Jakob’s Verwaltung in Dublin.
Jakob hätte die Zeit, während seine Truppen in ihren Winterquartieren lagen, eben so gut anwenden sollen. Strenge Disciplin und regelmäßige Waffenübungen hätten die athletischen und begeisterten Landleute, die unter seinem Banner versammelt waren, in gute Soldaten verwandeln können. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen. Der Hof von Dublin beschäftigte sich während dieser Zeit der Unthätigkeit mit Spiel und Wein, mit Liebesbriefen und Herausforderungen. Die Hauptstadt gewährte zwar keinen sehr glänzenden Anblick, denn die Gesammtzahl der Equipagen, welche daselbst aufgebracht werden konnten, die des Königs und der französischen Gesandtschaft mit eingerechnet, betrug keine vierzig.[105] Aber trotz des geringen Glanzes herrschte doch große Ausschweifung. Ernste Katholiken schüttelten die Köpfe und sagten, das Schloß sehe nicht aus wie der Palast eines Königs, der sich rühme der Vorkämpfer einer Kirche zu sein.[106] Die militärische Verwaltung war noch eben so traurig bestellt als je. Die Cavallerie wurde zwar durch die Bemühungen einiger tapferer Offiziere auf einer hohen Stufe der Tüchtigkeit erhalten; aber ein Infanterieregiment unterschied sich durch nichts als den Namen von einer starken Bande Rapparees. Ja, eine Bande Rapparees belästigte sogar die friedlichen Bürger weniger und fügte dem Feinde mehr Schaden zu als ein Regiment Infanterie. Avaux schilderte in einer Denkschrift, die er Jakob überreichte, mit nachdrücklichen Worten die Mißbräuche, welche das irische Fußvolk zu einem Fluche und zu einer Schmach für Irland machten. Ganze Compagnien, sagt der Gesandte, verlassen auf dem Marsche ihre Fahnen und machen Abstecher nach Rechts und Links, um zu plündern und zu verwüsten; der Soldat sorgt nicht für Instandhaltung seiner Waffen, der Offizier kümmert sich nie darum, ob die Waffen in gutem Stande sind und die Folge davon ist, daß jeder dritte Mann sein Gewehr verloren hat und jeder andre dritte Mann ein Gewehr besitzt, das nicht losgeht. Avaux beschwor den König, das Maraudiren zu verbieten, anzubefehlen, daß die Truppen regelmäßig exercirt würden und jeden Offizier zu bestrafen, der es duldete, daß seine Leute ihre Waffen und Monturen vernachlässigten. Wenn dies geschehe, dürfe Se. Majestät hoffen, zum bevorstehenden Frühjahr eine Armee zu commandiren, mit der der Feind sich gar nicht werde messen können. Der Rath war ganz gut, Jakob aber so weit entfernt, denselben anzunehmen, daß er ihn kaum geduldig anhören wollte. Noch ehe ihm acht Zeilen vorgelesen waren, gerieth er in Zorn und beschuldigte den Gesandten der Uebertreibung. „Diese Schrift, Sire, ist nicht für die Oeffentlichkeit geschrieben,” sagte Avaux, „sondern nur zur Aufklärung Eurer Majestät, und in einer Schrift, welche den Zweck hat, Eure Majestät aufzuklären, sind Schmeichelei und Beschönigung nicht angewandt. Doch ich will nicht darauf bestehen, etwas vorzulesen, was Ihnen so unangenehm ist.” — „Lesen Sie weiter,” versetzte Jakob ärgerlich, „ich will das Ganze hören.” Er wurde nach und nach ruhiger, nahm die Denkschrift an sich, und versprach einige der darin enthaltenen Winke zu benutzen. Aber sein Versprechen war bald wieder vergessen.[107]
Seine Finanzverwaltung war das genaue Ebenbild seiner Militärverwaltung. Seine einzige fiskalische Hülfsquelle war directe oder indirecte Beraubung. Jeder Protestant, der in irgend einem Theile der drei südlichen Provinzen Irland’s zurückgeblieben war, wurde direct beraubt durch den einfachen und kurzen Prozeß, daß man ihm sein Geld aus dem Kasten, seinen Wein aus dem Keller, sein Brennmaterial vom Hofe und seine Kleider aus der Garderobe nahm. Indirect wurde er durch eine neue Verausgabung von Münzen beraubt, welche kleiner und geringhaltiger waren als irgend welche die bisher das Bildniß und die Legende Jakob’s getragen hatten. Selbst das Kupfergeld begann in Dublin selten zu werden, und man sah sich genöthigt, Ludwig um Unterstützung anzugehen, der seinem Verbündeten großmüthig eine alte geborstene Kanone schenkte, um Kronen und Schillinge daraus prägen zu lassen.[108]
Ein Hülfscorps von Frankreich nach Irland gesandt.
Doch der französische König hatte beschlossen, einen Succurs ganz andrer Art hinüberzuschicken. Er erbot sich vier irische Regimenter in seinen Dienst zu nehmen und durch die beste damals in der Welt bekannte Disciplin ausbilden zu lassen. Sie sollten von Macarthy commandirt werden, der bei Newton Butler schwer verwundet und gefangen genommen worden war. Er war von seinen Wunden genesen und hatte durch Wortbruch seine Freiheit wieder erlangt. Diesen schimpflichen Wortbruch hatte er durch erbärmliche Winkelzüge und sophistische Entschuldigungen, die einem Jesuiten besser angestanden haben würden als einem Edelmann und Soldaten, noch schimpflicher gemacht. Ludwig wollte es sich gefallen lassen, daß ihm die Leute in Lumpen gehüllt und unbewaffnet zugeschickt würden, nur bestand er darauf, daß die Gemeinen kräftige Burschen und die Offiziere keine bankerottirten Kaufleute und fortgejagte Lakaien, sondern womöglich Leute von guter Familie wären, die Pulver gerochen hätten. Für diese Truppen, deren Zahl sich auf nicht ganz viertausend Mann belief, verpflichtete er sich, zwischen sieben- und achttausend vortreffliche französische Infanteristen nach Irland zu schicken, welche in einer Schlacht voraussichtlich von größerem Nutzen sein würden, als sämmtliche Kernes von Leinster, Munster und Connaught zusammengenommen.[109]
Einen großen Fehler beging er dabei. Die Armee, die er Jakob zur Unterstützung sandte, war zwar klein im Vergleich zu der Armee in Flandern oder zu der Rheinarmee, aber sie war zu einem Dienste bestimmt, von welchem das Schicksal Europa’s abhängen konnte, und hätte daher von einem ausgezeichneten General befehligt werden sollen. Es fehlte in Frankreich nicht an solchen Generälen; aber Jakob und seine Königin baten dringend um Lauzun, und sie setzten seine Ernennung durch, trotz Avaux’ energischer Gegenvorstellungen, trotz Louvois’ Rath und trotz Ludwig’s gegentheiliger Meinung.
Als Lauzun sich in Louvois’ Cabinet begab, um seine Instructionen in Empfang zu nehmen, führte der kluge Minister eine Sprache, welche deutlich bewies, wie wenig Vertrauen er in den eitlen und excentrischen fahrenden Ritter setzte. „Lassen Sie Sich um des Himmels willen nicht durch Ihre Kampflust hinreißen. Setzen Sie Ihren ganzen Ruhm darein, die Engländer zu ermüden und vor Allem halten Sie strenge Mannszucht.”[110]
Lauzun’s Ernennung war nicht nur an sich ein Mißgriff, sondern man mußte auch, um einen Mann an einen Posten zu stellen, dem er nicht gewachsen war, zwei andere Männer von Posten entfernen, für die sich beide ganz vorzüglich eigneten. So unmoralisch und hartherzig Rosen und Avaux immer sein mochten, so war doch Rosen ein geschickter Feldherr und Avaux ein gewandter Diplomat. Obwohl es nicht wahrscheinlich ist, daß sie im Stande gewesen wären, Irland’s Schicksal abzuwenden, so würden sie doch wahrscheinlich den Kampf haben in die Länge ziehen können, und daß der Kampf in die Länge gezogen wurde, lag offenbar im Interesse Frankreich’s. Es würde jedoch eine Beleidigung für den greisen General gewesen sein, wenn man ihn unter Lauzun’s Oberbefehl gestellt hätte, und zwischen Lauzun und dem Gesandten bestand eine so heftige Feindschaft, daß ein herzliches Zusammenwirken von ihnen nicht zu erwarten gewesen wäre. Rosen und Avaux wurden daher Beide unter vielen besänftigenden Versicherungen der königlichen Zufriedenheit und Gunst nach Frankreich zurückberufen. Zu Anfang des Frühjahrs segelten sie mit der Flotte, welche Lauzun nach Irland gebracht hatte, von Cork ab.[111] Lauzun war nicht sobald gelandet, als er sich überzeugte, daß nichts zu seinem Empfange vorbereitet war, obgleich man ihn seit längerer Zeit erwartet hatte. Es waren keine Quartiere für seine Leute, keine Magazine zur Aufnahme seiner Vorräthe, keine Pferde, keine Fuhrwerke besorgt.[112] Seine Truppen mußten die Beschwerden eines langen Marsches durch eine Wüste ertragen, ehe sie nach Dublin gelangten. Hier fanden sie allerdings leidliche Verpflegung. Sie erhielten freies Quartier bei Protestanten, hatten reichlich Brot und drei Pence täglich. Lauzun wurde zum Oberbefehlshaber der irischen Armee ernannt und nahm seine Residenz im Schlosse.[113] Sein Gehalt war der nämliche wie der des Vicekönigs, achttausend Jakobus, gleich zehntausend Pfund Sterling jährlich. Diese Summe erbot sich Jakob nicht in Kupfermünze mit seinem Bildniß, sondern in französischem Golde zu bezahlen. Lauzun aber, zu dessen Fehlern die Habsucht nicht gehörte, weigerte sich, seine Kasse aus einem fast leeren Schatze zu füllen.[114]
Auf ihn und die ihn begleitenden Franzosen machten das Elend des irischen Volks und die Verkehrtheit der irischen Regierung einen Eindruck, den sie schwer beschreiben konnten. Lauzun schrieb an Louvois, der Hof und das ganze Land befänden sich in einem Zustande, von welchem sich derjenige, der immer in wohlgeordneten Staaten gelebt habe, keinen Begriff machen könne. Es sei, sagte er, ein Chaos wie das, von dem er im ersten Buche Mosis gelesen habe. Die öffentlichen Beamten thäten weiter nichts, als daß sie sich mit einander stritten und die Regierung und das Volk ausplünderten. Nachdem er etwa einen Monat im Schlosse zugebracht, erklärte er, daß er um Alles in der Welt keinen zweiten solchen Monat durchleben möchte, und seine tüchtigsten Offiziere bestätigten seine Aussage.[115] Einer von ihnen war allerdings so ungerecht, das irische Volk nicht nur als unwissend und träge, was es in der That war, sondern auch als hoffnungslos dumm und gefühllos zu schildern, was es sicherlich nicht war. Die englische Politik, sagte er, habe sie so vollkommen verthiert, daß man sie kaum noch menschliche Geschöpfe nennen könne. Sie seien unempfindlich gegen Lob und Tadel, gegen Versprechungen und Drohungen; und doch sei es schade um sie, denn sie seien in physischer Hinsicht der schönste Menschenschlag in der Welt.[116]