XXI.

Als die Expeditions-Division von Zariategui in Aranda de Duero mit der königlichen Armee sich vereinigte, sandte er die in Valladolid und in der Provinz neu errichteten Bataillone nach der Sierra de Soria, um ihre Ausbildung zu vervollkommnen. Die größere Zahl derselben gelangte bei dem Rückzuge der beiden Expeditions-Corps in der zweiten Hälfte des Octobers 1837 mit ihnen nach den baskischen Provinzen, wo sie das beklagenswerthe Corps von Castilien bildeten; drei dieser Bataillone aber unter dem Obersten Savega sahen sich nach manchen Abenteuern und Gefahren, die meistens in der gänzlichen Unerfahrenheit der Rekruten ihren Grund hatten, durch die Colonnen Espartero’s abgedrängt und in die Sierra zurückgeworfen. Die ungeheuren Mühseligkeiten hatten auf die junge, des Krieges ganz ungewohnte Mannschaft so entmuthigend gewirkt, daß die Brigade schon von 2800 Mann auf 1700 zusammengeschmolzen war, ohne daß irgend ein ernstliches Treffen Statt gefunden hätte.

Savega war ein habsüchtiger Mann, der erfreut, als unabhängiger Chef dazustehen, den Truppen seine Absicht erklärte, in der Provinz Soria sich zu halten, wo er natürlich sein persönliches Interesse leicht befördern konnte; er begann also, sofort eifrig große Getreidevorräthe aufzustapeln. Doch das Officier-Corps dachte anders. Es stellte ihm vor, daß das Bleiben unvermeidliches Verderben nach sich ziehen müsse, weil die Mannschaft neu ausgehoben und größtentheils noch gar nicht im Feuer gewesen sei; weil es so ganz an Munition fehle, daß jeder Soldat nur fünf Patronen habe, wobei an Ersatz derselben nicht zu denken sei; weil zwei Colonnen von Burgos und Soria zu ihrer Verfolgung eilten; weil endlich der fortwährende Mangel am Nöthigsten in der rauhen Jahreszeit die ganz abgerissenen Truppen zur Desertion verleiten werde, welche die Nähe des kaum verlassenen väterlichen Daches noch besonders begünstige. Sie forderten ihn daher auf, die Brigade entweder nach Aragon oder nach den Nordprovinzen zu führen.

Da der Oberst unter nichtigen Vorwänden auf seinem Entschlusse beharrete, entschlossen sich die Officiere, selbstständig zu handeln. Sie sammelten daher in einer Nacht das eine Bataillon vollständig, die Hälfte des zweiten und die Jäger-Compagnie des dritten und verließen das Städtchen, in dem es dem Obersten mit Hülfe einiger ergebener Officiere gelang, den Rest der Leute, etwa 600 Mann, zurückzuhalten: wenige Tage nachher wurden dieselben vom Feinde ereilt und sofort zersprengt, der Oberst ward gefangen. Doch will ich diese willkürliche Trennung nicht rechtfertigen; wohl aber darf ich sagen, daß das Corps fortan stets durch Disciplin und Bravour sich auszeichnete und so jenen Fehler — bei dem übrigens die Bataillons-Chefs an der Spitze standen — vergessen machte.

Nachdem dreißig Artilleristen Zariategui’s, die nach Vergrabung ihrer beiden Geschütze sich retten konnten, und sechszig Pferde, Versprengte von allen carlistischen Corps, sich ihr angeschlossen hatten, richtete sich die kleine Brigade in forcirten Märschen nach Aragon, befreiete unterweges eine Guerrilla von 300 Mann, die, von einigen christinoschen Compagnien in einer alten Burg eingeschlossen, aus Mangel sich zu ergeben im Begriff waren, und langte im Anfange Decembers glücklich bei Cantavieja an. Cabrera befand sich gerade in der Ebene von Valencia, wohin er dem nach der verunglückten Demonstration auf Cantavieja sich zurückziehenden Oráa folgte; er befahl der nun in zwei Bataillone, ein jedes zu 450 Mann, organisirten Brigade, die Blokade der feindlichen Festung Morella zu übernehmen.

Morella im Königreiche Valencia liegt mitten in dem Hochgebirge, welches der Schauplatz der Thaten Cabrera’s, der Sitz der carlistischen Macht im östlichen Spanien und die Basis war, auf die jener Feldherr seine Operationen nach Aragon, Valencia und Catalonien stützte. Nur acht Leguas von Cantavieja entfernt und mit starker Garnison versehen, gewährte die Festung den feindlichen Generalen bei allen Offensiv-Operationen einen willkommenen Anhaltspunkt, war den Carlisten — im wahren Centrum ihres Gebietes liegend — nicht selten sehr hinderlich und konnte bei größerem Unglücke leicht verhängnißvoll entscheidend werden, während ihre Festigkeit bei der Schwäche der feindlichen Angriffsmittel gegen jede Tentative sie zu sichern schien.

Auf einem isolirten Felsberge ragt ein ungeheurer, 140 bis 200 Fuß hoch senkrecht sich erhebender Granitblock empor. Auf diesem Blocke oder besser Kegel, der etwa 500 Fuß im Durchmesser hat, ist das gefürchtete, von den Bewohnern der Umgegend mit stummer Ehrfurcht angestaunte, Castell von Morella erbaut, und zu seinem Fuße auf dem höchsten Abhange des Berges dehnt sich im Halbkreise die Stadt aus, durch starke von Thürmen flankirte Mauern und vorliegende Felsabschüsse geschützt. Die Werke waren mit zahlreicher Artillerie garnirt und wurden durch eine ausgesuchte Besatzung von 900 Mann unter dem Obersten Don Bruno Velasco y Portillo vertheidigt, einem trotzigen Wütherich, dem Schrecken des Landes.

So war die Festung, deren Blokade die beiden Bataillone von Burgos und von Valladolid unternahmen. Sie postirten sich in Cinctorres und el Orcajo, zwei Meilen entfernt und die Wege nach Cantavieja beherrschend, und detachirten den Oberstlieutenant Don Martin Gracia mit 200 Mann, um die Stadt eng einzuschließen. Er vertheilte seine Mannschaft in Posten von zwanzig bis dreißig Mann, welche die rings um die Festung liegenden massiven Masadas — Bauernhöfe, große Scheunen — besetzten und durch geeignete Maßregeln die strengste Blokade etablirten.

Ich will nicht den Ereignissen derselben in ihren Details folgen; Ungeheures litten die wackern Castilianer. In elende Lumpen gehüllt, ohne sie auch nur wechseln zu können, waren sie fortwährend der rauhen Kälte, dem eisigen Schnee des Hochgebirges ausgesetzt; in der ganz verwüsteten Landschaft — da bei dem Mangel jenes Winters die Magazine nichts lieferten — konnten die nöthigen Lebensmittel nicht aufgetrieben werden, und Wochen lang waren die Armen auf wenig Brod und wenige Bohnen beschränkt; die Mehrzahl ging bald barfuß, da weder Schuhe noch Sandalen zum Ersatze der abgerissenen sich fanden. Dazu machte die vier Mal so starke Garnison fast täglich Ausfälle mit einigen leichten Geschützen, theils die Masadas, das einzige Obdach der Carlisten, zu zerstören, theils mit der Absicht, das fehlende Brennholz sich zu verschaffen. Selten gelang das Eine oder das Andere, da die Castilianer, rasch dem bedroheten Punkt — es war nur ein Thor der Festung offen — zu Hülfe fliegend, mit fabelhaft scheinender Unerschrockenheit immer kraftvoll den Andrang empfingen, oft die Übermacht in wilder Flucht bis zum Fuße der Mauern jagten, da das gebrochene Terrain das Feuer der Festung den Tirailleurs ganz unschädlich machte.

Und die braven Burschen murrten nicht. Lauter unbärtige Jünglinge sahen sie mit Liebe und Vertrauen auf die erprobten Führer, welche sie jedes Ungemach mit ihnen theilen und im Kampfe stets die ersten der Gefahr sich aussetzen sahen. Der herrliche Character der Alt-Castilianer, ihre biedere Treuherzigkeit, ihre Ausdauer und die aufopferndste Anhänglichkeit und Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten verleugneten sich auch hier nicht.


Sei es mir vergönnt, nun die Worte wiederzugeben, mit denen der Oberstlieutenant Don Pablo Alió, als ich im Januar 1840 zu Morella ihn kennen gelernt, in der einfachen Bescheidenheit, die den enthusiastisch braven, tief religiösen Mann so liebenswürdig machte, die Heldenthat mir beschrieb, durch die er das furchtbare Felsen-Castell der Herrschaft seines Königs eroberte, eine Heldenthat, wie die Geschichte ihrer nicht viele rühmen mag.

„Seit mehreren Wochen schon standen wir der Festung gegenüber, ohne die Hoffnung zu erlangen, daß wir je unser sie nennen würden; im Gegentheil wurde unsere Lage täglich schrecklicher, und es war vorauszusehen, daß wir bald die Blokade würden aufgeben müssen. Indessen hatte ich seit dem Augenblicke unserer Ankunft überlegt, ob es denn nicht möglich sei, durch einen Handstreich etwas gegen sie auszurichten. Aber nahmen wir auch die Stadt, so war uns wenig geholfen, da das Feuer des Castells uns sofort wieder vertrieben hätte; und dieses... Wer könnte jene furchtbar senkrechten Felswände erklimmen, deren Anblick Schwindel erregt! — Dennoch faßte der Gedanke täglich festere Wurzel in meiner Brust, bis ich endlich den Entschluß unserm Commandeur Gracia und dem Blokade-Adjudanten García mittheilte. Sie erschraken im ersten Augenblicke, aber bald stimmten sie mir bei: das Castell sollte mit Gottes Hülfe erstiegen werden.“

„Zuerst suchte ich der Liebe und der unbedingten Ergebenheit meiner Freiwilligen mich zu versichern. Ich litt selbst an Allem Noth; aber für das Wenige, was ich besaß, ließ ich Lebensmittel und Wein und Sandalen kommen und vertheilte Alles unter die armen, ausgehungerten Burschen. Dann gaben auch der Commandant und García das Ihrige dazu her, wir erborgten das Geld unserer Cameraden und verkauften endlich unsere Kleidungsstücke, bis wir Alle gar Nichts mehr hatten. Die armen Burschen erkannten mit der kindlichsten Dankbarkeit unsere Fürsorge und waren für uns zu Allem bereit. Zugleich führte ich sie bei den häufigen Kämpfen mit dem ausfallenden Feinde immer selbst an, schonte ihrer, wo ich konnte, und wählte für mich den gefährlichsten Posten: so gewann ich das Vertrauen meiner Leute, und sie folgten mir freudig, wohin ich sie auch führen mochte.“

„Indessen waren heimlich Leitern angefertigt, ungeheuer hoch und an den Enden gepolstert, um jedes Geräusch beim Ansetzen zu vermeiden; trotz aller Vorsicht ward Etwas davon bekannt, und die Bauern sprachen Viel über die Leitern. Ich fürchtete, daß die Christinos es auf irgend eine Art erfahren könnten, und beschloß deshalb, in der ersten stürmischen Nacht den Angriff zu wagen; aber da erschrak wieder der Commandant, er wandte unentschlossen seine Verantwortlichkeit ein und verschob die Unternehmung trotz unserer Bitten von einem Tage zum andern. Als er nun am 23. Juni auf einige Tage Urlaub nahm, wollten García und ich nicht länger zaudern: wir theilten unseren Plan dem Interims-Commandeur mit, der endlich, als er wieder und wieder die Felsmasse betrachtet hatte, mit Thränen seine Zustimmung gab. Ich durfte achtzig Freiwillige selbst mir auswählen; dazu rief ich einen Artilleristen, der wenige Tage vorher aus der Festung zu uns desertirt war und sich nun, weil er genau das Castell kannte, zum Führer anbot.“

„Der 25. Januar war furchtbar stürmisch; so sollte denn in der Nacht der Versuch gemacht werden. Am Abend versammelte ich die achtzig Mann in der Masada des Commandanten und sagte ihnen, was ich beabsichtigte, und wie ich das feste Vertrauen hege, daß unsere Beschützerinn, die erhabene Jungfrau der Schmerzen, ihren himmlischen Beistand zu dem Werke nicht versagen werde, da wir es ja für das Recht und für die Religion unternahmen. Ich forderte, nachdem ich ihnen die ganze Gefahr aus einander gesetzt hatte, daß ein Jeder, der nicht den Muth fühle, mit Freudigkeit mir zu folgen, jetzt zurücktrete; aber Alle antworteten, daß sie mit mir sterben wollten. Dann sah ich die Waffen nach und gab die nöthigen Instructionen, worauf wir Alle beichteten und das heilige Sakrament nahmen, um uns zum Tode zu weihen; ich ließ endlich die Freiwilligen tüchtig speisen und befahl ihnen, nachdem ich nochmals den Segen der heiligen Jungfrau erfleht hatte, sich niederzulegen und bis zu der Stunde der Ausführung zu ruhen.“

„Ich trat in das Zimmer des Commandanten und besprach noch ein Mal Alles mit ihm und García, die Beide bleich waren und zitterten, weil sie zurückbleiben sollten; auch verabredeten wir, daß ich im Falle des Gelingens ein hohes Feuer auf dem Platze des Castells anzünden solle, wenn es aber unglücklich abliefe, würden sie am folgenden Tage unsere Leichen fordern und sie in geweiheter Erde christlich beisetzen. Dann umarmte ich beide, die mich immer noch nicht lassen wollten, rief meine Burschen und trat an ihrer Spitze den Marsch an, während von den beiden Officieren, die mich begleiteten, der Eine in der Mitte des Zuges ging, der Andere ihn schloß.“

„Die Nacht war entsetzlich; ein furchtbarer Schneesturm mit Schlossen zwang uns, oft still zu stehen, auch bedeckte Fuß hoher Schnee die Felsenabsätze, über die wir hinkletterten, so daß wir nur sehr langsam vorwärts kamen. Seufzend gedachte ich der zerrissenen Bekleidung und der nackten Füße der armen Burschen: was mußten sie nicht leiden! Aber Niemand klagte. Erst gegen ein Uhr konnten wir von der Mauer des Kirchhofes, hinter der wir einen Augenblick Athem geschöpft hatten, nach dem Fuße der Felsenmasse, die dunkel über uns sich aufthürmte, schleichen, was wir, so viel die Leitern erlaubten, einzeln thaten, um nicht die Aufmerksamkeit der feindlichen Schildwachen zu erwecken. Glücklich waren wir endlich Alle angekommen und richteten die Leiter auf. Ich hatte eine Stelle gewählt, auf der in der Mitte der Wand ein schmaler, sehr abschüssiger Absatz sich befand, da ich sonst nicht mit den Leitern bis oben hätte hinkommen können.[59] Dort stiegen wir einzeln hinauf, wobei die Leitern, deren ich zwei an einander gebunden hatte, entsetzlich unter unserer Last sich bogen, weil wir sie, um sie leicht handthieren zu können, sehr schwach machen mußten. Auch wären sie hundert Mal gebrochen, wenn sie nicht beinah von unten bis oben an den Felsen sich gelehnt hätten.“

„So wie die Hälfte von uns auf dem Vorsprunge stand, fingen wir an, die mit ungeheurer Mühe heraufgeschleppte Leiter in die Höhe zu ziehen; grausig war die Arbeit, wie wir so über siebenzig Fuß hohem Abgrunde schwebten — jeder Fehltritt sicherer Tod —, eben so hoch über uns die senkrechte Felsenwand und oben der Feind. Lange gelang es uns nicht, die Leiter auf dem abschüssigen Felsenabsatze zu fixiren, den der unaufhörlich fallende Schnee glatt machte. Endlich stand sie aufrecht da, natürlich fast ganz senkrecht und von den drei riesenhaften Gastadores[60], die ich deshalb mitgebracht hatte, gestützt, da sie sonst unter uns sofort wieder hinabgeglitten wäre.“

„Leise flüsterte ich den dicht gedrängten Freiwilligen einige Worte der Aufmunterung zu und folgte rasch dem Führer zum Sturm, worauf die Andern in der durch das Loos bestimmten Ordnung sich anschlossen. Auf der obersten Stufe angelangt fehlten dem Führer noch vier Fuß bis zu der Höhe des Felsen. Das war furchtbar, denn fiel bei dem Versuche hinaufzuklettern Einer, steif durch die Kälte, wie Alle waren, so riß er im Sturze die Übrigen mit sich hinab; und die Leiter schwankte und bog sich entsetzlich unter der Last. Aber die gnadenreiche Himmelsköniginn wachte über uns. Der Führer schwang sich hinauf — schon stand ich ihm zur Seite. Da sah uns die zwanzig Schritt entfernt in ihr Häuschen gedrückte Schildwache; sie sprang heraus und rief mit vom Entsetzen hinsterbender Stimme: „cabo de guardia, los facciosos!“ Der Schuß des Führers streckte sie todt nieder.“

„Mit lautem viva el Rey stürzte ich auf die Wache, die, 30 Mann stark, in dem Gebäude sich verbarrikadirte und ein heftiges Feuer begann. Jeder Augenblick war kostbar, denn schon tönten von der Stadt her die Trommeln und Hörner, und bald klangen die Glocken wild durch den hundertfachen Lärm; nahmen wir nicht rasch die Wache, so mußte die Hülfe dasein, und Alles war verloren. Aber wieder begünstigte uns unsere Schutzheilige. Die Freiwilligen, wie sie oben anlangten, stürzten herbei und feuerten auf Thür und Fenster des Wachhauses, da ich umsonst zwei Mal den Eingang zu forciren suchte. Ich befahl dann, rasch zu schießen und ließ alle Welt laut „viva el Rey, viva Cabrera! acá Castilla! acá Tortosa! Aragon para siempre!“ durch einander rufen, als wären alle diese Truppen unter Cabrera’s Anführung dort oben. Die Wache, durch das Geschrei getäuscht, brach plötzlich aus dem Gebäude hervor, um sich durchzuschlagen; auch gelang es Einigen zu entkommen, zwölf Mann wurden gefangen, die andern getödtet.“

„Ich recognoscirte nun rasch die Seite des Castells, welche die Stadt beherrscht, und sah schon die Garnison auf dem Platze aufmarschirt. Daher vertheilte ich meine Leute längs den Schießscharten der Ringmauer, öffnete mit Hülfe von drei gefangenen Artilleristen die Magazine und ließ eine große Zahl von geladenen Bomben und Granaten herausholen. Zugleich befahl ich den Artilleristen, mit allen Kanonen unaufhörlich zu feuern, um nur den Feind einzuschüchtern.“

„Dieser rückte sofort zum Sturm heran. Eine dunkele Colonne drang langsam und geschlossen auf dem gewöhnlichen Wege gegen das Thor vor, während plötzlich ein anderer starker Haufen über die Felsen zu klimmen und so uns zu überraschen suchte. Da ließ ich alle Granaten und Bomben anzünden und über die Felsen mitten unter die Massen der Stürmenden hinabrollen, so daß die ganze Felsenwand mit spielend hinunterhüpfenden Flammen bedeckt schien. Aber die Christinos rückten dennoch muthig vor und gelangten bis zu der ersten Biegung des Weges. Erst als dort das Gewehrfeuer aus tödtlicher Nähe sie niederschmetterte und fortwährend Bomben und Granaten auf sie regneten, wandten sich beide Colonnen zur Flucht und stürzten in nie gesehener Verwirrung in die Stadt zurück. — Morella war unser.“

„Da sank ich mit Thränen im Auge auf die Knie und mit mir alle die braven Burschen, und laut dankte ich der gnadenreichen Jungfrau der Schmerzen, daß sie so herrlichen Sieg uns gegeben habe. — Dann befahl ich, ein großes Feuer anzuzünden, um den Gefährten das Zeichen zu geben.“

So weit der wackere Alió. In zehrender Unruhe horchte sein Commandeur und der Adjudant García auf das leiseste Geräusch, ob es Nachricht bringe von den kühnen Genossen. Aber Stunde auf Stunde verging in lautloser Stille, nichts Gutes verkündend; — und plötzlich ertönte wildes Gewehrfeuer, bald von dem Krachen der Geschütze übertäubt, das immer heftiger in die Nacht hinausschallte; der furchtbare Felsen schien ein rings Flammen sprühender Vulkan, Tod und Verderben ausspeiend. Sie zweifelten nicht mehr: ihre braven Gefährten waren entdeckt und lagen schon begraben unter dem immer dichter fallenden Schnee; im stummen Schmerze starrten sie bewegungslos das majestätische, Unheil verheißende Schauspiel an. — Da trat geräuschloses Schweigen an die Stelle des Tumultes, jedes Leben schien erstorben; einen Augenblick später erhob sich hoch über die dunkle Felsenmasse eine hell aufleuchtende Flamme — das Glück verkündende Zeichen des Sieges!

In stürmischer Freude umarmten sich die beiden Männer und eilten, ihre Truppen, die sie, auf Alles vorbereitet, vereinigt gehalten hatten, dem fliehenden Feinde entgegenzuschicken.


Mit Erstaunen hatten die Bewohner weit in der Runde dem ungewohnten Lärmen von der gefürchteten Veste her gehorcht: sie glaubten, daß die Garnison unter einander sich bekämpfe, und waren erfreut, daß Zwietracht die gehaßten Negros wechselseitig sich opfern mache. Bewunderung machte selbst den Jubel auf einen Augenblick verstummen, als sie am Morgen die unglaubliche Kunde vernahmen. — Der Gouverneur Portillo floh mit der Garnison auf der Straße, welche nach el Orcajo führt, und dann rechts durch das Gebirge auf Alcañiz, aber über 150 Mann, die in den Schrecken jener Nacht sich zerstreut hatten, wurden von den Streifparthieen und selbst vom Landvolke aufgefangen und eingebracht. Dagegen traf Portillo auf der Brücke, die zwischen Morella und dem Orcajo die Ufer des Bergantes verbindet, eine von letzterer Stadt entsendete Patrouille des Bataillons von Valladolid und nahm achtzehn Mann von derselben gefangen.

Am folgenden Morgen ging die Sonne zum ersten Male seit Wochen an unbewölktem Horizonte auf, mit ihren Strahlen die unabsehbare Schneefläche in blendenden Glanz hüllend; der Himmel schien sein finsteres Sturmgewand nur beibehalten zu haben, um den Carlisten die Gelegenheit zu der kühnen That nicht zu rauben. Als Alió dann mit einem Detachement seiner Braven in die Stadt hinabstieg, in deren Straßen jetzt Todtenstille herrschte, fand er auf dem Platze vierzig Mann unter einem Sergeanten aufmarschirt, die, zurückgeblieben, um fortan unter dem carlistischen Banner zu fechten, mit lautem viva Carlos Quinto! ihn begrüßten. Er arretirte sie indessen, da dieser Entschluß in solchem Augenblicke sehr verdächtig schien.

Die Einwohner der Stadt, welche besorgt den Tag erwartet hatten, sahen freudig erstaunt, daß nicht die geringste Unordnung ausgeübt wurde: kein Freiwilliger betrat irgend ein Haus, wiewohl sie Alle ganz abgerissen und ohne Wäsche waren, bis Alió ihnen befahl, in die blau bezeichneten Häuser der dem revolutionairen Gouvernement günstig Gesinnten[61] zu gehen, und ein Jeder ein Hemd und ein Paar Beinkleider sich geben zu lassen. Und die treuherzigen Castilianer, sie, die eben stürmend die unnehmbar geachtete Veste erobert, sie naheten demüthig den zitternden Bürgern und baten sie beschämt, ein Hemd ihnen zu geben, weil sie so ganz entblößt seien; und freudig eilten sie zu ihrem Officier, mit kindlichem Vertrauen den erlangten Schatz ihm zu zeigen.

Freilich muß ich hinzufügen, daß auch unter den Carlisten solche Mäßigung wohl recht selten sich gefunden hat. Die jungen Castilianer, noch nicht durch langes Kriegen verhärtet und noch nicht gestählt gegen den Eindruck des fremden Jammers durch den immerwährenden Anblick von Leid und Elend und Gräuel, wußten wohl, dem geliebten Anführer in jede Gefahr folgend, das Schwerste auszuführen, aber den wehrlosen Bürger zu berauben wußten sie nicht. Sie gedachten noch des greisen Vaters, der Lieben, die daheim ja auch friedlich und wehrlos dem Übermuthe der Gewalt Preis gegeben waren; wie sollten sie da nicht mild und schonend sich zeigen!

Die Freudenbotschaft von der Escalade von Morella fand den General in Benicarló, dessen Fort er, nach der Reinigung von Unter-Catalonien wieder nach Valencia geeilt, so eben zur Übergabe genöthigt hatte. Er langte wenige Tage später in der Festung an und belohnte reich den Heldenmuth der kleinen Schaar. Lieutenant Alió trat als Capitain zu der Brigade von Tortosa, der Garde des Heeres, über, in der ich später als Oberstlieutenant ihn kannte.

So hatte denn das Jahr 1838 höchst günstig für die Sache der Carlisten begonnen. Durch die Eroberung von Morella sah sich Cabrera im vollständigen Besitze des Hochgebirges, welches die Grundlage und den Rückhalt aller seiner Operationen bilden mußte; in ihm konnte er mit Vortheil der Macht des Feindes sich entgegenstellen, von ihm aus als dem Centrum alle Provinzen der Christinos bedrohen und nach einander angreifen. Die Einnahme von Benicarló gab ihm einen Punkt am mittelländischen Meere und befestigte seine Herrschaft in dem fruchtbarsten Theile des Königreiches Valencia. Morella ward jetzt der Centralpunkt der carlistischen Macht im westlichen Spanien, wie Cantavieja bisher es gewesen war; zugleich schnitt es die Communication auf dem geraden Wege zwischen dem nördlichen Unter-Aragon und Valencia ganz ab, wodurch der Feind, das eine und das andere zu schützen, zu steter Zersplitterung seiner Kräfte genöthigt wurde.

Cabrera eilte, diese Vortheile zu verfolgen, zu kräftigster Offensive sie zu benutzen, während Oráa, der in Aragon eine neue Unternehmung gegen Cantavieja vorbereitete, rasch nach Valencia zur Deckung dieser Provinz zog, durch deren vollständige Eroberung Cabrera ungeheure Hülfsquellen sich geöffnet hätte.

[59] Die ganze Höhe des escaladirten Felsen betrug 143 Fuß.

[60] Die bei den Infanterie-Bataillonen befindlichen Sappeurs.

[61] Portillo ließ die Thüren der Anhänger Christina’s blau, die der Royalisten roth anstreichen, um Verwechselungen vorzubeugen!