Geschichte Englands unter Karl II.
[ Inhalt.]
Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart wird mit Unrecht getadelt. [Englands] Geschichte bietet während des siebzehnten Jahrhunderts das Bild der Umgestaltung einer, nach Art des Mittelalters geschaffenen beschränkten Monarchie in eine, der höheren geistigen Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft angemessenere beschränkte Monarchie, deren Schutz und Vertheidigung nicht blos in den Händen des Adels liegt, und deren finanzielle Bedürfnisse nicht ferner von dem Ertrage der Krongüter bestritten werden müssen. Die Staatsmänner welche im Jahre 1642 die Spitze des Langen Parlaments bildeten, suchten diese Umwandlung dadurch herbeizuführen, daß sie den Reichsständen die Wahl der Minister, die Oberaufsicht über die gesammte Administration sowie den Oberbefehl über das Heer übertrugen; so vortrefflich dieser Plan aber auch immer durchdacht war, der Gang des herrschenden Bürgerkrieges ließ ihn nicht zur gewünschten Ausführung kommen. Es ist Thatsache, daß die Häuser endlich triumphirten, sie hatten aber vorher einen Kampf bestehen müssen, durch den sie zur Bildung einer Gewalt gezwungen wurden, die zu überwachen sie nicht mächtig genug waren, und welche gar bald die Herrschaft über alle Parteien und Stände des Landes sich anzueignen begann. So lange der weise und hochherzige Cromwell den Oberbefehl führte, waren die von einer Militairherrschaft unzertrennlichen Übel weniger fühlbar; als aber das Heldenschwert, welches er mit Kraft und Muth geführt, seiner Hand entsank, als Führer an die Spitze des Heeres traten, welche weder seinen Verstand noch seine Humanität, weder seine Fähigkeiten noch seine Tugenden besaßen, da schien der Augenblick nicht fern zu sein, wo Freiheit und Ordnung zu ruhmlosem Untergange übereinander stürzen würden.
Zu dieser Katastrophe sollte es jedoch nicht kommen. Oft haben der Freiheit huldigende Schriftsteller die Restauration ein unglückliches Ereigniß genannt, sie haben die Beschränktheit und Niederträchtigkeit der Convention verdammt, welche die vertriebene Königsfamilie aus der Verbannung rief, ohne neue Garantien gegen schlechte Staatsverwaltung in der Hand zu haben; aber Alle, welche dieser Ansicht sind, haben nicht die Eigenthümlichkeit der Krisis durchschaut, welche nach Richard Cromwells Absetzung eintrat. England war von der Gefahr bedroht, unter den Despotismus von bedeutungslosen Menschen zu gerathen, welche die Willkür der Soldateska heute emporhob, und morgen wieder in das Nichts zurückwarf. Jeder einsichtsvolle Vaterlandsfreund erkannte die Nothwendigkeit, der Soldatenherrschaft ein Ende zu machen, doch war die Lösung dieser Aufgabe höchst schwierig, so lange die Soldaten unter sich einig blieben. Bald aber schimmerte ein Hoffnungsstrahl; es kam zu Mißverständnissen und Streitigkeiten unter den Generalen, ein Heerführer bekämpfte den andern, und die Armeen standen einander erbittert gegenüber. Jetzt galt es, den kritischen Moment rasch zu fassen und zu benutzen, die Zukunft unseres Vaterlandes hing davon ab, und wahrlich! es haben unsere Voreltern nicht gesäumt, im verhängnißvollen Augenblicke zur That zu schreiten. Alle Streitigkeiten über Reformen, welche unserer Verfassung nöthig waren, wurden bis zu geeigneterer Zeit vertagt, Cavalier und Rundkopf, Episcopale und Presbyterianer, sie alle standen fest und einig zur Unterdrückung der militärischen Tyrannei und Aufrechthaltung der alten Gesetze des Landes. Mit Recht konnte die Frage über Vertheilung der Gewalt zwischen Monarchen, Adel und Gemeinen bis zu der nothwendigen Entscheidung unbeantwortet bleiben, ob künftighin Englands Regierung in der Hand des Königs und des Volkes, oder in der bewaffneten Faust der Soldateska liegen solle. Es war ein Glück, daß die Staatsmänner der Convention nicht durch lange Reden über Regierungsprinzipien, durch Entwerfung einer neuen Constitution, oder durch Eröffnung von Conferenzen die Zeit verloren; oder daß man wochenlang zwischen Westminster und den Niederlanden Boten mit Plänen und Gegenplänen, Fragen von Hyde und Antworten von Prynne hin und her gesandt. Wäre es geschehen, so würde die Coalition, welche die Erhaltung der öffentlichen Sicherheit bezweckte, ihrer Auflösung entgegen gegangen sein; es wären Streitigkeiten zwischen den Königlich Gesinnten und den Presbyterianern ausgebrochen; die militairischen Factionen hätten sich wahrscheinlich geeinigt und die getäuschten Freunde der Freiheit würden unter einer Regierung, unvollkommener als die des unfähigsten Königs aus dem Stamme der Stuarts, schmerzlich empfunden haben, daß die günstige Gelegenheit zur Abhilfe vorübergegangen sei.
Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft. [So] wurde denn durch allgemeine Übereinkunft der beiden mächtigen Parteien die alte Staatsverfassung in der Form wiederhergestellt, welche sie vor achtzehn Jahren, wo König Karl I. die Hauptstadt verließ, gehabt hatte, und alle Acte des Langen Parlaments, welche der König genehmigt hatte, behielten ihre volle Geltung. Ebenso wurde auch von dem wieder eingesetzten Könige eine neue Concession bewilligt, welche für die Cavaliere von größerer Wichtigkeit war als für die Rundköpfe. Vor Jahrhunderten schon hatte man als das geeignetste Mittel der Nationalvertheidigung das militairische Lehnswesen eingeführt, das Nützliche aber was diese Einrichtung in sich trug, war im Laufe der Zeit verschwunden, und nichts als Beschwerden und leere Formen davon zurückgeblieben. Wer von der Krone ein Landgut gegen ritterliche Dienstleistung in Lehn trug — und in dieser Weise war der größte Theil des Grundeigenthums von England vergeben — hatte bei der Besitznahme eine bedeutende Geldsumme zu erlegen, konnte jedoch nicht den geringsten Theil des erworbenen Eigenthums ohne höhere Erlaubniß verkaufen. Starb er und der Erbe der Güter befand sich noch in den Jahren der Unmündigkeit, so übernahm der König die Vormundschaft, und erhielt für die Dauer derselben nicht allein einen bedeutenden Theil des Güterertrags, sondern der Unmündige war auch verpflichtet, bei Vermeidung schwerer Strafe, nach dem Willen des königlichen Vormunds und nur in angemessenen Rangverhältnissen Ehebündnisse zu schließen. Daher kam es, daß eine Menge mittelloser Abenteurer den Hof belagerten, in der Hoffnung, zum Lohne für Unterwürfigkeit und Schmeichelei ein solches reiches Mündel durch die Gnade des Königs zu erlangen. Mit der Monarchie endigten auch diese Mißbräuche, und alle Gutsherren des Landes wünschten natürlich dringend, daß mit der Wiedererstehung derselben sie nicht etwa wiederkehren möchten; deshalb wurden sie durch ein Statut feierlich beseitigt, und mit Ausnahme einiger ehrendienstlichen Handlungen, welche noch jetzt bei der Krönung von einigen Vasallen der Person des Königs geleistet werden müssen, entschwanden diese alten, ritterdienstlichen Lehen für immer.
Auflösung des Heeres. [Jetzt] sollte das Heer aufgelöst werden. Funfzigtausend alte, kriegstüchtige Soldaten wurden verabschiedet und gerechtfertigt schien die allgemeine Furcht, daß diese große Menge brodlos gewordener Menschen Verbrechen und Unglück in bedeutender Zahl hervorrufen, und der Mangel sie zu Mord und Plünderung treiben würde; aber man hatte sich getäuscht, denn schon nach wenigen Monaten war die furchtbare Armee friedlich im Volke verschwunden und selbst die königlich Gesinnten mußten zugestehen, daß die entlassenen Kriegsleute als brave und tüchtige Arbeiter sich allgemeiner Achtung zu erfreuen hatten, und daß sie das Volk, wie man gefürchtet, weder durch Raub und Plünderung noch durch Bettelei belästigten. Ja es ging die gute Meinung, welche man von diesen entlassenen Soldaten hegte, soweit, daß wenn z. B. ein Bäcker, Maurer oder Fuhrman sich durch Fleiß und Redlichkeit bemerkbar machte, man unverholen aussprach, er müsse einst zu Oliver Cromwells alten Soldaten gehört haben. —
Obgleich die militairische Despotie geschwunden war, hatte sie doch im Volke tiefe Erinnerungen zurückgelassen. Man sprach mit Abscheu und Verachtung von den stehenden Heeren, und merkwürdig ist es, daß diese Empfindungen unter den Cavalieren stärker waren als unter den Rundköpfen. Es war ein Glück, daß als England unter der blutigen Regierung des Schwertes stand, dasselbe nicht von dem angestammten Fürsten, sondern den Männern der Revolution geführt wurde, obschon diese weder das Leben des Königs noch die Kirche schonten. Die Freiheit unseres Vaterlandes wäre dahin gewesen, wenn König Karl mit seinem guten Rechte an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee stand, wie die Cromwells war. Der monarchischen Partei war das einzige Mittel, wodurch die Monarchie in eine absolute umgeändert werden konnte, zum Glück ein Gegenstand der Furcht und des Schreckens, und nach der Ansicht der Königlichen und Prälatisten nicht zu trennen von Fürstenmord und Feldkanzelgeschrei. Die Tories eiferten noch ein Jahrhundert nach Cromwells Tode gegen die Vermehrung des stehenden Heeres, und rühmten die Vorzüge einer Nationalbewaffnung. War es doch noch im Jahre 1786 einem Minister, der das Vertrauen der Tories in hohem Grade besaß, unmöglich, die Befestigung der Meeresküsten bei ihnen durchzusetzen, immer war ihnen das stehende Heer ein Gegenstand des Ärgernisses, bis endlich die französische Revolution ihren Ansichten einen Umschwung gab.
Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen und Cavalieren. [Die] Coalition, welche den König wieder auf den Thron erhoben, hörte mit der Gefahr auf, die sie in’s Leben gerufen; aber wiederum traten zwei feindliche Parteien auf den Kampfplatz. Ihre einzige übereinstimmende Handlung war die Bestrafung einiger Unglücklichen, auf denen zu jener Zeit der allgemeine Haß ruhte. Cromwell war nicht mehr, und diejenigen, welche einst zitternd vor ihm flohen, hatten die elende Genugthuung, den Leichnam des größten Mannes, der England je beherrschte, aus der Erde zu reißen, ihn zu verstümmeln, aufzuhängen und zu verbrennen. Auch von den republikanischen Häuptern fielen zwar wenige, aber immer noch zu viel der Rache anheim, bald aber, nachdem sie von dem Blute der Königsmörder gesättigt waren, wandten sich die Sieger gegen einander. Obschon die Rundköpfe nicht in Abrede stellten, daß der hingerichtete König viele Vorzüge besessen, und das Urtheil, welches ein gesetzwidriger Gerichtshof über ihn gesprochen, als ein ungerechtes verdammten, so behaupteten sie doch, daß er bei seiner Verwaltung sich Handlungen gegen die Verfassung erlaubt habe, und daß die Häuser in ihrem vollen Rechte gewesen seien, als sie die Waffen gegen ihn erhoben. Sie erklärten ferner, der gefährlichste Feind der Monarchie sei der Schmeichler, welcher das Gesetz den Prärogativen untergeordnet wissen wolle, der jede königliche Handlung gutheiße, selbst wenn sie Eingriffe in die Rechte Anderer enthalte, und nicht allein Cromwell und Harrison sondern auch Pym und Hampden mit den Namen Verräther belege. Wünsche der König eine friedliche und glückliche Regierung, so müsse er auch denen vertrauen, welche zwar die Waffen zur Vertheidigung der verletzten Privilegien des Parlaments ergriffen, sich aber doch der wüthenden Soldateska entgegen stellten, als es die Rettung seines Vaters galt, und deren Anstrengungen die königliche Familie ihre Zurückrufung hauptsächlich zu danken habe.
Weit verschieden von dieser Ansicht war die des Adels. Bei allen Wechselfällen welche das Fürstenhaus betroffen, waren sie achtzehn Jahre hindurch diesem treuergeben geblieben. Sollten sie, da sie das Mißgeschick ihres Fürsten getheilt, nicht auch seinen Triumph theilen? War nicht ein Unterschied zwischen ihnen und dem unloyalen Unterthan, welcher das Schwert gegen die heiligen Rechte seines Fürsten gezogen, und sich als ein Anhänger Richard Cromwells nicht eher an der Restauration der Stuarts betheiligte, bis er erkannte, daß nur dadurch das Volk von der gefürchteten Militairherrschaft zu retten sei? Und wenn auch die Dienste, welche ein solcher Mann zuletzt geleistet, Verzeihung des Geschehenen erheischten, waren diese Dienste in die Wagschale zu legen gegen die Aufopferungen und Mühseligkeiten der wackeren Cavaliere, die in unerschütterlicher Treue bei der Dynastie verharrt? War es möglich, ihn in gleiche Linie zu stellen mit Männern, welche nicht nöthig hatten, die Gnade des Königs anzurufen, weil sie dieselbe in jedem Augenblicke einer vieljährigen Vergangenheit verdient hatten? Durfte er im Genuß eines Vermögens gelassen werden, welches aus dem Eigenthume der zu Grunde gerichteten Vertheidiger des Thrones bestand? Mußte er sich nicht glücklich schätzen, Leben und Eigenthum, welche so oft der Gerechtigkeit verfallen waren, gesichert zu sehen, und Theil zu haben an den Segnungen einer milden Regierung, der er so lange feindlich gegenübergestanden? War es billig, ihn für seine Verrätherei zum Nachtheile von Männern zu belohnen, deren einziger Vorwurf nur in der Treue liegen konnte, mit welcher sie fest an ihrem Huldigungseide gehalten hatten? Durfte der König seine alten Feinde mit Reichthümern überschütten, die man seinen alten Freunden geraubt? Konnte man zu Männern Vertrauen haben, welche gegen ihren König aufgestanden, und das Schwert gegen ihn erhoben, ja ihn eingekerkert hatten, und die jetzt, anstatt reuig und zerknirscht das Haupt zu beugen, mit keckem Trotz ihre Handlungen vertheidigten und als hohen Beweis ihrer Loyalität anführten, daß sie ihre Hand nicht zum Königsmorde bieten wollten? Allerdings hätten sie bei Wiederaufrichtung des Thrones thätige Hilfe geleistet; aber wer anders als sie habe ihn denn vorher umgestürzt? und noch jetzt huldigten sie ja Grundsätzen, welche gar leicht zur Wiederholung einer solchen That führen könnten. Daß die königliche Gnade einige von denen berühren möchte, welche sich bei Wiederherstellung des Thrones besonders nützlich gezeigt, fand man zwar angemessen, aber die Pflicht der Gerechtigkeit und Dankbarkeit sowie die Staatsklugheit geböten, daß der König seine Gnade über die treuen Männer ausschütte, welche in den Tagen des Glücks wie der Gefahr zu ihm und seinem Hause gestanden. Aus diesen Gründen beanspruchte der Adel natürlich Entschädigung für seine Leiden und besondere Rücksicht bei Austheilung der königlichen Gnadenbeweise. Einige exaltirte Männer dieser Partei gingen sogar noch weiter und verlangten ausgedehnte Proskriptionslisten.
Religiöse Uneinigkeit. [Noch] erbitterter wurde der politische Kampf durch einen religiösen Streit. Der König fand die Kirche in einem eigenthümlichen Zustande. Kurze Zeit vor dem Beginn des Bürgerkrieges hatte Karl I., wenn auch mit Widerstreben, einer von Falkland unterstützten Bill seine Zustimmung gegeben, wodurch die Bischöfe ihres Sitzes im Hause der Lords beraubt worden; das Episcopat aber und die Liturgie waren niemals durch ein Gesetz aufgehoben worden. Das lange Parlament hatte jedoch Verordnungen erlassen, welche im Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienste eine förmliche Revolution hervorgerufen. Im Prinzip war das neue System kaum weniger erastianisch als das, welches es verdrängte. Die Kammern, namentlich durch die Rathschläge des äußerst klugen Selden veranlaßt, hatten den Entschluß gefaßt, die weltliche Gewalt vollständig über die geistliche zu stellen. Sie hatten sich geweigert die Erklärung zu geben, daß irgend eine Form der Kirchenverfassung göttlichen Ursprungs sei, und ebenso bestimmt, daß von allen geistlichen Gerichtshöfen eine Appellation in letzter Instanz an das Parlament gehen solle. Mit diesem höchst wichtigen Vorbehalt beschloß man in England ein Kirchenregiment einzuführen, welches dem bereits in Schottland vorhandenen vollständig glich. Die Autorität von Konzilien, die in regelmäßiger Stufenfolge sich eines über das andere erhoben, setzte man an die Stelle der Autorität der Bischöfe und Erzbischöfe, die Liturgie machte dem presbyterianischen Directorium Platz. Die neuen Regulative waren jedoch kaum abgefaßt, als die Independenten sich zu außerordentlichem Einflusse im Staate erhoben. Die Independenten waren nicht geneigt, Verordnungen, welche die Klassen-, Provinzial- und Nationalsynoden betrafen, durchzusetzen, und sie sind deshalb nie zu vollständiger Ausführung gebracht worden. Das presbyterianische System wurde ausnahmsweise nur in Middlesex und Lancashire im ganzen Umfange ausgeübt, in den übrigen fünfzig Grafschaften scheint fast jedes einzelne Kirchspiel ohne Verbindung mit den benachbarten geblieben zu sein. Die Geistlichen bildeten zwar in einigen Bezirken freiwillige Verbindungen unter sich, zu dem Zwecke gegenseitigen Beistands und Rathes; diese Vereine besaßen aber keine zwingende Kraft. Da jetzt weder Bischöfe noch Presbyterien die Patrone der geistlichen Pfründen zügelten, so würde es in deren Macht gestanden haben, die Seelsorge den verrufensten Menschen zu übergeben, wenn nicht das energische Einschreiten Cromwells diese Willkür unmöglich gemacht hätte. Er gründete auf seine eigene Autorität eine Behörde von Bevollmächtigten, welche den Namen „Prüfer“ (Triers) führten und von denen die meisten Independenten-Geistliche waren. Außerdem hatten einige wenige presbyterianische Pfarrer sowie einige Laien in diesem Kollegium Sitz und Stimme. Das Zeugniß, welches diese Prüfer gaben, vertrat die Stelle sowohl der Einsetzung als der Einführung, und Niemand konnte eine geistliche Pfründe erhalten, wenn er nicht ein solches Zeugniß besaß. Ohne Zweifel war dies eine Handlung des Despotismus, wie sie wohl selten von einem Beherrscher Englands ausgegangen, aber bei der allgemeinen Überzeugung, daß ohne eine solche Maßregel das Land von liederlichen und unwissenden Menschen überschwemmt werden müsse, welche den Namen von Geistlichen trügen und deren Einkommen verzehrten, erhoben mehrere Männer, die in hoher Achtung standen, ihre Stimme, und, obgleich keine Freunde Cromwells, erklärten sie laut, daß er in diesem Falle als ein öffentlicher Wohlthäter gehandelt habe. Die Kandidaten, welche die Prüfer zur Bekleidung eines geistlichen Amtes fähig befunden, nahmen ihre Pfarreien in Besitz, bebauten ihre Ländereien, erhoben den Zehnten, beteten ohne Buch und Chorhemd und ertheilten das Abendmahl an Kommunikanten, welche an langen Tafeln saßen.
In solch heilloser Verwirrung befand sich Englands Kirchenverfassung. Das Episcopat war die Regierungsform, welche die alten bis dahin noch nicht aufgehobenen Gesetze vorschrieben; eine Parlamentsverordnung hatte die presbyterianische Form festgestellt, aber weder das alte Gesetz noch die parlamentarische Verordnung waren thatsächlich in Kraft. Die Kirche in ihrem wahren Zustande erschien als ein unregelmäßiger Körper, zusammengefügt aus einigen wenigen Presbyterien und einer Menge von Independenten-Gemeinden, welche sämmtlich durch die Autorität der Regierung nieder- und zusammengehalten wurden.
Von denen, welche bei der Zurückführung des Königs hauptsächlich mitgewirkt hatten, wünschten Viele dringend Synoden und das Directorium. Andere eiferten dafür, durch einen Vergleich die religiösen Streitigkeiten, welche England so lange bewegt hatten, zu beendigen. Zwischen den bigotten Anhängern Lauds und Calvins konnte weder Friede noch Waffenstillstand bestehen; aber es war möglich, die gemäßigten Episcopalen von Ushers Schule und die gemäßigten Presbyterianer von der Schule Baxters zu einer Verständigung zu bewegen. Die gemäßigten Episcopalen würden zugestehen, daß ein Bischof gesetzmäßig durch ein Konzil unterstützt werden könne, und die gemäßigten Presbyterianer würden nicht in Abrede stellen, daß jede Provinzialversammlung gesetzmäßig einen beständigen Präsidenten haben und daß dieser gesetzmäßig „Bischof“ genannt werden könne. Man könne eine revidirte Liturgie annehmen, welche das extemporirte Gebet nicht ausschlösse, einen Taufdienst, bei welchem man das Zeichen des Kreuzes nach Ermessen in Anwendung bringen könne oder nicht; eine Austheilung des Abendmahls, bei welcher es den Gläubigen unbenommen bleiben sollte zu sitzen, wenn ihr Gewissen es ihnen nicht gestatte zu knieen. Dieser Plan aber stimmte nicht mit den Ansichten der Cavaliere überein. Die wirklich religiösen Mitglieder dieser Partei waren dem ganzen System ihrer Kirche auf das Gewissenhafteste zugethan. Diese war ihrem gemordeten König theuer gewesen und hatte sie selbst getröstet, als das Unglück hereinbrach. Ihr Gottesdienst, der während einer schweren Prüfungszeit in heimlicher Kammer so oft das gramerfüllte Herz gestärkt, er war ihnen so lieb geworden, daß sie sich nicht entschließen konnten, auch nur eine einzige Response aufzugeben. Andere königlich Gesinnte, welche weniger fromm waren, hielten es mit der Episcopalkirche, blos weil sie eine Feindin ihrer Feinde war. Gebete und Ceremonien beurtheilten sie nicht nach dem Troste, welcher ihnen daraus erwuchs, sondern nach dem Ärgerniß, welches den Rundköpfen dadurch verursacht wurde, und da es ihnen nicht einfiel, durch Nachgiebigkeit Einigung herbeiführen zu wollen, so war eine solche zur Unmöglichkeit geworden. Sie waren gegen die Nachgiebigkeit hauptsächlich deshalb eingenommen, weil sie keine Einigung wünschten.
Unpopularität der Puritaner. [So] tadelnswerth diese Gefühle auch immer sein mochten, so waren sie doch nicht nur natürlich, sondern auch wohl zu entschuldigen. Die Puritaner hatten unstreitig in den Tagen ihrer Macht Veranlassung zur Gereiztheit gegeben. Aus ihrer eigenen Unzufriedenheit, ihrem eigenen Siege und der Vernichtung jener stolzen Hierarchie, unter deren schwerem Joche sie geschmachtet, mußten sie gelernt haben, daß im siebzehnten Jahrhundert die Macht der bürgerlichen Obrigkeit in England nicht ausreiche, die Gemüther der Menschen zur Übereinstimmung mit ihrem theologischen Systeme abzurichten. In Alles sich einmischend, bewiesen sie sich dabei so unduldsam, als Laud es nur jemals gewesen war. Unter Androhung schwerer Strafen verboten sie nicht allein in den Kirchen, sondern selbst für Privathäuser den Gebrauch des allgemeinen Gebetbuches. Wenn ein frommes Kind am Krankenlager der Eltern eine der schönen Kollekten las, welche seit Jahrhunderten den Kummer christlicher Herzen gelindert hatten, so wurde diese Handlung der kindlichen Liebe für ein Verbrechen erklärt. Mit schwerer Ahndung wurden diejenigen bedroht, welche es wagen würden, die calvinistische Form des Gottesdienstes zu tadeln. Geachtete Geistliche wurden zu Tausenden nicht nur von ihren Pfründen vertrieben, sondern auch oft den Mißhandlungen eines fanatischen Pöbels preisgegeben; Gotteshäuser und Grabstätten, treffliche Kunstwerke und seltene Überbleibsel des Alterthums wurden mit roher Hand verunstaltet oder vernichtet. Eine Verordnung des Parlaments verfügte, daß sämmtliche Gemälde der königlichen Gallerie, welche Jesus oder die heilige Jungfrau mit dem Kinde darstellten, in’s Feuer geworfen werden sollten. Gleiches Schicksal erlitten die Werke der Bildhauerkunst. Nymphen und Grazien, welche unter ionischen Meißeln entstanden waren, wurden den Händen puritanischer Steinmetzen übergeben, welche sie anständig machen mußten. Gegen leichtsinnige Vergehen aber kämpfte die herrschende Partei mit einem Eifer, der ebenso wenig durch Humanität als durch gesundem Menschenverstand gemäßigt war. Man erließ strenge Gesetze gegen das Wetten und eine Verordnung verhängte die Todesstrafe über den Ehebruch. Der unerlaubte Umgang der Geschlechter, selbst wenn weder Verführung und Gewaltthätigkeit dabei vorkam, noch die Sittlichkeit beleidigt oder das eheliche Recht verletzt war, galt für ein schweres Verbrechen. Öffentliche Lustbarkeiten, von den Maskenspielen in den Häusern der Vornehmen bis zu den Ringstechen und ländlichen Jahrmarktspossen herab, wurden auf das Ernstlichste verfolgt. So bestimmte eine Verordnung, daß in England künftig alle Maibäume umgehauen werden sollten; eine andere untersagte theatralische Vorstellungen. Die Schauspielhäuser sollten niedergerissen und die Schauspieler gestäupt werden, die Zuschauer aber in eine Geldstrafe verfallen. Seiltanz, Puppenspiel, Kegeln und Pferderennen wurden ungern gesehen; der entsetzlichste Gräuel aber, welcher den Zorn der Sektirer auf den höchsten Punkt trieb, war die Bärenhetze, damals eine Lieblingsunterhaltung für Vornehme und Geringe. Es ist bemerkenswerth, daß die Abneigung gegen diese Lustbarkeit nicht aus dem Gefühle hervorging, welches in unserer Zeit die Gesetzgebung bewog, sich in’s Mittel zu legen, um die Thiere gegen die muthwillige Grausamkeit der Menschen in Schutz zu nehmen. Der Puritaner verabscheute die Bärenhetze nicht, weil dabei der Bär gemartert wurde, sondern weil die Zuschauer daran Vergnügen fanden. Er hatte sich die zwiefache Freude ersonnen, nicht nur den Bären, sondern auch den Zuschauer zu quälen.[1]
Den deutlichsten Begriff von der Denkungsweise der Rigoristen giebt vielleicht ihr Verhalten in Bezug auf das Weihnachtsfest. Seit undenklichen Zeiten war Weihnachten die Zeit der Freude und häuslichen Liebe, in welcher die Familien sich vereinigten, die entfernt lebenden Kinder in’s Vaterhaus zurückkehrten, alle Streitigkeiten ausgeglichen, die Häuser mit Immergrün geschmückt und die Tische mit den besten Speisen besetzt wurden. Die Weihnachtszeit stimmt das Herz sanft und öffnet es fremden Leiden, wenn nicht alle Menschenliebe aus ihm gewichen ist. Zu dieser Zeit gestattete man den Armen, theilzunehmen an den Genüssen des Reichen, dessen Freigebigkeit in Betracht der kurzen Tage und der rauhen Witterung um so höheren Werth hatten. Der Unterschied zwischen den Herren und Pächtern, den Vorgesetzten und Untergebenen trat in dieser Zeit weniger hervor, als im übrigen Theile des Jahres. Doch der großen Freude ist auch stets der Muthwille nahe; im Ganzen genommen aber war der Geist, in dem der festliche Tag gefeiert wurde, eines christlichen Festes nicht unwürdig. Zwar gebot das Lange Parlament im Jahre 1644, daß man den 25. December streng als Fasttag behandeln, und daß Jedermann an diesem Tage um Vergebung der großen Nationalsünde bitten solle, welche das Volk seit Menschengedenken an demselben begangen, indem es sich unter dem Mistelzweige getummelt, wilden Schweinskopf verzehrt und Ale, mit gerösteten Äpfeln dazu, genossen. Keine öffentliche Maßregel jener Zeit rief in den niederen Klassen eine größere Entrüstung hervor, als diese, und beim nächsten Weihnachtsfeste brachen an verschiedenen Orten gefährliche Empörungen aus. Die Konstabler wurden mißhandelt, die Obrigkeiten verhöhnt, man stürmte die Häuser bekannter Zeloten und in allen Gotteshäusern wurde offen das verbotene Gebet des Tages abgehalten.
So war der Geist der extremen Puritaner, sowohl der Presbyterianer wie der Independenten. Wenngleich Cromwell auch nicht geneigt war, sich in Alles, was geschah, einzumischen oder wohl gar Verfolgungen eintreten zu lassen, so stand er doch an der Spitze einer Partei und war folglich ein Sklave derselben, weshalb er auch nicht vollständig nach eigener Ansicht und Neigung regieren konnte. Viele Obrigkeiten machten sich selbst unter seiner Herrschaft in ihren Bezirken so verhaßt, wie Sir Hudibras. Sie störten alle Vergnügungen in der Nachbarschaft, trieben mit roher Gewalt festliche Versammlungen auseinander und warfen die Fiedler in das Gefängniß. Noch unsinniger und gefährlicher war der Eifer der Soldaten. Erschienen sie in einem Dorfe, so mußte alles Tanzen und Glockenläuten unterbleiben und jedes Fest hatte ein Ende. In London unterbrachen sie zu verschiedenen Malen theatralische Vorstellungen, welche durch kein Verbot des gutmüthigen und einsichtsvollen Protektors gestört worden waren.
Eine solche Tyrannei mußte Furcht und Haß erzeugen, und mit ihnen mischte sich die tiefste Verachtung. Seit den Zeiten Elisabeths waren die Eigenthümlichkeiten des Puritaners, sein Aussehen, seine Kleidung, seine Sprachweise, seine seltsamen Gewissensskrupel Gegenstände des Spottes gewesen, aber diese Sonderbarkeiten erschienen viel widerlicher bei einer Partei, welche die Regierung eines mächtigen Reiches führte, als bei einer machtlosen verfolgten Gemeinde. Wenn es schon lächerlich erschien, das geistliche Kauderwelsch auf der Bühne aus dem Munde von Tribulation Wholesome (heilsame Trübsal) und Zeal-of-the-Land Busy (geschäftiger Landeseifer) zu hören, so klang es noch viel lächerlicher, wenn sich Heerführer und hohe Staatsbeamte desselben bedienten. Hierbei ist noch zu erwähnen, daß während der Revolution einige Sekten in’s Leben getreten waren, deren Überspanntheit Alles, was man bis dahin in England gesehen, übertraf. Ludwig Muggleton, ein wahnsinniger Schneider, zog in den Bierhäusern herum, und Ale trinkend verkündete er ewige Qualen allen denjenigen, welche an seiner Versicherung zweifelten, daß das höchste Wesen nur sechs Fuß hoch sei und die Entfernung der Sonne von der Erde genau vier Meilen betrage.[2] Die größte Heiterkeit erregte Georg Fox durch seine Behauptung, daß es eine Verletzung der christlichen Aufrichtigkeit sei, die einzelne Person in der Mehrheit anzureden, und eine heidnische Verehrung des Janus und Wodan, wenn man vom Januar und dem Tage Wodans (der Mittwoche) spreche. Wenige Jahre später nahmen einige angesehene Männer seine Lehre an und sie gelangte zu nicht unbedeutendem öffentlichen Ansehen. Für die verächtlichsten Fanatiker jedoch galten zur Zeit der Restauration in der Meinung des Volkes die Quäker. Die Puritaner Altenglands behandelten sie mit großer Strenge und in Neuengland wurden sie auf das Heftigste verfolgt. Das Volk aber, welches sich selten um genaue Unterscheidungen kümmert, verwechselte die Puritaner oft mit den Quäkern. Beide waren Schismatiker und haßten das Episcopat wie die Liturgie; beide hatten lächerliche Manieren hinsichtlich ihrer Kleidung, ihrer Gewohnheiten und Vergnügungen. Obgleich ihre Meinungen völlig von einander abwichen, so wurden sie doch von dem Volke als scheinheilige Schismatiker in eine Kategorie geworfen, und was sie Lächerliches oder Gehässiges an sich hatten, vermehrte die Verachtung und den Widerwillen, welche die Menge gegen beide fühlte.
Vor dem Beginn der Bürgerkriege waren selbst diejenigen, denen die Ansichten und Gewohnheiten der Puritaner am meisten zuwider waren, zu der Anerkennung gezwungen, daß ihre Moralität im Wesentlichen tadellos sei; doch jetzt wurde dieses Lob nicht mehr gezollt, zum Unglück aber auch nicht mehr verdient. Immer war es das Schicksal der Sekten, so lange sie verfolgt und unterdrückt wurden, im Rufe der Heiligkeit zu stehen; sobald sie aber mächtig sich erhoben, verschwand auch die hohe Achtung, welche ihnen bis dahin geworden war. Die Erklärung liegt nicht fern. Nur selten wird Jemand einer geächteten, religiösen Gesellschaft beitreten, den nicht Gewissensgründe dahin führen, und deshalb besteht ein solcher Verein mit nur wenigen Ausnahmen aus Persönlichkeiten, die von der Wahrheit und Richtigkeit ihres Glaubens völlig durchdrungen sind. Die strengste Zucht, welche in einer solchen Gesellschaft gehandhabt werden kann, ist ein sehr schwaches Werkzeug der Läuterung im Vergleich mit etwas heftiger Verfolgung. Es ist bestimmt wahr, daß zur Zeit als Diokletian die Christen verfolgte, nur Wenige sich taufen ließen, welche nicht die ernste, religiöse Überzeugung dazu bewog, und daß aus gleichem Grunde Viele sich protestantischen Gemeinden anschlossen, auf die Gefahr hin von Bonner verbrannt zu werden. Aber wenn eine Sekte zu Ansehen und Macht gelangt, wenn ihre Gunst den Weg bahnt zu Ehrenstellen und Reichthümern, so werden sich immer habsüchtige und ehrgeizige Menschen herandrängen, ihre Sprache reden, ihre Gebräuche annehmen, ihre Eigenthümlichkeiten nachahmen, überhaupt in allen äußeren Zeichen des Eifers ihre ehrenwerthen Mitglieder sehr bald übertreffen. Die strengste Wachsamkeit der kirchlichen Leiter und ihre schärfste Unterscheidungsgabe wird nicht hinreichen, das Eindringen solcher heuchelnden Gesellen zu verhindern. Es ist nicht möglich, das Unkraut vom Weizen zu sichten, aber bald fängt die Welt an einzusehen, daß die frommen Herren nicht besser sind als andere Leute und schließt dann nicht ganz unrichtig, daß, wenn sie nicht besser sind, sie wohl schlechter sein müssen. So dauert es gar nicht lange, daß die äußeren Zeichen, welche man früher als Eigenthümlichkeiten der Heiligkeit betrachtete, als charakteristische Kennzeichen eines Schurken betrachtet werden.
So erging es den englischen Nichtconformisten. Während sie unterdrückt waren, hatte sich ihre Gemeinschaft rein erhalten; als sie aber übermächtig wurden im Lande, da durfte Niemand der Hoffnung leben, ohne ihren Einfluß zu Ehren und Ansehen zu gelangen; ihre Gunst aber war nur dadurch zu gewinnen, daß man gewisse Zeichen und Losungsworte der geistlichen Brüderschaft mit ihnen wechselte. Einer der ersten Beschlüsse von Barebones Parlament, welches von allen das am meisten puritanische war, bestand darin, daß Niemand in den Dienst des Staates treten sollte, bevor das Haus sich von seiner Frömmigkeit genügend überzeugt habe. Was damals für ein Zeichen wahrer Gottseligkeit galt, der dunkle Anzug, das saure Ansehen, das kurzgeschorne Haar, das näselnde Gewinsel, die mit Bibelstellen durchwebte Rede, der Abscheu vor Schauspielen, Karten und Falkenbeize, wurde sehr leicht von Männern nachgeahmt, denen jede Religion gleichgültig war. Die aufrichtigen Puritaner verschwanden bald in einer Masse von weltlichen Leuten, die zum Theil der schlechtesten Sorte angehörten. Denn der anerkannteste Wüstling, der unter dem königlichen Banner gefochten hatte, konnte mit Recht für tugendhaft gelten, denen gegenüber, welche, während sie von süßen Erfahrungen und trostgewährenden Traktätleins sprachen, in steter Ausübung von Betrug, Raub und geheimer Wollust lebten. Das Volk bildete sich leider ein zu rasches Urtheil über die ganze Körperschaft nach dem Betragen dieser elenden Heuchler; die Gottesverehrung, die Sitten, die Redeweise der Puritaner wurden nach der öffentlichen Meinung mit den abscheulichsten und niedrigsten Ausschweifungen in Verbindung gebracht. Als die Restauration begonnen hatte, und man ohne Gefahr seine Feindschaft gegen die Partei aussprechen durfte, welche so lange im Lande geherrscht, da tönte aus allen Gegenden des Königreichs ein Schrei des Hasses gegen den Puritanismus, welcher häufig durch die Stimmen jener Schurken verstärkt wurde, deren Lasterhaftigkeit den puritanischen Namen in Verruf gebracht hatte.
So waren die beiden großen Parteien, welche nach langen Feindseligkeiten sich auf einen Augenblick zur Wiederherstellung der Monarchie die Hand gereicht, einander jetzt wiederum, sowohl in politischer wie religiöser Beziehung, gänzlich entfremdet. Die Masse des Volkes hielt zu den Royalisten. Vergessen waren die Verbrechen Straffords und Lauds, die Gräuelthaten der Sternkammer und der hohen Kommission, und Niemand gedachte mehr der großen Dienste, welche das Lange Parlament in dem ersten Jahre seines Bestehens dem Staate geleistet hatte. An die Ermordung Karls I., die finstere Tyrannei des Rumpfs und die Gewaltthätigkeiten des Heeres dachte man mit Entrüstung, und die Massen waren geneigt, Alle, welche dem vorigen Könige Widerstand entgegengesetzt, für dessen Tod und die daraus hervorgegangenen unglücklichen Folgen verantwortlich zu machen.
Das Haus der Gemeinen war in einer Zeit gewählt worden, als noch die Presbyterianer herrschten, und so vertrat es in keiner Art die allgemeine Stimmung des Volks, zeigte aber eine starke Neigung, der unduldsamen Loyalität der Edelleute ernsthaft entgegen zu treten. Als ein Mitglied öffentlich erklärte, daß Alle, welche gegen Karl I. die Waffen ergriffen, eben solche Verrätherei begangen wie diejenigen, welche ihn hingerichtet, wurde dasselbe zur Ordnung gerufen, und erhielt von dem Sprecher einen Verweis. Ohne Zweifel war es der allgemeine aufrichtige Wunsch des Hauses, die kirchlichen Streitigkeiten so zu ordnen, daß die gemäßigten Puritaner dadurch zufriedengestellt würden; eine solche Erledigung wünschte aber weder der Hof noch das Volk.
[1.] Wie wenig das Mitleid dabei im Spiele war, erkennt man zur Genüge aus einer Schrift, betitelt: A perfect Diurnal of some Passages of Parliament, and from other Parts of the Kingdom, from Monday July 24th to Monday July 31st,, 1643. „Als die Königin aus Holland zurückkehrte, brachte sie außer einem Haufen von schlechtem Gesindel, welches das Aussehen von Menschenfressern hatte, eine Anzahl wilder Bären mit. Ihr werdet aus dem Weiteren ersehen, zu welchem Zwecke. Man ließ diese Bären bei Newark zurück, um sie Sonntags in die Landstädte zu bringen und dort zu hetzen. Solcher Art ist die Religion, welche die, von denen hier die Rede ist, unter uns einführen wollen. Wagte es Jemand, ihre schändlichen Entheiligungen zu hindern oder sich nur Bemerkungen darüber zu erlauben, so wurde er unverzüglich als Rundkopf oder Puritaner bezeichnet und war in Gefahr geplündert zu werden. Einige von Oberst Cromwells Soldaten, welche zufällig am Sonntag nach der Stadt Uppingham in Rutland kamen, sahen die eben stattfindende Bärenhetze, und veranlaßten, daß das Spiel sofort unterbrochen und die Bären an einen Baum gebunden und erschossen wurden.“ Dieses war durchaus kein vereinzeltes Beispiel. Der Sheriff von Surrey, Oberst Pride, befahl, daß die Bären im Garten von Southwark getödtet werden sollten. Ein loyaler Satyriker läßt ihn diesen Befehl folgendermaßen vertheidigen: „Am meisten liegt mir die Tödtung dieser Bären am Herzen, wodurch ich mir den Haß des Volkes zugezogen, das mich mit allen Benennungen des Regenbogens beehrt. Aber erschlug nicht David einen Bären? Tödtete nicht der Lord Statthalter Ireton einen Bären? Tödtete nicht ein anderer Lord von den Unsrigen fünf Bären?“ Last Speech and dying Words of Thomas Pride.
[2.] Man sehe Penns New Witnesses proved Old Heretics und Muggletons Werke an mehreren Stellen.
Charakter Karls II. [Der] neueingesetzte König besaß um diese Zeit die Liebe des Volkes in höherem Maaße, als jemals einer seiner Vorgänger. Das Unglück, welches sein Haus betroffen, der heldenmüthige Tod seines Vaters, die vielen Leiden und romantischen Abenteuer, welche er erlebt, machten ihn zum Gegenstande allgemeiner Theilnahme. Durch seine Rückkehr wurde England von einer drückenden Knechtschaft erlöst. Herbeigerufen durch die Stimmen der beiden streitenden Parteien, war er der geeignete Mann, um als Schiedsrichter zwischen sie zu treten, und in gewisser Beziehung war er wohl befähigt, diese Aufgabe zu lösen. Die Natur hatte ihn mit vorzüglichen Anlagen und einem glücklichen Temperament ausgestattet, und von seiner Erziehung ließ sich erwarten, daß sie seinen Verstand entwickelt und ihn zur Ausübung jeder Tugend des öffentlichen und Privatlebens befähigt habe. Der Wechsel des Glücks war ihm nicht unbekannt, und beide Seiten der menschlichen Natur hatte er beobachten lernen. In früher Jugend hatte ihn das Schicksal aus dem Königsschlosse hinausgeworfen in ein Leben der Verbannung, der Gefahren und Entbehrungen; in einem Alter der geistigen und körperlichen Kraftfülle, in dem das erste Aufbrausen der jugendlichen Leidenschaften sich bereits gelegt, ward er zurückgerufen von seinen unstäten Wanderungen, um Englands mächtige Krone zu tragen. Bittere Erfahrungen hatten ihm bewiesen, wie oft die zur Schau getragene Ergebenheit der Hofleute Bosheit, Verrätherei und Undank verbirgt; dagegen waren ihm in der Hütte der Armuth die überzeugendsten Beweise von wahrem Seelenadel gegeben worden. Als hohe Belohnung jedem versprochen ward, der ihn seinen Feinden verrathen würde, und man denjenigen, welcher ihm hilfreich beistehen wollte, mit dem Tode bedrohte, da hatten arme Landleute und die niedrigsten seiner Diener mit rührender Aufopferung dem unglücklichen Fürsten zur Seite gestanden, und ihn mit derselben tiefen Ehrerbietung behandelt, als ob die Krone seiner Väter noch in vollem Glanze auf seinem Haupte strahlte. Es stand zu erwarten, daß ein junger Mann, dem es weder an Fähigkeiten noch an liebenswürdigen Eigenschaften gebrach, durch die gemachten Erfahrungen zu einem großen und ausgezeichneten König herangebildet worden sei. Karl besaß, neben gefälligen Formen für die Gesellschaft, feine und einnehmende Manieren und nicht wenig Talent für lebendige Unterhaltung; aber dabei war er dem Sinnengenusse im höchsten Grade ergeben, sowie ein Freund des Müßiggangs und der Leichtfertigkeit, ohne Kraft sich zu beherrschen, ohne hohen Begriff von menschlicher Tugend und Zuneigung, ohne Drang nach Ruhm, und unempfindlich gegen jeden Tadel. Nach seiner Ansicht war jeder käuflich, nur daß er sich oft in höheren Preis stellte, als ein anderer, und wenn der Handel recht hartnäckig und geschickt betrieben ward, so gab es für denselben verschiedene und wohlklingende Namen. Die höchste Geschicklichkeit, mit welcher kluge Männer den Preis ihrer Fähigkeiten zu steigern wußten, ward Rechtschaffenheit, die raffinirteste Gewandtheit, mit der liebenswürdige Frauen den Preis ihrer Reize zu erhöhen verstanden, Sittsamkeit genannt. Vaterlandsliebe, Familienliebe, Freundesliebe, Liebe zu Gott, dies Alles waren leere Phrasen, zarte und schickliche Benennungen für die Selbstliebe. Bei einer solchen Ansicht von den Menschen war es Karl natürlich sehr gleichgültig, wie diese über ihn dachten. Ehre und Schande waren ihm dasselbe, was dem Blinden Licht und Dunkelheit sein mag. Man hat seine Verachtung der Schmeichelei hoch gerühmt, aber sie erscheint des Lobes nicht würdig, wenn man sie in Zusammenhang mit den übrigen Eigenschaften seines Charakters bringt. Man kann sowohl über der Schmeichelei stehen, wie unter ihr, wer dem Schmeichler nicht traut, wird auch keinem Andern trauen; wer keinen Begriff von wahrem Ruhme hat, wird auch den scheinbaren verachten.
Bei Karls Gemüthsart ist es rühmlich zu erwähnen, daß er trotz der schlechten Meinung, welche er von den Menschen hatte, doch nie ein Menschenfeind wurde. Er fand in den Menschen wenig was ihm nicht hassenswerth dünkte, und doch haßte er sie nicht, er war sogar menschenfreundlich genug, daß es ihm Kummer verursachte, wenn er ihre Leiden sah, oder ihre Klagen hören mußte. Diese Art von Menschenfreundlichkeit aber, welche bei einem Privatmann recht schön und lobenswerth sein mag, indem dessen Macht, Nutzen oder Schaden zu bringen, auf einen engen Kreis beschränkt wird, ist bei Herrschern häufiger ein Laster gewesen als eine Tugend. Mehr als ein wohlgesinnter Fürst hat ganze Provinzen dem Raube und der Unterdrückung preisgegeben, blos weil es ihn unangenehm berührte, andere als glückliche Gesichter auf seinen Spaziergängen und an seiner Tafel zu sehen. Keiner ist geeignet, das Scepter eines großen Staats zu führen, welcher Bedenken trägt, zum Besten der Massen mit denen er niemals in Berührung kommt, die Wenigen, welche Zutritt bei ihm haben, zu kränken. Die leichtsinnige Schwäche, welche Karl besaß, war so groß, wie sie vielleicht noch nie bei einem Manne von seinem Verstande gefunden wurde; obgleich nichts weniger als ein Schwachkopf, war er doch ein Sklave. Nichtswürdige Männer und feile Frauen, deren Erbärmlichkeit er völlig durchschaute, von denen er wußte, daß er ebensowenig ihre Liebe wie sie sein Vertrauen besaßen, konnten mit Leichtigkeit ihm Alles abschmeicheln was sie wünschten: Titel, Ehrenstellen, Güter, Staatsgeheimnisse und Begnadigungen. Obgleich er viel austheilte, genoß er doch niemals das Vergnügen, welches die Freigebigkeit verursacht, und ebensowenig erntete er den Ruhm derselben. Er gab nie aus freiem Antriebe, aber es war ihm unangenehm das Erbetene zu versagen. Eine natürliche Folge davon war, daß im Allgemeinen nicht diejenigen, welche sie verdienten, oder die in seiner Gunst standen, Empfänger dieser Gnadenbeweise waren, sondern daß sie den unverschämtesten und zudringlichsten Bewerbern zu Theil wurden, denen es gelungen war, sich eine Audienz zu verschaffen.
Die Beweggründe, welche das politische Verhalten Carls II. leiteten, waren ganz anderer Natur als diejenigen, welche die Handlungen seines Vorgängers wie seines Nachfolgers auf dem Throne bestimmten. Er war nicht der Mann, den eine patriarchalische Regierungstheorie oder die Lehre vom göttlichen Recht anziehen konnte. Durchaus frei von Ehrgeiz, verabscheute er alle Geschäfte, und ehe er sich der Mühe unterzogen hätte, die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen, würde er lieber auf die Krone Verzicht geleistet haben. Seine Arbeitsscheu sowie seine Unkenntniß der Staatsgeschäfte waren so groß, daß selbst die Schreiber, welche Gelegenheit hatten ihn im Geheimen Rathe zu beobachten, über seine kindische Ungeduld und seine läppischen Bemerkungen oft nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnten. Seine Schritte wurden weder von der Dankbarkeit noch von der Rache geleitet, denn auf sein Gemüth konnten empfangene Beleidigungen ebensowenig wie geleistete Dienste einen anderen als einen schwachen und rasch vorübergehenden Eindruck machen. Es war nur sein Wunsch, ein König zu sein wie es später Ludwig XV. von Frankreich war, ein Herrscher, der zur Befriedigung seiner Privatneigungen rücksichtslos den Staatsschatz benutzen und durch Ehrenstellen und Geld Personen an sich fesseln konnte, die geeignet waren seinen Müßiggang zu theilen, und welcher, wenn auch die schlechteste Verwaltung den Staat an den Rand des Verderbens gebracht, immer noch die mißliebige Wahrheit aus dem Bereiche seines Serails fern halten und nichts sehen und hören wollte, was ihn in seiner üppigen Trägheit hätte stören können. Zu diesen Zwecken, aber auch nur zu diesen Zwecken, wünschte er eine willkürliche Gewalt, vorausgesetzt daß sie ohne Anstrengung und Gefahr erlangt werden konnte. Bei den religiösen Streitfragen, welche Zwiespalt unter den Protestanten hervorriefen, blieb sein Gewissen vollkommen unberührt, denn seine Ansichten schwankten fortwährend zwischen Unglauben und Pabstthum. Wenn aber auch sein Gewissen bei dem Kampfe der Episcopalen und Presbyterianer unberührt blieb, so war es doch anders mit seinen Neigungen. Gerade diejenigen Laster, gegen welche der Puritanismus die wenigste Nachsicht zeigte, übte er am fleißigsten, und als Mann von guter Erziehung, der mit großem Scharfblick die lächerlichen Seiten einer Sache erkannte, ließ er es nicht an verächtlichen Scherzen über die puritanischen Abgeschmacktheiten fehlen. Es ist indessen nicht zu leugnen, daß er einige Ursache hatte mit dieser Secte unzufrieden zu sein. In einem Alter wo die Leidenschaften am ungestümsten herrschen, und der Leichtsinn am ehesten zu entschuldigen ist, hatte Karl einige Monate in Schottland gelebt, dem Namen nach als König, in der That aber ein Staatsgefangener unter der Obhut der schroffen Presbyterianer. Nicht genug, daß sie ihm zumutheten ihren Gottesdienst zu üben und ihr Covenant zu unterschreiben, bewachten sie jeden seiner Schritte, und überhäuften ihn mit Strafpredigten, wenn er sich eine jugendliche Thorheit zu Schulden kommen ließ. Er wurde gezwungen endlose Gebete und Predigten anzuhören, und konnte sich noch glücklich schätzen, wenn er nicht von einem fanatischen Kanzelredner, auf seine eigenen Schwächen rücksichtslos sowie auf das tyrannische Regiment seines unglücklichen Vaters und den papistischen Götzendienst der Mutter aufmerksam gemacht wurde. Er hatte diese Zeit seines Lebens in so traurigen Verhältnissen zugebracht, daß das Unglück, welches ihn zu neuer Wanderung hinaustrieb, ihm eher eine Befreiung als ein Mißgeschick dünken mußte. Beherrscht von diesen Gefühlen, war es Karls eifrigster Wunsch, die Partei zu vernichten, welche seinem Vater so heftigen Widerstand entgegengestellt hatte.
Charakterschilderung des Herzogs von York und des Earl von Clarendon. [Nach] demselben Ziele strebte des Königs Bruder, Jacob, Herzog von York. Obgleich in hohem Grade der Sinnenlust ergeben, war Jacob fleißig, methodisch, und liebte Autorität und Beschäftigung. Sein Verstand war höchst einfach und beschränkt, sein Charakter starr, hartnäckig und unversöhnlich. Daß dieser Fürst kein Wohlgefallen an den freien Institutionen Englands und an der Partei finden konnte, welche für diese Institutionen die wärmste Theilnahme hegte, leuchtet ein. Obgleich ein Mitglied der anglikanischen Kirche hatte der Herzog doch schon gewisse Neigungen gezeigt, welche die guten Protestanten ernstlich beunruhigten.
Der Mann, dessen Schultern in jener Zeit den größten Theil der Regierungslast zu tragen hatten, war Eduard Hyde, Kanzler des Reichs, welcher bald zum Earl von Clarendon erhoben ward. Wenn auch Clarendon als Schriftsteller unsere Achtung mit Recht verdient, so müssen wir doch auch die großen Fehler erwähnen, welche er sich als Staatsmann zu Schulden kommen ließ. Diese Fehler werden allerdings zum Theil entschuldigt und erklärt durch die ungünstige Lage, in der er sich befand. Im ersten Jahre des Langen Parlaments zeichnete er sich höchst ehrenvoll unter den Senatoren aus, welche ernstlich bemüht waren, den Beschwerden der Nation abzuhelfen. Eine der schlimmsten von diesen Beschwerden, welche das Concil von York betraf, wurde hauptsächlich durch seine Bemühungen beseitigt. Beim Eintritt der großen Spaltung, als die Reformpartei und die Partei der Conservativen sich gegen einander schaarten, trat er mit vielen weisen und braven Männern auf die Seite der Conservativen. Von jetzt an theilte er die Schicksale des Hofs, genoß König Carls I. volles Vertrauen, soweit der zurückhaltende Charakter und die gewundene Politik dieses Monarchen solches einem Minister überhaupt gewähren konnten, und ging später mit Carl II. in die Verbannung, wo er dessen politisches Verhalten leitete.
Nachdem die Restauration durchgeführt war, gelangte Hyde zur Stellung eines Premierministers, und einige Monate nachher wurde allgemein bekannt, daß er zu dem regierenden Hause in ein engverwandtschaftliches Verhältniß getreten, indem durch eine bisher geheimgehaltene Vermählung seine Tochter Herzogin von York und deren Nachkommenschaft dadurch zur Thronfolge berechtigt worden sei. In Folge dieser hohen Verbindung gewann Hyde eine Bedeutung, welche ihn über die ältesten und angesehensten Geschlechter des Adels erhob, und in mancher Hinsicht war er auch dieser hervorragenden Stellung vollkommen gewachsen, indem nicht nur in Abfassung wichtiger Staatsschriften, sondern auch in Rath und Parlament er sehr anerkennungswerthe diplomatische Befähigung zeigte. Genau bekannt mit den allgemeinen Grundsätzen der Staatskunst, verstand es Niemand besser wie er, die Verschiedenheiten der Charaktere mit geübtem Auge zu erkennen, und dabei besaß er nicht nur ein starkes Gefühl für sittliche und religiöse Verpflichtungen, sondern auch eine tiefe Ehrfurcht gegen die Gesetze des Vaterlandes und aufrichtige Achtung für die Ehre und das Ansehen der Krone. Dabei war er stolz und anmaßend; jeder Widerstand reizte ihn. Es ist kaum möglich, daß ein Diplomat, den die bürgerlichen Wirren in die Verbannung getrieben, und der eine Reihe von Jahren in derselben zugebracht, in dem Augenblicke, wo ein Umschwung der politischen Verhältnisse ihn wieder an die Spitze der Regierung zurückruft, die Zügel derselben mit sicherer und gewandter Hand zu führen vermag. Auch mit Clarendon war dies der Fall. Als er, dem Zwange der Nothwendigkeit weichend, England verlassen hatte, erbittert durch den heftigen Kampf, welcher dem Sturze seiner Partei und seines Glücks voranging, betrachtete er Alles, was sich in dem Zeitraume von 1646 bis zum Jahre 1660 in seinem Vaterlande ereignete, vom fernen Continente aus in falschem Lichte. Seine Ansichten von dem Stande der Dinge regelte er nach den Mittheilungen aufgeregter Parteimänner, deren zerrüttete Vermögensverhältnisse ihren Geist mit Wuth und Verzweiflung erfüllten. Den günstigen Stand der Ereignisse beurtheilte er nicht nach dem Maaße, in welchem sie die Wohlfahrt und den Ruhm seines Volkes vermehrten, sondern nur nach der Aussicht, die sie ihm zur Rückkehr boten, und sein Wunsch, den er durchaus nicht verhehlte, war, daß niemals Ruhe und Friede in England einziehen möge, bis die alte Königsfamilie den Thron ihrer Väter wieder in Besitz genommen habe. Als er endlich zurückkehrte, wurde ihm, ohne daß er Zeit gehabt hatte, sich von dem Stande der Dinge durch eigne Anschauung zu unterrichten, und zu ermitteln welche Veränderungen vierzehn ereignißvolle Jahre in dem Charakter und den Gesinnungen des englischen Volks herbeigeführt, sofort die Leitung des Staates übergeben. In solchem Falle würde wohl selbst ein Minister von größter Umsicht und bei aller Geneigtheit gute Lehre anzunehmen, in ernste Irrthümer verfallen sein; Takt aber, und Gelehrigkeit lagen nicht in Clarendons Charakter. Er sah in England noch das England, wie es zur Zeit seiner Jugend war, und sein Antlitz verfinsterte sich bei Wahrnehmung aller der Veränderungen, welche die Ereignisse der letzten Jahre hervorgerufen. Obgleich er nicht daran dachte, gegen die alte, unbezweifelte Macht des Hauses der Gemeinen aufzutreten, so blickte er doch mit dem höchsten Mißfallen auf die zunehmende Gewalt desselben. Die königlichen Rechte, um die er so Manches erlitten, und durch welche er endlich zu Glück und hohen Ehren gekommen war, sie galten ihm heilig; gegen die Rundköpfe aber fühlte er eine sowohl persönliche wie politische Abneigung. Als treuer Anhänger der anglikanischen Kirche hatte er wiederholt in Fällen, wo die Interessen dieser Kirche es erheischten, sich von den besten Freunden getrennt, und sein Eifer für das Episcopat und das gemeinschaftliche Gebetbuch vereinigte sich mit einem racheglühenden Hasse gegen die Puritaner, der weder dem Staatsmanne noch dem Christen zur Ehre gereichte.
Während der Zeit als das Haus der Gemeinen, welches die Königsfamilie zurückrief, versammelt war, war eine Wiederherstellung des alten kirchlichen Systems unausführbar. Nicht allein, daß der Hof seine Pläne völlig geheim hielt, der König hatte auch in feierlichster Weise Zusicherungen ertheilt, durch welche die Gemüther der gemäßigten Presbyterianer vollkommen beruhigt wurden. Er hatte vor seiner Wiedererhebung das Versprechen gegeben, allen Unterthanen völlige Gewissensfreiheit zu gestatten, und indem er dieses Versprechen jetzt erneute, fügte er die Versicherung hinzu, daß er mit allen Kräften dahin wirken würde, zwischen den streitenden Parteien eine Vereinigung herbeizuführen. Er erklärte, es sei sein Wunsch, daß Bischöfe und Synoden die geistliche Gerichtsbarkeit unter sich theilen, und daß eine Anzahl gelehrter Theologen, zur Hälfte aus Presbyterianern bestehend, eine Revision der Liturgie vornehmen sollten. Die Fragen in Betreff des Chorhemds, des Knieens beim Abendmahle, des Bekreuzigens bei der Taufe, sollte selbst für ängstliche Gewissen in befriedigender Weise gelöst werden. Auf diese Art hatte der König die Wachsamkeit derjenigen, welche er hauptsächlich fürchtete, eingeschläfert, und als dieses geschehen war, hob er das Parlament auf. Zu einer Acte, durch welche mit wenigen Ausnahmen alle Diejenigen, die in den letzten Unruhen politischer Vergehen schuldig geworden waren, begnadigt werden sollten, hatte er bereits seine Zustimmung gegeben. Von den Gemeinen war ihm eine lebenslängliche Bewilligung von Steuern zugesprochen worden, deren jährlicher Betrag auf eine Million zweimalhunderttausend Pfund geschätzt ward. Diese Summe, nebst den erblichen Einkünften der Krone, reichte damals vollkommen hin, um in Friedenszeiten die Bedürfnisse der Regierung zu bestreiten. Für ein stehendes Heer wurde nichts bewilligt, die Nation erschrak schon bei Erwähnung desselben, und die geringste Hinweisung darauf würde die Gemüther aller Parteien auf’s heftigste erbittert und beunruhigt haben.
Allgemeine Wahl von 1661. [Zu] Anfang des Jahres 1661 fand eine allgemeine Wahl statt. Das Volk war in hohem Grade von loyaler Begeisterung erfüllt, und die ganze Hauptstadt war in der lebendigsten Thätigkeit wegen der Vorbereitungen zur prachtvollsten Krönung, von der man jemals gehört. Das Resultat bestand darin, daß man Abgeordnete in’s Parlament sandte, wie sie England bisher noch nie gesehen hatte. Ein großer Theil der glücklichen Bewerber waren Männer, welche für Krone und Kirche gekämpft, und die schweren Beschimpfungen und Demüthigungen noch nicht vergessen hatten, die ihnen die Rundköpfe angethan. Als die Mitglieder zusammenkamen, traten die Leidenschaften, unter deren Einflusse jeder Einzelne stand, heftiger hervor. Mehrere Jahre hindurch war das Haus der Gemeinen eifriger für das Königthum eingenommen als der König selbst, und günstiger gestimmt für das Episcopat als die Bischöfe. Carl und Clarendon waren über die Vollständigkeit ihres Erfolgs fast bestürzt, ihre Lage hatte Ähnlichkeit mit der Ludwigs XVIII. und des Herzogs von Richelieu, als im Jahre 1815 die Kammer versammelt war. Hätte der König auch wirklich die Absicht gehabt, die Versprechungen, welche er den Presbyterianern gemacht, zu erfüllen, es würde jetzt gar nicht mehr in seiner Macht gestanden haben. Nur seinen eifrigen Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß der siegreiche Adel verhindert wurde, die Indemnitätsacte zu vernichten und erbarmungslose Rache auszuüben für die erduldeten Leiden.
Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente. [Die] Gemeinen eröffneten ihre Thätigkeit mit den Beschlüssen, daß jedes Mitglied bei Strafe der Ausstoßung das Abendmahl nach der Form genießen müsse, welche die alte Liturgie vorschrieb, und daß der Covenant durch Henkershand im Hofe des Palastes verbrannt werden sollte. Es wurde eine Acte durchgesetzt, welche die Macht des Schwertes nicht nur einzig und allein dem König zusprach, sondern auch bestimmte, daß in keinem auch noch so extremen Falle die beiden Häuser berechtigt sein sollten, dem König gewaltsamen Widerstand entgegen zu setzen. Eine zweite Acte, welche ebenfalls durchging, forderte von jedem öffentlichen Beamten einen Eid, daß er Widerstand gegen das Ansehen des Königs unter allen Umständen für ungesetzlich halte. Einige exaltirte Männer bemühten sich, eine Bill zur Geltung zu bringen, welche alle Gesetze, die das Lange Parlament geschaffen, mit einem Male aufheben und die Sternkammer nebst der Hohen Commission wieder herstellen sollte; bei aller Heftigkeit der Reaction aber gelang es ihr doch nicht, dies durchzusetzen. Das Gesetz, daß nach Verlauf von drei Jahren ein Parlament gehalten werden mußte, blieb in Kraft, die strengen Klauseln aber welche die Wahlbeamten anwiesen, zur bestimmten Zeit, auch ohne königliches Ausschreiben, die Wahl vorzunehmen, wurden aufgehoben. Die Bischöfe kehrten auf ihre Sitze im Oberhause zurück; die alte Kirchenverfassung und die alte Liturgie wurden ohne jede Beschränkung, welche auch nur die vernünftigsten Presbyterianer zu versöhnen geeignet gewesen wäre, wieder hergestellt. Zum ersten Male wurde jetzt die bischöfliche Ordination unerläßliche Bedingung für diejenigen, welche ein geistliches Amt bekleiden wollten. Fast zweitausend Prediger, denen ihr Gewissen nicht gestattete sich zu fügen, wurden an einem Tage abgesetzt, und frohlockend erinnerte die herrschende Partei die Dulder daran, daß das Lange Parlament, als es auf dem Gipfel seiner Macht gestanden, eine noch viel größere Anzahl von königlich gesinnten Geistlichen vertrieben habe. Dieser Vorwurf war allerdings nicht ungegründet, aber das Lange Parlament hatte den Vertriebenen wenigstens eine Unterstützung zukommen lassen, welche sie vor bitterem Mangel schützte; die Gerechtigkeit und Humanität des Adels aber, welcher von Haß bethört war, reichten nicht aus, um dieses Beispiel nachzuahmen.
Verfolgung der Puritaner. [Bald] erschienen Strafgesetze gegen die Nichtconformisten, die in der puritanischen Gesetzgebung vergebens ihres Gleichen suchten, welche der König aber unmöglich genehmigen konnte, ohne Zusagen zu brechen, die er bei dem wichtigen Wendepunkte seines Schicksals denjenigen gegeben, in deren Händen dasselbe damals lag. Erschreckt und tief bekümmert eilten die Presbyterianer an die Stufen des Thrones, rühmten ihre jüngst geleisteten Dienste und beriefen sich auf das wiederholt verpfändete königliche Wort. Der König schwankte, seine eigne Handschrift, sein eignes Siegel, sie konnte er nicht abläugnen, und er fühlte nur zu wohl, welchen großen Dank er den Bittstellern schuldig war. Dringenden Bitten zu widerstehen war er nicht gewöhnt, ebensowenig war er verfolgungssüchtig, und wenn auch gegen die Puritaner eingenommen, so konnte diese Abneigung doch nur ein schwaches Gefühl genannt werden neben dem bitteren Hasse, von welchem Laud durchdrungen war. Er war überdies der römisch-katholischen Kirche gewogen, und sah wohl ein, daß es nicht möglich sein würde, den Bekennern derselben Freiheit des Gottesdienstes zu gewähren, ohne dieselbe Begünstigung auch auf die protestantischen Dissenters zu übertragen. Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer des Hauses der Gemeinen zu beschränken, aber dieses stand unter dem Einflusse tieferer Überzeugungen und heftigerer Leidenschaften, als der König. Nach einigem scheinbaren Sträuben gab er nach, und genehmigte mit einem Anschein von Bereitwilligkeit eine Reihe gehässiger Maßregeln gegen die Separatisten. Es galt für ein Verbrechen, dem Gottesdienste der Dissenters beizuwohnen, ein gewöhnlicher Friedensrichter konnte ohne Jury verurtheilen, und über denjenigen, welcher zum dritten Male das Verbot übertrat, die Deportation auf sieben Jahre verhängen. Mit überlegter Grausamkeit ward festgesetzt, daß der Übertreter des Gesetzes nicht nach Neu-England transportirt werden sollte, wo er die Aussicht hatte, gleichgesinnte Freunde anzutreffen, und kehrte er vor Ablauf der festgesetzten Verbannungszeit in sein Vaterland zurück, so sollte er der Todesstrafe verfallen sein. Ein neuer, unsinniger Eid wurde von den Geistlichen verlangt, welche man ihrer Pfründen beraubt hatte, weil sie sich nicht conformiren wollten, und Alle die sich weigerten diesen Eid zu leisten, durften nicht auf fünf Meilen in die Nähe einer Stadt kommen, welche von einer Gemeindecorporation verwaltet wurde, oder im Parlamente vertreten war, oder auch einer Stadt, wo sie als Geistliche ihren Wohnsitz gehabt. Die Magistratspersonen, welche diese strengen Bestimmungen in Ausführung zu bringen hatten, waren fast durchgängig von Parteigeist erfüllte Männer, entflammt durch die Erinnerung an Leiden, welche sie während der Republick erduldet hatten. Die Kerker waren daher sehr bald mit Dissenters überfüllt, und unter diesen Unglücklichen befanden sich nicht wenige, deren Genie und Tugend eine Zierde jeder christlichen Gesellschaft gewesen sein würden.
Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie. [Die] englische Kirche erkannte den Schutz, dessen sie sich von Seiten der Regierung erfreute, dankbar an. Sie hatte seit dem Anfange ihres Bestehens Anhänglichkeit an die Monarchie gezeigt, aber während des Vierteljahrhunderts, welches der Restauration folgte, überstieg ihr Eifer für königliches Ansehen und erbliches Recht jede Grenze. Sie hatte mit dem Hause der Stuarts gelitten, und war mit ihm wieder zu Geltung gekommen; sie war mit ihm durch gemeinschaftliche Interessen, Freundschaften und Feindschaften eng verknüpft. Es schien unmöglich, daß jemals eine Zeit eintreten könnte, wo die Bande, welche sie mit den Nachkommen des erlauchten Märtyrers vereinte, zerrissen, wo die Loyalität, deren sie sich rühmte, aufhören würde, ihr eine angenehme und vortheilhafte Pflicht zu sein. Sie pries deshalb in den widerlichsten Phrasen jenes Vorrecht, welches stets bemüht war sie zu vergrößern und zu vertheidigen, und verdammte auf das Behaglichste die Ruchlosigkeit derjenigen, welche durch Bedrückung, die sie selbst nicht zu erwarten hatte, zum Aufruhr verleitet wurden. Die Verwerfung des Widerstandes war ihr Lieblingsthema, und diese Lehre trug sie ohne jede Einschränkung vor und entwickelte sie bis zu den äußersten Consequenzen. Ihre Anhänger wiederholten unaufhörlich, daß selbst wenn England das Unglück haben sollte von einem König wie Busiris oder Phalaris heimgesucht zu werden, welcher zum Hohne der Gesetze ohne alle rechtlichen Gründe täglich hunderte von unschuldigen Opfern zu Folterqualen und Tod verdammte, überhaupt kein Fall denkbar sei, wo alle Stände des Königreichs insgesammt berechtigt sein würden, dem Tyrannen physische Gewalt entgegenzustellen. Glücklicherweise gewährt der menschliche Charakter hinreichende Bürgschaft, daß derartige Theorien eben nur Theorien bleiben werden. Als der Tag der Prüfung kam, da standen die Männer, welche laut und aufrichtig diese grenzenlose Loyalität zur Schau getragen hatten, fast in allen Grafschaften Englands dem Throne mit den Waffen in der Hand gegenüber.
Im ganzen Königreiche wechselte jetzt das Grundeigenthum seine Besitzer. Die Verkäufe der Nationalgüter, welche das Parlament nicht bestätigt hatte, erklärten die Gerichtshöfe für ungültig. Der König, die Bischöfe, die Dechanten, die Capitel, der hohe und niedere royalistische Adel: sie alle traten wieder in den Besitz ihrer eingezogenen Güter, und verdrängten selbst diejenigen Käufer, welche die angemessensten Preise dafür bezahlt hatten. Die Verluste, welche dem Adel während des Übergewichtes seiner Gegner erwachsen waren, wurden theilweise ersetzt, aber eben nur theilweise. Die allgemeine Amnestie schloß alle Klagen über entzogene Nutzungen aus, und eine Menge von Royalisten, welche zur Abzahlung von auferlegten Geldstrafen an das Parlament, oder um sich die Gunst mächtiger Rundköpfe zu erkaufen, Grundeigenthum unter dem wirklichen Werthe veräußert hatten, mußten die gesetzlichen Folgen ihrer Handlungsweise tragen.
Veränderung in den Sitten der Gesellschaft. [Während] die erwähnten Veränderungen stattfanden, trat ein anderer noch bedeutungsvollerer Wechsel in den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft ein. Leidenschaften und Neigungen, welche die strenge Herrschaft der Puritaner gezügelt hatte, so daß dieselben, wenn es überhaupt geschah, nur mit großer Vorsicht befriedigt werden konnten, brachen jetzt, wo das Hemmniß beseitigt war, mit maßloser Gewalt hervor. Man suchte unsittliche Vergnügungen und strafbare Genüsse mit einer Begierde, welche nach den Gesetzen der Natur nur in Folge langer und erzwungener Enthaltsamkeit entstehen kann. Durch die öffentliche Meinung wurde dieses Treiben nicht beschränkt. Die Nation, voll Widerwillen gegen die gottseligen Reden, argwöhnisch gegen alle Ansprüche auf Heiligkeit, und dabei immer noch leidend unter den Nachwehen der erlittenen Tyrannei von Gebietern, welche sauer waren im Leben und heiß im Gebet, blickte eine Zeit lang wohlgefällig auf die angenehmeren und freundlicheren Laster. Noch weniger Beschränkungen erlaubte sich die Regierung. Es gab in der That keine Ausschweifung, welche nicht durch die unverhohlene Lasterhaftigkeit des Königs und seiner Günstlinge sanktionirt worden wäre. Nur einige bejahrte Räthe Carls I. bewahrten noch den sittlichen Ernst, welcher dreißig Jahre früher in Whitehall geherrscht hatte. Zu ihnen gehörten Clarendon selbst, sowie seine Freunde Thomas Wriothesley, Earl von Southampton, Lord-Schatzmeister, sowie Jacob Butler, Herzog von Ormond, der, nachdem er unter wechselnden Verhältnissen ritterlich für seines Königs Sache in Irland gekämpft hatte, dieses Königreich jetzt als Statthalter regierte. Aber weder das Andenken an die Verdienste dieser Männer noch ihre hohe Stellung im Staate schützte sie vor den Sarkasmen, welche neumodische Laster so gern auf veraltete Tugend schleudern. Der Ruf feiner Bildung und angenehmer Manieren war kaum zu erlangen, wenn man sich nicht zur Verletzung der Schicklichkeit entschloß. Bedeutende und vielseitige Talente unterstützten die Verbreitung dieses moralischen Übels nach Kräften. Die Moralphilosophie hatte in neuerer Zeit eine Gestalt angenommen, welche ganz geeignet war, einer Generation zu gefallen, welche der Monarchie wie dem Laster mit gleichem Eifer ergeben war. Thomas Hobbes hatte in einer bestimmteren und glänzenderen Sprache, als je ein anderer metaphysischer Schriftsteller sie gebraucht, die Behauptung aufgestellt, der Wille des Fürsten sei der Maßstab für Recht und Unrecht, und jeder gute Unterthan müsse bereit sein, auf Befehl des Königs zum Papstthum, Mahomedanismus oder Heidenthume überzutreten. Tausende, welche das wirklich Gediegene in seinen Ansichten nicht zu würdigen verstanden, begrüßten freudig eine Theorie, welche zu gleicher Zeit das königliche Ansehen erhöhte, die Bande der Moralität lockerte, und die Religion zu einer bloßen Staatsangelegenheit herabwürdigte. Der Hobbismus wurde bald ein wesentlicher Bestandtheil des Charakters eines vollendeten Gentleman. Die leichteren Zweige der Literatur erhielten einen starken Anstrich von der herrschenden Sittenlosigkeit; die Dichtkunst wurde eine Kupplerin der gemeinsten Begierden; der Witz, anstatt Schuld und Irrthum zu züchtigen, wandte seine verletzenden Pfeile gegen Unschuld und Wahrheit. Die wiederhergestellte Kirche machte zwar einen Versuch gegen die herrschende Sittenlosigkeit anzukämpfen, aber es geschah ohne alle Energie und mit getheiltem Herzen. Obgleich die Würde ihres Charakters es erheischte, die irrenden Kinder zu ermahnen, so geschahen diese Ermahnungen doch auf höchst lässige Weise. Ihre Aufmerksamkeit war nach einer anderen Seite hin beschäftigt, ihre ganzen Kräfte concentrirten sich in der Absicht, die Puritaner zu vernichten, und ihre Jünger zu zwingen, dem Kaiser zu geben was des Kaisers sei. Sie war beraubt und niedergehalten worden durch die Partei, welche strenge Sittlichkeit predigte; Wüstlinge hatten sie wieder zu Ehren und Ansehen gebracht. Ob auch die Männer der Lust und Mode nicht geneigt waren, ihre Lebensweise nach den Vorschriften der Kirche einzurichten, so ließen sie sich doch jeden Augenblick willig finden, für ihre Kathedralen und Paläste, für jeden Buchstaben ihrer Gesetze und jeden Faden ihrer Gewänder bis an die Knie im Blute zu kämpfen. Der ausschweifende Edelmann besuchte zwar Bordelle und Spielhäuser, aber er mied wenigstens die Conventikel; wenn auch sein Mund nur gotteslästerliche und unzüchtige Reden führte, so machte er das einigermaßen durch seinen Eifer wieder gut, Baxter und Howe in den Kerker zu werfen, weil sie Predigten und Gebete abgehalten hatten. So bekämpfte der Klerus längere Zeit die Schismatiker mit einem Eifer, der ihm wenig Muße ließ dem Laster entgegen zu treten. Die Zweideutigkeiten Ethereges und Wycherley’s wurden in Anwesenheit und mit besonderer Genehmigung des Kirchenoberhauptes in weiblichen Versammlungen von Frauen öffentlich vorgetragen, während der Verfasser von des „Pilgers Reise“ für das Verbrechen, den Armen das Evangelium verkündet zu haben, im Kerker schmachtete. Es ist eine feststehende und lehrreiche Thatsache, daß zu der Zeit, als die politische Macht der anglikanischen Kirche ihren Höhepunkt erreicht hatte, die Moral der Nation sich auf der niedrigsten Stufe befand.
Verworfenheit der Politiker. [Kaum] ein Rang und Beruf entging der Ansteckung durch die allgemeine Unsittlichkeit, diejenigen aber, welche sich hauptsächlich mit Politik beschäftigten, bildeten vielleicht den schlechtesten Theil der verderbten Gesellschaft, indem sie nicht blos unter den schädlichen Einflüssen standen, welche die Nation im Allgemeinen berührten, sondern noch einer besonderen Verderbniß der schlimmsten Art ausgesetzt waren. Ihr Charakter hatte sich mitten unter häufigen Revolutionen und Contrerevolutionen herangebildet; im Laufe weniger Jahre hatten sie den wiederholten Wechsel der kirchlichen und bürgerlichen Verfassung ihres Vaterlandes beobachtet. Sie hatten gesehen, wie die bischöfliche Kirche die Puritaner verfolgte, wie die puritanische Kirche die Bischöflichen verfolgte, und wie die bischöfliche Kirche dann wieder die Puritaner verfolgte. Sie hatten die Vernichtung und Wiedererstehung der erblichen Monarchie gesehen, hatten beobachtet, wie das Lange Parlament dreimal die Oberherrschaft im Staate errang, und dreimal unter Verwünschungen und Hohngelächter von Millionen wieder zusammenstürzte. Sie hatten erlebt, wie eine neue Dynastie sich rasch auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes erhob, um bald darauf ohne allen Kampf wieder vom Thronsessel herabgeschleudert zu werden. Sie hatten gesehen, wie ein neues System der Volksvertretung entworfen, versucht und wieder aufgegeben worden war. Sie hatten ein neues Haus der Lords eben so schnell entstehen wie vergehen sehen. Sie hatten gesehen, wie Massen von Eigenthum auf gewaltsame Weise bald den Edelleuten, bald den Rundköpfen zur Beute wurden. Unter solchen Umständen konnte Niemand als Staatsmann sich bewegen und gedeihen, der sich nicht willig finden ließ, je nach den Verhältnissen die Farbe zu wechseln. Nur in stiller Zurückgezogenheit war es möglich, für die Dauer den Charakter eines guten Royalisten oder eines starren Republikaners zu behaupten. Wer unter solchen Zeitverhältnissen bürgerliche Größe zu erlangen wünscht, muß jeden Gedanken an konsequentes Festhalten aufgeben. Anstatt inmitten unaufhörlicher Veränderungen nach Unveränderlichkeit zu streben, muß er beständig umherspähen, um die ersten Kennzeichen einer nahenden Reaktion zu entdecken und muß den richtigen Augenblick erfassen, um eine verlorne Sache aufzugeben. Nachdem er fest zu einer Partei gehalten, so lange sie die Oberhand hatte, muß er sie plötzlich verlassen, wenn sie in schwierige Lagen kommt, muß sich gegen sie waffnen, sie verfolgen, und mit den neuen Bundesgenossen eine neue Bahn einschlagen, auf der ihm Macht und Glück entgegenleuchten. Seine Lage bildet in ihm nothwendig eine besondere Klasse von Fähigkeiten, wie eine besondere Klasse von Lastern bis zur höchsten Vollkommenheit aus. Schnelligkeit im Beobachten verbindet sich mit Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln. Ohne Mühe eignet er sich den Ton jeder Sekte oder Faktion an, mit der ihn der Zufall zusammenführt. Er erkennt die Zeichen der Zeit mit einem Scharfblick, den die Menge wunderbar findet, mit einem Scharfblick, ähnlich dem eines alten Polizeimannes, welcher die schwächsten Anzeichen eines Verbrechen aufzufinden versteht, oder eines Mohawk-Kriegers, der in den Wäldern eine Spur verfolgt.
Bei Staatsmännern von derartiger Bildung wird man aber freilich nur selten Redlichkeit und Ausdauer, oder eine von denjenigen Tugenden antreffen, welche dem edlen Stamme der Wahrheit entsprossen sind. Er besitzt weder Glauben an eine Lehre, noch Eifer für eine Angelegenheit. Vor seinen Augen sind so viele alte Institutionen untergegangen, daß er keine Achtung vor langem Bestehen kennt. Er hat so viele neue Einrichtungen, welche zu großen Erwartungen berechtigten, entstehen und Enttäuschung hervorbringen sehen, daß er keine Hoffnung auf den Fortschritt setzt; und diejenigen, welche ängstlich bemüht sind zu erhalten, verlacht er nicht minder wie die, welche es sich angelegen sein lassen zu verbessern. Es giebt im Staate nichts, zu dessen Erhaltung oder Vernichtung er nicht ohne alle Gewissensbisse und ohne Erröthen mitwirken könnte; treu zu bleiben seinen Überzeugungen und seinen Freunden, ist in seinen Augen Beschränktheit und Verkehrtheit; die Politik ist für ihn nicht eine Wissenschaft, die sich mit dem Wohle der Völker beschäftigt, sondern ein aufregendes Spiel des Zufalls und der Geschicklichkeit, in welchem der begünstigte Spieler ein Landgut, eine Adelskrone oder wohl gar eine Königskrone gewinnen, aber auch durch eine unüberlegte Bewegung Gut und Leben verlieren kann. Der Ehrgeiz, welcher in friedlichen Tagen bei guten Menschen eine halbe Tugend ist, wird jetzt, jedem edleren und menschenfreundlicheren Gefühle entfremdet, eine selbstsüchtige Begierde, fast so unedel, als die Habsucht. Unter den Staatsmännern, welche von der Restauration bis zum Regierungsantritt des Hauses Hannover sich an der Spitze der großen Parteien des Vaterlandes befunden haben, lassen sich nur sehr Wenige auffinden, deren Ruf nicht durch Eigenschaften befleckt ist, denen man in unserem Zeitalter die Namen von grober Untreue und Verdorbenheit geben würde. Es ist schwerlich eine Übertreibung, wenn man sagt, daß öffentliche Männer ohne alle Grundsätze, welche in neuerer Zeit an den Staatsgeschäften Theil genommen haben, als uneigennützig und gewissenhaft betrachtet zu werden verdienten, wollte man sie nach dem Maaßstabe beurtheilen, der in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts geltend war.
Zustand von Schottland. [Während] diese Veränderungen der Politik, Religion und Sittlichkeit in England stattfanden, war die königliche Autorität ohne Schwierigkeit in allen übrigen Theilen der britischen Inseln wieder hergestellt worden. Schottland hatte die Restauration der Stuarts mit Freuden begrüßt, da man durch sie die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit erwartete. Und wirklich wurde das von Cromwell aufgelegte Joch dem Anscheine nach beseitigt; die Stände versammelten sich wiederum in dem alten Saale zu Edinburg, und die Senatoren des Justizkollegiums verwalteten wieder das schottische Recht in der früheren Form; aber die Unabhängigkeit des kleinen Königreichs bestand mehr dem Namen nach, als in der Wirklichkeit, indem der König, so lange er England auf seiner Seite hatte, eine Unzufriedenheit in den anderen Gebietstheilen nicht zu fürchten brauchte. Er befand sich jetzt in solcher Lage, daß er den Versuch, der seinen Vater in’s Verderben stürzte, wiederholen konnte, ohne dessen Schicksal fürchten zu müssen. Karl I. hatte es versucht, seine eigene Religion durch königliche Gewalt den Schotten zu einem Zeitpunkte aufzudringen, da sowohl diese Religion, als auch die königliche Macht in England unpopulär waren, und nicht genug, daß ihm diese Absicht völlig mißglückte, kosteten die Unruhen, welche daraus entstanden, ihm zuletzt sogar noch Krone und Leben. Die Zeiten hatten sich geändert; England schwärmte für Monarchie und Prälatenthum, und deshalb konnte der Plan, dessen Anwendung vor einem Menschenalter höchst unklug gewesen sein würde, ohne erhebliche Gefahr für den Thron wieder aufgenommen werden. Die Regierung beschloß, in Schottland eine bischöfliche Kirche zu errichten; dieser Plan wurde aber von jedem vernünftigen Schotten gemißbilligt. Einige, mit Eifer für die Prärogative des Königs eingenommene schottische Staatsmänner waren als Presbyterianer erzogen, und wenn sie auch nicht durch Gewissensfragen beunruhigt wurden, so hatten sie doch eine Vorliebe für die Religion ihrer Kindheit, und wußten wohl, wie tief dieselbe in den Herzen ihrer Landsleute wurzelte. Mit Entschiedenheit erklärten sie sich gegen den Plan, als sie aber einsahen, daß es nichts fruchtete, fehlte es ihnen an der nöthigen Energie, um bei einer Opposition zu verharren, die ihren Landesherrn beleidigen mußte, und Mehre waren sogar ruchlos und niederträchtig genug, das Christenthum in einer Form zu verfolgen, welche sie in ihrem Gewissen für die reinste hielten. Die Einrichtung des schottischen Parlaments war der Art, daß es schwerlich selbst schwächeren Königen, als dem damals ziemlich machtlosen Karl, einen ernstlichen Widerstand entgegen gestellt haben würde. Das Episkopat ward daher durch Gesetze eingeführt, und was die Form des Gottesdienstes anlangte, so wurde dem Gutdünken des Klerus ein weiter Spielraum bewilligt. In einigen Kirchen wendete man die englische Liturgie an; in anderen wählten die Geistlichen aus dieser Liturgie diejenigen Gebete und Danksagungen aus, die aller Wahrscheinlichkeit nach dem Volke am wenigsten anstößig sein würden. Im Allgemeinen aber wurde am Schlusse des öffentlichen Gottesdienstes der Lobgesang angestimmt und bei der Taufe das apostolische Glaubensbekenntniß gesprochen. Der größte Theil des schottischen Volkes haßte die neue Kirche als eine abergläubische und ausländische, besudelt mit den Verderbnissen Roms, und als ein Zeichen der englischen Oberherrschaft. Trotzdem kam es zu keinem allgemeinen Aufstande; es war das Land nicht mehr, das es vor zweiundzwanzig Jahren gewesen. Unglücklicher Krieg und Fremdherrschaft hatten den Muth des Volkes gebrochen. Die Aristokratie, welche bei den mittleren und niederen Schichten des Volkes in hohem Ansehen stand, hatte die Bewegung gegen Karl I. geleitet, gegen Karl II. zeigte sie sich unterwürfig. Auf die Hilfe der englischen Puritaner konnte man nicht rechnen, sie waren eine schwache Partei, geächtet durch Gesetz und öffentliche Meinung. Nur mit Unmuth fügte sich daher die Masse des schottischen Volkes; bestürmt von bösen Ahnungen des Gewissens, wohnten sie dem Gottesdienste des bischöflichen Klerus oder derjenigen presbyterianischen Geistlichen bei, die sich hatten bereit finden lassen, von der Regierung eine halbe Duldung anzunehmen, die man Indulgenz nannte. Es gab aber besonders in dem westlichen Unterlande entschlossene und kühne Männer, welche der Meinung waren, die Pflicht, den Covenant zu halten, stehe höher, als die Pflicht, der Obrigkeit zu gehorchen. Dem Gesetz trotzend, ließen diese Leute sich nicht abhalten, Versammlungen zu veranstalten, um Gott nach ihrer Weise zu verehren. In der Indulgenz erblickten sie keineswegs eine Art Entschädigung für die Unbilden, welche die Kirche von der Obrigkeit erlitten, sondern ein neues und um so hassenswürdiges Unrecht, da man ihm das Ansehen einer Wohlthat geben wollte. Verfolgung, meinten sie, könne nur den Körper tödten, die schmachvolle Indulgenz aber vernichte die Seele. Als man sie aus den Städten vertrieb, sammelten sie sich in den Wäldern und Gebirgen; wurden sie von der bürgerlichen Macht angegriffen, so setzten sie der Gewalt unbedenklich Gewalt entgegen. Bei jedem Konventikel erschienen sie bewaffnet, und mehrmals erregten sie offenen Aufruhr. Sie wurden zwar ohne große Mühe besiegt, aber durch Niederlagen und Strafen stählte sich nur ihr Muth. Gehetzt wie wilde Thiere, gefoltert bis ihre Gebeine zermalmt waren, hundertweise in den Kerker geworfen, zu Zwanzigen aufgeknüpft, heute der Rohheit englischer Soldaten preisgegeben, morgen der Willkür hochländischer Räuberbanden überlassen, vertheidigten sie sich immer noch mit so entsetzlicher Wuth, daß der kühnste und mächtigste Unterdrücker Ursache hatte, ihren durch die Verzweiflung angefachten Muth zu fürchten.
Zustand von Irland. [So] war unter der Regierung Karls II. der Zustand von Schottland; aber Irland war nicht minder zerrüttet. Auf dieser Insel bestanden Fehden, welche sich mit den heftigsten Feindschaften der englischen Politiker nicht vergleichen ließen. Die Feindseligkeiten zwischen den irischen Cavalieren und den irischen Rundköpfen waren fast vergessen über der grimmigeren Feindschaft, welche zwischen der englischen und der celtischen Race wüthete. Die Kluft zwischen den Episkopalen und Presbyterianern verschwand, wenn man sie mit der verglich, welche Beide von den Papisten trennte. In den letzten bürgerlichen Unruhen war ein großer Theil des irischen Grundeigenthums von dem unterjochten Volke auf die Sieger übergegangen. Auf die Gunst der Krone konnten sowohl von den alten wie von den neuen Besitzern nur wenige Anspruch machen, denn die Plünderer wie die Geplünderten waren in der Mehrzahl Rebellen. Die Regierung wurde des Streites der beiden ergrimmten Parteien über entgegengesetzte Ansprüche und gegenseitige Beschuldigungen bald müde und überdrüssig. Diejenigen Kolonisten, unter welche Cromwell das eroberte Land vertheilt hatte, und deren Abkömmlinge man noch immer Cromwellianer nannte, gaben zu bedenken, daß die englische Nation unter jeder Dynastie, und die protestantische Religion in jeder Form, von den Ureinwohnern auf das Heftigste angefeindet würde. Sie schilderten mit Übertreibung die Gräuel, welche den Aufstand von Ulster geschändet hatten, sie beschworen den König, die Politik des Protektors mit Entschiedenheit zu verfolgen, und schämten sich nicht es auszusprechen, daß der Frieden in Irland nur dann bestehen könne, wenn der alte Volksstamm der Iren völlig vertilgt sein werde. Die Katholiken stellten ihr Vergehen möglichst gering dar und jammerten kläglich über die Härte ihrer Strafe, die auch in der That eben nicht gelind gewesen war. Sie baten Karl, die Unschuldigen nicht mit den Schuldigen zu verwechseln und erinnerten ihn, daß ein großer Theil der Schuldigen ihren Fehler dadurch gut gemacht, daß sie zu ihrer Pflicht zurückgekehrt waren und seine Rechte gegen die Henker seines Vaters in Schutz nahmen. Um die zwei zudringlichen Parteien, von denen keine auf seine Liebe Anspruch hatte, los zu werden, diktirte der Hof einen Vergleich, und befreite sich dadurch von der Plage. Das grausame, aber höchst praktische und energische System, durch welches Cromwell Irland durchweg englisch machen wollte, wurde aufgegeben, und die Cromwellianer veranlaßt, ein Drittel ihrer Erwerbungen herauszugeben. Das übergebene Land wurde willkürlich unter diejenigen Bewerber vertheilt, welche die Regierung begünstigen wollte. Eine Masse von Leuten aber, welche versicherten, daß sie sich keiner Illoyalität schuldig gemacht, und einzelne Personen, die sich rühmten, ihre Loyalität auf das Glänzendste bewiesen zu haben, erhielten weder Zurückerstattung noch Entschädigung, und erfüllten Frankreich und Spanien mit lauten Klagen über die Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Stuarts.
Die Regierung in England wird unpopulär. [Selbst] in England hatte um diese Zeit die Regierung aufgehört populär zu sein. Unter den Royalisten, und zwischen ihnen und dem Hofe, waren Zwistigkeiten entstanden; die besiegte und niedergetretene Partei aber, von der man glaubte, daß sie vernichtet sei, die jedoch eine zähe Lebenskraft besaß, erhob von Neuem das Haupt, und trat wiederum gerüstet hervor. Wenn auch die Verwaltung ohne Tadel gewesen wäre, so konnte doch die Begeisterung, mit der die Rückkehr des Königs und das Ende der Militärherrschaft begrüßt wurde, nicht von Dauer sein, denn es ist in der menschlichen Natur begründet, daß auf übermäßige Erregung immer Abspannung folgt. Die Art aber wie der Hof seinen Sieg mißbrauchte, führte eine rasche und vollständige Abkühlung herbei. Jeder Gemäßigte erschrak vor der Anmaßung, Hartherzigkeit und Treulosigkeit, mit der man die Nichtconformisten behandelte. Durch die Strafgesetze war die unterdrückte Partei vollständig von den heuchlerischen Mitgliedern gereinigt worden, welche sie in Mißcredit gebracht hatten; jetzt stand sie wieder als würdige und fromme Gemeinschaft da. Der Puritaner als Sieger, Gebieter, Verfolger und Sequestrator war ein Gegenstand des Hasses gewesen, aber der verrathene und gemißhandelte Puritaner, verlassen von allen falschen Freunden, die im Glücke ihn umgaben, vertrieben von seinem Hause, mit schweren Strafen bedroht, wenn er es wagte, seinem Gewissen gemäß zu beten und das Abendmahl zu empfangen, aber immer noch unerschütterlich in seinem Entschlusse, nur Gott, und nicht den Menschen zu gehorchen, war, trotz einiger unangenehmen Erinnerungen, jedem redlichen Gemüth ein Gegenstand des Mitgefühls und der Hochachtung. Diese Gefühle steigerten sich, als das Gerücht umlief, daß der Hof nicht gesonnen sei, die Katholiken ebenso streng zu behandeln, wie es den Presbyterianern widerfahren war. Es tauchte ein unbestimmter Verdacht auf, daß der König und der Herzog nicht aufrichtig protestantisch gesinnt seien. Viele, denen die Verschlossenheit und Heuchelei der Pharisäer der Republik widerlich gewesen war, empfanden jetzt noch größeren Abscheu vor der schamlosen Üppigkeit des Hofes und der Cavaliere, und neigten sich zu dem Zweifel hin, ob nicht die finstere Grübelei von „Preise Gott, Barebone“ der abscheulichen Gottlosigkeit und den Ausschweifungen der Buckinghams und Sedley’s vorzuziehen sei. Selbst sittenlose Menschen, denen es nicht gänzlich an Einsicht und Sinn für das Gemeinwohl fehlte, beklagten, daß die Regierung Dinge von höchster Wichtigkeit als Kleinigkeiten betrachte, dagegen Angelegenheiten ohne Bedeutung zu ernsten Geschäften mache. Man könne es einem Könige vergeben, wenn er seine Mußestunden durch Wein, Witz und Schönheit erheitere; aber unerträglich sei es, wenn er zu einem bloßen Tagediebe und Wollüstlinge sich erniedrige, wodurch das Interesse des Staates vernachlässigt sowie der Staatsdienst und die Finanzen in Noth und Unordnung gebracht würden, während liederliche Weiber und Schmarotzer sich bereicherten.
Eine große Menge von Royalisten stimmten in diese Klagen ein, und setzten manche heftige Bemerkung über die Undankbarkeit des Königs hinzu. Freilich würde das ganze Einkommen desselben nicht hingereicht haben, sie alle nach Maaßgabe ihres Verdientes, wie sie es veranschlagten, zu belohnen, denn jedem Gentleman mit zerrüttetem Vermögen, der unter Ruprecht oder Derby gefochten hatte, erschienen seine Dienste ungemein wichtig und seine ertragenen Leiden außerordentlich hart. Ein Jeder hatte sich geschmeichelt, daß, wie es auch immer den Übrigen ergehen möchte — wenigstens er für Alles, was die bürgerlichen Unruhen ihm geraubt, eine reichliche Entschädigung erhalten, und der Herstellung der Monarchie die Verbesserung seiner eigenen zerrütteten Glücksumstände folgen würde. Keiner von diesen Erwartungsvollen vermochte seinen Unmuth zurückzuhalten, als er sah, daß er unter der Herrschaft des Königs eben so arm war, wie zur Zeit des Rumpfs, oder unter dem Protektor. Die Rücksichtslosigkeit und Üppigkeit des Hofes erregte den heftigsten Unwillen dieser loyalen Veteranen. Sie behaupteten nicht mit Unrecht, daß die Hälfte der Summen, welche der König an Concubinen und Hofnarren verschwende, die Herzen von vielen hundert alten Cavalieren erfreuen würde, welche, nachdem sie ihre Wälder gelichtet, und ihr Silbergeschirr eingeschmolzen, um seinem Vater zu unterstützen, jetzt in ärmlichen Kleidern herumgingen, und nicht wüßten, wie sie ihren Hunger stillen sollten.
Um dieselbe Zeit fielen plötzlich die Renten. Das Einkommen jedes Grundeigenthümers verminderte sich um fünf Schillinge auf das Pfund. Der Nothruf der Landleute ließ sich aus jeder Grafschaft des Königreichs vernehmen, und, wie immer, ward die Regierung für diese Noth verantwortlich gemacht. Der niedere Adel, gezwungen seine Ausgaben auf einige Zeit zu beschränken, blickte mit Entrüstung auf den Glanz und die zunehmende Verschwendung in Whitehall, und war fest überzeugt, das Geld, welches zur Aufrechthaltung seines Wohlstandes bestimmt gewesen, sei durch einen unbegreiflichen Proceß in die Taschen der königlichen Günstlinge gewandert.
Die Menschen waren jetzt in einer Stimmung, in der jeder öffentliche Akt Unzufriedenheit erregte. Karl hatte sich mit der Prinzessin Katharina von Portugal vermählt; diese Verbindung mißfiel aber allgemein, und das Murren ward noch hörbarer, als es sich herausstellte, daß der König muthmaßlich keine legitimen Nachkommen erhalten werde. Dünkirchen, das Cromwell Spanien entrissen, wurde an Ludwig XIV., Frankreichs König, verkauft, was allgemeinen Unwillen erregte. Die Engländer beobachteten bereits nicht ohne Besorgniß die Zunahme der französischen Macht, und betrachteten das Haus der Bourbons mit denselben Empfindungen, welche ihre Großväter gegen das Haus Österreich gehegt hatten. War es wohlgethan, fragte man, der Macht einer schon so gewaltigen Monarchie einen Zuwachs zu geben? — Außerdem ward Dünkirchen von dem Volke nicht nur als Waffenplatz und als ein Schlüssel zu den Niederlanden, sondern auch als eine Trophäe englischer Tapferkeit geschätzt. Dünkirchen war für die Zeiten Karls, was Calais einer früheren Generation gewesen, und was der Felsen von Gibraltar, — so ritterlich unheilvolle Jahre hindurch gegen die Flotten und Heere einer mächtigen Allianz vertheidigt, — für uns ist. Die Rücksicht auf finanzielle Ursachen wäre ein Entschuldigungsgrund gewesen, wenn ihn eine sparsame Regierung geltend gemacht hätte; es war aber kein Geheimniß, daß die Kosten, welche Dünkirchen veranlaßte, ohne Bedeutung erschienen gegenüber den Summen, welche am Hofe in Ausschweifungen und Thorheiten vergeudet wurden. Es schien unerhört, daß ein Souverain, der in allen seinen Vergnügungen einer beispiellosen Verschwendung huldigte, den Knauser spielen wollte, wenn es die Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes galt.
Die allgemeine Unzufriedenheit nahm zu, als es sich zeigte daß, während man Dünkirchen unter dem Vorwande der Sparsamkeit aufgab, die Festung Tanger, welche zur Mitgift der Königin Katharina gehörte, mit ungeheuren Kosten hergestellt und unterhalten wurde. An diesen Platz knüpften sich keine Erinnerungen des Nationalstolzes, und derselbe konnte in keiner Art das National-Interesse fördern. Durch ihn wurde England in einen ruhmlosen, nachtheiligen und unabsehbaren Krieg mit halbwilden arabischen Stämmen verwickelt, und er lag in einem für die Gesundheit und Kraft des englischen Volks höchst nachtheiligen Klima.
Krieg mit den Holländern. [Das] Murren aber, welches diese Fehlgriffe hervorriefen, war nicht zu vergleichen mit dem lauten Geschrei, das bald darauf sich erhob. Die Regierung begann einen Krieg mit den Vereinigten Provinzen. Das Haus der Gemeinen bewilligte mit größter Bereitwilligkeit unerhörte Summen, größer als die, welche die Flotten und Heere Cromwells zu einer Zeit kosteten, da seine Macht in aller Welt gefürchtet war. Die Verschwendung, Unredlichkeit und Unfähigkeit seiner Nachfolger waren so groß, daß diese Freigebigkeit sich schlimmer als nutzlos erwies. Die feigen Höflinge, ohne alle Befähigung den großen Männern entgegenzutreten, welche damals die holländischen Waffen befehligten, — einem Staatsmann, wie de Witte, und einem General wie de Ruyter — suchten sich schnell zu bereichern, während die halbverhungerten Matrosen in Empörung ausbrachen, die Werfte unbeschützt, und die Schiffe leck und ohne Takelwerk waren. Jetzt beschloß man, die Offensive aufzugeben; aber sehr bald kam die Überzeugung, daß bei einer solchen Verwaltung selbst ein Vertheidigungskrieg nicht durchzuführen sei. Die holländische Flotte lief in die Themse ein, und vernichtete bei Chatham sämmtliche Kriegsschiffe. Es wurde erzählt, daß gerade an dem Tage dieser harten Demüthigung der König mit den Damen seines Serails bei Tafel gesessen, und sich damit amüsirt habe, eine Motte im Speisesaale herumzujagen. Das Andenken an Cromwell fand jetzt seine gerechte Anerkennung. Überall rühmte man seine Tapferkeit, seine Umsicht und seinen Patriotismus. Man erinnerte sich, wie unter seiner Herrschaft alle auswärtigen Mächte vor Englands Namen gezittert hatten, wie die jetzt so kecken Generalstaaten sein Haupt vor ihm gebeugt, wie bei der Nachricht von seinem Tode Amsterdam illuminirt worden, wie bei einer Errettung aus großer Gefahr, und daß die Kinder an den Kanälen umherliefen, vor Freude jauchzend, daß der Teufel gestorben sei. Selbst Royalisten erklärten unverholen, die Rettung des Staates sei nur dadurch zu bewerkstelligen, daß man die alten Krieger der Republik zu den Waffen rufe. Bald fühlte die Hauptstadt alle Drangsale einer Blokade. Feuerungsmaterial war kaum zu erlangen. Tilbury Fort, wo einst Elisabeth mit männlichem Muthe gegen Spanien und Parma schnöden Spott geschleudert, wurde von den Holländern insultirt. Es war das erste, aber auch das letzte Mal, wo Londons Bürger den Donner fremder Geschütze vernahmen. Im Staatsrathe wurde der ernstliche Vorschlag gemacht, beim Anrücken des Feindes den Tower preiszugeben. Das Volk durchzog in Masse die Straßen, und rief, daß England verrathen und verkauft sei. Die Paläste und Equipagen der Minister wurden vom Pöbel angegriffen, und es erhielt ganz den Anschein, daß die Regierung zugleich mit der Invasion auch einen Volksaufstand zu fürchten haben werde. Die größte Gefahr zog allerdings bald vorüber; es wurde ein Vertrag abgeschlossen, ganz abweichend von denen, welche Cromwell zu unterzeichnen pflegte, und noch einmal kehrte der Frieden einer Nation zurück, die sich in einer ebenso gereizten und niedergedrückten Stimmung befand, wie in den Tagen des Schiffsgeldes.
Die Unzufriedenheit, welche die schlechte Verwaltung hervorrief, ward noch durch Unfälle vermehrt, die auch die beste Verwaltung nicht hätte beseitigen können. Während der schimpfliche Krieg mit Holland geführt wurde, erfuhr London zwei Unglücksfälle, von denen in so kurzem Zeitraume noch nie eine Stadt betroffen worden war. Eine Seuche, an Furchtbarkeit alle überbietend, welche im Laufe von drei Jahrhunderten die Insel heimgesucht hatten, kostete binnen sechs Monaten mehr als hunderttausend Menschen das Leben, und kaum hatte der Leichenwagen seine Thätigkeit beendet, als eine Feuersbrunst, wie sie seit dem Brande Roms unter Nero Europa nicht erlebt, die ganze City, vom Tower bis zum Tempel, und von dem Flusse bis zu den Bezirken von Smithfield in einen Aschenhaufen verwandelte.
Opposition in dem Hause der Gemeinen. [Hätte] man, während die Nation unter so viel Schande und Drangsal fast erlag, eine allgemeine Wahl vorgenommen, so würden nach aller Wahrscheinlichkeit die Rundköpfe wieder zur Herrschaft im Staate gelangt sein; das Parlament war aber noch immer das Cavalierparlament, welches in dem ersten Loyalitätstaumel gewählt worden, der auf die Restauration folgte. Es ward jedoch bald offenbar, daß keine gesetzgebende Versammlung in England, wäre sie auch noch so loyal, sich begnügen würde, blos das zu sein, was dergleichen Versammlungen zur Zeit der Tudors gewesen waren. Vom Tode Elisabeths bis zum Beginn des Bürgerkrieges hatten die Puritaner, welche in dem volksvertretenden Körper überwiegend waren, durch eine geschickte Anwendung der Macht des Geldes Übergriffe in das Gebiet der exekutiven Regierung gethan. Die Herren, welche nach Ausführung der Restauration das Unterhaus einnahmen, haßten zwar die Puritaner, waren aber gar nicht böse, die Früchte der puritanischen Staatskunst zu erben. Allerdings hatten sie den besten Willen, die Gewalt, welche ihnen im Staate geworden, zu dem Zwecke zu verwenden, ihrem König sowohl daheim, wie im Auslande, Macht und Ansehen zu verschaffen; sie waren aber auch entschlossen, ihre eigene Macht nicht aufzugeben. Die große englische Revolution des siebzehnten Jahrhunderts, nämlich die Übertragung der Oberleitung der ausführenden Verwaltung von der Krone auf das Haus der Gemeinen, war während des ganzen langen Bestehens dieses Parlaments in ruhigem, aber schnellem und entschlossenem Fortschreiten. Karl gerieth durch seine Thorheiten und Laster beständig in Geldverlegenheit. Nur durch die Gemeinen konnte er auf gesetzlichem Wege Geld erlangen, und es ließ sich nicht verhindern, daß sie selbst einen Preis für ihre Bewilligung festsetzten. Dieser bestand darin, daß es ihnen erlaubt sei, sich in alle Prärogativen des Königs zu mischen, ihm die Zustimmung zu Gesetzen, welche er mißbilligte, abzuzwingen, Cabinete aufzulösen, den Gang der auswärtigen Politik vorzuschreiben und selbst die Kriegsführung zu leiten. Der königlichen Würde und der Person des Souverains versprachen sie laut und offenherzig die treueste Anhänglichkeit. Clarendon aber waren sie keine Unterthanentreue schuldig, und so griffen sie ihn mit einer so heftigen Entrüstung an, wie ihre Vorgänger einst Strafford.
Sturz Clarendons. [Die] guten Eigenschaften, wie die Fehler dieses Staatsmannes beförderten gleichmäßig seinen Sturz. Er war das Haupt der Verwaltung, und wurde deshalb selbst für solche Handlungen verantwortlich gemacht, denen er in der Rathsversammlung lebhaften, wenn auch nutzlosen Widerstand entgegengestellt hatte. Die Puritaner und Alle, welche diese bemitleideten, hielten ihn für einen unverbesserlichen Zeloten, für einen zweiten Laud, nur mit mehr Verstand begabt als dieser. Er hatte stets behauptet, daß man die Amnestieakte streng handhaben müsse, und obgleich dieser Theil seines Verhaltens höchst ehrenwerth für ihn erschien, so verfeindete derselbe ihn doch mit allen Royalisten, welche ihren zerrütteten Verhältnissen durch Klagen gegen die Rundköpfe wegen erlittener Verluste und entzogener Nutzungen wieder aufzuhelfen wünschten. Die Presbyterianer Schottlands beschuldigten ihn des Sturzes ihrer Kirche, die irländischen Papisten warfen ihm den Verlust ihrer Güter vor. Als Vater der Herzogin von York hatte er gegründete Ursachen, eine unfruchtbare Königin zu wünschen, und kam daher in den Verdacht, absichtlich eine solche empfohlen zu haben. Den Verkauf Dünkirchens machte man ihm mit Recht zum Vorwurf; die Schuld an dem holländischen Kriege aber ward ihm mit weniger Grund zur Last gelegt. Sein reizbares Temperament, sein stolzes Benehmen, die maßlose Sucht, Reichthümer zu erwerben, die prahlerische Art mit der er dieselben wieder verschwendete, seine mit den Meisterstücken van Dyks gefüllte Gemäldegallerie — dem früheren Eigenthume verarmter Cavaliere, — sein Palast, dessen lange stattliche Fronte sich der bescheidenen Wohnung des Königs gegenüber erhob, unterwarfen ihn vielem wohlverdienten, jedoch auch manchem ungerechten Tadel. Als die holländische Flotte in der Themse ankerte, richtete sich die Wuth des Pöbels hauptsächlich gegen den Kanzler. Man warf ihm die Fenster ein, vernichtete die Bäume seines Gartens, und errichtete vor dem Eingange seines Palastes einen Galgen. Am verhaßtesten war er dem Hause der Gemeinen. Er war nicht fähig, zu erkennen, daß die Zeit schnell heranrückte, wo dieses Haus, wenn es überhaupt fortbestand, die Oberherrschaft im Staate erlangen, daß die Leitung desselben ein wichtiger Zweig der Staatsgeschäfte werden, und daß es unmöglich sein würde, ohne den Beistand von Männern, welche das Vertrauen des Hauses besaßen, das Ruder des Staatsschiffs zu führen. Er ließ sich nicht davon abbringen, das Parlament als eine Corporation zu betrachten, die in keiner Hinsicht von jenem Parlamente abweiche, welches vor vierzig Jahren existirte, als er im Temple dem Studium der Rechtswissenschaft oblag. Zwar beabsichtigte er nicht, die gesetzgebende Versammlung der Vorrechte zu berauben, welche die alte Verfassung Englands ihr bewilligt; aber die neue Ausdehnung derselben, wenn auch natürlich und unvermeidlich, und nur durch ihre völlige Vernichtung abzuwenden, erfüllte ihn mit Widerwillen und Unruhe. Nie würde er sich entschlossen haben, das große Siegel unter eine Verordnung zur Erhebung von Schiffsgeld zu drücken, oder im Rathe seine Zustimmung dazu zu geben, daß ein Mitglied des Parlaments auf Grund von Äußerungen während der Debatte in den Tower geschickt werden könne; als aber die Gemeinen zu wissen verlangten, wozu das Geld, welches sie für den Krieg bewilligt, verwendet worden sei, als sie anfingen die schlechte Verwaltung der Flotte zu untersuchen, da gerieth er vor Unwillen außer sich. Er war der Ansicht, daß dergleichen Nachforschungen außerhalb ihrer Berechtigung lägen und gab zwar zu, daß das Haus eine sehr loyale Versammlung sei, die der Krone recht ersprießliche Dienste geleistet, und daß seine Absichten ganz vortrefflich sein könnten, aber in weiteren und engeren Kreisen sprach er unverholen sein Bedauern aus, daß der Monarchie aufrichtig ergebene Gentlemen mit solcher Unbedachtsamkeit die Vorrechte des Souverains antasteten. Wenn auch anderer Gesinnung als die Mitglieder des Langen Parlaments, handelten sie doch — sagte er — wie dieses Parlament, indem sie Angelegenheiten zu den ihrigen machten, welche, außerhalb des Wirkungskreises der Reichsstände, nur lediglich der Autorität der Krone unterlägen. Er versicherte, der Staat werde sich nie einer guten Regierung erfreuen, bis die Abgeordneten der Grafschaften sich damit begnügten, nicht mehr zu sein, als ihre Vorgänger zur Zeit Elisabeths. Alle Vorschläge, welche von Männern, die ihre Zeit besser erkannt hatten als er, zu dem Zwecke gemacht wurden, ein Einverständniß zwischen dem Hofe und den Gemeinen herbeizuführen, wies er als unreife Projecte, die mit den alten englischen Staatsverhältnissen nicht harmonirten, verächtlich zurück. Junge Sprecher, welche im Unterhause zu Ansehen und Auszeichnung gelangten, behandelte er abstoßend, und machte sich dieselben fast ohne Ausnahme dadurch zu unversöhnlichen Feinden. Ohne Zweifel war einer seiner größten Fehler die maßlose Verachtung der Jugend, und es war dieselbe um so weniger zu rechtfertigen, da seine eigene diplomatische Erfahrung in englischen Regierungsangelegenheiten, durchaus in keinem Verhältnisse zu seinen Jahren stand, indem er einen großen Theil seines Lebens im Auslande zugebracht und von der Welt, in der er sich nach seiner Rückkehr bewegte, nicht so viel wußte, als Leute, welche dem Alter nach seine Söhne sein konnten.
Aus diesen Gründen war er den Gemeinen verhaßt, und aus anderen Gründen auch bei Hofe nicht beliebt. Seine Moral wie seine Politik erinnerten an eine frühere Generation. Selbst als junger Student der Rechte, wo er mit so vielen witzigen und vergnügungslustigen Menschen umging, hatten ihn sein natürlicher Ernst und seine frommen Grundsätze fast ganz vor der Ansteckung der Modethorheiten bewahrt; um so weniger war er geeignet, im höheren Alter und bei schwankender Gesundheit noch ein Wüstling zu werden. Mit bitterem und verächtlichem Widerwillen betrachtete er die Lasterhaftigkeit der ausgelassenen Jugend, sowie er nicht minder die tiefste Abneigung gegen die theologischen Irrthümer der Sectirer hegte. Er benutzte jede Gelegenheit, um seinen Haß gegen Possenreißer, Schwelger und Buhlerinnen auszusprechen, welche den Palast erfüllten, und die Warnungen, die er gegen den König aussprach, waren nicht nur sehr scharf, sondern auch, was Karl noch ärgerlicher war, sehr lang. Es fand sich Niemand, der einem Minister beistand, dem man den doppelten Vorwurf machte, Fehler zu besitzen, welche die Wuth des Volkes erweckten, und Tugenden, welche dem Monarchen beschwerlich und unangenehm waren. Southampton war gestorben; Ormond stand dem Freunde mannhaft und treu, aber fruchtlos zur Seite. Der Kanzler fiel in die tiefste Ungnade. Der König nahm ihm das Siegel ab, die Gemeinen versetzten ihn in Anklagestand, sein Kopf war nicht mehr sicher, er entfloh aus England und wurde durch eine Akte zu ewiger Verbannung verurtheilt; die aber, welche seinen Fall herbeigeführt, begannen sich um die Trümmer seiner Gewalt zu streiten.
Durch Clarendon’s Hinopferung war der öffentliche Rachedurst etwas abgekühlt; doch war die Entrüstung über die Verschwendung und Nachlässigkeit der Regierung, so wie über den schlechten Ausgang des letzten Krieges noch keineswegs beschwichtigt. Die Räthe des Königs, denen das Schicksal des Kanzlers vorschwebte, fürchteten für ihre eigene Sicherheit. Sie beschworen deshalb den Herrscher, die Aufregung, welche im Parlamente wie im ganzen Lande herrschte, zu besänftigen und einen Schritt zu thun, der in der Geschichte des Hauses Stuart ohne Beispiel ist und der Klugheit und Hochherzigkeit eines Cromwell würdig gewesen wäre.
Zustand der europäischen Staatsangelegenheiten und Überlegenheit Frankreichs. [Wir] sind jetzt bei dem Punkte angekommen, wo die Geschichte der großen, englischen Revolution anfängt, sich mit der Geschichte der auswärtigen Staatsangelegenheiten zu verflechten. Die spanische Macht war seit vielen Jahren im Abnehmen begriffen. Spanien besaß zwar in Europa noch Mailand, die beiden Sicilien, Belgien und die Franche Comté, und in Amerika lagen seine Besitzungen zu beiden Seiten des Äquators noch weit über die beiden Grenzen der heißen Zone hinaus; allein dieser große Körper war gelähmt, und nicht nur ohne Macht, andere Staaten zu belästigen, sondern auch außer Stande, ohne Unterstützung einen Angriff auszuhalten. Frankreich war jetzt ohne Zweifel die bedeutendste Macht Europa’s. Seit jener Zeit haben seine Hilfsquellen unbedingt zugenommen, aber nicht so schnell wie die Hilfsquellen Englands. Auch darf man nicht vergessen, daß vor einhundertachtzig Jahren das russische Kaiserreich — jetzt eine Monarchie ersten Ranges — ebensoweit außer dem Bereich der europäischen Politik lag, wie Abyssinien oder Siam, daß das brandenburgische Haus damals kaum bedeutender war, als jetzt das Haus Sachsen, und daß die Republik der Vereinigten Staaten von Amerika zu jener Zeit noch nicht existirte. Die Bedeutung Frankreichs hat sich demnach, obgleich sie noch immer sehr groß ist, relativ vermindert. Zu den Zeiten Ludwigs XIV. war Frankreichs Gebiet noch nicht ganz so ausgebreitet wie gegenwärtig, aber es war ein großes, abgeschlossenes, fruchtbares Land, zum Angriff wie zur Vertheidigung trefflich geeignet, in einem glücklichen Klima gelegen, und bewohnt von einem tapferen, gewerbfleißigen und geistreichen Volke. Der Staat gehorchte völlig der Leitung eines einzigen Geistes. Die großen Lehen, welche in Allem — den Namen ausgenommen — souveraine Fürstenthümer gewesen, waren Eigenthum der Krone geworden. Nur wenige hochbetagte Leute erinnerten sich noch der letzten Versammlung der Generalstaaten. Den Widerstand, den die Hugenotten, der Adel und die Parlamente der königlichen Macht entgegengestellt, war durch die beiden großen Cardinäle vernichtet, welche vierzig Jahre lang die Nation beherrscht hatten. Die Regierung war jetzt despotisch, aber wenigstens im Verkehr mit den höheren Ständen war dieser Despotismus ebenso mild als großmüthig, und gemäßigt durch ritterliche Gesinnungen und feine Sitte. Die Mittel, über welche der Souverain gebieten konnte, waren für jene Zeit von ungeheurer Bedeutung. Sein Einkommen, erhöht durch eine allerdings etwas harte und ungeregelte Besteuerung, welche drückend auf dem Landmann lastete, überstieg bei weitem das jedes anderen Herrschers; seine vorzüglich disciplinirte und von den größten damals lebenden Generälen befehligte Armee zählte bereits mehr als hundertzwanzigtausend Mann. Eine solche regulaire Truppenmacht war seit dem Untergange des römischen Kaiserreiches in Europa nicht gesehen worden. Unter den Seemächten nahm Frankreich zwar nicht den ersten Rang ein; aber wenn es auch Rivalen auf dem Meere hatte, so wurde es doch von keinem übertroffen. Seine Macht während der letzten vierzig Jahre des siebzehnten Jahrhunderts war so bedeutend, daß ein einzelner Feind ihm unmöglich widerstehen konnte und daß zwei mächtige Coalitionen, zu denen sich die halbe christliche Welt gegen Frankreich verbunden hatte, nichts auszurichten vermochten.
Charakter Ludwigs XIV. [Die] Achtung, welche Frankreichs Macht und Bedeutung einflößten, wurden noch durch die persönlichen Eigenschaften seines Königs erhöht. Kein Souverain hat jemals die Majestät eines großen Staates mit mehr Würde und Anstand vertreten, als er. Er war sein eigener Premierminister, und besorgte die Obliegenheiten dieser schwierigen Stellung mit einer Gewandtheit und einem Fleiße, die man in der That kaum von einem Manne hätte erwarten sollen, der schon in den Jahren der Kindheit Frankreichs Krone trug und von Schmeichlern umgeben war, ehe er noch sprechen konnte. Er besaß in ausgezeichnetem Grade zwei für einen Fürsten unschätzbare Talente, nämlich seine Diener passend zu wählen, und sich selbst den größeren Theil des Ruhmes ihrer Thätigkeit anzueignen. In seinem Verkehr mit auswärtigen Mächten zeigte er einigen Großmuth, aber keine Gerechtigkeit. Unglückliche Bundesgenossen, welche mit der einzigen Hoffnung auf sein Mitleid sich ihm zu Füßen warfen, beschützte er mit einer chevaleresken Uneigennützigkeit, die sich besser für einen irrenden Ritter schickte, als für einen Staatsmann; die heiligsten Bande der Treue aber galten ihm nichts, und er zerriß sie ohne Scham und Scheu, sobald sie seinem Interesse, oder dem was er Ruhm nannte, widerstritten. Doch diese Treulosigkeit und Gewaltthätigkeit waren weniger verletzend als der Übermuth, mit dem er seine Nachbarn unaufhörlich an seine eigene Erhabenheit und ihre Bedeutungslosigkeit erinnerte. Damals zeigte er noch nicht die finstre Frömmigkeit, welche in späterer Zeit dem französischen Hofe das Aussehen eines Klosters gab; er war im Gegentheil ebenso ausschweifend, wenn auch nicht so kindisch und träge wie sein Bruder von England. Doch war er ein aufrichtiger Katholik, und nicht nur sein Gewissen, sondern auch seine Eitelkeit veranlaßten ihn, seine Gewalt nach Art seiner berühmten Vorgänger, Chlodwig, Karl der Große und Ludwig der Heilige, zur Verherrlichung und Ausbreitung des wahren Glaubens zu verwenden.
Unsere Väter blickten freilich mit ernster Besorgniß auf Frankreichs wachsende Macht. Aber diese an sich völlig gerechtfertigte Empfindung war nicht frei von anderen, weniger lobenswerthen Gefühlen. Frankreich war unser Erbfeind. Gegen Frankreich hatten wir die ruhmvollsten Schlachten geschlagen, von denen unsere Geschichte erzählte. Zweimal war Frankreich von den Plantagenets erobert worden, und den Verlust Frankreichs hatte man lange als ein großes Nationalunglück betrachtet. Noch trugen unsere Souveraine den Titel eines Königs von Frankreich, noch prangten die französischen Lilien, verbunden mit unseren eigenen Löwen, im Wappenschilde des Hauses Stuart. Die Furcht vor Spanien hatte im sechzehnten Jahrhundert das feindselige Verhältniß unterbrochen, das von Alters her zwischen uns und Frankreich bestand. Die Furcht aber, welche Spanien einflößte, machte bald einem verächtlichen Mitleide Platz, und Frankreich trat wieder als alter Nationalfeind hervor. Der Verkauf Dünkirchens war die am allgemeinsten verschrieene Maßregel des wieder eingesetzten Königs gewesen, und Anhänglichkeit an Frankreich stand an der Spitze aller Verbrechen, deren die Gemeinen Clarendon beschuldigten. Selbst in Geringfügigkeiten zeigte sich die allgemeine Stimmung. Wenn in den Straßen von Westminster eine Rauferei zwischen den Dienern der französischen und spanischen Gesandtschaften stattfand, so gab das Volk, obgleich an jeder thätlichen Theilnahme kräftigst gehindert, doch die unzweideutigsten Zeichen, daß der alte Haß noch nicht erloschen war.
Frankreich und Spanien lagen eben in ernstem Streite mit einander. Eine der Hauptabsichten der Politik Ludwigs war sein ganzes Leben hindurch die Ausdehnung seiner Besitzungen bis an den Rhein. Aus diesem Grunde hatte er Spanien den Krieg erklärt und befand sich jetzt auf dem Wege der Eroberung. Die Vereinigten Provinzen gewahrten mit Besorgniß die Fortschritte seiner Waffen. Diese berühmte Föderation hatte den Gipfel der Macht, der Wohlfahrt und des Glückes erreicht. Das batavische Gebiet, den Wogen entrissen und durch menschliche Kunst gegen sie vertheidigt, war an Ausdehnung dem Fürstenthum Wales ziemlich gleich; aber dieser enge Raum glich einem geschäftigen und dicht bevölkerten Bienenstock, in welchem unaufhörlich neuer Reichthum geschaffen wurde und eine Masse alter Schätze aufgehäuft waren. Der Anblick von Holland, die vortreffliche Bodenkultur, die zahllosen Kanäle, die immer thätigen Mühlen, die endlosen Flotten von Barken, das rasche Aufblühen großer Städte, die beständig mit zahllosen Masten bespickten Häfen, die geräumigen stattlichen Häuser, die prachtvollen Villas, die reichgeschmückten Zimmer, die Gemäldesammlungen, die Landhäuser, die Tulpenbeete: dies Alles übte auf die englischen Reisenden einen Zauber aus, wie ihn der erste Anblick Englands auf einen Norweger oder Canadier hervorbringen mag. Cromwell hatte die Generalstaaten gezwungen sich vor ihm zu beugen; nach der Restauration aber hatten sie sich gerächt, mit Erfolg gegen Karl Krieg geführt, und einen ehrenvollen Frieden geschlossen. In so hohem Ansehen jedoch die reiche Republik in Europa stand, Ludwigs Macht war ihr überlegen. Nicht ohne guten Grund fürchtete sie, daß er sein Gebiet bald bis an ihre Grenzen ausdehnen werde, und sie hatte wohl Ursache, die unmittelbare Nachbarschaft eines ebenso mächtigen und ehrgeizigen, als gewissenlosen Monarchen zu scheuen. Es war jedoch schwer ein Mittel aufzufinden, welches die Gefahr beseitigen konnte. Die Holländer allein konnten Frankreich nicht die Wage halten, und von der Rheinseite her war keine Hilfe zu erwarten. Ludwig hatte verschiedene deutsche Fürsten für sich gewonnen, und der Kaiser selbst war durch die Unzufriedenheit der Ungarn beschäftigt. England hatte sich durch die Erinnerung an neuerdings erfahrene und erduldete schwere Beleidigungen von den Vereinigten Provinzen getrennt, und seine Politik war seit der Restauration so arm an Weisheit und Muth gewesen, daß man kaum auf eine wirksame Unterstützung von seiner Seite hoffen konnte.
Das Schicksal Clarendons und die überhandnehmende üble Stimmung des Parlaments bestimmten die Räthe Karls, plötzlich eine Politik zu ergreifen, welche die Nation in das freudigste Erstaunen versetzte.
Die Tripleallianz. [Der] englische Resident zu Brüssel, Sir William Temple, einer der erfahrensten Diplomaten und beliebtesten Schriftsteller jener Zeit, hatte seinem Hofe bereits vorgeschlagen, daß es eben so vortheilhaft als erwünscht sei, mit den Generalstaaten in Vernehmen zu treten, um der anwachsenden Macht Frankreichs einen Damm entgegen zu setzen. Längere Zeit hatte man seine Winke unberücksichtigt gelassen, jetzt aber hielt man es für angemessen, ihnen Folge zu leisten, und er bekam den Auftrag, mit den Generalstaaten deshalb zu unterhandeln. Er begab sich nach dem Haag, und kam bald zu einem Verständniß mit Johann de Witt, dem damaligen Premierminister Hollands. Schweden war, trotz seiner unbedeutenden Hilfsquellen, vierzig Jahre vorher durch das Genie Gustav Adolfs zu einem hohen Ansehen unter den europäischen Mächten gelangt, und hatte diese Stellung bis jetzt behauptet. Es wurde veranlaßt, sich bei dieser Gelegenheit mit England und den Niederlanden zu verbinden. So ward jene Koalition gebildet, die unter dem Namen der Tripleallianz bekannt ist. Ludwig ließ wohl Verdruß und Gereiztheit merken, wagte es aber nicht, sich neben der Feindschaft Spaniens auch noch die der Verbündeten zuzuziehen. Er gab daher willig einen bedeutenden Theil des Gebietes auf, das seine Heere bereits erobert hatten, der Friede ward in Europa hergestellt, und die englische Regierung, noch kürzlich ein Gegenstand allgemeiner Verachtung, wurde einige Monate lang von den auswärtigen Mächten mit fast eben so hoher Achtung angesehen, als man früher dem Protektor gezollt hatte.
In England war die Tripleallianz höchst populär. Sie befriedigte sowohl den Nationalhaß wie den Nationalstolz, setzte dem Übermuthe eines mächtigen und ehrgeizigen Nachbars ein Ziel, und verband auf das Innigste die wichtigsten protestantischen Staaten. Cavaliere und Rundköpfe waren vollkommen zufrieden, aber die Freude der Rundköpfe war noch größer als die der Cavaliere, denn England hatte sich jetzt mit einem Lande von republikanischer Verfassung und presbyterianischer Religion gegen einen Staat verbündet, der von einem absoluten Fürsten regiert ward, welcher der römisch-katholischen Kirche ergeben war. Das Haus der Gemeinen zollte dem Vertrage lauten Beifall, und einige rücksichtslose Unzufriedene nannten ihn die einzige gute Maßregel, welche seit der Rückkehr des Königs ausgeführt worden sei.
Die Vaterlandspartei. [Dem] Könige aber war diese Billigung des Parlaments und Volks höchst gleichgültig. In der Tripleallianz sah er blos ein vorübergehendes Mittel zur Beschwichtigung der herrschenden Unzufriedenheit, welche einen ernsten Charakter anzunehmen schien. Er bekümmerte sich weder um die Selbstständigkeit und Sicherheit, noch um die Würde der Nation, über die er herrschte, und hatte angefangen, die verfassungsmäßigen Beschränkungen lästig zu finden. Schon hatte sich im Parlamente eine fest zusammenhaltende Partei gebildet, welche man die Vaterlandspartei nannte. Diese bestand aus allen öffentlichen Männern, welche sich zum Puritanismus und Republikanismus hinneigten, und von denen Viele zwar der englischen Kirche und erblichen Monarchie zugethan, aber aus Furcht vor dem Papstthum und Entrüstung über die Verschwendung, Üppigkeit und Treulosigkeit des Hofes zur Opposition genöthigt waren. Die Macht dieses Vereins von Staatsmännern war in stetem Wachsthum; alljährlich kamen einige von den Mitgliedern, welche durch die loyale Aufregung des Jahres 1661 in das Parlament gekommen waren, in Wegfall, und die erledigten Plätze wurden durch weniger fügsame Personen besetzt. Karl betrachtete sich nicht als König, so lange noch eine Versammlung von Unterthanen, ehe sie seine Schulden bezahlte, seine Rechnungen verlangen und darauf bestehen konnte, daß er erklärte, wer von seinen Maitressen oder lustigen Gesellschaftern das Geld weggefischt habe, welches zur Ausrüstung und Bemannung der Flotte bestimmt gewesen war. Wenn er auch nicht gerade nach Ruhm geizte, so verdrossen ihn doch die Spöttereien, welche bisweilen in den Verhandlungen der Gemeinen vorkamen, und bei einer Gelegenheit versuchte er durch ein sehr schlecht gewähltes Mittel diese Redefreiheit zu beschränken. Sir John Coventry, ein Landedelmann, hatte in der Debatte auf die Liederlichkeit des Hofes angespielt. Jede frühere Regierung würde ihn vor den Geheimen Rath gefordert und in den Tower geschickt haben; jetzt aber wählte man einen anderen Weg. Man sandte heimlich eine Rotte von Raufbolden ab, welche dem Beleidiger die Nase aufschlitzen mußten. Diese gemeine Rache verursachte, anstatt dem Geiste der Opposition zu schaden, eine solche Aufregung, daß der König sich zu der harten Demüthigung genöthigt sah, die Werkzeuge seiner Rache durch eine Akte zu verurtheilen, welche ihm das Begnadigungsrecht entzog.
Wie sehr er aber auch gegen die verfassungsmäßigen Schranken eingenommen war, was sollte er thun, um sich von ihnen zu befreien? Er konnte sich nur vermittelst einer großen stehenden Armee zum Despoten machen, aber eine solche existirte nicht. Seine Einkünfte erlaubten ihm zwar einige reguläre Truppen zu halten, aber diese, wenn auch stark genug, um Mißtrauen und Besorgniß im Hause der Gemeinen wie im Volke hervorzurufen, waren kaum hinreichend, um Whitehall und den Tower gegen einen Aufstand des Londoner Pöbels zu vertheidigen. Solche Aufstände waren allerdings bedenklicher Art, denn es wurde berechnet, daß in der Hauptstadt und ihren Vorstädten nicht weniger als zwanzigtausend alte Cromwellsche Soldaten lebten.
Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich. [Da] der König die Absicht hatte, sich von der Aufsicht des Parlaments zu befreien, und er zu diesem Unternehmen keine angemessene Hilfe im Innern zu finden hoffen konnte, so war es natürlich, daß er den Blick zu diesem Behufe nach dem Auslande richtete. Die Macht und der Reichthum des französischen Königs konnten der schwierigen Aufgabe gewachsen sein, die unbeschränkte Monarchie in England einzuführen. Ein solcher Bundesgenosse verlangte aber jedenfalls starke Beweise der Dankbarkeit für einen derartigen Dienst, Karl hätte zu der Bedeutung eines großen Vasallen herabsteigen, und Krieg und Frieden nach Vorschrift der Regierung beschließen müssen, welche ihm ihren Schutz gewährte. Seine Stellung zu Ludwig würde große Ähnlichkeit mit der gehabt haben, in der sich jetzt der Rajah von Nagpore und der König von Oude zur britischen Regierung befinden. Diese Fürsten sind verpflichtet, die Ostindische Kompagnie in allen Angriffs- und Vertheidigungskriegen zu unterstützen, und nur solche diplomatische Verbindungen zu unterhalten, welche die Ostindische Kompagnie erlaubt. Dafür sichert sie die Kompagnie gegen Empörung. So lange sie ihren Verpflichtungen gegen die überlegene Macht treulich nachkommen, läßt man sie über große Einkünfte verfügen, erlaubt ihnen, ihre Paläste mit schönen Frauen anzufüllen, sich in der Gesellschaft ihrer Lieblinge dumm zu schwelgen, und jeden Unterthanen, der ihnen mißfällt, ungestraft zu unterdrücken. Ein solches Leben mußte einem Manne von Hochherzigkeit und gewaltigem Geiste unerträglich sein; aber für den üppigen, trägen, abgespannten, jeder Vaterlandsliebe und alles Bewußtseins persönlicher Würde ermangelnden Karl hatte eine solche Aussicht durchaus nichts Mißfälliges. Daß der Herzog von York zu dem Plane, die Würde der Krone, welche er vermutlich einst selbst tragen würde, zu erniedrigen, die Hand geboten haben sollte, mag auffallend erscheinen, denn seine Gemüthsart war hochfahrend und herrschsüchtig, und er zeigte in der That ohne Unterbrechung durch Aufwallungen und gelegentliche Weigerungen seinen Haß gegen das französische Joch; er war jedoch durch Aberglauben fast ebenso verdorben, wie sein Bruder durch Nichtsthun und Üppigkeit. Jacob war damals schon Katholik. Frömmelei war die vorherrschende Richtung seines beschränkten halsstarrigen Geistes geworden und so mit seiner Herrschsucht verwachsen, daß diese beiden Leidenschaften kaum mehr zu unterscheiden waren. Es war sehr unwahrscheinlich, daß er ohne fremde Hilfe im Stande sein würde, das Übergewicht, oder auch nur Duldung für seinen Glauben zu erlangen, und bei seiner Gemüthsverfassung sah er in keinem Schritte etwas Erniedrigendes, wenn dadurch das Wohl der wahren Kirche befördert werden konnte.
Die Unterhandlung, welche eröffnet wurde, dauerte mehrere Monate. Die Hauptagentin zwischen den Höfen von England und Frankreich war die schöne, anmuthige und geistreiche Henriette, Herzogin von Orleans, Karls Schwester, Ludwigs Schwägerin, und der Liebling Beider. Der König von England erbot sich, den katholischen Glauben anzunehmen, die Tripleallianz aufzulösen und sich mit Frankreich gegen Holland zu verbinden, wenn Frankreich sich verpflichten wolle, ihm die nöthige militärische und pekuniäre Hilfe zu leisten, welche nöthig sei, um sich vom Parlamente unabhängig zu machen. Ludwig bemühte sich anfangs, diese Vorschläge mit scheinbarer Kälte anzuhören, und ging endlich in einer Weise darauf ein, als ob er eine große Gunst gewährte; der Weg aber, den er einzuschlagen gesonnen war, konnte ihm nur Gewinn bringen.
Pläne Ludwigs in Bezug auf England. [Es] scheint gewiß, daß es nie seine ernstliche Absicht war, mit bewaffneter Hand in England Despotismus und Papstthum einzuführen. Er mußte leicht einsehen, daß ein derartiges Unternehmen höchst schwierig und gewagt war, indem es auf Jahre hinaus alle Kräfte Frankreichs in Anspruch nehmen, und den vortheilhafteren Vergrößerungsplänen, die er im Sinne hatte, hinderlich sein würde. Zwar hätte er gern das Verdienst und den Ruhm erwerben mögen, gegen angemessene Bedingungen seiner Kirche einen bedeutenden Dienst zu leisten, er hatte aber keine Lust, seinen Vorfahren nachzuahmen, welche im zwölften und dreizehnten Jahrhundert den Kern des französischen Adels in Syrien und Egypten dem Tode entgegengeführt, und es war ihm wohlbekannt, daß ein Kreuzzug gegen den Protestantismus in England mit denselben Gefahren verbunden sein würde, wie die Unternehmungen, welche die Heere Ludwigs VII. und Ludwigs IX. verschlungen hatten. Es war für ihn keine Ursache vorhanden, den Stuarts Absolutismus zu wünschen, und die englische Verfassung betrachtete er durchaus nicht mit ähnlichen Gefühlen, durch welche späterhin Fürsten veranlaßt wurden, gegen die freien Institutionen benachbarter Völker Krieg zu führen. Dermalen hat jede große Partei, welche volksthümliche Regierung wünscht, ihre Verbindungen in jedem civilisirten Staate. Jeder wichtige Vortheil, den diese Partei erringt, giebt das Signal zu einer allgemeinen Bewegung. Es ist nicht auffällig, wenn Regierungen, denen eine gemeinschaftliche Gefahr droht, sich zu gegenseitiger Sicherung verbinden; aber im siebzehnten Jahrhundert gab es keine derartige Gefahr. Zwischen der öffentlichen Meinung in England und der von Frankreich lag eine große Kluft. Unsere Einrichtungen wie unsere Parteien verstand man in Paris ebenso wenig wie in Konstantinopel. Es ist zu bezweifeln, ob eins von den vierzig Mitgliedern der französischen Akademie ein englisches Werk in seiner Bibliothek hatte und Shakespeare, Johnson oder Butler auch nur dem Namen nach kannte. Einige Hugenotten, auf welche der Empörungsgeist ihrer Vorfahren übergegangen war, mochten vielleicht Sympathien für ihre Glaubensbrüder, die englischen Rundköpfe, hegen, aber die Hugenotten waren nicht mehr gefürchtet. Die Franzosen, der Mehrzahl nach Katholiken, und stolz auf die Erhabenheit ihres Monarchen wie auf ihre eigene Loyalität, betrachteten unsere Anstrengungen gegen Papstthum und Willkürherrschaft nicht blos ohne Bewunderung und Theilnahme, sondern mit entschiedener Mißbilligung und Abneigung. Man würde sich deshalb irren, wollte man das Verfahren Ludwigs Befürchtungen beimessen, welche nur entfernt denjenigen ähnelten, die in unserem Jahrhundert die heilige Allianz bestimmten, sich in die inneren Unruhen Spaniens und Neapels zu mischen.
Nichtsdestoweniger waren ihm die Vorschläge des Hofes von Whitehall äußerst willkommen. Er sann bereits auf großartige Pläne, welche Europa über vierzig Jahre lang in Gährung erhalten sollten. Es war sein Wunsch, die Vereinigten Provinzen zu demüthigen, und Belgien, die Franche Comté und Lothringen an Frankreich zu bringen. Dies war aber noch nicht Alles. Der König von Spanien, ein schwacher, kränklicher Knabe, starb aller Wahrscheinlichkeit nach ohne Leibeserben. Seine älteste Schwester war die Königin von Frankreich. Somit lag die Vermuthung sehr nahe, daß die Zeit nicht mehr fern sei, wo das Haus der Bourbons seine Rechte an das große Reich erheben werde, in welchem die Sonne nie unterging. Der Vereinigung zweier so mächtigen Kronen auf einem Haupte würde sich ohne Zweifel eine kontinentale Koalition widersetzt haben; aber jeder solchen Koalition war Frankreich allein hinreichend gewachsen. England konnte den Stand der Dinge ändern, von der Stellung, welche es in einer solchen Krisis einnahm, hing das Schicksal der Welt ab, und es war zur Genüge bekannt, daß Parlament und Volk von England eifrig der Politik anhingen, deren Werk die Tripleallianz war. Es konnte daher für Ludwig nichts erfreulicher sein, als in Erfahrung zu bringen, daß die Fürsten des Hauses Stuart seine Hilfe wünschten und dieselbe durch unbegrenzte Ergebenheit zu erkaufen geneigt wären. Er entschloß sich, die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, und bildete sich selbst einen Plan, den er ohne Abweichung verfolgt hat, bis die Revolution von 1688 alle seine politischen Pläne über den Haufen warf. Er erklärte sich bereit, die Absichten des englischen Hofes zu befördern, und versprach kräftigen Beistand, spendete auch bisweilen so viel Unterstützung, als zur Aufrechterhaltung der Hoffnung nothwendig war, und er ohne Gefahr und Unbequemlichkeit missen konnte. Auf diese Art wurde es ihm möglich, mit viel geringeren Kosten als der Bau und die Einrichtung von Versailles oder Marly erforderten, England fast zwanzig Jahre hindurch zu einem eben so unbedeutenden Gliede des europäischen Staatenkörpers zu machen, wie die Republik San Marino. —
Seine Absicht war nicht etwa, unsere Verfassung umzustürzen, sondern nur die verschiedenen Elemente, aus denen sie bestand, in einem bleibenden Zustande von Aufregung zu erhalten, und zwischen den Börsenmännern und den Männern des Schwertes eine tödtliche Feindschaft hervorzurufen. Zu diesem Zwecke bestach und stachelte er beide Parteien abwechselnd, verlieh gleichzeitig den Ministern der Krone und den Häuptern der Opposition Pensionen, ermuthigte den Hof, den rebellischen Übergriffen des Parlaments entgegen zu treten, und verrieth dem Parlament die Willkürpläne des Hofes.
Einer von den Kunstgriffen, welche er anwandte, um sich Einfluß auf die englischen Rathbeschlüsse zu verschaffen, verdient besonders erwähnt zu werden. Obgleich Karl der Liebe, im höheren Sinne dieses Wortes, unfähig war, so beherrschte ihn doch jedes Weib, dessen Reize seine Begierden erregten, und dessen Manieren und Beredtsamkeit ihm die Zeit verkürzten. Man würde mit Recht einen Ehemann verspotten, der sich von einer Frau von Stand und gutem Rufe halb soviel gefallen ließe, als Englands König von den lockeren Dirnen ertrug, die, während sie seiner Freigebigkeit Alles verdankten, mit den Höflingen fast unter seinen Augen buhlten. Geduldig ließ er sich die Zanksüchtigkeit Barbara Palmers, und die naseweise Lustigkeit der Eleonore Gwynn gefallen. Ludwig war der höchst richtigen Meinung, der beste Gesandte, den er nach London schicken könne, sei eine schöne, lebenslustige und listige Französin, und eine solche war Louise von Querouaille, von unsern derben Vorfahren Madame Carwell genannt. Sie verdrängte bald alle Nebenbuhlerinnen, ward zur Herzogin von Portsmouth erhoben, mit Reichthümern überschüttet, und behauptete eine Herrschaft, die erst mit dem Tode Karls zu Ende ging.
Vertrag von Dover. [Die] wichtigsten Bedingungen des Bündnisses zwischen den beiden Kronen waren in einem geheimen Vertrage enthalten, welcher im Mai 1670 zu Dover ratificirt wurde, zehn Jahre nach dem Tage, an welchem Karl in demselben Hafen unter dem Jubel und den Freudenthränen seines zu vertrauensvollen Volkes gelandet war.
In diesem Vertrage erklärte Karl, sich öffentlich zur katholischen Religion zu bekennen, seine Waffen mit denen Ludwigs zur Unterdrückung der Vereinigten Provinzen zu verbinden und die ganze Land- und Seemacht Englands aufbieten zu wollen, um die Rechte der Bourbons auf die große spanische Monarchie zu unterstützen. Ludwig dagegen verpflichtete sich, bedeutende Subsidien zu zahlen, und gab das Versprechen, bei etwaigem Ausbruch einer Empörung in England auf eigene Kosten eine Armee zum Beistande seines Bundesgenossen zu stellen.
Dieser Vertrag ward unter düsteren Auspicien abgeschlossen. Sechs Wochen nach seiner Unterzeichnung und Besiegelung war die liebenswürdige Prinzessin nicht mehr, deren Einfluß auf Bruder und Schwager so verderblich für ihr Vaterland gewesen. Durch ihren Tod entstand ein entsetzlicher Argwohn, welcher die neugestiftete Freundschaft zwischen den Stuarts und den Bourbons zu lösen drohte; nach kurzer Zeit aber wiederholten die Verbündeten ihre Versicherungen unverminderter Willfährigkeit.
Der Herzog von York, zu bornirt, um die Gefahr zu erkennen, oder zu fanatisch, sich deshalb Sorgen zu machen, verlangte mit Ungestüm, daß der Artikel, welcher die katholische Religion betraf, unverzüglich in Ausführung gebracht werde, aber Ludwig war scharfsinnig genug, einzusehen, daß diese Handlung eine Explosion in England verursachen werde, stark genug, um diejenigen Theile seines Planes zu zerstören, welche ihn am meisten interessirten. Es wurde daher der Beschluß gefaßt, daß Karl noch ferner für einen Protestanten gelten, und an hohen Festen das Abendmahl nach dem Ritual der englischen Kirche empfangen solle; sein gewissenhafterer Bruder besuchte seitdem die königliche Kapelle nicht mehr.
Um diese Zeit verschied die Herzogin von York, die Tochter des verbannten Earl von Clarendon. Sie war vor einigen Jahren im Geheimen zur katholischen Kirche übergetreten, und hinterließ zwei Töchter, Maria und Anna, welche später nach einander Königinnen von England geworden sind. Dieselben wurden auf besonderen Befehl des Königs protestantisch erzogen, denn der König erkannte sehr wohl, daß es eine vergebliche Mühe sein würde, sich für ein Mitglied der anglikanischen Kirche auszugeben, wenn Kinder, die aller Wahrscheinlichkeit nach Erben des Thrones werden mußten, mit seiner Bewilligung eine katholische Erziehung genossen.
Die vornehmsten Beamten der Krone waren damals Männer, deren Namen mit Recht eine nicht beneidenswerthe Berühmtheit erlangt haben; jedoch müssen wir auch vorsichtig sein, und ihr Andenken nicht mit einer Schmach beladen, die mit Recht ihrem Gebieter gebührt. Der Vertrag von Dover war hauptsächlich ein Werk des Königs. Er conferirte darüber mit französischen Geschäftsträgern, schrieb in Betreff desselben viele eigenhändige Briefe, brachte selbst die entehrendsten Punkte, welche er enthielt, in Vorschlag, und verheimlichte sorgfältig mehrere dieser Artikel der Mehrzahl seiner Cabinetsräthe.
Natur des englischen Cabinets. [Wenige] Vorfälle in der Geschichte Englands sind merkwürdiger, als der Ursprung und das Wachsthum der Macht, welche das Cabinet jetzt besitzt. Seit frühester Zeit unterstützte die Beherrscher Englands ein Geheimer Rath, welchem das Gesetz viele bedeutende Befugnisse und Pflichten übertrug. Jahrhunderte hindurch berathschlagte dieses Collegium über die bedeutungsvollsten und kitzlichsten Staatsangelegenheiten; doch änderte sich allmälig sein Charakter. Es wurde zu ausgedehnt für rasche That und Geheimhaltung. Die Stellung eines Geheimen Rathes wurde oft als ehrende Auszeichnung an Leute vergeben, denen man nichts anvertraute, und um deren Meinung man sich nicht kümmerte. Der Souverain beschränkte sich bei wichtigen Angelegenheiten auf den Rath eines kleinen Kreises leitender Minister. Die Vortheile und Nachtheile dieses Verfahrens sind von Bacon schon frühzeitig mit seiner bekannten, treffenden und scharfsinnigen Urtheilsgabe geschildert worden, aber erst nach Beendigung der Restauration zog der innere Rath die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Politiker der alten Schule betrachteten das Cabinet als eine nicht verfassungsmäßige und gefährliche Behörde. Gleichwohl gewann es an Bedeutung, zog endlich die höchste ausübende Gewalt an sich, und wird jetzt seit mehreren Menschenaltern für einen wesentlichen Bestandtheil unserer Staatsverfassung angesehen. Seltsamer Weise ist das Cabinet dem Gesetze aber noch immer unbekannt, die Namen der Personen des hohen und niedern Adels, aus denen es besteht, werden dem Publikum nie amtlich bekannt gemacht, es führt keine Protokolle über seine Versammlungen und Beschlüsse, und keine Parlamentsakte hat seine Existenz anerkannt.
Die Cabale. [Einige] Jahre hindurch gebrauchte man im Volke das Wort Cabal gleichbedeutend mit Cabinet. Durch ein sonderbares Zusammentreffen bestand nämlich das Cabinet im Jahre 1671 aus fünf Personen, von deren Namen die Anfangsbuchstaben das Wort Cabal bildeten, es waren Clifford, Arlington, Buckingham, Ashley und Lauderdale. Durch diese Anwendung erhielt das Wort eine so üble Bedeutung, daß es seitdem nur als ein Vorwurf gebraucht wird.
Sir Thomas Clifford war Schatzkommissarius, und hatte sich im Hause der Gemeinen sehr bemerkbar gemacht. Er war von den Mitgliedern der Cabale das Ehrenwertheste, denn bei einem lebhaften und herrschsüchtigen Charakter besaß er ein starkes, wenngleich auf beklagenswerthe Weise irregeleitetes Gefühl für Ehre und Pflicht.
Heinrich Bennet, Lord Arlington, zu jener Zeit Staatssekretair, hatte seit angetretenem Mannesalter auf dem Continent gelebt, und sich jene kosmopolitische Gleichgültigkeit gegen Verfassungen und Religionen zu eigen gemacht, welche man oft bei Leuten findet, deren Leben in unregelmäßiger diplomatischer Thätigkeit verflossen ist. Die Verfassungsform, welche ihm am meisten zusagte, war die französische; gab es eine Kirche, für welche er einige Vorliebe hegte, so war es die katholische. Bei einigem Unterhaltungstalente, sowie ziemlicher Befähigung zu den gewöhnlichen Geschäften seines Amtes, hatte Arlington im Laufe seines an Reisen und Unterhandlungen reichen Lebens die Kunst erlernt, seine Rede und sein Benehmen der Gesellschaft anzupassen, in der er sich eben bewegte. Seine Lebhaftigkeit im Unterhaltungszimmer amüsirte den König, seine Würde bei Verhandlungen und Zusammenkünften imponirte dem Publikum, und es war ihm geglückt, sowohl durch geleistete Dienste, wie auch durch erregte Hoffnungen, sich einen bedeutenden Anhang zu verschaffen.
Buckingham, Ashley und Lauderdale waren Männer, welche die Unsittlichkeit, die unter den Staatsmännern jener Zeit epidemisch war, in der schlimmsten Form, und durch große Verschiedenheit des Temperaments und der geistigen Anlagen modifizirt, besaßen. Buckingham war vom Vergnügen übersättigt, und hatte sich zum Zeitvertreib den Ehrgeiz erwählt. Wie er mit Architektur und Musik, mit Lustspielschreiben und mit Forschen nach dem Steine der Weisen sich zu unterhalten versucht hatte, so wollte er sich jetzt durch geheime Unterhandlungen und durch einen holländischen Krieg amüsiren. Er war bereits, mehr aus Unbeständigkeit und Lust zur Veränderung, als aus einem ernsteren Grunde, allen Parteien treulos geworden. Einmal stand er auf der Seite der Cavaliere, ein andermal war ein Verhaftsbefehl gegen ihn erlassen, weil er einen verrätherischen Verkehr mit dem Überreste der republikanischen Armee in der City unterhielt. Jetzt war er wieder Höfling, und bemüht, die Gnade des Königs durch Dienstleistungen zu erwerben, vor denen die Ausgezeichnetsten unter denen, welche für das königliche Haus gekämpft und gelitten hatten, sich mit tiefem Abscheu abgewandt haben würden.
Ashley, mit einem entschiedeneren Charakter und ungestümeren Ehrgeize, hatte gleiche Unzuverlässigkeit gezeigt, aber es war dieselbe nicht Folge des Leichtsinns, sondern der berechneten Selbstsucht. Er hatte einer Reihe von Regierungen gedient, und sie verrathen, aber für seine Verräthereien immer den glücklichen Zeitpunkt so gut gewählt, daß alle Revolutionen sein Glück beförderten. Das Volk, voller Bewunderung über ein Glück, welches, sonst in fortwährendem Wechsel begriffen, hier so dauernd anhielt, schrieb ihm eine fast wunderbare Sehergabe zu, und verglich ihn mit dem israelitischen Staatsmanne von dem wir lesen, daß sein Rath gewesen sei, als wenn ein Mann das Orakel Gottes befragt hätte.
Lauderdale, laut und plump, in der Freude wie im Zorn, war unter dem Scheine von polternder Freimüthigkeit vielleicht der unehrlichste in der ganzen Cabal. In dem schottischen Aufruhr von 1638 war er ein hervorragender, eifriger Anhänger des Covenants gewesen. Man beschuldigte ihn, bei dem Verkaufe Karls I. an das englische Parlament schwer betheiligt gewesen zu sein, und er wurde daher von den guten Cavalieren für einen noch verächtlicheren Verräther gehalten als diejenigen, welche im hohen Gerichtshofe gesessen hatten. Oft sprach er mit lauter Heiterkeit von den Tagen, da er ein Sectirer und Rebell gewesen war. Der Hof benutzte ihn jetzt als Hauptwerkzeug bei dem Vorhaben, dem widerstrebenden Volke das Episkopat aufzudringen, und er schämte sich nicht, in dieser Angelegenheit Schwert, Strick und Folter mit schonungslosem Eifer anzuwenden. Wer ihn aber genauer kannte, wußte auch, daß die letzten dreißig Jahre seine Gesinnungen unverändert gelassen hatten, daß er noch jetzt das Andenken Karls I. verachtete und noch immer die presbyterianische Kirchenform jeder andern vorzog.
Bei aller Gewissenlosigkeit Buckinghams, Ashley’s und Lauderdale’s wagte man es doch nicht, ihnen das Vorhaben des Königs, zur katholischen Kirche überzutreten, anzuvertrauen. Man zeigte ihnen einen falschen Vertrag, in welchem der die Religion betreffende Artikel fehlte; im echten Vertrage befinden sich blos die Namen und Siegel von Clifford und Arlington. Diese beiden Staatsmänner nahmen Partei für die alte Kirche, welche Parteilichkeit der brave, heftige Clifford auch bald darauf ehrlich aussprach, die aber der überlegendere, weniger edle Arlington verhehlte, bis die Furcht vor dem nahen Tode ihm Offenheit abzwang. Die drei andern Cabinetsminister waren jedoch nicht leicht zu täuschen, und vermutheten wahrscheinlich mehr, als man ihnen mitgetheilt hatte. Übrigens waren sie bei allen politischen Übereinkünften mit Frankreich in’s Geheimniß gezogen, und schämten sich nicht, kostbare Gnadengeschenke von Ludwig anzunehmen.
Karls nächste Absicht war jetzt von den Gemeinen Zugeständnisse zu erhalten, die zur Realisirung des geheimen Vertrags dienen sollten. Die Cabale, welche sich im Besitze der Gewalt befand, als die Regierung in einem Zustande des Übergangs war, vereinigte in sich zwei verschiedene Gattungen von Lastern, welche zwei verschiedenen Zeitaltern und zwei verschiedenen Systemen angehörten. Wie diese fünf bösen Räthe zu den letzten englischen Staatsmännern gehörten, welche die ernstliche Absicht hatten, das Parlament zu vernichten, so waren sie auch die ersten englischen Staatsmänner, welche dasselbe zu bestechen versuchten, und ihre Politik zeigt zugleich die letzte Spur von Straffords „Durch“ und die erste Spur von jener systematischen Bestechung, welche nach der Zeit Walpole’s ausgeübt wurde. Sehr bald erkannten sie aber, daß, obgleich das Haus der Gemeinen fast durchgängig aus Cavalieren bestand, und französisches Gold und Stellen an die Mitglieder verschwendet wurden, doch keine Aussicht war, auch nur die am wenigsten gehässigen Punkte des Vertrags von Dover durch die Majorität unterstützt zu sehen; man mußte also nothwendig zum Betrug greifen. Der König heuchelte daher großen Eifer für die Grundsätze der Tripleallianz und erklärte, daß um den französischen Ehrgeiz zu zügeln, eine Vermehrung der Flotte nöthig sei. Die Gemeinen ließen sich fangen, und bewilligten achthunderttausend Pfund. Sofort wurde das Parlament vertagt, und der jeder Controle entledigte Hof begann unverzüglich mit der Ausführung seines großen Planes.
Zahlungseinstellung der Schatzkammer. [Die] finanziellen Verlegenheiten waren sehr ernster Natur. Ein Krieg mit Holland mußte ungeheure Kosten erfordern, und die gewöhnlichen Einkünfte reichten eben nur hin, um die Bedürfnisse der Regierung im Frieden zu bestreiten. Die achthunderttausend Pfund, welche man den Gemeinen abgeschwindelt hatte, waren nicht genügend, die Kosten der Flotte und des Heeres auch nur auf ein einziges Kriegsjahr zu decken, und nach der traurigen Lehre, die das Lange Parlament gegeben, wagte es selbst die Cabale nicht, wieder ein Boden- oder Schiffsgeld einzuführen. In dieser Verlegenheit empfahlen Ashley und Clifford einen niederträchtigen Verrath an dem öffentlichen Vertrauen. Die Goldschmiede Londons trieben damals nicht blos Handel mit edlen Metallen, sondern auch Geldwechsel, und waren daran gewöhnt, der Staatskasse große Summen vorzustrecken, für welche Darlehen sie Anweisungen auf das Einkommen erhielten, welche nach der Steuererhebung mit den Zinsen bezahlt wurden. In dieser Art waren eine Million und dreihunderttausend Pfund der Ehre des Staates anvertraut worden. Da erschien plötzlich die Bekanntmachung, daß es nicht möglich sei, das Capital zu zahlen, und daß die Creditoren sich mit den Zinsen begnügen müßten. In Folge dessen konnten dieselben ihren eigenen Verpflichtungen nicht nachkommen, die Börse gerieth in Aufruhr, mehrere große Handelshäuser machten Bankerott, Schreck und Jammer kamen über die ganze Gesellschaft. Inzwischen ging man rasch dem Despotismus entgegen. Proklamationen, welche von Parlamentsakten dispensirten oder Vorschriften machten, die nur dem Parlamente zustanden, erschienen in rascher Aufeinanderfolge. Das bedeutendste dieser Edicte war die Indulgenzerklärung. In diesem Aktenstücke wurden die Strafgesetze gegen die Katholiken durch königlichen Machtspruch noch einmal beseitigt, und um die wahre Absicht der Maßregel zu verschleiern, hob man gleichzeitig auch die Gesetze gegen die protestantischen Nichtconformisten auf.
Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr derselben. [Wenige] Tage nach dem Bekanntwerden der Indulgenzerklärung wurde den Vereinigten Provinzen der Krieg erklärt. Zur See fochten die Holländer mit Ehren, zu Lande aber wurden sie anfänglich durch unwiderstehliche Gewalt bezwungen. Ein großes französisches Heer ging über den Rhein, eine Festung nach der andern ergab sich. Die Sieger besetzten drei von den sieben Provinzen des Bundes. Man sah die Lagerfeuer des Feindes von dem Dache des Rathhauses zu Amsterdam. Zu gleicher Zeit wurde die von außen so hart bedrängte Republick auch von inneren Zwistigkeiten heimgesucht. Die Regierung befand sich in den Händen einer geschlossenen Oligarchie mächtiger Bürger. Es gab eine große Menge selbstgewählter Stadträthe, welche innerhalb ihrer Bezirke viele Souverainetätsrechte ausübten; diese Räthe schickten Abgeordnete an die Provinzialstaaten, und die Provinzialstaaten wieder Beauftragte an die Generalstaaten. Eine erbliche, höchste Obrigkeit war kein wesentlicher Theil dieser Staatseinrichtung. Doch hatte eine, an berühmten Männern auffallend fruchtbare Familie allmälig eine bedeutende und zugleich ziemlich unbestimmte Gewalt erlangt. Wilhelm, dieses Namens der Erste, Prinz von Nassau-Oranien und Statthalter von Holland, hatte an der Spitze des denkwürdigen Aufstandes gegen Spanien gestanden, sein Sohn Moritz war Generalkapitain und oberster Minister der Staaten gewesen, hatte sich durch ausgezeichnete Befähigung und vortreffliche Dienste, sowie durch einige verrätherische und unmenschliche Handlungen zu königlicher Macht emporgeschwungen, und diese Macht zum Theil seiner Familie hinterlassen. Der Einfluß der Statthalter war ein Gegenstand höchster Eifersucht für die städtische Oligarchie, aber die Armee, sowie die große Menge von Bürgern, denen jede Theilnahme an der Regierung entzogen war, betrachteten die Bürgermeister und Deputirten mit einer Abneigung, ähnlich der, welche die Legionen und der große Haufe in Rom gegen den Senat fühlten, und zollten dem Hause Oranien eine so treue Ergebenheit wie die Legionen und die Massen dem Hause Cäsars. Der Statthalter stand an der Spitze des Heeres der Republik, verfügte über alle militärischen Commandos, hatte bedeutenden Einfluß auf die Civilgewalt, und umgab sich mit einem fast königlichen Glanze.
Prinz Wilhelm II. hatte bei der oligarchischen Partei auf heftigen Widerstand gestoßen, er starb 1650, während großer bürgerlicher Unruhen, ohne Kinder zu hinterlassen. Die Mitglieder seiner Familie befanden sich einige Zeit ohne Haupt, und die von ihm ausgeübte Gewalt wurde unter die Stadträthe, Provinzialstaaten und Generalstaaten vertheilt.
Wenige Tage nach Wilhelms Tode gebar seine Witwe, Marie, Tochter Karls I. von England, einen Sohn, welcher bestimmt war, den Ruhm und die Macht des Hauses Nassau auf den höchsten Gipfel zu treiben, die Vereinigten Provinzen vor Unterdrückung zu bewahren, die Macht Frankreichs zu brechen und der englischen Verfassung eine solide Grundlage zu geben.
Wilhelm Prinz von Oranien. [Dieser] Prinz mit dem Namen Wilhelm Heinrich, war von seiner Geburt an ein Gegenstand ernster Sorge für die zur Zeit in Holland herrschende Partei, und loyaler Ergebenheit für die Anhänger seines Hauses. Als der Besitzer eines großen Vermögens, als das Haupt eines der erlauchtesten Häuser Europa’s, als ein souverainer Fürst des deutschen Reiches, als ein Prinz von königlichem Geblüte Englands, vor Allem aber als ein Sprößling der Schöpfer der batavischen Freiheit, genoß er der höchsten Achtung. Aber das mächtige Amt, welches seine Familie einst als erblich betrachtete, wurde nicht wieder besetzt, und nach dem Willen der aristokratischen Partei sollte nie wieder ein Statthalter gewählt werden. Die Stelle der ersten Magistratsperson vertrat zum großen Theile der Großpensionair der Provinz Holland, Johann de Witt, dessen Klugheit, Festigkeit und Redlichkeit ihn zu einem hohen Ansehen im Rathe der municipalen Oligarchie erhoben hatten.
Die französische Invasion brachte eine vollständige Umwandlung hervor. Das leidende, und von Schrecken erfüllte Volk wüthete furchtbar gegen die Regierung, und fiel in seiner Tollheit über die tapfersten Heerführer und die geschicktesten Staatsmänner der Regierung her. De Ruyter wurde von dem Pöbel insultirt, und de Witt vor dem Thore des Palastes der Generalstaaten im Haag in Stücke zerrissen. Der Prinz von Oranien war an dem Morde unschuldig, aber bei dieser Gelegenheit, sowie zwanzig Jahre später bei einer anderen beklagenswerthen Veranlassung, beurtheilte er die Verbrechen, welche in seinem Interesse verübt wurden, so nachsichtig, daß dadurch sein Ruhm befleckt wurde. Er trat ohne Nebenbuhler an die Spitze der Regierung. Wenn auch noch jung, hob sein feuriger unbeugsamer Geist, obgleich unter einer kalten, düsteren Außenseite verborgen, gar bald den Muth seiner zagenden Landsleute. Jeder Versuch seines Oheims, sowie des französischen Königs, ihn durch die glänzendsten Versprechungen der Sache der Republik abwendig zu machen, war vergeblich. Gegen die Generalstaaten führte er eine schwungreiche, begeisternde Sprache. Er wagte sogar ihnen einen Vorschlag zu machen, der einen Anstrich von antikem Heroismus hatte, und der, wenn er zur Ausführung gekommen wäre, der edelste Stoff für ein Epos sein würde, der im Bereiche der neueren Geschichte existirte. Er erklärte den Abgeordneten, daß, selbst wenn ihr Heimathsland und die Wunder, mit denen menschlicher Kunstfleiß es bedeckt, von dem Ocean verschlungen wären, noch nicht Alles verloren sei. Die Holländer könnten Holland überleben; Freiheit und reine Gottesverehrung, würden sie auch von Tyrannen und Fanatikern aus Europa verbannt, könnten in Asiens entferntesten Inseln eine Freistätte finden. Die Schiffe, welche in den Häfen der Republik ankerten, würden ausreichen, um zweihunderttausend Auswanderer nach dem indischen Archipel zu bringen, dort könne die holländische Republik ein neues, glorreiches Dasein beginnen, und unter dem Kreuze des Südens, umgeben von Zuckerrohr und Muscatbäumen, die Börse eines reicheren Amsterdam und den Lehrstuhl eines gelehrteren Leyden errichten. Der Nationalgeist erhob sich gewaltig. Die Bedingungen, welche die Verbündeten anboten, wurden kurz zurückgewiesen, die Dämme wurden durchstochen, und das ganze Land in einen ungeheuren See verwandelt, aus dem die Städte mit ihren Mauern und Thürmen wie Inseln hervorragten. Die Feinde retteten sich nur durch den eiligsten Rückzug vor Vernichtung; Ludwig aber, welcher es zuweilen für vortheilhaft hielt, sich an der Spitze des Heeres zu zeigen, jedoch einen Palast bequemer fand als ein Kriegslager, war bereits heimgekehrt, um in den neuangelegten Alleen von Versailles sich der Schmeicheleien der Dichter und des Lächelns seiner Damen zu erfreuen.
Bald folgte der Ebbe die Fluth. Der Erfolg des Seekrieges war zweifelhaft geblieben; zu Lande hatten die Vereinigten Provinzen Aufschub erlangt, und ein Aufschub, wenn auch noch so kurz, war von unübersehbarer Wichtigkeit. Beunruhigt durch die weitaussehenden Pläne Ludwigs, griffen beide Linien des mächtigen österreichischen Hauses zu den Waffen. Spanien und Holland vergaßen die alten gegenseitigen Beschwerden und Demüthigungen, und söhnten sich angesichts der gemeinschaftlichen Gefahr wieder aus. Aus allen Gegenden Deutschlands marschirten Truppen nach dem Rheine. Die Fonds der englischen Regierung, welche man durch Beraubung der Staatsgläubiger zusammen gebracht, waren erschöpft, von der City ließ sich kein Darlehn erwarten, und der Versuch durch königlichen Machtspruch Steuern zu erheben, würde unverzüglich eine Revolution hervorgerufen haben. Ludwig aber, der jetzt mit dem halben Europa in Krieg verwickelt war, befand sich nicht in der Verfassung, die Mittel zur Bezwingung des englischen Volkes herbeizuschaffen. So war es nothwendig, das Parlament einzuberufen.
Versammlung des Parlaments. [Im] Frühlinge des Jahres 1673 versammelten sich also die Häuser nach einer Unterbrechung von beinahe zwei Jahren. Clifford, jetzt Pair und Lord Schatzmeister, und Ashley, jetzt Lord Kanzler und Earl von Shaftesbury, waren die Männer, auf welche der König hinsichtlich der Leitung des Parlaments sich verließ. Die Vaterlandspartei zögerte nicht, sofort die Politik der Cabale anzugreifen, dieser Angriff geschah aber nicht stürmisch, sondern durch langsames und wohlberechnetes Vorrücken. Die Gemeinen gaben zuerst Hoffnung, daß sie die auswärtige Politik des Königs unterstützen wollten, verlangten aber, daß er diese Hilfe dadurch erkaufen sollte, daß er das ganze System seiner innern Politik fallen lasse. Vor Allem verlangten sie die Zurücknahme der Indulgenzerklärung.
Indulgenzerklärung. [Der] unpopulärste Schritt, den die Regierung jemals gethan hatte, war unbedingt die Bekanntmachung dieser Erklärung. Die verschiedenartigsten Gefühle waren verletzt durch eine an sich zwar freisinnige, aber in höchst despotischer Weise ausgeführte Maßregel. Die Feinde religiöser, und die Freunde bürgerlicher Freiheit waren eng verbunden, und aus diesen beiden Klassen bestanden neunzehn Zwanzigtheile der Nation. Der eifrige Anhänger der Staatskirche beschwerte sich über die Bevorzugung, welche dem Papisten wie dem Puritaner zu Theil geworden sei. Der Puritaner freute sich zwar über das Aufhören der Verfolgung, die ihn gedrückt hatte, war aber eben nicht besonders dankbar für eine Duldung, welche er mit dem Antichrist theilen sollte. Alle Engländer jedoch, welche Freiheit und Gerechtigkeit achteten, erkannten mit Besorgniß den tiefen Eingriff, den die Prärogative in das Gebiet der Gesetzgebung gethan hatte.
Der Wahrheit die Ehre zu geben, darf nicht geleugnet werden, daß die constitutionelle Frage nicht ganz frei von Dunkelheit war. Unsere alten Könige besaßen das unbestrittene Recht, die Wirkung von Strafgesetzen zu suspendiren, die Gerichtshöfe hatten dieses Recht anerkannt und die Parlamente es nicht angefochten. Daß ein derartiges Recht der Krone zustehe, wagten, selbst von der Landpartei, in Betracht der Ereignisse und Autoritäten nur Wenige in Abrede zu stellen. Gleichwohl war es klar daß, wenn diese Prärogative keine Grenze hatte, die englische Regierung von reinem Despotismus fast gar nicht unterschieden werden konnte. Daß es eine Grenze gebe, gestand der König sammt seinen Ministern ein, die Frage war nur, ob die Indulgenzerklärung innerhalb oder außerhalb derselben liege, und keine Partei vermochte eine Grenzlinie zu bestimmen, welche die Prüfung bestand. Einige Gegner der Regierung beschwerten sich, daß durch die Erklärung nicht weniger als vierzig Gesetze suspendirt würden; warum aber nicht vierzig sogut wie eins? Ein Redner sprach unverhohlen aus, daß der König verfassungsmäßig zwar von schlechten Gesetzen dispensiren könne, nicht aber von guten. Das Ungereimte einer solchen Unterscheidung liegt auf der Hand. Die Ansicht, welche im Hause der Gemeinen angenommen schien, war wohl im Allgemeinen die, daß das Dispensationsrecht sich blos auf weltliche Punkte erstrecke, und nicht auf Gesetze, die man zur Sicherheit der Landeskirche erlassen. Da aber der König das Oberhaupt der Kirche war, so schien es, daß wenn er überhaupt die dispensirende Gewalt besitze, er sie wohl auch da haben konnte, wo die Kirche in’s Spiel kam. Die Versuche der Hofleute, die Grenzen dieser Prärogative zu bezeichnen, mißlangen eben so vollständig wie früher die der Opposition.[3]
Die Wahrheit ist, daß die Dispensationsbefugniß eine große Anomalie in Staatssachen war. In der Theorie war sie mit den Grundsätzen gemischter Verfassung nicht zu vereinigen, aber sie war in einer Zeit entstanden, wo das Volk sich wenig um Theorien kümmerte. In der Praxis hatte man diese Befugniß niemals auf gröbliche Art gemißbraucht, sie war deshalb geduldet worden, und endlich allmälig zu einer Art Verjährung gekommen. Nach einem langen Zwischenraume wurde sie endlich in einem fortgeschrittenen Zeitalter bei einer wichtigen Veranlassung und zwar in früher nicht gekannter Ausdehnung, zu einem allgemein verabscheuten Zwecke in Anwendung gebracht. Sie wurde einer strengen Untersuchung unterworfen, und wenn man auch nicht gleich wagte sie geradezu für verfassungswidrig zu erklären, so kam man doch zu der Erkenntniß, daß sie in directem Widerspruche mit der Verfassung stehe, und wenn sie willkürlich blieb, die englische Regierung aus einer beschränkten Regierung in eine absolute verwandeln würde.
[3.] Das Vernünftigste was über diesen Gegenstand im Hause der Gemeinen gesprochen wurde, rührte von Sir William Coventry her. „Unsere Voreltern haben niemals eine Linie gezogen, um die Souverainetätsrechte und die Freiheit zu begrenzen.“
Cassirung der Indulgenzakte. Annahme der Testakte. [Durch] solche Befürchtungen veranlaßt, stellten die Gemeinen in Abrede, daß es ein Dispensationsrecht des Königs gebe, zwar nicht rücksichtlich aller Strafgesetze, sondern blos soweit diese die kirchlichen Angelegenheiten beträfen, und sie gaben dem König nicht undeutlich zu verstehen, daß sie nur bei Aufgabe dieses Rechtes ihm Bewilligungen für den holländischen Krieg machen würden. Für den Augenblick schien er geneigt, Alles zu wagen, bis ihm Ludwig dringend rieth, sich der Nothwendigkeit zu fügen und einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, wo die französischen Heere, jetzt zu schwerem Kriege auf dem Festlande verwendet, benutzt werden könnten, um die Unzufriedenheit in England zu unterdrücken. In der Cabale selbst wurden Zeichen von Uneinigkeit und Verrätherei sichtbar. Shaftesbury erkannte mit seinem zum Sprichwort gewordenen Scharfblick, daß eine heftige Reaction bevorstehe, und Alles einer Krisis gleich der von 1640 zuschreite. Er beschloß, daß diese ihn nicht in Straffords Lage finden sollte, machte deshalb eine plötzliche Wendung und erkannte im Hause der Lords an, daß die Erklärung gesetzwidrig sei. Der König, von seinen Verbündeten sowie von seinem Kanzler verlassen, fügte sich, nahm die Indulgenzerklärung zurück und versprach feierlich, daß sie niemals in Anwendung gebracht werden solle.
Selbst diese Concession war ungenügend. Die Gemeinen waren noch nicht damit zufrieden, ihren Souverain zur Vernichtung der Indulgenz gezwungen zu haben, sie nöthigten ihm auch seine ungern ertheilte Zustimmung ab zu einem wichtigen Gesetze, welches bis zur Regierung Georgs IV. geltend geblieben ist. Dieses Gesetz unter der Benennung „Testakte“ bekannt, bestimmte, daß alle mit militairischen oder bürgerlichen Ämtern bekleideten Personen den Suprematseid leisten, eine Erklärung gegen die Transsubstantiation unterschreiben und öffentlich das Abendmahl nach den Gesetzen der englischen Kirche empfangen sollten. Die Einleitung des Gesetzes spricht nur in feindseligen Ausdrücken gegen die Papisten, die folgenden Paragraphen aber waren den Papisten kaum weniger ungünstig als der strengsten Klasse von Puritanern. Diese jedoch, durch die offenbare Hinneigung des Hofes zum Papstthum erschreckt, und von einigen Anhängern der Hochkirche zu der Hoffnung beredet, daß nach der wirksamen Entwaffnung der Katholischen den protestantischen Nichtconformisten Hilfe werden solle, erhoben nur geringen Widerspruch, und auch der König, der sich in größter Geldverlegenheit befand, konnte nicht wagen seine Genehmigung vorzuenthalten. Die Akte wurde vollzogen und in Folge davon der Herzog von York genöthigt, den hohen Posten eines Lord Großadmirals aufzugeben.
Auflösung der Cabale. [Noch] hatten die Gemeinen sich nicht gegen den holländischen Krieg erklärt. Nachdem aber der König aus Dankbarkeit für die ihn sehr vorsichtig gespendeten Summen den ganzen Plan seiner inneren Politik fallen gelassen, traten sie heftig gegen seine auswärtige Politik auf. Sie verlangten, daß Buckingham und Lauderdale für immer aus dem Rathe entfernt würden, und bildeten einen Ausschuß, welcher ermitteln sollte, ob es angemessen sei, Arlington unter Anklage zu stellen. Nach kurzer Zeit existirte die Cabale nicht mehr. Clifford, der Einzige von den Fünfen, der mit einigem Grund für einen rechtlichen Mann gelten konnte, verweigerte den neuen Religionseid, legte seinen weißen Stab nieder und zog sich auf seine Güter zurück. Arlington vertauschte den Posten eines Staatssecretairs mit einer ruhigen, ehrenvollen Anstellung im königlichen Hause. Shaftesbury und Buckingham versöhnten sich mit der Opposition und erschienen an der Spitze der stürmischen Demokratie der City. Lauderdale hingegen blieb Minister der schottischen Angelegenheiten, mit denen das englische Parlament nichts zu schaffen hatte.
Jetzt drängten die Gemeinen den König, mit Holland Frieden zu schließen und erklärten ohne Hehl, daß sie durchaus keine Mittel zu diesem Kriege bewilligen würden, wenn der Feind sich nicht hartnäckig weigere, auf annehmbare Bedingungen einzugehen. Karl begriff, daß er nun jeden Gedanken an die Ausführung des Vertrags von Dover bis auf einen geeigneteren Zeitpunkt fallen lassen müsse, und schmeichelte der Nation durch den Anschein, als wolle er zur Politik der Tripleallianz zurückkehren. Temple, welcher seit der Macht der Cabale in Zurückgezogenheit unter seinen Büchern und Blumen lebte, wurde aus der Einsamkeit hervorgeholt, und durch seine Vermittlung ein Separatfrieden mit den Vereinigten Provinzen geschlossen. Er wurde darauf Gesandter im Haag, und seine Anwesenheit galt dort als ein sicheres Pfand der Aufrichtigkeit seines Hofes.
Die oberste Leitung der Geschäfte war jetzt in den Händen Sir Thomas Osborns, eines Baronets aus Yorkshire, der im Hause der Gemeinen ein seltenes Talent für Geschäft und Debatte gezeigt hatte. Osborn wurde Lord Schatzmeister und bald darauf Earl von Danby. Er war kein Mann von achtungswerthem Charakter, insofern man ihn nach dem Maßstabe der Sittlichkeit beurtheilen wollte. Begierig nach Reichthümern und Auszeichnungen, war er, selbst verdorben, auch noch ein Verführer Anderer. Die Cabale hatte ihm die Kunst hinterlassen, Parlamente zu bestechen, eine damals noch unausgebildete Kunst, der man die hohe Vollendung noch nicht ansah, zu der sie sich in dem folgenden Jahrhundert emporschwang. Er verbesserte den Entwurf der ersten Erfinder bedeutend. Dieselben hatten blos Sprecher erkauft, Danby aber bezahlte Jeden, der eine Stimme hatte. Doch darf dieser neue Minister nicht mit den Unterhändlern von Dover in eine Reihe gestellt werden. Er besaß die Empfindungen eines Engländers und Protestanten, und niemals vergaß er über die eigenen Interessen ganz die seines Vaterlandes und seiner Religion. Er war allerdings eifrig bemüht, die königliche Prärogative zu erhöhen, doch benutzte er dazu Mittel, welche von denen sehr verschieden waren, die Arlington und Clifford im Sinne gehabt hatten. Nie dachte er daran, durch Hilfe fremder Truppen und Erniedrigung des Königreichs dasselbe zu dem Range eines abhängigen Fürstenthums herabsinken zu lassen. Sein Plan war, um die Monarchie wieder diejenigen Klassen zu schaaren, welche während der Unruhen des letzten Menschenalters ihre treuen Bundesgenossen gewesen, durch die neuerlichen Laster und Irrthümer des Hofes aber mit Unwillen zurückgetreten waren. Mit Hilfe des alten Cavalier-Interesses, des hohen und niedern Adels, des Klerus und der Universitäten konnte es nach seiner Meinung möglich sein, Karl zwar nicht zu einem unbeschränkten, aber doch zu einem kaum weniger mächtigen Souverain als Elisabeth war, zu machen.
Von diesen Ansichten durchdrungen beschloß Danby der Partei der Cavaliere den ausschließlichen Besitz aller politischen Macht sowohl der executiven wie der gesetzgebenden, zu sichern. Es wurde daher im Jahre 1675 im Hause der Lords eine Bill vorgelegt, welche bestimmte, daß Niemand ein Amt versehen oder in einem Hause des Parlaments sitzen solle, der nicht vorher die eidliche Erklärung gegeben, daß er Widerstand gegen die königliche Macht unbedingt für strafbar halte, und nie den Versuch machen werde, sich an der Verfassung des Staates oder der Kirche zu vergreifen. Mehrere Wochen hindurch erhielten die durch diesen Antrag hervorgerufenen Verhandlungen, Abstimmungen und Proteste das Land in großer Aufregung. Die Opposition im Hause der Lords, an deren Spitze zwei Mitglieder der Cabale standen, welche Frieden mit dem Volke zu machten wünschten, Buckingham und Shaftesbury, war außerordentlich heftig und hartnäckig, und hatte guten Erfolg. Die Bill wurde nicht verworfen, aber verzögert, verstümmelt und endlich bei Seite gelegt.
Auf solche Willkür und Abgeschlossenheit gründete sich Danby’s innere Politik; seine Ansichten über äußere Politik machten ihm mehr Ehre, sie waren das Gegentheil von denen der Cabale, und glichen fast ganz denen der Vaterlandspartei. Er klagte bitter über die Erniedrigung, in welche man England versetzt, und erklärte in größter Aufregung, daß es sein sehnlichster Wunsch sei, den Franzosen durch Prügel die nöthige Achtung einzuflößen. Er war so wenig Herr seiner Gefühle, daß er bei einem großen Gastmahle, wo die höchsten Würdenträger des Staats und der Kirche anwesend waren, sein Glas auf das Verderben Aller leerte, die nicht für einen Krieg gegen Frankreich gestimmt wären. Es wäre ihm sehr erwünscht gewesen, hätte sich sein Vaterland mit den Mächten vereinigt, welche sich damals gegen Ludwig verbunden hatten, und zu dem Zwecke war er geneigt, Temple, den Stifter der Tripleallianz, an die Spitze des Departements der auswärtigen Angelegenheiten zu stellen. Aber die Macht des Premierministers hatte ihre Grenzen. In seinen vertraulichsten Briefen beklagt er sich, daß die Verblendung seines Herrn England hindere den ihm gebührenden Platz unter den Nationen Europa’s einzunehmen. Karl besaß eine unersättliche Gier nach französischem Golde, und hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben eines Tages mit Hilfe der französischen Waffen eine absolute Monarchie zu errichten — diese beiden Gründe waren für ihn hinreichend, um ein gutes Vernehmen mit dem Hofe von Versailles zu unterhalten.
So verfolgte der Souverain ein System auswärtiger Politik, dem des Ministers diametral entgegen. Allerdings besaßen weder der Souverain noch der Minister den Charakter danach, irgend einen Plan stätig zu verfolgen, jeder gab bei Gelegenheit dem Drängen des Andern nach, und ihre abweichenden Neigungen und gegenseitigen Zugeständnisse verliehen der ganzen Verwaltung einen sonderbaren Anstrich. Aus Leichtsinn und Indolenz erlaubte der König zuweilen, daß Danby Maßregeln traf, welche Ludwig bitter beleidigen mußten; ebenso fügte sich Danby ehe er seinen hohen Posten aufgegeben hätte, bisweilen lieber in Gefälligkeiten, die ihm schwere Sorge und Schande verursachten. Der König wurde dahin gebracht, seine Erlaubniß zu einer Vermählung zwischen Maria, der ältesten Tochter und muthmaßlichen Erbin des Herzogs von York, und Wilhelm von Oranien, dem Todfeinde Frankreichs und erblichen Kämpfer der Reformation, zu geben; ja der tapfre Earl von Ossory, Ormonds Sohn, eilte den Holländern zum Beistande mit einigen britischen Truppen herbei, welche an dem blutigsten Tage des ganzen Krieges den Ruf des kühnsten Muthes trefflich bewährten. Auf der anderen Seite mußte der Schatzmeister bei einigen schimpflichen Geldgeschäften, die zwischen seinem Gebieter und dem Hofe von Versailles abgemacht wurden, nicht nur die Augen zudrücken, sondern auch — obgleich mit Verdruß und Widerstreben — dabei mitwirken.
Verwickelte Lage der Vaterlandspartei. [Mittlerweile] wurde die Vaterlandspartei durch zwei gewaltige Gefühle nach zwei verschiedenen Richtungen hin getrieben. Die Leiter des Volks hatten Furcht vor der Größe Ludwigs, der nicht nur der ganzen Stärke der continentalen Allianz Widerstand leistete, sondern sogar Boden gewann; ebenso wagten sie es aber auch nicht, ihrem eigenen Könige die Mittel zur Demüthigung Frankreichs anzuvertrauen, damit dieselben nicht zur Vernichtung der Freiheit Englands verwendet würden. Der Widerstreit zwischen diesen beiden Befürchtungen, welche vollkommen gerechtfertigt waren, ließ die Opposition eben so haltlos und wankelmüthig erscheinen, wie die des Hofes. Die Gemeinen forderten Krieg mit Frankreich, bis der König, von Danby zur Nachgiebigkeit vermocht, sich zu fügen schien, und eine Armee auszuheben begann. Als sie aber sahen, daß man mit den Werbungen fortschritt, wurde ihre Furcht vor Ludwig durch eine noch näher liegende Furcht verdrängt. Sie glaubten nämlich, daß diese neuen Truppen in einem Dienste verwendet werden möchten, für den Karl größere Theilnahme hegte als für die Vertheidigung Flanderns, verweigerten deshalb alle Geldbewilligungen, und verlangten jetzt ebenso laut die Entlassung der Truppen, als sie kurz vorher die Bildung einer Armee gefordert hatten. Diejenigen Geschichtschreiber, welche sich über diese Unbeständigkeit mit strengem Tadel ausgesprochen, scheinen nicht die gehörige Rücksicht auf die verzweifelte Lage von Leuten genommen zu haben, welche von dem Glauben durchdrungen waren, ihr Fürst vereinige sich mit einer auswärtigen feindlichen Macht zur Unterdrückung ihrer Freiheiten. Ihm militairische Hilfsmittel verweigern hieß den Staat wehrlos machen; gab man ihm dieselben, so benutzte er sie vielleicht gegen den Staat. Bei solcher Bewandtniß kann die Unentschlossenheit nicht als Beweis von Mangel an Ehrgefühl oder gar von Schwäche betrachtet werden.
Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft. [Dieser] Argwohn wurde von dem französischen König eifrig genährt. Er hatte England geraume Zeit in Unthätigkeit erhalten, indem er den Thron gegen das Parlament zu unterstützen versprach, aber jetzt gewann er die beunruhigende Überzeugung, daß die patriotischen Rathschläge Danby’s im Cabinet Anklang fanden, und nun begann er das Parlament gegen den Thron zu hetzen. Ludwig und die Vaterlandspartei trafen in einem, aber auch nur in diesem einen Punkte zusammen, nämlich in dem tiefen Mißtrauen gegen Karl. Hätte die Vaterlandspartei die Überzeugung erhalten können, daß ihr Souverain wirklich einen Krieg gegen Frankreich im Sinne hatte, so würde sie ihn auf’s Eifrigste unterstützt haben. Hätte Ludwig die Gewißheit gehabt, daß die neuen Rüstungen nur der Verfassung von England galten, so würde er sie nicht zu verhindern gesucht haben. Die Charakterlosigkeit Karls aber und seine Treulosigkeit waren so groß, daß die französische Regierung und die englische Opposition — sonst in allen Ansichten von einander abweichend — wenigstens darin übereinstimmten, daß seinen Worten nicht zu trauen sei, und beide den Wunsch theilten, ihn ohne Geld und Heer zu lassen. Es fanden Verhandlungen statt zwischen Barillon, dem französischen Gesandten, und solchen englischen Staatsmännern, welche stets Abneigung und Furcht vor dem französischen Übergewicht gezeigt und in der That auch aufrichtig empfunden hatten. Das redlichste Mitglied der Vaterlandspartei, Lord Wilhelm Russel, Sohn des Earl von Bedford, besprach sich unbedenklich mit einem fremden Gesandten zu dem Zweck, seinem eigenen Souveraine Verlegenheiten zu bereiten. Soweit ging Russels Fehltritt. Seine Grundsätze sowohl wie sein großes Vermögen erheben ihn über den Verdacht schmutziger Absichten; allein man hat nur zu viel Grund anzunehmen, daß mehrere seiner Verbündeten weniger Bedenklichkeit zeigten. Man würde ihnen Unrecht thun, wollte man sie der Niederträchtigkeit beschuldigen, Geld angenommen zu haben, um ihrem Vaterlande zu schaden, sie meinten ihm im Gegentheil nützlich zu sein; es ist aber nicht in Abrede zu stellen, daß sie unehrenhaft und unzart genug waren, von einem fremden Fürsten dafür Bezahlung anzunehmen, daß sie dem eigenen Lande dienten. Einer von denen, welche diese erniedrigende Anklage mit Recht trifft, war ein Mann, der nach der Meinung des Volkes der personifizirte Gemeinsinn war, und welcher trotz einiger großen moralischen und geistigen Schwächen mit Recht ein Held, ein Philosoph und ein Patriot genannt zu werden verdient. Es erregt schmerzliche Empfindungen, einen derartigen Namen auf der Liste der Pensionaire Frankreichs zu finden, und doch liegt einiger Trost in dem Gedanken, daß in unserer Zeit ein öffentlicher Charakter der nicht einer Versuchung widerstände, welcher die Tugend und der Stolz Algernon Sidney’s unterlagen, als alles Pflicht- und Schamgefühls bar betrachtet werden würde.
Frieden von Nimwegen. [Die] Folge dieser Intriguen war, daß England, wenn es gleich bei Gelegenheit eine drohende Haltung zeigte, unthätig blieb, bis der continentale Krieg nach fast siebenjähriger Dauer 1678 durch den Frieden von Nimwegen sein Ende fand. Die Vereinigten Provinzen, 1672 am äußersten Rande des Verderbens stehend, erlangten ehrenvolle und vortheilhafte Bedingungen. Daß sie mit genauer Noth dem Untergange entrannen, wurde allgemein der Geschicklichkeit und Tapferkeit des jungen Statthalters zugeschrieben. Er besaß in Europa einen bedeutenden Ruf, und insbesondere bei den Engländern, welche ihn als einen ihrer eigenen Prinzen betrachteten, und denen es Freude machte, in ihm den Gemahl ihrer zukünftigen Königin zu sehen. Frankreich erwarb mehrere wichtige Städte in Belgien und die bedeutende Provinz Franche Comté; die sinkende spanische Monarchie aber hatte fast den ganzen Verlust zu tragen.
Große Unzufriedenheit in England. [Kaum] waren die Feindseligkeiten auf dem Festlande einige Monate vorüber, so trat eine große Krisis in der englischen Politik ein, welche durch den Gang der Verhältnisse seit bereits achtzehn Jahren vorbereitet worden war. Das ganze Capital von Popularität, welches der König beim Antritt seiner Regierung besaß, war verschwendet, und dem loyalen Enthusiasmus tiefe Abneigung gefolgt. Die öffentliche Meinung war die Strecke zurückgegangen, die sie zwischen 1640 und 1660 durchlaufen hatte, und befand sich noch einmal auf demselben Standpunkte, den sie einnahm, als das Lange Parlament zusammentrat.
Die herrschende Unzufriedenheit bestand aus einem Gemisch der verschiedenartigsten Empfindungen. Eins dieser Gefühle war verletzter Nationalstolz. Die damalige Generation kannte England, wie es, auf gleiche Bedingungen mit Frankreich verbündet, Siegerin über Holland und Spanien, Beherrscherin des Meeres, der Schrecken Roms, der Schutzgeist des protestantischen Europa’s war. Seine Hilfsquellen waren nicht schwächer geworden, und es stand zu erwarten, daß unter dem Scepter eines legitimen Königs, der die Liebe und den völligen Gehorsam seiner Unterthanen besaß, es in Europa zum Wenigsten eben so hervorragend dastehen müsse, wie unter der Herrschaft eines Usurpators, der mit größter Wachsamkeit und Energie ein rebellisches Volk niederzuhalten hatte. Und doch war es durch die Schwäche und Erbärmlichkeit seines Oberhauptes so tief gesunken, daß jedes deutsche oder italienische Ländchen, welches fünftausend Soldaten in’s Feld schicken konnte, ein wichtigeres Glied unter den Nationen Europa’s bildete.
Mit der bitteren Empfindung nationaler Demüthigung verband sich die Besorgniß um die bürgerliche Freiheit. Unbestimmte Gerüchte, um so beunruhigender weil sie unbestimmt waren, schrieben dem Hofe einen überdachten Plan gegen alle constitutionellen Rechte der Engländer zu; man raunte sich sogar in’s Ohr, daß die Ausführung dieses Planes mit Hilfe fremder Waffen geschehen solle. Selbst den Cavalieren kochte bei dem Gedanken an solche Einmischung das Blut in den Adern, und einige, die stets die Lehre von der Unzulässigkeit des Widerstandes im Munde hatten, murrten jetzt, daß diese Lehre auch eine Grenze habe! Wollte man eine fremde Macht herüberführen, um der Nation Zwang anzuthun, so möchten sie nicht für die eigene Geduld einstehen!
Weder Nationalstolz noch Besorgniß um die öffentliche Freiheit aber hatten auf die Stimmung des Volkes einen solchen Einfluß, wie der Haß gegen die römisch-katholische Kirche. Dieser Haß war eine herrschende Leidenschaft des Volkes geworden und bei Unwissenden und Profanen eben so gewaltig wie bei den Protestanten von Überzeugung. Die Unmenschlichkeiten während der Regierung Maria’s, Unmenschlichkeiten, die selbst bei der unbefangensten, klarsten Darstellung Grauen erregen und in den volksthümlichen Erzählungen von Märtyrern weder genau, noch vorurtheilslos berichtet wurden, die Verschwörung gegen Elisabeth, und namentlich die Pulververschwörung hatten in der Erinnerung des Volkes ein nicht zu löschendes, bitteres Gefühl hinterlassen, das durch jährliche Erinnerungsfeste, Gebete, Freudenfeuer und Prozessionen immer wieder neue Nahrung erhielt.
Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diejenigen Klassen, welche dem Throne insbesondere anhingen, der Klerus und der grundbesitzende Adel, hauptsächlich Ursache hatten, die katholische Kirche zu hassen. Der Klerus zitterte für seine Pfründen, der Adel mit Grundbesitz für seine Abteien und hohen Zehnten. So lange die Regierung der Heiligen noch in frischem Andenken war, hatte der Haß gegen das Papstthum in etwas dem Hasse gegen den Puritanismus Platz gemacht; aber während der achtzehn Jahre, welche seit der Restauration verflossen waren, hatte die Feindseligkeit gegen den Puritanismus abgenommen, wogegen die Abneigung gegen das Papstthum gewachsen war. Zwar waren die Bedingungen des Vertrags von Dover nur Wenigen genauer bekannt, aber einige Andeutungen doch laut genug geworden. Der allgemeine Glaube war, daß ein großer, vernichtender Schlag gegen den Protestantismus geführt werden solle. Viele hatten den König in Verdacht, daß er sich Rom zuwende, sein Bruder und muthmaßlicher Thronerbe war als ein bigotter Katholik bekannt. Die erste Herzogin von York war als Katholikin gestorben, und Jacob hatte darauf, trotz der Gegenvorstellungen des Hauses der Gemeinen, die Prinzessin Maria von Modena, auch eine Katholikin, geheirathet; wenn aus dieser Ehe Söhne hervorgingen, so stand zu fürchten, daß dieselben als Katholiken erzogen werden möchten, und dann eine lange Reihe von Fürsten auf dem Throne sitzen würden, welche Feindschaft gegen die herrschende Staatskirche im Herzen trügen; man hatte neuerdings die Verfassung verletzt, um die Katholiken gegen das Strafgesetz in Schutz zu nehmen; der Bundesgenosse, dessen Politik England seit Jahren beherrscht hatte, war nicht blos ein Katholik, sondern auch ein Verfolger des Protestantismus. Unter allen diesen Umständen war es zu rechtfertigen, wenn der gemeine Mann eine Wiederkehr der Zeiten jener Fürstin fürchtete, welche er die blutige Maria nannte.
Die Nation war demgemäß in einer Stimmung, bei der jeder Funke zur Flamme werden konnte. Da wurde mit einem Male an zwei Stellen Feuer an die ungeheure Masse des Zündstoffes gelegt, und augenblicklich stand Alles in Flammen.
Danby’s Sturz. [Der] französische Hof, welcher Danby als seinen bittersten Feind kannte, ersann den listigen Plan, ihn dadurch zu stürzen, daß er ihn für seinen Freund gelten ließ. Ludwig bewies dem Hause der Gemeinen mit Hilfe Ralphs von Montague, eines unredlichen, schamlosen Menschen, der als Gesandter in Frankreich gewesen war, daß der Schatzmeister bei einem Geldgesuche sich betheiligt, welches der Hof von Whitehall an den von Versailles gerichtet. Diese Entdeckung hatte ihre berechneten Folgen, indem der Schatzmeister, nicht seiner Verbrechen sondern seiner Verdienste wegen, nicht als Theilhaber an einer strafbaren Verhandlung, sondern als entschiedener Gegner derselben, der Verfolgung des Parlaments anheim fiel. Seine Zeitgenossen kannten die Umstände nicht, welche in den Augen der Nachwelt die ihm zur Last gelegte Schuld so sehr verringert erscheinen lassen, sie sahen in ihm einen Mäkler, welcher England an Frankreich verkauft hatte. Seine Größe war offenbar vorüber, und sein Kopf in nicht geringer Gefahr.
Die papistische Verschwörung. [Die] Aufregung, welche die erwähnte Entdeckung verursachte, war jedoch unbedeutend im Vergleich zu der heftigen Bewegung, die das Gerücht hervorrief, es sei ein großes papistisches Complot entdeckt worden. Ein gewisser Titus Oates, Geistlicher der englischen Kirche, war von seinen kirchlichen Vorgesetzten gezwungen worden, wegen unordentlichen Lebenswandels und heterodoxer Lehre seine Pfründe zu verlassen, und führte seitdem ein lasterhaftes und unstätes Leben. Er hatte sich einmal als Katholiken bekannt und auf dem Kontinent einige Zeit in englischen Kollegien des Jesuitenordens zugebracht. In diesen Seminarien hatte er viel wirres Geschrei vernommen über die geeignetsten Mittel, England wieder in den Schooß der wahren Kirche zurückzuführen. Aus den Andeutungen, welche ihm hier geworden, setzte er nun einen schauderhaften Roman zusammen, der mehr den Phantasieen eines Fieberkranken als Ereignissen glich, die sich jemals in der Wirklichkeit zugetragen. Der Papst, versicherte er, hätte die Regierung Englands den Jesuiten in die Hände gegeben. Diese hätten durch Bestallungen, ausgefertigt unter dem Siegel ihrer Gesellschaft, katholische Priester sowie Personen des hohen und niederen Adels zu den höchsten Posten in Kirche und Staat bestimmt. Schon einmal hätten die Papisten London niedergebrannt, sie hätten bereits einen zweiten Versuch dazu gemacht, und gingen jetzt mit dem Plane um, alle Schiffe auf der Themse anzuzünden. Auf ein gegebenes Zeichen würden sie über die Protestanten herfallen und sie niedermachen, zu gleicher Zeit würde eine französische Armee an der Küste von Irland erscheinen. Alle leitenden Staatsmänner und Geistlichen Englands sollten umgebracht werden, und zur Ermordung des Königs habe man drei oder vier Pläne entworfen; er sollte erdolcht, oder durch Medizin vergiftet oder mit silbernen Kugeln erschossen werden. Die öffentliche Meinung war so empfindlich und reizbar, daß diese Lügen bei dem gemeinen Manne leicht Eingang fanden, und zwei einander rasch folgende Vorgänge erregten selbst bei besonnenen Männern einen Argwohn, daß die Erzählung, wenn auch entstellt und übertrieben, doch nicht ganz ohne Grund sein möge.
Eduard Coleman, ein sehr thätiger, aber nicht eben achtungswerther katholischer Intriguant, befand sich unter den angeklagten Personen. Man forschte nach seinen Papieren, und es zeigte sich, daß er so eben den größten Theil derselben vernichtet hatte, einige aber, die gerettet worden waren, enthielten Stellen, welche befangenen Gemüthern die Anschuldigung Oates’ zu rechtfertigen schien. Ruhig und vorurtheilsfrei betrachtet, sprachen diese Stellen freilich blos die Hoffnung aus, welche der Stand der Dinge, die Neigungen Karls, die noch stärkeren Neigungen Jacobs und die, zwischen dem französischen und englischen Hofe bestehenden Verbindungen sehr natürlich in der Brust eines Katholiken erwecken mußten, der den Interessen seiner Kirche eifrig ergeben war. Unser Vaterland aber hatte damals keine Lust, Schreiben von Papisten unbefangen zu deuten, und es wurde nicht ganz ohne rechtlichen Anschein geschlossen, daß, wenn die als unwichtig übersehenen Papiere so bedenklichen Inhalts wären, diejenigen Documente, welche man in das Feuer geworfen, vermuthlich das Geheimniß eines großen Verbrechens enthalten haben müßten.
Nach einigen Tagen wurde bekannt, daß Sir Edmondsbury Godfrey, ein vorzüglicher Friedensrichter, welcher die Aussagen des Oates gegen Coleman niedergeschrieben, verschwunden sei. Durch die angestellten Nachforschungen entdeckte man Godfrey’s Leichnam auf einem Felde in der Nähe Londons, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zwar gewaltsam getödtet, nicht aber von Räubern angegriffen worden sei. Sein Schicksal ist bis auf diesen Tag ein Geheimniß geblieben. Manche glauben, er habe sich selbst entleibt, Andere sagen, er sei durch einen Privatfeind ermordet worden; am unwahrscheinlichsten aber ist die Annahme, die dem Hofe feindliche Partei habe ihn getödtet, um der Verschwörungsgeschichte einen Anhalt zu geben. Im Ganzen genommen scheint die Annahme am richtigsten zu sein, daß einige erhitzte Katholiken durch die lügenhaften Beschuldigungen Oates’ und die Beleidigungen der Menge zur höchsten Wuth gereizt, zwischen dem meineidigen Ankläger und der schuldlosen Gerichtsperson nicht genau unterschieden, und eine Rache ausübten, von der die Geschichte verfolgter Sekten nur zu viele Beispiele darbietet. Ist es so gewesen, dann muß der Mörder in einer späteren Zeit seine Schlechtigkeit und Thorheit bitter bereut haben. Die Hauptstadt und die ganze Nation waren von Haß und Furcht erfüllt. Die Strafgesetze, welche in ihrer Strenge etwas gemäßigt worden waren, wurden von Neuem verschärft, überall waren Richter in Thätigkeit, Häuser zu durchsuchen und Papiere in Beschlag zu nehmen; die Gefängnisse waren mit Katholiken angefüllt. London gewährte das Bild einer Stadt im Belagerungszustande. Die Miliz war jede Nacht unter den Waffen; Vorkehrungen wurden getroffen, die großen Durchgänge zu verbarrikadiren, Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen. Rings um Whitehall waren Kanonen aufgefahren, und kein Bürger glaubte sich sicher, wenn er nicht unter dem Mantel einen mit Blei gefüllten kleinen Dreschflegel trug, um den katholischen Meuchelmördern den Kopf einzuschlagen. Die Leiche des ermordeten Friedensrichters war mehrere Tage der Neugierde der Masse ausgestellt, und wurde dann mit unsinnigen und seltsamen Ceremonien, welche mehr Haß und Rachedurst, als Schmerz und religiöse Hoffnung andeuteten, zu Grabe gebracht. Die Häuser verlangten, daß man in den Gewölben, über denen sie saßen, eine Wache legen sollte, damit sie keine zweite Pulververschwörung zu fürchten hätten. Alle ihre Maßregeln stimmten mit diesem Verlangen überein. Seit der Regierung Elisabeths hatten die Mitglieder des Hauses der Gemeinen immer den Suprematseid leisten müssen, einige Katholiken aber hatten es verstanden, diesem Eide eine solche Auslegung zu geben, daß sie ihn ohne Bedenken leisten konnten. Es wurde jetzt ein noch strengerer Eid hinzugefügt, und die katholischen Lords sahen sich zum ersten Male von ihren Sitzen im Parlament ausgeschlossen. Strenge Maßregeln gegen die Königin wurden beschlossen. Einen Staatssecretair ließen die Gemeinen in’s Gefängniß bringen, weil er Bestallungen für gewisse Personen, welche keine guten Protestanten waren, contrasignirt hatte, den Lord Schatzmeister beschuldigten sie des Hochverraths; ja sie vergaßen die während und nach dem Bürgerkriege offen bekannte Lehre soweit, daß sie einen Versuch machten, den Oberbefehl der Miliz den Händen des Königs zu entreißen. In solchem Zustand hatte eine achtzehnjährige schlechte Regierung das loyalste Parlament gebracht, das je in England bestanden hatte.
Auffallend ist es, daß der König selbst in dieser höchsten Noth es wagte, Berufung an sein Volk einzulegen, denn das Volk war noch erhitzter als seine Repräsentanten. Das Unterhaus, so unzufrieden es auch war, enthielt eine größere Zahl von Cavalieren, als nach aller Wahrscheinlichkeit jemals wieder darin sitzen würden, aber man gedachte durch eine Auflösung die Anklage gegen den Lord Schatzmeister zu sistiren, durch welche alle strafwürdigen Geheimnisse der französischen Allianz an’s Licht kommen, und dem König persönliche Verlegenheit und Widerwärtigkeit bereiten mußten. Das Parlament wurde daher im Januar des Jahres 1679 aufgelöst. — Es hatte seit Anfang des Jahres 1661 bestanden, — und eine allgemeine Wahl wurde angeordnet.
Erste allgemeine Wahl von 1679. [Während] mehrerer Wochen wurde der Wahlkampf im ganzen Lande mit beispielloser Heftigkeit und Hartnäckigkeit geführt, bedeutendere Summen als je zuvor wurden auf denselben verwandt, und ganz neue Kunstgriffe in Anwendung gebracht. Die Verfasser von Flugschriften aus damaliger Zeit erwähnen als etwas ganz Außergewöhnliches, daß mit großen Kosten Pferde zur Beförderung der Wähler gemiethet wurden. Der Kunstgriff, Freisassengüter zu zerstückeln, um die Wahlstimmen zu vervielfältigen, verdankt jenem merkwürdigen Kampfe seine Entstehung. Dissenterprediger, welche sich vor der Verfolgung in stille, entlegene Winkel geflüchtet hatten, kamen jetzt aus ihren Schlupfwinkeln hervor und wanderten auf den Dörfern umher, um den Eifer des zerstreuten Volkes Gottes wieder anzufachen. Die Fluth stieg hoch gegen die Regierung. Die meisten der neugewählten Mitglieder kamen in einer Stimmung nach Westminster, welche nicht sehr von der ihrer Vorgänger abwich, welche Strafford und Laud in den Tower gesperrt hatten.
Mittlerweile wurden die Gerichtshöfe, welche auch während der politischen Unruhen Zufluchtsstätten für die Schuldlosen aller Parteien sein sollen, durch niedrigere Leidenschaften und gemeinere Bestechungen entehrt, als selbst bei den Wahlumtrieben vorkamen. Die Erzählung des Oates, hätte sie auch vermocht das ganze Lande in wilde Aufregung zu bringen, würde ohne ein anderes Zeugniß nicht hingereicht haben, den unbedeutendsten der Angeklagten zu verderben, indem nach dem alten englischen Rechte zwei Zeugen erforderlich sind, um eine Anklage auf ein schweres Verbrechen zu begründen. Indeß der günstige Erfolg des ersten Schurken blieb nicht ohne seine natürlichen Folgen. Binnen wenigen Wochen hatte sich derselbe aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und Macht emporgeschwungen, welche ihn Prinzen und Edelleuten gefährlich machten, und eine Berühmtheit erlangt, die für gemeine Seelen den ganzen Reiz des wahren Ruhmes hat. Er blieb nicht lange ohne Beihilfe und Genossenschaft. Ein schlechter Mensch, mit Namen Carstairs, der in Schottland sein Leben dadurch fristete, daß er verkleidet Conventikel besuchte, und dann die Prediger denuncirte, ging voran. Bedloe, ein bekannter Schwindler, folgte, und bald drangen aus allen Bordellen, Spielhöllen und Bierhäusern Londons käufliche Zeugen hervor, um Katholiken durch ihre erlogenen Aussagen um’s Leben zu bringen. Einer wußte eine Geschichte von einer Armee zu erzählen, die aus dreißigtausend Mann als Pilger verkleideten Soldaten bestehend sich in Corunna versammeln, und von da nach Wales segeln sollte; einem Anderen hatte man die Heiligsprechung und fünfhundert Pfund geboten, wenn er den König ermorden wollte; ein Dritter hatte beim Besuche eines Speisehauses in Coventgarden gehört, wie ein angesehener, katholischer Banquier in Gegenwart aller Gäste und Kellner gelobte, den ketzerischen Tyrannen um’s Leben zu bringen. Oates, um von seinen Nachfolgern nicht übertroffen zu werden, fügte seiner ursprünglichen Geschichte einen bedeutenden Nachtrag hinzu. Er besaß die beispiellose Unverschämtheit, unter Anderem zu versichern, er habe einst, als er hinter einer offenen Thür gestanden, die Königin sagen hören, sie sei entschlossen in die Ermordung ihres Gemahls zu willigen. Selbst solche Erfindungen glaubte das Volk, und der Richterstand des Landes that als glaube er sie auch. Die höchsten Justizpersonen des Reichs waren bestochen, unmenschlich und furchtsam, und die Leiter der Vaterlandspartei unterstützten nach Kräften die herrschende Verblendung. Die achtbarsten Mitglieder derselben waren in der That selbst so befangen, daß sie den größeren Theil der Beweise für die Verschwörung nicht bezweifelten. Männer wie Shaftesbury und Buckingham wußten natürlich, daß die ganze Sache ein Roman sei, aber ein Roman, der ihnen zusagte, denn ihrem verhärteten Gewissen war der Tod eines unschuldigen Menschen eben so gleichgültig, als der Tod eines Feldhuhns. Die Geschwornen standen unter dem Einflusse der Gefühle, welche damals die ganze Nation beherrschten, und wurden von der Richterbank ermuthigt, diesen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das Volk überschüttete Oates und sein Gelichter mit Beifall, schrie und lärmte gegen die Zeugen, welche zu Gunsten der Angeklagten auftraten und jubelte vor Freude, wenn eine Verurtheilung ausgesprochen ward. Vergeblich wiesen die Dulder auf die Unbescholtenheit ihres früheren Lebens hin, denn die öffentliche Meinung war von dem Vorurtheile befangen, daß ein Katholik, je gewissenhafter er sei, um so eher gegen die protestantische Regierung complottiren werde. Vergebens behaupteten sie noch in dem Augenblicke, wo der Karren unter ihren Füßen weggezogen ward, ihre völlige Unschuld, denn es galt die Meinung, daß ein guter Katholik alle Unwahrheiten, durch die er seiner Kirche diente, nicht nur als verzeihlich sondern sogar als verdienstlich ansehe.
Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen. [Während] unter der Form der Gerechtigkeit unschuldiges Blut in Strömen vergossen wurde, trat das neue Parlament zusammen, und die Heftigkeit der überwiegenden Partei war so groß, daß selbst Männer, deren Jugend unter Revolutionen verstrichen war, Männer, die sich der Verurtheilung Straffords, des Attentats auf die fünf Mitglieder, der Beseitigung des Hauses der Lords und der Hinrichtung des Königs erinnerten, mit größter Besorgniß auf den Zustand der Dinge blickten. Die Anklage Danby’s wurde wieder aufgenommen. Er bat um die königliche Gnade, aber die Gemeinen wiesen dieses Gesuch mit Verachtung zurück und verlangten die Fortsetzung des Processes. Um Danby war es ihnen übrigens eigentlich gar nicht zu thun; sie waren überzeugt, daß das einzige wirksame Mittel, die Freiheit und Religion Englands zu retten, darin bestehe, daß man den Herzog von York vom Throne ausschließe.
Der König befand sich in großer Verlegenheit. Er hatte seinen Bruder, dessen Anblick allein schon das Volk zu wahnsinniger Wuth entflammte, veranlaßt, auf einige Zeit nach Brüssel zu gehen, aber dieses Zugeständniß schien keinen besonders günstigen Eindruck gemacht zu haben. Die Partei der Rundköpfe hatte offenbar das Übergewicht. Zu dieser Partei gehörten Millionen, welche zur Zeit der Revolution auf Seiten der Prärogative gestanden. Unter den alten Cavalieren fürchteten Viele das Papstthum; und Andere, die sich noch immer mit Bitterkeit der Undankbarkeit des Fürsten erinnerten, dem sie so viel geopfert, blickten auf sein Unglück eben so gleichgültig hin, wie er einst auf das ihrige. Selbst die anglikanische Geistlichkeit, durch den Abfall des Herzogs von York gekränkt und beunruhigt, unterstützte die Opposition insoweit, daß sie in das allgemeine Geschrei gegen die Römisch-Katholischen von Herzen einstimmte.
Temple’s Regierungssystem. [In] dieser höchsten Bedrängniß nahm der König seine Zuflucht zu Sir William Temple. Von allen Staatsmännern jener Zeit hatte Temple sich den Ruf eines redlichen Mannes erhalten. Die Tripleallianz war sein Werk, er hatte sich geweigert, an der Politik der Cabale Theil zu nehmen, und so lange dieses Cabinet die Angelegenheiten des Staates leitete, war er in stiller Zurückgezogenheit geblieben. Auf den Ruf Danby’s war er aus seiner Einsamkeit hervorgetreten, hatte den Frieden zwischen Holland und England vermittelt, und große Thätigkeit bei dem Zustandebringen der Vermählung der Prinzessin Maria mit ihrem Vetter, dem Prinzen von Oranien, entwickelt. So sah Jedermann in ihm den Schöpfer des wenigen Guten, das die Regierung seit der Restauration vollbracht, und von den vielen Verbrechen und Irrthümern der letzten achtzehn Jahre konnte ihm keines zur Last gelegt werden. Sein Privatleben, wenngleich nicht streng, war anständig, seine Manieren waren volksthümlich, und es war nicht möglich ihn durch Titel oder Geld zu bestechen. Etwas fehlte allerdings an dem Charakter dieses vortrefflichen Staatsmannes: seine Vaterlandsliebe besaß keinen hohen Wärmegrad. Seine persönliche Ruhe und Würde ging ihm über Alles, und er schrak mit kleinmüthiger Furcht vor jeder Verantwortlichkeit zurück. Seine Gewohnheiten waren nicht geeignet, ihn in den Parteikämpfen Englands eine Rolle spielen zu lassen. Er war fünfzig Jahre alt geworden, ohne jemals im Parlamente gesessen zu haben, und seine Geschäftserfahrungen hatte er fast ausschließlich fremden Höfen gesammelt. Man hielt ihn mit Grund für einen der ersten Diplomaten Europa’s, aber die Talente und Fertigkeiten eines Diplomaten sind himmelweit verschieden von denjenigen, welche einen Staatsmann befähigen, in aufgeregter Zeit das Haus der Gemeinen zu leiten.
Der Plan, den er in Anregung brachte, verrieth viel Geist. Wenn auch kein tiefer Denker, so hatte er doch mehr als die meisten Geschäftsmänner über die allgemeinen Regierungsgrundsätze nachgedacht, und sein geistiger Blick war durch Geschichtsstudien und Aufenthalt im Auslande sehr umfassend geworden. Er scheint klarer als die meisten seiner Zeitgenossen den Grund der Schwierigkeiten erkannt zu haben, welche die Regierung bedrängten. Der Charakter der englischen Staatsverfassung fing an, sich zu verändern, das Parlament erhob, wenn auch langsam, doch unaufhörlich, seine Macht über die der Prärogative. Die Grenze zwischen der gesetzgebenden und der executiven Gewalt war in der Theorie so genau abgemessen wie jemals, aber in der Praxis schwand sie mehr und mehr. Nach der Theorie der Verfassung hatte der König selbst seine Minister zu wählen; das Haus der Gemeinen aber hatte nach einander Clarendon, die Cabale und Danby von der Leitung der Staatsgeschäfte entfernt. Nach der Theorie der Verfassung hatte der König allein das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden; er war durch das Haus der Gemeinen gezwungen worden, Frieden mit Holland zu schließen, und es hätte ihn fast dazu getrieben, Krieg mit Frankreich zu beginnen. Nach der Theorie der Verfassung stand dem Könige allein die Entscheidung in Fällen zu, wo es sich um Begnadigungen handelte; er hatte aber eine solche Furcht vor dem Hause der Gemeinen, daß er es nicht wagen durfte, Männer vom Galgen zu retten, von denen er gar wohl wußte, daß sie als unschuldige Opfer des Meineids fielen. Es scheint, daß Temple die Absicht hatte, der Gesetzgebung ihre unzweifelhaft verfassungsmäßigen Gewalten zu belassen, und sie zugleich, wenn möglich, zu verhindern, Übergriffe in das Gebiet der ausübenden Verwaltung zu thun. Zu diesen Zwecke beschloß er, zwischen den Landesherrn und das Parlament einen Körper zu stellen, welcher im Stande wäre, die Heftigkeit ihres Zusammenstoßes zu mildern. Es existirte ein altes, ehrenwerthes, von dem Gesetze sanctionirtes Institut, das nach seiner Meinung zu diesem Zwecke umgestaltet werden konnte. Er beschloß, dem Geheimen Rathe einen neuen Charakter und eine neue Bestimmung in der Verfassung zu verleihen. Die Zahl der Räthe wurde auf dreißig bestimmt, funfzehn davon sollten die ersten Beamten des Staates, der Rechtspflege und der Kirche sein, die anderen funfzehn sollten aus Adeligen und Herren bestehen, die sich in keinem Amte befanden, aber ein großes Vermögen besaßen und eines hohen Ansehens genossen. Ein engeres Kabinet sollte nicht bestehen. Diese dreißig sollten mit allen Staatsgeheimnissen betraut und zu jeder Versammlung berufen werden, der König aber sich verpflichten, bei allen Gelegenheiten ihrem Rathe Folge zu leisten.
Temple scheint von der Ansicht ausgegangen zu sein, durch diese Einrichtung sei die Nation gegen die Tyrannei der Krone, und diese gegen die Übergriffe des Parlaments geschützt. Einmal war es nicht wahrscheinlich, daß Pläne, wie sie die Cabale gefaßt hatte, in einer Versammlung von dreißig Männern, die zur Hälfte durch keine Bande des Interesses an den Hof geknüpft waren, auch nur in Vorschlag gebracht werden könnten, und dann ließ sich hoffen, daß ein solcher Rath den Gemeinen eine Bürgschaft gegen schlechte Regierung sein, und sie sich mehr als bisher geschehen auf ihre streng gesetzgebenden Functionen beschränken und es für weniger nöthig erachten würden, ihren Blick auf alle Theile der executiven Verwaltung zu richten.
Dieser Plan, obschon in verschiedener Hinsicht der Fähigkeiten seines Schöpfers nicht unwürdig, war im Princip mangelhaft. Die neue Behörde war halb Kabinet, halb Parlament, und wie jede Entdeckung in der Mechanik oder Politik, welche zu zwei von einander abweichenden Zwecken benutzt werden soll, konnte sie keinen erreichen. Für eine gute Behörde war sie zu groß und zu getheilt, sie war zu eng mit der Krone verknüpft, um dieselbe überwachen zu können, und enthielt genug populäre Elemente, sie zu einem nicht eben guten Staatsrathe zu machen, unfähig Geheimnisse zu bewahren, difficile Verhandlungen zu leiten, und Krieg zu führen. Und doch war das populäre Element nicht hinreichend, um das Volk gegen fehlerhafte Verwaltung zu schützen. Der Plan konnte deshalb, selbst wenn man die Absicht gehabt hätte, ihn die Probe bestehen zu lassen, sich nicht vortheilhaft bewähren, ihn aber die Probe bestehen zu lassen, dazu fehlte der gute Wille. Der König war unzuverlässig und treulos, das Parlament ohne Besonnenheit und Billigkeit, und die Personen, aus denen man den neuen Rath bilden wollte, obschon vielleicht die besten, welche in jener Zeit zu haben waren, trotzdem noch immer unbrauchbar genug.
Der Beginn des neuen Systems erregte allgemeine Freude, denn das Volk war der Meinung, jede Veränderung müsse auch eine Verbesserung sein; auch war es mit einigen neuen Ernennungen zufrieden gestellt. Shaftesbury, zur Zeit sein Liebling, wurde Lord Präsident, und Russel nebst einigen anderen hervorragenden Mitgliedern der Vaterlandspartei für den Geheimen Rath vereidet. Aber nach Verlauf von wenig Tagen war Alles wieder in Verwirrung. Das Unpraktische des aus so vielen Mitgliedern bestehenden Kabinets war so hervortretend, daß Temple selbst einwilligte eine der von ihm festgestellten Grundregeln zu verletzen und ein kleines Kollegium zu bilden, welches die wirkliche Leitung aller Geschäfte besorgte. Dasselbe bestand neben ihm aus drei anderen Ministern, Arthur Capel, Earl von Essex, Georg Savile, Viscount Halifax, und Robert Spencer, Earl von Sunderland.
Über den Earl von Essex, damaligen ersten Schatzcommissar, genügt es zu sagen, daß er ein Mann von soliden, wenn auch nicht hervorragenden Gaben, und ernster, melancholischer Gemüthsart war. Er hatte der Vaterlandspartei angehört und wünschte damals aufrichtig, eine Versöhnung zwischen dieser Partei und dem Throne zu vermitteln, welche auch für den Staat günstig wäre.
Charakter des Halifax. [Halifax] war unter den Staatsmännern jener Zeit an Genie der vorzüglichste. Er war fruchtbaren, hellen und umfassenden Geistes. Seine feine, verständliche und lebendige Beredtsamkeit, getragen von dem Silbertone seines Sprachorgans, war der Stolz des Hauses der Lords. Seine Conversation war reich an Gedanken, Phantasie und Witz, und seine politischen Abhandlungen sind es werth, wegen ihres wissenschaftlichen Verdienstes studirt zu werden, und berechtigen ihn in vollem Maße, unter den Klassikern Englands genannt zu werden. Mit der Bedeutung, zu der so große und vielseitige Talente ihn erhoben, vereinigte er den ganzen Einfluß, den Rang und Reichthum verliehen. Doch hatte er in seinem politischen Wirken weniger glückliche Erfolge als Andere, welche sich nicht so bedeutender Vorzüge rühmen konnten. Und in der That hinderten ihn die genialen Eigenthümlichkeiten, welche seinen Schriften so hohen Werth verleihen, sehr oft in den Streitigkeiten des praktischen Lebens. Er betrachtete die Ereignisse des Tages nicht immer aus dem Gesichtspunkte, wie sie sich Jemandem darstellen, der an ihnen lebhaften Antheil nimmt, sondern aus dem, in welchem sie nach Jahren dem philosophischen Schriftsteller erscheinen. Bei dieser Richtung des Geistes konnte er unmöglich lange mit irgend einem Vereine von Männern im Einverständniß bleiben. Alle Vorurtheile, alle Übertreibungen der beiden großen Parteien erregten seinen Spott; er verabscheute die elenden Kunstgriffe und das widerliche Geschrei der Demagogen; aber er verachtete noch mehr die Lehre vom göttlichen Recht und dem passiven Gehorsam. Ohne Rücksicht auf die Parteien spottete er über die Bigotterie des Puritaners wie über die des Anhängers der Hofkirche. Es war ihm unerklärlich, wie Jemand gegen Verehrung der Heiligen und Chorhemden Bedenken tragen, oder einen Andern verfolgen könne, weil er solche Bedenken trug. Seiner Gesinnung nach war er das, was man in neuerer Zeit conservativ nennt, in der Theorie war er Republikaner. Selbst wenn seine Furcht vor Anarchie und seine Verachtung des verblendeten großen Haufens ihn veranlaßten, eine Zeitlang den Vertheidigern der willkürlichen Gewalt beizustehen, so hielt doch sein Verstand immer zu Locke und Milton. Freilich waren seine Witze über erbliche Monarchie bisweilen der Art, daß sie sich besser für den Theilnehmer eines Kalbskopf-Clubs als für ein Mitglied des Geheimen Rathes der Stuarts geschickt hätten. In der Religion war er nichts weniger als ein Eiferer, so daß er von lieblosen Leuten Atheist genannt wurde; doch diesen Vorwurf wies er mit Abscheu zurück, und er scheint in der That trotz des Ärgernisses, das er bisweilen durch Anwendung seiner seltenen Gaben auf witzige Erörterungen ernster Gegenstände gab, durchaus nicht ohne Empfänglichkeit für religiöse Eindrücke gewesen zu sein.
Er war das Haupt derjenigen Staatsmänner, welche die beiden großen Parteien verächtlich „Trimmer“ nannten; anstatt aber über diesen Spottnamen entrüstet zu sein, betrachtete er ihn als einen Ehrentitel, und vertheidigte mit großem Eifer die Würde desselben. „Das Gute hält zwischen den Extremen die Mitte“, pflegte er zu sagen. „Die gemäßigte Zone befindet sich zwischen dem Klima, wo die Menschen geröstet werden, und dem, in welchem sie erfrieren. Die englische Kirche hält die Mitte zwischen der anabaptistischen Überspanntheit und der papistischen Trägheit. Die englische Verfassung hält die Mitte zwischen türkischem Despotismus und polnischer Anarchie. Tugend ist blos das rechte Maß zwischen den Neigungen, von denen jede, wenn man ihr zu sehr nachhängt, ein Laster wird; ja die Vollkommenheit des höchsten Wesens sogar besteht in dem genauesten Gleichgewicht von Eigenschaften, deren keine überwiegen dürfte, ohne die ganze moralische und physische Weltordnung zu stören.“[4] So war Halifax ein Trimmer aus Grundsatz; er war es aber auch nach der Verfassung von Kopf und Herzen. Sein Geist war scharf, skeptisch, unerschöpflich fruchtbar an Unterscheidungen und Einwendungen, sein Geschmack fein, sein Sinn für das Komische bedeutend, sein Charakter friedlich und zur Versöhnung geneigt, aber dabei stolz und ebensowenig zur Feindschaft als zur enthusiastischen Bewunderung fähig. Ein solcher Mann konnte ebenfalls unmöglich auf die Dauer bei irgend einem Vereine politischer Bundesgenossen ausharren; doch darf man ihn nicht nach dem großen Haufen der Renegaten beurtheilen. Denn ob er gleich, wie diese, von einer Seite auf die andere trat, so fand dieser Übertritt doch stets nach entgegengesetzter Richtung wie die ihrige statt. Er hatte nichts mit denen gemein, welche von einem Extrem zum andern überspringen und die von ihnen verlassene Partei mit einem Hasse betrachten, welcher den gegen beständige Feinde weit übertrifft, er hielt die Mitte zwischen den feindlichen Parteien, und hütete sich, die Grenze zu überschreiten, welche dieselben trennte. Die Partei, der er sich eine Zeitlang anschloß, war diejenige, welche ihm eben am wenigsten zusagte, weil es die Partei war, von der er die nächste Kenntniß hatte. Er zeigte daher stets Strenge gegen seine heftigen Genossen, und stand jederzeit in freundlichem Vernehmen mit seinen gemäßigten Gegnern. Jede Partei konnte am Tage ihres übermüthigen und rachsüchtigen Triumphes seines Tadels sich versichert halten, und jeder besiegten und verfolgten Partei war er ein Beistand. Es darf zu seiner steten Ehre nicht unerwähnt bleiben, daß er bemüht war, die Opfer zu retten, deren Schicksal einen unverlöschlichen Flecken auf den Namen der Whigs sowohl wie der Tories geworfen hat.
Er hatte sich durch seine Opposition so bemerkbar gemacht, und dadurch das königliche Mißfallen in so hohem Grade auf sich gezogen, daß er nicht ohne viele Umständlichkeiten und Streitigkeiten in den Rath der Dreißig gelangte, kaum hatte er aber am Hofe Fuß gefaßt, so machten ihn die Liebenswürdigkeit seines Auftretens und seiner Unterhaltung zum Günstling. Die heftige Mißstimmung des Volkes beunruhigte ihn ernstlich, er glaubte, daß wohl die Freiheit vorläufig gesichert sei, die öffentliche Ordnung und gesetzliche Gewalt aber in Gefahr wären. Aus diesem Grunde stellte er sich, nach seiner gewöhnlichen Art, auf die Seite der Schwächeren. Möglicherweise war seine Bekehrung nicht ganz frei von Eigennutz, denn obgleich Studium und Nachdenken ihn von manchen gewöhnlichen Vorurtheilen zurückgebracht hatten, so war er doch ein Sklave niederer Gelüste geblieben. An Geld litt er keinen Mangel, und man kann ihn nicht beschuldigen, daß er es jemals auf Wegen sich verschafft hätte, welche auch von dem strengsten Richter jener Zeit für verwerflich erklärt worden wären, aber Rang und Macht hatten für ihn viel Lockendes. Er versicherte zwar, daß Titel und hohe Ämter nur Köder für Thoren seien, daß er Geschäfte, Pracht und Pomp verachte und es sein innigster Wunsch sei, aus dem lauten Treiben und Glanze von Whitehall in die stillen Wälder sich zurückzuziehen, welche seinen alten Sitz von Rufford umgaben, aber sein Benehmen stand zu diesen Erklärungen in vollem Widerspruch. In Wahrheit wünschte er von Hofleuten und Philosophen bewundert zu werden, weil er zu hohen Würden sich emporgeschwungen hatte und er dieselben doch zugleich verachtete.
[4.] Man wird erkennen, daß ich Halifax für den Verfasser, oder wenigstens für einen der Verfasser der Schrift: „Character of a Trimmer“ halte, welche eine Zeitlang seinem Vetter Sir William Coventry zugeschrieben wurde.
Charakter Sunderlands. [Sunderland] war Staatssekretair. Dieser Mann war ein verkörpertes Bild der politischen Sittenlosigkeit seiner Zeit. Er besaß einen durchdringenden Verstand, ein geschäftiges, boshaftes Temperament, ein fühlloses Herz und einen gemeinen Sinn. Sein Charakter hatte eine Schule von Lastern durchgemacht, welche darin zur üppigsten Reife gediehen waren. Bei seinem Eintritt in das öffentliche Leben hatte er verschiedene Jahre auf auswärtigen diplomatischen Stationen zugebracht, und einige Jahre als Gesandter in Frankreich gelebt. Jeder Beruf ist seinen besonderen Versuchungen unterworfen, und es wird Niemand in seinem Rechte verletzt, wenn man behauptet, daß die Diplomaten, als Klasse betrachtet, sich von jeher durch ihre Geschmeidigkeit, durch die Geschicklichkeit, mit der sie sich des Vertrauens derjenigen bemächtigen, mit denen sie zu thun haben, und durch die Leichtigkeit mit der sie den Ton jeder Gesellschaft, in der sie sich bewegen, zu treffen wissen, mehr ausgezeichnet haben, als durch edlen Enthusiasmus oder strenge Rechtschaffenheit, und die Beziehungen zwischen Karl und Ludwig waren von der Art, daß kein englischer Cavalier lange als Gesandter in Frankreich sein konnte, ohne alle patriotischen und redlichen Gesinnungen zu verlieren. Sunderland ging aus dieser bösen Schule, in der er gebildet worden, listig, geschmeidig, schamlos, frei von jedem Vorurtheile und aller Grundsätze bar hervor. Seine erbliche Verbindung machte ihn zum Cavalier, sonst aber hatte er nichts mit den Cavalieren gemein. Sie waren mit vollem Herzen monarchisch gesinnt und verdammten in der Theorie jeden Widerstand, aber in ihrer Brust schlugen trotzige englische Herzen, welche wirklichen Despotismus nicht geduldet hätten. Er hingegen fand ein schwaches, berechnetes Gefallen an republikanischen Staatseinrichtungen, das sich mit der vollkommenen Bereitwilligkeit vertrug, im praktischen Leben das ergebenste Werkzeug willkürlicher Macht zu sein. Gleich anderen vollendeten Schmeichlern und Unterhändlern war er weit geschickter in der Kunst, Charaktere zu durchschauen und auf ihre Schwächen Pläne zu gründen, als er vermochte, die Gefühle der Massen zu erkennen, und den Heranzug großer Umwälzungen vorauszusehen. Äußerst gewandt in der Intrigue, war es selbst für kluge und erfahrungsreiche Männer, welche seine Treulosigkeit im Voraus kannten, keine leichte Aufgabe, dem Zauber seiner Manieren zu widerstehen und seinen Versicherungen der Ergebenheit zu mißtrauen. Aber bei seiner Anstrengung, Einzelne zu studiren und für sich einzunehmen, vergaß er die Stimmung des Volkes zu beobachten, weshalb er sich in Bezug auf die wichtigsten Ereignisse seiner Zeit sehr oft täuschte. Jede wichtige Bewegung und jeder Umschlag der öffentlichen Meinung überraschte ihn, und die Welt, der es unbegreiflich war, wie ein so ausgezeichneter Mann oft Dinge nicht erkannte, die der Kaffeehauspolitik klar waren, hielt seine Maßregeln bisweilen für tief durchdachte Pläne, während es in der That nur gewaltige Fehler waren.
Seine vorzüglichsten Fähigkeiten zeigten sich bei Privatunterhandlungen. Im königlichen Kabinet, sowie in kleineren Kreisen besaß er einen außerordentlichen Einfluß, in der Rathsversammlung aber war er schweigsam und im Hause der Lords kam kein Laut über seine Lippen.
Die vier vertrauten Räthe der Krone erkannten sehr bald, daß sie eine verantwortliche und gehässige Stellung einnahmen. Die übrigen Rathsmitglieder murrten über eine Bevorzugung, die sich mit den Versprechungen des Königs nicht vereinigen ließ, und einige derselben, mit Shaftesbury an der Spitze, machten im Parlamente wieder die eifrigste Opposition. Die Aufregung, welche die letzten Veränderungen beseitigt hatten, trat heftiger als jemals hervor. Der bestürzte Karl versprach den Gemeinen umsonst jede Sicherstellung der protestantischen Religion, die sie nur immer verlangten, unter der einzigen Bedingung, daß sie sich nicht an der Thronfolgeordnung vergriffen; sie wollten von keinem Vergleiche hören, Ausschließungsbill war ihr Ruf, nichts als Ausschließungsbill! Der König verfügte sich daher, einige Wochen nach seiner öffentlichen Versicherung, keinen Schritt ohne Wissen seines Geheimen Raths zu thun, in das Haus der Lords, ohne dem Rathe das Geringste davon mitgetheilt zu haben, und vertagte das Parlament.
Prorogation des Parlaments. [Der] Tag dieser Prorogation, der 26. Mai 1679, bildet einen wichtigen Abschnitt in unserer Geschichte, indem an demselben die Habeas-Corpus-Akte die königliche Zustimmung empfing. Seit der Magna Charta war das Recht in Betreff der persönlichen Freiheit der Engländer in seinen materiellen Bestandtheilen fast dasselbe, was es zu unserer Zeit ist, aber in Ermangelung eines thatkräftigen Systems, und einer geschickten Handhabung desselben hatte es sich bis jetzt ohne Wirkung gezeigt. Man brauchte kein neues Recht, sondern nur ein gutes gründliches Schutzmittel, und solches war die Habeas-Corpus-Akte.
Habeas-Corpus-Akte. [Der] König würde ohne Zweifel die Genehmigung dieses Gesetzes mit Freuden versagt haben, aber er beabsichtigte über die Successionsfrage vom Parlamente an das Volk zu appelliren, und durfte es in diesem äußerst wichtigen Moment nicht wagen, eine Bill zurückzuweisen, welche so außerordentlich populär war.
An diesem Tage wurde die englische Presse auf eine kurze Zeit frei. In früheren Zeiten standen die Drucker unter strenger Beaufsichtigung des Gerichtshofes der Sternkammer. Das Lange Parlament hatte dieselbe zwar aufgelöst, aber trotz der philosophischen und dringenden Einwürfe Miltons die Censur eingeführt und aufrecht erhalten. Kurz nach der Restauration ging eine Akte durch, welche den Druck nicht genehmigter Bücher untersagte, und man hatte beschlossen, daß diese Akte bis zum Schluß der ersten Session des nächsten Parlaments in Kraft bleiben solle. Dieser Zeitpunkt war jetzt da, und die Presse wurde in dem Augenblicke frei, als der König die Häuser vertagte.
Zweite Allgemeine Wahl von 1679. [Kurz] nach der Prorogation fand die Auflösung und eine allgemeine Neuwahl statt. Der Eifer und die Macht der Opposition waren außerordentlich, und das Geschrei nach der Ausschließungsbill ertönte lauter wie früher; auch vereinigte sich mit diesem Geschrei ein anderes, welches das Blut der Menge in Aufregung versetzte, aber von allen vernünftigen Freunden der Freiheit mit Schmerz und Besorgniß vernommen wurde. Es wurden nicht blos die Rechte des Herzogs von York, eines ausgemachten Katholiken, sondern auch die seiner beiden Töchter, aufrichtiger und eifriger Protestantinnen, angegriffen, und mit Bestimmtheit behauptet, der älteste natürliche Sohn des Königs sei von ehelicher Geburt und der gesetzmäßige Erbe der Krone.
Popularetät Monmouths. [Als] Karl noch auf dem Continent als Wanderer lebte, lernte er im Haag Lucie Walters, ein wallisisches Mädchen kennen, welche zwar außerordentlich schön, aber dabei beschränkten Geistes und sittenlos war. Sie wurde seine Maitresse, und bald darauf Mutter eines Sohnes, gegen dessen Echtheit ein eifersüchtiger Liebhaber wohl Bedenken erhoben haben würde, denn die Dame hatte verschiedene Anbeter, und es wurde behauptet, daß sie gegen keinen derselben unerbittlich sei. Karl glaubte jedoch ihren Worten, und äußerte gegen den kleinen Jakob Crofts, wie das Kind genannt wurde, eine ungemeine Zärtlichkeit, welche bei diesem kalten, sorglosen Charakter höchst überraschend erscheint. Bald nach der Restauration kam der junge Liebling, welcher in Frankreich die Erziehung eines vollkommenen Gentleman genossen, nach Whitehall. Er bezog eine Wohnung im Palaste, erhielt Pagen zur Bedienung, und genoß verschiedene Bevorzugungen, welche bisher nur Prinzen von Geblüt zu Theil geworden waren. Noch in zarter Jugend vermählte man ihn mit Anna Scott, der Erbin des edlen Hauses der Buccleuch. Er nahm den Namen seiner Gemahlin an, und trat durch diese Verbindung in den Besitz sehr bedeutender Güter, so daß man das Vermögen, welches er besaß, auf nicht weniger als zehntausend Pfund jährlicher Einkünfte schätzte. Er wurde mit Titeln und Gunstbezeugungen, von einträglicherer Art als Titel, förmlich überschüttet. Man ernannte ihn zum Herzog von Monmouth in England, zum Herzog von Buccleuch in Schottland, zum Ritter des Hosenbandordens, Stallmeister, Befehlshaber der ersten Abtheilung der Leibgarde, Oberrichter von Eyre, südlich vom Trent, und Kanzler der Universität Cambridge. Im Volke gönnte man ihm dieses Glück. Er besaß ein höchst einnehmendes Äußeres, dabei war er von sanftem Gemüth und liebenswürdigem leutseligen Wesen. Obgleich ein Wüstling, gewann er doch die Herzen der Puritaner und wenn es auch allgemein bekannt war, daß er um den abscheulichen Angriff auf Sir John Coventry gewußt, wurde es ihm doch nicht schwer, die Vergebung der Vaterlandspartei zu erhalten. Selbst strenge Sittenrichter räumten ein, daß an einem derartigen Hofe von einem Kinde, das mit einem Kinde vermählt worden sei, strenge eheliche Treue sich nicht erwarten lasse, und selbst Vaterlandsfreunde entschuldigten den heftigen Knaben, der eine Beleidigung gegen seinen Vater mit übertriebener Rache vergalt. Bald aber wurde der Schatten, den Liebschaften und nächtliche Streiche auf seinen Charakter geworfen, durch ehrenvolle Handlungen verwischt. Als Karl und Ludwig sich gegen Holland waffneten, befehligte Monmouth die englischen Hilfstruppen, welche nach dem Continent geschickt wurden, und zeigte sich als tapferer Soldat und als tüchtiger Offizier. Bei seiner Zurückkunft war er der populärste Mann im Königreiche. Man gewährte ihm Alles, mit Ausnahme der Krone, und selbst diese schien für ihn nicht völlig unerreichbar zu sein. Die Unterscheidung, welche man höchst unkluger Weise zwischen ihm und Männern des höchsten Adels machte, war von üblen Folgen gewesen. Man hatte ihn als Knaben aufgefordert, im Audienzzimmer bedeckt zu bleiben, während Howards und Seymours mit entblößtem Haupte neben ihm standen. Starb ein fremder Fürst, so trug Monmouth als Trauerkleid den langen Purpurmantel, den kein anderer Unterthan als der Herzog von York und Prinz Ruprecht anlegen durften. Natürlich mußten diese Dinge ihn bestimmen, sich als einen legitimen Prinzen des Hauses Stuart zu betrachten. Karl war noch in reiferem Alter seinen leichtsinnigen Vergnügungen ergeben, ohne dabei auf seine Würde Rücksicht zu nehmen. Es ließ sich wohl annehmen, daß er als Jüngling von zwanzig Jahren eine förmliche Ehe mit einer Dame eingegangen, deren Schönheit ihn bezaubert und die auf leichtere Bedingungen nicht zu gewinnen war. Als Monmouth noch ein Kind war, und der Herzog von York noch für einen Protestanten gehalten wurde, ging schon das Gerücht, nicht blos im Volke, sondern auch in Kreisen, welche wohl unterrichtet sein konnten, daß der König mit Lucie Walters vermählt, und wenn Jedem sein Recht würde, ihr Sohn Prinz von Wales sei. Man sprach viel von einem schwarzen Kästchen, in welchem nach dem Glauben des Volks der Ehevertrag enthalten sein sollte. Als Monmouth aus den Niederlanden heimkehrte, von wo er einen hohen Ruf rücksichtlich seiner Tapferkeit und Führung mitbrachte, und als es bekannt wurde, daß der Herzog von York Mitglied einer von der Menge gehaßten Kirche sei, gewann diese müßige Geschichte Bedeutung, obgleich nicht der geringste Beweis dafür vorhanden war. Gegen sie sprach die feierliche Erklärung des Königs, welche er vor seinem Rathe abgegeben und die auf seinen Befehl zur Kenntniß des Volkes gebracht worden war. Aber die Menge, stets eingenommen für romantische Abenteuer, lieh der Geschichte von der heimlichen Ehe und dem schwarzen Kästchen ein geneigtes Ohr. Einige Häupter der Oppositionspartei wiederholten ihr Verfahren, welches sie bei der gehässigeren Fabel des Oates beobachtet: sie unterstützten eine Geschichte, die sie im Herzen verachten mußten. Den Antheil, den die niederen Volksklassen an dem Manne nahmen, in welchem sie den Vertheidiger der wahren Religion und legitimen Erben des englischen Thrones erblickten, wußte man durch alle möglichen Kunstgriffe aufrecht zu erhalten. Als Monmouth um Mitternacht in London ankam, erhielten die Wächter von den Behörden Befehl, das frohe Ereigniß in den Straßen der City auszurufen. Das Volk verließ seine Lagerstätten, Freudenfeuer flammten, die Fenster wurden erleuchtet, die Kirchen geöffnet und festliches Glockengeläute ertönte von allen Thürmen. Wenn er sich auf der Reise befand, kam man ihm mit nicht geringerer Pracht und Begeisterung entgegen, als sie bei Umzügen der Herrscher durch ihr Reich zur Schau getragen werden. Von einem Schlosse zum anderen gaben ihm lange berittene Züge bewaffneter Gentlemen und Freisassen das Ehrengeleite, und aus den Städten strömte die ganze Bevölkerung zu seinem Empfange herbei. Die Wähler drängten sich an seine Seite, mit der lauten Versicherung, daß er über ihre Stimmen zu verfügen habe. Sein Stolz war zu einer solchen Höhe gestiegen, daß er nicht nur in seinem Wappen die Löwen von England und die französischen Lilien, jedoch ohne den linken Querbalken — nach der Heraldik ein Zeichen illegitimer Geburt — führte, sondern es sogar wagte, des „Königs Krankheit“ (Scropheln, Kröpfe) durch Berührung zu heilen. Zu gleicher Zeit verabsäumte er keinen Kunstgriff der Herablassung, der ihm die Liebe der Massen erwerben konnte. Er stand bei den Kindern der Landleute Gevatter, machte ländliche Lustbarkeiten mit, versuchte sich im Ringkampf oder mit dem Kampfstock und erreichte beim Wettlauf das Ziel eher in seinen Stiefeln, als flinke Läufer dasselbe in Schuhen.
Es ist eine seltsame Erscheinung, daß an zwei großen Wendepunkten unserer Geschichte die Häupter der protestantischen Partei in gleichen Irrthum verfielen und durch denselben ihr Vaterland und ihre Religion in große Gefahr brachten. Als Eduard VI. gestorben war, erklärten sie sich für die Lady Johanna, welche keinen Schein eines Geburtsrechts besaß, und stellten sie nicht allein ihrer Feindin Maria entgegen, sondern auch der Elisabeth, der wahren Hoffnung Englands und der protestantischen Kirche. Hierdurch wurden die geachtetsten Protestanten mit Elisabeth an der Spitze gezwungen, sich mit den Katholiken zu vereinigen. In derselben Art griff hundertdreißig Jahre später ein Theil der Opposition, indem er Monmouth als Thronfolger aufstellte, nicht nur die Rechte Jakobs an, den sie als einen Feind ihres Glaubens und ihrer Freiheiten kannten, sondern auch die des Prinzen und der Prinzessin von Oranien, welche sowohl durch ihre Stellung, wie durch persönliche Vorzüge zu Vertheidigern aller freien Verfassungen und reformirten Kirchen ausersehen waren.
Nach wenigen Jahren zeigte sich die Thorheit dieses Verfahrens. Vor der Hand beruhte auf der Popularetät Monmouths größtentheils die Stärke der Opposition. Die Wahlen fielen gegen den Hof aus, der Tag, an welchem die Häuser zusammentreten sollten, rückte heran, und es wurde nöthig, daß sich der König über den einzuschlagenden Weg entschied. Seine Räthe vermeinten die ersten, leisen Symptome eines Umschwungs der öffentlichen Stimmung zu erkennen, und lebten der Hoffnung, daß eine bloße Verzögerung des Anpralls den Sieg herbeiführen würde. Daher faßte er den Entschluß, ohne die Dreißig um Rath zu fragen, das neue Parlament noch vor Beginn seiner Thätigkeit zu prorogiren. Dem Herzog von York, der von Brüssel zurückgekehrt war, wurde Befehl gegeben, nach Schottland zu gehen, und die Verwaltung dieses Königreichs zu übernehmen.
Temple’s Verfassungsplan war jetzt natürlich aufgegeben und bald vergessen. Der Geheime Rath wurde wieder was er früher war, Shaftesbury und seine politischen Glaubensgenossen verließen ihre Sitze. Temple selbst kehrte, nach seiner Gewohnheit bei unruhigen Zeiten, zu seinem Garten und seinen Büchern zurück. Essex verließ das Schatzamt und schloß sich der Opposition an; Halifax aber, ärgerlich und voller Besorgniß über die Voreiligkeit seiner alten Bundesgenossen, und Sunderland, der niemals einen Posten aufgab so lange er ihn behalten konnte, verblieben im königlichen Dienste.
In Folge der Entlassungen, welche in dieser Conjunctur stattfanden, war wiederum einer Reihe von Bewerbern der Weg zur Größe gebahnt. Zwei Staatsmänner, welche sich nachmals auf den höchsten Gipfel der Macht, den ein britischer Unterthan erreichen kann, emporschwangen, zogen bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren dies Lawrence Hyde und Sidney Godolphin.
Lawrence Hyde. [Lawrence] Hyde war der zweite Sohn des Kanzlers Clarendon und Bruder der verstorbenen Herzogin von York. Er besaß vorzügliche Eigenschaften, welche durch parlamentarische und diplomatische Erfahrungen ausgebildet waren, aber seine Charakterlosigkeit verringerte die Kraft seiner Fähigkeiten. Obgleich Diplomat und Höfling, hatte er nie seine Gemüthsbewegungen in der Gewalt. Stolz und unverschämt im Glück, war er nicht im Stande, seine tiefe Niedergeschlagenheit zu verbergen, wenn ihn ein Unfall traf, wodurch seinen Feinden der Triumph verdoppelt wurde. Unbedeutende Angriffe genügten, seinen Zorn rege zu machen, und dann ließ er sich zu den bittersten Bemerkungen hinreißen, welche er allerdings mit der Abkühlung auch wieder vergaß, die aber nicht so bald aus dem Gedächtnisse Anderer entwichen. Sein scharfer, Alles schnell durchschauender Verstand würde ihn zu einem vollendeten Staatsmann gemacht haben, wäre er nicht so dünkelhaft und reizbar gewesen. Seine Schriften verrathen eine tüchtige Rednergabe, aber seine Empfindlichkeit machte es ihm unmöglich, seine Talente in der Debatte zur Geltung zu bringen, denn nichts war leichter als ihn aufzubringen, und von dem Augenblick an, wo die Leidenschaftlichkeit in ihm die Oberhand gewann, war er der Gnade von Gegnern preisgegeben, deren Fähigkeiten tief unter den seinigen standen.
Wie die meisten leitenden Staatsmänner jener Zeit, war er ein consequenter heftiger und erbitterter Parteimann, ein Cavalier der alten Schule, ein eifriger Vertheidiger des Thrones und der Kirche und dabei von Feindschaft gegen Republikaner und Nichtconformisten erfüllt. Er besaß deshalb einen bedeutenden Kreis von persönlichen Anhängern; namentlich der Clerus erblickte in ihm einen Mann, auf den man fest rechnen konnte, und gewährte seinen Schwächen eine Nachsicht, deren er auch in der That bedurfte, denn er war ein starker Trinker, und wenn er wüthend wurde, was sehr oft geschah, fluchte er wie ein Lastträger.
Er war Essex’ Nachfolger im Schatzamte. Es darf nicht vergessen werden, daß die Stelle eines ersten Lords der Schatzkammer damals noch nicht die Bedeutung und das Ansehen hatte, wie in der Jetztzeit. Wenn es einen Lord Schatzmeister gab, so war dieser hohe Beamte in der Regel Premierminister; wurde aber der weiße Stab einer Commission verliehen, so stand der erste Commissar noch unter dem Range eines Staatssekretairs. Erst seit Walpole’s Zeit betrachtete man den ersten Lord des Schatzes als das Haupt der ausführenden Verwaltung.
Sidney Godolphin. [Godolphin] war als Page in Whitehall erzogen worden, und hatte schon zeitig die Gewandtheit und Selbstbeherrschung eines alten Hofmanns sich zu eigen gemacht. Er war fleißig, besaß einen hellen Verstand, und bedeutende Kenntniß des Finanzwesens, daher war er für jede Regierung ein höchst brauchbarer Mann, in dessen Ansichten und Charakter sich nichts befand, was ihn hätte hindern können, irgend einer Regierung gute Dienste zu leisten. Karl pflegte von ihm zu sagen: „Sidney Godolphin ist niemals im Wege und niemals vom Wege.“ Diese treffende Bemerkung erklärt die großen Erfolge in Godolphins Leben.
Er schloß sich zu verschiedenen Zeiten den beiden großen Parteien an, ohne jedoch jemals die Leidenschaft einer derselben zu theilen. Gleich den meisten Leuten, welche vorsichtigen Charakters und im Besitze bedeutender Glücksgüter sind, hatte er eine entschiedene Neigung alles Bestehende zu unterstützen. Er war kein Freund von Revolutionen, und aus derselben Ursache, welche ihm die Revolutionen verhaßt machte, liebte er auch die Contrerevolutionen nicht. Er besaß eine ernste und gemessene Haltung, aber seine persönlichen Neigungen waren niedrig und leichtfertig. Die meiste Zeit, die ihm die Staatsgeschäfte übrig ließen, verbrachte er bei Wettrennen, Hahnkämpfen und Kartenspiel. Er saß jetzt unter Rochester im Schatzamte, und machte sich durch Fleiß und Kenntnisse sehr bemerkbar.
Ehe das neue Parlament zu neuer Thätigkeit zusammentreten konnte, verging ein volles Jahr, ein ereignißvolles Jahr, welches in unserer Sprache und unseren Sitten unverlöschliche Spuren zurückgelassen hat. Niemals waren früher politische Streitigkeiten mit soviel Freimuth geführt worden, nie hatten politische Klubs von so ausgebildeter Organisation und so gewaltigem Einflusse existirt. Die eine Frage der Ausschließung beschäftigte alle Gemüther, und sämmtliche Pressen und Kanzeln des Reiches betheiligten sich an dem Streite. Von den Einen wurde erklärt, daß die Verfassung und Religion des Staates unter einem der katholischen Kirche ergebenen Herrscher gefährdet seien, die Anderen behaupteten, daß wenn die Reihe an Jakob komme, die Krone zu tragen, dieses Recht von Gott stamme, und selbst dann nicht vertilgt werden könne, wenn alle Zweige der gesetzgebenden Gewalt sich dagegen vereinigten.
Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill. [Jede] Grafschaft wie jede Stadt und jede Familie war in gewaltiger Aufregung. Nachbarliche Artigkeit und Gastfreundschaft wurden gestört, die engsten Bande der Geselligkeit und Verwandtschaft lösten sich auf. Selbst Schulknaben bildeten wüthende Parteien, und der Herzog von York wie der Earl von Shaftesbury besaßen eifrige Anhänger in den Schulstuben von Westminster und Eton. Die Theater dröhnten von dem Geschrei der streitenden Parteien. Aufgeregte Protestanten brachten die Päpstin Johanna auf die Bühne, und wohlbezahlte Poeten würzten ihre Prologe und Epiloge mit Lobeserhebungen des Königs und des Herzogs. Die Mißvergnügten bestürmten den Thron mit Bitten um sofortige Einberufung des Parlaments. Die Loyalen sandten Addressen, voller Ausdrücke der tiefsten Verachtung gegen diejenigen, welche es wagten dem Souverain Vorschriften zu machen. Die Bürger Londons liefen zu Tausenden zusammen, um den Papst im Bilde zu verbrennen. Die Regierung stellte Cavallerie bei Templebar und schweres Geschütz um Whitehall auf. In diesem Jahre vermehrte sich unsere Sprache um zwei Worten: mob (Pöbel) und sham (Lüge, Betrug), bemerkenswerthe Erinnerungszeichen einer Zeit des Aufruhrs und Betrugs. Die Gegner des Hofes nannte man: Birminghams, Petitionäre und Ausschließungsmänner (exclusionists) die auf des Königs Seite standen: Anti-Birminghams, Verabscheuer (abhorrers) und Rennthiere (tantivies).
Die Namen Whig und Tory. [Diese] Bezeichnungen kamen bald aus der Mode, aber zu jener Zeit entstanden zwei Spottnamen, welche zwar anfänglich zur Verhöhnung benutzt, bald aber mit Stolz angenommen wurden, noch jetzt täglich in Anwendung sind, soweit die englische Zunge verbreitet ist, und die so lange unvertilgbar bleiben werden, als die englische Literatur besteht. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß einer dieser Spottnamen schottischen, der andere irländischen Ursprungs ist. In Schottland wie in Irland hatten sich in Folge der schlechten Regierung Banden von verzweifelten Menschen gebildet, deren Wildheit noch durch Fanatismus erhöht wurde. Einige der verfolgten Anhänger des Covenants, durch den härtesten Druck zur Verzweiflung getrieben, mordeten den Primas von Schottland, ergriffen gegen die Regierung die Waffen und fochten mit einigem Erfolg gegen die Truppen des Königs. Sie wurden erst besiegt, nachdem Monmouth mit einigen englischen Streitkräften sie an der Bothwellbrücke auseinander gesprengt hatte. Diese Zeloten bestanden zum größten Theile aus Landleuten des westlichen Unterlands, welche gewöhnlich Whigs hießen. So verband sich die Benennung Whig mit dem Begriffe eines presbyterianischen Eiferers in Schottland, und wurde auf diejenigen englischen Politiker übertragen, welche geneigt waren, dem Hofe zu opponiren, und protestantische Nichtconformisten mit Rücksicht zu behandeln. Die Moorgegenden Irlands boten zu gleicher Zeit papistischen Flüchtlingen, welche Ähnlichkeit mit denen hatten, welche man später Weißburschen (white-boys) nannte, einen Zufluchtsort. Diese Leute hießen damals Tories. Mit dem Namen Tory bezeichnete man daher diejenigen Engländer, welche sich sträubten zur Ausschließung eines katholischen Prinzen vom Throne beizutragen.
Die Wuth der feindlichen Parteien würde schon stark genug gewesen sein, wenn man dieselbe sich selbst überlassen hätte, so aber wurde sie von dem gemeinschaftlichen Feinde beider absichtlich noch mehr aufgestachelt. Ludwig unterließ noch immer nicht, sowohl den Hof wie die Opposition zu bestechen, und beiden zu schmeicheln. Er rieth Karl, fest zu bleiben, Jakob, eine Revolution in Schottland zu erregen, und ermuthigte die Whigs, nicht zu wanken, sondern mit Zuverlässigkeit auf Frankreichs Schutz zu rechnen.
Bei allem diesen bewegten Treiben konnte es einem scharfblickenden Auge nicht verborgen bleiben, daß die öffentliche Meinung allmälig sich einer Umwandlung näherte. Die Verfolgung der Katholiken hatte noch nicht aufgehört, aber die Verurtheilungen verstanden sich nicht mehr — wie früher — von selbst. Eine neue Rotte falscher Zeugen, unter ihnen ein Schuft Namens Dangerfield, der sich am meisten hervorthat, peinigte die Gerichtshöfe; aber obgleich die Lügen dieser Menschen besseren Klang hatten als die des Oates, so fanden sie doch weniger Glauben. Die Geschwornen waren nicht mehr so befangen, wie zur Zeit des allgemeinen Entsetzens, welches der Ermordung Godfrey’s folgte, und die Richter, während der Wahnsinnsperiode gefügige Werkzeuge des Volkes, hatten jetzt den Muth, zum Theil das auszusprechen, was sie von Anfang für wahr gehalten.
Zusammentritt des Parlaments, und Durchgang der Ausschließungsbill im Hause der Gemeinen. [Endlich], im Oktober des Jahres 1680, trat das Parlament zusammen. Die Whigs bildeten bei den Gemeinen eine so große Majorität, daß die Ausschließungsbill alle ihre Stadien ohne Beschwerde durchlief. Der König wußte kaum, auf welche Mitglieder seines eigenen Kabinets er zählen dürfe; Hyde hatte seine Toryansichten treulich festgehalten, und im Interesse der erblichen Monarchie eine beharrliche Thätigkeit entwickelt; Godolphin jedoch, in dem ängstlichen Bestreben nach Ruhe, und der Ansicht, daß diese nur durch Zugeständnisse herbeizuführen sei, wünschte, daß die Bill durchgehen möchte. Sunderland, stets falsch und verblendet, unfähig die Symptome der nahenden Reaction zu erkennen und voller Eifer die Partei, welche nach seiner Meinung unwiderstehlich war, zu versöhnen, beschloß gegen den Hof zu stimmen. Die Herzogin von Portsmouth beschwor ihren königlichen Geliebten, sich nicht mit Gewalt dem Verderben preiszugeben. Wenn es wirklich einen Punkt gab, bei welchem derselbe Regungen des Gewissens oder der Ehre in sich fühlte, so war es die Successionsfrage; es schien jedoch einige Tage, als ob er nachgeben würde. Er schwankte, fragte nach der Höhe der Summe, welche ihm die Gemeinen für seine Einwilligung zahlen würden, und gestattete, daß eine Unterhandlung mit den leitenden Whigs begann. Ein schweres gegenseitiges Mißtrauen aber, Jahre lang im Wachsthum begriffen, und durch die Kunstgriffe Frankreichs sorgfältig unterhalten, ließ keinen Vergleich zu Stande kommen, auf beiden Seiten fehlte das gegenseitige Vertrauen. Das ganze Volk blickte jetzt voll banger Erwartung auf das Haus der Lords. Die Pairs waren zahlreich versammelt, der König selbst anwesend, die Debatte lang, ernsthaft und bisweilen stürmisch. Mehrere erfaßten den Griff des Degens auf eine Art, welche an die aufgeregten Parlamente Heinrichs III. und Richards II. erinnerte.
Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill. [Der] falsche Sunderland schloß sich an Shaftesbury und Essex an; der geistreiche Halifax aber warf alle Opposition darnieder. Verlassen von seinen wichtigsten Collegen und einer Menge gewandter Gegner preisgegeben, führte er die Sache des Herzogs von York in einer Folge von Reden, welche noch nach vielen Jahren als Meisterwerke der Logik, Genialität und Beredtsamkeit galten. Es ist ein seltener Fall, daß die Macht der Rede einen Umschwung in der Abstimmung hervorbringt, aber das Zeugniß der Zeitgenossen beweist zur Evidenz, daß bei dieser Gelegenheit durch die außerordentliche Redekunst des Halifax die Stimmen geändert wurden. Die Bischöfe, treu ihrer Lehre, unterstützten das Prinzip des Erblichkeitsrechts, und die Bill wurde mit großer Majorität verworfen.[5]
[5.] Ein anwesender Pair hat den Erfolg von Halifax’ Redekunst in Worten beschrieben, welche ich mittheilen will, weil sie, obgleich schon längst gedruckt, vermuthlich nur wenigen selbst der aufmerksamsten und wißbegierigsten Leser der Geschichte bekannt sind:
„Von außerordentlicher Beredtsamkeit und großen Mitteln waren die Feinde des Herzogs, welche die Bill vertheidigten, aber ein edler Lord trat auf, der an diesem Tage mit aller Macht der Rede in Beweisführung, in Gründen aus dem öffentlichen wie aus dem Privatinteresse der Menschen, in Ehre, Gewissen und Anstand sich selbst und jeden Andern übertraf. Zuletzt siegte er durch sein Verfahren und seine Talente, und wurden durch ihn Witz und Bosheit der anderen Partei zu nichte gemacht.“
Diese Stelle ist einer Denkschrift Heinrichs, Earls von Peterborough entlehnt, die sich in einem Buche unter dem Titel: „Succinct Genealogies, by Robert Halstead“ Fol. 1685, findet. Der Name Halstead ist fingirt. Die wahren Verfasser sind der Earl von Peterborough selbst und sein Kaplan. Das Buch ist höchst selten, da bloß vierundzwanzig Exemplare davon gedruckt wurden, von denen zwei das britische Museum besitzt. Von diesen beiden gehörte eines Georg IV. und das andere Mr. Grenville.
Hinrichtung Staffords. [Die] im Hause der Gemeinen vorherrschende Partei erlitt durch diese Niederlage eine bittere Kränkung, doch fand sie darin einigen Trost, daß Blut von Katholiken fließen mußte. William Howard, Viscount Stafford, einer der Unglücklichen, welche bei dem Complot betheiligt sein sollten, wurde vor die Schranken seiner Pairs gestellt, auf die Beschuldigung Oates’ und zweier andern falschen Zeugen Dugdale und Turberville wegen Hochverraths verurtheilt und hingerichtet. Aber die näheren Umstände seines Prozesses und seiner Hinrichtung konnten den Führern der Whigpartei zu einer warnenden Lehre dienen. Eine große und ehrenwerthe Minorität des Hauses der Lords erklärte den Gefangenen für unschuldig. Die Volksmasse, welche noch vor wenigen Monaten die letzten, vor der Hinrichtung gegebenen Versicherungen der Opfer des Oates mit Spott und Hohngeschrei aufgenommen hatte, sprach nun laut seine Überzeugung aus, daß an Stafford ein Mord begangen worden sei. Als er in den letzten Augenblicken seine Unschuld betheuerte, rief man ihm zu: „Gott segne Euch, Mylord. Wir glauben Euch, Mylord!“ Ein scharfsichtiger Beobachter konnte leicht voraussehen, daß für das damals vergossene Blut bald anderes nachfließen werde.
Allgemeine Wahlen von 1681. [Der] König wollte das Mittel einer Auflösung nochmals versuchen. Er berief ein Parlament für den März des Jahres 1681 nach Oxford. Seit den Zeiten der Plantagenets waren die Häuser stets zu Westminster versammelt gewesen, außer wenn Seuchen in London herrschten, aber so ungewöhnliche Zeitumstände erheischten auch außerordentliche Vorsichtsmaßregeln. Wurde das Parlament an seinem gewöhnlichen Versammlungsorte gehalten, so konnte das Haus der Gemeinen sich für permanent erklären und Londons Magistrat und Bürgerschaft zu Hilfe rufen. Die Miliz konnte zum Schutze Shaftesbury’s herbeieilen, wie sie vor vierzig Jahren zur Vertheidigung Pyms und Hampdens aufgestanden war, die Wachen konnten entwaffnet, der Palast erobert und der König von den Rebellen zum Gefangenen gemacht werden; solche Gefahren waren in Oxford nicht möglich. Die Universität hielt es mit der Krone und der Adel der Umgegend gehörte fast durchgängig den Tories an, die Opposition hatte demnach hier mehr zu fürchten, als der König.
Der Wahlkampf war heftig. Im Hause der Gemeinen bildeten die Whigs noch immer eine Majorität, es war aber nicht zu verkennen, daß der Tory-Geist allenthalben im Lande rasch um sich griff. Man sollte glauben, der scharfblickende, gewandte Shaftesbury hätte den eintretenden Wechsel bemerken und zu dem, vom Hofe gebotenen Vergleiche seine Einwilligung geben müssen, aber er schien seine frühere Taktik nicht mehr verfolgen zu wollen. Anstatt Vorsichtsmaßregeln zu treffen, um bei schlimmem Erfolge sich den Rückzug zu sichern, nahm er eine Position, in welcher er siegen oder seinen Untergang finden mußte. Vielleicht war ihm der Kopf, so vortrefflich er auch war, durch die Gunst des Volkes, durch das Glück und durch die Aufregung des Kampfes schwindelnd geworden, vielleicht hatte er auch seine Partei so aufgestachelt, daß er sie nicht mehr beherrschen konnte und in wildem Laufe von denen mit fortgerissen wurde, die er zu leiten glaubte.
Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst. [So] kam der ereignißvolle Tag heran. Die Versammlung zu Oxford hatte mehr Ähnlichkeit mit einem polnischen Reichstage als einem englischen Parlament. Die Mitglieder der Whigpartei kamen in Begleitung einer großen Anzahl wohl bewaffneter und berittener Pächter und Dienstleute, welche trotzige Blicke mit den königlichen Garden wechselten. Die kleinste Veranlagung konnte bei dieser Gährung eine Revolution hervorrufen, nur wagte es keine Partei, den ersten Schlag zu führen. Noch einmal versprach der König, mit Ausnahmen der Ausschließungsbill in Alles zu willigen, die Gemeinen aber wollten nichts annehmen als eben die Ausschließungsbill. Nach Verlauf von wenigen Tagen war das Parlament wieder aufgelöst.
Toryreaction. [Der] König hatte gesiegt, und die Reaction, welche einige Monate vor dem Zusammentreten der Häuser zu Oxford ihren Anfang nahm, machte rasche Fortschritte. Die Nation war dem Papstthum allerdings noch immer feindlich gesinnt, aber wenn die Leute auf die Complotgeschichte zurückblickten, so erkannten sie doch, daß ihr protestantischer Eifer sie zu Thorheiten und Verbrechen veranlaßt hatte, und es schien ihnen unbegreiflich, daß sie sich durch alberne Mährchen verleiten ließen, das Blut ihrer Mitbürger und Mitchristen zu verlangen. Freilich mußten die loyalsten Männer zugestehen, daß Karls Verwaltung oft heilloser Art gewesen sei, aber Leute, die von seinem Verkehr mit Frankreich nicht so genau unterrichtet waren, als wir es jetzt sind, und auf welche die Heftigkeit der Whigs einen widerwärtigen Eindruck machte, rechneten die großen Zugeständnisse her, welche in den letzten Jahren das Parlament von ihm erlangt, und die noch bedeutenderen Zugeständnisse, zu denen er sich bereit gezeigt. Er hatte die Gesetze sanktionirt, welche die Katholischen von dem Hause der Lords, dem Geheimen Rathe und jedem bürgerlichen und militairischen Amte ausgeschlossen, und ebenso die Habeas-Corpus-Akte genehmigt. Waren keine größeren Bürgschaften da gegen die Gefahren, welche der Verfassung und der Kirche von einem katholischen Souverän drohten, so trug nicht Karl die Schuld, denn er hatte das Parlament aufgefordert, dergleichen Bürgschaften in Vorschlag zu bringen, sondern jene Whigs, welche von keinem Ersatzmittel für die Ausschließungsbill hören wollten. — Eins nur hatte der König seinem Volke abgeschlagen: er hatte sich geweigert, seinen Bruder des Geburtsrechtes zu berauben, aber ließ sich nicht annehmen, daß diese Weigerung aus ehrenwerthen Gründen stattgefunden? welche egoistischen Motive konnte selbst der Parteigeist dem Herzen des Königs zu Grunde legen? die Ausschließungsbill beeinträchtigte durch nichts die Hohheitsrechte des regierenden Königs und verminderte ebensowenig seine Revenüen, ja, er hätte sogar durch ihre Genehmigung eine bedeutende Vermehrung seines Einkommens erzielen können. Und konnte es ihm nicht gleichgültig sein, wer nach ihm die Krone trug? Ja, wenn bei ihm persönliche Vorliebe in’s Spiel kam, so wußte man, daß dieselbe mehr für den Herzog von Monmouth als für den Herzog von York vorhanden war. Das Verfahren des Königs ließ sich daher auf das Natürlichste dadurch erklären, daß trotz seines unstäten Charakters und seiner leichtfertigen Moral, er doch in diesem Falle von Pflicht und Ehre sich habe leiten lassen. Und war es so, konnte ihn die Nation dann zu einer Handlung zwingen, die er für verbrecherisch und ehrlos hielt? Auf sein Gewissen einen Zwang auszuüben, geschähe es auch durch streng verfassungsmäßige Mittel, hielten eifrige Royalisten für unedel und pflichtwidrig, aber solche Mittel waren nicht die einzigen, welche die Whigs anzuwenden gedachten. Bereits zeigten sich Vorboten eines herannahenden Bürgerkriegs, und Männer, welche zu den Zeiten der bürgerlichen Unruhen und der Republik sich allgemein verhaßt gemacht hatten, traten jetzt aus der Verborgenheit hervor, in die sie sich nach der Restauration vor dem allgemeinen Unwillen geflüchtet hatten, gingen überall mit zuversichtlichen und geschäftigen Mienen herum und schienen einen zweiten Sieg der Heiligen schon im Voraus zu feiern. Ein zweites Naseby, ein zweiter hoher Gerichtshof, eine zweite Republik, ein nochmaliger Usurpator auf dem Throne, ein abermaliges Hinauswerfen der Lords aus ihrem Saale, eine zweite Säuberung der Universitäten, eine wiederholte Beraubung und Verfolgung der Kirche, eine neue Herrschaft der Puritaner — auf solche Resultate schien die verzweifelte Politik der Opposition hinzuarbeiten.
Solche Gefühle belebten die höheren und mittleren Klassen, welche sich in großer Zahl um den Thron schaarten. Der König befand sich in ähnlicher Lage wie sein Vater kurz nach dem Erlasse der großen Remonstration. Die Reaction von 1641 hatte man in ihrem Fortschritte gehemmt. Als sein ihm lange entfremdetes Volk mit versöhnlichen Herzen im Begriff war, zu ihm zurückzukehren, hatte Karl I. durch treulose Verletzung der Grundgesetze des Reiches das öffentliche Vertrauen auf immer verscherzt. Hätte Karl II. ebenso gehandelt, hätte er die Führer der Whigpartei gesetzwidrig verhaften und vor einem Tribunale, das keine legale Gerichtsbarkeit über sie besaß, des Hochverraths beschuldigen lassen, so würden sie ohne Zweifel das verlorne Übergewicht bald wieder erlangt haben. Es war ein Glück für ihn, daß er bei dieser Krisis sich rathen ließ, eine Politik zu verfolgen, die seinen Absichten ganz entsprechend war. Er entschloß sich, dem Gesetze Folge zu leisten, zugleich aber auch den kräftigsten und schonungslosesten Gebrauch von demselben gegen seine Widersacher zu machen. Er war nicht verpflichtet, vor Ablauf der nächsten drei Jahre ein Parlament einzuberufen, und befand sich eben in keiner Geldverlegenheit, denn der Betrag der Steuern, welche ihm auf Lebenszeit bewilligt waren, überstieg das angenommene Bedürfniß. Er lebte mit aller Welt in Frieden, konnte seine Ausgaben beschränken, indem er den kostspieligen und nutzlosen Posten zu Tanger aufgab, und wußte, daß er auf Geldhilfe von Seiten Frankreichs rechnen durfte. Es blieb ihm daher die nöthige Zeit, und fehlte ihm nicht an Mitteln, die Opposition in aller gesetzlichen Form systematisch zu bekämpfen. Die Richter konnte er willkürlich entlassen, die Geschwornen wurden von den Sheriffs ernannt, und in fast allen Districten Englands erwählte er die Sheriffs. Zeugen desselben Gelichters, welchem diejenigen angehört hatten, auf deren Aussagen die Katholiken das Schaffot besteigen mußten, waren bereit, auch die Whigs auf die Richtstätte zu liefern.
Verfolgung der Whigs. [Als] erstes Opfer fiel College, ein lauter, wilder Demagog von niedrigem Herkommen und schlechter Erziehung. Er war seines Handwerks ein Tischler, und hatte den Ruhm, der Erfinder des protestantischen Dreschflegels zu sein.[6] Als das Parlament in Oxford gewesen, sollte er dort den Plan gehabt haben, einen Angriff auf die Garde des Königs zu machen. Gegen ihn zeugten Dugdale und Turberville, dieselben Schurken, welche wenige Monate früher falsches Zeugniß gegen Stafford abgelegt. Einer Jury von Landedelleuten gegenüber konnte kein Exclusionist auf Gnade rechnen; er wurde für schuldig erklärt. Der Ausspruch der Geschwornen wurde von den Massen, welche das Gerichtshaus von Oxford füllten, mit enthusiastischem Gebrüll begrüßt, so unmenschlich wie das, welches er mit seinen Genossen ausgestoßen, wenn man unschuldige Katholiken zum Henkerstode verurtheilte. Seine Hinrichtung gab das Zeichen zu einer neuen Justiz-Schlächterei, nicht weniger schändlich als die, an der er früher selbst betheiligt gewesen war.
Die Regierung war durch diesen ersten Triumph so kühn geworden, daß sie jetzt ihr Absehen auf einen Feind von ganz anderer Art richtete. Man beschloß Shaftesbury auf Leben und Tod anzuklagen, und es wurden Beweise gesammelt, um gegen ihn einen Prozeß auf Hochverrath einzuleiten. Aber die Thatsachen, welche es zu beweisen galt, mußten in London geschehen sein. Die Sheriffs von London, von den Bürgern gewählt, waren eifrige Whigs. Sie ernannten eine große, aus Whigs bestehende Jury, welche den Antrag auf Anklage zurückwies; allein diese Niederlage entmuthigte die Rathgeber des Königs keineswegs, sondern bestimmte sie vielmehr, auf einen neuen, kühnen Plan zu sinnen.
[6.] Dies erwähnt das interessante Werk, unter dem Titel: „Ragguaglio della solenne Comparsa fatta in Roma gli otto di Gennaio, 1687, dall’ illustrissimo et excellentissimo signor Conte di Castelmaine.“
Der Freibrief der City wird zurückgenommen. [Der] Freibrief der Hauptstadt stand ihnen im Wege, und dieser Freibrief mußte vernichtet werden. Es wurde erklärt, daß die City von London durch einige Ungesetzlichkeiten ihre munizipalen Privilegien verwirkt habe und die ganze Corporation einer Untersuchung vor dem Gerichtshofe der Kings-Bench zu übergeben sei. Zugleich handhabte man die Gesetze, welche bald nach der Restauration gegen Nichtconformisten entstanden waren und während der Herrschaft der Whigs geruht hatten, mit außerordentlicher Strenge.
Verschwörungen der Whigs. [Die] Whigs aber hatten den Muth noch nicht verloren. Befanden sie sich auch in schlimmer Lage, so bildeten sie doch noch immer eine zahlreiche und mächtige Partei, und da ihre Anhänger größtentheils in bedeutenderen Städten, und namentlich in der Hauptstadt lebten, so erregten sie mehr Lärm und Aufsehen, als ihre wirkliche Stärke rechtfertigte. Aufgeregt durch das Andenken an vergangene Triumphe und das Gefühl der jetzigen Unterdrückung, überschätzten sie sowohl ihre Macht wie ihre Leiden. Sie vermochten nicht, die Existenz jener klaren und Alles bewältigenden Nothwendigkeit nachzuweisen, welche allein das gewaltsame Mittel der Auflehnung gegen eine gesetzmäßig bestehende Regierung zu rechtfertigen vermag. Welchen Argwohn sie auch immer in sich trugen, sie konnten keinen Beweis dafür liefern, daß ihr Souverain mit Frankreich ein Bündniß gegen die Religion und die Freiheiten Englands geschlossen habe. Was davon bekannt war, reichte nicht aus, um die Anwendung des Schwertes zu rechtfertigen. Wurde die Ausschließungsbill verworfen, so hatten es die Lords in der Ausübung eines Rechts gethan, das so lange bestand wie die Verfassung; hatte der König das Parlament von Oxford aufgelöst, so geschah es vermittelst eines Hohheitsrechtes, das nicht in Abrede gestellt werden konnte. Wenn der Hof nach der Auflösung zu einigen strengen Maßregeln griff, so verstießen dieselben doch nicht gegen die Bestimmungen der Gesetze und gegen die Praxis, welche von den Unzufriedenen noch kürzlich selbst ausgeübt worden war. Verfolgte der König seine Widersacher, so geschah es nach aller Form und vor den ordentlichen Gerichtshöfen. Die Zeugnisse, welche für die Krone sprachen, waren wenigstens ebenso geltend als diejenigen, auf welche hin die Opposition noch vor kurzem Englands edelstes Blut vergossen hatte. Ein angeklagter Whig hatte jetzt von Richtern, Advokaten, Sheriffs, Geschwornen und Zuschauern keine üblere Behandlung zu erwarten, als diejenige war, welche die Whigs noch jüngst als angemessen für einen angeklagten Papisten hielten. Man hatte die Privilegien der City Londons angegriffen, doch war es nicht mit bewaffneter Hand, oder durch Ausübung einer nicht zu rechtfertigenden Prärogative geschehen, sondern in Übereinstimmung mit dem ordentlichen Gerichtsgebrauch von Westminsterhall. Auf den Befehl des Königs waren weder neue Steuern erhoben, noch ein Gesetz außer Kraft gesetzt worden; die Habeas-Corpus-Akte wurde geachtet und selbst die Testakte in Ausführung gebracht. Es war daher der Opposition unmöglich, den König einer so schlechten Regierung zu beschuldigen, daß ein Aufstand sich hätte rechtfertigen lassen. Und gesetzt seine Regierung wäre noch mangelhafter gewesen, ein Aufstand würde immer verbrecherisch geblieben sein, da keine Aussicht vorhanden war ihn mit Erfolg durchzuführen. Die Lage der Whigs im Jahre 1682 war eine andere als die der Rundköpfe vierzig Jahre früher. Diejenigen, welche gegen Karl I. zu den Waffen griffen, thaten es unter der Autorität eines Parlaments, welches das Gesetz versammelt hatte und ohne seine eigene Zustimmung nicht aufgelöst werden konnte. Die Widersacher Karls II. bestanden aus Privatleuten. Fast alle Hilfsmittel des Königreichs in Militair und Flotte befanden sich in den Händen derjenigen, welche Karl I. entgegenstanden, jetzt besaß Karl II. diese Hilfsmittel. Die Hälfte der Nation hatte das Haus der Gemeinen gegen Karl I. unterstützt; die Zahl der Kriegslustigen gegen Karl II. war in großer Minorität. Es unterlag daher keinem Zweifel, daß sie nicht im Stande sein würden, eine Erhebung durchzuführen, und ebenso wahrscheinlich mußte ein Scheitern derselben die Übel, über welche sie klagten, nur vergrößern. Die wahre Politik der Whigs wäre gewesen, sich mit Ergebung in das Mißgeschick zu fügen, welches eine natürliche Folge und wohlverdiente Strafe ihrer Verirrungen war, geduldig auf eine Änderung der Volksstimmung zu warten, die nicht ausbleiben konnte, dem Gesetze sich zu fügen, und den, wenn auch unvollkommenen doch keineswegs nichtigen Schutz zu beanspruchen, den das Gesetz der Unschuld gewähren muß. Zu ihrem Unglück schlugen sie einen anderen Weg ein. Gewissenlose heißblütige Führer der Partei bildeten und verarbeiteten Widerstandspläne, und wurden zwar nicht mit Beifall, doch mit dem Scheine des Einverständnisses von bessern Männern angehört, als sie selbst waren. Man beschloß zu gleicher Zeit in London, in Cheshire, zu Bristol und zu Newcastle Aufstände ausbrechen zu lassen, und hatte mit den mißvergnügten schottischen Presbyterianern Verbindungen angeknüpft, welche unter einer Tyrannei schmachteten, wie sie England in den trübsten Zeiten nicht erduldet. Indem so die Führer der Opposition Pläne wegen offener Rebellion besprachen, aber immer noch durch Furcht und Gewissen sich von der entscheidenden That abhalten ließen, verfielen einige ihrer Genossen auf einen ganz besonderen Plan. Für wilde, charakterlose Menschen, welche der Fanatismus dem Wahnsinn nahe gebracht, schien es der einfachste und sicherste Weg, die Freiheiten Englands und den Protestantismus dadurch zu retten, daß man den König und seinem Bruder einen Hinterhalt legte, und Beide ermordete. Bereits waren Ort und Zeit bestimmt und die Einzelheiten der Ermordung häufig besprochen worden, wenn auch noch nicht bis zur Ausführung geordnet. Nur Wenige waren in diesen Plan eingeweiht, und namentlich wurde er vor dem rechtschaffenen, menschenfreundlichen Russell und vor Monmouth geheim gehalten, der zwar nicht eben ein zartes Gewissen hatte, aber doch mit Entsetzen vor dem Verbrechen des Vatermords zurückgebebt sein würde. So existirten zwei Verschwörungen, eine in der andern. Das größere Complot der Whigs ging dahin, das Volk zum Aufruhr gegen die Regierung zu verleiten, das kleinere Complot aber, das Ryehousecomplot (Roggenhauscomplot) genannt, welches nur aus wenigen Personen bestand, beabsichtigte den Meuchelmord des Königs und seines muthmaßlichen Thronfolgers.
Entdeckung der Whigverschwörung. [Beide] Complots wurden verrathen. Feige Verräther eilten sich selbst zu retten, indem sie Alles und noch mehr als das, anzeigten was in den Berathungen der Partei erwähnt worden war. Es ist Thatsache, daß nur eine sehr kleine Zahl der Mißvergnügten daran dachte, zum Mittel des Meuchelmordes zu schreiten, da aber zwei Verschwörungen sich vereinigten, so war es der Regierung leicht, sie zu vermischen.
Strenge der Regierung. [Die] zu rechtfertigende Entrüstung, welche das Ryehousecomplot hervorrief, traf längere Zeit die gesammte Whigpartei. Der Konig hatte jetzt völlige Freiheit, für Jahre des Zwanges und der Demüthigung sich zu rächen. Shaftesbury war allerdings dem, durch seine vielfache Treulosigkeit wohlverdienten Schicksale entgangen. Er hatte den Untergang seiner Partei herannahen sehen, hatte einen vergeblichen Versuch gemacht, sich mit den königlichen Brüdern zu versöhnen, und war nach Holland geflüchtet, wo er bald darauf unter dem großmüthigen Schutze einer Regierung starb, der er manch bitteres Leid zugefügt. Monmouth warf sich seinem Vater zu Füßen und erhielt Gnade, compromittirte sich aber sehr bald wieder, und hielt es für klug, in ein freiwilliges Exil zu gehen. Essex tödtete sich im Tower mit eigener Hand. Russel, der keines hochverrätherischen Verbrechens schuldig gewesen zu sein scheint, und Sidney, dessen Schuld gesetzlich nicht bewiesen werden konnte, wurden trotz Recht und Gerechtigkeit enthauptet. Russel starb mit christlicher Ergebung, Sidney mit stoischem Muthe. Einige betheiligte Politiker von niederem Range wurden zum Galgen verurtheilt. Viele flüchteten aus dem Lande. Eine Menge Prozesse entstanden wegen unterlassener Anzeige von Verrath, wegen Schmähschriften oder Verschwörungen. Verurtheilungen wurden ohne Mühe von den torystischen Geschwornen erlangt und strenge Strafen von den höfischen Richtern verhängt. Mit diesen Criminalprozessen vereinigten sich nicht minder furchtbare Civilprozesse. Es wurden Personen verklagt, die den Herzog von York beschimpft hatten, und Entschädigungen, welche einer lebenslänglichen Kerkerhaft gleichkamen, wurden von dem Kläger gefordert, und ohne Bedenken zuerkannt. Der Gerichtshof der Kings-Bench erklärte, daß die Freiheiten der City Londons der Krone verfallen seien. Dieser bedeutende Sieg machte die Regierung so übermüthig, daß sie die Institutionen anderer Corporationen angriff, an deren Spitze Whigbeamten standen, oder welche whigistische Mitglieder in das Parlament gewählt hatten.
Entziehung von Privilegien. [Stadt] für Stadt wurde gezwungen, ihre Privilegien aufzugeben, und die neuen Freibriefe, welche an Stelle derselben verliehen wurden, gaben den Tories überall die Herrschaft.
Wie wenig auch diese Maßregeln zu entschuldigen waren, so hatten sie doch den Schein der Gesetzlichkeit, und wurden zugleich von einer Handlung begleitet, welche die Befürchtungen zu nichte machen sollten, mit denen viele loyale Leute der Thronbesteigung eines katholischen Souverains entgegen sahen. Lady Anna, jüngere Tochter des Herzogs von York aus erster Ehe, wurde mit Georg, einem Prinzen aus dem rechtgläubigen Hause Dänemark, vermählt. Der torystische Adel sammt dem Klerus hatten jetzt Ursache zu der Hoffnung, daß die englische Kirche, ohne Verletzung der Thronfolgeordnung, vollständig gesichert sei. Der König und sein Erbe standen in ziemlich gleichem Alter, beide näherten sich dem Abend des Lebens. Der König erfreute sich einer vortrefflichen Gesundheit, und aller Wahrscheinlichkeit nach konnte Jakob, wenn er überhaupt auf den Thron gelangte, nur kurze Zeit regieren. Über diese Zeit hinaus bot sich die zufriedenstellende Aussicht auf eine lange Reihe protestantischer Souveraine.
Die Freiheit, ohne Censur zu drucken, gereichte der überwundenen Partei zu wenig oder keinem Vortheil, denn die Stimmung der Richter und Geschwornen war der Art, daß kein Schriftsteller, den die Regierung wegen eines Libells verfolgte, die geringste Hoffnung hatte, freigesprochen zu werden. Die Furcht vor Bestrafung brachte daher dieselbe Wirkung hervor, welche die Censur selbst erzielt haben würde. Indessen erdröhnten die Kanzeln von Reden gegen die Sünde der Rebellion. Die Abhandlungen, in denen Filmer die Behauptung aufstellte, erbliche Despotie sei die von Gott verordnete Regierungsform, beschränkte Monarchie hingegen ein verderblicher Unsinn, waren kürzlich erschienen und von der Mehrzahl der Tories wohl aufgenommen worden. An demselben Tage, an welchem Russel auf dem Schaffot starb, erklärte sich die Universität von Oxford für diese wunderlichen Lehren in einem feierlichen öffentlichen Akte und ließ die politischen Schriften von Buchanan, Milton und Baxter mitten auf dem Schulhofe verbrennen.
Hierdurch wurde der König ermuthigt die Grenzen zu überschreiten, welche er einige Jahre lang respectirt hatte, und den klaren Buchstaben des Gesetzes zu verletzen. Das Gesetz verordnete, daß zwischen der Auflösung eines Parlaments und der Zusammenberufung eines anderen nicht mehr als drei Jahre verstreichen dürften, aber drei Jahre waren nach Auflösung des Parlaments von Oxford vorüber, und es erfolgten keine Neuwahlen. Dieser Verfassungsbruch war um so weniger zu entschuldigen, da der König keinen Grund hatte, sich vor einem neuen Hause der Gemeinen zu fürchten. Die Grafschaften waren größtentheils auf seiner Seite, und die Landstädte, welche früher unter der Herrschaft der Whigs standen, waren so umgestaltet, daß man überzeugt sein konnte, sie würden nur dem Hofe ergebene Leute wählen.
Einfluß des Herzogs von York. [Bald] darauf kam abermals eine Verletzung des Gesetzes vor, und zwar zu Gunsten des Herzogs von York. Dieser Prinz war seiner Religion sowie seines harten, rauhen Charakters wegen nichts weniger als populär, so daß man es als Nothwendigkeit betrachtete ihn so lange aus den Augen des Volks zu bringen, als die Ausschließungsbill im Parlamente verhandelt wurde, damit sein öffentliches Erscheinen der Partei, die ihm sein Geburtsrecht entziehen wollte, nicht zum Nutzen gereichen könne. Man hatte ihn deshalb entsendet, Schottlands Regierung zu übernehmen, wo der alte, ungestüme Tyrann Lauderdale im Begriff war zu sterben. Jetzt wurde selbst Lauderdale übertroffen. Die Regierung Jakobs charakterisirte sich durch gehässige Gesetze, unmenschliche Strafen und Urtheile, deren Ungerechtigkeit selbst in jenem Zeitalter beispiellos war. Der schottische Geheime Rath hatte die Macht, Staatsverbrecher der Folter zu unterwerfen, dieser Anblick aber war so haarsträubend, daß wenn die spanischen Stiefeln gebracht wurden, selbst die ergebensten und herzlosesten Hofleute das Zimmer verließen. Der Sessionstisch war in Folge dessen zuweilen ganz unbesetzt, und man erachtete es später für nothwendig, besonders zu verordnen, daß die Räthe bei solchen Gelegenheiten ihre Plätze nicht verlassen dürften. Was den Herzog von York betraf, so schien ihm das entsetzliche Schauspiel, welche die verworfensten Menschen jener Zeit nicht ohne Mitleid und Grausen ansehen konnten, zu amüsiren. Er besuchte nicht nur die Rathssitzungen, wenn gefoltert wurde, sondern betrachtete auch die Qualen der unglücklichen Opfer mit einer Aufmerksamkeit und einem Behagen, mit denen man ein interessantes, wissenschaftliches Experiment zu verfolgen pflegt. So verlebte er seine Zeit in Edinburg, bis das Resultat des Kampfes zwischen dem Hofe und den Whigs nicht mehr zu bezweifeln war; dann kehrte er nach England zurück, obgleich noch immer durch die Testakte von aller öffentlichen Thätigkeit ausgeschlossen. Anfänglich wagte der König zwar nicht, gegen ein Gesetz zu handeln, in welchem die große Mehrzahl seiner loyalsten Unterthanen eine hauptsächliche Bürgschaft für ihre Religion und ihre bürgerlichen Rechte sah; als aber eine Reihenfolge von Versuchen bewies, daß die Nation geduldig genug war, fast Alles über sich ergehen zu lassen was der Regierung zu thun beliebte, so erlaubte sich Karl im Interesse seines Bruders eine Ausnahme vom Gesetz zu machen. Der Herzog kehrte auf seinen Sitz im Rathe zurück, und übernahm die Leitung des Seewesens.
Halifax opponirt ihm. [Diese] verfassungswidrige Handlung veranlaßte freilich einige Unzufriedenheit unter den gemäßigten Tories, und fand sogar bei den Ministern des Königs keinen einstimmigen Beifall. Halifax besonders, zur Zeit Marquis und Lord des Geheimsiegels, zeigte von dem Tage an, wo die Tories mit seiner Beihilfe das Übergewicht erlangten, eine Hinneigung zur Partei der Whigs. Nachdem man die Ausschließungsbill verworfen hatte, verlangte er von dem Hause der Lords vorbeugende Schritte gegen die Gefahr, welche die Freiheiten sowie die Religion des englischen Volkes unter der kommenden Regierung treffen könnte; mit Besorgniß erkannte er erst jetzt die Heftigkeit einer Reaktion, welche zum Theil von ihm selbst ausgegangen war. Er machte kein Hehl aus der Verachtung, welche die erbärmlichen Lehren der Universität Oxford in ihm hervorgerufen. Das Bündniß mit Frankreich war ihm ein Greuel, und er mißbilligte ernstlich die lange Aussetzung des Parlaments, so wie er auch den Barbarismus tadelte, mit dem man die gestürzte Partei behandelte. Er, der unter der siegreichen Herrschaft der Whigs sich nicht gescheut hatte, Stafford für unschuldig zu erklären, wagte es, als diese Partei niedergeworfen und hilflos war, Russel in Schutz zu nehmen. In einer der letzten Rathssitzungen, bei welchen Karl gegenwärtig war, ereignete sich eine merkwürdige Scene. Der Freibrief für Massachusetts war verwirkt, und es entstand die Frage, wie diese Colonie künftig verwaltet werden sollte. Die übereinstimmende Meinung des Collegiums war, daß die vollständige Gewalt, die gesetzgebende wie die executive, von der Krone ausgeübt werden solle. Halifax war anderer Meinung, und sprach mit großem Eifer gegen unumschränkte Monarchie und zu Gunsten repräsentativer Verfassung. Es sei ein Irrthum, versicherte er, wenn man sich dem Glauben hingäbe, daß eine dem englischen Volksstamme entsprungene und von englischen Gefühlen durchdrungene Nation es längere Zeit ertragen würde, englische Institutionen zu entbehren. Das Leben, sagte er, würde werthlos sein in einem Lande, wo Freiheit und Eigenthum der Willkür eines despotischen Herrschers preisgegeben wären. Der Herzog von York war über diese Sprache höchst erbittert, und machte seinen Bruder auf das Wagniß aufmerksam, einen Mann im Amte zu lassen, der die gefährlichen Ansichten Marvells und Sidney’s vollkommen zu theilen scheine.
In neuerer Zeit ist Halifax von einigen Schriftstellern der Vorwurf gemacht worden, daß er im Ministerium geblieben, während er das System, nach welchem die inneren wie die äußeren Angelegenheiten behandelt wurden, mißbilligte; doch ist dieser Tadel nicht gerechtfertigt. Man darf nicht vergessen, daß der Begriff „Ministerium“ in dem Sinne wie er jetzt genommen wird, zu damaliger Zeit unbekannt war[7]. Die Sache selbst existirte gar nicht, denn sie ist das Produkt eines Zeitalters, in welchem sich die parlamentarische Regierung vollständig entwickelt hatte. Jetzt bilden die ersten Diener der Krone einen geschlossenen Körper und man nimmt an, daß unter ihnen ein freundschaftliches Vertrauen besteht und sie über die Hauptgrundsätze einig sind, nach denen die executive Verwaltung geleitet werden soll. Findet eine leichte Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen statt, so wird sie bald ausgeglichen; wenn aber Einer in einer Lebensfrage mit den Anderen nicht übereinstimmt, so ist es seine Pflicht abzutreten. So lange er sein Amt verwaltet, trifft auch ihn die Verantwortlichkeit für die Maßregeln, von denen er seinen Collegen abzurathen sich bemüht hat. Im siebzehnten Jahrhundert bestand unter den Leitern der verschiedenen Verwaltungszweige, kein collegialisches Verhältniß dieser Art. Jeder hätte für seine eigenen Handlungen einzustehen, für die Anwendung, welche er von dem anvertrauten Amtssiegel gemacht, für Dokumente, die er unterzeichnet, für die Rathschläge, welche er dem König ertheilt. Ein Staatsmann hatte blos zu verantworten was er selbst gethan, oder wozu Andere durch ihn veranlaßt worden waren. Wenn er sich bemühte, nicht den Unterhändler bei unredlichen Angelegenheiten abzugeben, und als Rathgeber immer nur das Rechte empfahl, so hatte er keinen Tadel zu fürchten. Man würde es für eine unbegreifliche Bedenklichkeit erklärt haben, wenn er sein Amt deshalb niedergelegt hätte, weil seine Rathschläge in Dingen, die nicht in sein Departement gehörten, von seinem Souverain unberücksichtigt geblieben wären, wenn er zum Beispiel aus dem Admiralitätsrathe geschieden wäre, weil die Finanzen sich in Unordnung, oder aus dem Schatzamte, weil die auswärtigen Angelegenheiten sich in keinem befriedigenden Zustande befanden. Es war daher durchaus nicht selten, zu gleicher Zeit Männer in hohen Ämtern zu sehen, welche offenbar eben so weit von einander abwichen, wie Pulteney von Walpole, oder Fox von Pitt.
[7.] North’s Examen, 69.
Lord Guildford. [Die] besonnenen und verfassungsmäßigen Rathschläge Halifax’ wurden, — aber ohne Kraft und Entschlossenheit, — von Franz North, Lord Guildford unterstützt, welchem kürzlich das Amt eines Großsiegelbewahrers anvertraut worden war. Guildfords Charakter ist mit großer Ausführlichkeit von seinem Bruder, Roger North, geschildert worden, einem höchst intoleranten Lord und sehr gezierten und pedantischen Schriftsteller, aber aufmerksamen Beobachter aller kleinen Umstände, welche den Menschen bezeichnen. Auffallend ist es, daß der Biograph, trotzdem daß er unter dem Einflusse der stärksten, brüderlichen Parteilichkeit stand, und obgleich er sich offenbar anstrengte, ein vortheilhaftes Bild zu liefern, doch nicht im Stande war, den Lord Siegelbewahrer anders als einen unedlen Menschen hinzustellen. Doch besaß Guildford einen klaren Verstand, sein Fleiß war groß, und seine Kenntnisse in Literatur und Wissenschaft nicht unerheblich, sowie seine rechtswissenschaftliche Bildung mehr als gewöhnlich. Seine Fehler bestanden in Egoismus, Feigheit und Gemeinheit. Er war nicht unempfänglich für weibliche Schönheit und liebte den starken Genuß des Weines, aber weder Schönheit noch Wein konnten den vorsichtigen und geizigen Wüstling jemals, selbst nicht in frühen Jugendjahren, zu einer Anwandlung von Hochherzigkeit verlocken. Obgleich von edler Abstammung erhob er sich aus seiner Stellung nur durch niederträchtiges Kriechen vor Allen, die in den Gerichtshöfen einigen Einfluß hatten. Er wurde Oberrichter im Gerichtshofe der Common Pleas, und als solcher Theilnehmer an einigen der schändlichsten Justizmorde, welche die Geschichte kennt. Er besaß Einsicht genug, um zu wissen, daß Oates und Bedloe Lügner waren, aber das Parlament und das Land befanden sich in Aufregung, die Regierung hatte sich dem Drange gefügt, und North war nicht der Mann, der um der Gerechtigkeit und Menschlichkeit willen einen guten Posten aufgab. Während er also heimlich eine Widerlegung des ganzen Romans von dem papistischen Complot niederschrieb, behauptete er öffentlich, daß die Wahrheit dieser Geschichte sonnenklar sei, und schämte sich nicht, vom Richterstuhle herab den unglücklichen Katholiken, die auf Leben und Tod angeklagt vor ihm standen, wüthende Blicke zuzuschleudern. Er hatte zuletzt die höchste richterliche Stellung erreicht, aber ein Jurist, der nach jahrelanger Ausübung seines Berufs in vorgerücktem Alter zur Politik übergeht, wird selten als Staatsmann zu hoher Auszeichnung gelangen, und Guildford bestätigte diese allgemeine Regel. Er kannte seine Schwächen so genau, daß er niemals anwesend war, wenn seine Collegen über auswärtige Angelegenheiten beriethen. Selbst bei Fragen, welche seinem Berufe galten, hatte seine Meinung im Geheimen Rathe weniger Bedeutung als die irgend eines früheren Großsiegelbewahrers. Übrigens benutzte er den geringen Einfluß, den er besaß, so weit er den Muth dazu hatte, wenigstens im Interesse der Gesetze.
Der vorzüglichste Widersacher des Halifax war Lawrence Hyde, der vor kurzem zum Earl von Rochester erhoben worden war. Von allen Tories besaß Rochester die größte Intoleranz, und war nicht leicht zu einem Vergleiche zu bringen. Die gemäßigten Mitglieder seiner Partei beklagten sich, daß das Schatzamt, so lange er als erster Commissar darin fungirte, alle Stellen an laute Schreier vergebe, deren alleiniger Anspruch auf Beförderung darin bestand, daß sie unaufhörlich auf den Untergang des Whiggismus tranken und Freudenfeuer anzündeten, um die Ausschließungsbill zu verbrennen; der Herzog von York aber, welchem ein Charakter gefiel, der soviel Ähnlichkeit mir dem seinigen hatte, unterstützte seinen Schwager auf das leidenschaftlichste und beharrlichste.
Die Anstrengungen der rivalisirenden Minister, einander zu schlagen und zu verdrängen, erhielten den Hof in beständiger Unruhe. Halifax lag den König an, ein Parlament zu berufen, eine vollständige Amnestie zu bewilligen, den Herzog von York jeder Theilnahme an der Regierung zu entheben, Monmouth aus dem Exil zurückzurufen, jede Verbindung mit Ludwig abzubrechen und eine enge Allianz mit Holland — nach Art der Tripleallianz — zu schließen. Der Herzog von York dagegen scheute das Zusammenkommen eines Parlaments, sah auf die gestürzte Partei der Whigs noch immer mit dem alten Hasse herab, bildete sich noch immer ein, daß der vor beinahe funfzehn Jahren zu Dover entworfene Plan ausführbar sei, warnte fast täglich seinen Bruder, einen Mann, der im Herzen Republikaner war, in dem Besitze des Geheimsiegels zu lassen, und empfahl mit allem Eifer Rochester zu der hohen Stelle eines Lord Schatzmeisters.
Während die beiden Parteien in der Weise kämpften, behauptete Godolphin, vorsichtig, schweigsam und fleißig, Neutralität zwischen ihnen. Sunderland intriguirte mit seiner bekannten nie ruhenden Falschheit gegen beide. Mit Ungnade seiner Stelle enthoben, weil er für die Ausschließungsbill gestimmt, war er zu Kreuze gekrochen, indem er sich der Fürsprache der Herzogin von Portsmouth bediente und dem Herzog von York demüthigst sich näherte. Jetzt war er wieder Staatssecretair.
Politik Ludwigs. [Auch] Ludwig war weder nachlässig noch müßig. Zu dieser Zeit begünstigte Alles seine Pläne. Er war vor dem deutschen Reiche sicher, welches damals an der Donau mit den Türken kämpfte, und Holland konnte ohne Bundesgenossen nicht daran denken, ihm entgegenzutreten; er hatte deshalb freien Willen, seinem Ehrgeiz und seiner Anmaßung den Zügel schießen zu lassen. Er eroberte Dixmuyden und Courtray, bombardirte Luxemburg und beanspruchte von der Republik Genua die schmählichsten Demütigungen. Die französische Macht erhob sich zu jener Zeit auf die bedeutendste Höhe, die sie in dem Jahrtausend zwischen den Regierungen Karls des Großen und Napoleons jemals erreichte. Es war nicht abzusehen, wo ihre Eroberungen aufhören würden, wenn es England in einem Zustande von Abhängigkeit erhalten konnte, und es war daher eine wichtige Angelegenheit für den Versailler Hof, die Einberufung eines Parlaments sowie die Versöhnung der englischen Parteien zu verhindern. Zu diesem Zwecke wurden Versprechungen, Drohungen und Bestechungen nach Kräften angewendet. Karl wurde bisweilen durch die Hoffnung auf Subsidien angelockt, und dann wieder durch die Mittheilung erschreckt, daß, wenn er die Häuser versammle, man die geheimen Artikel des Vertrags von Dover zur öffentlichen Kenntniß bringen werde. Mehrere Geheime Räthe wurden durch Bestechung gewonnen, und als ein ähnlicher Versuch bei Halifax mißglückte, wandte die französische Gesandtschaft ihren ganzen Einfluß und alle Kräfte an, um den unbestechlichen Mann von seinem Posten zu verdrängen; aber geistreicher Witz und die vielseitigsten Talente hatten ihn seinem Gebieter so unentbehrlich gemacht, daß dieser Versuch fruchtlos vorüberging.[8]
Halifax war nicht zufrieden bei der Defensive stehen zu bleiben, sondern beschuldigte Rochester öffentlich der untreuen Verwaltung. Es fand eine Untersuchung statt, bei der es sich zeigte, daß dem öffentlichen Schatze durch schlechte Verwaltung des ersten Lords des Schatzes vierzigtausend Pfund verloren gegangen waren. Durch diesen Vorfall wurde er gezwungen, nicht nur seine Hoffnungen auf den weißen Stab fahren zu lassen, sondern auch von der Leitung des Finanzwesens auf den, allerdings im Range höheren, aber weniger bedeutenden und einträglichen Posten des Lord Präsidenten überzugehen. „Ich habe schon Leute die Treppe hinunterwerfen sehen — meinte Halifax — aber Mylord Rochester ist der Erste, den ich jemals die Treppe hinaufwerfen sah.“ Godolphin, jetzt Pair, wurde erster Schatzcommissair.
[8.] Lord Preston, damals Gesandter in Paris, schrieb von dort an Halifax folgendes: „Ich finde, daß Ew. Herrlichkeit noch immer so unglücklich sind, von diesem Hofe nicht mit günstigen Augen angesehen zu werden, und Herr Barillon darf Ihnen nicht freundlich zulächeln, da sein Hof die Stirn in Falten zieht. Sehr wohl bekannt sind Ew. Herrlichkeit Eigenschaften, welche zu Furcht und dadurch zu Haß gegen Sie Veranlassung geben und Sie können glauben, Mylord, wenn alle ihre Gewalt im Stande ist Sie nach Rufford zu bringen, so wird man dieselbe zu diesem Zweck in Anwendung bringen. Zwei Punkte heben sie, wie ich vernehme, besonders gegen Sie hervor: Ihre Verschwiegenheit nämlich, und den Umstand, daß Sie der Bestechung nicht zugänglich sind. Es ist mir bekannt, daß sie gegen diese zwei Dinge sich ausgesprochen haben.“ Das Datum des Briefes ist vom 5. October N. St. 1683.
Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes. [Der] Kampf war noch immer nicht zu Ende, der Ausgang war von dem Willen Karls abhängig, und Karl konnte zu keinem Entschlusse kommen. In seiner Verlegenheit versprach er Jedem was ihm einfiel. Einmal wollte er mit Frankreich zusammenhalten, dann wollte er wieder jede Verbindung mit Ludwig auflösen; jetzt wollte er nichts wieder von einem Parlamente hören und gleich darauf wollte er befehlen, daß ein Ausschreiben für ein solches ergehen solle; dem Herzog von York versprach er Halifax zu entlassen. Öffentlich zeigte er die heftigste Erbitterung gegen Monmouth, und im Geheimen versicherte er ihn seiner unwandelbaren Zuneigung. Wie lange, im Fall er länger gelebt, diese Unentschiedenheit gewährt haben und zu welchem Entschluß er endlich gekommen sein würde, darüber lassen sich nur Vermuthungen hegen. Früh im Jahre 1685, als die feindlichen Parteien mit ängstlicher Sorge seiner Entschließung harrten, starb er, und es öffnete sich eine neue Scene. In einigen Monaten verwischten die Übergriffe der Regierung den Eindruck, den die Übergriffe der Opposition auf die öffentliche Stimmung hervorgebracht hatten. Der heftigen Reaktion, welche die Partei der Whigs niederwarf, folgte eine noch stärkere Reaktion in umgekehrter Richtung, und deutliche Symptome ließen erwarten, daß der große Kampf zwischen den Prärogativen der Krone und den Gerechtsamen des Parlaments nahe daran sei, zu einem definitiven Resultat zu gelangen. —