XII.
Während Espartero von San Sebastian aus die Linien von Hernani und Irun zerstörte, verließ Carl V. Navarra an der Spitze von 18 Bataillonen und 3 Regimentern Cavallerie, 11000 Mann Infanterie und 1200 Pferde. Die Expeditionen des vergangenen Jahres, so wenig sie der Sache genützt, hatten doch die Hoffnung nicht niederschlagen können, daß durch solche Züge endlich große Resultate erlangt würden; der Geist des Volkes hatte sich allgemein nicht feindlich gezeigt, manche Erfolge waren erfochten, andere nur durch Schwäche eingebüßt. So sollte denn nun ein kraftvoller Versuch gemacht werden, um in das Innere des Königreiches vorzudringen und im Vereine mit den königlichen Armeen Westspaniens durch die Eroberung von Castilien den Krieg zu beenden.
Am 19. Mai passirte das Heer den Fluß Aragon und zog in langsamen Märschen nach Westen hin, während General Iribarren, der mit 12000 Mann zu seiner Verfolgung eilte, von Tafalla aus nördlich dem Ebro ihm parallel zog. Am 24. zog es in die bedeutende Stadt Huesca ein; noch waren die Truppen in den Straßen aufgestellt, als schon Granaten über ihnen platzten. Kaum konnten die ersten Bataillone eine Stellung vor der Stadt einnehmen und den Andrang des Feindes bis zum Ausrücken ihrer Gefährten zurückhalten; da endlich der Kampf allgemein wurde, sah sich Iribarren, der seine Divisionen zum Angriff führte, bald zum Weichen genöthigt. Umsonst schlug sich die Fremdenlegion mit ihrer gewohnten Todesverachtung, umsonst führte der Brigadier D. Diego Leon, der vorzüglichste Cavallerie-Anführer der Christinos, seine Escadronen zu verzweifelter Charge; seine Cuirassiere und Carabiniere der Garde wurden zersprengt, er selbst fiel im wilden Getümmel, Iribarren ward schwer verwundet, seine Massen durchbrochen und zum Rückzuge gezwungen, den sie unbelästigt ausführten. Er starb wenige Tage nachher an seinen Wunden.
Glänzend hatte auch diese Expedition begonnen, die, dem Namen nach durch den Infanten D. Sebastian befehligt, vom General Moreno, dem Chef des Generalstabes, geleitet wurde, der, durch langjährige Erfahrung als Strategiker ausgezeichnet, nicht immer angesichts des Feindes die nöthige Entschlossenheit und Schnelle im Handeln entwickelte. Er zog am 27. Mai nach Barbastro, wo er abermals unthätig stehen blieb, während Oráa von Nieder-Aragon herzueilte und die geschlagene Division Iribarren aufnahm, mit der auch Buerens, 3000 Mann stark, sich vereinigt hatte. Am 2. Juni griff er die carlistische Armee bei Barbastro an und ward nach hartnäckigem Kampfe zurückgeschlagen; die französische Fremdenlegion, die dem carlistischen Fremdenbataillone gegenübergestanden und auch hier ihre deutsche Bravour nicht verleugnet hatte, wurde ganz vernichtet, und ihr Commandeur, der Brigadier Conrad, da er seine weichenden Tirailleurs vorwärts führte, gefährlich am Kopfe verwundet, starb nach wenigen Tagen.
Der Mangel an Energie, der später der kleinen Armee und der Sache, für die sie focht, so verderblich werden sollte, äußerte jetzt schon seine unheilvolle Einwirkung. Die Truppen waren nach dem Siege ruhig nach Barbastro zurückgekehrt und brachen erst am 4. Abends nach dem kaum eine Stunde entfernten Cinca auf, wo sie, kaum glaublich, nicht die geringsten Vorbereitungen für den Übergang getroffen fanden, da doch das Corps acht volle Tage in Barbastro gestanden hatte. Das Hauptquartier war von zahllosen ojalateros[38], Officieren und Angestellten, die essen wollten, ohne zu arbeiten und der Gefahr sich auszusetzen, begleitet, und Jeder von ihnen führte eine enorme Bagage mit sich; so mußten die Bataillone auf dem rechten Ufer campiren, während alle jene Leute, die zahlreichen Munitions- und Bagage-Convoys, die Verwundeten und die Nicht-Combattanten in den einzigen zwei Kähnen über den Fluß geschafft wurden. Erst am Morgen, da schon das Heer Oráa’s nahete, konnte der Transport der Truppen beginnen: das herrliche 4te Bataillon von Castilien, welches die Nachhut bildete, befand sich allein auf dem jenseitigen Ufer, als die Massen des Feindes erschienen und sofort von allen Seiten es bestürmten; nach verzweifeltem Widerstande wurde es zersprengt und unter den Augen ihrer Cameraden, die ihnen nicht Hülfe bringen konnten, theils in den Fluß geworfen, theils gefangen.
Die Armee drang nach diesem Unglückstage in Catalonien ein und vereinigte sich mit den dort gebildeten Banden, ohne irgend Nutzen von ihnen ziehen zu können, da gänzlicher Mangel an Organisation und Disciplin zu aller geregelter Kriegführung sie untüchtig machte. Der feindliche General-Capitain des Fürstenthums, Baron de Meer, rückte von Lerida nach Balaguer vor und griff, nachdem Oráa, durch die Brigade Iriarte von Espartero um 4000 Mann verstärkt, zur Bekämpfung Cabrera’s nach Unter-Aragon hatte zurückkehren müssen, das Expeditions-Corps bei Guisona am 13. Juni an; die Flucht der catalonischen Truppen, die dem ersten Stoße der Christinos wichen, hätte fast den Untergang der Armee nach sich gezogen. Nach einem Verluste von 1000 Mann an Todten und Verwundeten und 150 Gefangenen erkämpfte die Entschlossenheit einiger Chefs und die Festigkeit der alten Bataillone kaum einen geordneten Rückzug. Da zeichnete ein Deutscher, der junge Brigadier Fürst Lichnowsky, glänzend sich aus, indem er im kritischen Augenblicke an der Spitze der Cavallerie mit Erfolg chargirte und der Erste in die feindlichen Lanciers einhieb. Mein armer Freund, Bernhard von Plessen, mit dem im Vaterlande, da wir Einem Bataillone angehörten, die Bande enger Cameradschaft schon mich umfaßten, starb bei Guisona den Heldentod, da er, Capitain der Artillerie, freiwillig den vorgehenden Bataillonen sich angeschlossen; eine Kanonenkugel streckte ihn todt nieder.
Der König zog am 15. Juni nach Solsona und von dort am 19. auf Berga, welches der Oberst Osorio, von den Cataloniern gänzlich geschlagen und durch General Royo in die Festung eingeschlossen, während der Nacht mit 800 Mann und zwei Geschützen räumte. In dem Heere ward indessen außerordentlicher Mangel fühlbar, da die rauhen Hochgebirge für solche Colonnen die nöthigen Subsistenzmittel nicht liefern konnten, und die wenigen vorhandenen Ressourcen durch die jämmerliche Verwaltung der carlistischen Bandenanführer eher vernichtet als weise benutzt wurden. So trat endlich wahre Hungersnoth ein: die Soldaten, in öden Schluchten campirend, blieben drei und vier Tage lang ohne Ration und auf unreife Früchte beschränkt, die sich nur mehrere Stunden entfernt fanden und durch Zerkochen genießbar werden mußten; wer aber von seinem Bataillone getrennt getroffen wurde, duldete harte Strafe. Für ein Brot zahlten die Officiere zwei, drei Piaster, für ein Papier-Cigarrchen eine Peseta. Und wenn ein Freiwilliger, von der Verzweiflung des nagenden Hungers getrieben, selbst die drohende Todesstrafe nicht achtend, in einem Landhause etwas Nährendes zu suchen ging, trieben ihn nicht selten die wilden Gebirgsbewohner, die Alles sich genommen sahen, mit Kugeln von den Häusern zurück, und blutige Kämpfe entspannen sich. Unter den Navarresen, leicht zu Unordnungen gebracht, nahm die Unzufriedenheit immer mehr drohenden Ton an, während Castilianer und Basken schweigend, bis sie entkräftet hinsanken, das Ungemach zu ertragen wußten.
Endlich zog unter allgemeinem Jubel die Armee gen Süden dem Ebro zu, dessen Übergang, von Cabrera thätig vorbereitet, am 29. Juni bei Cherta im Norden von Tortosa bewerkstelligt wurde. Die feindliche Colonne, welche die Vereinigung hindern sollte, langte auf dem Ufer an, als die letzten Truppen auf der Mitte des Stromes sich befanden, und machte ihrer ohnmächtigen Wuth durch ein zweckloses Geschützfeuer Luft. Nachdem die ausgehungerten Soldaten in dem reichen Ebro-Thale, wo Cabrera große Vorräthe für sie angehäuft hatte, sich erholt hatten, wandte sich Moreno, durch die Division jenes Generals verstärkt, nach dem Königreiche Valencia, während Oráa, der von Alcañiz aus sie beobachtete, über Teruel dem Marsche der Carlisten folgte, um von dort der bedroheten Provinz zu Hülfe eilen. Die herrliche Huerta von Valencia wurde besetzt und Castellon de la Plana am 8. Juli eingeschlossen, der Angriff à vive force aber zurückgewiesen; am 10., da Oráa noch mehrere Märsche weit entfernt war, stand die Armee im Angesichte des vielthürmigen Valencia, welches, nur von einer Mauer umgeben und bis auf die Nationalgarden fast ganz ohne Truppen, dem ersten Anlaufe wohl nicht widerstehen konnte. Doch die Führer der königlichen Expedition besaßen nicht die Thatkraft und Entschlossenheit, die solchem Unternehmen erste Bedingniß des Gelingens ist, da durch Temporisiren Nichts gewonnen, leicht Alles verloren werden kann. Der greise Moreno, nachdem er mehrere Tage lang die Stadt angeschaut hatte, zog, ohne den Angriff zu versuchen, südlich vom Guadalaviar ab, da Oráa, dem er durch sein Zögern Zeit zur Vereinigung mit der Colonne von Valencia gegeben, über Segorbe von Aragon herabstieg. Wie unendlich würde die Einnahme von Valencia die Verhältnisse geändert haben, welches Übergewicht hätte sie nicht den Carlisten im westlichen Spanien gegeben! Ich wiederhole, Moreno war ausgezeichneter Strategiker, seine Bewegungen waren stets meisterhaft berechnet; wo es dann galt, das Resultat derselben in kräftigem Handeln zu sichern, hätte Cabrera seine Stelle einnehmen müssen.
Bei Chiva trafen sich am 15. Juli die beiden Heere, und die Carlisten, nach anfänglich bedeutenden Vortheilen geschlagen, zogen sich mit einem Verlust von mehr als 1000 Mann auf Chelva zurück, von wo sie über Sarrion, Linares und Mosqueruela in das Hochgebirge von Unter-Aragon sich warfen. Der König begab sich nach Cantavieja, damals einzige Festung Cabrera’s, während die Truppen, durch die Leiden und Unglücksfälle der letzten Zeit sehr demoralisirt, täglich mehr in das Gebirge zusammengedrängt wurden. Auch Espartero war von den Nordprovinzen herbeigerufen, um gegen das Expeditions-Corps zu operiren, so daß die drei Colonnen von Oráa, Espartero und Buerens im Halbkreise es umstellen und concentrisch es angreifen konnten; am 30. war selbst Oráa bis Mosqueruela, vier Stunden von Cantavieja vorgedrungen, und die königlichen Truppen waren auf die Städte Villafranca, Fortanete und Mirambel in dem wildesten Theile des Gebirges von Cantavieja beschränkt.
Die Lage der Armee war sehr bedenklich, da sie unmöglich lange in jenem unfruchtbaren Theile Aragon’s sich aufhalten konnte; indessen die feindlichen Anführer, eifersüchtig auf einander, combinirten nicht ihre Kräfte zu thätiger Offensive, und bald war Oráa genöthigt, nach Valencia zu eilen, da Forcadell, die Entblößung der Provinz benutzend, bis zu der Hauptstadt vordrang und am 4ten August selbst ihren Hafen, el Grao, mit einigen tausend Mann besetzte, worauf seine Truppen von einer englischen Fregatte beschossen wurden. Als Oráa am 8. in Castellon de la Plana anlangte, zog Forcadell sich zurück, weshalb Jener über Segorbe nach Teruel eilte, wieder seine Stellung dem Könige gegenüber einzunehmen. Aber auch Espartero war während der Zeit zur Deckung Madrid’s gegen die Division Zariategui abgerufen, so daß der König, in Etwas von den Massen befreit, die ihn bisher erdrückten, in der Mitte August’s aus der Felsen-Festung vordringend die Offensive ergreifen konnte, das Gebirge von el Albarracin durchzog und sich dann nach dem an Wein und Getreide reichen Hügellande wandte, welches von der nördlichen sanften Abdachung des Hochgebirges von Unter-Aragon nach dem Ebro hin gebildet ist. Oráa und Buerens folgten dem carlistischen Armee-Corps dorthin, dessen Disciplin und Selbstvertrauen, wiewohl es schon sehr zusammengeschmolzen, während der sorgfältig benutzten Ruhe der letzten Wochen ganz hergestellt waren.
Am 24. August standen die Divisionen in der Gegend von Herrera, als eine Depeche des General Buerens aufgefangen wurde, in welcher er, von der Seite von Zaragoza heranziehend, dem General Oráa nach Daroca meldete, daß er am folgenden Tage angreifen werde und dazu die Mitwirkung desselben erwarte. Moreno stellte das Heer vor dem Villar de los Navarros in vortheilhafter Stellung auf und traf so treffliche Vorbereitungen, daß Buerens, der mit vielem Muthe angriff, zurückgewiesen, durchbrochen und vollkommen geschlagen wurde. Seine ganze Division, 11000 Mann, wurde zerstreut und in vollständiger Verwirrung auf Herrera gejagt, wo mehrere tausend Mann, die sich in die Kirche eingeschlossen hatten, capituliren mußten; nur zwei Garde-Bataillone zogen sich geschlossen vom Schlachtfelde zurück. 4000 Gefangene und 5000 Gewehre fielen in die Gewalt der siegreichen Carlisten, die durch diesen Schlag den Weg auf Madrid sich offen sahen, wiewohl Espartero in Folge dessen über Ziguenza nach Aragon eilte und schon am 1. Sept. in Daroca ankam.
Mit den Truppen Cabrera’s vereinigt durchzog das Expeditions-Corps die Provinz Cuenca und marschirte über Tarancon auf der Heerstraße gegen Madrid, indem Moreno gewandt manövrirend dem Feinde mehrere Märsche abzugewinnen wußte; es überschritt den Tajo bei Fuentidueña und rückte am 12. September Morgens vor die Thore der stolzen Residenz. Cabrera, der mit seiner Division die Avantgarde bildete, hatte bei Vallecos, anderthalb Stunden von Madrid, die Cavallerie-Regimenter der Garde, da sie mit reitenden Batterien sich ihm entgegenstellten, gänzlich geschlagen, er schoß schon in die Straßen der Stadt hinein und erwartete ungeduldig mit den nachrückenden Divisionen die Ordre zum Angriffe, dessen Erfolg ganz unzweifelhaft war. Da... erhielt er Befehl, seine Truppen zurückzuziehen. Er gehorchte — Carl V. ließ den Augenblick, der die entrissene Krone ihm darbot, ungenutzt, und dieser Augenblick kam nie wieder.
Augenzeugen versichern, daß Cabrera in gerechtem Zorne über die Erbärmlichkeit der Rathgeber des Königs geschworen habe, fortan nur seinen eigenen Eingebungen zu folgen; so that er. Im königlichen Hauptquartiere selbst, welches bis Arganda, vier Stunden von Madrid gelangte, war Alles so von dem Einzuge in die Residenz überzeugt gewesen, daß schon einem Jeden sein Logis daselbst bezeichnet war. In finsterem Mißmuthe trat die Armee den Rückzug an, der die Früchte aller Anstrengungen und Siege auf immer ihr entriß.
Mannichfach sind die Gründe oder, sage ich, die Entschuldigungen, welche für das Aufgeben der Unternehmung auf Madrid angeführt sind; doch kamen endlich alle übrigen auf die beiden hauptsächlichsten, die Schwäche der Armee bei der Nähe Espartero’s und das Nichterscheinen der Division Zariategui, hinaus. Früher zeigte ich, wie dieser General mit dem königlichen Expeditions-Corps in seiner Bewegung auf die Hauptstadt nicht combinirt agiren konnte, noch durfte, da er, so eben zur Offensive übergegangen, ein überlegenes feindliches Corps im Rücken hätte zurücklassen müssen. Auch war auf die Mitwirkung Zariategui’s gewiß nicht von den Anführern der Armee gerechnet.
Diese zählte zu jener Zeit mit Einschluß der Division Cabrera 13000 bis 14000 Mann; dagegen befanden sich in Madrid etwa 5000 Mann Linientruppen und acht Bataillone National-Garde mit ihrer Cavallerie und Artillerie, während Espartero über Guadalajara in Eilmärschen 25000 Mann heranführte. Daher hieß es, würde es Tollkühnheit gewesen sein, in ein Straßengefecht uns einzulassen, um im glücklichsten Falle nach vier und zwanzig Stunden aus der Stadt entweichen zu müssen oder in ihr den Angriff des feindlichen Heeres zu souteniren. Sieger in so hoffnungslosem Kampfe, wären wir in Madrid blockirt worden, besiegt konnte Nichts die gänzliche Vernichtung von uns abwenden.
Die Nichtigkeit solcher Argumentation ist auf den ersten Blick durchschaut. Das gefürchtete Straßengefecht würde gar nicht Statt gefunden haben: einige Bataillone hatten sich zwar bei dem zunächst bedroheten Thore aufgestellt und erwarteten ohne Hoffnung und ohne Muth den Angriff; aber die Besatzung reichte lange nicht hin, um die ausgedehnten Mauern auch nur rings zu besetzen, und jene Bataillone würden alsbald gezwungen sein, wie es ja stets den Garnisons der größeren Städte erging, in irgend ein festes Gebäude sich einzuschließen, um unter möglichst guten Bedingungen zu capituliren. Denn in der Stadt erwartete die Masse, der Kern des Volkes nur das Signal zum Angriffe, um sich zu erheben und Carl V. zu proclamiren. Daß jedoch, wie dem Anschein nach wohl erwartet wurde, die Bevölkerung bei der Annäherung der Carlisten selbstständig die Contrerevolution bewirke und die Truppen verjage, so daß unsere Armee die Thore geöffnet und von der Menge jubelnd sich empfangen fände — das hieß in der That zu sehr auf das Loyalitäts-Feuer des Volkes rechnen. Auch von der National-Garde waren die vier letzten Bataillone durch Zwang gebildet und bestanden durchgängig aus echt royalistisch gesinnten Männern, Handwerkern und kleinen Kaufleuten, denen die Wahl gelassen war, ihre Laden zu schließen und ihre Familien, die Stadt verlassend, ins Elend zu stürzen oder als National-Gardisten sich enrolliren zu lassen. Es ist bekannt, daß die revolutionaire Regierung später Untersuchungen anstellen ließ, weil diese Bataillone bei dem Erscheinen der Carlisten ihre Neigung für sie deutlich an den Tag gelegt und complottirt hatten, um bei dem Angriffe für sie sich zu erklären, was natürlich allen Widerstand beendigt hätte.
Sehr zu bezweifeln ist aber, daß die Armee Espartero’s auf die Carlisten, nachdem diese Madrid’s sich bemächtigt, den Angriff gewagt hätte. Die Nachricht von dem Ereignisse würde auf die Soldaten den niederschlagendsten Einfluß geäußert und die Bande der Disciplin, in jener Zeit so sehr gelockert, vollends zerrissen haben. Und wenn Espartero trotz ihrer Entmuthigung die Truppen zur Wiedereroberung der Hauptstadt führte, entschied er nur rascher den Ausgang des Krieges und den Sturz der Parthei, für die er kämpfte. Da war es nicht nöthig, vor ihm zu fliehen oder geschlagen oder in der Hauptstadt blockirt zu werden; die siegreiche Armee würde mit Begeisterung dem Feinde entgegen gegangen sein, um ihn selbst anzugreifen, ihn moralisch geschwächt, wie er war, zu vernichten und so mit der letzten Hoffnung der Christinos den ferneren Widerstand ganz niederzuschlagen.
Alle jene Schwierigkeiten, so weit sie wirklich bestanden, mußten bedacht sein, ehe der verhängnißvolle Zug unternommen wurde; so wie der erste Schritt gethan, hörte alles Schwanken auf, und „Vorwärts“ ward das Loosungswort, denn jedes Zaudern brachte Verderben. Das ganze unendliche Übergewicht, welches die Eroberung Madrid’s ihnen gab, überließen die Carlisten durch den Rückzug ihren Feinden, indem sie den Spaniern und der Welt die Überzeugung von ihrer Schwäche oder ihrer Unfähigkeit aufdrängten, das Vertrauen der friedlichen Bewohner einbüßten, die sie nur erscheinen sahen, um sich eiligst den verfolgenden Christinos durch die Flucht zu entziehen, und sich, was oft noch unheilsvoller war, mit den vergeblichen Hin- und Herzügen zum Gegenstande des Spottes und der Verachtung machten.
So unermeßlich waren die Folgen der Uneinigkeit und des Intriguen-Spieles, welche unter den nächsten Umgebungen des Königs herrschten und jede energische Kraftäußerung unmöglich machten, jedes Unternehmen lähmten. Da war es nicht zu verwundern, wenn mancher treue Diener von Überdruß ergriffen wurde, wenn endlich die Truppen laut über Verrath schrieen und mit Widerstreben den Mühseligkeiten sich unterwarfen, die ihrer Führer verkehrtes Benehmen über sie verhängte.
Die nächsten Tage vergingen in Bewegungen zwischen den Henares und Tajuña der Armee Espartero’s gegenüber, der fortwährend verstärkt täglich mehr das Expeditions-Corps drängte. In der Nacht vom 18. zum 19. September versuchte Moreno einen Überfall desselben in Alcalá, der gänzlich fehlschlug und das nachtheilige Arrieregarde-Gefecht vom 19. veranlaßte, in dem die Carlisten, heftig von der feindlichen Cavallerie bestürmt, mit Verlust in die Gebirge sich zurückzogen. Mehrere Compagnien, die man aus Gefangenen gebildet, denen auf ihr Bitten die Waffen gegeben waren, warfen bei dem Angriffe der Lanciers die Gewehre nieder und gingen mit dem Rufe: viva Isabel segunda! zu ihren alten Gefährten über. Cabrera, der in Guadalajara unter den Augen Espartero’s eingezogen war, trennte sich von dem Heere und führte seine Division nach Aragon zurück, da er in längerem Bleiben Schmach und Vernichtung erkannte, worauf der König, dessen Truppen in dem traurigsten Zustande waren und an Allem Mangel litten, den Rückzug nach dem Gebirge von Soria beschloß. Da die Division Zariategui den Angriff Lorenzo’s auf die Brücke von Aranda zurückschlug, konnten die beiden Corps in dieser Stadt sich vereinigen.
Kaum war ich, von der Verfolgung Lorenzo’s zurückgekehrt, in meinem alten, nun mit Officieren der königlichen Divisionen angefüllten Logis angekommen und suchte ein Strohlager mit Mantel und Decke etwas bequemer zu machen, als ich zum General berufen wurde, der so eben in höchstem Mißmuthe von einer Zusammenkunft mit dem Infanten zurückkehrte. Er erklärte mir, daß er in Rücksicht auf meine Verwundung mich ausersehen habe, um etwa zweihundert durch Wunden und Krankheiten undienstfähige, aber leicht transportable Leute nach den Nordprovinzen zurückzuführen, wo auch ich raschere Heilung hoffen dürfe. Schmerzlich mußte es mir sein, meine Cameraden in jenem Augenblicke zu verlassen, da ich trotz des Elendes, in dem die andern Divisionen sich mit uns vereinigt, fest glaubte, daß nun rasch und kräftig die Offensive würde ergriffen und Entscheidung erkämpft werden. An Siege und glänzende Erfolge gewöhnt, konnten wir noch nicht den Gedanken fassen, so plötzlich von der Höhe herabgestürzt zu sein. Aber dennoch war ich meinem Chef Elio, denn ihm verdankte ich die Rücksicht, innig dankbar für die mir gewordene Sendung, da meine Wunde, in den ersten Tagen vernachlässigt, mehr und mehr peinigend wurde und mich auf einige Zeit für thätigen Dienst ganz untauglich machte.
Nachdem mir siebenzehn beladene Saumthiere für den General Uranga übergeben waren, trat ich in der Nacht mit meinem Convoy den Marsch an; zwanzig Infanteristen, alle aus den Theilen Castilien’s gebürtig, die ich durchschneiden sollte, so daß sie im Nothfalle als Führer mir dienen konnten, bildeten die Bedeckung. Ich durchkreuzte die ganze Provinz Burgos, im Allgemeinen den Windungen der Sierra folgend, überschritt die Heerstraße von Burgos nach Vitoria, dann den Ebro, wo er ein schmaler Bergstrom schäumend über die Felsen hinbrauset, und erreichte am 7. October den famösen Paß, der Felsen von Orduña genannt, der die Verbindung von Vizcaya und Burgos über den Hochrücken der Pyrenäen bildet. Wiewohl ich der Verwundeten wegen den Marsch sehr langsam gemacht und, nicht immer die unzugänglichsten Gebirgsstriche aufsuchend, mehrere bedeutende Orte berührt hatte, langte ich in den Nordprovinzen an, ohne auch nur einen Soldaten, Carlist oder Christino, getroffen zu haben. Nachdem ich die mir ertheilten Aufträge vollzogen, eilte ich nach Navarra, dessen milderes Clima mich anzog, um dort die Heilung meines Armes abzuwarten.
Während ich in einem reizenden Landhause bei Estella; welches als Convalescirungs-Quartier mir zugetheilt war, einige Wochen in angenehmer Muße zubrachte, gingen von den Corps, die ich in Aranda zurückließ, Unheil verkündende Berichte ein; eines Tages erschien selbst ein Trupp Cavalleristen, die bei Mendavia den Ebro passirt hatten und sich als vom Hauptcorps nach dessen Niederlage abgesprengt erklärten. Ihnen folgten in rascher Folge Andere, bis endlich die ganze dritte Escadron von Navarra, zu Zariategui’s Division gehörend, bei Estella anlangte. Sie erzählten, ihre Desertion zu entschuldigen — denn die Officiere waren nicht mit ihnen gekommen — wie die vollständigste Unordnung in die Armee eingerissen sei, die, an Allem Mangel leidend und überall geschlagen, nur in der Zerstreuung habe Heil finden können. Die Deserteure wurden arretirt und ihre Aussagen für erlogen erklärt, aber dennoch nahmen die beunruhigenden Gerüchte immer mehr überhand, als unerwartet und nach der Furcht der letzten Zeit fast mit Freude begrüßt die Nachricht anlangte, daß der Infant mit einem Theile des Heeres den Ebro passirt habe. Bald erschien er in Estella, von Zariategui und den ersten Officieren von dessen Division begleitet. Ich hatte die Genugthuung, von meinem Generale zur Rückkehr zu seinem Stabe aufgefordert zu werden, im Falle sein Commando ihm gelassen würde, was nicht geschah.
Da die königliche Expedition bei der Vereinigung mit Zariategui in gränzenlosem Elende sich befand, auch sehr fatiguirt und demoralisirt war, übernahm dieser die Deckung des Rückzuges, der unter den Augen Espartero’s und im fortwährenden Kampfe mit dessen nachdrängenden Massen bewerkstelligt wurde. Die feindlichen Generale, nachdem sie durch Heranziehen aller disponibeln Truppen sich verstärkt hatten, rückten in die Sierra vor, zerstörten alle Vorräthe und trieben die Carlisten von Stellung zu Stellung, von Ort zu Ort, überall mit unmenschlicher Härte Jeden hinopfernd, der carlistischer Gesinnungen verdächtig war oder, wenn auch gezwungen, der Armee einen Dienst geleistet hatte; die Häuser selbst, in denen der König oder der Infant logirt hatte, brannte der wilde Lorenzo nieder. Da beschloß Moreno den Angriff der Feinde zu erwarten. Bei Retuerta bezog er mit 14000 Mann eine feste Stellung, in der er am 5. Oct. von Espartero und Lorenzo, die 35000 Mann vereinigt, bestürmt wurde; der Kampf war blutig, aber unentschieden, da die Carlisten gegen alle Versuche der Christinos ihre Stellung behaupteten und sie mit schwerem Verluste zum Rückzuge nöthigten, ohne doch solchen Vortheil benutzen zu können.
In kleine Colonnen aufgelöset suchten die Expeditionen sich in der Sierra zu behaupten; aber der Mangel an Allem wuchs täglich, die Feinde, hier alle Gräuel der ersten Kriegesjahre erneuernd, verfolgten mit Kraft und errangen immer neue Vortheile, selbst der König, von allen seinen Bataillonen getrennt, fand sich umzingelt und entkam kaum zu Fuß durch die Wälder den Schlingen, die Verrath ihm gelegt. Verrath! Durch das ganze Heer tönte der Schrei: Verrath! manche der ersten Führer wurden als dem Feinde verkauft bezeichnet und bedroht. Da siegte Espartero in der Action von la Huerta del Rey, die carlistische Cavallerie fast aufreibend; die Desertion riß immer mehr ein — gänzliche Vernichtung oder Rückzug nach den Nordprovinzen war die einzig übrig bleibende Wahl. Der Infant Don Sebastian marschirte zuerst mit der Division Zariategui dorthin ab und langte am 19. Oct. in Alava an; der König war trotz seines Widerwillens, da er beim Abmarsche der Expedition erklärte, daß er nur als Sieger wiederkehren werde, gezwungen, den Rest des Heeres gleichfalls dorthin zu führen, um nicht seiner Treuen Leben umsonst zu opfern: am 24. Oct. überschritt er den Ebro. Er erließ eine Proclamation an Volk und Heer, ihnen verkündend, daß er selbst den Oberbefehl übernehme und daß er zurückgekommen sei, um die Armee von den Verräthern zu reinigen, welche die Anstrengungen der braven Freiwilligen vergeblich gemacht und den Erfolg der Expedition gehindert hätten; zugleich versprach er kraftvolle Wiederaufnahme der Operationen. General Guergué ward zum Chef des Generalstabes an Moreno’s Stelle gewählt.
Große Hoffnungen erregte diese Proclamation; sie sollten nie erfüllt werden! Die Verräther konnten unentlarvt ihre Pläne verfolgen, während die bravsten Truppen in nutzlosen Zügen geopfert, der Krieg lässiger als je hingezogen wurde.
General Uranga hatte seit dem Abmarsche Zariategui’s bedeutende Vortheile davon getragen, indem die Unordnungen, welche unter den in den feindlichen Linien gebliebenen Truppen einrissen, ihm erlaubten, trotz seiner Schwäche die Offensive zu ergreifen. Escalera war von der nichtssagenden Verfolgung unserer Division eilig zurückgekehrt, um das bedrohete Peñacerrada zu decken; seine Soldaten ermordeten ihn zu Miranda de Ebro, und der greise Sarsfield, Vicekönig von Navarra, hatte am 26. August zu Pamplona dasselbe Geschick. Sofort warf sich Uranga auf das feste Peñacerrada, wichtig, weil es sowohl die directe Verbindung zwischen Vitoria und Logroña und dadurch zwischen dem östlichen und westlichen Theile des Kriegstheaters, als die reiche alavesische Rioja beherrscht; da der Feind keinen Versuch zum Entsatze machte, mußte die Garnison, 400 Mann mit vier schweren Geschützen, sich gefangen ergeben. Dann beschoß er den Brückenkopf von Lodosa, einen Hauptpunct der Ebro-Linie, und schlug den Partheigänger Zurbano, der dem bedroheten Fort zu Hülfe eilte, in der Ebene von Logroño südlich vom Ebro mit Verlust von 400 Todten und Gefangenen, wiewohl die Annäherung Ulibarren’s von dem westlichen Navarra her ihn nöthigte, die Belagerung aufzuheben. General Garcia aber nahm und zerstörte die Linie von Zubiri, seit so langer Zeit der Gegenstand täglicher Kämpfe, und öffnete den carlistischen Invasionen den feindlichen Theil von Navarra und das ganze Ober-Aragon; er belagerte Peralta, welches er früher schon überrascht, und zwang die 500 Mann starke Besatzung zur Capitulation. Ulibarren nahm es in der Mitte Octobers wieder. Zugleich erstürmten die Carlisten in der Linie von San Sebastian das von den Anglo-Christinos genommene Andoain, wobei mehrere Compagnien Engländer, die, in die Kirche eingeschlossen, bis sie ihre letzte Patrone verschossen, muthig sich vertheidigten, in die Pfanne gehauen wurden, wie so oft von ihren spanischen Gefährten erbärmlich verlassen.
Espartero war dem Könige nach den Nordprovinzen gefolgt und bezog wiederum die gewöhnlichen Stellungen in Alava und längs dem Ebro. Er beschäftigte sich während der letzten Monate des Jahres nur mit der Bestrafung der begangenen Excesse, vor Allem der an den Generalen verübten Morde, und mit Einführung einer strengen Disciplin, der seine Truppen so sehr bedurften. Die Vernichtung der französischen Legion, von der nur einige hundert Mann überblieben, welche fast alle nach Frankreich zurückgingen; die Entlassung der Trümmer der englischen Legion, da ihre Dienstzeit abgelaufen, und die Zurückrufung der portugiesischen Hülfs-Division nach ihrem Vaterlande hatten sein Heer sehr geschwächt, das nun mit Ausnahme von etwa 1500 Briten, die sich auf ein Jahr länger engagirten, ganz aus Spaniern bestand. Alle diese Verluste so wie die, welche der blutige Feldzug veranlaßt hatte, wurden indessen durch die Verstärkungen, die während desselben mit Entblößung der nicht aufgestandenen Provinzen zu ihm gestoßen waren, und durch eine neue bedeutende Quinta vollkommen ersetzt.
[38] ojala, wollte Gott, daß...! Daher Die, welche sich begnügten, mit ihren Wünschen den Erfolg der Sache zu befördern, von den Soldaten ojalateros genannt.