Das Ermordungscomplot; Sir Georg Barclay.

Eine gefährlichere Rolle war einem Emissär von niedererem Range aber großer Gewandtheit, Thätigkeit und Unerschrockenheit übertragen. Dies war Sir Georg Barclay, ein schottischer Gentleman, der mit Ehren unter Dundee gedient und der sich, als der Krieg in den Hochlanden zu Ende war, nach Saint-Germains zurückgezogen hatte. Barclay wurde in das königliche Cabinet beschieden und empfing seine Instructionen aus dem Munde des Königs selbst. Er erhielt Befehl, sich heimlich über den Kanal nach London zu begeben. Es wurde ihm gesagt, daß einige auserlesene Offiziere und Soldaten ihm zu Zweien und Dreien auf dem Fuße folgen würden, und damit sie ihn leicht finden könnten, sollte er Montags und Donnerstags nach Einbruch der Dunkelheit unter dem Säulengange vom Coventgarden umhergehen und ein weißes Tuch aus seiner Rocktasche hervorblicken lassen. Er erhielt eine bedeutende Summe Geldes und eine Vollmacht, welche Jakob nicht nur unterzeichnet, sondern, von Anfang bis zu Ende eigenhändig geschrieben hatte. Diese Vollmacht autorisirte den Inhaber von Zeit zu Zeit diejenigen Acte von Feindseligkeit gegen den Prinzen von Oranien und seine Anhänger zu unternehmen, welche den Zwecken des Königs am meisten entsprechen würden. Welche nähere Erklärung Jakob diesen weit umfassenden Worten mündlich gab, wissen wir nicht.

Damit Barclay’s Abwesenheit von Saint-Germains keinen Verdacht erweckte, wurde ausgesprengt, daß sein lockerer Lebenswandel ihn in die Nothwendigkeit versetzt habe, sich von einem Arzte in Paris behandeln zu lassen.[97] Er reiste mit achthundert Pfund Sterling in seinem Koffer ab, eilte nach der Küste und schiffte sich an Bord eines Kapers ein, den die Jakobiten als regelmäßiges Packetboot zwischen Frankreich und England benutzten. Dieses Fahrzeug brachte ihn nach einem einsamen Orte im Romney Moor. Ungefähr eine halbe Meile von dem Landungsplatze wohnte ein Schmuggler, Namens Hunt, auf einer öden und ungesunden Sumpfstrecke, wo er keine anderen Nachbarn hatte als einige halbwilde Hirten. Seine Wohnung hatte eine Lage, die sich für den Schleichhandel mit französischen Waaren vortrefflich eignete, Ladungen von Lyoneser Seidenwaaren und Valencienner Spitzen, hinreichend, um dreißig Packpferde zu beladen, waren mehr als einmal in dieser traurigen Einöde gelandet worden, ohne Aufsehen zu erregen. Seit der Revolution aber war Hunt dahinter gekommen, daß von allen Ladungen eine Ladung Hochverräther am besten rentirte. Sein entlegener Wohnplatz wurde der Aufenthaltsort für hochangesehene Männer, für Earls und Barone, für Ritter und Doctoren der Theologie. Einige davon wohnten viele Tage unter seinem Dache in Erwartung einer Gelegenheit zur Ueberfahrt. Zwischen seinem Hause und London bestand eine geheime Postverbindung. Couriere eilten fortwährend hin und her; sie machten die Reise stets zu Fuße; aber sie sahen wie Gentlemen aus, und man raunte sich zu, daß einer von ihnen der Sohn eines vornehmen Mannes sei. Die aus Saint-Germains kommenden Briefe waren an Zahl und Umfang klein; um so zahlreicher und voluminöser aber waren die dahin abgehenden. Sie wurden wie Packete von Modewaaren verpackt und in dem Sumpfe vergraben, bis der Kaper sie abforderte.

Hier landete Barclay im Januar 1696, und von hier aus schlug er den Weg nach London ein. Wenige Tage später folgte ihm ein schlanker junger Mann, der seinen Namen verschwieg, aber Accreditive von höchster Autorität vorzeigte. Dieser junge Mann begab sich ebenfalls nach London. Hunt erfuhr nachher, daß sein bescheidenes Dach die Ehre gehabt hatte, den Herzog von Berwick zu beherbergen.[98]

Die Rolle, welche Barclay zu spielen hatte, war schwierig und gefährlich, und er unterließ keine Vorsichtsmaßregel. Er war selten in London gewesen und sein Aeußeres war daher den Agenten der Regierung unbekannt. Gleichwohl hatte er mehrere Wohnungen, verkleidete sich so gut, daß seine ältesten Freunde ihn am hellen Tage nicht erkannt haben würden, und doch wagte er sich selten auf die Straße, außer im Dunklen. Sein Hauptagent war ein Mönch, der mit Gefahr seines Kopfes unter verschiedenen Namen Beichte abnahm und Messe las. Dieser Mann theilte einigen von den Zeloten, mit denen er verkehrte, mit, daß ein Specialagent der königlichen Familie an gewissen Abenden zu einer gewissen Stunde in Coventgarden zu sprechen und an gewissen Zeichen kenntlich sei.[99] Auf diese Weise lernte Barclay mehrere für seine Zwecke geeignete Männer kennen. Die Ersten, denen er sich völlig offenbarte, waren Charnock und Parkyns. Er sprach mit ihnen über das Complot, das sie mit einigen ihrer Freunde im vergangenen Frühjahr gegen das Leben Wilhelm’s geschmiedet hatten. Charnock sowohl als Parkyns erklärten, daß der Plan leicht ausführbar sei, daß es unter den Royalisten nicht an beherzten Männern fehle und daß es nur eines Zeichen von Zustimmung von Seiten Sr. Majestät bedürfe.

Barclay producirte nun seine Vollmacht. Er bewies seinen beiden Complicen, daß Jakob ausdrücklich allen guten Engländern anbefohlen hatte, nicht allein sich mit bewaffneter Hand zu erheben, nicht allein gegen die Regierung des Usurpators Krieg zu führen, nicht allein Festungen und Städte einzunehmen, sondern auch von Zeit zu Zeit solche anderweitige Acte von Feindseligkeit gegen den Prinzen von Oranien vorzunehmen, wie sie dem Könige dienlich wären. Diese Worte, sagte Barclay, autorisirten offenbar einen Angriff auf die Person des Prinzen. Charnock und Parkyns waren befriedigt. Wie konnten sie in der That Zweifeln, daß Jakob’s vertrauter Agent seine Worte richtig deutete? Ja, wie hätten sie die umfassenden Worte der Vollmacht anders als in dem einen Sinne verstehen können, selbst wenn Barclay nicht dagewesen wäre, um sie zu commentiren? Wäre der Gegenstand niemals Jakob zur Erwägung unterbreitet worden, so hätte man allerdings glauben können, daß jene Worte seiner Feder ohne eine bestimmte Bedeutung entschlüpft seien. Aber es war ihm wiederholt mitgetheilt worden, daß einige seiner Freunde in England eine blutige That im Sinne hätten und daß sie nur auf seine Zustimmung warteten. Sie waren in ihn gedrungen, ein Wort zu sprechen, einen Wink zu geben. Er hatte lange geschwiegen, und jetzt wo er das Stillschweigen brach, sagte er ihnen bloß, sie möchten Alles thun, was ihm nützlich und dem Usurpator nachtheilig sein könnte. Sie hatten seine Erlaubniß in so deutlichen Ausdrücken, wie sie dieselbe in einem solchen Falle vernünftigerweise nur erwarten konnten.[100]

Es kam nur noch darauf an, eine genügende Anzahl muthiger und zuverlässiger Helfershelfer zu finden, für Pferde und Waffen zu sorgen und Ort und Stunde der Ermordung zu bestimmen. Vierzig bis fünfzig Mann wurden für ausreichend gehalten. Die Reiter von Jakob’s Garde, welche Barclay bereits über den Kanal gefolgt waren, bildeten ziemlich die Hälfte von dieser Anzahl. Jakob hatte selbst mit einigen dieser Leute vor ihrer Abreise von Saint-Germains gesprochen, ihnen Reisegeld gegeben, ihnen gesagt, welchen Namen jeder von ihnen in England annehmen sollte, ihnen befohlen, nach Barclay’s Weisungen zu handeln, und sie unterrichtet, wo Barclay zu finden und an welchem Zeichen er zu erkennen war.[101] Sie hatten Ordre, in kleinen Gruppen abzureisen und verschiedene Beweggründe für ihre Reise anzugeben. Einige waren krank, Andere waren des Dienstes überdrüssig; Cassels, einer der Lautesten und Profansten unter ihnen, sagte, daß er, weil er beim Militär keine Beförderung erlangen könne, in das schottische Collegium eintreten und eine Brotwissenschaft studiren wolle. Unter derartigen Vorwänden verließen etwa zwanzig auserwählte Männer den Palast Jakob’s, gingen über Romney Marsh nach London und fanden ihren Anführer im düstren Lampenlichte der Colonnade mit aus der Tasche herabhängendem Sacktuche auf und nieder gehen. Einer dieser Leute war Ambrosius Rookwood, der den Grad eines Brigadiers hatte und eines hohen Rufes von Muth und Ehrenhaftigkeit genoß; ein Andrer war der Major Johann Bernardi, ein Abenteurer von genuesischer Abkunft, dessen Name eine traurige Berühmtheit erlangt hat durch eine Strafe, die sich so unglaublich verlängerte, daß sie endlich noch eine Generation zu Mitleid rührte, die sich seines Verbrechens nicht erinnern konnte.[102]

Auf diese Abenteurer aus Frankreich setzte Barclay hauptsächlich sein Vertrauen. In einem Augenblicke emphatischer Ueberhebung nannte er sie seine Janitscharen und sprach die Hoffnung aus, daß sie ihm das St. Georgskreuz und den Hosenbandorden verschaffen würden. Aber es waren mindestens noch zwanzig Mörder nöthig. Wahrscheinlich erwarteten die Verschwörer werthvollen Beistand von Seiten Sir John Friend’s, der ein von Jakob ausgestelltes Oberstenpatent erhalten und um die Zeit, wo die Franzosen an der Küste von Kent erscheinen sollten, mit großer Thätigkeit Mannschaften angeworben und Waffen herbeigeschafft hatte. Der Plan wurde ihm mitgetheilt, aber er hielt ihn für so unüberlegt und war so fest überzeugt daß er der guten Sache nur schaden konnte, daß er seinen Freunden keinen Beistand leihen wollte, obgleich er ihr Geheimniß gewissenhaft bewahrte.[103] Charnock nahm es auf sich, acht entschlossene und zuverlässige Männer zu finden. Er theilte den Plan Porter mit, was Barclay nicht ganz billigte, denn er meinte, daß man einem Wirthshausraufbold, der noch kürzlich im Gefängniß gesessen, weil er betrunken in den Straßen umher renommirt und Hurrahs zu Ehren des Prinzen von Wales gerufen hatte, nicht wohl ein Geheimniß von so gefährlicher Wichtigkeit anvertrauen könne. Porter ging mit Begeisterung auf das Complot ein und versprach, noch Andere mit hereinzuziehen, welche nützlich sein würden. Zu Denen, deren Unterstützung er gewann, gehörte sein Diener, Thomas Keyes. Keyes war ein viel gefährlicherer Verschwörer, als man es bei seiner socialen Stellung hätte erwarten sollen. Die Haustruppen waren im allgemeinen Wilhelm ergeben; unter den Blauen aber herrschte ein Anflug von Abneigung gegen ihn. Die Hauptverschwörer hatten sich schon mit einigen bei diesem Regiment stehenden Katholiken in Vernehmen gesetzt, und Keyes war hierzu ganz besonders gut zu brauchen, denn er war früher Trompeter des Corps gewesen, und obwohl er seinen Abschied genommen, stand er doch noch immer in einem freundschaftlichen Verhältnisse mit einigen von den alten Soldaten, in deren Gesellschaft er nach der Schlacht bei Sedgemoor auf Kosten der Pächter von Somersetshire gelebt hatte.

Parkyns, der alt und gichtbrüchig war, konnte nicht persönlich Antheil an dem Mordwerke nehmen. Aber er beschäftigte sich mit Besorgung von Pferden, Sätteln und Waffen für seine jüngeren und thätigeren Complicen. In dieser Beschäftigung wurde er durch Karl Cranburne unterstützt, einen Menschen, der schon längst als Mäkler zwischen jakobitischen Verschwörern und Leuten diente, die mit Hieb- und Schußwaffen handelten. Barclay gab speciellen Befehl, daß die Degen mehr zum Stechen als zum Schlagen eingerichtet werden sollten. Er selbst warb Eduard Lowick an, der als Major in der irischen Armee gedient hatte und seit der Capitulation von Limerick sehr still und eingezogen in London lebte. Der Mönch, den Barclay zuerst ins Vertrauen gezogen hatte, empfahl zwei geschäftige Papisten, Richard Fisher und Christoph Knightley, und diese Empfehlung wurde für genügend erachtet. Knightley zog Eduard King, einen römisch-katholischen Gentleman von heißblütigem und unruhigem Temperament, herbei, und King verschaffte die Mithülfe eines französischen Spielers und Bramarbas, Namens De la Rue.[104]

Mittlerweile hielten die Häupter der Verschwörung häufige Zusammenkünfte in hochverrätherischen Tavernen, um einen Operationsplan zu verabreden. Mehrere Pläne wurden vorgeschlagen, beifällig aufgenommen, nach reiflicherer Erwägung aber fallen gelassen. Einmal war man der Meinung, daß ein nächtlicher Angriff auf Kensington wahrscheinlich gelingen werde. Die äußere Mauer sei leicht zu übersteigen, und wenn einmal vierzig bewaffnete Männer im Garten seien, würde der Palast bald erstürmt oder in Brand gesteckt sein. Einige waren der Ansicht, daß es am besten sein würde, den Handstreich an einem Sonntage zu unternehmen, wenn Wilhelm sich von Kensington in die Kapelle des St. Jamespalastes begebe, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Die Mörder sollten sich auf der Stelle versammeln, wo jetzt Apsley House und Hamilton Palace stehen. In dem Augenblicke wo der Wagen des Königs Hyde Park verließe, um in den jetzigen Green Park einzulenken, sollten Dreißig von den Verschwörern, wohl beritten, über die Garden herfallen. Die Garden waren gewöhnlich nur fünfundzwanzig Mann stark, der Angriff müßte ihnen natürlich ganz unverhofft kommen und sehr wahrscheinlich würde die Hälfte von ihnen todtgeschossen oder niedergehauen sein, bevor sie einen Schlag thun könnten. Währenddem sollten zehn bis zwölf beherzte Männer zu Fuß durch Niederschießen der Pferde den Wagen anhalten, worauf sie dann ohne Schwierigkeit mit dem Könige fertig werden würden. Endlich gab man einem ursprünglich von Fisher entworfenen und von Porter weiter ausgeführten Plane den Vorzug. Wilhelm pflegte jeden Sonnabend zur Jagd nach Richmond Park zu fahren. Damals war zwischen London und Kingston noch keine Brücke über die Themse. Der König fuhr daher in einem von wenigen Leibgardisten begleiteten Wagen über Turnham Green nach dem Flusse. Hier bestieg er ein Boot, setzte über den Fluß und fand auf der Surreyseite einen andren Wagen mit einem andren Trupp Leibgardisten seiner wartend. Der erste Wagen und die erste Eskorte erwarteten am nördlichen Ufer seine Zurückkunft. Die Verschwörer ermittelten mit großer Genauigkeit das ganze Arrangement bei diesen Ausflügen und untersuchten sorgfältig das Terrain auf beiden Seiten der Themse. Sie waren der Meinung, daß sie den König vortheilhafter auf der Middlesexseite als auf der Surreyseite, und besser auf dem Rückwege als auf dem Hinwege angreifen würden. Denn auf der Hinfahrt wurde er oft von einem zahlreichen Gefolge von Lords und Gentlemen bis zum Flusse begleitet; auf der Rückfahrt aber hatte er nur seine Garden bei sich. Ort und Zeit wurden festgesetzt. Der Ort sollte eine enge und krumme Gasse sein, die vom Landungsplatze auf der Nordseite des Flusses nach Turnham Green führte. Die Stelle ist noch jetzt leicht zu finden. Der Boden ist seitdem durch Gräben entwässert worden; im 17. Jahrhundert aber war er eine Sumpflache, durch welche der königliche Wagen nur mit Mühe im Schritt gezogen werden konnte. Der Zeitpunkt sollte der Nachmittag des 15. Februars, eines Sonnabends, sein. An diesem Tage sollten sich die Vierzig in kleinen Gruppen in verschiedenen öffentlichen Häusern unweit des Angers versammeln. Sobald das Zeichen gegeben wurde, daß der Wagen sich nähere, sollten sie aufsitzen und sich an ihre Posten begeben. Wenn die Cavalcade die Gasse heraufkam, sollte Charnock die Gardisten im Rücken, Rookwood von der einen und Porter von der andren Seite angreifen. Unterdessen sollte Barclay mit acht zuverlässigen Männern den Wagen anhalten und die That vollbringen. Damit den Verschwörern keine Bewegung des Königs entging, wurden zwei Ordonnanzen ernannt, die den Palast bewachen sollten. Einer von diesen beiden Männern, ein kühner und thätiger Flamländer, war speciell beauftragt, Barclay von Allem genau zu unterrichten. Der Andere, der mit Charnock Communication unterhalten sollte, war ein Raufbold, Namens Chambers, der in der irischen Armee gedient, am Boyne eine schwere Wunde in die Brust erhalten hatte und wegen dieser Verwundung einen heftigen persönlichen Haß gegen Wilhelm empfand.[105]