Die Häupter des Clubs verrathen einander.

Roß war der Erste, der zum Angeber wurde. Nach der Manier der Schule, in der er erzogen war, beging er diese Nichtswürdigkeit mit allen Formen der Heiligkeit. Er gab vor, sich in großer Seelenangst zu befinden, schickte nach einem berühmten presbyterianischen Geistlichen, Namens Dunlop, und jammerte kläglich: „Es liegt eine Last auf meinem Gewissen, ich weiß ein Geheimniß, das ich enthüllen sollte, aber ich kann es nicht über mich gewinnen.” Dunlop betete lange und inbrünstig. Roß schluchzte und weinte, bis endlich der Himmel durch das heftige Flehen erstürmt worden zu sein schien. Die Wahrheit kam heraus, und mit ihr viele Lügen. Der Geistliche und der Bußfertige vereinigten dann ihre Dankgebete. Dunlop eilte mit der Nachricht zu Melville, Roß begab sich nach England, um sich mit dem Hofe auszusöhnen, und er kam wohlbehalten am Orte seiner Bestimmung an, obgleich einige seiner Complicen, die von seinem reumüthigen Geständnisse gehört hatten, aber wenig davon erbaut worden waren, Anschläge geschmiedet hatten, ihm unterwegs die Gurgel abzuschneiden. In London betheuerte er bei seiner Ehre und auf sein Wort als Gentleman, daß er wider seinen Willen in das Complot gezogen worden sei, daß er dasselbe stets verabscheut habe und daß Montgomery und Ferguson die wirklichen Schuldigen seien.[103]

Inzwischen pries Dunlop überall wohin er kam, die göttliche Güte, die durch ein so bescheidenes Werkzeug wie er eine vornehme Person auf den rechten Weg zurückgeführt habe. Kaum hörte Montgomery von diesem wundervollen Gnadenwerke, so begann auch er Reue zu empfinden. Er ging zu Melville, legte demselben ein mit dem Roß’schen nicht ganz übereinstimmendes Geständniß ab und erhielt einen Paß nach England. Wilhelm war damals in Irland und Marie regierte anstatt seiner. Ihr warf sich Montgomery zu Füßen. Er versuchte ihr Mitleid rege zu machen, indem er von seinem zerrütteten Vermögen sprach, und sich bei ihr einzuschmeicheln, indem er ihr liebreiches, huldvolles Wesen pries. Er bezeichnete ihr die Namen seiner Mitverschwornen und gelobte sein ganzes Leben ihrem Dienste zu weihen, wenn sie ihm eine Anstellung verschaffte, die ihm eine anständige Existenz sicherte. Sie wurde so gerührt durch seine Bitten und Schmeicheleien, daß sie ihn der Nachsicht ihres Gemahls empfahl; Wilhelm aber konnte das gerechte Mißtrauen und den Abscheu, womit er Montgomery betrachtete, nicht überwinden.[104]

Bevor der Verräther bei der Königin vorgelassen wurde, hatte er die Zusage erlangt, unbehindert wieder abreisen zu dürfen. Diese Zusage wurde gehalten. Er hielt sich noch mehrere Monate in London verborgen und es gelang ihm in Unterhandlung mit der Regierung zu treten. Er erbot sich unter der Bedingung, daß er eine gute Stelle bekäme, als Zeuge gegen seine Mitschuldigen aufzutreten. Wilhelm aber wollte nichts weiter als Begnadigung gewähren, und so wurden die Unterhandlungen endlich abgebrochen. Montgomery ging auf einige Zeit nach Frankreich, kehrte aber bald wieder nach London zurück und brachte den freudenleeren Rest seines Lebens damit hin, daß er Complote schmiedete, die nicht zur Ausführung kamen, und Libelle schrieb, die sich durch einen eleganten und kräftigen Styl von den meisten Erzeugnissen der jakobitischen Presse vortheilhaft unterscheiden.[105]

Als Annandale erfuhr, daß seine beiden Complicen zu Angebern geworden waren, zog er sich nach Bath zurück und gab vor, die dortige Kur zu brauchen. Von da wurde er durch einen Verhaftsbefehl bald nach London gebracht. Er gestand ein, daß er sich zum Hochverrath habe verleiten lassen, erklärte aber, daß er zu den Plänen Anderer nur Amen gesagt habe und daß seine fast kindliche Einfalt von Montgomery, diesem schändlichsten, falschesten und unruhigsten Menschen, den es gebe, benutzt worden sei. Der edle Büßer versuchte sodann seine eigne Schuld durch Anklagen anderer Leute, Engländer und Schotten, Whigs und Tories, Schuldiger und Unschuldiger, zu sühnen. Einige klagte er auf eignes Wissen hin, Andere nach bloßem Hörensagen an. Unter Denen, die er auf eignes Wissen hin anklagte, befand sich Neville Payne, der, wie es scheint, weder von Roß, noch von Montgomery erwähnt worden war.[106]

Der durch Boten und Verhaftsbefehle verfolgte Payne war so übel berathen, daß er nach Schottland flüchtete. Wäre er in England geblieben, so würde ihm nichts geschehen sein, denn obwohl die moralischen Beweise seiner Schuld vollkommen waren, lag doch kein legaler Beweis gegen ihn vor, der eine Jury hätte überzeugen können, daß er Hochverrath begangen; er konnte der Folter nicht unterworfen werden, um ihn zur Selbstanklage zu zwingen, und eben so wenig durfte er lange in Haft gehalten werden, ohne daß man ihn vor Gericht stellte. Von dem Augenblicke an aber, wo er die Grenze überschritt, befand er sich in der Gewalt der Regierung, deren Todfeind er war. Die Rechtsforderung hatte in Fällen wie der seinige die Folter als ein statthaftes Mittel, Aufschluß zu erlangen, anerkannt, und keine Habeascorpusacte schützte ihn vor einer langen Detention. Der Unglückliche wurde festgenommen, nach Edinburg gebracht und vor den Geheimen Rath gestellt. Man war allgemein der Ansicht, daß er ein Schurke und Feigling sei und daß der bloße Anblick der spanischen Stiefeln und Daumenschrauben ihm alle die strafwürdigen Geheimnisse entlocken werde, die man ihm anvertraut hatte. Aber Payne besaß viel mehr Muth als die hochgebornen Verschwörer, mit denen er zu seinem Unglück in Verbindung gestanden hatte. Zweimal wurde er den fürchterlichsten Martern unterworfen, aber nicht ein Wort, durch das er sich selbst oder irgend jemand Andren angeklagt hätte, konnte ihm entrissen werden. Einige Räthe verließen schaudernd den Sitzungssaal. Aber der fromme Crawford präsidirte. Er ließ sich, wo ein Amalekiter im Spiele war, von der Schwäche des Mitleids nicht leicht übermannen, und zwang den Folterknecht, einen Keil nach dem andren zwischen die Knie des Gefangenen einzutreiben, bis der Schmerz so groß war, als der menschliche Körper ihn ertragen kann, ohne die Lebensfähigkeit zu verlieren. Payne wurde dann in das edinburger Schloß gebracht, wo er lange blieb, gänzlich vergessen von Denen, um derentwillen er, wie er in rührenden Worten beklagte, mehr als die Qual des Todes erduldet hatte. Doch keine Undankbarkeit vermochte die Gluth seiner fanatischen Treue zu dämpfen und noch Jahre lang entwarf er in seinem Kerker Insurrections- und Invasionspläne.[107]