XX.

Don Ramon Cabrera, Sohn eines Kaufmanns in Tortosa, Student der Theologie und Inhaber einer kleinen capellania bei seiner Vaterstadt, verließ auf die Nachricht von dem Tode Ferdinands VII. seine Studien, um den Guerrillas sich anzuschließen, welche in den Gebirgen Aragon’s, Valencia’s und Cataloniens für die Rechte Carls V. zu den Waffen griffen. Drei und zwanzig Jahr alt stellte er sich an die Spitze von funfzehn Genossen, meistens seinen Schulcameraden, sämmtlich mit Jagdflinten und Stöcken bewaffnet, und warf sich mit ihnen in die Sierra, welche von dem zum Hochplateau sich erweiternden Gebirgsstocke von Unter-Aragon nach Norden zum Ebro ausläuft und jene Provinz von Catalonien, das Flußgebiet des Guadalupe von dem des Ebro scheidet. Sofort zeichnete Cabrera, feurig und thatendurstig, durch Unerschrockenheit und Ausdauer eben so sehr sich aus, wie durch Scharfsinn und entschlossene Kühnheit in der Ausführung der schwierigsten Unternehmungen.

Es würde ermüdend sein, Schritt vor Schritt den Zügen und Thaten des jungen Helden zu folgen; ich begnüge mich, bis zu der Epoche, in der er an die Spitze aller bis dahin unabhängigen Guerrillas jener Provinzen gestellt wurde, eine allgemeine Übersicht des von ihm Gethanen zu geben.

Miralles — el Serrador, der Holzsäger, nach dem Handwerke genannt, welches er vor seinem Auftreten gegen die Constitution von 1820 hatte — Quilez, Llagostera, Forcadell, Tallada, la Coba und viele unbedeutendere Männer waren die Chefs jener Haufen, über welche alle dem Namen nach Carnicer gebot, ein erfahrener General, der hohen Geist mit kriegerischem Talente verband. Ihm schloß Cabrera sich an und ward anfangs als Factor oder Commissariats-Gehülfe, bald als Lieutenant und Abanderado angestellt, in welcher Eigenschaft das schwierige Geschäft der Rationirung des Bataillons ihm oblag.

Bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet durch Bravour, Intelligenz und Thätigkeit erhielt er schon im Frühlinge 1834 mit dem Grade eines Capitains das Commando einer Jäger-Compagnie, und wie die Wechselfälle eines solchen Guerrilla-Krieges es mit sich brachten, war er bald mit seinem Chef vereinigt, bald kämpfte er lange Zeit unabhängig für sich oder in Combination mit andern Anführern. Sein Ruf verbreitete sich weit, und ihm vorzugsweise strömte fortwährend junge Mannschaft zu, so daß er zwei Compagnien, endlich ein Bataillon bilden konnte, mit dem er während der zweiten Hälfte des Jahres tief nach Aragon hinein und in den südlichen Theil des Königreiches Valencia Streifzüge machte, häufig glückliche Gefechte bestand und feindliche Forts nahm und zerstörte, wobei er durch Gefangene, die gern unter solchem Führer die Waffen nahmen, wie durch freiwillige Rekruten täglich die Zahl seiner Truppen mehrte. Schon hatte er seinen Namen zum Schrecken der Constitutionellen gemacht.

Im Frühjahre 1835 commandirte Cabrera zwei schöne Bataillone und nahm unter Carnicer, der hier alle Guerrillas vereinigt hatte, an der unheilsvollen Schlacht bei Molina Theil, in der er durch persönliche Bravour und die Leitung seiner Truppen wie durch deren feste Haltung, Organisation und Disciplin sich auszeichnete und eine glänzende Ausnahme von der allgemeinen Verwirrung und Entmuthigung machte, dadurch Vieles rettend. Er ward so zum Lieblinge der Soldaten, welche schaarenweise die übrigen Chefs verließen, um ihm sich anzuschließen, ja mehrere dieser Chefs selbst, im Gefühle seiner Überlegenheit, ordneten freiwillig sich ihm unter, so Don Luis Llagostera y Cadival, etwas später auch Don Domingo Forcadell und La Coba. Dadurch konnte Cabrera drei neue, starke Bataillone und einige Escadrone Lanciers bilden und stand im Sommer 1835 als der mächtigste und gefürchtetste Carlisten-Anführer des östlichen Spaniens da. Die Gewandtheit, mit der er die Vortheile des Terrains benutzte, die Raschheit seiner Märsche, sein durch kein Hinderniß abgeschreckter Unternehmungsgeist und das Talent, durch das er selbst aus den einzelnen Niederlagen Vortheile unerwartet zu erobern wußte, flößten den Feinden, die so oft unter seinen furchtbaren Schlägen bluteten, den Glauben ein, daß mehrere Cabrera gegen sie wütheten, und machten ihn zum Abgott der Seinen; zugleich trat aber auch die Eifersucht vieler Mitanführer, die da glaubten, höhere Ansprüche als der Jüngling machen zu dürfen, täglich mehr hindernd und erschwerend hervor.

Da ward Carnicer von den Christinos gefangen und erschossen, und der König ernannte an seiner Statt den Brigade-General Cabrera, der persönlich in den Nordprovinzen sich präsentirt hatte, zum Oberbefehlshaber sämmtlicher Streitkräfte in Unter-Aragon und Valencia. Willig gehorchten sogleich alle Chefs dem königlichen Befehle, den die Weisheit dictirt hatte; nur Miralles, el Serrador, mochte sich nicht beugen. Er hatte an der Spitze seiner Schaar im Königreiche Valencia die kühnsten Thaten verrichtet, die ganze Huerta von Castellon de la Plana, welches er zwei Mal nahm, bis unter die Mauern der Hauptstadt und südlich bis Murcia’s Gränze beherrscht und der Sache der Carlisten wesentliche Dienste geleistet; das Landvolk betete ihn an, und lange reichte sein Name hin, um alle Thore ihm zu öffnen. Diese Rücksichten bewogen Cabrera, mit Schonung gegen den verdienten Mann zu verfahren, bis die stets erneueten Eigenmächtigkeiten desselben und der bestimmte Befehl des Königs ihn zwangen, zur Strenge zu schreiten. Miralles vertauschte die Gefangenschaft, welche er seit der Expedition Gomez’s erlitten, nur mit dem Privatleben, aus dem er bis zum Ende des Krieges nicht heraustreten durfte.

So stand Cabrera im Anfange des Jahres 1836 an der Spitze der Armee von Aragon und Valencia als commandirender General dieser beiden Provinzen. — Die Christinos hatten seit dem Beginn des Kampfes auch dort ihr beliebtes System in Anwendung gebracht: sie fühlten sich die Stärkeren, folglich mußte der Aufstand in Blut und Flammen erstickt werden. Es ward den Carlisten der Pardon gänzlich verweigert, sie wurden erschossen, wo immer sie in die Hände ihrer Feinde fielen, die Verwundeten und Kranken kaltblütig niedergemacht; ihre Güter wurden verwüstet und andern Eigenthümern übergeben, die Weiber und Kinder auf empörende Art gemißhandelt und dann fortgejagt. In den Gebirgsdörfern hauseten die Truppen entsetzlich; alle Einwohner, hieß es, sind Carlisten und müssen vernichtet werden; so ward denn geplündert, geraubt, geschändet und niedergebrannt. Viele Hunderte zwang das Elend, den Carlisten sich anzuschließen.

Diese, so lange sie schwächer waren, vergalten Gleiches mit Gleichem, auch sie machten die besiegten Feinde nieder; aber wie so oft in den baskischen Provinzen, siegte auch hier zu häufig Großmuth über strengrächende Gerechtigkeit, und Tausenden von den in genommenen Forts gefangenen Garnisonen wurden die Waffen gegeben, mit denen sie gewöhnlich ihren früheren Gefährten sich wieder anzuschließen eilten, Dankbarkeit und Treue zugleich mit Füßen tretend.

So wie Cabrera den Oberbefehl übernahm, machte er im Vertrauen auf seine täglich zunehmende Stärke dem Feinde Vorschläge, die zu milderem Kriegssysteme führen konnten. Er verlangte, in den Vertrag des Lords Elliot, der schon in den Nordprovinzen gültig war, aufgenommen zu werden, und erließ, da diese Forderung mit Spott zurückgewiesen wurde, ein Rundschreiben an sämmtliche Gouverneurs und Colonnen-Anführer der Christinos, in welchem er erklärte, daß er den Wunsch hege, auf menschliche Art den Krieg zu führen, und daß daher Gewaltmaßregeln von seiner Seite nur als Repressalien für die von den Feinden ausgeübten Statt finden würden. Trotz dem fuhren diese fort, alle Gefangenen zu erschießen; Cabrera aber empfahl nochmals in einer General-Ordre seinen Truppen Mäßigung und Schonung der Besiegten. Die Madrider Zeitungen stempelten ihn indessen unverdrossen zum blutdürstigen Ungeheuer, zum Tiger und führten als Beweis die Strenge an, mit der er, seine Armee zu unterhalten und mit allem Nöthigen zu versehen, unvermeidlich und pflichtgemäß gegen nachlässige oder böswillige Alcaldes und sonstige Ortsbehörden verfahren mußte.

Da ließ General Nogueras im Februar 1836 ohne irgend eine Veranlassung die siebenzigjährige blinde Mutter Cabrera’s, seit Monaten in enger Haft, auf dem Marktplatze von Tortosa erschießen, als warnendes Beispiel für alle Rebellen; er ließ die Schwestern desselben öffentlich stäupen und dann aus der Stadt jagen. — Mina, der General-Capitain von Catalonien, hatte auf Anfrage Nogueras’s seine Zustimmung zu der Schandthat gegeben.

Entsetzlich war die Verzweiflung des Sohnes, da er die schuldlose Mutter hingemordet sah, gemordet, um sein Verbrechen zu strafen; Rache, ewige Rache gegen die ruchlosen Mörder war sein erster Schrei. „Mit thränenschweren Augen,“ schreibt er in der General-Ordre aus Valderobles wenige Tage nach der Schandthat, die er seinen treuen Kriegern in Worten namenlosen Schmerzes verkündet, „mit thränenschweren Augen und gebrochenen Herzens erkläre ich die Mörder meiner schuldlosen Mutter für verlustig aller der Vortheile, welche Gesetz und Gewohnheit des Krieges ihnen gewähren könnten; und wie sehr ich auch aus innerster Seele das Blutvergießen verabscheue, wie sehr ich, wo irgend möglich, das Leben meiner Mitmenschen zu retten bemüht war, befehle ich jetzt, dem Rechte und der Pflicht gemäß, daß fortan dem erbarmungslosen Feinde kein Pardon zugestanden werden soll.“ Als Repressalie aber für den Tod, „der Besten der Mütter“ ordnete er an, daß sofort die Gemahlinn des Obersten Fontiveros, Gouverneurs von Chelva, die so eben in die Hände der Carlisten gefallen war, und mit ihr andere drei Frauen erschossen würden, sich vorbehaltend, zu gleichem Zwecke andere dreißig Frauen zu bezeichnen. Für jedes neue Schlachtopfer christinoscher Grausamkeit sollten aber von nun an zehn der Ihrigen als Sühne fallen.

Dann stürzte Cabrera zur Rache, und in wenigen Tagen hatte der verzweifelnde Anführer Fort auf Fort vom Feinde erobert, und Alles, was lebte, fiel unter seinem Schwerdte. Oberst Fontiveros aber, er, der am schwersten gelitten, sprach in einer Bittschrift an seine Herrscherinn den Mann, auf dessen Befehl seine Gattinn gestorben, frei von jeder Schuld und verlangte mit kraftvoller Beredtsamkeit die Bestrafung der Ungeheuer, welche durch den einen gräßlichen Frevel so viel Wehe hervorgerufen hatten.

Und Cabrera? Wenige Monate, nachdem er das Verdammungsurtheil über Alles, was Christina angehörte, ausgesprochen, da kaum die erste, wilde Leidenschaft des unendlichen Schmerzes verraucht war, da hören wir ihn wieder die Sprache der Mäßigung und Menschlichkeit reden, da erläßt er wieder Rundschreiben, ähnlich den früheren, an die feindlichen Befehlshaber und spricht seinen Wunsch aus, dem blutigen Repressalien-Systeme ein Ende zu machen, von ihren Maßregeln es abhängig machend, ob das Leben der Gefangenen geheiligt sei oder nicht. Und bald nachher, da er durch die Wegnahme einiger befestigten Posten in Aragon über 700 Gefangene im Depot hatte,[56] richtete er an den General Palarea ein Schreiben, worin er über abermalige Hinschlachtung der Seinigen sich beschwerte und drohete, im Wiederholungsfalle von jenen Siebenhundert eine verhältnißmäßige Zahl zu erschießen. Am 30. Mai aber nahm er bei Bañon 1200 Mann von der Colonne Valdez gefangen und gab ihnen Allen Pardon, und als er am 29. Juni in Alcoriza eindrang, führte er die Besatzung gleichfalls gefangen fort, nur die Nationalen erschießend. — Diese wie die Voluntarios Realistas waren nach dem Gesetze stets vom Pardon ausgeschlossen: wer kriegen will, trete in die Armee ein. — Von den dreißig Frauen, die ferner für seiner Mutter Tod sterben sollten, ward keine einzige geopfert.

Und das that derselbe Cabrera, der in Wogen menschlichen Blutes sich badete, der mit wollüstigem Vergnügen das Todeszucken seiner Schlachtopfer sah!

Niedrig mißbrauchten die revolutionären Blätter von Madrid das Privilegium, ohne Widerspruch Alles sagen zu können, was Partheigeist ihnen eingeben mochte. Ohne Zweifel sind auch in Aragon viele Thaten geschehen, die außerhalb Spanien unerhört scheinen würden; unter den besondern Verhältnissen des Bürger-, des Guerrilla-Krieges wurden sie zur traurigen Nothwendigkeit, da hohe Strenge allein Erfolg möglich machte, während Repressalien gerecht und durch die Pflicht vorgeschrieben waren. Vor Allem darf nicht übersehen werden, daß die Christinos durch empörende Ausschweifungen und kaltblütige Metzeleien die Rache-Acte hervorriefen, die sie so wohl zu schildern wußten, während die zehnfach blutigen und schändenden Aufreizungen ganz unerwähnt blieben.

Cabrera war strenge, oft hart, weil er nur so durchsetzen konnte, was er als nothwendig und gerecht erkannt: der geringste Mangel an Gehorsam ward beim Bürger und Bauer wie beim Soldaten mit unausbleiblichem Tode bestraft; er kannte das Volk, mit dem er zu schaffen hatte. Vorzüglich litten darunter die Magistrate und Behörden der Distrikte, welche abwechselnd von beiden Armeen besetzt, von beiden abwechselnd ausgebeutet wurden; denn wer nicht auf das genaueste das Befohlene ausgeführt hatte, starb wie der, welcher überführt war, freiwillig dem Feinde Vorschub geleistet zu haben. Daß aber Cabrera mit aller Strenge nur gerecht war, ist wohl am besten durch die Liebe und Verehrung bewiesen, die er beim Volke und beim Heere in so hohem Grade besaß.

Im Gefecht war Cabrera furchtbar: er flog stets an der Spitze der Seinen der Erste zum Kampfe, und wo er erschien, da stürzten die Feinde unter seinem eisernen Arme. So lange er Widerstand fand, kannte er keine Gnade, und nicht selten ertönte durch das Getümmel seine Donnerstimme: „á ellos, carajo, no hay cuartel!“ — Vorwärts, kein Pardon! — Gegen den Feind, der besiegt in seiner Gewalt war, blieb er stets großmüthig, und ich habe mich umsonst bemüht, ein einziges Beispiel von überlegter Grausamkeit mit Ausnahme der natürlichen Rache-Scenen nach dem Tode seiner Mutter, wenn man sie überlegt nennen darf, während seiner thatenreichen Laufbahn aufzufinden.


Am 15. September 1836 vereinigte sich Cabrera nebst Quilez und Miralles bei Utiel mit der Division von Gomez. Bei der Beschreibung jener Expedition sahen wir, wie Cabrera fortwährend mit hoher Auszeichnung kämpfte, wie er nach dem unglücklichen Treffen von Villarrobledo mit der Vorhut in Cordova eindrang und dann bei Baena den General Escalante schlug. Später dankte ihm Gomez die rasche Einnahme von Almaden, worauf Cabrera am 7. November mit einigen Hundert Reitern von ihm sich trennte, da der Zustand der Dinge in Aragon gebieterisch die Rückkehr nach den ihm untergebenen Provinzen forderte.

Cabrera wollte jedoch vorher nach den Nordprovinzen passiren, um mit den Anführern der dortigen Armee über etwanige Operationen und Combinirung derselben sich zu verständigen; auch war er nicht mit den kampflosen Zügen von Gomez’s Division seit der Räumung von Cordova einverstanden gewesen und glaubte, über diesen General gegründete Beschwerden führen zu müssen. Glücklich durchkreuzte er die Mancha und die Provinzen Guadalajara und Soria und gelangte bis nach Rincon, einem Dorfe nahe am Ebro, eine halbe Stunde von dem feindlichen Fort von Calahorra entfernt. Unbekanntschaft mit den Verhältnissen in diesem Theile des Kriegsschauplatzes und Mangel an der nöthigsten Vorsicht wurden ihm verderblich; anstatt den Ebro zu passiren und dadurch im wirklich carlistischen Gebiete — in Navarra — Sicherheit zu suchen, ließ er die erschöpften Truppen im Dorfe auf dem jenseitigen Ufer ruhen und stellte selbst trotz der Warnungen eines vertrauten Officiers — des Capitain Garcia aus Calahorra, der, schwer verwundet, von der Division Gomez mit Cabrera nach den Nordprovinzen zurückgehen wollte — die auf so gefährlichem Punkte unerläßlichen Vorposten nicht aus, da die Leute nach einem Ritte von vierzehn Meilen des Schlafes bedurften.[57] In der Nacht überfiel die Colonne der Rivera unter Iribarren die sorglos Ruhenden; ein Theil der Reiter wurde niedergemacht, ein anderer gefangen, mit dem Reste entfloh Cabrera, der verwundet und halb entkleidet kaum entkommen war, nach der Provinz Soria, um von dort aus Aragon zu erreichen. Doch vorher wurde seine geschwächte Schaar gänzlich zersprengt; er selbst, aus drei Wunden blutend, ohne Pferd und ganz erschöpft, ward mit Mühe durch einen treuen Gefährten, den Oberst Don Rodriguez Cano — la Diosa genannt — gerettet, der den hülflos Daliegenden fortschleppte, auf dem Fuße verfolgt durch unwegsame Wälder ihn geleitete und endlich den von Blutverlust und Anstrengung zum Tode Müden in dem vom Feinde besetzten Städtchen Almazan unter der Pflege eines braven Pfarrers verborgen zurückließ. Cano eilte nach Aragon, kehrte im Fluge mit einer Compagnie Lanciers zurück und führte den noch nicht hergestellten Feldherrn den Seinen zu.

Cabrera fand die Armee, welche er so glänzend verlassen hatte, in dem Zustande der furchtbarsten Auflösung. Umsonst hatte der brave Oberst Arévalo, sein Stellvertreter, Alles gethan, die Fortschritte des Feindes zu hemmen: seine Kriegserfahrung vermochte Nichts, da die untergeordneten Anführer, die einst unabhängigen und jetzt nur durch Cabrera’s Ansehen zusammengehaltenen Guerrilla-Chefs, Mitwirkung und Gehorsam ihm versagten. Sie wurden einzeln von den übermächtigen Massen der Christinos erdrückt, und ihre Truppen zerstreuten sich zum Theil oder verloren doch ganz die Disciplin und das Selbstvertrauen, durch welche Cabrera so Viel mit ihnen vermocht hatte.

So war es denn dem General Don Evarista San Miguel möglich gewesen, selbst Cantavieja, den Haupt- oder vielmehr einzigen Waffenplatz Cabrera’s in dem Centrum des wilden Gebirgsknoten von Unter-Aragon, am 31. October ohne Schwierigkeit zu nehmen, indem er mehr die Elemente und die Unzugänglichkeit des Terrains als den Widerstand der Carlisten zu besiegen hatte. Die Garnison verließ die Stadt, nachdem sie an dem Versuche, die 3000 Christinos nebst dem Brigadier Lopez, welche Gomez gefangen dorthin gesandt hatte, vor ihrem Rückzuge zu ermorden, durch dreihundert Mann von Gomez’s Division verhindert waren, die, zur Bewachung der Gefangenen zurückgelassen, die Ankunft der Feinde in der Stadt erwarteten, um die Wehrlosen nicht der Wuth ihrer Gefährten Preis zu geben. Sie fielen daher in die Hände San Miguel’s. Es wäre ungerecht, wenn ich nicht als ein Beispiel christinoscher Großmuth anführte, daß Espartero jene 300 Mann in Anerkennung ihres edlen Betragens, ohne Auswechselung frei nach Navarra sandte.

Bei seiner Rückkehr sah also Cabrera die Schwierigkeiten unendlich gehäuft und seine Macht in eben dem Maße verringert nicht nur durch die erlittenen Unglücksfälle, sondern auch durch die Trennung von Quilez, der mit seiner Brigade bei Gomez geblieben war. Die erste Sorge des Feldherrn war auf die Wiederherstellung der verlorenen Disciplin gerichtet, wozu freilich der Zauber seiner Gegenwart nebst einigen exemplarischen Strafen hinreichte. Sofort im Anfange des Jahres 1837 eilte er nach der Ebene von Valencia und streifte am 16. Januar bis an die Thore der Hauptstadt; mit reicher Beute zog er sich langsam nach den Gebirgen, als er am 18. Januar bei Torre blanca auf den General Borso di Carminati stieß, der seine Colonne zur Deckung Valencia’s heranführte. Ein hartnäckiger Kampf entspann sich, in dem die Carlisten vergeblich die Stellung des Feindes zu forciren suchten, da die Jäger von Oporto, aus Deutschen bestehend, die unter Don Pedro nach Portugal gekommen und vor kurzem, durch höchste Unerschrockenheit ausgezeichnet, der Tochter Ferdinand’s zu Hülfe gesandt waren, unerschütterlich fest standen. Cabrera ward, an der Spitze seiner Cavallerie chargirend, von neuem im Schenkel verwundet und verlor einige hundert Mann; Borso aber rettete sich während der Nacht durch einen Gewaltmarsch nach Castellon de la Plana.

Der verwundete General beobachtete von Rosell aus die feindliche Division von Valencia, während Forcadell im Februar eine Expedition nach der Mancha machte, wo er ungeheure Vorräthe von Getreide und Vieh zusammenbrachte, mit denen er glücklich nach Aragon zurückkam.

Schon war Cabrera, noch nicht genesen, wieder rastlos thätig. Er drang plötzlich tief nach Valencia hinein und griff am 18. Februar bei Buñol die 5000 Mann starke Colonne des General Cahuet in fester Stellung an, schlug sie gänzlich, nahm über 1900 Mann gefangen und jagte den Rest in vollkommener Auflösung und ohne Waffen, die sie zu leichterer Flucht weggeworfen hatten, nach der Hauptstadt. Sofort eilte er nach Aragon, um General Oráa, der so eben das Commando der Armee des Centrums übernommen, dorthin zu locken, wendete sich blitzschnell wieder nach Süden und stand am 29. März abermals im Angesicht von Valencia, wo er eine Colonne von 1500 Mann ereilte und vernichtete und Murviedro beschoß. Er durchzog, ohne Widerstand zu finden, die reiche südliche Hälfte des Königreiches und erschien am 1. April vor Alicante, während er Forcadell bis nach Orihuela, der Hauptstadt der Provinz, vorschob, deren Garnison bei der Annäherung der Carlisten entfloh. Mit siebenhundert ausgehobenen Pferden und einem ungeheuern Convoy von Lebensmitteln und Kriegsbedarf nebst 2300 Gefangenen kehrte Cabrera nach seiner natürlichen Gebirgsfeste zurück, wo Oberst Cabañero — welcher, ein reicher Gutsbesitzer und Commandeur eines Bataillons Nationalgarde, vor kurzem ein Corps für die Carlisten gebildet hatte, um auch sie später zu verrathen — am 27. April die Festung Cantavieja durch Einverständniß mit den Bürgern wieder genommen und die schwache Garnison, nur 600 Mann, gefangen hatte.

In vier Monaten waren durch die Anwesenheit des Generals alle die zahllosen Verluste ersetzt, die während seiner Entfernung die Armee von Aragon fast vernichteten; er hatte die Angelegenheiten der Carlisten in diesem Theile Spaniens selbst auf eine höhere Stufe gehoben, als sie je vorher gewesen. Aus dem kühnen Guerrilla-Chef war ein Heerführer geworden, dem der erste Feldherr Christina’s — denn Oráa verdient den Namen — entgegengestellt wurde, der schon seine gut organisirten und disciplinirten Truppen auf offenem Felde gegen den Feind führte, und der ungestraft die vorzüglichsten Städte Spanien’s bedrohete, seine reichsten Provinzen sich tributpflichtig machte.

Im Mai zog Cabrera nach Aragon und Catalonien,[58] wo er seine Herrschaft täglich ausdehnte, die feindlichen Forts, mit denen das Land übersäet war — die Christinos hatten jede Stadt, auch die kleinste, befestigt und verloren so, um Alles zu decken, oft auch das, was sie ohne Zersplitterung ihrer Macht hätten bewahren können — eroberte, die Werke derselben zerstörte und dabei fortwährend Zahl und Güte seiner streitbaren Mannschaft vermehrte. Doch umsonst belagerte er wieder das herrliche Gandesa, so oft schon bedrohet, umsonst suchte er der bedeutenden Stadt Alcañiz sich zu bemächtigen, welche er am 23. Mai zur Übergabe aufforderte; die Mittel zur regelmäßigen Belagerung fehlten ihm ganz, und die feindlichen Colonnen eilten stets zu raschem Entsatze herbei. Er zog dann vor Caspe und passirte, Zaragoza bedrohend, den Ebro, wandte sich sofort nach der Gränze von Aragon und Castilien, fing dort einen Convoy auf und stand am 14. Juni schon wieder vor Caspe, dessen Belagerung er eröffnete, um durch seine Einnahme der königlichen Expedition, die am 5. Juni in Catalonien angelangt war, einen bequemen Übergangspunkt über den Ebro zu sichern. Die Annäherung Oráa’s zwang ihn, das Unternehmen auf Caspe aufzugeben, weßhalb er den Übergang bei Cherta, nahe bei Tortosa, vorbereitete, wo er glücklich am 29. Juni bewerkstelligt wurde, von dem zu spät herbeieilenden Feinde nicht mehr gehindert.

Früher sagte ich, wie ununterbrochen thätig Cabrera während der Vereinigung mit dem Corps des Königs war, wie er unwillig vor Madrid zurückwich, dann am 18. September Guadalajara unter den Augen Espartero’s besetzte und zwei Tage später, von der Expeditions-Armee sich trennend, mit seiner Division den Rückzug nach den ihm untergebenen Provinzen antrat.

Oráa warf sich auf die abgesondert marschirende Infanterie und holte sie mit seiner Cavallerie bei Arcos de la Frontera, nahe bei Cuenca, in einer Ebene am Fuße der Gebirge ein. Die zehn Elite-Compagnien der Brigaden von Tortosa und Mora stellten sich dem Feinde entgegen und hielten, in Massen formirt, seinen Choc auf, bis die Division das Gebirge erreicht hatte; so ihre Gefährten rettend sahen sie sich umzingelt und wurden, als die Infanterie der Christinos ankam, sich zu ergeben gezwungen. Nie hatte Cabrera so empfindlichen Verlust gelitten, der aus dem Fehler entsprang, welchen er durch Detachirung der ganzen Cavallerie unter Forcadell machte, während er mit seiner Infanterie nicht in einem Terrain blieb, das gegen Angriff der feindlichen Reiterei ihn gesichert hätte. —

Oráa beschloß Cantavieja wiederzunehmen. Er vereinigte in Valencia einen bedeutenden Belagerungs-Train und führte ihn im Anfange Novembers über San Mateo auf Morella. Cabrera erwartete den Feind auf dem südlichen steilen Abhange der Sierra Buey zwischen Ares del Mestre und Cati und wies dessen wiederholte Versuche zur Forcirung des Durchganges kraftvoll zurück; Oráa zog sich, seinen Plan aufgebend, nach Valencia zurück. — Er hatte für die Belagerung von Cantavieja allein von der Stadt Zaragoza 30000 Piaster außerordentlicher Kriegssteuer erhoben, denn das Land mußte beiden Heeren Alles liefern.

Cabrera flog, die Entfernung der christinoschen Divisionen benutzend, nach dem Hügellande Unter-Cataloniens und belagerte von neuem Gandesa, in dessen Mauern er drei Mal umsonst Bresche geöffnet hatte. Auch jetzt zog General San Miguel, einer der fähigsten Anführer der Feinde, von Zaragoza zum Entsatze. Cabrera warf sich ihm entgegen, griff nur halb so stark wie der Feind bei Corvera ihn an und nöthigte ihn zum Weichen, konnte aber nicht verhindern, daß San Miguel ohne weiteren Verlust durch geschicktes Manövriren die bedrohete Stadt erreichte. Bei seinem Abmarsche führte er jedoch die Garnison mit sich fort, da er die Unmöglichkeit längeren Widerstandes erkannte, und ließ so am Schlusse des Feldzuges die Carlisten in unbestrittenem Besitze des südlich vom Ebro gelegenen Theiles von Catalonien, der durch seine Fruchtbarkeit und den Geist der Einwohner von hoher Wichtigkeit war und die Verbindung mit der royalistischen Armee von Catalonien sicherte. — Gandesa hatte eilf Belagerungen Cabrera’s erlitten.


Der Winter von 1837 zu 38 war Zeuge einer Scene voll des unendlichsten Jammers und Elendes, einer Scene, die an herzzerreißendem Schrecken Alles überragt, was sonst der Bürgerkrieg Entsetzliches mag hervorgebracht haben.

Da die Operationen im Verein mit der königlichen Expedition und später zur Vertheidigung Cantavieja’s bis in den Spätherbst sich ausgedehnt hatten, war es dem carlistischen Feldherrn unmöglich gewesen, wie in andern Jahren aus den umliegenden Provinzen Lebensmittel nach dem Gebirge zu führen, so daß dort bald der empfindlichste Mangel sich fühlbar machte. Alle Magazine waren leer, alle Vorräthe erschöpft; das Volk lebte von wenigen Kartoffeln, dem Einzigen, was nebst etwas Hafer in diesen unfruchtbaren Districten gewonnen wird, die Bataillone blieben drei und vier Tage lang ohne Lebensmittel und waren während ganzer Monate auf halbe und Viertel-Rationen beschränkt.

Tausende von Gefangenen waren in den Depots der Carlisten aufgehäuft, der Mehrzahl nach von der glorreichen Action vom Villar de los Navarros herrührend, wo der König das Corps des General Buerens vernichtete. Cabrera erkannte die Unmöglichkeit, unter den obwaltenden Umständen solche Zahl den Winter hindurch zu ernähren. Er setzte daher dem feindlichen Obergeneral Oráa auseinander, wie gänzlicher Mangel an allem Nöthigen, unter dem seine eigenen Truppen schwer litten, ihm nicht erlaubten, die Gefangenen zu versorgen; wie auch bei dem Willen, es zu thun, die Unmöglichkeit unbesiegbar bleibe, da alle Magazine geleert seien. Er erbot sich, alle diese Gefangenen gegen einen bloßen Empfangschein auszuliefern, unter der Bedingung, daß Oráa, so wie Carlisten in seine Hände fielen, bis zur Completirung jener Zahl als ausgewechselt sie zurückgebe. Für den Fall aber, daß Oráa dieses nicht eingehen wollte, forderte er ihn auf, das zur Beköstigung der Gefangenen Nothwendige zu liefern, bis Cabrera in der bessern Jahrszeit im Stande sei, es zurückzugeben. Würde weder der eine noch der andere Vorschlag angenommen, so müßten alle jene Unglücklichen unfehlbar Hungers sterben.

Der christinosche General antwortete, daß, wer sich dem Feinde ergebe, sein wohl verdientes Schicksal tragen möge, was es auch mit sich bringe.

Furchtbar war das Loos der Krieger, die so von den eigenen Gefährten hingeopfert wurden. Als die Mittel der Bewohner, welche Wochen lang spärlich sie unterhielten, endlich ganz erschöpft waren, als sie Alles, was auf Augenblicke die entsetzliche Qual lindern konnte, bis auf das Leder ihrer Schuhe zernagt und verschlungen hatten, da sanken Hunderte in tödtlicher Entkräftung hin, und — — die Überlebenden zehrten gierig von dem Fleische ihrer gestorbenen Cameraden.

Da setzte Cabrera schaudernd die Mehrzahl der Verschmachtenden in Freiheit und vertheilte sie alle unter die Bauern zur Verpflegung. Oráa lud den Fluch aller menschlich Denkenden jeder Parthei auf sich; die Exaltados aber riefen ihm Beifall zu und — — schimpften Cabrera als blutgierigen Tiger!

[56] Der General Baron von Rahden irrt, da er in seinem Werke über Cabrera sagt, daß dieser zu Cordova die ersten Gefangenen nach seiner Mutter Ermordung gemacht habe.

[57] Viele Reiter waren auf den furchtbar forcirten Märschen — täglich zwölf bis achtzehn Meilen durch Feindes Land — aus eigener oder ihrer Pferde Ermüdung zurückgeblieben, mehrere todt niedergefallen.

[58] Ein kleiner Theil des Fürstenthums Catalonien liegt südlich vom Ebro, von diesem Flusse, dem Meere, Valencia und Aragon umgränzt. Dieser Theil war, wie Valencia und Unter-Aragon, Cabrera untergeben.