XIII.
Beobachten wir den Gang der Ereignisse in den baskischen Provinzen seit der Schilderhebung ihrer Bewohner, so frappirt uns die Bemerkung der anfänglichen außerordentlichen Fortschritte der Carlisten-Schaaren, des plötzlichen Stillstandes, der dann in ihrer Siegeslaufbahn folgte, und endlich des Rückganges, welcher nach einigen vergeblichen Versuchen zur Erlangung der früheren Superiorität mit dem gänzlichen Unterliegen der Parthei endete. Während Zumalacarregui, überall angreifend, überall siegreich, die Colonnen der Christinos vernichtet, ihre Massen zurückgewiesen, das Land nach Wegnahme aller festen Anhaltspunkte ihnen geschlossen hatte, werden seine Krieger später selbst in den ihnen ganz ergebenen Provinzen bedroht und angegriffen und statt kräftiger Offensive auf nie entscheidenden Vertheidigungskrieg beschränkt. Die Carlisten, da sie anfangs ohne Waffen, ohne Material und ohne Organisation die an Zahl unendlich überlegenen und mit allem der neueren Kriegskunst Nothwendigen im Überfluß versehenen Feinde verachten durften, sehen wir in den letzten Jahren mit Erstaunen die festen Positionen und die Forts, nicht selten ohne Kampf, verlieren, durch die ihnen der Eintritt in die benachbarten Gebiete des Feindes offen steht, und die ihm ihre eigenen Thäler verschließen. Und doch liefern ihnen nun ausgezeichnete Fabriken das sonst Fehlende; doch übertreffen sie, von erfahrenen Führern disciplinirt, schon ihre Gegner eben so an Kriegszucht, wie früher an Unerschrockenheit, und das Terrain, stets den Carlisten verbündet, stellt dem angreifenden Feinde seine furchtbaren Hindernisse entgegen!
Zur richtigen Würdigung der Ursachen, welche jene so verschiedenen Resultate erzeugten, werde ich darthun, wie es möglich war, daß die Carlisten überall, wo sie bedeutendere Corps bildeten, so große Vortheile davon trugen; und welche Gründe dann den Stillstand nothwendig nach sich ziehen und die Vertheidiger Carls V. von Stufe zu Stufe völligem Untergange zuführen mußten.
Die Hauptursache der Überlegenheit der früheren carlistischen Truppen beruht ohne Zweifel in dem Charakter und den Neigungen des spanischen Volkes, welche seine Art, den Krieg zu führen, von der aller andern europäischen Nationen wesentlich verschieden machen. Wie Spanien, von dem übrigen Europa durch die Pyrenäen-Kette geschieden, geographisch durch Lage, Clima und Produkte mehr Afrika angehört, so hat auch der Spanier in jeder Hinsicht größere Ähnlichkeit mit dem Morgenländer als mit Europa’s Völkern. Innige, achthundert Jahre lang dauernde Verschmelzung mit den durch muhamedanischen Enthusiasmus nach allen Weltgegenden fortgeschleuderten Arabern nährte in den Bewohnern der meisten Provinzen solche Hinneigung, die in ihrem Äußern, ihren Vorzügen, Leidenschaften, Sitten und Gebräuchen hervortritt, welche mit denen der Bewohner Nordafrika’s und des südwestlichen Asiens übereinstimmen. In Nichts ist jedoch die Ähnlichkeit der Spanier mit den Morgenländern so auffallend wie in ihrer Kriegesart.
Der Europäer kämpft in geschlossenen Massen, er sucht seine Stärke in der Vereinigung, er tritt seinem Gegner offen und fest gegenüber und thut keinen Schritt rückwärts, ohne von seinen Chefs dazu befehligt zu sein; ihm ist der Einzelne Nichts: im unbedingten Gehorsam, im nie schwankenden Zusammenwirken Aller weiß er das Element des Sieges zu finden. Diese Art zu kriegen hat den Heeren Europa’s die Überlegenheit gegeben, welche sie seit Jahrtausenden gegen die zahllosen Schwärme der Asiaten gelten machen. Diese fechten dagegen in langen aufgelöseten Reihen, sie brausen heran zum wilden Sturme und prallen zurück, um wieder zu gleichem Versuche vorzudringen; mehr vertrauen sie der persönlichen Gewandtheit und Kraft als des Führers weisen Anordnungen. Von dem Augenblicke an, in dem er die Seinen zum Kampfe führt, ist der Feldherr Soldat, welcher, der Leitung seiner Leute beraubt, nur noch durch individuelle Bravour vor ihnen hervorsticht und von ihrem Muthe den Sieg hoffen muß.
So der Spanier. Er ist der schlechteste Liniensoldat von der Welt; aber für den kleinen, den Guerrilla-Krieg entwickelt er die höchsten Talente und wahrhaft bewundernswürdige Eigenschaften. So wie er einer militairischen Organisation und kriegerischer Disciplin unterworfen wird, scheint er in eine Zwangsjacke gesteckt, die an jeder Bewegung ihn hindert und ihm alle Fähigkeit zum Handeln nimmt: er bedarf langer Zeit, um mit der seiner Natur so ganz widerstrebenden Lage in Etwas sich vertraut zu machen. Sieht er sich aber in selbstständigerer Stellung, die aus bloßer Maschine zum denkenden und unabhängig handelnden Wesen zu werden ihm gestattet, da treten alle die Eigenschaften, welche besonders im Gebirgskriege die Überlegenheit sichern, im höchsten Grade bei ihm hervor; er ist scharfsinnig, schlau, thätig, gewandt und unermüdlich in der Ertragung von Beschwerden und Entbehrungen. Der Spanier ist, wenn er vom Enthusiasmus getrieben wird, augenblicklich sehr brav. Aber den kalten, Tod verachtenden Muth, die unerschütterliche Festigkeit, die den guten Liniensoldaten auszeichnen und ein Erbtheil der Völker von deutschem und slavischem Ursprunge sind, solchen herrlichen Muth kann der Spanier nie sich zu eigen machen.
Um über die Ereignisse der Kriege, die in diesem Jahrhundert die Halbinsel verwüstet haben, ein Urtheil fällen zu können, ist es durchaus nothwendig, den spanischen Guerrillero zu studiren, mit allen seinen Verhältnissen sich vertraut zu machen und in seine Ideen, Gefühle und Vorurtheile selbst sich hineinzudenken. Sonst wird, wer mit militairischem Auge die Geschichte jener Ereignisse betrachtet, nur unerklärbare Widersprüche und stetes Abweichen von Allem finden, was die Erfahrung von Jahrhunderten als unwandelbar hinstellt. Der Spanier geht nur auf reelle Vortheile aus: die Ehre des Sieges wie die Schande einer Niederlage sind ihm Worte ohne Bedeutung, die, kämen sie ihm ja einmal zu Ohren, gar keinen Eindruck auf ihn machen würden. Nein; hat er im Gefechte einen größeren Verlust dem Feinde verursacht, als er selbst ihn erlitt, so wird er des errungenen Vortheiles stolz sich rühmen, sollte er auch fliehend die feindliche Überlegenheit haben anerkennen müssen. Die schönste That ist ihm, hinter einem Felsen versteckt dem sorglos vorüberziehenden Gegner die tödtliche Kugel zu senden und entdeckt durch eilige Flucht den Kampf zu vermeiden, in welchem schon die Chancen gleich sein würden; nie hält er sich für besiegt, wenn er am Tage nach der Schlacht die Stellung, den Punkt, von welchem er in ihr vertrieben wurde, hinter des Feindes Rücken wieder inne hat; daher verliert er auch durch keinen Unfall den Muth, und das beliebte no importa setzt ihn über Alles hinweg, was dem geregelten Heere ein unwiederbringlicher Verlust wäre. Seine Kriegskunst besteht weit mehr in gewandtem Fliehen, in sorgfältiger Vermeidung des Zusammentreffens, wo irgend Gleichheit der Kräfte Statt findet, und in der Benutzung jedes Vortheils, den List und genauere Kenntniß des Terrains ihm bieten, als darin, entscheidende Schläge vorzubereiten und auszuführen, durch die im geregelten Kriege der Militair sein Ziel erreicht. Von Plänen, Regeln und allen den sonst unvermeidlich gehaltenen Rücksichten weiß der Guerrillero natürlich Nichts: das augenblickliche Bedürfniß und die Laune entscheiden Alles, während seine einzige Sorge ist, nie aus dem ihm vollkommen bekannten Terrain sich zu entfernen, wenn er auch dadurch sonstige Vortheile opfern müßte.
Diese Art nun, den Krieg zu führen, ist diejenige, welche die Vertheidiger Carls V. allenthalben adoptirten, wo sie gegen die Usurpation in die Waffen traten; und ihr zuerst verdankten sie die Siege, welche sie über die in die Formen europäischer Organisation und Zucht gezwängten Christinos davontrugen. Dennoch wären sie unmöglich gewesen, wenn jene Guerrilleros nicht in der Configuration des Terrains, dem zweiten Grunde ihrer Fortschritte, eine so unermeßliche Unterstützung gefunden hätten. Ganz Spanien ist von Gebirgsketten durchzogen, die mannigfach verzweigt viele rauhe, unzugängliche Knoten und einzelne Hoch-Plateaus bilden, selten aber Ebenen zulassen, von denen nur in Castilien und Andalusien einige existiren. Vor den andern Provinzen zeichnen die baskischen und Catalonien, dann der Centralpunkt von Valencia, Unter-Aragon und Catalonien südlich vom Ebro durch die Schroffheit der Gebirgsformen und die Unzugänglichkeit ihrer Thäler sich aus, weshalb denn auch sie die Haupt-Schauplätze carlistischer Macht wurden.
In Vizcaya, Guipuzcoa und der nordwestlichen Hälfte Navarra’s sind die Züge des Gebirges, seine Biegungen und Äste so in und durch einander geschlungen, daß es dem geübtesten Auge schwer wird, die allgemeinen Gesetze zu erkennen, welche dem ganzen System doch zum Grunde liegen müssen: alles scheint eine wilde Masse ungeheurer Felsblöcke, die ohne Ordnung und Regel über einander gehäuft sind. Von der Hochebene Alava’s fällt plötzlich das Terrain nach Vizcaya und Guipuzcoa zu hinab und bildet bis zum Meere eine stark abgedachte schiefe Fläche, wodurch die Zerrissenheit des Landes, die verderbliche Wildheit der Gewässer, die Erschwerung der Communicationen, endlich die hohen und steilen Meeresufer herbeigeführt werden. Dadurch wird auch die Schwierigkeit aller Operationen erklärbar, die von Alava aus in das Innere der Provinzen unternommen wurden, da, wer von Vitoria nach Vizcaya vordrang, in einen Kessel hinabstieg, aus dem stets die Rückkehr sehr mißlich und bei einiger Thätigkeit und Einsicht des Feindes verderblich sein mußte.
Die Verbindungswege zwischen den einzelnen Thälern dieses Gebirgslandes folgen meistens dem Laufe der Flüsse, die in weiten Windungen durch unabsehbar tiefe Schluchten sich Bahn gebrochen haben; sonst ist die Communication, eben so gefährlich, nur über die scheidenden Bergrücken möglich. Da verzögern furchtbare Defilées, durch die nur Mann hinter Mann fortschreiten kann, oft Tage lang den Marsch der Colonnen, und kaum drängt ein beladenes Saumthier durch die beengenden Felswände sich hindurch. Dazu kommt, daß die hohen, großentheils mit dichten Waldungen bedeckten Gebirge eine ungeheure Menge Feuchtigkeit absondern und heranziehen, die sich in heftige, lange dauernde Regengüsse auflöset. Dann schwellen selbst unbedeutende Bäche zu Strömen an, die Alles mit sich fortreißen, die Brücken zerstören, die Wege auf weite Strecken überschwemmen und für den Augenblick die Passage ganz hemmen.
Trefflich wußten die Basken die Vortheile, welche solche Terrain-Gestaltung ihnen darbot, im Kampfe gegen Christino’s Armeen geltend zu machen, während ihr großer Führer eben so mit hohem Talente die geometrische Gestalt des Kriegsschauplatzes benutzte. Er bildet nämlich einen Kreis, dessen Centrum, jene unnehmbare Bergfeste, in der Gewalt der Carlisten war; die Christinos hielten, als sie aus dem Innern vertrieben waren, rings die Peripherie inne, suchten in ihr die Feinde vom Vordringen nach den andern Provinzen abzuhalten und von dort aus wieder ihre Herrschaft gegen das verlorene Centrum auszudehnen. Die oberflächlichsten militairischen Kenntnisse reichen hin, um auf den ersten Blick das Übergewicht dessen fühlen zu machen, der dieses Centrum inne hat. Ihm ist stets die Sehne offen, während der Feind dem weit schweifenden Bogen zu folgen genöthigt ist; er hat seine Communicationen, einen der großen Hauptnerven des Krieges, kurz und gesichert, da es ihm immer leicht ist, sich auf die an und für sich schon bedeutend längeren des Feindes zu werfen, sie zu unterbrechen und abzuschneiden. Wie herrlich kann der Feldherr in solcher Lage seine strategischen Talente glänzen lassen, wenn ein Terrain, wie das der baskischen Provinzen, ihn begünstigt, und wenn seine Soldaten der Eigenschaften jener Gebirgsbewohner sich rühmen können!
Zumalacarregui hatte ganz den Geist des Krieges begriffen, der allein dort Sieg geben konnte und, mit Kraft befolgt, ihn sicherte. Irgend einen Punkt der feindlichen Linien bedrohend eilte er auf dem kürzesten Wege nach dem entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters, führte den scharf berechneten Schlag aus und stand schon wieder auf seinem früherem Posten, ehe der Feind die Nachricht des Geschehenen erhielt oder seine Abwesenheit benutzen konnte. Er vermied die Heere der Christinos im ungünstigen Terrain, lockte sie listig in die Schluchten des Gebirges, um dort, da ihre Überlegenheit ihnen unnütz wurde, von allen Seiten über sie herzufallen, und begleitete sie harcelirend auf dem Rückzuge, wie er beim Vordringen derselben nicht selten ihren Vor- und Nachtrab zugleich bildete. Überlegenen Colonnen ausweichend, stürzte er sich auf die schwächeren; er schob sich zwischen die verschiedenen Heerhaufen, isolirt sie zu schlagen; er interceptirte die Verbindung, fing die Convoye auf und nöthigte durch unaufhörliche Verluste zum Aufgeben der Vortheile, die seine Schwäche augenblicklich einzuräumen ihn etwa veranlaßt hatte. Nicht aufgehalten durch Artillerie, Magazine, Bagage und alle die endlosen Impedimenta der geregelten Armeen konnte er mit Leichtigkeit unter allen Umständen und in jedem Terrain operiren, erschien auf Punkten, von denen man ihn viele Meilen entfernt glaubte, und überraschte den Feind häufig durch Märsche, die in Rücksicht auf Schnelligkeit und Terrain unmöglich scheinen würden.
Freilich konnte Zumalacarregui solche Wunder nur mit Kriegern, wie er sie befehligte, ausführen, Söhnen des Gebirges, die Tage lang ohne Ermüdung die steilen Bergpfade auf- und abklimmten und leicht wie die Gemsen über Felsen und Abgründe hinsprangen, denen endlich, da sie jede Schlucht und jeden Weg kannten, Tag und Nacht gleichgültig waren für den Marsch wie für das Gefecht. Auch in Bewaffnung und Gepäck hatten diese Soldaten Viel vor ihren schwerfälligen Gegnern voraus. Während die Christinos das beschwerliche Lederzeug, den Säbel, den vollgepackten Tornister und den Czako schleppten, hatte der Carlist seine leichte Patrontasche um den Leib geschnallt, sein Gepäck bestand in einem leinenen Beutel zur Aufnahme des reinen Hemdes und der Rationen, und die wollene Decke, welche er über die Schulter herabhängend trug, diente zugleich als Haus und Bett und Mantel. Hatte der Soldat seine Rationen in Ordnung, so war es ihm dasselbe, auf einem Felsen wie unter Dach auszuruhen, und oftmals brachten Bataillone ganze Monate in den Gebirgen zu, ohne ein Haus zu betreten.
Wenn nun die angegebenen Ursachen die Fortschritte der Royalisten zum Theil erklären, darf nicht verkannt werden, daß sie dennoch schwerlich der Übermacht auf die Dauer widerstanden hätten, wenn nicht der Geist des ganz ihnen ergebenen Volkes trefflich sie unterstützt hätte. In allen Provinzen, in denen die carlistische Macht blühete, hat das Volk Viel gethan und Viel geopfert, aber nirgends wie in den baskischen Provinzen und Navarra; freilich war auch nicht wie hier das materielle Interesse der Bewohner so eng an den Ausgang des Kampfes geknüpft. Drangen die Christinos in das Innere des aufgestandenen Landes vor, so fanden sie die Häuser, die Dörfer verlassen; alles Werthvolle, Alles, was irgend den Eindringlingen nützen konnte, war in die wildesten Theile des Gebirges gerettet, und der erschöpfte Soldat, wenn er gehofft hatte, nach des Tages Gefahr und Mühe in der Ruhe der Nacht sich zu erholen, sah die leeren Mauern der Häuser vor sich, mußte die Thüren aufbrechen und mit dem sich begnügen, was er im Tornister hergetragen hatte. Das Resultat war, daß bei ihrem Abzuge nicht selten die Wohnungen in Flammen aufloderten, wodurch denn die Abneigung der Bauern in Haß und wilde Rachsucht sich umwandelte. Da wurden die Divisionen durch die Landbewohner von Dorf zu Dorf mit Flintenschüssen escortirt, und der Arbeiter, der, ruhig am Wege mit der Hacke beschäftigt, sie vorüberziehen sah, griff nach dem versteckten Gewehr, um in die letzte Compagnie hineinzuschießen und mit einem Sprunge hinter den Felsen zu verschwinden; die Vorposten waren während der Nacht in beständigem Allarm und wurden oft, das Herz vom Messer durchbohrt, todt niedergestreckt gefunden, während der Unglückliche, welcher wenige hundert Schritt von den Marsch-Colonnen sich zu entfernen wagte, unter furchtbaren Martern von den Wüthenden hingeopfert wurde. Und fand sich etwa ein Bauer, der, unter die Christinos sich mischend, Erfrischungen zum Kauf bot oder, wie durch Zufall aufgegriffen, eine Zeit lang als Führer diente, so war er gewiß ein Spion, der bei der ersten Gelegenheit entschlüpfte, das Erforschte seinen Landsleuten, seinen Vertheidigern zu überbringen.
Der carlistische Krieger aber fand immer Schutz und Hülfe bei den Basken. Einzeln durchstreifte er mit Sicherheit die ganzen Provinzen und war gewiß, überall freudig aufgenommen, mit allem Nöthigen versehen und selbst, wo Gefahr drohete, von den Wirthen versteckt zu werden, die sich selbst geopfert hätten, um ihn dadurch zu retten. Befanden sich unsere Truppen in den Gebirgen, so eilten die Landleute von allen Seiten mit Lebensmitteln und Erquickungen herbei, ja im Beginn des Krieges, da die Städte sämmtlich im Besitze der Constitutionellen waren, führten nicht selten die Bewohner der feindlichen Festungen das von dem sorglosen Soldaten gekaufte oder geraubte Pulver und Blei den Freiwilligen zu, die Mangel daran litten. Die Basken boten während der ersten Jahre des Krieges das herrliche Schauspiel eines Volkes, das, um den gemeinschaftlichen National-Zweck zu erreichen, die individuellen Interessen ganz bei Seite setzt.
In keiner Hinsicht war die Zuneigung des Volkes so wichtig für die Carlisten wie in Bezug auf die Nachrichten. Die Gebirgsbewohner erspäheten von ihren Höhen hinab jede Bewegung der Feinde in der Ebene, und die Feuer, längs den Gipfeln im Augenblicke Stunden weit hinleuchtend, verkündeten, ob und in welcher Richtung die Truppen aus ihren Stellungen aufbrachen. So wie die Colonnen das carlistische Gebiet betraten, ward jedes Kind zum Kundschafter, die Worte der Generale selbst wurden in den Quartieren derselben sorgfältig erlauscht und sofort den nahe stehenden Freiwilligen überbracht, die, während sie stets treue Boten in Überfluß fanden, täglich Bauern erscheinen sahen, um ihnen die Depechen und Mittheilungen zu übergeben, welche Jenen unter Androhung von Todesstrafe vom christinoschen Befehlshaber für irgend einen andern feindlichen Posten anvertraut waren.
Es ist einleuchtend, welchen unendlichen Einfluß auf den Krieg die obigen Umstände haben mußten; um aber ganz ihr Gewicht zu fühlen, vergleiche man die beiden Perioden, während deren Mina, der berühmte Guerrilla-Chef, in eben diesen Provinzen das Commando führte, und sehe, was er in denselben Verhältnissen ausrichtete, da er das erste Mal sie ganz benutzen konnte, dann aber selbst sie bekämpfen sollte. Ein Bauer erhob sich Mina zum Streite für die Unabhängigkeit des Vaterlandes; da wagte er, gestützt auf die Beschaffenheit des Terrains, den Geist seiner Krieger und die Liebe des Volkes, mit wenigen Tausenden, die er gesammelt hatte, den Heeren Napoleon’s zu trotzen, und schlug unzählige Male mit seinen Bauern die glänzend organisirten kaiserlichen Truppen. Verfolgt von mehreren der besten Generale Frankreichs, ohne Festung oder Anhaltspunkt, vereitelte er alle Pläne und Anstrengungen der Gegner, stand nach einzelnen Niederlagen stets furchtbarer wieder da, machte Einfälle tief in die Provinzen jenseit der Pyrenäen und konnte bei Beendigung des Krieges sich rühmen, den Franzosen einen Verlust von mehr denn 50000 Mann beigebracht zu haben, während seine ganze Macht selten zu 8000 Mann stieg. — Eben dieser General sah sich später an der Spitze eines zahlreichen, gut geregelten Heeres auf dem Theater seiner früheren Triumphe; gegen ihn standen wieder einige tausend Bauern, wie damals er sie befehligt hatte. Sein Auftrag war, das Land zu unterwerfen, für dessen Befreiung er einst sich erhoben hatte. Da wurden seine Colonnen geschlagen, seine Festungen genommen, seine Angriffe zurückgewiesen, bis der alte Guerillero mißmüthig das Commando niederlegte, da er den Erfolg als unmöglich erkannte.
Noch bleiben zwei Umstände zu berücksichtigen, welche zu Gunsten der Carlisten großes Gewicht in die Wagschale legten: die Nähe der französischen Gränze und die Einheit im Commando im Gegensatz zu der durch mancherlei Rücksichten bedingten Kriegführung der Christinos.
Wenn gleich das französische Gouvernement die Einfuhr von Kriegsartikeln auf das strengste untersagte und dem Anscheine nach sie zu verhindern strebte, wenn Douaniers, Gensdarmen und Militair-Posten, längs der Gränze aufgestellt, mit Geräusch die Absichten ihrer Regierung gegen die Carlisten verkündeten, bezogen diese doch offen von dort her, was sie nur bedurften, und die Schließung des Verkehrs war nur während weniger Monate so wirksam, daß Verlegenheiten in den Provinzen daraus zu entstehen drohten. Nicht nur wurden alle Arten von Lebensmitteln eingeführt, so unentbehrlich wegen der Anhäufung von Consumenten bei der durch Mangel an Händen verhältnißmäßig verminderter Production; auch die zur Ausrüstung der Truppen nöthigen Stoffe, das Schuhwerk und die Baretts wurden fast ausschließlich aus Frankreich erhalten, und wenn die Bataillone nicht immer vollständig gekleidet waren, so lag dieses nicht sowohl an den Ausfuhr-Verboten Ludwig Philipp’s, als an dem traurigen Geldmangel, der so oft in der Armee fühlbar ward. Viele Waffen und ungeheure Transporte von Salpeter zur Fabrication des Pulvers wurden herübergeschmuggelt und selbst die Pferde der Cavallerie waren mit seltener Ausnahme französische, die von dem deshalb in Bayonne angelegten Depot ergänzt wurden. Ja, die Liberalen Spanien’s irrten nicht, wenn sie häufig die Hülfsquellen, welche Don Carlos in dem nahen Frankreich fand, als einen Hauptgrund für die Dauer des Krieges bezeichneten, und ich darf ohne Furcht vor Übertreibung sagen, daß derselbe schnell und anders entschieden wäre, wenn die Provinzen, die der Schauplatz der Thaten Cabrera’s wurden, in ähnlicher Lage gewesen wären.
Eine andere große Quelle der Macht fand Zumalacarregui, wie die Führer der andern carlistischen Aufstände, in der Art, wie er über sein Heer und über alle Ressourcen frei verfügen konnte. Die Revolutions-Generale hatten stets tausend verschiedene Rücksichten zu beachten: ihre politischen Meinungen und Pläne hatten mehr Einfluß auf die Operationen, als die Gelegenheit, welche die kriegerischen Ereignisse darbieten mochten; der Wunsch, einer oder der andern Parthei das Übergewicht zu geben, ein Ministerium zu stürzen oder zu befestigen, veranlaßte sie zu Unternehmungen, die sie zu anderer Zeit unter günstigeren Verhältnissen durchgeführt hätten, oder vermochte sie unthätig zu bleiben, wo sicherer Erfolg ihnen winkte. Und was vermag nicht, wo Revolutionen das Volk aufregen, die öffentliche Meinung, so gefürchtet selbst von den Leitern der verblendeten Massen; welche Macht besitzt nicht die Presse, die zügellos Alles zu beurtheilen sich anmaßet und zur Beförderung der niedrigsten Zwecke sich mißbrauchen läßt! Christina’s Feldherren hatten Viel zu berücksichtigen, Vielen zu genügen. Während in der royalistischen Armee König und Minister im Lager waren, so daß das nützlich Erkannte ohne Zögern beschlossen und ausgeführt wurde, mußten sie die Instructionen von der entfernten Residenz her erwarten, Lebensmittel, Kleidung, Geld fehlten fast immer, die Operationen auf das entscheidendste lähmend, und die Minister in Madrid waren nicht immer bedacht, der Nothdurft und damit der Gefahr rasch abzuhelfen. In der carlistischen Armee dagegen waren Aller Kräfte auf den einen Punkt, die Betreibung des Krieges und die Beförderung des großen allgemeinen Zweckes, des Sieges, gerichtet. So wie der General den Plan entworfen, konnte er auch Hand an die Ausführung legen, und die Civil-Verwaltung, deren Functionen fast darauf beschränkt blieben, war thätig bemüht, die Mittel herbeizuschaffen, die das Gelingen erleichtern konnten.
Character und Kriegsart des Volkes, die Eigenschaften des Terrains und der Geist seiner Bewohner, die Nähe der Gränze, die Verhältnisse endlich, unter denen die Anführer der sich entgegenstehenden Armeen befehligten, erleichterten die ursprünglichen Fortschritte der Carlisten. Ich gehe zu den Umständen über, durch die das Aufhören jener Fortschritte bedingt und der endliche Ruin der Sache Carls V. eingeleitet ward.
Zumalacarregui, der große Schöpfer und Führer des baskisch-carlistischen Heeres starb vor Bilbao; mit seinem Tode begann das Sinken der Parthei, die er so erfolgreich vertheidigt hatte. Mit festem, eisernem Willen begabt, gefürchtet zugleich und angebetet wußte er alle Mittel, alle Anstrengungen seines Vaterlandes dem einen großen Ziele zuzuwenden und vereinigte die widerstreitendsten Interessen für den einzigen Punkt, den Kampf. Mit Stolz sahen die Basken auf den Basken, der so oft ihre Söhne zum Siege geführt; sie fanden ihre Größe in der seinigen, sahen in seinem Ruhme den Ruhm des baskischen Namens und opferten, da ein Landsmann sie dazu aufforderte, freudig Alles, was sie jedem Andern versagt hätten. Und Zumalacarregui verstand diese Stimmung trefflich zu nutzen, wie er die dadurch ihm gebotenen Mittel in seiner Hand unerschöpflich zu machen wußte. Ein Wort von ihm reichte hin, seine kräftigen Freiwilligen zur Ertragung der äußersten Beschwerden anzuspornen, seine Gegenwart beseelte sie mit dem Vertrauen, welches der sicherste Bürge des Sieges ist. Sein Talent, dem Unbedeutenden und dem Größten gleich gewachsen, umfaßte Alles, rastloser Eifer und unermüdliche Thätigkeit vervielfältigten seine Hülfsmittel und nöthigten die untergeordneten Führer zur gleichen Anspannung ihrer Kräfte, da sein Scharfblick ihnen rasche Entdeckung verhieß, der die Strafe unerbittlich auf dem Fuße folgte. Unbeugsam und durchgreifend gab er nie der Intrigue Gehör und verschmähete den Weihrauch, welchen die Schmeichelei zur Erreichung ihrer selbstischen Zwecke ihm darzubieten eilte; Gerechtigkeit — und sie in ihrer höchsten Strenge — war der einzige Leitstern seiner Handlungen, Verdienst das einzige Recht auf Belohnung. Nur seinem Gotte und seinem Könige Rechenschaft schuldig, wirkte er stets mit der Entschiedenheit und Standhaftigkeit, die das Bewußtsein seines erhabenen Zieles und das Gefühl inwohnender Fähigkeit und Kraft ihm einflößen mußten.
Der Tod eines solchen Mannes mußte die unheilvollsten Folgen nach sich ziehen. Neid und Intrigue begannen sofort ihr jämmerliches Spiel, und ehe noch die Geister von der Betäubung sich erholt, die der unerwartete Schlag verbreitet hatte, erhoben sich bittere Streitigkeiten um die Nachfolge des Helden. Niemand bedachte, daß es doppelt schwer wurde, nach ihm das Commando zu führen. Moreno übernahm den Heerbefehl, ausgezeichnet durch hohe Talente, aber ohne die Eigenschaften, welche in solchem Kriege vor allen andern den Sieg sichern. Die Männer, welche nach einander an die Spitze der Armee traten, besaßen weder die Energie, die früher so Viel vermocht, noch wußten sie die Popularität sich zu erwerben, deren Zumalacarregui genossen hatte; mehrere unter ihnen, so wie sehr viele der andern Generale gehörten andern Provinzen Spanien’s an. Die Basken und Navarresen sind gewohnt, einen Jeden, der nicht ihr Landsmann ist, als Fremden zu betrachten, ja als Feind, der ihren Interessen natürlich abgeneigt ist; sie konnten daher nur mit Widerwillen von diesen Fremdlingen sich befehligt und in ihre Hand das Geschick des Landes gelegt sehen. Die Eifersucht that sich bei jeder Gelegenheit kund und dehnte sich bald auch auf die Bataillone aus, welche aus Castilianern, wie sie alle Nichtbasken bezeichnen, gebildet waren: Streitigkeiten und blutige Händel, nicht immer durch strenge Kriegszucht verhütet, waren die traurigen Folgen. Uneinigkeit, die ja stets von Schwäche begleitet ist, nahm im carlistischen Heere unter Anführern und Truppen täglich mehr überhand; Mißtrauen und böser Wille entsprangen rasch aus solcher Wurzel.
Schon war dieses Heer auch nicht mehr aus den alten, von Vaterlandsliebe und Begeisterung getriebenen Freiwilligen zusammengesetzt, die im Beginn des Krieges so manchen Sieg erkämpft hatten. Die Bataillone, wie sie zusammenschmolzen oder neu gebildet werden sollten, wurden großentheils durch Rekruten ergänzt, die, kaum aus dem Knabenalter getreten, mit Gewalt dem väterlichen Heerde entrissen und dem Feinde entgegengeführt waren, so daß in vielen bedeutenden Ortschaften nicht ein einziger unverheiratheter Mann über siebenzehn Jahren sich fand. Diese Conscribirten wurden häufig nur durch Zwang und durch die Furcht vor den Folgen, welche die Desertion für ihre Verwandten nach sich zog, in den Reihen zurückgehalten, da sie die Eltern und Schwestern derer, die sich verleiten ließen, in Frankreich Schutz gegen die Aushebungen der beiden kämpfenden Partheien zu suchen, Jahre lang im Kerker schmachten, ihre Güter eingezogen und verkauft sahen. Wenn auch die Unerschrockenheit, die den Basken nie verläßt, ihn, wenn er einmal Soldat, zum braven Soldaten machte, konnte doch solchen Kriegern nie der Enthusiasmus eingeimpft werden, der die ersten Vertheidiger Carls V. unwiderstehlich machte. Sie wurden täglich lauer, sie benutzten gern jede Gelegenheit, die sich bieten mochte, um auf einige Zeit die Gefahren und Mühen des Feldzuges gegen die Ruhe eines Hospitals oder die lockenden Freuden des väterlichen Hauses zu vertauschen, und des hohen Preises vergessend, der durch den Krieg errungen werden mußte, gewöhnten sie sich, nur als Übel ihn zu betrachten.
Und an diesen Gefühlen nahm bald auch der friedliche Bewohner Theil. Wiewohl stets den Gesinnungen treu, die bei dem Beginne des Aufstandes seinen Söhnen die Waffen in die Hände gab, empfand der Bauer doch zu schwer das Gewicht des langjährigen Krieges, als daß er nicht das Ende desselben mit Sehnsucht herbeiwünschen sollte; ja er hätte wohl, um nur Frieden zu erlangen, einen Theil der Ansprüche aufgegeben, für die er einst bereitwillig Alles opfern wollte. In der That war die Lage der Bewohner des Kriegsschauplatzes verzweifelt. Noch hatte der Bauer die Erndte nicht eingesammelt, wenn schon übermäßige Forderungen an ihn gerichtet waren, die stets wiederholt, bis er Alles hingegeben hatte, zu traurigstem Elende ihn verdammten, ihm oft selbst das für die nächste Aussaat Nöthige raubten. Das Vieh, sonst der Reichthum dieser Provinzen, ward aufgezehrt, der Handel und die Contrebande, unerschöpfliche Quellen ihres Wohlstandes, existirten nicht mehr; der Ackerbau sank zusehends, da die Zahl des Viehes so gering wurde, und mehr noch aus Mangel an Arbeitern, der es dahin brachte, daß allgemein die Mädchen und Frauen das Land bestellten, da die Männer den Pflug mit dem Gewehre hatten vertauschen müssen. Zugleich wurden den Bauern Leinen und Betten für Hospitale und Casernen abgenommen und oft mit, leider unvermeidlicher, Härte eingetrieben, während sie selbst an Festungswerken zu arbeiten, mit ihren Maulthieren den Truppen zu folgen oder gar, bei Belagerungen in der Tranchee arbeitend, ihr Leben auszusetzen genöthigt waren. So ist es nicht zu bewundern, wenn das Volk im Allgemeinen überdrüssig wurde und dem Kriege abgeneigt zu werden begann, der seit so langer Zeit es niederdrückte, ohne durch bedeutende Erfolge, wie in der ersten Epoche, seiner Nationaleitelkeit zu schmeicheln und die Hoffnung auf baldige glückliche Beendigung dieses Zustandes zu beleben.
Für den General aber und die Verwaltungsbehörden wurde es täglich schwieriger, alle die Bedürfnisse herbeizuschaffen, ohne welche Kriegführung unmöglich ist, hauptsächlich Kleidung und Mundvorräthe, so wie Sold. Das Land war, wie gesagt, erschöpft und wurde, täglich mehr ausgesogen, auch täglich unfähiger, das von ihm Geforderte zu leisten; daher mußte Alles aus der Fremde und zwar, da englische Kriegsschiffe die Seeküste blockirten, aus Frankreich bezogen werden. Das Geld nun wurde immer seltener, die Quellen, aus denen es früher geflossen, waren versiegt, und auch das Ausland machte stets größere Schwierigkeiten, Summen zu zahlen, die ganz ohne Erfolg weggeworfen schienen. Umsonst gab der König das Beispiel höchster Einfachheit und Entsagung, umsonst blieben die Truppen drei, vier Monate lang unbezahlt, ohne daß das geringste Murren ihre Unzufriedenheit verrathen hätte; die Verlegenheit des Schatzes wurde täglich dringender, und der Scharfsinn der carlistischen Agenten so wenig wie die Aufopferung einzelner ergebener Anhänger des Königs vermochte der immer erneuerten Noth abzuhelfen.
Noch muß ich einen Grund erörtern, der Viel dazu beitrug, die Basken an der Verfolgung der anfänglich errungenen Vortheile zu hindern, wiewohl er auf den ersten Blick diese nur befördern zu können scheint; es ist die Methode, welche bald nach Zumalacarregui’s Tode adoptirt wurde, Expeditionen über den Ebro hinaus nach den übrigen Provinzen der Monarchie zu entsenden. Solche Expeditionen konnten ohne Zweifel von höchstem Interesse werden und auf die Beendigung des Krieges entscheidend einwirken, wenn sie gehörig basirt und combinirt waren, anstatt daß sie ganz ohne Anhaltspunkt und auf die unbedeutenden Hülfsmittel beschränkt, die sie mit sich führen mochten, in die Mitte der feindlichen Massen geschickt wurden. Sie zersplitterten so unendlich die Macht der Carlisten, schwächten ihr Hauptheer, setzten alle ruhenden Kräfte der Christinos in Bewegung, ohne angemessenes Gegengewicht zu schaffen, und hatten selbst mit ganz unüberwindlichen Hindernissen und Schwierigkeiten zu kämpfen, so daß zu bewundern ist, wie irgend eines der dazu bestimmten Corps der Vernichtung entgehen und vorübergehend glänzende Erfolge davontragen konnte. Da diese Züge, oft an Kühnheit und Gewandtheit hervorstechend, höchst interessante Episoden des Krieges bilden, ist es natürlich wünschenswerth, ihre Verhältnisse etwas näher zu betrachten.
Seit dem Augenblicke, in dem die Expedition die Nordprovinzen verließ, gab sie alle die Vortheile auf, welche sie in jenem Terrain über den Feind hatte, und mußte ihm selbst einen Theil derselben einräumen, ohne die Verhältnisse für sich zu haben, durch welche die Christinos in Stand gesetzt wurden, dem widrigen Einflusse häufig sich zu entziehen. Sie wird alsbald von Colonnen verfolgt, deren jede an Zahl ihr überlegen ist und täglich verstärkt wird, da die Elemente, welche bisher unthätig ruheten, nun alle zur Bekämpfung der eingedrungenen Feinde ins Leben treten und gegen sie sich vereinigen. Das Terrain, dessen Kenntniß in solchem Kriege mehr als je von Wichtigkeit, ist natürlich dem General unbekannt, (denn Karten so wie Instrumente fanden sich gewöhnlich gar nicht und wurden verachtet); während die Christinos, von der Bevölkerung zuweilen aus Sympathie, häufiger aus Furcht und Gewohnheit unterstützt, leicht überall die nöthigen Kenntnisse und Führer sich verschafften. Dabei ist die Expedition, um das ihr günstigere Terrain nicht aufzugeben wie mit Rücksicht auf die festen Orte des Feindes, gezwungen, den Biegungen und Verschlingungen der Gebirge zu folgen; ihr Verfolger dagegen, im Besitze von Anhaltspunkten, die alles Nothwendige ihm liefern, benutzt die kürzesten Linien und vermag mit geringer Anstrengung stets die Carlisten im Auge zu behalten.
Von allen Seiten sieht das Expeditions-Corps von Feinden sich umgeben, die den passenden Augenblick erlauern, um über dasselbe herzufallen, und doch reichen seine Kräfte kaum hin, um gegen eine der Colonnen sich zu schlagen, die ihm entgegen operiren; unfähig mit Erfolg den Gegnern entgegen zu treten, ist es also verdammt, immer den Kampf zu vermeiden. Der Soldat verliert den Muth, er erschlafft, Desertion reißt ein, und die Krankheiten als natürliche Folge der unvermeidlichen, nie endenden Strapatzen nehmen überhand. Bald nimmt die Disciplin ab, oft trennen sich kleine Schaaren von der Masse und sinken zu Raubgesindel herab; wer aber einzeln zurückbleibt, ist verloren, denn die Nationalen, welche vor dem Einrücken der Truppen entflohen, um auf den Seiten und im Rücken sie zu begleiten, kennen kein Erbarmen: wer ihnen in die Hände fällt, wird niedergemacht, krank oder gesund, wehrlos wie nach bravster Vertheidigung. Dann wird es im Gebirge oft schwer, die nöthigen Subsistenz-Mittel herbeizuschaffen, und in den südlichen Provinzen ist es unmöglich, stets die Ebene zu vermeiden; so wie die Freiwilligen sie betreten, sehen sie die Cavallerie bereit, in sie einzuhauen, diese brave, unendlich überlegene Cavallerie, die auf dem Fuße ihnen folgte, den Moment erwartend, der sie zur Thätigkeit rief, und die, immer zu sehr gefürchtet, nun ihre ganze Gewalt entwickelt und Schrecken und Tod in die Reihen der geschwächten Bataillone trägt.
Und sollte es nun gelingen, eine der verfolgenden Colonnen vereinzelt zu überraschen und zu schlagen, Bahn sich zu brechen, sind da jene Schwierigkeiten und Gefahren überwunden? An Benutzung des erfochtenen Sieges ist nicht zu denken, wenn nicht etwa für augenblicklich ungestörte Fortsetzung des Marsches; denn kaum wird die Blutarbeit vollendet sein, wenn schon andere Corps da sind, die Niederlage ihrer Gefährten unschädlich zu machen und den Rückzug derselben zu sichern. Die Expedition muß wieder fliehen; was wird da aus den Verwundeten, von denen der Sieger nicht frei sein wird, was wird aus allen Kranken? Die Unglücklichen müssen entweder ihrem Schicksale, dem mehr als Tod gefürchteten Elend in der Liberalen Gefangenschaft, überlassen werden, oder sie erschweren und verzögern ins Unendliche jede Bewegung, wo keine Minute ungestraft verloren wird. Zugleich sollen die Munitionen ersetzt werden, eine andere unübersteigliche Schwierigkeit. So setzt also der Sieg, anstatt das Corps zu retten, nur neuen Verlegenheiten es aus, denen es fortwährend geschwächt endlich unterliegen muß.
Kann aber solch eine kleine, isolirte Division, wenn sie irgend thätig und geschickt verfolgt wird, die Zwecke erreichen, um die es von der Hauptarmee entsendet wurde? Ist es möglich, daß sie das feindliche Gebiet occupire und in ihm sich festsetze, daß sie die etwa vorhandenen Stoffe zum Aufstande anrege und die carlistisch gesinnten Bewohner ermuntere, mit den Vertheidigern der Legitimität sich zu vereinigen? Oder kann sie, wenn sie selbst auf so zweideutigen und die Aufopferung so vieler Braven nicht rechtfertigenden Zweck sich beschränken wollte, kann sie auch nur Vorräthe anhäufen, Contributionen erheben und Geiseln mit sich führen, um doch mit Beute beladen nach den Nordprovinzen zurückzukehren? Die Carlisten müssen stets fliehen; wie aber soll der Bewohner, so entschieden er in seiner Meinung sei, den Truppen sich anschließen, die er ohne Ruhe noch Rast gehetzt sieht? Das Vertrauen des Volkes muß unter solchen Verhältnissen eben so schwinden wie des Soldaten moralische Kraft, durch die doch vorzüglich die physische aufrecht erhalten wird. Der Soldat, welcher stets fliehet, ist nicht mehr Soldat; er wird zum Schatten seines Ichs, von jeder Gefahr aufgeschreckt und unfähig, ihr zu trotzen und den Beschwerden zu widerstehen, die sich auf ihn häufen. Mancher Führer, wenn er dies bedacht hätte, würde wohl vorgezogen haben, mit dem Schwerdte in der Hand Sieg oder Tod zu erkämpfen, ehe er das ihm anvertraute Corps auf schmachvolle Weise langsamer, aber sicherer vernichtet sähe.
Ist die Expedition mit einiger Sachkenntniß verfolgt, so muß sie unterliegen, ohne ihren Zwecken entsprochen zu haben. Festsetzen kann sie sich nirgends; sie würde das Verderben, welches sie kaum vermieden, sofort auf sich ziehen; wie sollte sie aber, ohne sich festzusetzen, den Aufstand organisiren, die Provinzen beherrschen und dadurch zum Siege der guten Sache mitwirken? Sie vermag höchstens das Land zu durcheilen, hie und da Contributionen erhebend, die Mißgriffe des Feindes benutzend, um in irgend eine Stadt einzudringen, die sie bald wieder räumen muß, und den friedlichen Einwohnern nebst den Leiden und dem Jammer des Krieges Abscheu gegen diejenigen aufzwängend, welche so ohne Nutzen ganzen Provinzen Zerstörung bringen.
Wenn man erwägt, was die Expeditionen gegen sich in die Wagschale gelegt sahen, kann man nicht umhin, erstaunt zu fragen: Wie ist es denn möglich, daß mehrere Expeditionen so glänzend ausfielen, daß sie der ihnen entgegengestellten Colonnen spotten oder gar sie aufreiben konnten; daß Gomez bis zu den reichen Ebenen Andalusien’s und Gibraltar’s Felsen die ganze Halbinsel durchziehen und, wenn er nichts Dauerndes gethan, doch an Zahl bedeutend verstärkt und mit mannigfachen Schätzen nach Vizcaya zurückkehren durfte? Wie stand Zariategui später als Herr von Castilien da, wie wurde Madrid wiederholt in Schrecken gesetzt? Unfähigkeit und Nachlässigkeit der christinoschen Anführer trug wohl noch mehr dazu bei, als die Geschicklichkeit der carlistischen Generale und die Bravour der Truppen, so hoch sie auch zu stellen ist. Und dann vermag das Glück, wie in allen menschlichen Dingen, auch im Kriege so Viel. Doch bleibt unzweifelhaft, daß, während die Expeditionen gut disponirt und vor Allem combinirt das Ende des Krieges herbeiführen mußten — was gethan werden konnte, hat das Jahr 1837 in den Zügen des Königs mit Cabrera und Zariategui’s gezeigt, — daß sie durch die Art ihrer Ausführung die carlistische Macht unendlich schwächten und, da sie der Hauptarmee ohne Ersatz viele Tausende ihrer besten Krieger raubten, sie unfähig machten, den früheren Siegeslauf fortzusetzen. Zu bewundern ist in der That, daß die feindlichen Feldherren, ihr Bestes ganz verkennend, den Abmarsch dieser, dem Untergange geweiheten Corps zu verhindern strebten, anstatt ihnen beim Vordringen goldene Brücken zu bauen, und nur der Rückkehr mit ganzer Kraft sich zu widersetzen.
Ich schließe diese Abschweifung, indem ich alle die Umstände, welche mächtig zum Verfall des seit dem Beginn des Bürgerkrieges so kräftig aufblühenden carlistischen Heeres beitrugen, zur Übersicht zusammenfasse. Die Berücksichtigung derselben erläutert manches sonst Dunkele und mag Vorurtheile berichtigen, die außerhalb Spanien gegen viele meiner ehemaligen Chefs und gegen meine Cameraden im Allgemeinen sich bildeten und bilden mußten. Sie sind vor Allem der Tod des großen Zumalacarregui und die Unzulänglichkeit seiner Nachfolger im Commando, wodurch der Eifersucht und den bis dahin stummen Intriguen der Kampfplatz geöffnet wurde; der Haß der Provinzen auf einander, der in schwächender Uneinigkeit und Unzufriedenheit sich kund gab; die Erschöpfung des Landes und der Überdruß der Bewohner nach so vieljährigem Dulden; der drückende Geldmangel; die Elemente, aus denen später die Truppen bestanden; endlich die Expeditionen.