Begnadigungsacte.

Die Niederlage der Whigs wurde durch eine Mittheilung von Seiten des Königs vervollständigt. Caermarthen erschien im Hause der Lords mit einem von Wilhelm unterzeichneten Pergament in der Hand. Es war eine Begnadigungsacte für politische Vergehen.

Eine vom Souverain ausgehende Begnadigungsacte und eine von den Ständen des Reichs ausgehende Indemnitätsacte unterscheiden sich in einigen wesentlichen Punkten von einander. Eine Indemnitätsacte geht durch alle Stadien, die andere Gesetze durchlaufen müssen und kann auf diesem Wege von beiden Häusern abgeändert werden. Eine Begnadigungsacte wird mit besonderer Ehrerbietung aufgenommen, wird nur einmal bei den Lords und einmal bei den Gemeinen gelesen und muß entweder ganz verworfen oder so wie sie ist angenommen werden.[100] Dem vorigen Parlamente hatte Wilhelm eine solche Acte nicht vorzulegen gewagt. In dem neuen Parlamente aber war er der Majorität gewiß und die Minorität gab keinen Grund zu Besorgnissen. Der Starrsinn, der zwei Sessionen hindurch den Fortschritt der Indemnitätsbill gehemmt hatte, war endlich durch Niederlagen und Demüthigungen gebrochen. Beide Häuser hörten die Lesung der Begnadigungsacte stehend und entblößten Hauptes an und genehmigten sie ohne eine einzige dissentirende Stimme.

Diese Einstimmigkeit würde nicht stattgefunden haben, wären nicht einige große Verbrecher von der Amnestie ausgeschlossen gewesen. Unter diesen standen in erster Reihe die noch lebenden Mitglieder des hohen Gerichtshofes, der Karl I. verurtheilt hatte. Ihnen reihten sich die beiden namenlosen Scharfrichter an, welche mit maskirten Gesichtern auf dem Schaffot vor dem Bankethause ihr Henkeramt verrichtet. Niemand wußte wer und welchen Standes sie waren. Vielleicht lebten sie schon längst nicht mehr. Dennoch hielt man es für nothwendig zu erklären, daß, wenn sie jetzt, nach einem Zeitraum von einundvierzig Jahren entdeckt würden, sie noch immer der Strafe für ihr großes Verbrechen unterliegen sollten. Vielleicht würde es kaum nöthig gewesen sein, diese Männer zu erwähnen, wären nicht durch das kürzliche Erscheinen Ludlow’s in England die Animositäten der vorhergehenden Generation wieder angefacht worden. Außerdem wurden etwa dreißig von den Werkzeugen der Tyrannei Jakob’s dem Gesetz überlassen. Mit diesen wenigen Ausnahmen wurden alle bis zu dem Tage, an welchem der Acte die königliche Namensunterschrift beigefügt worden, mit dem Mangel der Vergessenheit bedeckt.[101] Selbst diejenigen Verbrecher, welche mit Namen ausgenommen waren, hatten wenig zu fürchten. Viele von ihnen lebten im Auslande, und die in England befindlichen waren überzeugt, daß man sie nicht behelligen würde, wenn sie sich keines neuen Vergehens schuldig machten.

Die Begnadigungsacte verdankte die Nation Wilhelm allein und sie ist einer seiner reinsten und edelsten Ruhmestitel. Vom Beginn der bürgerlichen Unruhen des 17. Jahrhunderts bis zur Revolution war auf jeden von der einen oder der andren Partei gewonnenen Sieg eine blutige Proscription gefolgt. Als die Rundköpfe über die Cavaliere siegten, als die Cavaliere über die Rundköpfe siegten, als die Fabel von der papistischen Verschwörung den Whigs das Uebergewicht gab, als die Entdeckung des Ryehousecomplots das Uebergewicht den Tories zurückgab, war Blut, wieder Blut und immer wieder Blut geflossen. Jeder große Ausbruch und jeder große Umschwung des Volksgeistes war von strengen Maßregeln begleitet gewesen, denen die herrschende Partei seiner Zeit lauten Beifall zollte, welche aber die Geschichte und die Nachwelt bei ruhiger Betrachtung gemißbilligt haben. Kein einsichtsvoller und humaner Mann, welcher politischen Meinung er auch huldigen mag, spricht jetzt ohne Tadel von dem Tode Laud’s oder Vane’s, Stafford’s oder Russell’s. Von den wechselseitigen Schlächtereien ist die letzte und schlimmste die, welche untrennbar mit den Namen Jakob und Jeffreys verbunden ist. Sie würde aber sicherlich nicht die letzte, und vielleicht auch nicht die schlimmste gewesen sein, hätte Wilhelm nicht soviel Tugend und Festigkeit besessen, dem Drängen seiner eifrigsten Anhänger entschieden zu widerstehen. Diese Männer wollten für Alles was sie während sieben unheilvoller Jahre erduldet hatten, furchtbare Wiedervergeltung üben. Das Schaffot Sidney’s, der Galgen Cornish’s, der Scheiterhaufen, auf welchem Elisabeth Gaunt in den Flammen umgekommen war, weil sie einen Flüchtling beherbergt, die Portale der Kirchen von Somersetshire, über denen die Köpfe und Gliedmaßen ermordeter Landleute ausgesteckt waren, die Kielräume der Jamaikaschiffe, aus denen jeden Tag der Leichnam eines vor Durst und verdorbener Luft umgekommenen Gefangenen den Haifischen vorgeworfen worden war: dies Alles war bei der Partei, welche der Revolution auf einige Zeit die Herrschaft im Staate verschafft hatte, noch in frischem Andenken. Einige Oberhäupter dieser Partei hatten ihr Leben durch hohe Lösegelder erkauft; Andere hatten lange in Newgate geschmachtet; noch Andere hatten Winter auf Winter in den Mansarden von Amsterdam gedarbt und gefroren. Es war ganz natürlich, daß sie zur Zeit ihrer Macht und ihres Glücks einen Theil der ertragenen Leiden ihren Feinden zurückzugeben wünschten. Ein ganzes Jahr lang verfolgten sie ihren Racheplan. Es gelang ihnen, eine Indemnitätsbill nach der andren zu Schanden zu machen, und nichts stand zwischen ihnen und ihren Opfern als Wilhelm’s unerschütterlicher Entschluß, daß der Ruhm der großen Befreiung, die er bewerkstelligt, nicht durch Grausamkeiten befleckt werde. Seine Milde war eine nur ihm eigene. Es war nicht die Milde eines damit Prahlenden, oder eines Sentimentalen, oder eines Sanftmüthigen. Sie war kalt, schroff, unbeugsam. Sie brachte keine schönen theatralischen Effecte hervor, sie zog ihm heftige Schmähungen von Seiten Derjenigen zu, deren böswillige Leidenschaften er nicht befriedigen wollte, und trug ihm keinen Dank von Seiten Derer ein, die ihm Vermögen, Freiheit und Leben verdankten. Während die heftigen Whigs über seine Nachsicht spöttelten, machten ihm die Agenten der gestürzten Regierung, sobald sie ihre Stellungen gesichert sahen, anstatt ihre Verpflichtungen gegen ihn anzuerkennen, in beleidigender Sprache Vorwürfe wegen der Milde, die er auf sie ausgedehnt hatte. Seine Begnadigungsacte, sagten sie, habe seine Erklärung vollständig widerlegt. Könne man wohl glauben, daß er, wenn an den Beschuldigungen, die er gegen die vorige Regierung erhoben, etwas Wahres sei, den Schuldigen Straflosigkeit gewährt haben würde? Er selbst gestehe jetzt mit seiner eigenhändigen Unterschrift ein, daß die Geschichten, durch welche er und seine Freunde die Nation getäuscht und die königliche Familie vertrieben hätten, bloße Verleumdungen seien, die er zur Erreichung seines Zweckes ersonnen. Jetzt, nachdem dieser Zweck erreicht sei, würden die Beschuldigungen, durch die er den Volksgeist bis zum Wahnsinn erhitzt habe, kalt zurückgenommen.[102] Doch er ließ sich durch nichts von dem Allen irre machen. Er hatte wohl gethan. Er hatte seine Popularität bei Leuten, die seine wärmsten Verehrer gewesen waren, aufs Spiel gesetzt, um Leuten, die seinen Namen nie anders als mit einer Verwünschung nannten, Ruhe und Sicherheit zu verschaffen, und hatte Denen, die er beschützt, keine geringere Wohlthat erwiesen als Denen, die er um ihre Rache gebracht. Die eine Partei hatte er vor einer Proscription, die andre vor einer Reaction bewahrt, die eine solche Proscription unvermeidlich erzeugt haben würde. Schlimm genug für sein Volk, wenn es seine Politik nicht gebührend würdigte. Er hatte seine Pflicht gegen dasselbe erfüllt, und er scheute weder Tadel, noch verlangte er Dank.