XV.
Nach vier Monaten durfte ich zum ersten Male vom Bette mich erheben. Vier furchtbare Monate! Mit Schaudern dachte ich an die Leiden zurück, die ich da erduldet hatte, und zollte der ewigen Vorsehung innigsten Dank, daß sie wunderbar mich erhaltend durch das Schrecklichste mich geleitet. Wunderbar war meine Rettung in der That; denn Nachlässigkeit, Schmutz, Ungeschick und böser Wille vereinigten sich wetteifernd, meine Wunde tödtlich zu machen. Zwei Mal kamen die Wundärzte, wie sie sich zu nennen nicht anstanden, mit dem Apparate ihrer gefürchteten Instrumente zu meinem Bette, mir erklärend, daß nur die Amputation Hoffnung auf Rettung des Lebens übrig lasse; die standhafte Weigerung, ihrer Amputirsucht mich zu unterwerfen, die Reinheit und Festigkeit meiner Constitution und die Geduld, mit der ich hundert und fünf Tage lang mit unbeweglichem Oberkörper auf den Rücken ausgestreckt ausharrte, retteten mir den Arm. Aber Entsetzliches litt ich. Und dann wurden in demselben Zimmer, in dem ich mit dreißig andern Verwundeten und Kranken lag, blutige Operationen vorgenommen, und das Zetergeschrei der Schlachtopfer machte uns innerlich erzittern; mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, endlich gar Blatternkranke schmachteten neben mir, im Bereiche meines Armes selbst; das Röcheln der Sterbenden umtönte mich täglich, und viele Stunden hindurch lagen verzerrte Leichname in unserer Mitte, ohne die Aufmerksamkeit der Wächter zu erregen. Und doch ward mir als Officier manche Sorge, die andern Unglücklichen versagt war. — Sollte man möglich glauben, daß Gewohnheit uns endlich auch gegen alle jene Scenen des Schreckens und der Qual gleichgültig, ja taub machen konnte!
Wer möchte all den Jammer, das tausendfache, herzzerreißende Elend schildern, wie es in einem spanischen Hospitale, den Kältesten erschütternd, zusammengehäuft ist? Da liegen die Armen, in langen Reihen dicht an einander gedrängt, ja oft zu zweien in demselben Bette vereinigt, so daß der Genesende die Convulsionen des Sterbenden neben sich fühlt, der hülflose Kranke den eisigen Leichnam seines Gefährten berührt. Dumpfe, schwülstige Luft, geschwängert mit den widerlichen Ausdünstungen so vieler verschiedenartiger Übel, beklemmt die Brust des Eintretenden und macht ihn zurückschaudern im athemlosen Ekel; grause Unreinigkeit stattet rings in den widrigsten Formen, und Legionen von jeder Art Ungeziefer, dieser Kinder des Schmutzes, bedecken Boden, Wände und Betten durch nie endende Qual die Unglücklichen aufzehrend, welche umsonst ihre Kräfte erschöpfen, die höllischen Plagegeister von sich abzuwehren. Die Betten bestehen aus einem Strohsacke mit Betttuche und wollener Decke; als Nahrungsmittel, unabänderlich festgesetzt, ward am Mittag und Abend ein Stückchen Schaffleisch und ein halbes Pfund Brod, am Morgen etwas Brod mit Wasser, Knoblauch und Salz zerkocht und ein wenig rohes Öl darüber gegossen — la sopa — ausgetheilt. Sogenannte Bouillon von Schaffleisch fand sich in solcher Menge, daß die größere Hälfte stets weggegossen wurde, da selbst die Bettler sie nicht genießen mochten. So war die Kost aller Hospitale, die ich unter den Christinos gesehen, den Verbreitern der allgemeinen Aufklärung und Humanität, wie sie gern sich nennen; auf strengere Diät wurden die Kranken willig gesetzt, feinere, stärkende Nahrungsmittel dagegen nie bewilligt. Ist es unter solchen Umständen zu bewundern, daß Tausende von verwundeten oder erkrankten Soldaten in den Lazarethen ihr Leben aushauchten, da sie so leicht dem Lande konnten erhalten werden?
Und was sage ich von denen, die, in der Verwaltung der Hospitale angestellt, am meisten zur Pflege und zum Wohle der Kranken mitwirken sollten? Wenn ich behaupte, daß ihr Streben nur darauf gerichtet ist, durch die gröbsten und schändlichsten Veruntreuungen — denn das Schändlichste ist, die leidende Menschheit, die Hülf- und Wehrlosen noch tiefer zu stürzen — sich zu bereichern und möglichsten Vortheil sich zu sichern; da würden diese Leute mit Recht sich beklagen, daß ich ihre Handlungsweise in falschem Lichte darstelle, da in Deutschland spanische Verhältnisse und Begriffe unbekannt sind. Sie würden fragen, wie ich ihnen das als Verbrechen anrechne, was allgemein bekannt, folglich, da es unbestraft bleibt, erlaubt war? Wie ich ihnen vorwerfe, was alle Beamten des Staates vom Minister zum niedrigsten Schreiber, vom General en Chef zum Corporal — der Soldat wurde stets von allen geschunden — zum höchsten Ziele ihrer Mühen machten? Sie würden fragen, ob ich verlange, daß sie, indem sie nicht dem gewöhnlichen Wege folgten, sich ins Gesicht lachen, als Thoren sich schelten und verachten ließen? ob sie, da ihnen Jahre lang kein Gehalt gezahlt wurde, mit ihren Familien etwa Hungers sterben sollten? Und zu allen diesen Fragen werde ich achselzuckend stillschweigen oder mit „Ja“ sie beantworten müssen, denn sie widerlegen zu wollen, würde nur grobe Unwissenheit verrathen. In allen Classen des liberalisirten Spaniens ist dieses Betrugssystem so weit ausgebildet, so ganz heimisch in ihnen geworden, daß, wer nicht dem gewohnten Geleise folgte, verlacht und gestürzt wurde. Die christinoschen Beamten jedes Zweiges und jedes Ranges sahen sich lange, lange Monate hindurch ohne Hülfsmittel irgend einer Art gelassen, sie wußten sehr wohl, daß sie nie die Summen, welche Jahr auf Jahr rückständig blieben, zu erhalten hoffen durften; da suchten sie durch Veruntreuung und Bestechlichkeit, wo eine Gelegenheit sich bot, reichlich sich zu entschädigen. Sie wußten, wie ihre Stellung ganz ephemer war, wie sie, wenn eine andere Parthei an das Ruder kam, sofort von ihrer Höhe gestürzt, vielleicht in der Fremde Sicherheit zu suchen genöthigt wurden; so strebten sie, für solchen Fall durch Anhäufung von Capitalien sich vorzubereiten.
Sonderbar wäre es gewesen, wenn die in den Hospitalen Angestellten von der allgemeinen Ansteckung frei geblieben wären, und in diesem Zweige mußten die Folgen doppelt traurig und empörend sein. Die Intendanten, die Kriegs-Commissaire, Directoren, Inspectoren und tausend Andere zerrten an der leichten Beute, einen Fetzen davon an sich zu reißen. Die Wundärzte, nur dem Namen nach solche, stammten fast allgemein aus der Classe der Soldaten, indem sie einige Zeit in einem Hospitale als Gehülfen gedient hatten und dann berechtigt waren, selbstständig zu tödten. Der Caplan stürzte durch die Zimmer, stopfte dem Sterbenden das Sakrament in den Mund, machte ein paar Kreuze über ihm und verschwand, angenehmeren Beschäftigungen zueilend. Endlich die Krankenwärter... Doch ich will nicht länger das Bild menschlichen Elendes in der entsetzlichsten Verlassenheit dem schaudernden Blicke aussetzen. Nur wer es erlebt, wer selbst es empfunden hat, vermag solche Gräuel und solchen Jammer sich zu denken.
Sie war vorbei, diese Zeit des herben Duldens. Noch schwach, aber überselig, da ich aus den Thoren des Lazareths in die freie, herrliche Luft trat, ward ich zu dem Depot geführt, um mit der ersten Gelegenheit nach Madrid abzumarschiren. Ehe ich jedoch Cuenca verlasse, muß ich hinzufügen, daß ich dort nicht ohne Zeichen der Theilnahme gelassen wurde; nein, noch immer denke ich mit inniger Dankbarkeit dorthin zurück. Seit dem Augenblicke, in dem ich die Stadt betrat, hatte der Bischof, ein wahrer Geistlicher und wahrer Christ, mit Allem mich, wenn auch oft umsonst, zu versehen gesucht, was die Lage eines Verwundeten zu erleichtern vermag; und später, da ich schon auf dem Wege der Besserung war, sah ich mehrere Male vor meinem Bette eine junge, reizende Dame, die, enthusiastische Carlistinn, trotz dem Widerlichen, was das Hospital für die zarten Gefühle des Weibes haben muß, mit ihrer Mutter kam, den Verwundeten Trost und Hülfe zu bringen. Theilnehmende, ermuthigende Worte flüsterte sie mir zu, und bis zu meinem Abmarsche durfte nie einer der kleinen Leckerbissen mir fehlen, die unter den höhern Classen der Spanier so sehr geschätzt werden. Zwei Jahre später, als Verrath schon den Untergang über uns gebracht und uns nur Wochen der Existenz gelassen hatte, fand ich diese Damen als Verbannte in der Festung, die wir die letzte noch inne hatten, und kaum entgingen sie dem allgemeinen Verderben.
Am 12. Juli stieg ich die Hauptstraße von Cuenca, welche, da die Stadt auf dem Abhange eines Berges liegt, wohl eine halbe Stunde lang mit vielen Krümmungen das Thal sucht, zum Antritt des Marsches nach Madrid hinab. Mit Wollust athmete ich, die am Fuße des Berges gelegene große Vorstadt verlassend, die reine, freie Luft ein, welche ich so lange gegen die giftigen Dünste des Hospitales hatte vertauschen müssen, und überschaute schwellenden Herzens die Gefilde, reich mit Saaten bedeckt, die lieblich grünen Wälder und die Hügel, welche rings der Landschaft die mannichfachste Gestaltung gaben. Selbst gegen die erhabene Schönheit der Natur wird des Menschen Geist kälter durch die Gewohnheit ihres Anblickes; aber nach langer Krankheit oder wenn aus dem Kerker der ersehnten Freiheit wieder gegeben, sind wir doppelt empfänglich für das schmerzlich Entbehrte. So würde der Marsch nach Madrid mir immer höchst angenehm geworden sein, wenn auch der die Bedeckung commandirende Officier nicht so ganz edel und rücksichtsvoll — wie in Spanien, im Bürgerkriege äußerst selten — gewesen wäre. Er hatte lange Jahre gedient und in den Feldzügen gegen die insurgirten Colonien in Amerika gefochten, er kannte den Krieg, kannte die Gebräuche und Rechte, wie civilisirte Nationen auch unter Feinden sie festgestellt; er war brav, und der Brave ist stets großmüthig. Ich durfte während des Marsches ganz wie frei mich betrachten, theilte sein Logis und sein Mahl und sah mich stets mit aufmerksamer Artigkeit behandelt. Mehrere Male traf ich unter den Christinos mit Männern zusammen, die sich gegen mich auf die ehrenvollste Art benahmen, da ich doch aus eigener Erfahrung weiß, wie meine spanischen Gefährten nicht nur allgemein, sondern selbst von eben jenen Männern zu dulden hatten. Der Umstand, daß ich ein Fremder war, mochte wohl hauptsächlich zu solchem Vorzuge beitragen. Der ungewöhnliche Edelmuth jenes Officiers entwaffnete mich. Ich verließ Cuenca mit dem Entschlusse, trotz der Schwäche meines rechten Armes, der bewegungslos in der Binde hing, einen Versuch zur Flucht zu machen, die bei der Nähe der Truppen Cabrera’s möglich schien. Der Mißbrauch solcher Großmuth wäre schamlos, entehrend gewesen; ich blieb.
Ein Gefangener nahte ich Madrid auf derselben Straße, auf der ein Jahr vorher Carl V. seine Divisionen bis an die Thore der Residenz geführt hatte. Welche Betrachtungen, welche Gefühle mußte der Gedanke mir wecken! Bald hatten wir den Tajo passirt, die Gebirgszüge verloren sich in Hügel, die mehr und mehr wellenförmige Gestalt annahmen; da, als wir eine leichte Anhöhe erstiegen, lag die stolze Königsstadt vor uns in ihrer Pracht, von zahllosen Thürmen hoch überragt. So sah ich Madrid wenige Monate früher, da wir in freudiger Hoffnung nach Segovia’s Erstürmung heranzogen; damals eilte ich zum Kampfe gegen die Satelliten der Revolution, die wir rasch zu unsern Füßen zu zerschmettern hofften, und jetzt...! Wie konnte so kurze Zeit so viel Schweres, so viel Furchtbares mit sich bringen?
Gegen ein Uhr Mittags betraten wir den Prado, den Versammlungsort der schönen Welt von Madrid; sechs Reihen herrlicher Bäume bilden, so weit das Auge reicht, schattige Alleen, von prachtvollen Gebäuden und Gärten umschlossen. Um diese Tageszeit war der Spatziergang ganz leer, weshalb wir gehofft hatten, unbemerkt und ohne Anfechtung die wenigen Straßen zu durchschreiten, welche von der zu unserer Aufnahme bestimmten Caserne von San Mateo uns trennten. Doch das Volk Madrid’s im Eifer, durch Insultirung wehrloser Gefangenen die Entschiedenheit seiner Meinungen darzuthun, scheut nicht Hitze, Staub und Ermüdung. Schnell umringte uns ein großer Haufe vom Pöbel aller Classen; einzelnen Schimpfworten folgten wilde Drohungen, mit den gräßlichsten Flüchen untermischt, und viele der Wüthenden, selbst Weiber, suchten zwischen die Soldaten der Bedeckung sich einzudrängen, um die Gefangenen zu erreichen. Die Escorte schloß dicht um uns und hielt mit vorgehaltenem Bajonnett die Rasenden zurück, unter denen zahlreiche National-Gardisten durch ihre französischen Militairmützen kenntlich waren, bis es ihr gelang, nachdem sie einige Schreier leicht verwundet hatte, bis zu der Caserne sich Bahn zu brechen. Die Abneigung der christinoschen Soldaten gegen die National-Gardisten stieg oft bis zu höchster Erbitterung, da diese, nur zu Grausamkeiten und Metzeleien fähig und willig, nie zu offenem Kampfe sich uns entgegenstellten, dagegen in ihren Ansprüchen noch über die Linientruppen hinausgingen. Solche Abneigung rettete manchem carlistischen Gefangenen das Leben, indem die Truppen, wenn jener Pöbel, wie so oft, ihr Blut forderte, bereitwillig sie zu beschützen eilten.
Das Gefängniß, in welches ich geführt ward, war so finster, daß ich anfangs gar nichts sah; als sich mein Auge endlich an das Halbdunkel gewöhnt hatte, bemerkte ich zehn oder zwölf Unglückliche, sämmtlich Officiere von der Armee Cabrera’s. Der Kerker war ein zwanzig Fuß langer schmaler Raum, der durch ein Gitterfensterchen sein Licht aus dem vorliegenden Gange erhielt. Von den Wänden fielen, durch die Feuchtigkeit losgebröckelt, fortwährend Stücke Kalk herab, in langsam regelmäßigen Pausen tropfte das Wasser zur Erde, und der Boden war mit leichtem Schlamme bedeckt, der nie trocknen sollte. Dabei diente eine Pritsche zur gemeinschaftlichen Schlafstelle, und das Zimmer trug ganz den Stempel der Militair-Gefängnisse, wie sie in allen spanischen Casernen sich finden, auch wimmelte es natürlich von Flöhen, die Tag und Nacht uns quälten. Von Zeit zu Zeit ward es uns erlaubt, eine Stunde lang in dem Hofe spatzieren zu gehen, wo wir dann die Unglücksgefährten trafen, welche in den andern oft noch schrecklicheren Gefängnissen schmachteten. Jeden Sonnabend war aber Communication mit der Außenwelt, indem alle diejenigen, welche durch Furcht vor der Rache der Liberalen und den Insulten der National-Gardisten, welche die Wache in der Caserne hatten, sich nicht abschrecken ließen, uns sehen und sprechen durften, wobei ein hölzernes Gitter sie von uns trennte.
Dennoch brachte ich die Wochen meines Aufenthaltes in Madrid so angenehm zu, wie unter solchen Verhältnissen irgend möglich wurde. Ich hatte von der Heimath her Empfehlungen in Madrid vorgefunden, wodurch ich, da Geld und Connexionen dort unumschränkt herrschen, leicht die Erlaubniß erlangte, Alles, was zur Verbesserung meiner Lage dienen konnte, herbeizuschaffen und selbst Besuche in einem besondern Zimmer zu empfangen; auch den gefangenen Cameraden konnte ich so zuweilen nützen. Daher bedauerte ich nur, den Aufenthalt in der Hauptstadt nicht zum Kennenlernen ihrer Merkwürdigkeiten benutzen zu dürfen. Wohl wäre es leicht gewesen — und es wurden mir wiederholt deshalb Anerbietungen gemacht — gegen Caution die Stadt als Gefängniß angewiesen zu bekommen; doch würde ich mich nur unter steter Gefahr von Seiten des niedern und hohen Pöbels in den Straßen gezeigt haben; auch hielt ich für erbärmlich, meine Genossen in so trauriger Lage zu verlassen, um selbst der Freiheit mich zu erfreuen oder gar dem ihnen drohenden Geschick mich zu entziehen. Denn auch ihr Leben war fortwährend bedroht: tobende Haufen umwogten oft während der Nacht mit Blutgeschrei die Caserne, und Truppen mußten aufgestellt werden, die Erstürmung zu verhindern. Eines Abends ward auch die Wache plötzlich abgelöset und durch Linientruppen ersetzt, da ein Zufall die Verschwörung verrathen hatte, durch die wir in jener Nacht unter Mitwirkung der Wache habenden Compagnie sollten ermordet werden, die dem zweiten Bataillone der National-Garde angehörte, berüchtigt wegen hundertfach wiederholter Aufstände und Emeuten.
Da ward uns eines Abends die Nachricht, daß wir am folgenden Tage nach dem südlichen Spanien abmarschiren würden: die National-Garde und der ganze Pöbel war so aufgeregt, und das Gouvernement fühlte sich ihnen gegenüber so schwach, daß es durch unsere Entfernung dem Sturme vorzubeugen suchte. Am Mittage des 6. Septembers verließen wir Madrid. Wieder umrasete uns das Volk, wieder mußten die Truppen, von denen jetzt ganze Infanterie- und Cavallerie-Regimenter die Straßen und die Zugänge besetzt hielten, mit Gewalt den Durchgang durch die dicht gedrängten Haufen uns erzwingen, und einzelne Pistolenschüsse fielen unter dem Jubel der Menge, ohne jedoch Schaden zu thun. Die Scenen um uns her waren widrig empörend. Einige Nationale schlugen zwei junge Damen nieder, da sie ihrem Vater und ihrem Bruder, die, Oberst und Lieutenant im Genie-Corps, mit uns fortgeführt wurden, Adieu zuzurufen wagten, und das Volk zollte durch laute Bravos der Brutalität Beifall.
Entsetzlich war der Marsch jenes Tages; nie wohl verlor ich mit der physischen so ganz die moralische Kraft, nie war ich so abgestorben für Alles, Alles, bis auf das augenblickliche Dulden. Furchtbar glühend, sengend stand hoch die Sonne über uns, glühend, wie nur Madrid’s Hochebene sie kennt; kein erfrischendes Lüftchen regte sich, kein Baum war da, Schatten zu geben, der Staub wirbelte in dicken Wolken unter den Füßen der Colonne auf, Erstickung drohend, und umsonst schaute das matte Auge nach einem Tropfen Wasser umher. Noch schwach vom langen Krankenlager, dessen Wirkung durch die ihm folgende Einkerkerung keineswegs verwischt war, widerstand ich kaum; stumpf, zusammensinkend schleppte ich mich vorwärts und stürzte, so wie Halt gemacht wurde — jede Viertelstunde — auf den Boden, unempfindlich für Alles im Gefühle des schrecklichen, tödtenden Durstes. Da bot ich Piaster, Gold, Alles, was ich besaß, für ein Glas, für einen Trunk Wasser, selbst für einen Trunk Wein; und Jedermann drückte den Schlauch, der etwa noch einige Tropfen enthalten mochte, gierig ängstlich an sich; da hatte auch das Gold seine Allmacht verloren. Und da wir endlich das Ziel des Tagemarsches erreichten, ward Übermaß so verderblich, wie die Entbehrung vorher. Wir ergriffen mit unmäßiger Hast die dargebotenen Krüge, um in einem Zuge sie zu leeren und wieder und wieder zum Füllen sie hinzureichen; und immer dauerte unbefriedigt, unersättlich die Gier nach Wasser fort, so daß wir selbst trinkend mit Neid den Gefährten trinken sahen. Bis dahin wußte ich nicht, was Durst sei.
In Aranjuez, durch liebliche Gärten und ein schönes Schloß ausgezeichnet, überschritten wir den Tajo, der dort noch weit von der majestätischen Ausdehnung entfernt ist, in welcher er dem Meere seine Gewässer zuführt; dann rasteten wir in Ocaña, wo die Franzosen die fast zwei Mal so starken Spanier in der festesten Stellung gänzlich schlugen. Schon breiteten sich vor uns die weiten Ebenen der Mancha aus, bekannt als Don Quixote’s Vaterland. Ermüdet schweifte der Blick über einförmige Sandflächen hin, die selten vom matten Grüne eines Baumes belebt wurden, Tagereisen lang ward keine Quelle, kein Brunnen sichtbar, in dem der Wanderer seinen Durst löschen könnte, und viele Stunden weit liegen die elenden Dörfer von einander entfernt. Die Bewohner der Mancha machen eben so traurigen Eindruck und flößen den tiefsten Schmerz über die Degradation des Menschen ein. Nirgends fand ich sie so gesunken, wie in einem Dörfchen, las Cuevas[39] — die Höhlen —, dessen Wohnungen in den oben bedeckten Spalten eines Felsen bestanden, welcher dicht neben der Heerstraße sich erhob. Die Kinder, augenscheinlich bis zum Alter von vierzehn oder funfzehn Jahren, spielten ganz nackt auf der Straße, mit hellem Kreischen entfliehend, da wir naheten, während ihre Eltern, in jämmerliche Lumpen gehüllt, die kaum ihre Blöße deckten, und von widerlichem Schmutze starrend, dumm uns angafften und sich bekreuzten. Ohne einen Begriff von allem nicht rein Thierischen vegetiren diese Unglücklichen hin, ein elendes Geschlecht. Wie ist es möglich, daß der Mensch so entsetzlich tief sinke! Unmöglich scheint es, daß ein so schmerzliches Schauspiel, so beschämend in dem hochgebildeten Europa, wenige Meilen von einer Hauptstadt, die mit Aufklärung und Civilisation prahlen mag, Auge und Gefühl entsetzlich verletzen dürfe. In der That verdient nur die Chaussée auf der ganzen weiten Strecke gerühmt zu werden, und neben ihr — welcher Jammer, welche Erniedrigung, an der Tausende und Tausende kalt vorüber fliegen, höchstens mit Eckel den Blick wegwenden, statt zu helfen!
Nachdem wir die Guadiana überschritten, wo sie unter die Erde verschwindet, um sieben Stunden weiter eben so mächtig sich wieder Bahn zu der Oberfläche zu brechen, und da wir Valdepeñas lieblich leichten Wein getrunken hatten, sahen wir endlich fern die dunkeln Massen der Sierra morena — der gebräunten Kette — sich erheben, welche den unzähligen Räubern, die stets die südliche Hälfte Spaniens überschwemmten, so viele und unzugängliche Schlupfwinkel darbietet, daß Ferdinand VII., um von dem kühnsten zugleich und edelsten derselben das Land zu befreien, einen Vertrag mit ihm abschloß, durch den der König dem Räuber lebenslängliche bedeutende Pension zusicherte. Den Edelsten nenne ich José Maria, und wahrlich als Räuber — als Mann, welcher der Gesellschaft, dem Gesetze Krieg erklärt hat — verdient er ungeschmälert die höchste Bewunderung, welche ihm als freiwilligem oder unfreiwilligem Mitgliede der Gesellschaft versagt bleiben mußte. Anhänger der Theorie der Menschenrechte und Gleichheit, ließ er die praktische Anwendung derselben, so viel in seinen Kräften, sich angelegen sein; er beraubte nur Reiche, vorzugsweise solche, die ihre Schätze ungerecht erworben oder die lieblos sie verwendeten, und er beeilte sich, den Armen, welche er traf, seine Beute auszutheilen, für sich selbst ganz uneigennützig. Die niedere Classe betete seiner Großmuth und Freigebigkeit wegen ihn an und opferte Alles für ihn, wodurch er den Jahre lang ihn verfolgenden zahlreichen Truppen trotz ihrer verzweifelten Anstrengungen — den Chefs derselben ward endlich Absetzung, selbst Tod gedroht, wenn sie ihn nicht einfingen — entgehen und seine Macht so ausdehnen konnte, daß eine Zeile von ihm hinreichte, um reiche Müssiggänger zur Lieferung des Geforderten zu bewegen. Doch lasse ich die spanischen Räuber, denn ich würde nie enden, wollte ich von ihnen erzählen. Wir durchkreuzten bald die wilden Schluchten des Gebirges, die Felsen und Abgründe, über die kühn die Straße geführt ist. Bei dem Anblick dieser Gebirgsmassen regte sich der alte Geist in mir; ich sah auf die kleine, sorglos einherziehende Bedeckung und betrachtete dann die kräftigen Gestalten der dreihundert Gefangenen: wohl bemerkte ich sehnsüchtige Blicke auf die wilden Felsen geworfen, und ich glaubte das Blitzen des kühnen Entschlusses in den dunkel glühenden Augen zu entdecken. Doch der Zug ging ruhig und ununterbrochen fort; der Charakter, die Seele des Spaniers entsprechen selten dem Eindrucke, welchen ihre stolze, scharf gezeichnete Physiognomie hervorbringt. Ich warf einen Blick auf den noch immer regungslosen Arm, der jede rasche Bewegung mir hemmte: es war unmöglich, der Versuch wäre Tollheit gewesen und mußte augenblickliches Verderben nach sich ziehen. Langsam, in hoffnungslosem Schmerze folgte ich den Gefährten.
Der Marsch durch die Mancha war unheilsvoll gewesen. Mehrere Gefangene, auch ein Soldat der Christinos, waren von der sengenden Hitze erstickt todt auf der Heerstraße niedergesunken, andere starben erschöpft in den Nachtquartieren oder in den Dörfern, in denen sie mußten zurückgelassen werden, und die Hospitäler aller Städte, die wir durchzogen, wurden angefüllt durch die Unglücklichen, welche in ihnen die Kraft zu weiterem Marsche, weiterem Dulden suchen sollten. So wie wir aber die Sierra morena erstiegen hatten, fühlten wir uns neu belebt durch den Hauch der milden, lieblichen Lüfte Andalusien’s, dessen Schönheit ich, ach! nur ahnen durfte; selbst als Gefangener empfand ich den Reiz des herrlichen, nie genug gerühmten Landes. Ich bewunderte la Carolina, nebst mehreren anderen Städtchen am Fuße des Gebirges von deutschen Ansiedlern erbaut, regelmäßig mit schnurgeraden Straßen und freundlich winkenden Häusern. Wenn gleich die jetzigen Bewohner der Geburt und der Sprache nach Spanier sind, tragen doch die reichen Gefilde rings umher das Gepräge deutscher Thätigkeit und Sorgfalt, die mit den einfachen Sitten ihrer Vorfahren in den Nachkommen fortleben. Dann rasteten wir einige Tage in Baylen, wo Dupont’s Divisionen den Spaniern sich ergaben, überschritten bei Andujar den Guadalquivir und zogen dem alterthümlichen Cordova zu, welches einst die siegreichen Carlisten in seinen Mauern gesehen hatte. Einen Tag brachten wir dort in eben dem Forte zu, in dem die Besatzung vor Gomez die Waffen streckte, da es, ein ausgedehntes massives Gebäude, nun als Gefängniß benutzt wurde. Von dort wurden wir nach Sevilla geführt, fortwährend den Guadalquivir cotoyirend, dessen hohe, abgerissene Ufer, wiewohl der Fluß nun sanft und wohlthätig dahinströmte, die furchtbaren Wassermassen verrieth, welche in anderer Jahreszeit den Gefilden Verderben bringend sein Bett zerwühlen. Alle, auch die bedeutendsten Flüsse der pyrenäischen Halbinsel theilen diese Eigenschaft der Berggewässer; während sie im Sommer an vielen Punkten zu durchwaten sind, toben sie, wenn häufige Regen oder der schmelzende Schnee der Gebirge ihnen Nahrung geben, in weite Landseen verwandelt und rings die Thäler verwüstend, wild dem Meere zu. Häufig wurde ich unangenehm überrascht, wenn ich die Flüsse, welche ich als die ersten Spaniens in der majestätischen Pracht der deutschen Ströme mir dachte, fast trockenen Fußes passiren konnte; ja bei unserem Abmarsche von Madrid war in dem Manzanares nicht ein Tropfen Wasser sichtbar.
Wie wir dem Königreiche Sevilla naheten, breitete die Landschaft in immer größerer Schönheit den bewundernden Blicken sich aus. Die Hitze war eben so groß wie in der Mancha und doch wie verschieden: ein frischer Wind, regelmäßig zwischen neun und zehn Uhr wiederkehrend, hauchte während der Gluth der Mittagsstunden von der See her erquickende Kühlung; Flüsse und Quellen bieten im Überfluß ihren Labetrunk, und die schneeweißen Dörfer und Landhäuser, überall durch die Felder zerstreut, laden freundlich den müden Reisenden zur Ruhe und Erholung ein. Die Wege, auf dem wellenförmigen Boden sanft auf- und niedersteigend, sind mit duftenden Stauden, mit Stachelfeigen und mannichfachem Caktus eingefaßt, und eben diese Pflanzen dienen mit ihren langen Stacheln und schneidenden Blättern zum Schutze der Felder. So oft der Wanderer eine der leichten Höhen erstiegen hat, weilt sein Auge auf dem lieblichsten Schauspiele, durch welches die Natur, überschwänglich den Fleiß des Bebauers lohnend, den denkenden Mann erfreuen kann. Orangen- und Olivenhaine, mit weit ausgedehnten Weinbergen abwechselnd, bedecken die Hügel bis zum fernsten Horizonte und zeigen, mit einzelnen Granaten-, Citronen- und Mandelbäumen oder breitblättrigen Feigen gemischt, die zartesten Nuancen, welche das wohlthuende Grün in seinen Schattirungen so reich entwickelt. Reinliche Dörfchen, Landhäuser, kleine Capellen mit den niedrigen, eleganten Thürmchen und hie und da ein altergraues Kloster, ehrwürdig von malerischer Höhe das Land überschauend, verschönern das zauberhaft liebliche Gemälde und erwecken in uns die Erinnerungen und Gefühle, die so herrlich uns anregen.
Wenn das Land als eines der am meisten von der Natur begünstigten erscheint, rufen Städte und Einwohner unwillkürlich die Periode uns ins Gedächtniß, während der diese Provinzen unter der Herrschaft der Araber unserem Welttheile entfremdet waren. In Andalusien war der Hauptsitz der kühnen Morgenländer, in seinen vier Königreichen trotzten sie am längsten der stets wachsenden Macht der Christen, bis mit Granada’s Fall ihre letzte Hoffnung vernichtet, ihr letztes Bollwerk genommen war. Da erst entschlossen sich die trauernden Reste der Eindringlinge, im nahen Afrika den Schutz ihrer Glaubensbrüder anzuflehen, die längst zur theuren Heimath gewordene Eroberung den gehaßten Feinden zu überlassen.
So ist es nicht zu bewundern, daß der Andalusier das orientalische Blut, welches lange Berührung und Verschmelzung mit dem Araber ihm mittheilte, noch jetzt nicht verleugnet, und daß Gebräuche und Sitten der Vorfahren nur langsam mit denen der Abendländer sich mischen und von ihnen verwischt werden. Dunkelgebräunt, ernsten Blickes, zeigt er in seinen Zügen die majestätische, schwermüthige Ruhe, die plötzlich in wildeste Leidenschaftlichkeit ausbricht, wenn seine Würde, sein Stolz verletzt werden, oder wenn unerwartete Hindernisse seinen Wünschen entgegenstehen. Eifersüchtig bis zur Raserei flattert er doch gern von Blume zu Blume; zugleich ist er verstellt im höchsten Grade und scheut sich nicht, jedes Mittel zur Erreichung seines Zweckes anzuwenden. Die Frauen, mit jener Schönheit des Südens begabt, die Viele für den Augenblick unwiderstehlich anzieht, die aber nie auf immer zu fesseln vermag, suchen ihren höchsten Stolz, ihr Glück darin, zahllose Anbeter zu ihren wunderbar zarten Füßen zu sehen, und die Beschäftigung ihres Lebens besteht in den Künsten, durch die sie über die Nebenbuhlerinn den Sieg davon zu tragen hoffen. Kein Opfer ist ihnen zu groß, um solchen Triumph dadurch sich zu bereiten. Doch ich thue Unrecht, diese Eigenschaften als nur den Andalusierinnen angehörend hinzustellen, da alle ihre spanischen Schwestern gleichen Anspruch darauf machen dürfen; was aber unter diesen auf die höheren Classen, die feine Welt, beschränkt bleibt, während da, wohin solche Verfeinerung nicht gedrungen, auch die Sittenreinheit nicht ganz gewichen ist, das ist den Andalusierinnen allgemein, es ist ihnen eigenthümlich und angeboren.
Auch in dem Äußern der Städte hat die Ähnlichkeit mit denen des Orients sich bewahrt und drängt sofort der Beobachtung sich auf. Die Häuser, ohne Ausnahme schneeweiß, zeigen noch nach der Straße hin die kleinen, mit Eisengittern geschlossenen Fensterchen, durch welche muhamedanische Eifersucht die Tugend der Weiber zu sichern hoffte; nur in den größten Handelsstädten haben weite Balkonfenster ihre neidischen Brüder zu verdrängen vermocht. Die flachen Dächer sind mit duftenden Blumen geschmückt, oft ganz in Gärten verwandelt und laden freundlich zum Genusse der frischen Abendluft, während in den größeren Gebäuden weite Marmorsäle und kühlende Springbrunnen in die Zauberpaläste der Sultane uns versetzen.
Das prachtvolle Sevilla lag vor uns, berühmt durch sein Clima, seine Gärten und die Tertulias mit den reizenden Frauen, die in schmachtender Schönheit die übrigen Töchter Spaniens weit überstrahlen. Schon dehnte der Guadalquivir, ein weiter Meeresarm, in stolzer Breite sich aus, bedeckt mit zahllosen Fahrzeugen, die in jeder Größe und Gestalt, von dem Handelsschiffe, welches reich mit Indiens Schätzen beladen nach Monate langer Fahrt von dem fernen Manila heimkehrte, und dem alle Hindernisse im gleichmäßigen Fluge besiegenden Dampfschiffe bis zum Fischernachen oder der anmuthigen Gondel, die tausendfachen Bedürfnisse der Sevillaner zu befriedigen bestimmt sind. Jenseit des Flusses erhob sich die Kuppel der prachtvollen Kathedrale, kühn den Wolken zustrebend und von den Spaniern als Meisterwerk ihrer Architektur hoch geschätzt. Die niederen Thürme der zahllosen Kirchen und Klöster umringten sie, mehr ihre Herrlichkeit hervorhebend, wie die Edlen den verehrten Herrscher, während die dichte Masse der Häuser, dem treuen Volke gleich, vertrauensvoll zu den Füßen der erhabenen Königinn ruhte, in deren Glanz und Größe sie ja sich selbst verherrlicht sieht.
Ein altes Kloster nahm uns auf, von Außen abschreckend in seinem grauen, düstern Braun; da wir aber den innern Hof betraten, mit Orangen und Cypressen geschmückt, überraschte mich der Ausdruck der Eleganz und Pracht, die das Innere fast aller spanischen Klöster auszeichnen, den Reichthum verkündend, durch den sie den Haß des Volkes auf sich zogen. In bitterer Mißstimmung brachte ich die kurze Zeit hin, welche wir in Sevilla’s Mauern zurückgehalten wurden. Konnte es anders sein, da ich verdammt war, die Hauptstädte der schönen Halbinsel zu betreten, die Gegenden zu durchwandern, deren Schilderung so oft mein Interesse erregt und die lebhafte Sehnsucht, sie kennen zu lernen, in mir angefacht hatte; da ich nun verdammt war, sie nur zu durchwandern, ein Gefangener, dem der Genuß so vieler Reize versagt war, da ich gerade hinreichend sie sehen durfte, um den harten versagenden Zwang auf das bitterste mich fühlen zu lassen.
Wir durchschnitten, wieder auf das linke Ufer des Guadalquivir zurückkehrend, die herrliche Ebene zwischen Sevilla und Xerez de la Frontera, aßen das unübertreffbare Brod von Alcalá de los Panaderos, durch die ganze Halbinsel als Leckerbissen verkauft,[40] und rasteten in las Cabezas, welches in der Geschichte traurige Berühmtheit erlangte, indem dort die Revolution von 1820 ausbrach, durch die das Heer, welches, zur Bekämpfung der aufgestandenen Colonien bestimmt, den Befehl zur Einschiffung erwartete, die Waffen gegen seinen König wandte und die Constitution proclamirte, die erst der Einmarsch der französischen Armee umstürzte. Dann bewunderte ich, da ein deutscher Kaufmann, den Wache habenden Officier zu Gaste ladend, mich nach seiner Wohnung führen durfte, das freundliche Xerez, schön und anmuthig wie der Wein, den seine fruchtbaren Umgebungen erzeugen, und bald sahen wir von dem Puerto de Santa Maria aus unsern endlichen Bestimmungsort — Cadix — aus den Wogen auftauchen, glänzend weiß in der Morgensonne weithinleuchtend, stolz in der Erinnerung seiner früheren Größe. Wiewohl die Entfernung zu Wasser kaum zwei Stunden beträgt, mußten wir der sechs Leguas langen Landstraße über den Puerto Real und die Isla de Leon folgen, deren berühmte Caserne, die geräumigste und prachtvollste des Königreiches, der Angabe nach für 18000 Mann eingerichtet, eine Nacht uns beherbergte. In ihr fanden wir einige Tausend unserer armen Burschen im entsetzlichsten Elende schmachtend und doch unerschütterlich fest; blutenden Herzens verließen wir sie, ach! ohne helfen zu können. Mit Thränen in den Augen begrüßten mich mehrere Leute meiner Compagnie, die gleich mir verwundet in Gefangenschaft gerathen waren. Meine Lage war beneidenswerth, mit der ihrigen verglichen.
Am folgenden Tage zogen wir nach der berühmten Festung, einer der wenigen Spaniens, deren Napoleon’s Schaaren nie sich bemächtigen konnten. Cadix, wenn auch seit dem Verluste der amerikanischen Colonien und dem damit verbundenen Fallen des Handels von der Größe und dem Reichthum gesunken, die einst zur ersten Handelsstadt von Europa es machten, zeichnet sich stets durch die Schönheit, die liebliche Zierlichkeit aus, die nebst seinem unermeßlichen Wohlstande den Namen der tasa de plata — der Silbertasse — ihm erwarben. Ein anziehendes Denkmal des geschwundenen Glanzes hat es den lebhaften, die Schätze aller Zonen und aller Welttheile in ihm aufstapelnden Verkehr sich entrissen gesehen, den seine Lage ihm auf immer zu sichern schien. Aber die mannigfachen Annehmlichkeiten, die das Clima, gemildert durch den wohlthätigen Einfluß des Meeres, welches die Stadt umwogt, ihr zu geben vermochten, und die herrliche Lage der schönsten Provinz Spaniens gegenüber sind ihr mit dem Verluste des Handels nicht genommen; noch immer bleibt der Ausspruch des phantastisch genialen Dichters Britanniens wahr, der Cadix als die reizendste der Städte rühmt.
Durch seine Lage auf einer kleinen Felseninsel wird Cadix zur außerordentlich starken Festung gemacht, während die Nähe des festen Landes ihm erlaubt, den höchsten Einfluß auf die dortigen Ereignisse zu üben, wie in den Kriegen und Umwälzungen, welche in diesem Jahrhunderte die Halbinsel zerrütteten, mehrfach sich bewährt hat. Die Entfernung von der Küste reicht hin, um gegen eine Belagerung von dort aus wie gegen die Wirkung auch der schwersten Kanonen die Stadt zu sichern, doch vermögen große Mörser ihre Geschosse bis zu ihr zu schleudern; so verursachten die Franzosen in dem einen Stadtviertel, bis in welches sie ihre Bomben trieben, einige Verheerung, da sie die gewaltigen Mörser, welche später als Trophäe nach England gebracht wurden, nahe am Strande aufgepflanzt hatten. Eine zwei Stunden lange, schmale Landenge verbindet die Festung mit der Isla de Leon und der auf derselben liegenden Stadt San Fernando, die, gleichfalls stark befestigt und durch einen Wassergraben ganz vom Lande getrennt, als Außenwerk von Cadix betrachtet werden darf. Jene Enge, künstlich erhoben, ist so schmal, daß die auf ihr hinlaufende Chaussée zu beiden Seiten vom Meere bespült und zur Zeit der höchsten Ebbe von grundlosem Moraste umgeben, oft aber von den Wellen bedeckt ist; sie wird durch starke Cortaduras — Abschnitte — gedeckt und kann in wenigen Minuten ganz vernichtet werden.
Noch gehören mehrere bedeutende, zum Theil auf abgesonderten Inselchen angelegte und hauptsächlich zur Deckung des Zuganges zum Hafen bestimmte Forts in das Vertheidigungs-System der Festung, welche, so lange der thätige Erfindungsgeist nicht mit neuen, furchtbareren Angriffsmitteln uns bekannt macht, als von der Landseite aus unnehmbar betrachtet werden darf.
So war ich endlich auf dem Punkte angelangt, der nach dem furchtbar mühevollen Marsche noch traurigere Ruhe mir gewähren sollte. Nachdem wir einige Tage in dem Stadtgefängnisse, einem der ausgezeichnetsten Gebäude der Stadt, zugebracht hatten, wurden wir nach den Casematten gebracht, die vom Meere bespült und schauerlich feuchtkalt zu unserer Aufnahme bestimmt waren. In tiefe Kerker, die durch die Thür Licht und Luft erhielten, waren je dreißig bis vierzig gefangene Officiere eingeschlossen, während die Unterofficiere und Soldaten in der großen Caserne von la Isla zurückblieben. Unter den Unglücklichen, die abgezehrt und bleich uns zu begrüßen kamen, fand ich einige der Cameraden, die mit mir aus den baskischen Provinzen abmarschirt waren, und viele andere, welche wir dort zurückgelassen hatten, mißmuthig über die Entscheidung, die sie noch unthätig zu bleiben verdammte. Tief bewegt lernte ich die unendlichen Leiden kennen, die sie bestanden, und vernahm die Kunde von dem rühmlichen Tode so Vieler, die ich einst trauernd scheiden sah, deren Glück ich oft beneidet hatte; mit innigem Schmerze hörte ich die Schilderung von dem Untergange der kleinen, schönen Division, da sie, wie die Tausende anderer Braven, nutzlos dem unvermeidlichen Verderben geweiht war.
[39] Nicht mit dem gleichnamigen Dorfe der Provinz Cuenca zu verwechseln, in dem ich gefangen genommen war.
[40] Ferdinand VII. ließ Bäcker, Mehl, Wasser und alles zum Backen Nöthige von Alcalá nach Madrid bringen, ohne doch so gutes Brod dort schaffen zu können; die Luft soll Schuld daran sein. Jenes Brod ist in der That schöner als das beste Biscuit und wird auf Maulthieren nach Lissabon, Madrid und selbst Barcelona versendet.