Zusammenkünfte Portland’s mit Boufflers.
Gegen Ende Juni ließ Portland Boufflers freundlich um eine halbstündige Unterredung bitten. Boufflers schickte sogleich einen Expressen an Ludwig und erhielt in der kürzesten Zeit, die ein Courier brauchte, um nach Versailles und wieder zurück zu eilen, Antwort. Ludwig befahl dem Marschall, Portland’s Wunsch zu erfüllen, so wenig als möglich zu sagen, und so viel als möglich zu erfahren.[115]
Am 28. Juni nach altem Style, fand in der Nähe von Hal, einer ungefähr zehn Meilen von Brüssel auf der Straße nach Mons liegenden Stadt die erste Zusammenkunft statt. Nachdem die ersten Begrüßungen gewechselt waren, stiegen Boufflers und Portland ab, ihre Begleiter zogen sich zurück und die beiden Unterhändler blieben in einem Garten allein. Hier gingen sie zwei Stunden lang auf und ab und erledigten in dieser kurzen Zeit mehr als die Bevollmächtigten in Ryswick in eben so vielen Monaten zu erledigen vermochten.[116]
Bis dahin hatte die französische Regierung den zwar natürlichen, aber durchaus irrigen Verdacht gehegt, daß Wilhelm den Krieg in die Länge ziehen wolle, daß er sich nur deshalb dazu verstanden habe zu unterhandeln, weil er es nicht wagen dürfe, sich der öffentlichen Meinung England’s und Holland’s zu widersetzen, daß er aber das Scheitern der Unterhandlungen wünsche, und daß das eigensinnige Verhalten des Hauses Oesterreich und die Schwierigkeiten, die in Ryswick entstanden waren, hauptsächlich seinen Machinationen zuzuschreiben seien. Dieser Verdacht war jetzt beseitigt. Kalte und ernste, aber achtungsvolle Artigkeiten wurden zwischen den beiden großen Fürsten gewechselt, deren Feindschaft Europa seit einem Vierteljahrhundert in beständiger Aufregung erhielt. Die Unterhandlungen zwischen Boufflers und Portland schritten so rasch vorwärts als die Nothwendigkeit häufiger Referate nach Versailles es gestattete. Ihre fünf ersten Conferenzen wurden unter freiem Himmel gehalten; bei der sechsten aber zogen sie sich in ein kleines Haus zurück, in welches Portland Tische und Schreibmaterialien hatte bringen lassen, und hier wurde das Ergebniß ihrer Arbeiten zu Papier gebracht.
Die zu erledigenden Hauptpunkte waren vier an der Zahl. Wilhelm hatte zuerst zwei Zugeständnisse von Ludwig verlangt, und Ludwig hatte zwei Zugeständnisse von Wilhelm verlangt.
Wilhelm’s erste Forderung war, daß Frankreich sich verpflichten sollte, keinem Versuche, den Jakob oder seine Anhänger machen könnten, um die bestehende Ordnung der Dinge in England zu stören, direct oder indirect Beistand oder Vorschub zu leisten.
Wilhelm’s zweite Forderung war, daß Jakob nicht mehr gestattet sein sollte, an einem England so gefährlich nahen Orte wie Saint-Germains zu wohnen.
Auf die erste dieser Forderungen entgegnete Ludwig, daß er vollkommen bereit sei, sich auf das Feierlichste zu verpflichten, keinem Versuche zur Störung der bestehenden Ordnung der Dinge in England in irgend einer Weise Unterstützung oder Vorschub zu leisten, daß es aber mit seiner Ehre unverträglich sei, daß der Name seines Vetters und Gastes in dem Vertrage genannt werde.
Auf die zweite Forderung entgegnete Ludwig, daß er einem unglücklichen Könige, der in seinem Lande eine Zufluchtsstätte gesucht habe, seine Gastfreundschaft nicht versagen und daß er nicht einmal versprechen könne, den Wunsch zu äußern, Jakob möchte Saint-Germains verlassen. Aber Boufflers gab, als ob er seine eigne Idee ausspräche, obgleich er ohne Zweifel nichts sagte, was nicht mit den Wünschen seines Gebieters übereinstimmte, zu verstehen, daß die Sache sich wahrscheinlich arrangiren lassen werde, und nannte Avignon als einen Ort, wo die verbannte Familie residiren könnte, ohne der englischen Regierung Grund zu Besorgnissen zu geben.
Ludwig verlangte dagegen seinerseits erstens, daß den Jakobiten eine allgemeine Amnestie gewährt werden, und zweitens, daß Marie von Modena ihr Leibgedinge von funfzigtausend Pfund jährlich erhalten sollte.
Die Bewilligung der ersten von diesen beiden Forderungen verweigerte Wilhelm entschieden. Er werde stets bereit sein, die Vergehen von Männern zu verzeihen, welche den Willen zeigten, in Zukunft ruhig unter seiner Regierung zu leben; allein er könne sich nicht dazu verstehen, die Ausübung seines Begnadigungsrechtes zum Gegenstande eines Uebereinkommens mit einer auswärtigen Macht zu machen. Das von Marien von Modena beanspruchte Jahrgeld werde er gern bezahlen, wenn er die Gewißheit habe, daß es nicht zu Machinationen gegen seinen Thron und seine Person, zur Unterhaltung eines neuen Etablissements an der Küste von Kent wie das Hunt’s oder zum Ankauf von Pferden und Waffen zu einem neuen Attentate wie das von Turnham Green verwendet werden würde. Boufflers habe von Avignon gesprochen. Wenn Jakob und seine Gemahlin dort ihren Aufenthalt nähmen, so sollten wegen des Jahrgeldes keine weiteren Schwierigkeiten gemacht werden.