XXII.
Der Frühling 1838 rechtfertigte keineswegs die Hoffnungen, welche durch die Eroberung von Morella angeregt waren; er brachte vielmehr allen carlistischen Armeen gleich empfindliche Verluste, von denen ich die Vernichtung der von Navarra zu neuen Expeditionen nach Castilien entsendeten Divisionen früher erzählte. Auch Cabrera, wenn er einzelne Vortheile errang, litt in seinen Unterfeldherren schwere Niederlagen und sah mehrfach seine eigenen Unternehmungen vereitelt.
Die Christinos hatten durch die Befestigung von Castellon, Villafamés und Lucena mit dem festen Bergschlosse von Villamaleja eine Linie nördlich vom Flusse Mijares gebildet, welche die Streifzüge der Carlisten nach dem südlichsten, reichsten Theile von Valencia sehr erschwerte, die Consolidirung aber ihrer Herrschaft daselbst unmöglich machte. Cabrera wollte diese Linie brechen und wandte sich deshalb gegen Lucena, welches, in der Mitte der beiden letztern Festungen und durch seine Lage äußerst stark, von ganz besonderer Wichtigkeit war. Alle Versuche Cabrera’s gegen dasselbe vor- und nachher scheiterten an der Festigkeit der Garnison, die meistens aus National-Milizen bestand, welche wegen exaltirter Gesinnungen aus ihrer den Carlisten unterworfenen Heimath geflohen waren und nun den Kampf des glühendsten Hasses und der Verzweiflung kämpften.
Kaum war die Belagerung eröffnet, zu der ein Theil der in Morella genommenen Artillerie herangezogen war, als Oráa mit weit überlegener Macht von Castellon de la Plana zum Entsatze eilte und, nachdem die Carlisten durch entschlossenen Widerstand bei Alcora die Zeit zur Zurückziehung ihrer schweren Geschütze gewonnen — in den unwegsamen Sierras stets der schwierigste Punkt —, nach Lucena durchdrang. Cabrera aber flog auf der kürzesten Linie nach dem nun entblößten Aragon und nahm nach kurzer verzweifelter Gegenwehr das bedeutende Calanda im Flußgebiete des Guadalupe mit Sturm, worauf Andorra capitulirte. Er berannte sofort Alcañiz, ward aber zur Aushebung der Belagerung gezwungen, da General San Miguel von Zaragoza aus der bedroheten Stadt zu Hülfe zog. Er eilte von da, die Division von Aragon zurücklassend, nach el Turia, dem Landstriche zu beiden Seiten des Guadalaviar, wo Aragon, Castilien und Valencia sich berühren, welcher durch Tallada’s Vernichtung ganz von Truppen entblößt war.
Tallada war schon frühe als Guerrilla-Chef aufgetreten und von Tage zu Tage in den Provinzen del Turia und Cuenca mächtiger geworden, wiewohl er selten entschiedenen Sieg über feindliche Colonnen davon getragen hatte. Er war gewandter in der Kunst, den Kampf, wenn nicht alle Chancen ihm günstig, zu vermeiden, als in der des Schlagens, dabei überraschte er Freund und Feind häufig durch Märsche und durch Expeditionen bis tief in die Mancha und das Königreich Murcia, welche den Stempel der höchsten Kühnheit trugen, da er doch alle Verhältnisse so genau berechnet hatte, daß er seiner Sache sicher war. Seit er unter Cabrera’s Befehl stand, organisirte er seine Colonne trefflich und bildete fünf schöne Bataillone und drei Escadronen Lanciers, ein Ganzes von fast viertausend Mann. Er war indessen grausam gegen die Christinos, eigennützig und drückte schwer die von ihm heimgesuchten Districte.
Ich erwähnte früher, wie Tallada auf seinem Zuge durch die Provinz Cuenca im Januar 1838 einige Compagnien der königlichen Garde, die in einer Capelle sich eingeschlossen hatten, gefangen nahm, Leben und Eigenthum ihnen zusagend; und wie er wenige Stunden nachher die Officiere derselben gegen sein Wort meuchlings erschießen und ihre Leichen in einen Fluß werfen ließ, um der bedeutenden Geldsummen sich zu bemächtigen, welche zwei von ihnen mit sich führten. — Seine eigenen Officiere tadelten laut diesen Act niedriger Wortbrüchigkeit; sie prophezeiten selbst, daß solches Verbrechen Unheil nach sich ziehen müßte, und daß gewiß schweres Unglück auf diesem Zuge die Division treffen würde. Tallada aber verlor seit dem Augenblicke die Klarheit des Geistes, den Überblick und die Bravour, welche vorher ihn auszeichneten; er wurde düster und schwankend in seinen Anordnungen.
Bald vereinigte er sich mit dem Corps Don Basilio Garcia’s, störte durch seine Eifersucht wesentlich den Erfolg der Expedition, veranlaßte das unglückliche Gefecht bei Ubeda und trennte sich endlich in Murcia von jenem General, um nach el Turia zurückzukehren.
Die furchtbaren Regen, welche schon in der letzten Zeit seiner Vereinigung mit Don Basilio verderblich gewirkt hatten, fuhren fort auf dem eiligen Rückmarsche ihn unendlich zu belästigen, auf dem die Division an Allem Mangel litt und, durch furchtbare Fatiguen erschöpft, vom General Pardiñas lebhaft verfolgt wurde. Doch gelang es ihr, am 26. Februar den Xucar, hoch durch die Regengüsse angeschwollen und von feindlichen Colonnen beobachtet, um den Übergang zu verhindern, ohne Zusammentreffen zu erreichen und auf einer Nothbrücke zu passiren. Die Division war gerettet, da der Feind, wenn die Brücke zerstört wurde, sie unmöglich einholen konnte; so blieb sie denn in dem nahen Castriel zur ersehnten Nachtruhe. Aber am Abend waren kaum zwei Drittel der Truppen versammelt, indem Erschöpfung und die grundlosen Wege viele Hunderte gehindert hatten, dem lang gedehnten Zuge zu folgen. Da befahl Tallada, die Brücke nicht abzubrechen, damit die Nachzügler während der Nacht der Division sich anschließen könnten.
Um vier Uhr Morgens am 27. Februar überfiel Pardiñas mit einigen Compagnien Avantgarde nach furchtbar forcirtem Marsche den offenen Ort. Wähnend, daß die National-Gardisten der Umgegend sich genähert hätten, um die Colonne durch ihr Schießen zu allarmiren, ließ der Brigadier die Truppen ruhig in den Quartieren bleiben, mit der Ordre, aus den Fenstern der auf das Feld sehenden Häuser auf die Feinde zu schießen, falls sie zu lästig würden. So konnte Pardiñas, rasch verstärkt, die Eingänge der Straßen und selbst den Marktplatz ohne Widerstand besetzen. Als die Carlisten endlich aus den Häusern stürzten, fanden sie die ganze Stadt in der Gewalt des Feindes, dessen Patrouillen mit den sich formirenden Compagnien vermischt waren. Ungeheure Verwirrung herrschte. Die meisten Soldaten wurden gefangen, so wie sie auf die Straße traten, viele entflohen drei, vier Mal, um eben so oft einem andern Trupp in die Hände zu fallen; ganze Compagnien abgeschnitten ergaben sich.
Nur etwa 400 Mann entkamen und erreichten Chelva im Turia. Brigadier Tallada selbst, anfangs entflohen und allein umherirrend, ward am andern Tage von National-Gardisten aufgefangen und, der Einzige der Division, als Repressalie für den Mord jener Garde-Officiere füsilirt. Da Cabrera dieses als eine Verletzung der (stillschweigends eingegangenen) Übereinkunft über Nichterschießung der Gefangenen ansah und demnach zu rächen drohte, sandten die Christinos ihm die Actenstücke, welche sie über den Tod der Ihrigen aufgenommen hatten, worauf der General sich für völlig befriedigt und die Erschießung Tallada’s für gerechte Strafe einer Schandthat erklärte.
Diesem ersten Schlage folgten rasch andere, nicht minder verderblich. Bei der Nachricht von der Vernichtung der Division Tallada war die Brigade von Castilien, jene kleine, herrliche Brigade, die so eben durch die Eroberung von Morella unvergängliche Ehre sich gewonnen hatte, kaum 900 Mann stark, nach dem Turia beordert, die entblößte Provinz zu decken, während Oberst Arnau, ein Jugendgefährte Cabrera’s, mit dem Commando derselben und der Organisirung der neu zu errichtenden Division beauftragt wurde. Arnau, nur durch Bravour ausgezeichnet,[62] war nicht zum unabhängigen Anführer geschaffen oder ausgebildet, weßhalb ihn Cabrera, durch brüderliche Freundschaft ihm verknüpft, später stets in seiner unmittelbaren Nähe behielt. Damals hatte er noch nie unabhängig commandirt.
Bei la Yesa erhielt Arnau die Nachricht, daß eine feindliche Colonne nahe. Er wandte sich zu den Bataillons-Commandeuren und fragte sie, was die Burschen sagten, ob sie schlagen wollten? Auf die Antwort: „gewiß gern“ beschloß er: „nun, so schlagen wir.“ Er befahl zu essen und zu ruhen; der Feind aber war eine halbe Stunde entfernt. Einer der Commandeure fragte ihn, ob es nicht besser sei, eine Stellung zu nehmen, worauf Arnau mit dem Ausrufe: „carajo, que tontadas!“ — Dummheiten! — doch aufbrechen ließ und nach einigem Suchen die Cavallerie endlich auf eine Höhe postirte, von der sie vorwärts und rückwärts einzeln über die Felsenwege defiliren mußte, das eine Bataillon in Masse formirt in einer mit Unterholz bedeckten Schlucht, das andere in Tirailleurs aufgelöset auf einer lichten Ebene aufstellte. Das Resultat war vorauszusehen. Tambour battant kam der Feind im Sturmschritt heran und zerstreute in einem Augenblick die ganze Brigade, ehe noch Arnau das Wie und das Warum begriffen hatte. Sie verdankte ihre Rettung der Unentschlossenheit der Christinos, die mit dem leichten Siege sich begnügten, ohne einen Schritt zur Verfolgung zu thun, so daß auch die Cavallerie ohne Verlust ihren halsbrechenden Rückzug bewerkstelligen konnte.
Übrigens vollführte Arnau seinen Auftrag der Organisation der neuen Division ausgezeichnet gut und brachte sie auf einen hohen Grad der Kriegszucht und Disciplin. Er hatte Ordre erhalten, jedes fernere Zusammentreffen zu vermeiden, und übergab das Commando der ausgebildeten Division sofort dem kriegserfahrenen Obersten Arévalo; er kehrte zu dem Stabe Cabrera’s zurück und ward nicht wieder zu selbstständigem Auftrage von Interesse gebraucht.
Bald litt die Brigade von Castilien empfindlicheren Schlag. Sie wurde im Monat März, da Forcadell nach Castilien vordrang, mit vorgeschoben und besetzte Cañete, wenige Meilen von Cuenca entfernt. Am 27. April ward sie dort durch Nachlässigkeit des commandirenden Officiers, der, mehrfach von dem Anrücken einer feindlichen Division warnend benachrichtigt, ungläubig gar keine Maßregel nahm, am Mittage überfallen, da die Bataillone außerhalb der Stadt mit Exerciren beschäftigt waren. Sie warfen sich rasch in die mit einer starken Mauer aus der Zeit der Araber umgebene Stadt; der commandirende Oberst aber eilte mit einigen Compagnien und dreißig Reitern dem andringenden Feinde entgegen und wurde nebst 160 Mann gefangen, während die Bataillone den Versuch, die Stadt zu nehmen, fest zurückwiesen, worauf der Feind, da Forcadell nur einige Leguas entfernt stand, nach Cuenca weiterzog.
Auch in Aragon erlitt Cabrera herben Verlust. In der Nacht zum 6. März drang Cabañero, Chef der Division von Aragon, durch Einverständniß mit einigen Einwohnern in die Hauptstadt Zaragoza ein und bemächtigte sich derselben. Da aber die Soldaten plündernd sich zerstreuten, wurden sie von der Garnison und der National-Garde, die in das Castell sich gerettet hatten, in den Straßen angegriffen und unter vielem Blutvergießen aus der Stadt verjagt. Das ganze 6te Bataillon ward abgeschnitten und in der Kirche, welche es zur Vertheidigung besetzte, gezwungen, zu capituliren. Der Verlust der Carlisten stieg auf 1100 Mann. Cabañero aber, da er durch Mangel an Energie und Vernachlässigung der Kriegszucht die Schuld des mißglückten Unternehmens trug, büßte sein Commando ein, worauf er nach den baskischen Provinzen abging, mit Maroto zum Verrath sich einigend. Der Brigadegeneral Don Luis Llagostera y Cadival erhielt den Oberbefehl der Division und Provinz Aragon.
So war die Armee Cabrera’s gegen die Mitte des Jahres 1838 sehr geschwächt, während die feindliche des Centrums unter Oráa eben so bedeutend verstärkt war, da nicht nur mehrere Regimenter aus dem südlichen Spanien sich ihr anschlossen, sondern auch zwei bisher der Nordarmee angehörende Corps zu ihr stießen. Die Expeditions-Division von Don Basilio Garcia war im Mai zu Vejar vernichtet und dieser Führer rettete sich mit dem Überreste derselben, kaum 250 Mann, zu dem Heere Cabrera’s; er zog dadurch auch die schöne in seiner Verfolgung beschäftigte Division Pardiñas, gegen 5000 Mann, nach Aragon, wo sie dem dortigen Heere einverleibt wurde. In derselben Zeit langten etwa 150 Reiter, Alles, was von dem unglücklichen Corps des Grafen Negri noch existirte, fliehend bei Cabrera an und in ihrem Gefolge abermals vier Escadrone bei der ihm gegenüber stehenden Armee.
Dadurch sah sich der carlistische Feldherr genöthigt, die Erweiterung seines Gebietes, welches er trotz aller Anstrengungen Oráa’s durch die Zerstörung der das Land beherrschenden Forts bisher ausgedehnt hatte, für jetzt ganz aufzugeben; ja er war ungeachtet einiger glücklichen Gefechte im Juni ganz auf die Defensive beschränkt, während die Feinde mit Entwickelung aller ihrer Kräfte den Krieg auf den Zustand zurückzuführen suchten, in dem er am Schlusse des vergangenen Jahres sich befand. Dann hofften sie durch kräftiges Verfolgen der errungenen Vortheile und durch kluge Combination des moralischen Übergewichtes, welches sie ihnen geben mußten, mit der physischen Übermacht endlich die vollständige Unterdrückung der carlistischen Parthei vollenden zu können.
Oráa aber war ganz der Mann, um den kühnen Plan kühn und kraftvoll durchzuführen. Er zeichnete sich eben so durch langjährige Erfahrung, wie durch wahres Feldherrntalent aus, an dem es den meisten Generalen beider Partheien so sehr gebrach; er hatte einen raschen, scharfen Überblick, viel Entschlossenheit und Festigkeit; und unter Mina, Cordova und Espartero in den Nordprovinzen, wie seit dem Beginn seines Oberbefehls in Aragon hatte er sich als einen der wenigen Chefs bewährt, die das Glück klug zu benutzen und, immer gleich besonnen, dem Unglücke die beste Seite abzugewinnen wissen.
Oráa hatte einen großen Fehler, einen Fehler, der ihn stürzte: er stand Cabrera gegenüber. —
Das Madrider Gouvernement glaubte nach den Siegen des Frühlings 1838, daß der Zeitpunkt gekommen sei, in dem es durch gleichzeitiges energisches Handeln auf allen Theilen des Kriegstheaters den furchtbaren Aufstand endlich erdrücken könne, der vor wenigen Monaten bis vor die Thore der Hauptstadt seine Heere hatte senden dürfen. Espartero sollte Estella nehmen und Navarra überziehen, um das carlistische Hauptheer, von der Verbindung mit Frankreich, seiner vorzüglichsten Hülfsquelle, abgeschnitten, nach Guipuzcoa und Vizcaya zur Vernichtung zusammenzudrängen; daher begann Espartero seine Spatziergänge nach der Einnahme von Peñacerrada und stand Wochen auf Wochen drohend da. Der Baron de Meer eroberte Solsona in Catalonien, die Hauptveste der dortigen Carlisten, da der alte Graf de España, welcher kaum das Commando derselben übernommen, nur zuchtlose Haufen vorgefunden hatte. Oráa sollte Morella wieder nehmen, in Folge dessen mit Cantavieja des ganzen Hochgebirges sich bemächtigen und dann den Ausrottungskampf gegen die geschwächten, entmuthigten Anhänger seines Königs systematisch betreiben.
Mit außerordentlicher Thätigkeit bereitete Oráa das Unternehmen vor, dessen Schwierigkeit er sich nicht verhehlte. Er vereinigte in Alcañiz einen Belagerungspark, wie ihn die Provinzen noch nicht gesehen, er errichtete eben dort ungeheure Magazine von Lebensmitteln und Kriegsbedürfnissen und begann am 23. Juli in drei Colonnen die concentrische Bewegung, deren Ziel das Felsencastell von Morella war.[63] General Borso di Carminati drang von Castellon de la Plana, Oráa von Teruel und San Miguel von Alcañiz aus in das Gebirge vor; trotz den beobachtend sie cotoyirenden Divisionen von Valencia, Aragon und del Ebro vereinigten sich die drei Führer nach nicht bedeutenden Gefechten und durch sehr gewandtes Manövriren bei Cinctorres und standen, in 22 Bataillonen 20000 Mann Infanterie mit fast 2000 Pferden stark, am 29. Juli im Angesichte der bedroheten Festung, von der ihnen die schwarze Fahne, das Zeichen des Entschlusses, nie sich zu ergeben, Tod verkündend winkte.
Cabrera, da sein Versuch, die Division San Miguel durch einen Hinterhalt auf ihrem Anmarsche zu vernichten, durch die Hitze eines untergeordneten Führers so weit mißlungen war, daß er ihr nur einen Verlust von 300 Mann zufügen konnte, beschloß, die belagernde Armee seinerseits zu belagern, jeden Fuß breit Terrain ihr streitig zu machen, sie täglich, stündlich zu belästigen, zu harceliren und anzugreifen, die Communicationen ihr abzuschneiden und durch strengste Blokade aller Hülfsmittel sie zu berauben.
Er besetzte demnach mit einem kleinen Theile seiner Truppen die Muela de la Garumba, eine nahe Morella steil sich erhebende und bis über el Orcajo sich hinziehende Bergmasse, die, zum Hochplateau erweitert, zur Erhaltung der Verbindung mit Cantavieja von Wichtigkeit war; mit den übrigen Bataillonen stellte er theils dem andringenden Oráa sich entgegen, theils occupirte er die oft durch Schluchten und über wildes Gebirge führenden Wege nach Alcañiz und suchte die Herbeiführung der schweren Artillerie und der Convoys möglichst zu erschweren. Seine Armee bestand — einige Rekruten-Bataillone waren unbewaffnet — aus sechszehn Bataillonen in drei Divisionen und aus neun Escadronen, da das Lanciers-Regiment von Tortosa dem Grafen de España zu Hülfe gesendet war. Dazu kam die castilianische Brigade, jetzt unter Merino’s Befehl, und die Trümmer der Expedition von Don Basilio Garcia und Negri als batallon espedicionario und escuadron del conde Negri. Da aber die Corps ohne Ausnahme durch die Unglücksfälle der letzten fünf Monate sehr geschwächt waren, zählten sie nur 9700 Mann Infanterie, von denen 1300 — von Aragon und Tortosa — die Besatzung der Festung und des Castells bildeten. Die Cavallerie enthielt fast 1000 Pferde.
Morella’s Befestigungswerke hatten Nichts mit den Meisterwerken eines Vauban oder Coehorn gemein. Ganz abgesehen davon, daß die Vertheidigung durch die Lage der Stadt und noch mehr des Castells lediglich bohrend wurde, und daß kein vorliegendes Werk die Mauern gegen den unmittelbaren Angriff deckte, waren diese schwachen Mauern mit den unregelmäßig vertheilten flankirenden Thürmen wohl darauf berechnet, dem Stoße des ehernen Widderkopfes zu widerstehen; aber der Alles niederschmetternden Gewalt des Pulvers mußten sie augenblicklich unterliegen. Und doch waren sie Alles, was Kunst für die Vertheidigung der Festung gethan hatte. Desto mehr begünstigten sie ihre Lage und die Eigenschaften des sie umgebenden Terrains.
Die Mauer ist rings umher auf ungeheure Felsmassen basirt, welche, bald unmittelbar zu ihrem Fuße, bald mehr oder weniger — doch nur unmittelbar neben dem Castell über funfzig Schritt — vorspringend, zwölf, dreißig, an einzelnen Stellen selbst funfzig und mehr Fuß tief perpendiculär sich hinabsenken. Sie bilden daher die eigentliche Mauer der Stadt, indem sie, sollte auch in das künstliche Werk Bresche geöffnet sein, den Sturm fast unmöglich machen oder doch, wo etwa einzelne Einschnitte oder Schluchten, die sehr selten sind, weniger steil auf die Höhe der Felsen führen, den Stürmenden zwingen, unter dem wirksamsten Feuer der Belagerten auf weiten Umwegen emporklimmend der Bresche zu nahen. Eben diese Felsbildung macht die Anwendung der Minen dem Belagerer unzulässig, während wiederum die Lage der Stadt auf hohem isolirten Berge gegen sehr wenige Punkte die Aufstellung von Bresche-Batterien erlaubt, da die umliegenden Höhenpunkte fast alle entweder zu weit entfernt sind oder, bedeutend niedriger, die Wirkung der Geschütze unendlich schwächen, wo nicht ganz vereiteln. Einige dieser Höhen sind selbst dem Fußgänger nur mit Gefahr zugänglich, für Artillerie also impracticabel.
Der Belagerer hat also, um Bresche zu legen, doppelte Schwierigkeit zu überwinden: die Mauer muß von der Stelle, auf der die Batterie errichtet werden kann, wirksam zu erreichen sein, und das zwischenliegende Terrain muß nach geöffneter Bresche den Sturm gestatten.
Solcher Punkte aber findet sich in der That nur einer: nahe dem Thore San Miguel im Norden der Stadt, wo, etwa fünfhundert Schritt von ihr entfernt, die Höhe la Querola sich erhebt, während der Zugang zu der Mauer möglich bleibt; doch ist der Sturm auch hier mit großen Gefahren verbunden, da auf Pistolenschußweite ein Felsabsatz erklimmt oder die gewöhnliche unter dem Feuer der Festung in starken Windungen zum Thore hinaufführende Straße erstiegen werden muß. Dort finden sich denn auch dicht neben einander die Spuren mehrerer Breschen. Denn Morella war stets von politischer und militairischer Bedeutsamkeit; durch seine Lage auf den Grenzen von Valencia, Catalonien und Aragon, deren Communicationen es beherrscht, und seines Castells mehr noch als der Stadt wegen für wichtige Festung gehalten, hatte es seit den frühesten Zeiten während der Kriege der kleinen christlichen Könige unter sich und gegen die Araber, wie im Successions-Kriege und in dem Kampfe des spanischen Volkes gegen Napoleons Massen manche Belagerung ertragen und oft seinen Herrn wechseln müssen.
Nur zwei alte Breschen finden sich an andern Stellen der Mauer. Die eine, nicht zweihundert Schritt vom Fuße des Castells entfernt, ward durch den General Starhemberg geöffnet — noch jetzt von den Spaniern als el gran capitan bezeichnet —; sie bot zwar die größte Bequemlichkeit zum Sturm dar, da das Terrain zwischen ihr und der Batterie ganz eben, aber diese Batterie war kaum hundert Schritt von der Festung entfernt, und dicht hinter ihr fällt der Fels wenigstens sechszig Fuß furchtbar schroff hinunter, so daß nur ein Fußsteig in vielen Windungen hinaufführt. Und ein schwindelfreier Kopf ist nöthig, um diesen Fußsteig zu benutzen! Es müssen daher ganz besondere Verhältnisse obgewaltet haben — etwa gänzliche Entblößung der Veste von Artillerie — damit Starhemberg dort am Fuße des Castells die Batterie etabliren und die Geschütze entweder jenen Felsen hinaufschaffen, oder längs der Mauer auf dem gewöhnlichen Fahrwege in die Batterie sie führen konnte. Übrigens war dem wackern Deutschen solche Kühnheit dennoch fruchtlos; als die Bresche bei der Annäherung einer Entsatzarmee erstürmt war, fand er eine unmittelbar dahinter liegende Kirche in einen Abschnitt verwandelt, den er à vive force nicht nehmen konnte, so daß er die Belagerung aufheben mußte.
Die zweite Bresche war gerade auf der entgegengesetzten Seite der Festung nach Osten hin geöffnet. Eine zu beiden Seiten von wilden Felsmassen hoch umgränzte Schlucht, die dem Beschauer durch Kunst in den Granit gebildet zu sein scheint, führt sanft steigend bis unmittelbar zum Fuße der Mauer, und da der senkrechte Felsen, auf dem diese gegründet ist, nur drei Fuß hoch über jenen Einschnitt sich erhebt, würde hier im Vergleich mit den andern Seiten der Festung, der Sturm sehr leicht sein. Die Batterie dagegen konnte nur auf den etwa 700 Schritt entfernten Rocas de Beneito angelegt sein, die, selbst von den Bergbewohnern für unzugänglich gehalten, der Placirung des schweren Geschützes gewaltige Hindernisse entgegensetzen, deren Überwindung mit Bewunderung für die Männer uns erfüllt, welche solches vollbracht haben. Auch diese Bresche soll aus den ersten Jahren des Erbfolgekrieges herstammen; ich konnte nicht erfahren, von wem.
Die Franzosen fanden die Veste unbesetzt. Als Marschall Suchet in der Mitte des Jahres 1813 hinter den Ebro, Valencia räumend, sich zurückzog, blieb eine Besatzung von 300 Mann in Morella und schloß sich beim Anrücken der Spanier in das Castell ein. Fortwährend von einigen Bataillonen blockirt und gelegentlich durch eine Mörserbatterie beworfen, hielt sie sich bis zum Anfange des folgenden Jahres, worauf sie capitulirte, selbst die Bedingungen vorschreibend. So wie sie aber die Stadt betraten, warfen sich die Einwohner auf sie und plünderten sie aus; dann wurden sie gefangen fortgeschleppt, anstatt den Bedingungen gemäß nach Frankreich geführt zu werden. —
Doch zurück zu 1838.
Auch Oráa wählte die Höhe der Querola zur Aufpflanzung seiner Batterien, weshalb er der Hermite von San Pedro Martyr auf einem weithin die Gegend beherrschenden Berggipfel sich zu bemächtigen eilte. Er nahm sie am 2. August trotz der kräftigen Gegenwehr der Armee Cabrera’s, die er unter großem Verluste in zweitägigem, unausgesetztem Kämpfen von Schlucht zu Schlucht, von Felsen zu Felsen bis dahin zurückdrängte. Kaum hatten die Christinos die Höhe inne, als Cabrera einen neuen, wilden Angriff an der Spitze einiger Escadrone machte. Aber wieder durch das Infanterie-Feuer geworfen und von weit überlegenen Reitermassen chargirt, entging der kühne General nur durch persönliche Bravour — er tödtete eigenhändig mehrere Cuirassiere —, durch die Ergebenheit seiner Truppen und durch sein Glück dem Tode oder der Gefangenschaft. Zwei Pferde wurden ihm unter dem Leibe erschossen; und Oráa rühmte sich in seinem Berichte, den weißen Mantel und die Voyna des gefürchteten Rebellen, beide von Lanzenstichen und Kugeln durchbohrt, erbeutet zu haben.
Cabrera sah sich endlich genöthigt, da die wiederholten Versuche an der Festigkeit des Feindes scheiterten, den Besitz der Höhe ihm zu überlassen, worauf Oráa den General San Miguel zur Eröffnung der Communication mit Alcañiz, wie zur Escortirung des Belagerungsgeschützes und der dringend nöthigen Lebensmittel entsendete.
Ich will nicht die einzelnen Bewegungen und Angriffe verfolgen, durch die Cabrera während der ganzen Dauer der Belagerung das feindliche Heer auf das äußerste erschöpfte, seine Arbeiten erschwerte und verzögerte, die Verbindung mit seinen Festungen ihm unterbrach und endlich durch Auffangung mehrerer Convoys den drückendsten Mangel im Lager der Christinos veranlaßte, welcher endlich eben so sehr wie der unerwartete, heroische Widerstand der Besatzung und die erlittenen schweren Verluste den feindlichen Führer zum Rückzuge vermochte. Es reicht hin zu sagen, daß Cabrera nie unthätig war, daß er Tag und Nacht den Feind harcelirte und in ermüdendem Allarm hielt, und daß er, während seine Truppen ruhten, nach der Festung eilte, dort anzuordnen, zu ermuntern und selbst für die rasche Ersetzung alles Mangelnden zu sorgen.
Denn Morella wurde während der Belagerung nie ganz eingeschlossen: Oráa war viel zu vorsichtig, als daß er einem Cabrera gegenüber und in solchem Terrain sein Heer in verschiedene Einschließungs-Corps hätte theilen sollen; er hielt seine Divisionen dem Punkte gegenüber vereinigt, den er angreifen wollte, und befestigte sich so viel nur möglich in den genommenen Stellungen. So blieb der Besatzung die Verbindung mit der Armee und mit dem acht Leguas entfernten Cantavieja stets offen, und selbst nachdem Oráa am 12. das Meson de Beltran, ein auf der Hauptstraße nach el Orcajo und Cantavieja liegendes Wirthshaus,[64] besetzt und befestigt hatte, auch dort gegen alle Angriffe sich hielt, konnte er nicht verhindern, daß täglich von letzterer Festung auf Gebirgspfaden das nöthige Pulver der Stadt und den Divisionen zugeführt wurde. Diese litten am Ende so großen Mangel daran, daß sie von jedem Tage das während der letzten vier und zwanzig Stunden fertig gewordene und in der Nacht ausgetheilte Pulver verbrauchten, um das Gefecht abzubrechen, so wie sie davon entblößt waren. Die Garnison aber, die anfangs sehr verschwenderisch mit der Munition umgegangen war, mußte ihren nur noch sehr kleinen Vorrath auf die äußersten Fälle aufsparen.
Wiewohl die nach Alcañiz führenden Wege auf jede Art unfahrbar gemacht waren, rückte doch der große Convoy am 7. August bis la Pobleta de Monroyo, drei Leguas von Morella, vor, da ganze Divisionen unausgesetzt an der Herstellung des Zerstörten arbeiteten. Am folgenden Tage griff Cabrera die Escorte Division San Miguel auf dem Marsche an und zwang sie, nach la Pobleta zurückzukehren, konnte aber den vereinten Anstrengungen derselben und der Colonne Borso’s, der ihr zur Hülfe entgegenzog, nicht widerstehen. Nachdem sie auch am 9. fortwährendes Scharmützel bestanden hatten, gelang es den beiden Colonnen, am 10. mit dem Belagerungsgeschütz und dem Convoy das Lager hinter San Pedro Martyr zu erreichen. Oráa trieb alsbald die Truppen der Garnison, welche bisher die nahen Höhen außerhalb der Mauern behaupteten, in die Festung und begann den Batterie-Bau auf der Abdachung der Querola; schon am 13. waren die Geschütze — acht Kanonen und drei Mörser — aufgefahren, und am 14. Morgens eröffneten sie ihr Feuer gegen die Mauern der Stadt.
Der General Graf Negri, welcher in den Gefechten gegen die anrückenden Divisionen sich besonders hervorthat, hatte das Commando der Festung und der Truppen in ihr übernommen, während Oberst O’Callaghan als Gouverneur unter ihm befehligte. Jener theilte die Stadt in Distrikte, welche alle an das Castell gelehnt und in der Eile möglichst befestigt, noch innerhalb der Stadt die hartnäckigste Vertheidigung gegen den Feind erlaubten, falls er die Bresche erstürmen sollte; er verwandelte die hinter der Angriffsfront liegenden Häuser in Forts und traf jede Vorsichtsmaßregel zur Verhütung von Feuer oder sonstigem Unglücke. Zugleich befahl er, die Thüren aller Häuser zu öffnen, da ein Bombardement erwartet werden mußte, was bei der Abwesenheit der entflohenen Einwohner zu mannigfachen Unordnungen führte, denen jedoch rasch gesteuert wurde. Der Geist der Garnison, der Elite des Heeres, war trefflich; ihr hatten sich etwa dreihundert voluntarios realistas aus den Bürgern von Morella angeschlossen, die während der ganzen Belagerung mit hoher Auszeichnung fochten. Die übrigen Einwohner waren fast sämmtlich ausgewandert, das Schlimmste befürchtend. Alles, was geblieben war, drängte sich in die Cathedrale, das einzige bombenfeste Gebäude der Stadt, zusammen, auf den Knieen von der hohen Schutzherrinn Rettung erflehend; eben diese Kirche mußte denn auch als Munitions-Magazin, Hospital und als Ruheplatz für die nicht zum Dienste berufene Mannschaft dienen.
Die feindliche Artillerie beschoß die Mauer nicht auf die sonst beim Bresche-Legen übliche Art: sie begann ihr Zerstörungswerk mit dem obern Theile derselben und flachte sie nach und nach ab, wobei ihre Schwäche und Hinfälligkeit die Wirkung der Geschosse so begünstigte, daß schon nach einstündigem Feuer eine bedeutende Öffnung gebildet war. Da brachte das Feuer des Castells die Kanonen der Belagerer zum Schweigen, und erst am folgenden Morgen konnten diese die Bresche vervollständigen, nachdem sie während der Nacht die Batterie ausgebessert und die demontirten Geschütze ersetzt hatten. Die Mörser und Haubitzen aber bewarfen die Stadt ununterbrochen und richteten in ihr, wie im Castell, große Verwüstungen an; auch verursachten einige in dem letzteren durch Unvorsichtigkeit auffliegende Munitionskasten empfindlichen Verlust, eine Anzahl Artilleristen mit drei Officieren tödtend und verwundend. In der Stadt wurden viele Häuser eingestürzt, und mehrfach brach Feuer aus, welches erst nach langer Anstrengung der Realisten und Freiwilligen gelöscht werden konnte.
In der Nacht vom 14. zum 15. August und am folgenden Tage ließ Graf Negri auf einem kleinen, freien Raum hinter der Bresche eine starke Brustwehr von Erde als Abschnitt errichten und mit friesischen Reitern besetzen; auf die nun ganz offene und über vierzig Schritt breite Bresche und unmittelbar hinter ihr wurden ungeheure Massen trockenen Holzes und zur Entzündung präparirter Stoffe aufgehäuft. Diese Arbeit kostete vielen Sappeurs das Leben, da sie unter dem fortwährend lebhaften Feuer der Christinos bewerkstelligt werden mußte.
Mit Vertrauen sahen die braven Krieger dem Sturm entgegen, den sie mit Gewißheit für die kommende Nacht erwarteten.
[62] Es ist sehr natürlich, daß in höheren Chargen Männer sich fanden, die eben nur brav waren, da ja nebst Ausdauer die Bravour das hauptsächlichste Erforderniß des Guerillero in den ersten Kriegsjahren war. — Später zeigte sich der Scharfblick der Commandirenden in der Art, wie sie jeden Officier dahin zu postiren wußten, wo seine individuellen Gaben am meisten in Wirksamkeit traten.
[63] Die Bewegungen und Gefechte der beiden Heere und der einzelnen Divisionen sind vom General Baron von Rahden in seinem Werke über „Cabrera“ genau und im Detail gegeben.
[64] Alle Gebäude in diesem Theile Spaniens sind massiv.