XIX.
Endlich waren die tausend und tausend Schwierigkeiten überwunden, welche ewiger Geldmangel der Abreise der auszuwechselnden Gefangenen entgegengesetzt hatte; an einem der letzten Tage Juni’s war Alles zur Einschiffung bereit. Schweren Herzens nahmen wir Abschied von den Cameraden, die düster ernst uns Glück wünschten zur Reise, uns beschworen, dem sieggekränzten Anführer, dessen Armee wir in Zukunft angehören sollten, ihre Lage und Wünsche vorzustellen. In dichtgedrängtem Haufen umstanden sie das Thor des Palisaden-Gitters, die Armen, durch das wir einzeln, so wie unsere Namen verlesen wurden, die Casematten verließen; mein Name, verstümmelt in des Südländers Munde, ertönte — noch ein Händedruck, ein herzliches Lebewohl — schon sah ich die Trauernden nicht mehr; schneller fühlte ich die Brust sich mir heben, da die furchtbaren Räume, in denen so viele Monate in peinlicher Muße mir hingeflossen, auf immer hinter mir sich schlossen. Bald durchzogen wir, kaum durch das gaffende Volk belästigt, die Stadt mit ihren niedlichen, schneeigen Häusern und bewunderten den Hafen, wie er, immer noch mit den Flaggen aller Nationen geschmückt, in sanfter Ruhe sich vor uns ausbreitete. Ihn begränzend erhob sich uns gegenüber die Küste des Festlandes, von sanft aufsteigenden Hügeln überschattet, bis wo die dunkleren Massen der Sierra das reizende Tableau schlossen; Puerto Real und Puerto de Santa Maria, beide wie Cadix auf das anziehendste gebaut, belebten nebst zahllosen Landhäusern die mit Weinbergen und lieblichen Orangengärten abwechselnde Gegend. Noch vor Sonnenuntergang verließen wir die Bucht und flogen, von nicht ungünstigem Winde getrieben dem offenen Meere zu.
Das Schiff auf dem wir uns befanden, war ein alter Küstenfahrer, nicht unbequem, da er, um so viel Waaren wie möglich fassen zu können, geräumig genug eingerichtet war. Vor dem Winde segelte er mit außerordentlicher Leichtigkeit, so daß wir dann alle Fahrzeuge, welche wir zu Gesicht bekamen, zu unserm Ergötzen bald überholten; so wie aber der Wind von der Seite kam, wurde er doppelt schwerfällig und langsam, wie man behauptet, eine gewöhnliche Eigenschaft bei alten Schiffen. Unsere Bedeckung — ich schäme mich fast, ihrer zu erwähnen — bestand aus einem Officier und sechs oder sieben Marine-Soldaten, während neunzig gefangene Officiere an Bord sich befanden. Ich suchte die Gesinnungen derer zu tentiren, welche den meisten Einfluß auf die Übrigen ausübten, erkannte aber sehr bald, daß ihr persönliches Interesse das Gefühl des allgemeinen Besten niederhielt, daß sie für eine große Thorheit gehalten hätten, jetzt, da sie ihrer Befreiung gewiß waren, nach Gibraltar, wie ich andeutete, oder irgend einem andern Punkte sich zu wenden, um vielleicht die Leiden des Exils erdulden zu müssen. Wie wenig ahneten die Armen das Schicksal, welches wenige Monate später sie ereilen sollte! Umsonst stellten die Einzelnen, welche mir sich anschlossen, vor, daß der Feind genöthigt sein würde, noch ein Mal eine gleiche Zahl unserer zurückgebliebenen Leidensgefährten zu lösen; die weit überwiegende Mehrheit beharrte entschieden auf ihrer selbstischen Ansicht. Übrigens erkannte der uns escortirende Officier seine Lage so wohl, daß er sofort die Waffen seiner Leute in einen Kasten einschließen ließ und sich dadurch wehrlos unserm Willen hingab. Er hielt es ohne Zweifel für klüger, uns ganz gewähren zu lassen, als durch Zwang und lästige Vorsichtsmaßregeln uns zu reizen; auch mochte er wohl des Characters seiner Landsleute gewiß sein.
Nachdem während der Nacht Windstille uns gefesselt hatte, trieb nach Sonnenaufgang ein leichter Hauch das Fahrzeug langsam der Küste entlang, deren Schönheit um diese Jahreszeit in der höchsten Pracht entfaltet war. Die Landhäuser der reichen Kaufleute von Cadix bedeckten in mannigfach wechselnder Gestalt den Strand, bis wo die Kette der das Meer cotoyirenden Gebirge wilder sich hob; dort lag Chiclana, wo umsonst die Schaaren der Constitution gegen Angouleme’s Heer Widerstand versuchten. Dann doublirten wir das Vorgebirge, bei dem der erste Seeheld der stolzen Britannia mit seinem Tode den herrlichen Sieg erkaufte, der entscheidend Spaniens und Frankreichs vereinte Flotten vernichtete, und mit der Überlegenheit seines Vaterlandes über die gefährlichen Nebenbuhler die Seeherrschaft desselben auf lange Zeit sicherte. Schon erhoben sich fern am Horizont die bläulichen Hügel Afrika’s und schienen, vor uns Europa berührend, das Vorwärtsdringen dem kühnen Seefahrer schließen zu wollen. Der Wind, jeden Augenblick mehr frischend, näherte uns rasch dem Eingange in die berühmte Straße des Herkules: zur Rechten zog das maurische Tanger meine Aufmerksamkeit an, dann links Tarifa mit seinen niedrigen Festungswerken, geschützt durch eine vorliegende gleichfalls befestigte Insel. Wie in beiden Städten dasselbe Gemisch von arabischen und europäischen Sitten den Beobachter frappirt, boten sie auch beide denselben Anblick der einförmigsten Weiße; jedes Leben schien in ihnen erstorben zu sein.
Von Strömung und Wind gleich begünstigt flogen wir durch die immer mehr sich engende Straße zwischen zwei Welttheilen hin, welche durch einen breiten Strom geschiedene Theile desselben Landes schienen. Zu beiden Seiten erhoben sich wellenförmig die Höhen vom Gestade zu den dunkleren Gebirgen, zu beiden Seiten prangten die Gefilde in demselben lachenden Grün und leuchteten gleiche Häuser und Dörfchen in den Strahlen der Mittagssonne; in Afrika, wie in Europa zeigte das Fernrohr reizende Gärten und weite Haine von Orangen und Citronen, unter denen die schlanke Palme, einer Säule ähnlich, hoch gen Himmel strebte. Da fesselte ein Felsen meine Blicke, zur Linken scharf über die niedrigeren Höhen hervortretend: die Veste lag vor uns, deren Name des stolzen Spaniers Brust im Gefühl vergangener Größe, jetziger Schmach von Zorn und Rachsucht schwellen macht, sein Antlitz in die Gluthfarbe der Scham badet. Majestätisch steigt aus den Wellen die finstere Masse empor, die ihres Vertheidigers erkaufte Nachlässigkeit in die Gewalt der Briten gab, und durch deren Abtretung der Enkel Ludwigs XIV. ihnen die Anerkennung seiner Herrschaft bezahlte; die, durch die Kunst in eine fast unangreifbare Veste umgeschaffen, nun die wichtigste unter den Stationen ist, mit welchen Englands Herrschsucht Europa, ja den Globus, wie mit einer Kette zu umschlingen wußte, um seinem Handel als Stapelplatz, seinen Flotten als Stützpunkt und Zuflucht zu dienen, und die ihm erst dürfte entrissen werden, wenn die hundertfaches Verderben sprühenden Kriegsmänner, welche, bisher unbesiegt, die stolze Insel zur Königinn der Meere erhoben, einem in jugendlicher Kraft blühenden Rivalen unterliegen.
Dann ward Ceuta sichtbar, schon außerhalb der eigentlichen Straße von Gibraltar gelegen, doch ihm so nahe, daß in jedem der beiden Punkte Kanonen sich finden sollen, welche den anderen zu erreichen vermögen; einige jener Ungeheuer, wie der Rhein-Reisende auf dem Ehrenbreitstein eines bewundert. Auch Ceuta ist sehr stark; es liegt auf einer Landzunge, deren ganze Breite die die Landseite deckende Befestigungslinie einnimmt, so daß diese in eingehenden Bogen construirt werden konnte. Die Regierung Christina’s begrub in den Kerkern des dortigen Presidio Tausende von Unglücklichen, welche Anhänglichkeit an ihren König zu Verbrechern stempeln mußte.
Vor uns dehnte das Mittelländische Meer sich aus, so reich an Erinnerungen und herrlichen Thaten, umringt von den schönsten Ländern der alten Welt, von den Reichen, die in der höchsten Blüthe der Civilisation und der Macht prangten, als die Völker des Nordens, welche jetzt über den ganzen Erdball hin das Loos der Nationen lenken, auf lange noch in den Banden des finstern Barbarismus lagen. Und was sind sie nun, diese herrlichen Länder, welche die Geschichte als die Wiege alles Erhabenen und Schönen uns malt? Würden die mächtigen Könige Egyptens, die Erbauer der Pyramiden, die Priester, denen Griechenlands Weise ihre geistigen Schätze verdankten, ihr Vaterland wieder erkennen in den öden Gefilden, deren Bewohner eines Mehemed Ali Cultur als Wunder anstaunen müssen? Könnten wohl die Helden der weltumfassenden Roma für ihre Nachkommen die Männer halten, deren schlaffer, knechtischer Geist selbst den Gedanken der Thaten ihrer Vorfahren nicht zu fassen vermöchte? Tunis Dey herrscht da, wo einst Carthago in seiner stolzen Handelsgröße thronte, wo Hannibal, groß als Feldherr und groß im Rathe, seine kühnen Pläne zum Kampfe um die Herrschaft der Welt entwarf; Macedoniens unterdrücktes Volk vergaß längst, daß ein Alexander triumphirend zu den Gränzen des fabelhaften Indiens und bis in die glühenden Wüsten von Afrika es führte. Und was ward aus der pyrenäischen Halbinsel, die eine neue Welt sein nennen durfte, deren Flotten von Osten und von Westen her die unerschöpflichen Reichthümer der heißen Zone ihr, der Gebieterinn, zuführten; deren Herrscher sich rühmte, daß nie in seinen Staaten die Sonne untergehe? Was ward aus Griechenland, dessen Söhne, lange Jahrhunderte unter schmähliches Sclavenjoch gebeugt, durch alle Stürme und Leiden hindurch nur die alte Uneinigkeit zu bewahren wußten? In des großen Constantin Stadt zittert ohnmächtig der Sohn der Sultane, welche zu Wiens Belagerung ihre fanatischen Krieger führten; ein türkischer Pascha gebeut in den Reichen des großen Mithridates, in den Stätten, die durch Hectors und Achilles Thaten verherrlicht sind. Wo der Herr der Welten beseligende Liebe verkündete, da kämpfen wilde Horden um das Recht, die erniedrigten Bewohner bis zum letzten Blutstropfen auszusaugen! —
O, Vergänglichkeit alles Menschlichen! — Und das Meer unter allen Umwälzungen rollt seit Jahrtausenden unverändert seine Wogen.
Der Südwest, welcher uns so kräftig durch die Straße von Gibraltar getrieben und die Hoffnung erregt hatte, in wenigen Tagen Valencia zu erreichen, starb weg, als wir während der Nacht Malaga und Motril passirt hatten; im Angesichte des Cabo de Gata fesselte uns gänzliche Windstille, von den Schiffern mit finsterer Stirn begrüßt. Erstickende Schwüle lähmte Geist und Körper, bleischwer auf uns lastend, die Sonne glühte sengend auf unsern Scheitel herab, und als die ersehnte Nacht endlich kam, brachte auch sie nicht jene erfrischende Kühlung, die sonst sie zu begleiten pflegt. Die Segel schlugen schlaff hin und her an die Masten, durch ihre Bewegung fortwährend uns Unerfahrene täuschend, da wir die Wirkung des Windes in ihr suchten; zugleich schwankte das Schiff tief sich beugend von einer Seite zur andern und erzeugte dadurch rings umher ein leichtes Zittern des Wassers, gegen das die todte Glätte des Meeres, so weit das Auge reichte, desto mehr auffiel.
Gegen Mittag des folgenden Tages ward fern gen Norden ein kleiner schwarzer Punkt sichtbar, der reißend anschwoll und den Horizont überzog; dumpfes Rauschen ertönte aus der Tiefe, aus der Luft, die Oberfläche des Meeres regte sich, hie und da kleine Streifen weißen Schaumes zeigend. Emsig kletterten die Seeleute umher, die verwitterten Züge in starre, drohende Falten geworfen, zogen hier ein Segel ein und banden sorgfältig es fest oder untersuchten mit prüfendem Auge die Taue, während dort die Schiffsjungen alles Überflüssige in den Raum warfen, um das Verdeck, schon durch eine große Zahl von uns überfüllt, etwas freier zu machen. Rasch bedeckte schwarzes Gewölk hoch auf einander gethürmt den ganzen Himmel, immer hohler tönte über uns, wie unten in den Wassern, abgerissen unheilverkündendes Brausen, und das Fahrzeug ward in kurzen, heftigen Stößen hin und her geworfen. Augenblickliche Stille trat ein, unheimlich, ängstlich: in der nächsten Minute brüllte und pfiff der Sturm durch das Tauwerk, welches längst von seiner Last befreit war.
Ein Sturm ist so oft geschildert worden, daß es nur lästige Wiederholung des oft Gehörten wäre, wollte ich unsere körperlichen und geistigen Leiden während der folgenden Tage im Detail geben. Das Schiff flog dahin vor der Wuth der losgelassenen Winde, bald hoch auf einer Woge emporgehoben und weithin das wilde Treiben der Wasser überschauend, bald war es in den Abgrund versenkt, dessen Schaumwände einem Kerker gleich, dicht uns umschlossen und jeden Augenblick über uns zusammenzuschlagen drohten. Nicht mehr bestimmt, so grausen Kampf zu bestehen, krachte das alte Schiff in allen seinen Fugen, als bräche es unter der Last der Massen, die es bestürmten. Wehklagen und Jammer ertönte aus dem Raume, wo jede neue Welle die von der Seekrankheit Geplagten über und durch einander warf, während so viele, welche auf dem Lande oft furchtlos dem Tode getrotzt, nun die Stunde verwünschten, in der sie dem treulosen Elemente sich anvertrauen mußten.
Als wir uns einschifften, hatte ich wohlweislich ein Plätzchen auf dem Verdecke mir ausgewählt, und so lange das Wetter günstig, war mir diese Vorsicht wohl zu Statten gekommen; die frische, zehrende Luft erregte nur meinen Appetit, und die mannigfachen Leidens- und Klagelaute, die besonders von unten herauf schallten, hatten, wie das denn zu geschehen pflegt, mir reichen Stoff zum Lachen geboten. Jetzt ward aber der Zustand der in freier Luft Lagernden mit jedem Augenblicke beschwerlicher. Schon mußten wir lang ausgestreckt neben einem Mastbaume hingekauert mit Händen und Füßen uns anklammern, um nicht fortgeschleudert oder von den Wogen, die häufig über das Verdeck hinfegten, über Bord geschwemmt zu werden. Durchnäßt bis auf das Mark, stets von neuem gerüttelt und gerissen beneidete ich diejenigen meiner Gefährten, welche unter Deck, wenn sie mit dem Kopfe gegen die Schiffswand geschlagen wurden, eben dadurch die tröstliche Gewißheit erhielten, daß diese Wand, so lange sie existirte, die tobenden Wasser von ihnen fern hielt. Ein kleiner dreizehnjähriger Cadett wurde vor den Augen seines Vaters, der umsonst einen herzzerreißenden Hülfeschrei ausstieß, vom Verdeck geschwemmt und augenblicklich in den schäumenden Fluthen begraben; zwei Officiere entgingen wie durch Wunder demselben Geschick, da sie, über Bord gehoben, irgend ein Tau ergreifen konnten und halb zerschlagen zurückgezogen wurden; ein anderer brach sich zweifach den Arm, viele trugen Contusionen davon.
Genug des Unangenehmen, welches der Sturm reichlich uns brachte. Wer etwa mehr davon wissen möchte, wird durch Überlesen einer der vielen grausigen Erzählungen der Art, wie sie in den Schriften zur Belehrung der Kinder sich finden, über und über befriedigt werden; wenn zehnfach übertrieben, sind solche Beschreibungen im Allgemeinen nicht unbezeichnend, und eine lebhafte Phantasie wird das Fehlende leicht ergänzen.
Am dritten Tage hatte der Himmel sich aufgeklärt, das Meer umspülte wieder sanft plätschernd unser Fahrzeug, Delphine folgten ihm spielend und kündigten die Dauer des guten Wetters an; der Schiffer aber erklärte zum großen Erstaunen Vieler unter den Reisegefährten, die später nicht wenig prahlten, durch einen Sturm so weit vom Vaterlande fortgetrieben zu sein, daß wir nahe bei der Insel Sardinien uns befänden. Das Feuer, so lange schon nicht angezündet, wurde wieder angefacht, und ausgehungert wie wir durch dreitägiges Fasten es waren, — ich hatte in der That kaum ein Bischen ganz aus über einander wimmelnden Würmern bestehenden Schiffszwieback gegessen — überwachten wir mit dem Auge der höchsten Ungeduld die Zubereitung des Mahles. Nie fühlte ich so entsetzlichen Hunger; ich segnete die Seekrankheit, durch welche die Hälfte von uns unfähig gemacht war, am kärglichen Essen Theil zu nehmen. Ein halbgünstiger Wind trieb das alte Schiff vor sich her, und nach wenigen Tagen entdeckten wir wieder Spaniens blaue Gebirge fern über dem Wasserspiegel. Die Küste des Königreiches Granada lag vor uns. Bald tauchten die weißen Gipfel der Sierra nevada am Horizonte empor, selbst in dieser Jahreszeit mit Schnee bedeckt, während die Ufer, so weit das Fernrohr sie enthüllte, überall das Bild der reichsten Fruchtbarkeit darboten. Wir cotoyirten das liebliche Königreich Murcia, in dem Cartagena’s hohes Castell im Glanze der Morgensonne aus dem dunkeln Gebirgsrahmen leuchtete, der seine Weiße noch blendender hervorhob, dann doublirten wir das Cabo de Palos, begrüßten Alicante, reich an aromatischem Weine, dem Lieblinge der spanischen Damen, und bogen am Abend des 11. Juli in den Busen von Valencia ein, das hohe, ihn begrenzende Cabo San Martin umschiffend.
Die Scene war prachtvoll, erhebend schön. Vor uns breitete die Bay sich aus, zitternd in kaum fühlbarer Bewegung, zauberhaft wiederstrahlend in dem schwankenden Lichte der Mondscheinnacht, wie nur des Südens Himmel, rein und hell, so wunderbar lieblich sie schafft, und umkränzt von dem dunkeln Streifen der amphitheatralisch sich erhebenden Gebirge. Tief im Grunde funkelte einsam auflodernd das Feuer auf Valencia’s Leuchtthurme, während zur Linken, uns näher, zahllose Lichter aus Denia, Gandia und so vielen das Gestade schmückenden Dörfern, bald langsam verlöschend, das thätige Treiben der Menschen verriethen. Die finstern Massen der Handelsschiffe, wie sie theils dem offenen Meere zuglitten, theils nach Valencia’s Hafen sich wandten, die Produkte des in ewigem Frühlinge blühenden Königreiches für die Erzeugnisse fremden Gewerbfleißes einzutauschen, schwanden in ungewissen Umrissen in der Dunkelheit hin, schwarzen Ungeheuern gleich, die mit glänzend weißen Flügeln im zweifelhaften Lichte des Mondes über die Silberfläche hinflogen. Zwischen ihnen schwebten anmuthig wie leichte Sylphen die Fischerboote, mit ihrem einfachen Segel bedeckt, und die Stimme der Fischer, bis ihr Klang in der dunkeln Ferne hinstarb, ertönte schauerlich ernst durch die Nacht, wie sie im Wechselgesange den Schutzheiligen ehrten, der so oft aus den tobenden Fluthen sie gerettet hatte, oder die Schönheit und Gnade der jungfräulichen Himmelsköniginn priesen.
Am folgenden Tage lagen wir dem Grao gegenüber vor Anker. Die Ordre zur Ausschiffung erfolgte bald, so daß wir um Mittag die kleine Hafenstadt durchzogen, um nach Valencia gebracht zu werden, wohin eine drei Viertel Stunden lange, mit schattigen Bäumen besetzte Straße führt, umgeben von eleganten Landhäusern und Gärten. Da die Behörden nicht wagten, durch die von unzähligen niedrigen Thürmen überragte Stadt uns zu führen, zogen wir rings um die Mauer, die, aus den Zeiten der Araber stammend, jetzt ausgebessert und mit Schießscharten versehen war, ohne doch einem ernstlichen Angriffe irgend Widerstand entgegensetzen zu können. Endlich fanden wir uns in einen der alten Thürme eingeschlossen, welche zur Flankirung der Mauern bestimmt waren und nun häufig als Gefängnisse dienen; es war eben derselbe Thurm, aus dem wenige Monate früher unsere unglücklichen Cameraden, um der Wuth der Revolutions-Männer zu genügen, wehrlos zur Schlachtbank geschleppt waren.
Auch uns war dieses Loos nicht fern. Aufgereizt und bezahlt, wie immer, durch die Selbstlinge, denen jedes Mittel für ihre Zwecke recht ist, versammelten sich die National-Garde und der Pöbel Valencia’s, wilde Drohungen ausstoßend und für die Nacht Wiederholung der so oft erneuten Mordscenen verheißend. Die Behörden fühlten sich zu schwach, um mit Gewalt den Aufstand niederzuhalten; so wurden wir denn, anstatt, wie bestimmt, am folgenden Morgen zu marschiren, plötzlich Mittags aus unserm Thurme gezogen und eiligst mit starker Bedeckung nach Murviedro abgeführt, natürlich von den zusammenlaufenden Liberalen möglichst insultirt und beschimpft.
Herrlich dehnt zwischen dem Meere und dem Gebirge, zwei bis vier Meilen breit und etwa zwanzig lang, die Ebene sich aus, die unter dem Namen der Huerta — des Fruchtgartens — von Valencia bekannt ist, so sorgfältig bebaut und so bis zum kleinsten Fleckchen benutzt, wie die am reichsten cultivirte Landschaft in Deutschlands Auen es zu sein vermag. Die Nähe des Meeres verbreitet auch in den glühendsten Monaten des Sommers wohlthätige Kühlung und befruchtende Feuchtigkeit über diesen begünstigten Landstrich, die hohen Berge, welche schützend ihn umgeben, halten die rauhen Winde der kalten Jahreszeit fern. Dazu hat die Sorgfalt des Landmannes durch Cisternen und Canäle, die in unendlicher Menge die Felder durchkreuzen, regelmäßige Bewässerung des Bodens geschaffen, seine Saaten gegen die dörrende Hitze der Sonne schützend.
Und diese Sorgfalt, so selten in Spanien, dem Lande der Trägheit, ist nicht unbelohnt geblieben. Die strotzenden Felder, die reichen Gärten zeugen von der Fruchtbarkeit des Landes, die reinlichen Dörfer, welche, dicht an einander gedrängt, in unglaublicher Menge diese gesegneten Auen schmücken und mit ihren weißen Kirchthürmen freundlich sich zu begrüßen scheinen, verkünden die Wohlhabenheit der Bewohner und zeigen, was Natur vermag, wenn des Menschen ausdauernder Fleiß ihr zu Hülfe kommt. Wäre die ganze Halbinsel wie diese Huerta bebaut, so würde sie leicht die fünffache Zahl ihrer jetzigen Bewohner ernähren. Zugleich vermannigfacht das Klima ausnehmend die Produkte, so daß der erstaunte Fremde Alles dort bewundert, was im Gebiete der Pflanzenwelt Natur reichstes und liebliches in allen Zonen und Welttheilen hervorbrachte.
Asiens Zuckerrohr gedeihet neben der hoch aufstrebenden Palme von Afrika; Arabien lieh seinen Kaffeebaum, wie Indien die wohlthätige Pflanze der Baumwolle zur Bereicherung dieses weiten Gartens, und selbst die Königinn der Früchte, die köstliche Ananas, vertauschte gern mit Valencia’s Ebene die waldbedeckten Flächen Amerika’s. Auch in den Gegenden, deren übermäßige Nässe jede Cultur zu verspotten scheint, belohnt der nährende Reis die Mühe der Armen, welche, bleich und hinfällig eine Beute der stets herrschenden Fieber, den Gefahren trotzen mögen, die jene Sumpfgründe täglich ihrem Bebauer drohen.
Gegen Abend erreichten wir Murviedro, gekrönt auf hohem, unzugänglich scheinendem Felsen von dem Castell, das als eines der festesten in Spanien angesehen ist; Murviedro, das alte Sagunt, so reich an geschichtlichen Erinnerungen und auf immer berühmt durch seine heldenmüthige Vertheidigung gegen den afrikanischen Feldherrn, der durch die Belagerung dieser Stadt den ersten Schritt that zu dem herrlichen Zuge, in dem er seine Schaaren bis vor die Thore der stolzen Roma führte. Noch jetzt sind einige Trümmer jener alten Veste und noch mehr des carthagischen Lagers sichtbar. Wir blieben in Murviedro bis zum folgenden Mittage, worauf wir über Nules den Marsch auf Castellon de la Plana fortsetzten. Das Land, wenn schon von Hügeln durchschnitten, die hin und wieder schrofferen Character annahmen, trug fortwährend den Stempel der Fruchtbarkeit und hoher Wohlhabenheit; doch hatte der Krieg, der Zerstörer jedes Glückes, hier häufige Spuren seiner Wuth zurückgelassen.
Die Bewohner des Königreiches Valencia, mehr gewandt als kräftig, lebhaft, schlau, oft hinterlistig, und aufbrausend, frappiren den Fremden sofort durch ihre National-Kleidung, in der sie, durch die stets gleich milde Sonne begünstigt, den Gebräuchen ihrer Voreltern treu geblieben sind. Wahrscheinlich ist ihr jetziger Anzug noch eben derselbe, in dem vor Jahrtausenden die Urvölker Spanien’s die phönizischen und ägyptischen Handelsflotten empfingen, und dem Klima angemessen ist er zugleich nicht unmalerisch. Ein weißes leinenes Hemd bedeckt den Oberkörper, und die weiten gleichfalls weißen Beinkleider gehen kaum bis zum Knie hinab und sind durch eine breite schwarze oder scharlachfarbige Schärpe um den Leib festgehalten; das Unterbein schützen knappe weiße Strümpfe von Wolle, die bis zum Knöchel hinabreichen, während ihr Schuhzeug in den aus Flachs oder Hanf geflochtenen Sandalen besteht, an den Fuß mit rothen oder blauen Bändern zierlich befestigt. Ein schwarzsammetnes Westchen mit vielen Reihen kleiner silberner Knöpfe vollendet den Anzug, wobei eine Scharlachmütze, weit über die Schultern hinabfallend, den dunkeln Lockenkopf deckt. So ziehen sie, mit lauter, klangreicher Stimme ihre Volkslieder singend, neben den kleinen Maulthieren und Eseln einher, die ihre einzigen Transportmittel bilden; ich erinnere mich nicht, mit Ausnahme der größten Städte, irgendwo einen Karren oder ein sonstiges Fuhrwerk je gesehen zu haben. Die Sprache der Valencianer ist ein Gemisch der französischen, italienischen und spanischen mit einzelnen arabischen Formen, dem Dialekt der Catalonier nahe verwandt, doch etwas mehr dem Castilianischen sich zuneigend; es ist demjenigen, der jene drei Sprachen besitzt, leicht, sich ihnen verständlich zu machen, was der Bewohner Castiliens sehr schwierig findet.
Tag auf Tag verging uns in der schmutzigen Klosterkirche, in die wir bei der Ankunft in Castellon eingeschlossen waren, ohne daß die Auswechselung sich verificiren zu wollen schien; und wiewohl ich mich bemühete, beim gänzlichen Mangel an Büchern durch eine L’Hombre-Parthie, die gewöhnlich vom Sonnenaufgang bis zum Dunkelwerden dauerte, möglichst mich zu zerstreuen, war doch die stets neu erregte, stets wieder getäuschte Erwartung so furchtbar peinlich, daß wir am Ende in einem Zustande von vollkommener Abspannung uns befanden. Doch endlich nach langen vierzehn Tagen kam der Glück bringende Augenblick. Um zwei Uhr Morgens am 1. August 1839 standen wir geordnet vor der Thür der Kirche zum Abmarsch bereit. Drei unserer Cameraden durcheilten unsere Reihen, Thränen im Auge, beschworen uns, für sie zu sprechen, und nahmen mit schmerzlichem Händedruck Abschied, als der ersehnte Befehl zum Aufbruch ertönte: der Graf von Morella hatte sich geweigert, sie auszuwechseln, da sie durch Gold und Fürsprache bewirkt hatten, daß die Christinos sie anstatt anderer drei Officiere von der Armee Cabrera’s nach Valencia sandten, während jene in Verzweiflung in Cadix zurückbleiben mußten.[55]
Schwellenden Herzens verließen wir Castellon de la Plana und zogen den nahen Gebirgen zu, den Gebirgen, die wir als den Unseren gehörig betrachten durften. Nie waren wir so leichten Schrittes gegangen; kaum vermochte die kleine Escorte, welche dem Vertrage gemäß zur Auswechselung uns geleitete, so stürmisch rasch zu folgen. Links, wenige tausend Schritt entfernt, glänzten stolz in der Morgensonne die hohen Mauern von Villafamés, das so oft unsern schwachen Angriffsmitteln widerstanden; schon war die Bresche wieder geschlossen, die wenige Wochen vorher Tortosa’s brave Freiwillige umsonst gestürmt hatten. Mehr und mehr wurde das Terrain gebrochen; der feindliche mit der Auswechselung beauftragte Brigadier blickte erwartungsvoll durch sein Fernrohr umher. Einige Reiter erschienen weithin in dem Grunde der Schlucht; wir erkannten die rothen und weißen Baretts der Carlisten und begrüßten sie mit donnerndem Jubelruf.
Eine halbe Stunde später standen wir in langer Reihe den Officieren gegenüber, die für uns sollten ausgetauscht werden; das lästige Ceremoniel war endlich durchgemacht, ein rauschender Triumphmarsch der Janitscharen-Musik ertönte: wir waren frei! Carlisten und Christinos umarmten sich im Taumel der Freude und wünschten sich Glück; dann schieden wir, um bald im Getümmel des Kampfes uns wiederzufinden.
Ich war frei, war vereint mit den Meinen; ich durfte hoffen, im Blute der Gehaßten so viele Leiden, so viele mit Zähneknirschen empfangene Insulte, so viele hingeopferte Gefährten zu rächen. Ich jubelte im Vorgefühle des seligen Tages, an dem ich die Waffen in der Hand den Schaaren Christina’s mich gegenüber sehen würde, ich athmete, ich schwur Rache, Rache für alle die Unbilde, welche sie höhnend auf uns Wehrlose gehäuft hatten.
Das Volk aus den umliegenden Ortschaften war nebst vielen carlistischen Officieren gekommen, um Zeuge der Auswechselung zu sein, der zweiten, die seit dem Vertrage Statt fand, welcher den beiderseitigen Schlächtereien des Winters ein Ziel setzte. Sie hatten Lebensmittel und den feurigen Wein des Landes mit sich gebracht, und rasch war das Feld bedeckt mit bunten Gruppen, die fröhlich schmausend und trinkend ihr Glück in Gesängen des Krieges und der Liebe kund gaben, bis Guitarre und Castagnetten die Losung zum Tanze gaben, den der Spanier so selten zurückweiset. Erst als die sinkende Sonne zum Aufbruch mahnte, vertheilte sich die Masse in die nächsten Dörfer, in denen Vorbereitungen zu festlichem Empfange getroffen waren. Am folgenden Tage marschirten wir über las Cuevas nach San Mateo, einem freundlichen Städtchen in äußerst fruchtbarer und lieblicher Gegend und daher ausgewählt, damit wir von den Strapazen und Entbehrungen, welche die Gefangenen so hart geduldet hatten, dort ruhend uns erholten, ehe wir in Thätigkeit gesetzt würden.
Unwillig, ferner müssig zu sein — ich hatte nur zu lange in gezwungener Muße mich aufgezehrt — eilte ich zu unserm Commandeur, um einen Paß nach Tales ihn zu bitten, wo der General mit einigen Bataillonen gegen O’Donnell’s Heer operirte.
[55] Ein anderer Officier war niederträchtig genug gewesen, sein Recht auf Auswechselung um Gold einem Andern zu verkaufen. Er wurde mit Mühe von der Todesrache eines dritten Officiers gerettet, dem er zuerst seine Ansprüche abgetreten hatte, um sie dann, da ein Anderer eine höhere Summe ihm bot, heimlich diesem zu überlassen, indem er vor dem feindlichen Chef des Depots unauflösbar den Contract einging. Juan, ein braver, biederer Sohn des Gebirges, kernig an Körper und Geist und Herz, jeder Falschheit unfähig und sie hassend mit der ganzen, herrlichen Gluth seiner Seele, dabei wild und leidenschaftlich ewige Rache athmend, wie unerschütterlich fester Freund — Juan hörte die Schreckenskunde, durch welche die sichere Hoffnung, das höchste Ziel alles seines Strebens so bubenmäßig ihm geraubt und in ungewisse Ferne hinausgerückt war. Wir wurden am Abend in unsere Casematte eingeschlossen. Da zog Juan ein Papier hervor und las den zwei und dreißig, die wir zusammen dort wohnten, die Verpflichtung vor, welche Ruiz gegen ihn eingegangen; zugleich erklärte er, wie dieser Ruiz nun schändlich sein Wort gebrochen. Er nahete darauf dem Bette desselben und sagte ihm ruhig. „Du hast fünf Minuten Zeit, Dich vorzubereiten, dann mußt Du sterben.“ Lautlos starrte der Wicht ihn an und brach in Thränen und Klagen und Flehen aus. Wie die fünf Minuten verflossen, ergriff Juan zwei mächtige Bretter und reichte Ruiz das eine derselben dar mit den Worten: „Waffen haben wir nicht — nimm dieses und wehre Dich gut; denn wehrst Du Dich, so schlage ich Dich todt, und wehrst Du Dich nicht, so schlage ich Dich auch todt.“ Die übrigen Officiere sahen gleichmüthig dem zu, ohne sich zu rühren; auch der Vater von Ruiz, der den Sohn zu solcher Erbärmlichkeit überredet hatte, drückte sich in einen Winkel. Dieser aber, anstatt das dargebotene Brett zu ergreifen, wimmerte feig und jammerte weinend um Hülfe, um Rettung, bis er, als Juan den Schlag zu führen seinen Arm hob, in Todesangst mit weitem Sprunge zwischen Guiguer’s und mein Bett sich warf, unsere Kniee flehend umklammerte und — unter den Betten verschwand. Dem Einflusse meines Freundes gelang es, Juan auf einen Augenblick durch Bitten und durch die Bemerkung zu entwaffnen, daß er sich nicht mit dem Blute eines solchen Wichtes besudeln dürfe; und ehe die Verachtung dem wieder auflodernden Zorne gewichen, war Ruiz dem Chef des Depot übergeben, der ihn auf ein Castell abgesondert bringen ließ. Er entschloß sich dann, für Isabella Parthei zu nehmen, und ward aufgenommen.