XVII.

Don Rafael Maroto, in Andalusien geboren, diente im Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon und später in den Colonien gegen die Insurgenten, in welchem Kriege er bis zu dem Grade von Brigadier stieg. Auch er sog dort die niedrigen, selbstischen Ideen und Grundsätze ein, die in allen Generalen und Chefs, welche in jenen Kriegen gegen die aufgestandenen Amerikaner ihre Schule machten, mit seltenen Ausnahmen so auffallend sind und später in Unbeständigkeit, Bestechung und Verrath sich kund thaten. Bei seiner Rückkehr nach Europa hatte Maroto umsonst das Commando einer Brigade in der Garde zu erlangen gesucht; der Graf de España, damals Chef des Garde-Infanterie-Corps, wußte die mächtige Fürsprache, welche die schöne Frau des Brigadier ihm erlangt hatte, zu vereiteln, indem er dem Könige vorstellte, daß Maroto vorher selbst ein Kriegsrecht fordern müsse, um über sein Benehmen bei dem schimpflichen Ende jenes Feldzuges sich richten zu lassen. Bald nachher war er genöthigt, jene Frau, eine reizende, sehr reiche Amerikanerinn, nach ihrem Vaterlande zurückzusenden, da sich fand, daß er mit ihr sich verheirathet hatte, während seine erste Frau vergessen in Spanien lebte. — Maroto vereinigt mit niedrigen Gesinnungen hohe Talente; er ist fest, unbeugsam in seinem Willen, energisch in der Ausführung des Beschlossenen wie ohne Bedenken bei der Wahl der Mittel, dabei mit durchdringendem Verstande und herrischem Temperament begabt. Sein Äußeres und sein Benehmen üben auf die Umgebung, besonders auf die Frauen, so mächtig in Spanien, eine unwiderstehliche Gewalt: diese tief liegenden, dunkel glühenden Augen scheinen die Macht jener Schlange zu haben, deren Blick die zitternden Opfer fesselt und anzieht.

Dieser war der Mann, den Carl V. berief, um durch sein Talent die Unglücksfälle gut zu machen, welche unter Guergué’s Commando die Armee der Nordprovinzen getroffen hatten; und wahrlich, Viel hätte er thun, auf immer die Liebe des Volkes und den Dank des Monarchen sich erringen können, dessen Vertrauen so hoher Stellung ihn werth hielt. Maroto hatte während des Bürgerkrieges mannigfach sich ausgezeichnet, ohne doch durch glänzende Erfolge seine Fähigkeiten verkündet zu haben. Nicht ohne zweideutiges Benehmen nach dem Tode Ferdinand’s kämpfte er später in untergeordneter Stellung in den baskischen Provinzen und wurde — sein erstes selbstständiges Commando — im Jahre 1836 zum commandirenden General in Catalonien ernannt, hatte aber von dem ersten Augenblicke seines Auftretens daselbst mit so entschiedenem Unglück zu kämpfen, daß es ihm unmöglich ward, die wilden Horden — denn andere Namen verdienten sie nicht — der dortigen Carlisten zu bändigen und durch Vertrauen sich zu verbinden. Er wich den Umständen und zog sich nach Frankreich zurück, wo er, anscheinend ohne Einfluß, aber den Ereignissen und Intriguen des königlichen Hauptquartiers nicht fremd, bis zu dem Augenblicke lebte, in dem der Gang der Dinge die Machinationen der ihm Verbundenen zu begünstigen schien. Da eilte er, persönlich seine Pläne zu betreiben.

Der Hof und in ihren Führern die Armee waren schon lange durch die Spaltungen, Intriguen und innern Anfeindungen getheilt, die so viel zur Schwächung der Carlisten und zur Paralysirung ihrer Anstrengungen beitrugen. Zwei Hauptpartheien oder Fractionen standen sich gegenüber, die in wenigen Worten charakterisirt sind. Die erste, die von ihren Feinden aller Orte und aller Arten als ultraroyalistisch bezeichnete Parthei, d. h. Alle, welche den König als König verehrten, ihn vertheidigten, weil ihre Grundsätze es erheischten, weil seine Sache die gerechte war, Alle, welche bereit waren, für ihn den letzten Blutstropfen zu vergießen. Die andere Parthei nannte sich gemäßigt: sie widmete sich der Vertheidigung Carls V., um ihre persönlichen Zwecke und Interessen zu fördern, sie betrachtete und betrieb den Krieg als Mittel der Bereicherung, der Größe; sie strebte, möge nun Legitimität oder Usurpation den Sieg davontragen, für sich möglichst fette Bissen zu sichern. Ihr schlossen viele Wohlmeinende sich an, theils kurzsichtig und getäuscht, theils aus schwacher Verzagtheit. Wie empfehlungswerth und wohlthätig in den gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens die Mäßigung auch sein mag, sie wird nicht selten als schönes Deckwort der Schwäche, der Verderbtheit benutzt und muß denen als Schild dienen, die offen zum Kampf nicht vortreten mögen. Es giebt Umstände, in denen Mäßigung unvermeidliches Verderben bringen, „Alles oder Nichts“ der Wahlspruch sein muß, da, wer mit Etwas sich begnügen wollte, bald auch dieses Etwas sich entrungen sehen würde. In solchem Falle fanden sich die Carlisten.

An der Spitze der ersten Parthei standen Männer, die seit dem Beginn des Krieges in Treue und Heldenmuth sich hervorgethan; sie wollten ihren König ganz als solchen, daher keine Transactionen, keine Unterhandlungen, Sieg oder Tod! Freilich zählten sich ihnen auch solche zu, die, nur Fanatismus kennend und blind ihren Leidenschaften folgend, durch Gräuel die Sache schändeten, welche ihr entschlossener Muth hob; doch blieben diese stets in geringer Zahl und ohne Einfluß auf das Ganze. Die Gemäßigten verzagend am Erfolge, der so lange schon streitig, oder um das Errungene zu sichern und zu genießen, schlugen Aussöhnung vor und Nachgeben in einzelnen Punkten: die Armen, wie wenig kannten sie Spaniens Revolutions-Männer! Nebst dem Padre Cyrilo, Erzbischof von Cuba, leitete sie Maroto, nun an die Spitze des Heeres gestellt, und gewandt wußten sie die geistesstarke Princessin von Beira, mit der Carl V. sich zu vermählen gut fand, über ihre Zwecke zu täuschen und sie ganz für sich zu gewinnen. Maroto’s Pläne aber gingen weiter, als selbst die große Zahl der ihm Verbundenen es ahnete; vielleicht ließ er sich, da die ersten Schritte gethan, hinreißen zu dem, was er nie gewollt, da der Rücktritt schwer, die Lockung groß, ihm unwiderstehlich sein mochte. Er verkaufte sich, verkaufte das ihm anvertraute Heer, das Land, den König selbst, der so hoch ihn gehoben hatte; er ward zum Verräther! — Ehe er aber den entscheidenden Schritt thun konnte, mußte er von jenen Männern sich befreien, die, treu bis zum Tode ihrem Herrscher ergeben, offen als Gegner sich ihm darstellten, die seine Gesinnungen, seine Maßregeln durchschauten und ihnen entgegen arbeiteten. Maroto ward alles leicht, was förderlich war: die Edlen starben von Henkershand, und triumphirend vollendete der Verrath sein Werk.


Maroto’s erstes Auftreten war seinen Talenten angemessen und wohl geeignet, die Blicke Aller auf ihn zu ziehen und selbst den heller Sehenden hohe Hoffnungen zu erwecken. Die Disciplin war gänzlich erschlafft; Wochen reichten dem neuen Obergeneral hin, strenge wie nie zuvor sie herzustellen. Seine Kraftmaßregeln beugten die Widerspenstigen, einige leichte Unruhen wurden fest unterdrückt und gerügt, die kleinsten Fehler gegen die Kriegszucht hart geahndet; selbst das Mißtrauen, den Haß, der zwischen Basken und Castilianern geherrscht und so oft in blutigen Zwisten sich Luft gemacht hatte, wußte seine Energie zu verdecken, wenn nicht auszurotten.

Der Zufall wollte, daß in dem Augenblicke seiner Ernennung zum Generalate eine bedeutende Summe, von eines edlen Fürsten Hand — wohl zu besserm Zwecke — gespendet, die seit langer Zeit leeren Cassen gefüllt hatte, und Maroto wußte sie trefflich für seine Pläne zu benutzen. Er bedurfte der Liebe und des Vertrauens der Soldaten. Während er also sie gehorchen lehrte, sorgte er für ihre Bedürfnisse mit väterlicher Sorgfalt: die Rationen fehlten nie, denn Geld vermochte Alles, die Bataillone und Escadrone wurden neu uniformirt und selbst überflüssig ausgerüstet, Soldaten und Officiere erhielten regelmäßig ihren Sold, zum ersten Male seit den Zeiten des großen Zumalacarregui. Zugleich blendete der General seine Truppen durch Glanz und Luxus, wie die einfachen Gebirgssöhne nie zuvor ihn gekannt. Prachtvolle Pferde, mit Gold bedeckte Schabracken, reich gestickte Uniformen setzten die Menge in Erstaunen, ein glänzender Generalstab umringte den Mann, der das Alles geschaffen hatte, zahlreiche Dienerschaft folgte ihm, jeden Wink des Gebieters zu erfüllen. Der Soldat, das Volk betrachteten Maroto als ein höheres Wesen, sie kannten die Quellen nicht, aus denen diese Wunder entsprungen, und glaubten deshalb, daß alles von ihm stamme, sein Werk sei. Er ward der Abgott der Truppen, die zugleich ihn anbeteten und wie einem Vater ihm vertrauten, der Abgott des Volkes, welches sich erleichtert fühlte trotz solches Aufwandes und so gehäufter Kosten; die Officiere, da sie strengste Gerechtigkeit ihn üben und jeden Mißbrauch mit Kraft angegriffen sahen, mehr aber noch im Gefühle der Verbesserungen, welche die Armee ihm verdankte, waren ganz sein. Maroto’s Name war in Aller Munde, Alle begrüßten und ehrten ihn als den Messias, zur Rettung der bedrängten Sache der Gerechtigkeit abgesandt. Hinter so vielen Talenten, so vielem Eifer und — so vielem Golde, wer hätte da den undankbaren Verräther gesucht an dem Könige, der mit Ehre und Wohlthaten ihn überhäuft, der, noch mehr! sein Vertrauen ihm geschenkt, den Verräther an dem Lande, welches in freudiger Hoffnung an der Spitze seiner braven Söhne ihn sah!

Die Christinos hatten beschlossen, das Kriegsglück, welches seit dem Herbste des Jahres 1837 so hold ihnen gelächelt hatte, kräftig zu benutzen, um die errungenen Vortheile zu krönen, indem sie im Osten und Norden zugleich entscheidende Schläge versuchten: Morella, Solsona und Estella sollten belagert werden. Der Ausgang des Unternehmens gegen Morella ist bekannt; die Armee des Centrums hat ihre frühere Überlegenheit über Cabrera’s Truppen seit jener Zeit nicht wieder erlangt. Später werde ich darauf zurückkommen.

Estella also sollte genommen werden. Doch wollte Espartero vorher theils einen Versuch gegen das Castell von Guevara[46] machen, wozu der Umstand des gerade eingetretenen Wechsels im Commando ihm sehr günstig sein mußte, theils auch die Aufmerksamkeit der Carlisten auf den entgegengesetzten Theil des Kriegstheaters ziehen. Er zog mit 18 Bataillonen und einem bedeutenden Belagerungspark nach Vitoria, in dessen Angesicht jenes feste Bergschloß liegt, das als Stützpunkt und Depot der alavesischen Division, wie durch seine Festigkeit und Lage von hoher Wichtigkeit war. Maroto eilte mit mehreren Divisionen von Estella herbei und stellte sich in vortheilhafter Position die Schlacht anbietend auf; doch Espartero hielt nicht für gerathen anzugreifen, und da er umsonst durch Märsche und Contremärsche den carlistischen Feldherrn aus seiner Stellung zu locken, über die eigenen Absichten ihn zu täuschen gesucht, ging er rasch auf Logroño zurück und verkündete nun, durch die Division der Rivera unter Don Diego Leon auf mehr denn 30000 Mann verstärkt, daß er unverzüglich Estella nehmen werde. Maroto that seinerseits Alles, um diese Stadt in den möglichst besten Vertheidigungszustand zu setzen: die Forts wurden verstärkt, alle Zugänge verschanzt und selbst die Straßen mit Abschnitten und Barrikaden versehen, während fast alle nicht waffenfähigen Einwohner die bedrohete Stadt verließen. Einige Officiere, unter ihnen der Commandant eines nahen Forts, die, durch das Gold und die Versprechungen des feindlichen Führers bestochen, in Einverständniß mit ihm getreten waren, wurden nach Spruch des Kriegsgerichtes erschossen.

Jede Vorbereitung war längst getroffen, die schwere Artillerie in großer Menge in den äußersten festen Punkten der Christinos versammelt, und Woche auf Woche ging hin, ohne daß Espartero die Erwartungen der Revolutionaire, welche in seinen Siegen ihren endlichen Triumph nahe träumten, gerechtfertigt hätte. Die am 18. August aufgehobene Belagerung von Morella hatte längst den seltsamen Vorwand entfernt, daß er erst nach der Einnahme jenes Platzes angreifen wolle, um in dem moralischen Einflusse derselben eine Chance mehr für sich zu haben; ja eben das gänzliche Fehlschlagen der Operationen Oráa’s schien ihn aufzufordern, durch einen glänzenden Sieg den übeln Eindruck desselben auf seine Parthei zu verwischen, den triumphirenden Muth der Carlisten niederzuschlagen. — Espartero spatzierte fortwährend von einem der festen Punkte zum andern, stets drohend, stets rüstend, ohne doch je einen Schritt zur Ausführung zu thun.

Schwer ist es, zu entscheiden, was zu solcher Unthätigkeit ihn bewegen konnte. Vielleicht nahm der Federkrieg, in den er gerade damals mit dem Madrider Cabinet sich eingelassen hatte, zu sehr seine Zeit in Anspruch, als daß er an Betreibung der militairischen Operationen hätte denken können. Unzufrieden mit dem Ministerium hatte er die Entlassung einiger Glieder desselben verlangt, mit der Drohung, die seinige einzureichen, wenn ihm nicht gewillfahrt würde, und seine Forderung ward erfüllt, da man vergebens gesucht hatte, durch Nachgeben und Zugeständnisse ihn zu besänftigen. Die constitutionellen Minister traten ab, weil der General sie nicht liebte! Solche ist die Freiheit des liberalisirten Spaniens. — Vielleicht war es nicht die Absicht des ehrsüchtigen Mannes, durch Erringung entscheidender Vortheile sich entbehrlich zu machen: Espartero wußte sehr wohl, daß man ihn und seine Anmaßungen nur duldete, weil die Furcht vor den Carlisten jede andere Rücksicht überwog, und zu jener Zeit hatte er noch nicht das Heer so ganz sich zu eigen gemacht, daß er ohne Scheu als unumschränkter Gebieter auftreten und nach Belieben zu thun und zu lassen sich anmaßen durfte. — Dann stand er wohl damals schon in Unterhandlungen mit Maroto; deshalb schonte er ihn. Die Einnahme von Estella hätte gewiß diesem General seine Stelle gekostet, während doch seine Erhaltung zur Ausführung des abzuschließenden Handels unbedingt nöthig war; so opferte Espartero augenblicklich den kleinen Vortheil, um das Ganze einst desto sicherer und leichter zu erfassen. — Wie dem auch sei, ich bin überzeugt, wie ich zur Zeit dieser Ereignisse es war, daß die Christinos ohne Schwierigkeit Estella genommen hätten, wenn sie sofort, da Maroto noch neu im Commando war, mit Kraft es angriffen, ehe dessen Maßregeln die Vertheidigungsfähigkeit der Stadt so sehr erhöheten. Und Estella’s Besitz übte unberechenbaren moralischen Einfluß.

Doch endlich sollte die lange erwartete Operation vor sich gehen. Nachdem am 3. September Maroto eine Demonstration nach dem Ebro zu gemacht, vor Lodosa ein feindliches Corps zurückgetrieben und dann mit seinen Truppen in Schlachtordnung geprunkt hatte, ohne daß der Feind einen Schritt gegen ihn gethan hätte, concentrirte Espartero am 6. plötzlich alle seine Divisionen an der Arga und zog langsam gegen Estella in mehrere Ortschaften ein, die ohne Schwertschlag geräumt wurden. Alle Welt erwartete mit Spannung die nächsten Schritte... Espartero ging am 9. über den Ebro zurück: der Angriff auf Estella war ganz aufgegeben! — Der Vorwand fehlte ihm nie. Er detachirte einige Bataillone zur Verstärkung der Armee des Centrums, die mehrere Niederlagen unmittelbar hinter einander gelitten; ein anderes Corps sandte er, den Pfarrer Merino zu verfolgen, der so eben Valladolid’s Behörden in Schrecken gesetzt hatte. Er hatte mit 1200 Mann das Heer Cabrera’s verlassen, um nach den baskischen Provinzen zurückzukehren, durchzog mit der kleinen Schaar ganz Castilien und vertrieb den feindlichen General-Capitain, Baron Carandolet, aus Valladolid, da dieser bei der Annäherung des gefürchteten Geistlichen mit dreifach überlegener Macht die Stadt räumte. Merino jedoch eilte nach dem Gebirge von Soria, wo er fast ganz ohne Mannschaft mit dem wilden Valmaseda sich vereinigte, und, da dieser seine Gefangenen nach Vizcaya in Sicherheit brachte, mit ihm dorthin ging.

Valmaseda, ein tapferer, ja tollkühner Reiterchef, rauh, grausam, Wüthrich gegen Alles, was nicht seine Meinung theilte, zugleich ausgezeichnet gebildeter Militair, hatte mit der Division des Grafen Negri den Ebro überschritten, bald aber, unzufrieden mit dem nutz- und kampflosen Hin- und Herziehen, sich von dem Expeditions-Corps eigenmächtig getrennt und mit einigen Hundert Mann in die Sierras von Castilien geworfen. Glänzend bewährte er sich als Partheigänger, hob kleine Detachements auf, mied stärkere, zerstörte Convoys, hob Contributionen und verwüstete dabei das Land, bis er seine Thaten krönte, indem er die Colonne, welche unter Oberst Coba in seiner Verfolgung beschäftigt war, am 2. September in Quintanar de la Sierra überfiel und vernichtete. Dreihundert Mann wurden niedergehauen oder kamen in den Flammen des brennenden Dorfes um, der ganze Rest der Colonne ward mit ihrem Chef gefangen. Bei seiner Rückkehr nach den baskischen Provinzen ward ihm die Trennung vom Grafen Negri verziehen, da dieser ja das Schlimmste erduldet hatte, während Valmaseda reich mit Beute beladen anlangte.


So wie Espartero die Belagerung von Estella aufgegeben hatte, wandte sich Maroto mit der Hauptmacht nach Vizcaya, theils Bilbao und dessen Hafenstadt Portugalete bedrohend, theils mit Thätigkeit die Befestigungen betreibend, durch die er seine Herrschaft bis in die Provinz Santander auszudehnen suchte. In Navarra war wiederum der General Don Francisco Garcia als Chef geblieben; er trug am 19. September entschiedenen Sieg über General Alaix, christinoschen Vicekönig von Navarra, davon, als dieser mit 9000 Mann von Artajona heranzog, um westlich von der Arga zu operiren. Garcia traf mit nicht ganz 6000 Mann auf ihn, und ein hartnäckiges, lange unentschiedenes Gefecht entspann sich; schon wankte die carlistische Division, von der Übermacht schwer gedrängt und in nachtheiliger Stellung.[47] Doch da Alaix das Regiment von Zaragoza, dessen Munition erschöpft war, durch Almansa ablösen ließ, benutzte Garcia das in sehr gebrochenem Terrain ausgeführte Manöver zu neuem, stürmischen Angriffe. Almansa, welches den linken Flügel inne hatte, da es jenes Regiment im Augenblicke des Vorrückens der Carlisten abmarschiren sah, wich in Unordnung mit dem Rufe: „Zaragoza verläßt uns!“ Das Regiment Soria, eines der bravsten des Heeres, ward durch die auf dem Fuße nachdrängenden carlistischen Bataillone in der Flanke angegriffen, aufgerollt und zerstreut, die ganze Linie lösete sich zur Flucht auf. Umsonst suchte die christinosche Cavallerie das Gefecht herzustellen; auch sie ward geworfen, worauf das Corps in wilder Verwirrung nach Puente la Reyna und Larraga sich zerstreute, von den Siegern bis zu den Glacis der Festungen verfolgt. Die Christinos verloren 1250 Mann, unter denen 200 Todte, Soria, das Lieblings-Regiment Espartero’s, der als Oberst es commandirte, büßte, da es am hartnäckigsten widerstand, 400 Mann ein; Alaix war schwer verwundet, sein Chef des Generalstabes gefangen. Die Carlisten verloren fast 500 Mann. Erst als bedeutende Verstärkungen angelangt waren, wagten die geschlagenen Divisionen, ihre Zufluchtsstätten zu verlassen, um den Streifzügen Garcia’s Schranken zu setzen.

Am 19. October langte die Prinzessin von Beira in Tolosa an, wo sie als Gemahlinn des Königs mit den höchsten Ehrenbezeugungen empfangen ward; sie begleitete der älteste Sohn Carls V., der Prinz von Asturien.[48] Viele der treuen Anhänger Sr. Majestät jubelten laut, da sie diese Nachricht vernahmen; sie schlossen, daß Carl V. wohl sehr begründete Aussichten auf rasche, glückliche Beendigung der Successions-Frage haben müsse, da er sich entschloß, nicht nur unter den obwaltenden Verhältnissen sich zu vermählen, sondern auch seinen Sohn zum Kriegsschauplatz kommen zu lassen. Gerüchte über fremde Intervention zu Gunsten der Carlisten, über Congresse und kräftige Unterstützung verbreiteten sich. Ich erinnere mich, welche Hoffnungen, oft ungereimt, alle so grausam getäuscht, Viele der Unglücklichen in Cadix’ Casematten belebten! — Andere wollten den Augenblick für unpassend halten, und glaubten, wie die Ereignisse sich entwickelten, ihre Ansicht mehr und mehr bestätigt zu sehen. Die Christinos spotteten und fürchteten dennoch. Gewiß hätte die Königinn den wohlthätigsten, ja entscheidenden Einfluß üben können, wenn sie nicht das Übergewicht, welches ihr männlich kräftiger Geist über Carls V. milden Charakter ihr gab, zur Beförderung und Aufrechthaltung der so genannten Gemäßigten, vor Allen Maroto’s, benutzt hätte, da diese über ihre wahren Zwecke bis zum letzten Augenblicke sie zu blenden wußten. So war sie, ohne es zu ahnen, für den Sturz der Ihrigen thätig.

Ein neuer Feind hatte sich indessen gegen die Carlisten erhoben, ein Feind, der auf den ersten Blick große Gefahr zu bereiten schien. Muñagorri, einst Notar, dann im Dienste des Königs, jetzt mit der Madrider Regierung complottirend, warf sich in Frankreich zum Haupte einer dritten Parthei auf, deren Streben dahin gerichtet war, den vaterländischen baskischen Provinzen durch die Unterwerfung unter Christina’s Herrschaft den lange entbehrten Frieden zu geben und ihnen zugleich die alten Privilegien zu sichern, welche als Bedingung jener Unterwerfung auf immer bestätigt werden sollten. So wollte also Muñagorri die Successions-Frage ganz von der lediglich die Basken betreffenden über deren Vorrechte trennen; seine Losung war: „paz y fueros“ — Friede und Privilegien —. Vielleicht wäre sein Plan besser ihm gelungen, wenn nicht Maroto bereits ähnliche Absichten gehegt und mehrere der baskischen Führer dafür gewonnen hätte. Wie hätte dieser nicht Alles aufbieten sollen, um die Fortschritte des Mannes zu hemmen, ihn zu vernichten, der, wiewohl auf edlerem Wege, die Waffen in der Hand, eben dem Ziele zustrebte, welches Maroto mit Aufopferung der heiligsten Verpflichtungen zu erreichen hoffte, dadurch seine Habgier zu befriedigen; den Mann, dessen Erfolg seinen Verkauf unnütz oder weniger wichtig, also das Kaufgeld niedriger machen würde!

Dennoch gelang es Muñagorri, durch französischen Einfluß und englisches Gold unterstützt, ein kleines Corps aus Deserteurs und Flüchtlingen zu bilden, dem einige Basken sich anschlossen, die ermüdet Frieden suchten, nur Frieden, in welcher Gestalt er sich auch darbieten möge. Er drang während des Winters wiederholt in das carlistische Gebiet ein und setzte sich auch wohl mit der Schaar, die er vereinigt — man sprach anfangs von Tausenden, die bald auf achthundert sanken — auf einige Zeit fest. Aber das Volk zeigte wenig Sympathie und hielt sich ruhig; Maroto nahm kräftige Maßregeln gegen ihn. So war Muñagorri stets gezwungen über die Gränze zurückzugehen, seine Anhänger wurden lau und schmolzen täglich zusammen, und das Unternehmen — wie so oft in Spanien der Fall war — endete desto unbeachteter und erfolgloser, je mehr es vorher Geräusch und leidenschaftliche Hoffnungen und Besorgnisse erregt hatte.


Während der letzten Monate 1838 und bis zum Frühlinge des folgenden Jahres ruhten die Operationen der Hauptheere gänzlich, und selten unterbrach irgend ein Streifzug eines untergeordneten Führers die Unthätigkeit. So bestand der mit immer gleich rastlosem Eifer wirkende General Castor einige leichte Gefechte im westlichen Vizcaya und in der Provinz Santander, von wo er häufig bis nach Asturien hineindrang. Valmaseda hob verschiedene Detachements und nicht fern von Logroño die zwei Compagnien starke Bedeckung der Correspondenz auf; ohne Schonung, wie immer, ließ er sie niedersäbeln, was ihm strengen Verweis zuzog und Remonstrationen von Seiten Espartero’s veranlaßte, der endlich selbst zu Repressalien schritt. Von mehr Wichtigkeit war die Action, welche Maroto mit vier Escadronen gegen die Colonne des General Don Diego Leon bestand, als dieser über Sesma auf los Arcos durchzudringen suchte, um der dort befindlichen Vorräthe sich zu bemächtigen. Wiewohl jenes Corps aus mehr als 5000 Mann mit zahlreicher Cavallerie und Artillerie bestand, hielt Maroto durch wiederholte glänzende Chargen es auf, bis die zunächst stehenden Bataillone herankommen konnten, worauf Leon, ohne weiter das dargebotene Gefecht acceptiren zu wollen, nach Mendavia sich zurückzog. Ein junger preußischer Husarenofficier, Herr von Schmidewsky, zeichnete sich besonders aus, indem er, der Erste beim Choc, einen feindlichen Oberstlieutenant vor seiner Escadron vom Pferde hieb und den Lanciers, die ihrem Chef zu Hülfe eilten, empfindlich die Schwere des deutschen Armes fühlbar machte.

Noch muß ich anführen, daß in den ersten Tagen des neuen Jahres die Besatzungen von Alhucemas und von Melilla, Fort und Presidio[49] an der Küste von Afrika, Carl V. proclamirten und mit den Gefangenen, die fast alle wegen politischer Verbrechen, d. h. wegen Anhänglichkeit an ihren König, dorthin verbannt waren, zur Vertheidigung sich vereinigten. Auch in Ceuta ward eine Verschwörung zu demselben Zwecke angezettelt und entdeckt. Die Besatzung von Alhucemas in der Provinz Malaga entfloh; Melilla aber ward durch einige Kriegsschiffe blokirt und genöthigt, eine Capitulation einzugehen, in der bedingt ward, daß Garnison und Gefangene nach den baskischen Provinzen geführt würden, um der carlistischen Armee sich anzuschließen. Es ist unnöthig hinzuzusetzen, daß sie nie dort anlangten. In Cadix ereilte sie ein Befehl des Ministeriums, dem zu Folge sie nach der Havanna eingeschifft wurden.

[46] Guevara lag malerisch auf einer hohen Bergkuppe und war sorgfältig befestigt. Mit dem Fernglase sah man von dort aus jede Bewegung der Truppen in Vitoria, selbst die Einwohner in den Straßen, und das ganze Alava bis zum Ebro lag dem Blicke offen. Espartero ließ es am Ende des Krieges sprengen.

[47] Christinosche Officiere vom Regimente Soria erzählten mir die Action, wie ich sie gebe.

[48] Principe de Asturias ist der Titel der spanischen Kronprinzen.

[49] Bagno für die zu Zwangsarbeit Verurtheilten. In Afrika finden sich ihrer mehrere, das hauptsächlichste in Ceuta.