den einzigen Officier dieser Waffe, tödtete und siebenzehn Mann verwundete, von denen mehrere bei dem Versuche, von einer Seite der Straße nach der andern hinüberzuspringen, getroffen wurden, da die Besatzung, das Bataillon Schützen von Cantabrien, aus geübten Gebirgsjägern bestand, die jedes lebende Wesen, selbst Hunde und Katzen, niederstreckten, so wie sie in Schußweite sich zeigten. Ein Barett, auf einem Bajonnett kaum über die Brustwehr erhoben, fiel in einer Sekunde in Fetzen herab.
Während des Batteriebaues hatte Brigadier Elio aus Matratzen einen großen Schirm anfertigen lassen, der auf Rädern ruhend leicht geschoben wurde; hinter ihm schleppten die Freiwilligen mit Jubel die Kanone heran, indem sie spottend die feindlichen Schützen aufforderten, nun die Geschicklichkeit zu zeigen, deren sie sich vorher so gerühmt hatten. Denn da einige unserer Compagnien in die dem Fort nächsten Häuser gestellt waren, um von dort aus die Vertheidiger der Werke zu belästigen, füllten die Kämpfenden die Zeit zwischen den Schüssen mit Scherzreden, Beschimpfungen, oft auch mit Prahlereien. Bald schlug unsere erste Kanonenkugel, von donnerndem Viva geleitet, in die Mauer ein, Schuß auf Schuß folgte rasch, und auch einige Granaten wurden in das Fort geschickt. Bei Tagesanbruch begann das Feuer wieder, und am Mittage war eine Bresche in die erste Linie geöffnet, so daß am Abend der Sturm unternommen wurde; nach halbstündigem Ringen hatten unsere Grenadier-Compagnien alle Häuser der Linie erstürmt und die Vertheidiger, die sich sehr brav gehalten, in das eigentliche Fort, die Kirche, zurückgedrängt, gegen welche sofort das Feuer eröffnet und während der Nacht lebhaft unterhalten wurde. Gegen Morgen befahl Zariategui, die ganze erste Linie so wie zwei Häuser, die als Außenwerke dem Fort dienten und so eben gleichfalls erstürmt waren, in Brand zu stecken, da ein heftiger Wind Flamme und Rauch den Christinos zuführte.
Die Scene war schauerlich schön: das Prasseln der hell auflodernden Flammen, das Geschrei der Kämpfenden, das hundertfache unregelmäßige Gewehrfeuer, von dem Donner der beiden Geschütze in gleichmäßigen Pausen übertönt, dann die hohe Kirche und das Kloster, vom Wiederscheine des Feuers geröthet und von dichten Rauchwolken umwallt, aus denen in rascher Folge die Schüsse der Cantabrer hervorblitzten; rings umher das Krachen einstürzender Mauern, das Klagegeschrei der Verwundeten — es war ein herrlich wildes Ensemble, dessen Bild tief dem Geiste sich einprägen mußte. Da flatterte hoch über den finsteren Massen des Forts ein weißes Fähnlein empor, und der Silberklang einer Trompete tönte durch den Tumult; einige Schüsse fielen, dann unterbrach nur noch das Geprassel des Feuers die Todtenstille. Eine halbe Stunde später zogen siebenhundert Mann aus und übergaben ihre Waffen, da der Gouverneur und die Officiere capitulirt hatten, wiewohl die Mannschaft laut die Vertheidigung fortzusetzen forderte; die Kirche war noch ganz unverletzt, und es gebrach der Garnison an Nichts, die auch, vielleicht aus den bravsten Soldaten der Armee bestehend, umsonst zum Ausfalle geführt zu sein verlangte. Leicht hätte ein solcher uns verderblich werden können, da Zariategui durchaus nicht die Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte, welche solch einen Versuch hätten unschädlich machen oder auch nur unsere Kanone decken können, für die wir übrigens nur noch ein und zwanzig Schuß hatten, als der Feind, der am Mittage unbewaffnet nach Burgos abmarschirte, die weiße Fahne aufzog.
Durch dreitägige fast ununterbrochene Anstrengung zum Tode erschöpft, stattete ich in achtzehnstündigem Schlafe der Natur den schuldigen Tribut ab.
Am 10. September Morgens zog die Expeditions-Division unter dem ausschweifenden Jubel des Volkes in Aranda de Duero ein, nachdem Puig Samper am Tage vorher die Stadt geräumt und die Garnison mit sich auf Madrid geführt hatte. Die beiden Divisionen jenes Generals zählten trotz der Verluste durch Desertion über 11000 Mann, die unserige nach dem Rapport der Corps in Aranda 3860 Mann und fast 400 Pferde, da die Escadrone durch die requirirten Pferde ergänzt waren, während die vier jungen Infanterie-Bataillone in der Sierra standen. Das neben der Stadt am Duero errichtete Fort war ein so merkwürdig schlechtes Machwerk, daß seine Räumung als ein Zeichen gesunder Vernunft des feindlichen Generals betrachtet werden mußte; Mäuerchen, wenige Fuß hoch und noch weniger stark, erhoben sich in diesem Wirrwarr über und durch einander, von flachen Graben nicht gedeckt, so daß sie sich vielmehr gehindert als wechselseitig vertheidigt hätten und gewiß beim ersten Anlauf von den Freiwilligen à vive force genommen wären. Da der Stadt die gebührende Contribution zugetheilt wurde, fand sich, daß bereits am Abend kurz nach dem Abmarsche Puig Samper’s, zwei Cavalleristen in die Stadt gedrungen waren und im Namen des Generals mehrere tausend Piaster gehoben hatten. Ein Sergeant und ein Cadett, des Verbrechens überführt, wurden zum Tode verurtheilt; als sie schon, um erschossen zu werden, niederknieten, flog athemlos ein Beamter der Stadt herbei, Gnade verkündend, da der General mit übel verstandener Milde den Fürbitten der Behörden nachgegeben hatte. Die Elenden wurden degradirt und als letzte Soldaten in die Strafcompagnie gesteckt, die schon in Segovia wegen der Unordnungen nach dem Sturme errichtet war.
Unsere kleine Division hatte außerordentliches Vertrauen erworben; da wir so viele Schwierigkeiten überwunden hatten, und da schon die feindlichen Massen ohne Kampf das Land uns überließen, glaubte das Volk, daß wir nun bleibend Castilien eroberten und schnell den Krieg siegreich zu Ende führen würden. Auch stand uns augenblicklich kein Feind mehr gegenüber, der uns hätte entgegentreten und unsere Fortschritte hemmen können, und Castilien, das Herz der Monarchie, lag offen und vertheidigungslos vor uns, während das königliche Expeditions-Corps von Aragon aus eben dahin sich richtete. Der moralische Einfluß, den unsere Siegesbahn äußerte, war unermeßlich, und mit ihm nahm unsere Stärke täglich zu. Da wurden hohe Hoffnungen rege, Hoffnungen, die wohl konnten erfüllt werden; wir glaubten uns selbst unüberwindlich, wir sahen uns als Herrscher Castilien’s, wir berechneten schon, wann wir in Madrid würden einziehen und den verehrten Herrscher auf dem Throne seiner Väter würden begrüßen dürfen. Und die Eifersucht, die Intrigue mußte die herrlichen Hoffnungen zerstören, die wahrlich nicht zu voreilig gefaßt waren!
Nach zweitägiger Rast in Aranda zogen wir langsam auf beiden Ufern des Duero hinab, überall von den biedern Alt-Castilianern mit Begeisterung empfangen, da sie damals zuerst carlistische Truppen ihre reichen Gaue durchziehen sahen. Das festliche Geläute der Glocken tönte schon aus der Ferne uns entgegen, und die Bewohner kamen in feierlichem Aufzuge, die ersehnten Befreier zu begrüßen, während in den Ortschaften die Frauen wetteifernd uns in die Häuser zogen, wo sie ihre schönsten Leckerbissen für unsere Bewirthung zubereitet hatten. Da ward es wohl unzweifelhaft, wie der Kern des Volkes ganz seinem rechtmäßigen Könige ergeben war: es ist ja so schwer, seinen gesunden Verstand irre zu leiten. Nur zwei Orte machten eine Ausnahme von dem allgemeinen Jubel, der häufig in wilde Ausgelassenheit überging; die Besatzung des Felsenschlosses Peñafiel empfing uns mit Kugeln, weshalb das in Aranda errichtete Bataillon, um es an das Feuer zu gewöhnen, zu seiner Blokade zurückgelassen wurde, und in dem Flecken Roa auf dem rechten Ufer des Stromes herrschte bei dem Einrücken unserer Bataillone finstere Stille, die grell genug gegen die Luft der ganzen Provinz abstach. Der Besitz derselben eröffnete uns große Hülfsquellen, da sie durch ungemeine Fruchtbarkeit, vorzüglich an Getreide, sich auszeichnet, wogegen sie so holzarm ist, daß allgemein der Mist als Feuerung benutzt ist, wozu ich ihn zu meinem Erstaunen sehr brauchbar fand, indem die von ihm ausstrahlende Wärme, während er sorgfältig bedeckt bleibt, nicht nur bei der empfindlichsten Nacht-Frische die Küche, das gewöhnliche Versammlungszimmer der Hausbewohner, sehr wohnlich macht, sondern auch die Speisen außerordentlich rasch und schmackhaft liefert, ohne daß Auge oder Nase je an die Anwendung des ominösen Materials erinnert würden.
Am 15. September Abends standen wir zwei Stunden von Valladolid entfernt. Der Generalcapitain von Alt-Castilien verließ die Stadt während der Nacht mit 4000 Mann und sämmtlichen leichten Geschützen, indem er 1200 Mann auserwählter Truppen mit vierzehn schweren Geschützen in dem Fort San Benito zum Schutze der dort befindlichen großen Magazine von Kriegesbedürfnissen und der Güter der Compromittirten zurückließ, welche gleichfalls dorthin gerettet waren. Der Erzbischof von Valladolid, als exaltirter Liberaler bekannt und durch das usurpatorische Gouvernement eingesetzt, kam uns bis Tudela entgegen und wurde ehrerbietig empfangen; ihm folgte bald ein unendlicher Haufen Menschen, die sich um unsere kleine Schaar neugierig drängten und die treffliche Haltung der gebräunten, mit Narben geschmückten Krieger bewunderten, da sie die Facciosos als wilde Ungeheuer gefürchtet hatten, denen sie kaum menschliche Gestalt zuzuschreiben wagten. Nachdem der General der Division und dem Volke erklärt hatte, daß jeder Insult wegen Meinungsverschiedenheit, jeder Diebstahl über den Werth eines Real und jede Unordnung mit dem Tode bestraft werde, rückten wir mit schmetternder Hornmusik durch die wogende Menge in die Stadt ein, die durch blühenden Handel und als Hauptstadt der Provinz eine der bedeutendsten des Königreiches ist und 35000 Einwohner zählt. Während die Division auf dem großen Platze zur Revue sich aufstellte, wurden einige Bataillone detachirt, das Fort zu cerniren.
Trotz der Freudenbezeugungen des Volkes war etwas Drückendes, Ängstliches in dem Äußern der Stadt und der Bewohner nicht zu verkennen; augenscheinlich herrschte noch Mißtrauen und Furcht unter ihnen. Selbst die Laden waren bei unserm Einmarsche geschlossen. Wie hatten nicht unsere Feinde gearbeitet, um die ehrlichen Castilianer, zu denen wir bisher nie gedrungen, über uns zu täuschen, mit wie schwarzen Farben mußten sie uns geschildert haben, um solches Vorurtheil in dem Volke wecken zu können! Erst als die Truppen, da der Dienst vertheilt war, nach ihren Quartieren sich zerstreuten und dort mit Rücksicht und Schonung sich betrugen, wie die Bürger von den Christinos nie sie erfahren, als die Soldaten so rasch das Wohlwollen ihrer Wirthe sich erworben, während der General anstatt der gefürchteten Plünderungen und Brandschatzungen nur das dringend Nothwendige forderte; da kehrte das Vertrauen in die Brust der Bürger, laute Heiterkeit verbreitete sich durch die Stadt, die glänzenden Laden entfalteten ihre Schätze den Augen der erstaunten Gebirgssöhne, und von allen Straßen tönte bald der Klang der Tambourine und Castagnetten, die Freiwilligen zum Tanze mit Valladolid’s reizenden Töchtern einladend. Und als dann Zariategui allgemeine Amnestie verkündete und Männer jeder Meinung ungefährdet unter uns treten, selbst ihre Ansichten frei verfechten konnten, trat wahre Liebe und Enthusiasmus an die Stelle der Besorgnisse, welche die Erzählungen von dem Blutdurst und der Raubsucht der Carlisten und von ihrem politischen und religiösen Fanatismus, der zu jeder Grausamkeit sie bereit mache, wohl hatten aufregen müssen. Da erschienen auch viele Beamte und frühere Officiere Ferdinands VII., ja Isabella’s, endlich gar einige, die gegen uns unter den Waffen gestanden und spät erst aus den Reihen unserer Feinde geschieden waren; in ihren glänzenden Uniformen und die Christinos-Mütze auf dem Kopfe, mischten sie sich unbesorgt unter uns und wurden von den Freiwilligen mit mehr Ehrfurcht noch, als die eigenen Officiere derselben begrüßt, welche in ihrer Einfachheit seltsam gegen jenen Glanz abstachen. Mehrere solche alte Officiere, da sie unsern Triumph entschieden glaubten, boten ihre Dienste an.
Es wäre Tollheit gewesen, wenn wir mit den Mitteln, die uns zu Gebote standen, an die förmliche Belagerung eines Forts hätten denken wollen, zu dessen Vertheidigung vierzehn schwere Geschütze aufgestellt waren. Es ward endlich beschlossen, San Benito durch eine Mine anzugreifen, die sofort in einem Stalle begonnen wurde und, gegen die Sakristei des Klosters, die als Pulvermagazin diente, gerichtet, rasch vorschritt, während an verschiedenen andern Punkten, die Besatzung zu täuschen, mit vielem Lärm ähnliche Arbeiten angestellt wurden. Da der Feind sich jedoch sonst unbelästigt sah, hielt er sich vollkommen ruhig, und bald hatten sich zwischen ihm und unsern Wachen freundschaftliche Gespräche angeknüpft, so daß in der Nacht ein förmlicher Tauschhandel etablirt ward, indem die Freiwilligen den feindlichen Soldaten frisches Fleisch und Gemüse brachten und dafür von ihnen neue Gewehre der National-Gardisten für alte oder beschädigte erhielten. In Folge dessen untersagte Zariategui am folgenden Tage, daß irgend Jemand dem Fort sich nähere, aus dem einige Soldaten, mit Lebensgefahr von den Mauern sich herablassend, zu uns übergingen.
Die Mine ward so thätig betrieben, daß sie in zwei Tagen bis unter die Sakristei hätte poussirt werden können, der Besatzung die Alternative augenblicklicher Ergebung oder der Vernichtung lassend, als Zariategui mit ihr eine Capitulation abschloß, kraft deren sie, wenn innerhalb zehn Tagen kein Entsatz nahte, sich kriegsgefangen ergeben würde. Gewiß war es ein großer Fehler des Generals, daß er in jener Lage der Dinge zu ähnlicher Capitulation seine Zustimmung gab; aber die feindlichen Anführer zeigten sich erbärmlich schwach und feige, da sie mit solchen Vertheidigungsmitteln und an Nichts Mangel leidend die Zeit der Übergabe fixiren konnten, ohne nur einen Schuß zu thun. Viel mochte zu diesem Entschlusse die Mine beitragen, deren Vorschritt im Fort wohl erkannt war, da die Einstellung jeder Arbeit zur ersten Bedingung gemacht wurde; weit mehr aber die moralische Schwäche und Entmuthigung, die damals unsere Gegner ergriffen hatte. Wie die feindlichen Truppen den Widerstand schon für unnütz hielten und überall ohne Schwerdtstrich wichen, wie das Volk sich nicht mehr scheute, frei seine Sympathie zu erklären, da es die Herrschaft der Carlisten stabil in der Provinz glaubte, weil es für den Augenblick sie unbestritten sah, so fing auch Zariategui an, sich für unbesiegbar, unangreifbar zu halten und war, durch seine bisherigen Erfolge aufgeblasen, überzeugt, daß Niemand wage, im ruhigen Besitze des Genommenen ihn zu stören.
Kleine Detachements wurden durch die Provinzen Palencia, Leon, Zamora und Salamanca entsendet, und Brigadier Iturbe besetzte mit seiner Brigade die alte Stadt Toro am Duero, während die neu gebildeten Bataillone das ganze Duero-Thal und den Gebirgszug zwischen Burgos und Soria beherrschten. In Valladolid aber strömte von allen Seiten die junge Mannschaft herbei, um unter dem Banner ihres rechtmäßigen Königes zu kämpfen, zum Theil Pferde mit sich bringend oder Gewehre, die sie den National-Gardisten der Heimath entrissen; selbst von diesen kamen mehrere freiwillig, ihre Waffen einzuliefern, da ja nun Widerstand unnütz sei. So konnten in wenigen Tagen drei starke Bataillone — von Valladolid genannt — errichtet werden, wiewohl auf besondern Befehl des Generals jedem Rekruten vorgestellt wurde, daß der Krieg noch lange nicht beendigt sei und viele Opfer und Mühseligkeiten erheischen werde, weshalb, wer nicht bereit sei und sich für fähig halte, das Schwerste für Carl V. mit Freudigkeit zu ertragen, zurücktreten möge, da es noch Zeit sei. Und diese braven Bataillone haben sich herrlich bewährt, da sie im folgenden Jahre, hülflos gegen Elemente und Feindesüberlegenheit ankämpfend, alle Beschwerden mit heroischer Standhaftigkeit ertrugen und dann, unter dem Drucke der Gefangenschaft erliegend, durch keine Lockung oder Drohung noch durch die Qualen, die bis zum Hungertode die Grausamkeit der Christinos über sie verschwendete, zur Verletzung des Eides der Treue sich hinreißen ließen, den sie in besserer Zeit ihrem Könige geleistet hatten.
Der Charakter des Alt-Castilianers,[33] dieses Kernes der aus so vielen heterogenen Bestandtheilen zusammengesetzten spanischen Nation, wird am Meisten dem der Basken sich nähern, wenn die Verschiedenheiten berücksichtigt werden, die Lage und politische Verhältnisse nothwendig erzeugen mußten; doch sind die Castilianer vor ihnen durch einen Grundzug von herzlichem Wohlwollen und Gutmüthigkeit ausgezeichnet, mit dem ihr ganzes Wesen durchwebt ist. Wenn die Basken stolz auf ihre Vorrechte hohen Unabhängigkeitssinn entwickeln, herrscht hier tiefe, unerschütterliche Ergebenheit für Alles, was ihre Voreltern als geheiligt ihnen überliefert haben, und der Scharfsinn, den in Jenen ihre Isolirung und eigenthümlichen Verhältnisse, der Speculations-Geist, den die Lage am Meere und zwischen Spanien und Frankreich in Verbindung mit den Privilegien hervorrief, sind durch innige Religiösität und Loyalität wohl mehr als ersetzt. Den wackern Bauern einiger Distrikte unseres norddeutschen Vaterlandes möchte ich die Alt-Castilianer gleich stellen. Der Bewohner Neu-Castiliens ist in mancher Hinsicht verschieden und nähert sich mehr seinen südlichen und westlichen Nachbarn: er ist schlauer, weniger gewissenhaft in Wort und That, vor Allem unendlich viel selbstischer. Der Alt-Castilianer aber, langsam, ehe er sich entschließt, ist unerschütterlich, wenn er das Rechte erkannt, treu, treuherzig und offen, vertrauend, weil er Vertrauen verdient, wenig den Neuerungen geneigt, plump, aber einfach und gastfrei. Wahre Biederkeit ist die Grundlage alles seines Thuns und giebt selbst der äußern Haltung einen edlen, anziehenden Ausdruck. Als Soldat ist er leicht disciplinirt, ausdauernd, gehorsam und folgt dem Chef, der seine Zuneigung zu erwerben gewußt hat, mit Freudigkeit durch alle Drangsale und zu jeder Gefahr; die heldenmüthige Eroberung des Castells von Morella, deren ich später erwähnen werde, ist ein glänzendes Beispiel von Dem, was der Alt-Castilianer vermag, wenn er gut geleitet ist. Sein hauptsächlicher Fehler besteht in der Heftigkeit und der unbezähmbaren Streitsucht, so wie er beleidigt, sein Stolz verletzt wird, auch ist er allgemein unwissend und abergläubisch; Mängel, deren Schwinden leider nur zu oft so manche jener herrlichen Eigenschaften mit verwischt, ohne durch angemessene Vorzüge sie zu ersetzen.
Der Alt-Castilianer ist der unveränderte Nachkomme der alten Hesperier, wie Griechen und Römer so bewunderns- und liebenswürdig in ihrer ursprünglichen Einfachheit sie uns schildern; er ragt hoch über alle andern Spanier hervor, wie er mehr als die meisten von fremder Mischung rein sich erhielt. Der Baske, dann der Navarrese, ein hartes Geschlecht, folgen ihm am nächsten, wogegen Andalusier und Valencianer am tiefsten in moralischer, die Bewohner einiger Distrikte der Mancha in intellektueller Beziehung stehen, in der nur die Estremeños, von unendlicher Natürlichkeit und Herzensgüte, aber ganz vernachlässigt und roh — los indios de la nacion genannt — den Rang ihnen streitig machen würden, wenn von Aufklärung und Cultur herstammende Intelligenz entscheidet.
Tag auf Tag schwand hin unter Jubel und Festen, Bällen und Theater; die Valladolider hatten sich gewöhnt, uns als werthe Gäste anzusehen, und behandelten uns zum großen Ärgerniß der verstockten Ultra-Liberalen, die finster und spähend durch das Getümmel hinschlichen, täglich mit mehr Zuneigung und Herzlichkeit. Doch mochten wohl die Damen in unsern Officieren die zarte Sentimentalität und die unwiderstehlich liebenswürdige Galanterie jener christinoschen Officiere vermissen, die so fein mit ihnen zu seufzen und von den Abentheuern des Krieges zu erzählen wußten, den — die bleichen Züge bekräftigten es hinreichend — ihre zerrüttete Gesundheit sie zu meiden genöthigt hatte. Alle großen Städte wimmelten damals von solchen Officieren, die unter tausend Vorwänden ihre Regimenter verlassen hatten, um ungestört dem Vergnügen sich hingeben zu können. Und wie hätten auch unsere kräftigen Officiere jene gerühmten Künste sich aneignen mögen; sie, die seit Jahren im wilden Gebirgskampfe sich umhergetummelt, deren liebste Musik das Pfeifen der Kugeln, deren Bett der Felsboden des Bivouacs war, und von denen Viele die Epaulette lediglich der Bravour und Ergebenheit verdankten!
Während wir so in gedankenloser Lust die Tage vergeudeten, stand nicht fern von uns der Ausgang des langen blutigen Krieges auf dem Spiele: die königliche Expedition bedrohete die Hauptstadt Spaniens und... Zariategui ruhete auf seinen Lorbeeren in den Delicien von Valladolid. So lautet die schwerste Anklage, welche gegen diesen General erhoben ist. Hätte er, behaupteten die Tadler, nach dem Einzuge in Aranda de Duero statt gen Westen nach dem Königreiche Leon ohne Zaudern die große Heerstraße hinab auf Madrid seinen Marsch gerichtet, so würde er zu rechter Zeit angelangt sein, um mit dem Corps Sr. Majestät combinirt zu operiren; er würde so die Unentschlossenheit der Führer desselben und damit den Krieg beendet haben. — Zariategui, es ist wahr, hat in den Tagen seines höchsten Glanzes nicht die Umsicht, noch weniger die Energie entfaltet, durch die allein die Benutzung und vor Allem die Behauptung der errungenen Vortheile gesichert werden konnte; er hat in Valladolid kostbare Zeit verloren, ohne Verhältnißmäßiges zu thun. Ohne Zweifel ward jedoch der Aufenthalt der Division in Alt-Castilien durch die erhaltenen Instructionen in der Absicht angeordnet, durch sie einen Theil der die königliche Expedition beobachtenden Massen abzuziehen und ihr so freiere Hand für die Operationen auf Madrid zu lassen, wie denn die Wiederaufnahme der Offensive mit dem Vormarsche des Königs von Aragon aus genau zusammenfällt. Und abgesehen von den Instructionen ist es klar, daß wir, mit höchster Eile die Division Puig Samper verfolgend, um mehrere Tage zu spät angelangt wären, wenn nicht etwa gefordert wird, daß wir jene uns mehr als doppelt überlegene Division in Aranda unbeachtet ließen, um uns, von ihr im Rücken verfolgt, zwischen sie und das Heer Espartero’s einzuzwängen, was natürlich die nutzlose Vernichtung des Corps zur unmittelbaren Folge haben mußte. Der 12. September 1837, wie ein scharfsinniger Beobachter, der als Augenzeuge und vermöge seiner Stellung im Generalstabe des königlichen Expeditions-Corps zu gründlichem Urtheile befähigt ist, der Brigade-General B. von Rahden, es ausspricht, der 12. September war der Wendepunct; an jenem Tage lag die Entscheidung des Krieges in der Hand der carlistischen Feldherrn. Da der günstige Augenblick unbenutzt entflohen, konnte auch Zariategui’s Ankunft ihn nicht zurückschaffen.
Es bleibt deßhalb nicht weniger wahr, daß unser Anführer in sträflicher Indolenz die Zeit verlor, die unter solchen Umständen doppelt kostbar geworden war: während der acht Tage, die wir üppig in Valladolid zubrachten, ohne auch nur einen Soldaten zur Beobachtung uns gegenüber zu haben, hätten wir Vieles thun können. Die außerordentlichen Erfolge hatten Zariategui geblendet: vom Volke angebetet, von den Behörden als unüberwindlicher Sieger gepriesen und täglich neue Glück verkündende Nachrichten empfangend, wies er die Warnungen einzelner Officiere, besonders Elio’s, als unzeitige Ängstlichkeit zurück und vernachlässigte im sorglosen Genusse der Gegenwart die allernothwendigsten Vorsichtsmaßregeln.
Schon am 23. September verbreiteten sich in der Stadt Gerüchte über die Annäherung feindlicher Truppen; am 24. Morgens, da eine Deputation des Ayuntamiento wegen erlassener Contribution dem General zu danken kam, theilte sie ihm die eben erhaltene Nachricht mit, daß eine starke Division der Nordarmee über Burgos auf Palencia marschirt sei, um Valladolid anzugreifen. Zariategui erklärte Alles für Erfindung von Übelwollenden und fügte hinzu, die Stadt könne in dem Vertrauen leben, daß es keinem Feinde einfallen würde, den Angriff zu wagen.
Gemüthlich saß ich in meinem reichen Logis, die Zeit des Diner erwartend, als der unheilvolle Generalmarsch[34] wild durch die Straßen ertönte. Während der Bediente das Pferd sattelte, flog ich hinaus, Nachrichten einzuziehen: eine Cavallerie-Patrouille, die Elio besorgt auf Palencia abgesendet, hatte die feindliche Avantgarde kaum eine Stunde von der Stadt angetroffen, während zugleich die Botschaft anlangte, daß Generallieutenant Baron Carandolet in forcirten Märschen und dem Vortrabe auf dem Fuße folgend, 9000 Mann und mehrere Geschütze auf beiden Ufern der Pisuerga heranführe. In den Straßen flog Alles in wildem Treiben durch einander. Die Soldaten eilten den bestimmten Sammelplätzen zu, Officiere liefen ordnend hin und her, und die Bagage zog in langen Reihen dem südlichen Thore zu, während die Bürger mit finster besorgten Mienen dastanden und manches niedliche Mädchen bleich und mit Thränen dem Krieger nachsah, den die Pflicht aus ihren Armen auf das Schlachtfeld riß. Ich traf Elio schon zu Pferde, und rasch ritten wir an der Spitze der Escadron 1. von Navarra dem Kampfplatze zu, von dem lebhaftes Flintenfeuer herüberschallte.
Die Bataillone Valencia und 7. von Navarra waren die ersten, welche dem andringenden Feinde sich hatten entgegenwerfen können. Sie thaten es mit solchem Nachdrucke, daß sie die vordersten Bataillone der Christinos warfen und zerstreuten, worauf Navarra, der alten Gewohnheit treu, sich ganz auflösete, die Gefangenen zu plündern. Eine feindliche Escadron, die hinter einer Mauer versteckt gewesen war, brach hervor und säbelte die Plündernden nieder, als Elio mit der Cavallerie erschien und sie sofort dem Bataillon zu Hülfe führte; die feindliche Escadron wandte sich gegen uns. Fest kam sie unserer Charge entgegen, der Augenblick des Zusammenstoßens war da: beide Escadronen parirten und standen, mit den Lanzen fast sich berührend, unbeweglich. Finster und lautlos starrten die Krieger sich an; Niemand konnte fliehen, Niemand mochte zuerst auf die feste Masse der Gegner sich werfen. Da tönte aus den feindlichen Reihen drei Mal und jedes Mal lauter der Ruf: viva el Rey! Wir befahlen ihnen, die Waffen zur Erde zu werfen, aber sie blieben bewegungslos, wie zuvor die Lanzen eingelegt. Eine neue Pause, noch beklemmender, noch majestätischer, folgte. Plötzlich stürzte ein Officier mit lautem viva Carlos quinto auf den feindlichen Oberstlieutenant, der wie ein Braver seinen Leuten um eine halbe Pferdeslänge voraus war, und streckte ihn durchbohrt zur Erde; eine Sekunde später hatten die Navarresen die Feinde durchbrochen, vierzig Mann todt und verwundet niedergeworfen und eben so viele Pferde genommen.
Die Bataillone von Vizcaya und Castilien waren mit der Cavallerie in die Gefechtslinie eingerückt, während 1. von Navarra, um die Garnison des Forts San Benito in Zaum zu halten, in der Stadt blieb und die Rekruten-Bataillone mit der Artillerie und Bagage hinter ihr sich aufstellten. Guipuzcoa war noch nicht von Toro zurückgekehrt. Wir hatten die Action außerordentlich vortheilhaft begonnen und der Christinos avancirte Bataillone auf das Hauptcorps zurückgedrängt, mit dem schon ein lebhaftes Tirailleur-Feuer engagirt war. Die Truppen, längst schon erprobt, waren von hohem Enthusiasmus beseelt, so daß ich nicht zweifele, wie die von Zambrana, würde auch diese Überraschung trotz der Überlegenheit des Feindes glorreich für uns geendet haben. Aber es hatten in Valladolid viele alte Officiere sich der Division angeschlossen und waren gut aufgenommen; mehrere befanden sich jetzt um den General. Nicht mehr an das Zischen der Kugeln gewohnt und noch weniger bekannt mit dem Geiste unserer Freiwilligen, riethen sie ängstlich dem General zum Rückzuge, ihm vorstellend, daß hinter der Front ein Fluß sich befinde, der im Falle einer Niederlage die Vernichtung des Corps nach sich ziehen müsse. Zariategui, des Terrains nicht kundig, brach das Gefecht ab, und langsam zogen wir seitwärts der Stadt uns zurück, indem Valencia[35] die Nachhut übernahm.
Carandolet hatte während der Action nicht von seiner zahlreichen Artillerie Gebrauch machen können, da wir theils seinen Truppen unmittelbar nahe standen, theils durch das Terrain, dem Geschützfeuer ungünstig, gedeckt wurden; so wie wir aber den Rückzug angetreten, schütteten seine Geschütze mit schrecklicher Präcision ihre Kugeln und Granaten über uns aus und verursachten uns bedeutenden Verlust. Eine der ersten Granaten sprang dicht neben dem General, tödtete einen Burschen, verwundete mich am rechten Ellenbogen und streckte meinen herrlichen Goldfuchs mit zerschmettertem Kopfe todt nieder. Ich bestieg ein bei unserer Charge genommenes Officierpferd. Das Bataillon von Valencia litt vor Allem durch dieses Feuer, und eine Kanonenkugel, die ganze Masse durchschlagend, tödtete und verwundete ihm drei und zwanzig Mann, indem sie dem Ersten Schädel und Barett, dem Letzten, einem Officier, die Hand mit dem Degen fortriß. Unser Verlust bestand in etwa zwei hundert und dreißig Todten und Verwundeten; doch hatten wir einige vierzig Pferde erbeutet und 32 Gefangene gemacht. Nachdem das 1. Bataillon von Navarra und am Abend auch die Brigade Guipuzcoa zu uns gestoßen war, übernachteten wir in Tudela, zwei Stunden von Valladolid.
Als wir die Esgueva, den gefürchteten Fluß, überschritten, fanden wir einen unbedeutenden Bach, der nicht zwei Fuß hohes Wasser hatte. Zariategui war außer sich, da er nun erkannte, wie die Ängstlichkeit jener Ankömmlinge, auf deren Abmahnung er schwach gehört hatte, die Gelegenheit zu neuem herrlichem Siege ihn hatte ungenutzt vorübergehen lassen. Er beschloß am Morgen wieder gegen Valladolid zu ziehen und in ihr den Feind anzugreifen, wenn er nicht zum Kampfe uns entgegen käme; in der That defilirten beim ersten Strahl der Morgenröthe die Bataillone auf dem Wege nach der geräumten Stadt. Da langte ein Bauer an und überreichte dem General einige Papiere. Seine Stirn verfinsterte sich, da er die Depeschen las, er ordnete den Contre-Marsch an und schlug schweigend an der Spitze der Division den Weg nach Aranda de Duero ein. Der Unglücksbote hatte die Meldung von dem Rückzuge des königlichen Expeditions-Corps auf die Sierra von Soria nebst der Ordre gebracht, in engere Verbindung mit demselben zu treten.
Wenn auch unwillig, den gehofften Angriff nicht ausgeführt zu sehen, zogen die Truppen doch gutes Muthes das Duero-Thal hinauf, da sie vertrauten, mit den Divisionen des Königs vereinigt, alsbald wieder kräftig die Offensive zu ergreifen. Unser Corps war nie auf so glänzendem Fuße gewesen, da unsere alten Truppen durch Disciplin und Bravour gleich sehr als Kerntruppen sich bewährten, die jungen aber auf acht starke Bataillone, über 6000 Mann, gebracht waren, und alle gleiche Begeisterung und Kampfbegier zeigten. Wir zogen das Bataillon an uns, welches zur Blokade von Peñafiel geblieben war und in seinem ersten Gefechte gut sich hielt, da es einen Ausfall der Garnison, aus zwei Compagnien Peseteros[36] bestehend, mit Verlust zurückwies. Auf beiden Seiten des Flusses naheten wir Aranda, wohin ich ungeduldig mich sehnte, da meine Wunde, die den Knochen bedeutend verletzt hatte, wenn sie noch nicht an Bewegung mich hinderte, doch stündlich peinigender wurde, während ich, von dort aus ein Hospital oder einen gesicherten Ort erreichend, durch Ruhe in kurzer Zeit wieder kampffähig zu sein hoffte.
Das 5. Bataillon von Castilien überschritt die Brücke, welche vom linken Ufer des Flusses nach Aranda führt, als hinter ihm die Tete einer starken feindlichen Colonne erschien und sofort im Sturmschritt auf die Brücke drang. Es war die Division des Generals Lorenzo, die 7500 Mann und 500 Pferde stark, von Espartero abgesandt war, um uns in der Besetzung von Aranda zuvorzukommen und die Vereinigung mit dem Corps des Königs zu verhindern; eine Viertelstunde später hätten wir die Stadt im Besitze des Feindes gefunden. Noboa besetzte mit seiner Brigade die Häuser, welche in geringer Entfernung von der Brücke einen Halbkreis bilden, dessen beide Enden an den Fluß sich lehnen, und eröffnete von dort ein mörderisch concentrisches Feuer auf die Sturm-Colonne des Feindes. Sehr brav drang sie bis zu der Mitte der Brücke vor, und ward, da sie dann wich, sogleich durch eine zweite ersetzt, die ebenfalls die Brücke betrat, dann aber, da von den Fenstern herab die Kugeln auf sie regneten, in Unordnung zurückfloh. Zariategui und Elio langten mit dem Stabe an, und die Bataillone eilten im Lauftritt herzu, während Lorenzo zwei Kanonen etwa funfzig Schritt vor der Brücke abprotzen und ein lebhaftes Kartätschen-Feuer gegen die Häuser beginnen ließ. Da befahl der General zum Angriff zu schreiten. Valencia sollte zur Rechten, wo eine Wehr den Übergang zu erleichtern versprach, den Fluß passiren und den Feind in der Flanke angreifen, während Castilla und Guipuzcoa über die Brücke vordrängen. Unter heftigem Feuer und das Wasser bis zur Brust erreichte Valencia das andere Ufer und formirte sich dort zur Angriffs-Colonne, Castilien aber wich auf der Mitte der Brücke dem doppelten Feuer der Geschütze und der Infanterie, riß Guipuzcoa mit sich zurück und gab so das brave Valencia isolirt dem Andrange der Feinde Preis. Ehe noch der General mit Zornesflammen sprühenden Augen seinem Gefolge das Wort „Freiwillige!“ zugerufen, stürzte ich mit andern zwei Officieren vorwärts, wo schon die Chefs von Castilien zu neuem Sturme die Truppen ordneten. Ohne zu wanken, folgten nun die Bataillone den Führern und debouchirten am andern Ufer, auf dem auch Valencia im Sturmschritt vorrückte. Die Feinde flohen in Unordnung und verließen ihre Kanonen; schon waren wir wenige Schritte von den ersehnten Trophäen entfernt, als zwei Artilleristen mit herrlicher Todesverachtung zurückstürzten, unter furchtbarem Kugelregen die Geschütze einhängten und, auf die Maulthiere[37] sich schwingend, sie uns entrissen, da wir fast mit den Bajonnetten sie berührten. Ehre den Braven, wo sie sich finden mögen! Die That jener beiden Männer, wie sie die Einzigen unter dem Pfeifen zahlloser Kugeln und im Bereiche unserer Bajonnette unerschrocken ihre Pflicht erfüllten, nöthigte mir die höchste Bewunderung ab.
Lorenzo nahm die weichenden Bataillone mit der Reserve auf und drang noch ein Mal umsonst vor, worauf er langsam und in Ordnung, bald durch seine Cavallerie gedeckt, den Rückzug en échelons antrat, von unsern Tirailleurs eine Stunde weit mit Nachdruck verfolgt; eine Escadron des königlichen Expeditions-Corps, die während des Gefechtes zu uns gestoßen war, schloß sich dabei uns an. Bei unserer Rückkehr nach Aranda fanden wir die Divisionen Sr. Majestät dort.
[32] caballero entspricht dem true gentleman der Engländer.
[33] Die Bewohner des Königreiches Leon werden in Spanien stets als Alt-Castilianer betrachtet, denen sie in jeder Beziehung ganz gleich stehen. Sie selbst kennen nur den Namen Castilianer für sich.
[34] la generala wird nur geschlagen, wenn der Feind vor den Thoren steht, daher bei Überfällen u. s. w.
[35] Dieses Bataillon zeichnete sich während der ganzen Expedition besonders aus; es ward durch treffliche Officiere befehligt, und die ursprünglichen Valencianer waren nach und nach durch Aragonesen und Castilianer ersetzt.
[36] Freicorps, so genannt, weil sie eine peseta — vier Realen — Sold erhielten.
[37] Die spanische Artillerie ist durchgängig mit schönen Maulthieren bespannt, die vor den Pferden durch Ausdauer hervorstechen.