XVIII.

Monat auf Monat schwand mir langsam in den düstern Casematten von Cadix hin. Der Winter, mild wie die lieblichsten Frühlingstage des Nordens, war vergangen, schon nahete der Sommer, herrliche Früchte, die des Südens Clima früh reift, im Übermaß ausstreuend; und die Hoffnung auf Befreiung blieb immer gleich ungewiß. Viel hatten wir gelitten. Was wilder, ungezügelter Haß, was leidenschaftlicher Partheigeist und Grausamkeit über die Opfer ihrer Wuth zu verhängen vermögen, das duldeten im schrecklichsten Grade die Gefangenen jener Periode. Im Anfange war unsere Behandlung erträglich gewesen, und wenn der Wächter Kargheit uns oft mit bitterm Mangel bedrohete, war uns doch gestattet, mit der Außenwelt in Verbindung zu stehen; Eltern und Verwandte boten auf, was in ihrer Macht stand, gaben willig ihr Letztes, um den Theuren Erleichterung zu schaffen, die, weil sie ihrem Könige treu, in hoffnungsloser Gefangenschaft schmachteten. Und wer, freundlos und bedürftig, Nichts besaß, litt doch nicht Noth, so lange Cameraden ihm helfen konnten. — Da ertheilten die Behörden Christina’s die Weisung, jede Communication uns abzuschneiden.

Furchtbar waren die Folgen des grausam berechneten Befehls. Es war zu der Zeit, in der die Repressalien, von den beiden in Aragon und Valencia sich bekämpfenden Heeren ausgeübt, die Menschheit mit Schauder erfüllten, in der viele Hunderte, Tausende von Unglücklichen in den Gefängnissen der beiden Armeen unter den Qualen, die der Grimm des Pöbels oder die Rache der Krieger über sie verhängten, ihr Leben aushauchten. Fern von dem Kriegsschauplatze, dem größten Theile nach nicht einmal jenen Heeren angehörend, blieben die Gefangenen zu Cadix doch nicht ganz frei von den Metzeleien, die in den großen Städten des Ostens an der Tagesordnung waren. Zwei Mal verkündete uns hohnlachend der Chef des Depots, daß zehn der Officiere[50] durch das Loos zum Erschießen bestimmt würden, um irgend einen in der Mancha oder in Aragon verübten Exceß zu rächen; zwei Mal zog ich aus der verhängnißvollen Voyna das Stückchen Papier, welches Tod oder Leben entschied. Und dann sahen wir die Gefährten unsern Armen entrissen, fortgeschleppt zum schrecklichen, unvermeidlichen Tode; athemlos, unbeweglich standen wir, horchend, zusammenzuckend bei jedem Laut und doch noch hoffend — da ertönte der dumpfe Wirbel der Trommeln — eisiger Schauder durchbebte uns, eine Secunde noch.... ha!.. sie sind nicht mehr! Und von der Blut bedeckten Stätte erschallte rauschend die Janitscharen-Musik der Christinos und des Pöbels donnerndes viva!

Da füllte sich wohl manchem Krieger das Auge mit Thränen, und Mancher knirschend gelobte Rache, gelobte ewigen Haß.

Aber Schrecklicheres noch als den Tod wußte der Liberalen Wuth zu ersinnen, um die Vortheile zu rächen, welche Cabrera’s schwache Schaaren, gehoben durch das Gefühl des Rechtes, über die Satelliten der Revolution davon trugen. Der Tod — wenn ein Übel — war ja nur ein Augenblick; er befreite seine Opfer von den Qualen, die ihre Peiniger über sie verhängen ließen. Wie Viele erflehten den Tod! Wie Viele litten ihn hundertfach in der stets erneuten Pein! Unsere Wächter, „uns fühlen zu lassen, was es heißt, Gefangener in den Händen der Christinos zu sein“,[51] nahmen zum Hunger ihre Zuflucht. Die Nahrungsmittel, welche uns gegeben wurden, waren kaum hinreichend, um nothdürftig das Leben zu fristen, und von Tage zu Tage wurden sie mehr geschmälert: zuletzt waren wir auf ein Bischen Reis und Öl beschränkt, und oft, sehr oft fehlte auch dieses. Das Brod, auf Ekel erregende Art mit fremdartigen, schmutzigen Stoffen durchbacken, ward auf ein Viertel der gewöhnlichen Ration herabgesetzt. Finster brütend durchschlichen die abgemagerten Gestalten den Hof, gegen Alles stumpf und unempfindlich geworden, da das Gefühl des nagenden Hungers jeden andern Gedanken niederdrückte. Längst hatten die tausendfachen Spiele und Tänze aufgehört, mit denen die Armen während der ersten Zeit der Einkerkerung ihre Lage augenblicklich vergessen machten; die kraftlosen Arme vermochten nicht mehr den Ball zu schleudern; selbst das dem Spanier, wo er sein Stiergefecht nicht haben kann, so ansprechende Schauspiel der zum blutigen Kampfe gehetzten Hunde, welches sonst einen weiten Kreis von Zuschauern versammelte, die mit donnerndem Beifallrufe ihr Interesse kund gaben, hatte nun seine Anziehungskraft für sie verloren. Täglich führte die Entkräftung Einige der Unglücklichen zum Hospitale, welches sie häufig nur gegen die Ruhestätte des heiligen Feldes[52] vertauschen sollten.

War aber die Lage der Officiere traurig, so ward die der Gefangenen in der Isla de Leon auf den höchsten Punkt des Entsetzlichen gebracht. Dort schmachteten etwa viertausend Mann, von denen einige Hunderte schon seit drei Jahren und länger die Schrecken der Gefangenschaft trugen, aus Navarra’s Feldern hierher geschleppt, während die Andern zu Gomez und des Grafen Negri Corps, Einige zur Division Don Basilio’s gehörten. Was immer durch Furcht oder Hoffnung den Menschen zu beugen vermag, war gegen diese Braven angewendet worden; doch umsonst vereinigten sich Drohungen und Verheißungen, Strafen und Schmeichelworte, um zum Abfall von ihrem Könige sie zu bewegen. Da sollten auch sie durch Hunger gebändigt werden. Unfähig, sich aufrecht zu halten, schwankten bald die Freiwilligen, zu vier oder fünf vereinigt und gegenseitig sich stützend, durch die langen Gänge der Riesen-Caserne. Jede Kleidung blieb ihnen versagt, so daß die Mehrzahl nur noch mit elenden Lumpen ihre Blöße bedeckten; das Ungeziefer zehrte sie auf. So starben über sechshundert Menschen hin, beneidet von den Gefährten, aus deren entfleischten, farblosen Antlitzen gleicher Tod starrte. Verzweifelnd entschloß sich endlich eine große Zahl, fast tausend Mann, die Waffen für Isabella zu nehmen, und der größte Theil ward nach den Colonien eingeschifft. Diejenigen, welche zu der Reserve-Armee, die damals unter Narvaez die Mancha reinigte — besser: im Blut ertränkte — bestimmt waren, fanden rasch den Weg zu den Ihrigen.

Erst im Frühlinge 1839 hörte so ruchlose Behandlung auf, die auf immer ein Schandfleck für Christina’s Anhänger bleibt. Alle Vorstellungen, welche von den Gefangenen durch die feindlichen Behörden an Maroto gerichtet worden, hatten gar keinen Erfolg gehabt. Der General hatte weder Muße noch Lust, für die Rettung von Männern ein Wort zu verlieren, deren Treue ihm freilich nur hinderlich sein konnte. Aber das Klagegeschrei der Schlachtopfer war zu Cabrera’s Ohren gedrungen, dieses Cabrera, den die Zeitungsschreiber von Madrid und ihnen blind folgend die Presse fast aller europäischen Völker als den Tiger bezeichneten, der, im Blute seiner Opfer schwelgend, nach mehr Blut lechzte; von dessen Grausamkeiten sie tausend und tausend abgeschmackte Mährchen erzählten, während die schändenden Thaten, welche ihn zwangen, trauernden Herzens das Racheschwerdt zu erheben, in das Meer der Vergessenheit gesenkt wurden.

Wohl wußten die Christinos, daß Cabrera nie umsonst sprach. Kaum ertönten die drohenden Worte des Feldherrn, furchtbare Vergeltung ankündigend für die Leiden seiner Kampfgenossen, als heilsame Furcht eine Änderung des bisherigen Systemes hervorbrachte. Wenn auch mit Widerstreben nahmen sie einen Theil der harten Maßregeln zurück, die ihr Haß, so lange er ungezügelt war, erfinderisch gehäuft hatte; und die Gefangenen, welche so vielen Jammer zu ertragen vermocht, segneten den Retter, segneten die Furcht, die ja allein den Niedrigdenkenden in Schranken zu halten vermag.

O, wie sehnsüchtig blickten wir da auf jene Armee, deren Siege und Fortschritte und täglich sich mehrende Macht uns noch erlaubten zu hoffen, noch Aussicht auf einstige Befreiung uns ließen! Wie verfolgte ich begierig jede ihrer Operationen, wie jubelten wir entzückt, so oft die Nachricht eines errungenen Vortheils zu uns dringen durfte! Herrliche, unschätzbare Hoffnung! Und meine Hoffnung ward nicht getäuscht: schon nahete der ersehnte, der beseligende Tag der Freiheit; schon vergaß ich Alles, was ich geduldet, was ich noch litt, um ganz in dem Bilde der nahen, glücklicheren Zukunft zu schwelgen.


Während in den Nordprovinzen die Waffen ruhten, schritt das Werk der Intrigue, täglich klarer hervortretend, mit Riesenschritten dem Ziele zu. Maroto hatte Armee und Volk sich gewonnen, er ward zugleich gefürchtet und angebetet; seine Creaturen und seine Gönner, zum Theil den Umfang des Planes, an dem sie arbeiteten, gar nicht kennend, umgaben den betrogenen Monarchen, der — wie zu oft der Edele — solche Niedrigkeit nicht für möglich hielt und die Warnungen, welche einzelne Getreue selten wagen durften, unwillig von sich wies. Doch noch konnte Maroto nicht offen die Ausführung des Complottes betreiben; noch befanden sich in den ersten Stellen der Armee und der Verwaltung Männer, welche er haßte, weil der Verräther stets den Loyalen haßt, welche er fürchtete, weil er wohl wußte, daß sie ihn durchschauten und überwachten, und weil sie die Macht besaßen, kräftig ihm entgegen zu arbeiten. Maroto zauderte nicht. Der Untergang jener Männer war beschlossen, gleichgültig, durch welche Mittel; ihre Stellen sollten seine Helfershelfer besetzen oder doch solche, die geblendet bereit waren, das Werk zu befördern, dessen Folgen sie nicht ahneten, und das sie, da es vollbracht in seiner ganzen Schwärze ihnen klar wurde, verfluchten wie den Elenden, der unbewußt zu Verräthern sie gestempelt hatte.

Espartero durfte nicht länger unthätig bleiben. Die öffentliche Meinung sprach sich heftig gegen die lange Waffenruhe aus, die Journale, welche so gern zu Organen derselben sich aufwerfen, wo es ihren Partheizwecken frommt, verdächtigten den Obergeneral, und das Volk, beunruhigt durch die wiederholt auf den andern Kriegsschauplätzen erlittenen Niederlagen, war nicht ungeneigt, jenen Zuflüsterungen Gehör zu geben. Außerdem wünschte Espartero, die Existenz des Ministeriums, die Herrschaft der gerade das Ruder führenden Fraction zu verlängern, und dazu mußte irgend ein Erfolg über das carlistische Heer unumgänglich davon getragen werden. Maroto im Gegentheil stand schon unerschütterlich da und fürchtete nicht mehr in einer Niederlage den Verlust des Commando’s und damit das Scheitern seiner Anschläge; er wollte vielmehr das Vertrauen der Basken auf die eigene Kraft erschüttern, dadurch zum Nachgeben sie geneigter zu machen.

So ward denn beschlossen, daß die Christinos die Forts, welche während des Winters an der Westgränze von Vizcaya bis in die Gebirge von Santander hinein errichtet waren und ganz Vizcaya deckten, nehmen und den größern Theil dieser Provinz erobern sollten. Den Schein zu retten, vereinigte Espartero mehr als 30000 Mann mit vieler Belagerungs-Artillerie nebst ansehnlichen Vorräthen an allem für Schlacht und Belagerung Nöthigen, während Maroto kräftige Vertheidigungsmaßregeln anordnete. Aber nun drängte die Zeit; ehe Maroto die Niederlage sich beibringen ließ, mußte er die ihm feindlich gesinnten Männer entfernen und selbst den Schein des Widerstandes gegen ihn unmöglich machen: der lange meditirte Schlag wurde ausgeführt.

Am 16. Februar 1839, da Jedermann fern in Vizcaya ihn glaubte, erschien Maroto plötzlich in Estella, von geringer Escorte begleitet; einige Bataillone, die er mitgebracht hatte, waren in nahe liegenden Dörfern zurück geblieben. Mehrere der angesehensten Ultra-Royalisten befanden sich in jener Stadt und ihrer Umgebung: der Generallieutenant Don Francisco Garcia, commandirender General im Königreiche Navarra ward gewarnt und suchte als Geistlicher verkleidet zu entkommen; er wurde entdeckt und festgenommen. General Guergué, vor kurzem en Chef die Armee commandirend, nun mit der Bestellung seines Landgütchens beschäftigt, Generallieutenant Don Pablo Sanz, Generalmajor Carmona und der General-Intendant des Heeres Uriz wurden sofort gefangen gesetzt und in Estella mit General Garcia vereinigt. Dumpfer Schrecken herrschte: „Was verbrachen diese Männer, so lange bewährt, welches Loos erwartet sie?“ Flüsternd theilte Jeder seine Besorgniß, seine Zweifel mit; denn Niemand wagte laut zu sprechen. Da ertönten am 18. Morgens einige Schüsse; Maroto hatte ohne Kriegsrecht, ohne Befehl seines Monarchen die fünf Generale füsilirt.

Ich gedenke des wilden Tumultes, der bei der Schreckenskunde unsere Casematten durchtobte. Anfangs zweifelten wir, hielten die unglaubliche Nachricht für eine jener Erfindungen, wie christinosche Zeitungsschreiber so oft sie geschmiedet; doch als nun das Schreckliche sich bestätigte, schien jeden Einzelnen ein betäubender Schlag getroffen zu haben. Wohl wollten Manche aufstellen, daß die Generale gerecht den Tod erlitten, daß Verrath gegen ihren König solche Strafe auf ihr schuldiges Haupt gezogen habe: das Vertrauen auf Maroto stand ja so fest, auf ihn gründeten sich alle Hoffnungen, sein Character, seine Talente galten noch Allen als Pfand des sichern, schnellen Sieges! Wer aber die gefallenen Opfer kannte, erhob sich unwillig gegen die entehrende Anschuldigung. War es möglich, daß ein Garcia, der so edel, so entschlossen treu, mitschuldig sei am Verrathe, daß er die Hand geboten zum Bunde gegen den Fürsten, in dessen Vertheidigung er so oft freudig sein Blut vergossen, mit solchem Feuereifer gekämpft und gesiegt hatte? Und welche Fehler man Einigen der andern Hingemordeten, so weit Talent und Fähigkeit betraf, auch beimessen möchte, ihr Character, ihre Redlichkeit und Ergebenheit glänzten makellos, keinen Angriff scheuend. — Und dennoch! auf der andern Seite stand Maroto, standen so viele edlere Namen, hoch geachtet als Stützen unserer Parthei! — Ungewiß schwankten wir hin und her unter Zweifel und Furcht und trüben Ahnungen. Unter den Gefangenen, welche das gemeinschaftliche Unglück unauflösbar zu verknüpfen schien, erhob sich Zwiespalt; dort selbst unter den Leiden, die schonungslose Grausamkeit auf uns häufte, schuf Partheigeist bittern Groll und entfremdete die sonst eng Verbundenen. War es zu bewundern, daß der Schauplatz jener Schreckensscenen das Bild der unsäglichsten Verwirrung bot?

Die Aufregung in den Provinzen war unter allen Classen gewaltig; ein Jeder fühlte sich selbst von furchtbarem Unglücke getroffen und erwartete fürchtend, daß die nächste Zukunft neuen, entsetzlichen Schlag bringe. Wen nicht die Pflicht aus dem Hause trieb, der vermied sorgfältig die Straße zu betreten, man athmete beklommen wie vor schwerem Gewitter. Drückendes Mißtrauen entfernte die Geister von einander; Niemand wagte zu sprechen, kaum mit Andern sich zu vereinigen: man wußte ja nicht, ob man den Freund sah oder einen versteckten Feind, der zum Verderben des Unvorsichtigen das nicht genau abgemessene Wort benutzen werde. Denn stündlich fanden neue Arrestationen Statt, und mehrere Officiere wurden erschossen.

Da erschien eine Proclamation Carls V., welche Maroto’s Verfahren als illegalen Mord, ihn selbst als Verräther bezeichnete; er ward für abgesetzt erklärt und der öffentlichen Rache Preis gegeben. Die Guten jubelten. Noch ein Mal hatten die wahren Carlisten gesiegt und den Einfluß zurückgedrängt, welchen die Marotisten bisher auf den König geübt; mehrere Anführer — so Valmaseda und Don Basilio Garcia — rafften eilig Truppen zusammen und marschirten auf Estella, das königliche Edict in Ausführung zu bringen. Maroto nahm mit den acht Bataillonen, die er ganz sich ergeben wußte, solche Stellungen, daß er im Nothfall auf seine neuen Verbündeten, die Feinde seines Königs, sich stützen oder zu ihnen entfliehen konnte. Schon hieß es allgemein, er sei zu den Christinos übergegangen.

Nicht lange dauerte der Triumph der Carlisten. Zu gut hatten die Verschworenen ihre Maßregeln genommen; unterstützt von Manchen, die auch da noch nicht von dem Wahne enttäuscht waren, daß Maroto der Retter, emporgehalten vor Allem durch den Einfluß der verblendeten Königinn, konnten sie die Männer verdrängen, welche durch ihren Rath die Ächtung des Mörders bewirkt hatten. Es gelang ihnen, den unglücklichen Monarchen in ihre Netze zurückzuführen und ihn selbst die Schuld seiner hingeschlachteten Treuen glauben zu machen. In einer neuen Proclamation erklärte Carl V., daß er von der Unschuld und dem Verdienste seines Generales überzeugt sei, und daß die Erschossenen als Verräther gerechte Strafe gelitten hätten; er nahm demnach das frühere Edikt zurück und bestätigte Maroto in allen seinen Stellen und Ehren. So stand dieser, der ein Vertheidigungsschreiben an den König erlassen hatte, welches allein des Hochverrathes ihn schuldig machte, triumphirend mächtiger da als je. Die Edlen, welche ihre nie wankende Ergebenheit mit dem Tode der Verbrecher gebüßt, blieben ungerächt. Schon war der Sturz der Sache entschieden, die so viel Heroismus und so viel Blut gehoben hatten.

Alle irgend Verdächtigen, Alle, die gegen Maroto sich erklärt hatten, mußten nach Frankreich auswandern, unter ihnen Uranga, Don Basilio Garcia, der Minister Arias Tejeiro und viele andere Generale, Obersten und hohe Civil-Beamten. Valmaseda, zum Tode verurtheilt, entfloh mit den beiden von ihm gebildeten Husaren-Escadronen und brach sich Bahn zu dem Heere von Aragon, verzweiflungsvoll die schwarze Fahne aufsteckend, das Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod. Noch blieben in den Nordprovinzen und selbst in der Umgebung des Königs viele hochgestellte Personen, wahre Carlisten, Viele, die später in der schrecklichen Katastrophe herrlich sich bewährten. Aber Maroto vermochte jetzt Alles, seine Genossen überwachten den König, seine Mitverschworenen hielten die wichtigsten Stellen inne, Täuschung und Furcht machten jeden Widerspruch schweigen; nur der Name des Königs fehlte dem übermüthigen General, um König zu sein.

Der erste Act des Trauerspieles war vollendet.


Längst hatten Gerüchte über bevorstehende Auswechselung unruhige Spannung in dem Depot rege gemacht; ein Jeder hoffte und fürchtete und berechnete die Chancen, die ihm auf Befreiung wurden. Da ward eines Morgens dem Chef des Depots eine Liste der Gefangenen übergeben, welche zur Einschiffung nach Valencia bestimmt waren; Hunderte stürmten, drängten um das verhängnißvolle Papier: o Glück, unaussprechliche Wonne, mein Name leuchtete aus der Reihe der Glücklichen mir entgegen!

Cabrera, jetzt zum Grafen von Morella erhoben, hatte alle Gefangenen, welche dem Feinde in Valencia und Aragon nach den Metzeleien des Winters überblieben, ausgewechselt und reclamirte nun neunzig Officiere aller Grade aus dem Depot von Cadix, da das Kriegsglück ihm täglich neue Gefangene in die Hände spielte. Von mehreren Classen befand sich nicht die hinreichende Zahl von Individuen aus der Armee Cabrera’s unter uns, weßhalb die Fehlenden aus den Officieren der Nordarmee ergänzt werden mußten; so sollte auch die Classe der Premier-Lieutenants, unter die ich, wiewohl seit einem Jahre zum Capitain avancirt, bis zur Auswechselung mich zählte, da ich als solcher gefangen genommen wurde, um sieben Individuen vermehrt werden. Nicht lange vorher hatte mich ein wackerer Mann, der Consul von Großbritannien und Hannover, durch Zufall kennen gelernt und sofort auf das gütigste meiner sich angenommen, indem er nicht nur die seit Monaten abgerissene Verbindung mit den Meinigen mir wieder eröffnete, sondern auch in jeder Hinsicht thätig für mich wirkte, manche Erleichterung durch seinen mächtigen Einfluß mir schuf und, unschätzbarste Wohlthat in solcher Lage, stets mit ausgesuchten Büchern mich versah. Leicht hatte Mr. Brackenbury bewirkt, daß ich zur Ergänzung meiner Classe bestimmt wurde. Welche christinosche Behörde hätte gewagt, das irgend Mögliche dem Wunsche eines solchen Mannes zu versagen? Wo Protektion und Gold Alles erlangen, mußte der Wille des britischen Consul als höchstes Gesetz gelten.

Unendlich war meine Freude, meine Dankbarkeit, da das Ende des Leidens nahe schien. Ha, wie ich erbebte in grimmiger Lust, wie das Blut mir siedete und jede Muskel krampfhaft sich spannte bei dem Gedanken, daß ich bald diesen Christinos gegenüber stehen sollte! Wie ich lechzte nach dem beseligenden Augenblick der Rache, blutiger Rache für tausendfache Gräuel! — Aber doch durchzuckte mich ein schmerzliches Gefühl, das Glück trübend, welches so freundlich mir lächelte. So viele mußte ich ja verlassen, die ich innig liebgewonnen hatte, mußte sie in solcher Lage lassen, deren Schrecken ich ganz gekannt; meinen Martinez, kaum den Knabenjahren entwachsen, gemüthvoll, kindlich rein und offen und mit kindlicher Liebe mich umfassend. Wie oft ruhete er an meiner Brust und erzählte von den Eltern und Geschwistern, von dem schönen, friedlichen Leben im väterlichen Hause, von der reizenden Heimath in dem fruchtbaren Ebro-Thale und von den lieblichen Scenen des Glückes, wie sie aus den Jahren der Kindheit, seligen Träumen gleich, in das ernste Leben herüberklingen. Und dann schilderte er, die Gluth des großen, dunkeln Auges von Thränen umschleiert, den Schmerz der trauernden Mutter, als sie den Knaben, der mit den Bataillonen der Expedition zur Vertheidigung seines Königs auszog, scheidend an das Herz drückte; und die Leiden, welche den Zarten, Unerfahrenen trafen, mit dem Elend und alle dem Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft, die so rauh ihn verletzen mußten. Ich fühlte mit ihm, und liebevoll lächelte er durch seine Thränen mir zu, bald wieder heiter und kindlich froh. Das Ende des Krieges führte den Knaben, zu weich für seine Schrecknisse, in die Arme der Seinen zurück.

Auch von ihm sollte ich mich trennen, dem theuern Gefährten, für den verwandte Gesinnungen, gemeinschaftlich getragenes Leid als Freund mich empfinden machten; auch er war verdammt, in den Banden der Wütheriche zurückzubleiben, deren Wuth wir zu bitter erprobt hatten. Einer der ersten Familien der Schweiz angehörend hatte Guiguer de Prangins bis zur Juli-Revolution als Officier in Carls X. Schweizer-Garde, nach ihr in königlich sardinischem Dienste gestanden, aus dem er, getrieben vom Durste nach kriegerischer Thätigkeit, nach Catalonien eilte, den Vertheidigern der Legitimität sich anzuschließen. Das Glück wollte ihm nicht wohl. Bald nach seiner Ankunft in den Nordprovinzen, wohin Ekel an dem Treiben der Catalonier ihn führte, zog er mit dem Expeditions-Corps des Grafen Negri nach Castilien und befand sich unter den Tausenden, welche nach namenlosen Drangsalen der Elemente Wuth wehrlos den Feinden überlieferte.

Sein edles Äußere, das Modell männlicher Schönheit, zog unwillkührlich die Aufmerksamkeit auf sich — ich hörte die Spanier, denen solche kraftvoll hohe Gestalt, so majestätisches, Ehrfurcht erweckendes Antlitz wunderbar imponirten, mehrfach den römischen Kriegsknechten ihn vergleichen, wie wir in den Gemälden alter Meister bei den Wundern und Leiden des Herrn sie dargestellt sehen —; die erhabenen Eigenschaften des Geistes und des Herzens mußten den Eindruck, den sein Anblick hervorgebracht hatte, zu warmer Verehrung steigern, während sie den, der nicht sie zu würdigen wußte, in ehrerbietiger Ferne hielten. Fremde unter Spaniern finden sich schnell. Auch wir hatten uns an einander geschlossen, hatten Ideen und Betrachtungen, Schmerz und Hoffnungen ausgetauscht und getheilt, hatten viele lange Tage durch trauliches Gespräch über Vergangenes und Fernes verkürzt. Viel lernte ich aus meines Freundes Erfahrungen; ich bewunderte die Schärfe seines Verstandes, sein Urtheil war das des Mannes, der mit feinstem Gefühle für das Rechte ein scharfes Studium der Menschen, Vertrautheit mit den verschiedenartigsten Verhältnissen und hohe Bildung verbindet.

Ergötzlich war es in der That, wenn er in seiner Haushaltswoche das sehr frugale Mal für uns beide zubereitete, vor dem kleinen zwischen unsern Betten aufgestellten Heerdchen Episoden aus seinem Leben ihn schildern oder geistreich über Fragen aus dem Bereiche jedes Wissens disputiren zu hören, während er eifrig den aufquellenden Reis überwachte und mit dem kleinen Strohfächer die sparsam zugetheilten Kohlen wedelnd anfachte.

Umsonst hatte Mr. Brackenbury sich bemühet, auch die Auswechselung Prangin’s zu bewirken. Er gehörte einer Classe an, in der von Cabrera’s Armee mehr Individuen im Depot sich befanden, als nach Valencia gesandt wurden; so war es unmöglich, ihn in die Liste einzuschieben, da alle Welt wohl wußte, daß jener General nie einen andern Officier auswechseln würde, so lange ein einziger der seinigen in der Gefangenschaft schmachtete. Mit innigem Schmerze schied ich von dem Freunde. — Als wenige Monate später der Übertritt Carls V. nach Frankreich die Hoffnung auf glücklichen Ausgang des Krieges nach der Katastrophe von Bergara vernichtete, und da sie die Aussicht auf Befreiung ganz schwinden machte, erlangte Prangins durch den Consul den Paß nach der Heimath und trat in die Dienste des Königs von Sardinien zurück.


Espartero hatte mit möglichster Energie die Zurüstungen für die beschlossenen Operationen betrieben, ohne jedoch den Augenblick der Verwirrung, die jener Gewaltstreich von Estella hervorbrachte, irgend zu benutzen; erst im April, da der Frühling milderes Wetter brachte, begann er die Bewegungen gegen die Forts, welche das erste Ziel seines Angriffes sein sollten. Maroto stellte sich den 35000 Mann der Christinos mit vierzehn Bataillonen, kaum 9000 Mann, entgegen. Übrigens war Alles unter den beiden Generalen auf das beste geordnet.

Früher sagte ich, wie Maroto während des Winters durch die Anlegung mehrerer befestigter Punkte seine Herrschaft nach Alt-Castilien hinein ausgedehnt und zugleich Vizcaya gegen Angriffe von Westen her gedeckt hatte; die hauptsächlichste dieser Befestigungen war die des Fleckens Ramales in der Provinz Santander, über dem ein sehr starkes, regelmäßiges Castell errichtet war. In dem Orte war eine Kanonengießerei, die bei der Annäherung der Christinos zurückgezogen wurde. Aller jener festen Punkte sollte also Espartero sich bemächtigen, um dann nach Vizcaya vordringen zu können; Maroto zog sich vor den anrückenden Feinden langsam auf Ramales zurück. Schon nicht fern von diesem Punkte ward der Marsch der Christinos plötzlich aufgehalten: eine Höhle, in der Mitte einer senkrechten Felswand und nur mit Leitern zu ersteigen, war von dreißig Mann und einem Vierpfünder besetzt, welcher vollkommen die einzige durch die Schlucht sich windende Straße beherrschte. Drei schwere Geschütze wurden sofort gegen die Höhle aufgepflanzt und zwangen am folgenden Tage die Besatzung, sich zu ergeben, so daß der Zug fortgesetzt werden konnte. Mehrere kleine Forts, um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, ergaben sich sofort, andere wurden geräumt; nur in Ramales, als dem wichtigsten Punkte, sollte der Schein eines kräftigen Widerstandes gerettet werden, weshalb Maroto eine ausgesuchte Garnison unter sehr entschlossenem Gouverneur in das Fort legte. Nachdem er am 30. April die herrlichsten Stellungen, wie jene Gebirge nur sie bieten konnten und wie sie stets den Heeren der Christinos ganz unzugänglich gewesen, nach kurzem Scharmützel mit den feindlichen Massen verlassen und so die Zugänge zum Fort ihnen frei gegeben hatte, stellte er mit seinen vierzehn Bataillonen rückwärts nahe demselben sich auf.

Espartero drang sogleich vor und errichtete die Batterien, während er eilf Bataillone der Garde dem carlistischen Heere zur Beobachtung gegenüber placirte; Maroto that keinen Schuß auf sie, sich mit der Rolle des müssigen Zuschauers begnügend. Bald begannen die Batterien, auf sehr große Distance angelegt, ihr Feuer gegen die Wälle des Forts, ohne den geringsten Eindruck auf dasselbe zu machen, und setzten es mehrere Tage lang mit großer Lebhaftigkeit und vielem Lärmen fort. Dann, da die Kanonen keine Wirkung hervorgebracht hatten, sandte Espartero seine zwei Bataillone Guiden vorwärts, welche, kaum belästigt, bis zum Fuße des Glacis drangen, dort sich etablirten und hinter Parapeten ein sehr lebhaftes Gewehrfeuer gegen die Werke eröffneten. Es ist leicht zu erachten, welchen Effekt diese neue Belagerungsmethode haben mußte; viel Pulver wurde verknallt, und die Garnison des Forts lachte darüber. Doch das wurde wohl langweilig, und für das damit Beabsichtigte war genug gethan; so kam denn am dritten Tage dieses Feuerns — am 8. Mai — ein Expresser Maroto’s und brachte dem Gouverneur des Forts die Ordre, da keine Hülfe möglich, also Vertheidigung unnütz sei, unter möglichst guten Bedingungen zu capituliren, worauf die Garnison, gegen welche eben so viele feindliche Gefangene abgeliefert wurden, das Fort übergab und zu der carlistischen Armee zurückkehrte, die bereits auf dem Rückzuge begriffen war. Die Christinos fanden die Werke im besten Zustande und die Magazine mit allem Nöthigen überfüllt; Espartero sandte pompöse Berichte nach Madrid, in denen er die unbegränzte Todesverachtung der nie besiegten Vertheidiger der Constitution und der unschuldigen Königinn auf das glänzendste hervorhob und ehrend die Bravour der feindlichen Armee und die Festigkeit der Garnison anerkannte. Maroto erließ Proclamationen in gleichem Sinne und überhäufte die Vertheidiger des Forts mit Ehrenbezeugungen, die sie erröthend empfingen, seine Armee mit schmeichelhaftem Lobe und Belohnungen, während sie fortwährend ohne Schwerdtschlag sich zurückzog.[53]

Am 10. Mai ergab sich Guardamino, worauf die christinosche Armee in Vizcaya vordrang, ohne daß Maroto eine der unnehmbaren Positionen, an denen so oft die Feldherren der Usurpation gescheitert, zum Schlagen benutzt oder einen Versuch gemacht hätte, in den wilden Schluchten und Ketten, so gefürchtet vom Feinde, den Eroberungen desselben ein Ziel zu setzen. Im Gegentheil, Valmaseda, Arciniaga und die andern festen Punkte Vizcaya’s, mit so vielem Blute behauptet, unter so vielen Beschwerden befestigt, wurden ohne Widerstand verlassen; am 22. Mai besetzte Espartero Orduña, die Hauptstadt der Provinz, und eilte, zum Waffenplatze sie umzuschaffen. Selbst die berühmte Peña de Orduña, den Paß über den Hochrücken der Pyrenäen, den hundert Mann gegen ein Heer vertheidigen, fand er unbesetzt.

Schrecken, Entsetzen ergriff die Basken, ihr Vertrauen wich, da sie so Unerhörtes, nie für möglich Gehaltenes sahen; wo waren die Zeiten, in denen der große Zumalacarregui seine Landsleute zu Kampf und Sieg führte? Die Verschworenen aber streuten heimlich mannigfache Gerüchte aus über Transaction und bald zu hoffenden Frieden, dessen Herrlichkeiten sie listig dem geängsteten Volke in den schönsten Farben ausmalten.

Während Espartero in Vizcaya vorwärts marschirte, war Don Diego Leon in Navarra thätig gewesen. Die Carlisten hatten wenige Stunden von Pamplona entfernt eine Brücke über die Arga geschlagen und sie durch eine regelmäßige Verschanzung, das Fort von Velascoain, gedeckt; ihnen war dadurch der Übergang über jenen Fluß gesichert, und sie konnten nach Belieben das feindliche Navarra bis Ober-Aragon hin durchstreifen. General Leon zog mit vierzehn Bataillonen gegen dieses Fort, zu dessen Unterstützung zwei navarresische Bataillone, spät durch andere zwei verstärkt, dort waren.[54] Das Kanonenfeuer, am 29. und 30. April mit großer Lebhaftigkeit und Kraft unterhalten, brachte gar keine Wirkung auf die Besatzung hervor, weshalb General Leon, ein entschieden braver Mann, nachdem er die Jäger-Compagnien bis zum Fuße der Werke vorgeschoben, an der Spitze seiner Bataillone unter dem heftigsten Feuer der Garnison den Fluß passirte. Einige Bataillone drangen zum Sturm in geschlossenen Massen vorwärts, während die andern rechts und links vom Fort gegen die carlistischen Bataillone sich wandten. In Gefahr, abgeschnitten zu werden, und ganz ohne Hoffnung auf Entsatz verließ die Garnison die Verschanzungen, in denen der Feind fünf schwere Geschütze erbeutete.

Don Diego Leon ward von diesem Siege — er hatte wiederholt der Sache der Constitution sehr wichtige Dienste geleistet — zum Grafen von Velascoain ernannt; Espartero aber, weil er ohne Sieg der Armee Maroto’s in das Innere von Vizcaya gefolgt war, erhielt den Titel des Herzogs des Sieges — duque de la victoria —, den einst mit mehr Recht Carl V. dem getödteten Zumalacarregui verliehen hatte, das Andenken des unbesiegten Helden zu ehren.

Der zweite Act des großen Trauerspieles war vollendet!

[50] Es befanden sich zwischen dreihundert und vierhundert Officiere in Cadix, den Expeditionen Negri’s, Don Basilio Garcia’s und Merino’s, dem Heere Cabrera’s und den Partheigängern der Mancha angehörend. Letztere wurden später alle erschossen.

[51] Ihre Lieblings-Phrase: „ya les haremos à Ustedes sentir lo que es el ser prisionero nuestro.“

[52] Die Spanier bezeichnen den Kirchhof mit dem Namen des campo santo.

[53] Ich erfuhr die Einzelnheiten, wie ich sie gebe, übereinstimmend von christinoschen und carlistischen Officieren, welche als Augenzeugen in beiden Heeren gegenwärtig waren.

[54] Maroto zersplitterte, ganz der Kriegsart seiner Vorgänger zuwider, seine Streitkräfte stets absichtlich so, daß er nie den feindlichen Heeren mit verhältnißmäßiger Macht entgegentreten konnte. Damals befanden sich fast funfzig Bataillone in den Nordprovinzen.