Geschichte Englands vor der Restauration.
[ Inhalt.]
Einleitung. [Es] ist meine Absicht, die Geschichte Englands von der Thronbesteigung König Jakobs II. bis auf eine Zeit herab zu schreiben, deren sich noch jetzt lebende Menschen erinnern. Ich will die Fehlgriffe berichten, durch die sich das Haus Stuart in wenig Monaten einen getreuen Adel und eine anhängliche Geistlichkeit entfremdete; die Bahn der Revolution verfolgen, die dem langen Kampfe zwischen unsern souverainen Herrschern und ihren Parlamenten ein Ziel setzte und nicht minder die Rechte des Volkes als die der regierenden Fürstenfamilie feststellte; ich will ferner von dem neu errichteten Throne erzählen, der viel unruhige Jahre hindurch erfolgreich gegen äußere und innere Feinde vertheidigt ward; erzählen, wie unter dem Schutze desselben die Ausübung der Gesetze und die Sicherheit des Eigenthums sich mit einer Freiheit der Discussion und des individuellen Handelns, wie sie früher nicht gekannt, als vereinbar erwies; wie aus der glücklichen Vereinbarung von Ordnung und Freiheit eine in den Jahrbüchern der Geschichte beispiellose bürgerliche Wohlfahrt erblühte, wie unser Vaterland sich rasch aus einem Zustande schmählicher Abhängigkeit zu der Autorität eines Schiedsrichters unter den europäischen Mächten emporschwang; wie mit seinem Reichthume sein kriegerischer Ruhm wuchs; wie es sich durch kluge und unerschütterliche Zuverlässigkeit nach und nach einen öffentlichen Credit schuf, der, Wunder bewirkend, den Staatsmännern früherer Zeiten unglaublich erschienen sein würde; wie aus einem riesigen Handel eine Seemacht hervorging, mit welcher verglichen jede andere Seemacht älterer und neuerer Zeit zu völliger Bedeutungslosigkeit herabsinkt; wie Schottland nach jahrhundertlanger Feindschaft mit England nicht nur durch die Bande der Gesetze, sondern durch die noch unauflöslicheren Bande der gemeinsamen Interessen und der Zuneigung vereinigt ward; wie die britischen Ansiedelungen in Amerika schnell reicher und mächtiger wurden, als jene Königreiche, welche Cortez und Pizarro den Ländern Karls V. gewannen; und wie endlich britische Abenteurer in Asien ein Reich gründeten, das dem Alexanders an Glanz und Festigkeit nicht nachstand.
Nicht minder habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, große Unglücksfälle, aus denen Triumphe hervorgingen, zu berichten und große nationale Verbrechen und Thorheiten, die tiefer erniedrigen, als irgend ein Mißgeschick; ich werde darthun, daß die Güter, welche wir zu den höchsten Segnungen zählen, nicht rein wie Gold sind; daß das System, nach welchem man unsere Freiheiten gegen die Willkür der königlichen Macht schützte, eine neue Art Mißbräuche erschuf, die man in unbeschränkten Monarchien nicht kennt; man wird ersehen, daß theils durch unkluge Einmischung, theils durch thörichte Vernachlässigung, aus der Blüte des Wohlstandes und der Ausdehnung des Handels nicht nur unermeßlicher Segen, sondern auch Übel hervorgingen, welche armen und uncultivirten Gesellschaften fremd sind; wie in zwei bedeutenden Besitzthümern der Krone dem verübten Unrechte gerechte Vergeltung ward; wie Unklugheit und Eigensinn die Bande lös’ten, welche die nordamerikanischen Kolonien mit dem Mutterlande vereinten; wie das mit dem Fluche der Herrschaft eines Volksstammes über den andern und einer Konfession über die andere belastete Irland zwar ein Glied des Staatskörpers blieb, aber welk und ausgerenkt ihm keine Kraft verlieh, so daß Alle, welche die Größe Englands fürchten oder beneiden, vorwurfsvoll darauf hindeuten.
Wenn mich nicht alles täuscht, wird trotzdem meine bunte Erzählung in den religiösen Gemüthern Dankbarkeit und in der Brust der Vaterlandsfreunde neue Hoffnung erwecken, denn die Geschichte unsers Vaterlandes, welche die letzten einhundertundsechzig Jahre umschließt, ist unbedingt die Geschichte der physischen, moralischen und geistigen Fortbildung. Alle die, welche ihr Zeitalter mit dem idealen, goldenen vergleichen, mögen von Entartung und Verfall reden; aber keiner, der die Vergangenheit genau kennt, wird sich geneigt fühlen, unmuthig und verzweifelnd auf die Gegenwart zu blicken.
Ich würde die Aufgabe, die ich mir gestellt, nur unvollkommen lösen, wenn ich allein von Schlachten und Belagerungen, von dem Bilden und Auflösen der Ministerien und von Palastintriguen und Parlamentsdebatten reden wollte; es wird vielmehr mein Bestreben sein, eben so sorgfältig die Geschichte des Volks aufzuzeichnen, als die der Regierung; die Entwickelung der nützlichen und zierenden Künste, die Entstehung religiöser Sekten und die Veränderungen auf dem Gebiete der Wissenschaften zu schildern; ein Bild von den Sitten der verschiedenen Generationen zu liefern, ja selbst der Veränderungen zu erwähnen, die in Kleidung, häuslicher Einrichtung, bei Gastmählern und öffentlichen Vergnügungen stattgefunden haben. Den Vorwurf, die Würde der Geschichte verletzt zu haben, will ich gern ertragen, wenn es mir nur gelingt, den Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein treues Bild von dem Leben ihrer Vorfahren zu liefern.
Die Begebenheiten, die ich zu berichten mir vorgenommen, bilden nur den einzelnen Act eines großen und ereignißreichen Drama’s, das Jahrhunderte umfaßt, und er würde sehr unvollkommen verstanden werden, wenn die Verwickelung der vorhergehenden Acte nicht allgemein bekannt wäre. Ich werde deshalb meine Darstellung durch eine flüchtige Skizze der frühesten Geschichte unseres Vaterlandes einleiten, werde zwar schnell über manche Jahrhunderte hinweggehen, aber bei den Wechselfällen des Kampfes länger verweilen, der die Regierung König Jakobs II. auf den entscheidenden Wendepunkt brachte.[1]
[1.] In diesem und dem nächsten Kapitel habe ich nur selten für nöthig erachtet, Quellen zu citiren, weil ich in diesen Kapiteln weder die Ereignisse ausführlich behandelt, noch unbekannte Materialien benutzt. Die Thatsachen, deren ich erwähne, sind größtentheils solche, die Jeder, der nur einigermaßen in der englischen Geschichte bewandert ist, entweder schon kennt, oder er wird wenigstens wissen, wo er Belehrung darüber findet. In den folgenden Kapiteln aber werde ich die Quellen, aus denen ich geschöpft, sorgfältig angeben.
Britannien unter den Römern. [In] den ersten Zuständen Britanniens deutet nichts auf die Größe hin, die es zu erreichen bestimmt war. Als die Bewohner desselben zuerst den tyrischen Schiffern bekannt wurden, standen sie wenig über den Eingeborenen der Sandwichinseln. Zwar unterjochten es die römischen Waffen, aber es erhielt nur eine schwache Färbung von römischen Künsten und Wissenschaften. Von den westlichen Provinzen, welche sich die Cäsaren unterwarfen, war es die letzte, aber auch die erste wieder, die ihnen verloren ging. Man findet in Britannien nichts von Überresten prächtiger Säulenhallen oder Wasserleitungen; unter den Meistern lateinischer Dichtkunst und Beredtsamkeit findet man keinen Schriftsteller britischer Geburt aufgezeichnet; es ist demnach nicht wahrscheinlich, daß die Inselbewohner je mit der Sprache ihrer italischen Zwingherren allgemein vertraut gewesen sind. Von dem atlantischen Meere bis zu den Rheinländern war Jahrhunderte hindurch die lateinische Sprache die vorherrschende; sie hat die celtische Sprache verdrängt, hat der deutschen widerstanden und ist noch jetzt die Grundlage der französischen, spanischen und portugiesischen. Das Latein scheint auf unserer Insel nie die alte galische Sprache bewältigt zu haben, auch hat es sich gegen das Germanische nicht behaupten können.
Die unbedeutende und oberflächliche Bildung, welche die Briten von ihren südlichen Beherrschern empfangen, verlöschten die Drangsale des fünften Jahrhunderts. In den Königreichen des Festlandes, in die das römische Reich damals zerfallen war, lernten die Eroberer viel von dem unterjochten Stamme. In Britannien wurden die Unterjochten eben so barbarisch, als die Sieger.
Britannien unter den Sachsen. [Alle] Häuptlinge, Alarich, Theodorich, Chlodowig, Alboin, die in den festländischen Provinzen des römischen Reichs deutsche Dynastien gründeten, waren eifrige Christen; das Gefolge des Ida und des Cerdic aber brachte allen Aberglauben der Elbe nach ihren Ansiedelungen in Britannien. Während die deutschen Herrscher in Paris, Toledo, Arles und Ravenna ehrfurchtsvoll den Lehren der Bischöfe Gehör gaben, Reliquien von Märtyrern verehrten und sich eifrig an den theologischen Streitfragen von Nicäa betheiligten, übten die Herrscher von Wessex und Mercia ihre wilden Gebräuche in den Tempeln des Thor und Wodan.
Die auf den Trümmern des Westreichs gegründeten festländischen Königreiche unterhielten noch ferner einigen Verkehr mit jenen östlichen Provinzen, in denen die alte Civilisation, wenn auch nach und nach unter dem Einflusse schlechter Regierung schwindend, immer noch die Barbaren in Erstaunen setzte und belehrte, in denen der Hof stets noch den Glanz des Diocletian und des Constantin entfaltete, die Bildwerke des Polyklet und die Gemälde des Apelles die öffentlichen Gebäude schmückten, und fleißige Pedanten, wenn auch ohne Geschmack, Verstand und Geist, die Meisterwerke des Sophokles, Demosthenes und Plato zu lesen und zu erklären im Stande waren. Von dieser Verbindung war Britannien völlig ausgeschlossen; seine Küsten wurden von den cultivirten Bewohnern der Länder am Bosporus mit jenem unheimlichen Grauen betrachtet, mit welchem die Meerenge der Scylla und die Stadt der lästrygonischen Kannibalen zu Homers Zeiten die Ionier erfüllten. Es gab auf unserer Insel eine Provinz, deren Boden, wie Prokopius erfahren, mit Schlangen bedeckt war und deren Luft kein Mensch einathmen und in ihr leben konnte. Zu dieser Einöde wurden die Seelen der Verstorbenen aus dem Frankenlande um Mitternacht übergeschifft; ein fremder Fischerstamm besorgte dies unheimliche Geschäft. Deutlich vernahm der Bootsmann die Sprache der Todten; die Last derselben senkte den Kiel tief in das Wasser, ihre Gestalten aber blieben dem sterblichen Auge unsichtbar. Wunderdinge dieser Art erzählt ein geschickter Geschichtsschreiber, der Zeitgenosse Belisars, Simplicius und Tribonian’s, in vollem Ernste dem reichen und gebildeten Konstantinopel von einem Lande, in welchem der Gründer Konstantinopels sich den kaiserlichen Purpur angelegt hatte. Von allen andern Provinzen des westlichen Reichs haben wir eine zusammenhängende Kunde; nur in Britannien werden zwei Zeitalter der Wahrheit durch ein Zeitalter der Fabel völlig getrennt. Odoaker und Totila, Euric und Trasimund, Chlodwig, Fredegunde und Brunhild sind geschichtliche Männer und Frauen; aber Hengist und Horsa, Vortigern und Rowena, Arthur und Mordred sind mythische Personen, deren Existenz zu bezweifeln ist und deren Abenteuer in die Klasse der des Herkules und Romulus zu werfen sind.
Bekehrung der Sachsen zum Christenthume. [Endlich] beginnt das Dunkel sich zu lichten, und das Land, das als Britannien aus dem Gesichtskreise entschwunden, erscheint als England wieder. Mit der Bekehrung der sächsischen Ansiedler zum Christenthume begann eine lange Reihe heilsamer Umgestaltungen, obgleich die Kirche selbst durch den Aberglauben und die Philosophie, gegen die sie lange und endlich siegreich gekämpft, tief verderbt war, und den von den alten Schulen entnommenen Lehrsätzen, sowie den alten Tempeln entlehnten Gebräuchen zu willig Eingang gestattet hatte. Römische Politik und gothische Unwissenheit, griechische Spitzfindigkeit und syrische Asketik hatten vereint zu ihrer Verderbniß gewirkt; aber ihr war noch genug von der erhabenen Gotteslehre und milden Moral früherer Zeit geblieben, um manchen Geist zu erheben, manches Herz zu läutern. Ebenso gehörte Manches, was in späterer Zeit als ihr Hauptmakel betrachtet wurde, im siebenten Jahrhunderte und noch lange nach demselben zu ihren größten Verdiensten. So würden Übergriffe der Geistlichkeit in die Obliegenheiten der bürgerlichen Obrigkeit in unserer Zeit ein großes Übel sein; aber was unter einer guten Regierung ein Übel ist, kann unter einer durchaus schlechten zum Segen werden. Es ist besser, wenn die Menschen durch weise, gut ausgeübte Gesetze und durch eine aufgeklärte öffentliche Meinung, als durch listige Priester regiert werden; aber es ist wiederum besser, wenn Priesterlist statt roher Gewalt, wenn ein Prälat wie Dunstan, statt eines Kriegers wie Penda herrscht. Eine in Rohheit versunkene Gesellschaft, die nur durch physische Kraft regiert wird, hat vollen Grund sich zu freuen, wenn ein Stand, dessen Wirken geistiger und moralischer Natur ist, die Obergewalt erhält. Ohne Zweifel wird ein solcher Stand seine Macht mißbrauchen; aber selbst eine gemißbrauchte geistige Macht ist stets edler und besser, als jene, die sich nur auf die Kraft des Körpers stützt. Die sächsischen Chroniken erzählen von Tyrannen, die, auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt, von Reue ergriffen, die durch Verbrechen erworbenen Genüsse und Würden verschmähten, ihre Kronen niederlegten und durch harte Büßungen und unausgesetzte Gebete die verübten Frevel sühnen wollten: diese Erzählungen haben einigen Schriftstellern Anlaß zu bitteren, verachtenden Äußerungen gegeben, Schriftstellern, die sich der Freisinnigkeit rühmten, im Grunde aber so engherzig waren, als es nur ein Mönch aus der finstern Zeit sein kann, und an alle Ereignisse in der Geschichte den Maßstab zu legen pflegten, den die Pariser Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts verwendete. Ein System, sollte ich glauben, das, wenn auch immerhin durch Aberglauben entstellt, dennoch in die durch rohe Muskelkraft und Geisteskühnheit beherrschten Gesellschaften starke moralische Schranken einführte, die verwegensten und mächtigsten Herrscher lehrte, daß sie, gleich ihren niedrigsten Knechten, verantwortliche Wesen seien, ein solches System hätte verdient, von Philosophen und Menschenfreunden mit größerer Achtung erwähnt zu werden. —
Dieselben Bemerkungen gelten auch in Bezug auf die Verachtung, mit der man im vorigen Jahrhunderte von den Pilgerfahrten, den heiligen Zufluchtsstätten, den Kreuzzügen und den mönchischen Institutionen des Mittelalters zu sprechen pflegte. In Zeiten, in denen die Menschen weder durch Lernbegierde noch durch Gewinn zu reisen veranlaßt wurden, war es besser, daß der rohe Nordländer Italien und den Osten als Pilger besuchte, als wenn er nie etwas Anderes als die schmutzigen Wohnungen und die wilden Wälder, in denen er geboren, gesehen hätte. In Zeiten, in denen das Leben und die weibliche Ehre täglich der Gefahr ausgesetzt waren, von Tyrannen und Räubern angegriffen zu werden, war es besser, daß die Grenzen eines Heiligenschreines mit einer unvernünftigen Scheu betrachtet wurden, als wenn es gar keine der Rohheit und Freiheit verschlossene Zufluchtsstätte gegeben hätte. In Zeiten, wo die Staatsmänner unfähig zur Aufstellung umfassender politischer Combinationen waren, war es besser, daß die christlichen Völker sich vereinigt zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes erhoben, als wenn sie von der mahomedanischen Macht eins nach dem andern überwältigt worden wären. Wenn man auch mit Recht in späterer Zeit die Trägheit und Üppigkeit der religiösen Orden tadelte, so war es gewiß gut, daß es in dem Zeitalter der Rohheit und Gewalttätigkeit ruhige Klöster und Gärten gab, in denen die Künste des Friedens in Sicherheit gepflegt, edle und zum Nachdenken geneigte Gemüther eine Zufluchtsstätte finden konnten; wo ein Bruder sich mit dem Abschreiben von Virgil’s Äneide, ein anderer sich mit dem Studium der Analysen des Aristoteles beschäftigte; wo es dem Kunstsinnigen gestattet war, eine Sammlung Märtyrerlegenden auszumalen, oder ein Crucifix zu schnitzeln, und denen, die Sinn für Naturwissenschaft hatten, Versuche über die Eigenschaften der Pflanzen und Mineralien anzustellen. Wären solche friedlichen Orte nicht hier und dort unter den Hütten eines elenden Landvolkes und unter den Burgen eines übermüthigen Adels verstreut gewesen, es würden die Bewohner Europa’s nur Last- und Raub-Thiere gewesen sein. Die Theologen haben die Kirche oft mit der Arche verglichen, von der wir im Buche der Genesis lesen: Die Ähnlichkeit mit derselben war nie vollkommener als während jener bösen Zeit, wo sie allein in Finsterniß und Sturm sich auf den Wogen, die alle großen Werke antiker Macht und Weisheit begraben hatten, erhielt, und den schwachen Keim in sich trug, dem eine zweite und ruhmreichere Civilisation entsprießen sollte.
Selbst die geistliche Obergewalt, die der Pabst sich anmaßte, hat in den finstern Zeitaltern mehr Gutes als Böses bewirkt. Die Vereinigung der Nationen des westlichen Europa’s zu einem großen Gemeinwesen war ihr Werk. Was die olympischen Wagenkämpfe und das pythische Orakel den griechischen Städten, von Trapezunt bis Massalia, das waren Rom und sein Bischof den Christen der lateinischen Kirche von Calabrien bis zu den Hebriden. Es erwuchsen so Gefühle umfassenden Wohlwollens; Volksstämme, durch Meere und Berge von einander getrennt, erkannten ein brüderliches Band und ein gemeinsames Buch der öffentlichen Gesetze an, und selbst im Kriege ward die Grausamkeit des Siegers nicht selten durch den Gedanken gemildert, daß er und seine unterjochten Feinde alle Glieder eines großen Bundes seien.
Diesem Bunde nun traten unsere sächsischen Vorfahren bei. Es entstand ein regelmäßiger Verkehr zwischen unsern Küsten und jenem Theile Europa’s, in dem die Spuren der alten Macht und Staatskunst noch sichtbar waren. Viel edle Denkmäler, die während der Zeit zerstört oder verunstaltet worden, standen noch in ihrer alten Pracht, und Reisende, denen Livius und Sallust unverständlich waren, konnten sich aus den römischen Wasserleitungen und Tempeln einen schwachen Begriff von römischer Geschichte bilden. Der immer noch von Erz schimmernde Dom des Agrippa; das Grabmal des Hadrian, der Säulen und Statuen noch nicht beraubt; das flavische Amphitheater, noch nicht zu einem Steinbruche herabgesunken, erzählten den Pilgern von Mercia und Northumberland einen Theil der Geschichte jener großen aufgeklärten Welt, die untergegangen war. Mit tief eingeprägter Ehrfurcht in den kaum geöffneten Gemüthern kehrten die Inselbewohner zurück und erzählten den staunenden Bewohnern der Hütten von London und York, daß ein mächtiges, jetzt erloschenes Geschlecht bei dem Grabe des heiligen Petrus Gebäude aufgeführt habe, die vor dem jüngsten Tage nicht untergehen würden. Die Gelehrsamkeit folgte dem Christenthume; die Dichtkunst und Beredtsamkunst der Zeit des Augustus ward in den Klöstern von Mercia und Northumberland mit Eifer geübt, und die Namen des Beda, des Alcuin und des Johannes, auch Erigena genannt, wurden durch ganz Europa mit Recht gefeiert. In diesem Zustande befand sich unser Vaterland, als im neunten Jahrhundert die letzte große Einwanderung der Barbaren des Nordens begann.
Dänische Invasionen. [Mehrere] Menschenalter hindurch kamen aus Dänemark und Skandinavien zahllose Seeräuber, die sich durch Kraft, Muth, schonungslose Grausamkeit und Haß gegen den christlichen Namen auszeichneten. Kein Land litt durch diese Einfälle so viel, als England, dessen Küste den Häfen, aus denen sie ausfuhren, nahe lag, und kein Theil unserer Insel war weit genug vom Meere entfernt, um vor Angriffen sicher zu sein. Dieselben Grausamkeiten, die den Sieg der Sachsen über die Celten begleitet, erlitten nach Jahrhunderten die Sachsen von der Hand der Dänen. Die Gesittung, die sich neu zu heben begann, ward von dem Schlage getroffen und sank wiederum darnieder. Große Colonien Abenteurer von der Ostsee ließen sich an den östlichen Küsten nieder, dehnten sich nach und nach westwärts aus, und, unterstützt durch stete Verstärkungen von jenseits des Meeres, trachteten sie danach, sich der Herrschaft des ganzen Reichs zu bemächtigen. Der Kampf zwischen den beiden wilden germanischen Stämmen dauerte sechs Menschenalter hindurch. — Jeder gewann abwechselnd den Sieg. Furchtbare Metzeleien, denen eine nicht minder furchtbare Rache folgte, verheerte Provinzen, geplünderte Klöster und zerstörte Städte bilden den größten Theil der Geschichte jener furchtbaren Zeit. Als endlich der Norden keine Verwüster mehr aussandte, erlosch nach und nach der gegenseitige Haß der Stämme, und wechselseitige Verheirathungen fanden häufiger statt. Die Dänen erlernten die Religion der Sachsen, und somit schwand eine Ursache tödtlicher Erbitterung. Die dänische und sächsische Sprache, Dialekte einer ausgebreiteten Mundart, verschmolzen ineinander; noch aber war die Verschiedenheit zwischen den beiden Völkern nicht völlig verschwunden, als ein Ereigniß beide in gemeinsamer Knechtschaft und Erniedrigung zu den Füßen eines dritten Volkes niederbeugte.
Die Normannen. [Unter] den Volksstämmen der Christenheit behaupteten um jene Zeit die Normannen den ersten Platz. Muth und Wildheit zeichneten sie unter den Seeräubern aus, die Skandinavien zur Verheerung des westlichen Europa’s ausgesendet hatte. Ihre Segel bildeten lange den Schrecken beider Küsten des Kanals. Mehr als einmal drangen ihre Waffen tief in das Herz des Karolingischen Reiches; sie siegten unter den Mauern von Mastricht und Paris. Einer der schwachen Erben Karls des Großen trat endlich den Fremden eine fruchtbare Provinz ab, die ein mächtiger Strom durchzog, und von dem Meere, ihrem Lieblingselemente, bespült ward. In dieser Provinz gründeten sie nun einen mächtigen Staat, der nach und nach seinen Einfluß über die angrenzenden Fürstenthümer Bretagne und Maine ausdehnte. Die Normannen, ohne den unerschrockenen Muth abzulegen, der der Schrecken der Länder von der Elbe bis zu den Pyrenäen gewesen, eigneten sich bald alle, und mehr noch als alle Kenntniß und Gesittung an, die sie in dem Lande der neuen Ansiedelung fanden. Einfälle von Außen wehrte ihre Tapferkeit ab, und in dem Innern ihres Gebiets begründeten sie eine Ordnung, die dem fränkischen Reiche lange unbekannt gewesen war. Sie traten zu dem Christenthume über, und mit dem Christenthume lernten sie einen großen Theil von dem, was der Clerus lehrte. Ihre Muttersprache gaben sie auf, und nahmen die französische an, in welcher das Latein das vorherrschende Element bildete. Der neuen Sprache verliehen sie nun bald eine Würde und Bedeutung, die sie nie zuvor besessen hatte. Dem vorgefundenen Sprachgemenge gaben sie durch die Schrift eine feste Form, und bedienten sich ihrer in der Gesetzgebung, in der Poesie, und in dem Roman. Die thierische Unmäßigkeit, zu der alle andern Zweige der großen germanischen Familie nur zu sehr sich hinneigten, legten sie ab. Der verfeinerte Luxus der Normannen bildete einen scharfen Kontrast zu der rohen Gefräßigkeit und Trunksucht ihrer sächsischen und dänischen Nachbarn. — Nicht in Massen von Speisen und in großen Gefäßen mit starken Getränken entfaltete sich dieser Luxus, sondern in großen und prächtigen Bauwerken, kostbaren Rüstungen, schönen Pferden, auserlesenen Falken, wohlgeordneten Turniren, mehr feinen als überladenen Gastmählern, und in Weinen, die sich mehr durch Wohlgeschmack als berauschende Kraft auszeichneten. Jener ritterliche Geist, der auf die Politik, die Moral und Gesittung aller europäischen Nationen einen so mächtigen Einfluß ausgeübt, stand bei den normannischen Edlen in hoher Blüthe; sie zeichneten sich durch anmuthige Haltung und einnehmende Manieren aus; nicht minder auch durch ihre Gewandtheit in Unterhandlungen, und eine natürliche Beredtsamkeit, die sie eifrig pflegten. Einer der normännischen Geschichtsschreiber sagt rühmend, daß die Edlen seines Stammes Redner von der Wiege an seien. Ihren größten Ruhm aber errangen sie durch ihre kriegerischen Thaten. Vom atlantischen Ocean bis zum todten Meere waren die Länder Zeugen von den Wundern ihrer Kriegszucht und Tapferkeit. Ein normännischer Ritter an der Spitze eines Häufleins Krieger versprengte die Celten von Connaught. Ein Anderer gründete die Monarchie beider Sicilien, und sah die Kaiser des Ost und West vor seinen Waffen fliehen. Ein Dritter, der Ulysses des ersten Kreuzzuges, ward von seinen Gefährten zum Beherrscher von Antiochien ernannt, und ein Vierter, jener Tankred, dessen Name in Tasso’s erhabenem Gedichte fortlebt, wurde in der ganzen Christenheit als der tapferste und großmüthigste unter den Kämpfern des heiligen Grabes gepriesen. Die Nähe eines so bedeutenden Volkes begann schon früh seine Wirkung auf den Volksgeist in England zu äußern. Englische Prinzen erhielten, schon vor der Eroberung, ihre Erziehung in der Normandie. Englische Bisthümer und Landgüter wurden Normannen zu Lehen gegeben. Das Französisch der Normandie war die gewöhnliche Sprache im Palaste von Westminster. Der Hof von Rouen scheint dem Eduards des Bekenners dasselbe gewesen zu sein, was lange Zeit nachher der Hof von Versailles dem Karls II. war.
Die normannische Eroberung. [Durch] die Schlacht von Hastings und die ihr folgenden Ereignisse gelangte nicht nur ein Herzog der Normandie auf den englischen Thron, es ward auch die ganze Bevölkerung Englands der Tyrannei des normännischen Stammes preisgegeben. Selten ist die Unterjochung einer Nation durch die andere, selbst in Asien, vollständiger gewesen. Die Führer der Eroberer vertheilten das Land unter sich, starke militärische Einrichtungen, eng mit den Verhältnissen des Grundeigenthums verbunden, machten es den fremden Siegern möglich die Landeskinder zu unterdrücken. Ein grausames und rücksichtlos grausam angewendetes Strafgesetzbuch schützte nicht nur die Vorrechte, sondern auch die Lustbarkeiten der fremden Unterjocher. Aber dennoch ließ das unterworfene Volk, obgleich geknechtet und mit Füßen getreten, seinen Stachel fühlen. Einige kühne Männer, die Lieblingshelden unserer ältesten Balladen, flüchteten sich in die Wälder und unternahmen von dort aus, trotz der Feuerglocken- und Forstgesetze, einen Raubkrieg gegen ihre Unterdrücker. Täglich wurden Meuchelmorde verübt; mancher Normanne verschwand plötzlich und spurlos; viele der aufgefundenen Leichen trugen die Spuren der Gewaltthätigkeit. Man drohte den Mördern mit martervollen Todesstrafen und stellte die strengsten Nachforschungen an; diese waren aber gewöhnlich ohne Erfolg, denn die ganze Nation hatte sich zu ihrem Schutze verschworen. Endlich ward für nöthig erachtet, jedem Distrikte, in welchem eine Person von fränkischer Abkunft erschlagen aufgefunden wurde, eine schwere Buße aufzuerlegen, und dieser Bestimmung ließ man bald eine andere folgen, wonach jede ermordete Person für einen Franken gelten sollte, wenn nicht ihre sächsische Abkunft erwiesen würde.
In den anderthalb Jahrhunderten nach der Eroberung giebt es eigentlich keine englische Geschichte. Die fränkischen Könige Englands schwangen sich zu einer Bedeutung empor, welche die benachbarten Völker mit Staunen und Schrecken erfüllte. Sie eroberten Irland, ließen sich von Schottland huldigen, und wurden durch ihre Tapferkeit, Politik und ihre glücklichen Heirathsbündnisse auf dem Festlande weit mächtiger, als ihre Lehnsherren, die Könige von Frankreich. Asien und Europa ließen sich durch die Macht und den Glanz unserer Tyrannen blenden; arabische Chronisten berichteten mit Widerstreben aber doch mit Bewunderung den Fall von Acre, die Vertheidigung Joppe’s und den siegreichen Kriegszug nach Ascalon. Noch lange Zeit brachten arabische Mütter mit dem Namen des löwenherzigen Plantagenet ihre Kinder zum Schweigen. Es schien selbst einmal, als ob die Linie des Hugo Capet enden solle, wie die Merowingischen und Karolingischen Linien geendet hatten, und als ob sich eine einzige große Monarchie von den Orkaden bis zu den Pyrenäen ausdehnen würde. Nach den meisten Ansichten ist die Größe eines Herrschers mit der Größe des ihm untergebenen Volkes so eng verbunden, daß fast jeder englische Geschichtsschreiber die Macht und den Glanz der fremden Oberherrn mit triumphirender Freude berichtet und den Verfall dieser Macht und dieses Glanzes als ein Unglück für unser Vaterland beklagt. Dies ist wahrlich ebenso abgeschmackt, als wenn ein Neger von Haiti in unserer Zeit mit Nationalstolz die Größe Ludwigs XIV. preisen und von Blenheim und Ramilies mit patriotischer Trauer und Beschämung reden wollte.
Der Eroberer und seine Nachkommen bis zur vierten Generation waren keine Engländer, und fast alle in Frankreich geboren; den größten Theil ihrer Lebenszeit brachten sie in Frankreich zu; das Französische war ihre gewöhnliche Sprache; fast jedes hohe Amt, das sie zu besetzen hatten, ward Franzosen übertragen, und jede auf dem Festlande gemachte neue Erwerbung entfremdete sie der Bevölkerung unserer Insel immer mehr. Einer der tüchtigsten von ihnen versuchte es zwar, indem er sich mit einer englischen Prinzessin vermählte, die Herzen seiner englischen Unterthanen zu gewinnen; allein der größte Theil seiner Barone betrachtete diese Verbindung aus demselben Gesichtspunkte, wie man heute in Virginien die Verbindung eines weißen Pflanzers mit einem Quadronen-Mädchen betrachten würde. In der Geschichte wird er mit dem ehrenvollen Beinamen Beauclerc genannt; aber zu seiner Zeit legten ihm die eigenen Landsleute mit verachtender Anspielung auf seine sächsische Verbindung einen sächsischen Spottnamen bei. Wäre es, wie es einmal den Anschein hatte, den Plantagenets gelungen, ganz Frankreich unter ihrer Herrschaft zu vereinigen, so würde England wahrscheinlich nie zu einer unabhängigen Existenz gelangt sein. Seine Fürsten, Lords und Prälaten wären nach Abstammung und Sprache von den Handwerkern und Bauern völlig verschieden gewesen; die Erträge seiner ausgebreiteten Grundstücke würden die Feste und Lustbarkeiten an den Ufern der Seine verschlungen haben, und die edle Sprache eines Milton und Burke würde ein bäuerischer Dialekt ohne Literatur, ohne festgeregelte Grammatik, ohne geordnete Orthographie geblieben und verächtlich dem Gebrauche der Bauern überlassen worden sein. Niemand von englischer Abkunft würde im Stande gewesen sein eine hohe Stellung zu erlangen, ohne in Sprache und Sitte ein Franzose zu werden. —
Trennung Englands von der Normandie. [Daß] England einem solchen Geschicke entging, hat es einem Ereigniß zu danken, das die Geschichtsschreiber allgemein als ein unheilvolles geschildert haben. Das Interesse des Landes stand dem seiner Herrscher so entschieden entgegen, daß nur die Mißgriffe und Unglücksfälle derselben bessere Aussichten gewähren konnten. Die Fähigkeiten, und selbst die guten Eigenschaften seiner sechs ersten fränkischen Könige waren ihm ein Fluch; die Thorheiten und Fehler des siebenten gereichten ihm zum Segen. Wenn Johann die großen Eigenschaften seines Vaters, Heinrich Beauclercs, oder des Eroberers geerbt, auch wenn er nur den kriegerischen Muth von Stephan oder Richard besessen hatte, und wäre der König von Frankreich zu gleicher Zeit so unfähig, wie alle anderen Nachfolger Hugo Capets, so würde das Haus Plantagenet zu der einflußreichsten Höhe in Europa gelangt sein. Aber gerade in jener Zeit ward Frankreich, zum ersten Male seit Karls des Großen Tode, von einem kräftigen, fähigen Fürsten regiert; England aber, seit der Schlacht von Hastings in der Regel von klugen Staatsmännern und stets von tapfern Kriegern geleitet, fiel der Botmäßigkeit eines Schwätzers und Feiglings anheim. Von diesem Augenblicke an ward seine Aussicht lichter. Johann wurde aus der Normandie verjagt, die normännischen Edelleute mußten zwischen der Insel und dem Festlande wählen und gemeinschaftlich mit dem Volke, das sie stets geknechtet und verachtet hatten, von dem Meere eingeschlossen, kamen sie nach und nach dahin, England als ihr Vaterland und die Engländer als ihre Landsleute zu betrachten. Beide Volksstämme, einander so lange feindlich gesinnt, erkannten nun bald, daß sie gemeinschaftliche Interessen und gemeinschaftliche Feinde hatten; sie litten beide zugleich unter der Tyrannei eines schlechten Königs, und beide waren gleich entrüstet über die Bevorzugung, die der Hof den Eingeborenen von Poitou und Aquitanien angedeihen ließ. Die Urenkel der Streiter Wilhelms begannen sich denen Harolds freundschaftlich zu nähern, und das erste Pfand ihrer Versöhnung ward der große Freiheitsbrief, den sie vereint errungen und zu ihrem gemeinsamen Wohle entworfen hatten.
Die Vermischung der Volksstämme. [Hier] beginnt die Geschichte des englischen Volkes. Die Geschichte der frühern Begebenheiten ist die Geschichte der von einzelnen Stämmen verübten und erlittenen Übel, von Volksstämmen, die zwar auf englischem Boden wohnten, aber sich gegenseitig mit einer Abneigung betrachteten, wie man sie selten bei Völkern findet, die durch natürliche Grenzen von einander geschieden sind, denn selbst die gegenseitige Erbitterung im Kriege begriffener Länder ist jener gegenüber nur schwach zu nennen, die moralisch getrennte, aber örtlich vermischte Nationen hegen. Dieser Stammeshaß ist in keinem Lande so arg gewesen, als in England; aber auch nirgends ist er gründlicher vertilgt. Die Stadien des Prozesses, der die feindlichen Elemente in eine gleiche Masse verschmolz, sind uns nicht näher bekannt; aber es ist gewiß, daß die Kluft zwischen Sachsen und Normannen noch sehr stark hervortrat, als Johann König wurde, daß sie jedoch vor dem Ende der Regierung seines Enkels fast völlig verschwunden war. Zur Zeit Richards I. war die gewöhnliche Verwünschung eines edeln Normanns: „ich will zum Engländer werden!“ — und die gebräuchliche Form einer unwilligen Weigerung: „haltet Ihr mich für einen Engländer?“ Hundert Jahre später war der Nachkomme eines solchen Edelmanns stolz auf den Namen eines Engländers.
Die Quellen der bedeutendsten Ströme, die ganzen Ländern Fruchtbarkeit bringen und reich beladene Flotten zum Meere tragen, müssen in wilden und unfruchtbaren Bergketten aufgesucht werden, die auf den Landkarten ungenau angegeben und von Reisenden nur selten erforscht sind. Mit einer solchen Bergkette läßt sich die Geschichte unseres Vaterlandes während des dreizehnten Jahrhunderts nicht unpassend vergleichen. Ob auch jener Abschnitt unserer Annalen unfruchtbar und dunkel ist, so können wir doch nur in ihm den Ursprung unserer Freiheit, unseres Glücks und unseres Ruhmes suchen. Damals entstand das große englische Volk, und es begann der Nationalcharakter desselben jene Eigenthümlichkeiten zu entfalten, die er seitdem stets bewahrt hat; damals wurden unsere Väter in der vollsten Bedeutung des Wortes Insulaner, aber nicht nur Insulaner der geographischen Lage nach, sondern auch in ihrer Politik, ihrer Denkart und ihren Sitten. Damals trat zuerst bestimmt und klar jene Verfassung hervor, die seitdem durch alle Wechselfälle ihre Identität bewahrte, jene Verfassung, von der alle freien Verfassungen der Welt nur Nachbildungen sind, und die, ungeachtet einiger Mängel, als die Erste von allen gehalten zu werden, würdig ist, unter der je eine große Gesellschaft Jahrhunderte hindurch bestanden hat. Damals geschah es, daß das Haus der Gemeinen, dieses Musterbild aller repräsentativen Versammlungen der alten und neuen Welt, zu den ersten Sitzungen zusammentrat, und daß das gemeine Recht zu der Würde einer Wissenschaft erhoben und ein nicht unwürdiger Rival der kaiserlichen Rechtsgelehrsamkeit wurde. Damals machte der Muth jener Seeleute, welche die Mannschaft der rohen Barken der fünf Häfen bildeten, zuerst die Flagge Englands auf dem Meere furchtbar; es wurden die ältesten Hochschulen gegründet, die noch jetzt in den beiden großen Nationalsitzen der Gelehrsamkeit bestehen; es bildete sich die Sprache, die zwar weniger wohlklingend als die des Südens, aber an Kraft, Reichthum und Tauglichkeit für die erhabensten Zwecke des Dichters, des Philosophen und des Redners nur von der Sprache Griechenlands übertroffen wird; und damals endlich dämmerte der erste schwache Schein jener edlen Literatur auf, die zu den glänzendsten und unvergänglichen Schätzen Englands gehört.
Bereits zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts waren die Volksstämme fast völlig in einander verschmolzen und untrügliche Zeichen deuteten an, daß aus der Mischung dreier Zweige der großen teutonischen Familie mit den Urbewohnern Britanniens ein Volk hervorgegangen sei, das keinem andern der Welt nachstand. Und wahrlich, das England, nach dem Johann von Philipp August einst vertrieben worden, hatte mit dem England, aus welchem die Heere Eduards III. zur Eroberung Frankreichs auszogen, fast nichts gemein.
Englische Eroberungen auf dem Festlande. [Es] folgte nun ein Zeitraum von mehr als hundert Jahren, in welchem die Engländer vorzüglich danach strebten, durch die Gewalt der Waffen auf dem Festlande ein großes Reich zu gründen. Zwar schien es, daß für die Ansprüche Eduards auf die von dem Hause Valois in Besitz genommene Erbschaft seine Unterthanen sich wenig interessirten; aber die Eroberungssucht des Fürsten bemächtigte sich bald des Volkes. Der Krieg war von jenen Kriegen sehr verschieden, welche die Plantagenets des zwölften Jahrhunderts gegen die Nachkommen Hugo Capets unternommen hatten; denn hätte Heinrich II. oder Richard I. sein Ziel erreicht, so würde England eine französische Provinz geworden sein. Eduard’s III. und Heinrichs V. Glück machte Frankreich für einige Zeit zu einer englischen Provinz. Mit derselben Geringschätzung, mit der im zwölften Jahrhunderte die Eroberer vom Festlande die Insulaner betrachtet, blickten diese nun auf das Volk des Festlandes. Jeder Freisasse von Kent bis Northumberland erachtete sich einem Stamme angehörig, der zum Siegen und zum Herrschen geboren, und mit Hohn blickte er auf das Volk, vor dem seine Ahnen einst gezittert hatten. Selbst die Ritter von Gascogne und Guienne, die tapfer unter dem schwarzen Prinzen gefochten hatten, betrachteten die Engländer als Leute geringerer Art und schlossen sie verächtlich von ehrenvollen und einträglichen Posten aus. Nach kurzer Zeit schon beachteten unsere Vorfahren den ursprünglichen Grund des Streites nicht mehr, sie begannen die französische Krone nur für einen Zubehör der englischen zu halten, und wenn sie, unter Verletzung des ordentlichen Erbfolgerechts, die Krone Englands auf das Haus Lancaster übertrugen, so scheinen sie der Ansicht gewesen zu sein, daß das Recht Richards II. auf die französische Krone natürlich auch auf dieses Haus übergehe. Sie bethätigten einen Eifer und eine Kraft, die einen merkwürdigen Contrast zu der Lauheit der Franzosen bildeten, für die der Ausgang des Kampfes weit wichtiger war. Die englischen Waffen erfochten in jener Zeit gegen an Zahl überlegene Heerhaufen Siege, die zu den größten gehören, von denen die Geschichte des Mittelalters berichtet, und es waren dies in der That Siege, denen sich eine Nation mit Stolz rühmen darf, weil man sie dem moralischen Übergewichte der Sieger beizumessen hat, das sich selbst in den niedrigsten Reihen deutlich zeigte. Die Ritter Englands fanden in denen Frankreichs würdige Nebenbuhler. Chandos kämpfte mit Du Guesclin als einem ebenbürtigen Feinde. Aber es fehlte Frankreich an Fußvolk, das den englischen Bogen und Streitäxten die Spitze zu bieten vermochte. Ein französischer König ward gefangen nach London gebracht; ein englischer König ward in Paris gekrönt. Weit über die Pyrenäen und Alpen hinaus wurde das Banner des heiligen Georg getragen. Im Süden vom Ebro gewannen die Engländer eine große Schlacht, die das Geschick von Leon und Castilien für einige Zeit entschied, und die englischen Compagnien gewannen ein furchtbares Ansehen bei den Kriegerbanden, die ihre Waffen an die Fürsten und Republiken Italiens verdungen hatten.
In jener kriegerisch bewegten Zeit vernachlässigten jedoch unsere Väter die Künste des Friedens nicht. Während Frankreich vom Kriege verwüstet wurde, daß es zuletzt in seiner Zerstörung selbst einen beklagenswerthen Schutz gegen neue Einfälle fand, sammelten die Engländer ruhig ihren Erndtesegen ein, verschönerten ihre Städte, und pflegten in Sicherheit das Recht, den Handel und die Wissenschaften. — Jener Zeit gehören viele unserer edelsten Baudenkmäler an. Es entstanden die schönen Kapellen des Neuen-Collegiums und von St. Georg; das Schiff der Kathedrale von Winchester und das Chor des Münsters von York; der Spitzthurm von Salisbury und die majestätischen Thürme von Lincoln. Eine reiche und kernige Sprache, hervorgegangen aus dem Zusammenflusse der französischen und deutschen, ward nun ein Gemeingut der Aristokratie und des Volks. Bald begann der Genius dieses bewundernswerthe Werkzeug zu würdigen Zwecken zu benutzen. Während englische Heerhaufen, die verwüsteten Provinzen Frankreichs hinter sich lassend, triumphirend in Valladolid einzogen und bis vor die Thore von Florenz Schrecken verbreiteten, schilderten englische Dichter in lebhaften Farben den mannigfaltigen Wechsel menschlicher Sitten und Schicksale; es strebten englische Denker nach Wissen oder wagten Zweifel zu hegen, wo die Bigotterie sich begnügte zu staunen und zu glauben. Dieselbe Zeit,aus welcher der schwarze Prinz und Derby, Chandos und Hawkwood hervorging, gebar auch Geoffroy Chaucer und John Wycliffe. —
So glänzend und erhaben war der erste Auftritt des eigentlich so zu nennenden englischen Volks unter den Nationen der Welt. Aber während wir die hohen, achtunggebietenden Eigenschaften unserer Voreltern mit Wohlgefallen betrachten, dürfen wir uns nicht verhehlen, daß das von ihnen erstrebte Ziel vom Gesichtspunkte der Humanität und der aufgeklärten Politik ein durchaus verwerfliches ist und daß die Mißgeschicke, durch die sie nach einem langen und blutigen Kampfe die Hoffnung auf Gründung eines großen festländischen Reiches aufzugeben gezwungen wurden, wahrhafte Segnungen, und nur scheinbar Unglücksfälle waren. Der Geist der Franzosen erwachte endlich; sie begannen den fremden Eroberern einen kräftigen nationalen Widerstand zu leisten, und von dieser Zeit an waren die Geschicklichkeit der englischen Feldherren und der Muth ihrer Soldaten, zum Heile für die Menschheit, ohne Erfolg. Unsere Vorfahren gaben, nach vielen blutigen Kämpfen, mit schmerzlicher Reue den Streit auf. Seitdem hat nie mehr eine englische Regierung ernstlich und beharrlich den Plan verfolgt, große Eroberungen auf dem Festlande zu machen. Zwar fuhr das Volk fort, Crecy, Poitiers und Agincourt ein solches Andenken zu bewahren, und man konnte noch viel Jahre später durch das Versprechen eines Eroberungszuges nach Frankreich leicht sein Blut wallend machen und ihm Hilfsgelder ablocken; aber zum Glück hat die Thatkraft unsers Vaterlandes sich edlern Zielen zugewendet, und es nimmt jetzt in der Geschichte der Menschheit eine weit ehrenvollere Stellung ein, als wenn es, wie es einmal den Anschein hatte, durch Waffengewalt ein Übergewicht erlangt hätte, das dem der frühern römischen Republik ähnlich wäre.
Der Krieg der Rosen. [In] die Grenzen der Insel wiederum eingeschlossen, schwang nun das kriegslustige Volk die Waffen, die der Schrecken Europa’s gewesen, im Bürgerkriege. Die englischen Barone hatten lange die Mittel zur Bestreitung ihres verschwenderischen Aufwandes aus den unterjochten Provinzen Frankreichs gezogen. Diese Hilfsquelle war nun versiegt; aber die vom Glücke erzeugte Gewohnheit der Prunksucht und Üppigkeit dauerte fort, und die großen Lords, die ihre Gelüste durch Plünderung der Franzosen nicht mehr befriedigen konnten, beraubten nun mit großem Eifer einer den andern. Das Gebiet, auf das sie jetzt beschränkt waren, reichte — wie Comines, der schärfste Beobachter jener Zeit, sich ausdrückt — für sie alle nicht aus. Zwei aristokratische Parteien, angeführt von zwei Zweigen der königlichen Familie, begannen nun einen langen und schrecklichen Kampf um die Oberherrschaft. Da die Erbitterung derselben nicht eigentlich aus dem Streite wegen der Erbfolge hervorgegangen, so dauerte sie noch lange fort, nachdem jeder Grund zu diesem Streite verschwunden war. Die Partei der rothen Rose überlebte den letzten Fürsten, der, gestützt auf das Recht Heinrichs IV., Anspruch auf die Krone machte. Die Partei der weißen Rose überlebte die Heirath Richmonds mit Elisabeth. Der Führer beraubt, die irgend einen annehmbaren Rechtstitel aufzuweisen hatten, schlossen sich die Anfänger Lancasters einer Bastardlinie an, und die Anhänger Yorks stellten eine Reihe von Betrügern auf. Nachdem viel ehrgeizige Edelleute auf dem Kampfplatze oder durch die Hand des Henkers gefallen, nachdem viel berühmte Häuser auf immer aus der Geschichte verschwunden und die noch übrig gebliebenen großen Familien durch schwere Unglücksfälle erschöpft und zu klarer Besinnung gekommen waren, erkannte man endlich von allen Seiten an, daß in dem Hause Tudor alle Ansprüche der streitenden Plantagenets sich vereinigten.
Aufhören der Leibeigenschaft. [Inzwischen] trat eine Veränderung ein, von unendlich größerer Wichtigkeit, als die Erwerbung oder der Verlust einer Provinz, als die Erhebung oder der Sturz einer Dynastie. Es verschwand nämlich die Sklaverei mit allen sie begleitenden Übeln. —
Es ist bemerkenswerth, daß die beiden größten und heilsamsten socialen Umwälzungen, die in England stattgefunden, die nämlich, welche im dreizehnten Jahrhundert der Willkürherrschaft eines Volksstammes über den andern und die, welche einige Menschenalter später dem Eigenthumsrechte des Menschen am Menschen ein Ende machte, still und unmerklich erregt und vollbracht wurden. Die Beobachter jener Zeit wurden durch diese Umwälzungen nicht überrascht, und die Geschichtsschreiber haben ihnen nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Weder durch gesetzliche Anordnung, noch durch physische Kraft wurden sie bewirkt; es waren moralische Ursachen, die geräuschlos erst den Abstand zwischen dem Normann und dem Sachsen, und später zwischen Herrn und Sklaven verwischten. Den Augenblick genau zu bestimmen, wann diese Unterschiede aufhörten, könnte niemand wagen, denn es mögen wohl noch spät im vierzehnten Jahrhunderte einige schwache Spuren der alten normännischen Sinnesart gefunden werden; auch von den Forschern in der Zeit der Stuarts schwache Spuren der Leibeigenschaft entdeckt sein, und ist diese Einrichtung bis zur gegenwärtigen Stunde gesetzlich noch nicht abgeschafft.
Wohlthätiges Wirken der römisch-katholischen Religion. [Es] würde im hohen Grade ungerecht sein, nicht anzuerkennen, daß bei diesen beiden großen Befreiungswerken die Religion der gewaltigste Hebel gewesen, und ob ein reinerer Glaube sich wirksamer erwiesen hätte, ist wohl in Zweifel zu ziehen. Der wohlwollende Geist der christlichen Sittenlehre ist unbezweifelt den Kastenunterschieden abhold; aber der römischen Kirche sind sie ganz besonders verhaßt, weil sie mit andern ihrem Systeme wesentlichen Unterschieden nicht zu vereinbaren sind. So legt sie jedem Priester eine geheimnißvolle Würde bei, die ihn berechtigt, von jedem Laien Ehrfurcht zu fordern; auch schließt sie niemanden aus Gründen der Nationalität oder der Geburt vom Priesterstande aus. Ihre Lehrsätze, so irrig sie in Bezug auf den priesterlichen Charakter auch sein mögen, haben schon oft einige der größten Übel gemildert, von denen die Gesellschaft heimgesucht werden kann. Es darf ein Aberglaube nicht unbedingt für schädlich gehalten werden, der in Ländern, die unter dem Fluche der Tyrannei eines Volksstammes über den andern seufzen, eine von der nationalen Verschiedenheit völlig unabhängige Aristokratie schafft, das Verhältniß zwischen den Bedrückern und Bedrückten umkehrt und den erblichen Herrn zwingt, vor dem geistlichen Richterstuhle seines erblichen Untergebenen das Knie zu beugen. In Ländern, wo die Sklaverei fortbesteht, zeigt sich noch heutigen Tages das Pabstthum in einem vortheilhaften Contraste zu andern Formen des Christenthums. Es ist allgemein bekannt, daß die gegenseitige Abneigung zwischen den europäischen und afrikanischen Racen in Rio Janeiro bei weitem nicht so stark ist, als in Washington, und in unserm eigenen Vaterlande äußerte diese Eigenthümlichkeit des römisch-katholischen Systems zur Zeit des Mittelalters manche heilsame Wirkung. Es wurden zwar gleich nach der Schlacht bei Hastings sächsische Prälaten und Äbte gewaltsam von ihren Ämtern vertrieben und geistliche Abenteurer vom Festlande zu Hunderten in reiche Pfründen eingesetzt; aber auch damals erhoben fromme Geistliche normännischer Abkunft gegen eine derartige Verletzung der Kirchenverfassung ihre Stimmen, lehnten die Annahme der Bischofsmütze aus den Händen des Eroberers ab und ermahnten ihn, bei dem Heile seiner Seele, nicht zu vergessen, daß die unterjochten Insulaner seine Mitchristen seien. Der Erzbischof Anselm war der erste Beschützer, den die Engländer unter der herrschenden Kaste fanden. In jener Zeit, wo der englische Name als ein Vorwurf galt und alle bürgerlichen und militärischen Würden ausschließlich den Landsleuten des Eroberers gebührend betrachtet wurden, nahm der verachtete Volksstamm mit lebhafter Freude die Nachricht auf, daß einer der seinigen, Nikolaus Breakspear, auf den päbstlichen Stuhl erhoben sei und Gesandten, den edelsten Häusern der Normandie entsprossen, seinen Fuß zum Kusse gereicht habe. Es war nicht minder ein nationaler als ein religiöser Drang, der Massen von Menschen zu der Kapelle Becket’s trieb, des ersten Engländers, der den fremden Tyrannen seit der Eroberung furchtbar geworden. Unter denen, welche jenen Freibrief errangen, der die Privilegien der normännischen Barone und der sächsischen Freisassen zugleich sicherte, stand ein Nachfolger Becket’s in erster Reihe. Wieviel die katholische Geistlichkeit später bei der Abschaffung der Leibeigenschaft mitgewirkt hat, erfahren wir aus dem unverwerflichen Zeugnisse des Sir Thomas Smith, eines der befähigtesten protestantischen Räthe Elisabeths. Wenn der sterbende Sklavenbesitzer nach dem letzten Sacramente verlangte, so beschworen ihn stets seine geistlichen Beistände bei dem Heile seiner Seele, er möge seine Brüder freigeben, für die Christus gestorben sei. Die Kirche wendete ihr furchtbares Getriebe mit einem solchen Erfolge an, daß noch vor dem Eintritte der Reformation fast alle Leibeigenen im Königreiche frei geworden, mit Ausnahme der ihr selbst angehörigen, die, wie man ihr nachrühmen muß, einer sehr milden Behandlung genossen zu haben scheinen.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß nach diesen beiden großen Revolutionen unsere Vorfahren von allen Völkern in Europa die beste Regierung besaßen. Das gesellschaftliche System hatte sich drei Jahrhunderte hindurch ununterbrochen heilsam entwickelt. Es hat unter den ersten Plantagenets Barone gegeben, die ihrem souverainen Herrscher Trotz zu bieten vermochten, und Bauern, die mit den Schweinen und Ochsen, welche sie hüteten, auf eine gleiche Stufe heruntergebracht waren: die maßlose Gewalt der Barone war nach und nach geschwächt, der Zustand des Bauern gehoben worden, und zwischen dem Adel- und dem Arbeiterstande hatte sich eine landbau- und handeltreibende Mittelklasse gebildet. Es mögen nun immerhin noch mehr Ungleichheiten bestanden haben, als dem Glücke und der Tugend unseres Geschlechts ersprießlich gewesen; aber niemand konnte sich der Autorität der Gesetze entziehen, und niemand war völlig von dem Schutze desselben ausgeschlossen.
Daß die staatlichen Einrichtungen Englands schon in dieser frühen Zeit von den Engländern mit Stolz und Liebe und von den aufgeklärtesten Männern der Nachbarvölker mit Bewunderung und Neid betrachtet wurden, läßt sich klar und deutlich beweisen; aber über die Beschaffenheit dieser Einrichtungen ist oft unredlich und bitter gestritten worden.
Die frühere englische Staatsverfassung als oft falsch dargestellt. [Die] geschichtliche Literatur Englands hat in der That unter einem Umstande hart gelitten, der nicht wenig zu dem Glücke desselben beigetragen. So groß die Umgestaltung seines Staatswesens in den letzten sechs Jahrhunderten auch gewesen ist, sie war doch nur eine Wirkung allmäligen Fortschreitens, und nicht des Zerstörens und Wiederaufbauens. Die jetzige Verfassung unseres Vaterlandes verhält sich zu jener, unter der es vor fünfhundert Jahren blühte, wie der Baum zu dem Sprößlinge, wie der Mann zu dem Knaben. Die Umwandlung war eine große; aber nie hat es eine Zeit gegeben, in der nicht der Haupttheil des Bestehenden alt gewesen wäre. Eine auf diese Weise entstandene Staatsverfassung muß natürlich viel Unregelmäßigkeiten enthalten; aber neben den Übeln, die nur aus Unregelmäßigkeiten hervorgehen, besitzen wir viel, was sie reichlich aufwiegt. Andere Staaten besitzen regelrechter aufgestellte Verfassungen; aber keinem andern ist es bis jetzt gelungen, Revolution und Gesetz, Fortschritt und Stehenbleiben, die rüstige Kraft der Jugend mit der Majestät kaum erdenklichen Alterthums zu vereinigen.
Diese große Segnung hat aber auch ihre Schattenseiten, und eine derselben ist, daß die Quellen, in denen wir Aufklärung über unsere frühere Geschichte suchen, vom Parteigeiste vergiftet sind. Es giebt kein Land, in dem die Staatsmänner so unter dem Einflusse der Vergangenheit gestanden, und die Geschichtsschreiber sich so von der Gegenwart leiten ließen. Allerdings besteht zwischen beiden Erscheinungen ein natürlicher Zusammenhang; denn wenn die Geschichte nur als eine Schilderung des Lebens und der Sitten, oder als eine Sammlung von Versuchen betrachtet wird, aus der sich allgemeine Grundsätze der Staatsweisheit ableiten lassen, wird der Geschichtsschreiber sich eben nicht stark versucht fühlen, Begebenheiten aus alter Zeit falsch darzustellen. Wenn aber die Geschichte als ein Archiv mit Urkunden angesehen, von denen die Rechte der Regierungen und der Völker abhangen, so wird die Neigung zu fälschen fast unwiderstehlich. Für einen Franzosen giebt es jetzt kein Interesse, das ihn antriebe, die Macht der Könige aus dem Hause Valois zu hoch zu erheben oder zu klein darzustellen. Die Privilegien der allgemeinen Reichsstände, der Stände von Bretagne und von Burgund sind jetzt Dinge von eben so wenig praktischer Wichtigkeit, als die Verfassung des jüdischen Sansedrin oder des Amphiktyonengerichts. Das neue System wird von dem alten durch die Kluft einer großen Revolution völlig geschieden. Für die englische Nation giebt es keine solche Kluft, die ihre Existenz in zwei bestimmt geschiedene Theile trennt. Unsere Gesetze und Gewohnheiten sind nie in einem allgemeinen, nicht wieder auszugleichenden Umsturze untergegangen; die im Mittelalter stattgehabten Ereignisse sind für uns immer noch vollgültig, die größten Staatsmänner nehmen bei den wichtigsten Veranlassungen Bezug darauf. Als zum Beispiel König Georg III. so krank wurde, daß er den Verrichtungen seines königlichen Amtes nicht obliegen konnte, und die Mehrzahl der tüchtigsten Rechtsgelehrten und Politiker über das unter diesen Umständen einzuschlagende Verfahren sehr getheilter Meinung waren, erklärten die Häuser des Parlaments, nur dann zur Berathung irgend eines Regentschaftsplanes zu schreiten, wenn alle Beispiele, die von der frühesten Zeit an in unsern Annalen zu finden, zusammengestellt und geordnet seien. Es wurden Ausschüsse ernannt, welche die alten Urkunden des Reichs prüfen sollten. Der erste Vorgang, über den Bericht erstattet wurde, war der aus dem Jahre 1217; man legte den Vorgängen aus den Jahren 1326, 1377 und 1422 große Wichtigkeit bei, aber als den Fall, der hier mit Recht maßgebend sein könne, hielt man den von 1455. Und so wurden oft in unserm Vaterlande die theuersten Parteiinteressen von den Resultaten antiquarischer Forschungen abhängig gemacht. Die nicht zu vermindernde Folge davon war, daß unsere Alterthumsforscher ihre Untersuchungen als Parteimänner anstellten.
Man kann sich daher nicht wundern, wenn Diejenigen, welche über die Grenzen des Hoheitsrechtes und der Freiheit in der alten englischen Staatsverfassung geschrieben haben, gewöhnlich nicht als Richter, sondern als eifrige, unredliche Advokaten aufgetreten sind; sie verhandelten ja nicht über einen spekulativen, sondern über einen solchen Stoff, der in einem unmittelbaren praktischen Zusammenhange mit den wichtigsten und aufregendsten Streitfragen ihrer Zeit stand. — Von dem Beginne des langen Streites zwischen dem Parlamente und den Stuarts bis zu der Zeit, wo die Ansprüche der Letztern nicht mehr furchtbar waren, gab es wenig praktisch wichtigere Fragen als die, ob die Regierung dieser Familie mit der alten Verfassung des Königreichs in Übereinstimmung gestanden habe oder nicht. Diese Frage konnte nur dadurch entschieden werden, daß man die Geschichtsberichte über frühere Regierungen in Betracht zog. — Bracton und Fleta, der „Spiegel der Gerechtigkeit“ und die Parlamentsarchive wurden durchforscht, um Beschönigungen für die Übergriffe der Sternkammer sowohl, als für die des höchsten Gerichtshofes aufzufinden. Viele Jahre hindurch suchte jeder whiggistische Geschichtsschreiber eifrig den Beweis zu führen, daß die altenglische Regierungsform eine republikanische, und jeder toryistische, daß sie eine despotische gewesen sei.
So gesinnt blickten beide Parteien in die Chroniken des Mittelalters. Beide fanden sehr leicht, was sie suchten; aber beide wollten hartnäckig auch nur das sehen, was sie suchten. Die Eiferer für die Stuarts konnten eben so leicht Beispiele von Bedrückungen der Unterthanen, als die Vertheidiger der Rundköpfe Beispiele davon auffinden, daß der Krone entschlossen und erfolgreich Widerstand geleistet worden sei. Die Tories führten aus alten Schriften fast eben so unterwürfige Ausdrücke an, als die waren, welche man von der Kanzel von Mainwaring herab hörte, und die Whigs entdeckten eben so kühne und strenge Worte, als je von Bradshaw’s Richtersitze ertönten. Eine Partei von Schriftstellern stellte zahlreiche Beispiele von Gelderpressungen auf, die sich Könige ohne Bewilligung des Parlaments erlaubt hatten; andere führten Fälle an, in denen das Parlament sich die Macht angeeignet hatte, den König zu bestrafen. Wer nur die eine Hälfte der Beweise sah, hätte glauben mögen, die Plantagenets seien unumschränkt wie die türkischen Sultane gewesen; wer nur die andere sah, hätte schließen können, daß die Plantagenets eben so wenig wirkliche Macht gehabt, als die Dogen von Venedig, und beide Folgerungen wären gleich weit von der Wahrheit entfernt gewesen.
Natur der beschränkten Monarchien des Mittelalters. [Die] alte englische Verfassung gehörte jener Klasse beschränkter Monarchien an, die im Mittelalter in Westeuropa entstanden, und, mancher Verschiedenheiten ungeachtet, dennoch eine große Familienähnlichkeit unter einander hatten. Eine solche Ähnlichkeit kann nicht befremden. Die Länder, in denen diese Monarchien entstanden, waren Provinzen eines und desselben großen kultivirten Reichs gewesen, das fast gleichzeitig von Stämmen einer und derselben rohen und kriegerischen Nation überfallen und unterjocht worden war. Sie waren ferner Glieder eines und desselben großen Bundes gegen den Islam, und standen mit einer und derselben stolzen und ehrgeizigen Kirche in Gemeinschaft. Ihre Staatsverfassung nahm nun natürlich eine gleiche Form an. Die Institutionen derselben entstammten theils dem kaiserlichen, theils dem päbstlichen Rom, theils dem alten Germanien. Alle hatten Könige, und in allen war die Königswürde nach und nach streng erblich geworden; alle hatten einen Adel mit Vorrechten, die ursprünglich auf militärischen Rang basirt waren. Die Ritterwürde und die Wappenregeln besaßen alle gemeinschaftlich; ebenso hatten alle reich dotirte kirchliche Stiftungen, städtische Korporationen mit ausgedehnten Freiheiten, und Reichsversammlungen, deren Genehmigung zur Gültigkeit vieler öffentlicher Akte erforderlich war.
Hoheitsrechte der frühern englischen Könige. [Von] allen diesen einander ähnlichen Verfassungen ward die englische, schon von einer frühen Zeit an, mit Recht für die beste gehalten. Die Hoheitsrechte des Regenten erstreckten sich unzweifelhaft sehr weit. Der Geist der Religion und des Ritterthums wirkten vereint zur Erhöhung seiner Würde. Das heilige Öl war auf sein Haupt gegossen worden; den tapfersten und edelsten Rittern war es keine Erniedrigung, vor seinen Füßen zu knien. Seine Person war unverletzlich, er allein nur besaß das Recht, die Stände des Reichs zu berufen und nach Belieben zu entlassen, und alle legislativen Handlungen derselben bedurften seiner Zustimmung. Er stand an der Spitze der ausübenden Verwaltung, war das einzige Organ in den Verhandlungen mit auswärtigen Mächten, der Oberbefehlshaber der Land- und See-Macht des Staats, der Quell der Gerechtigkeit, der Gnade und der Ehre. Der Regent besaß weitgreifende Befugnisse zur Regelung des Handels: er hatte das Recht, Münzen schlagen zu lassen, Maaß und Gewicht festzustellen und Märkte und Häfen zu gründen. Seine Rechte als Schirmherr der Kirche waren unermeßlich; seine erblichen Einkünfte, wenn sie sparsam verwaltet wurden, reichten zur Deckung der gewöhnlichen Regierungskosten aus. Der ihm eigenthümliche Grundbesitz hatte eine weite Ausdehnung, und in der Eigenschaft als Oberlehnsherr des gesammten Grund und Bodens seines Königreichs besaß er manches einträgliche und furchtbare Recht, das ihn in den Stand setzte, seine Gegner zu beeinträchtigen und niederzudrücken, Diejenigen aber, die seine Gunst genossen, ohne eigene Kosten zu bereichern und zu erheben.
Beschränkungen der Hoheitsrechte. [Aber] seine Macht, wenn auch weit ausgedehnt, ward dennoch durch drei große verfassungsmäßige Bestimmungen beschränkt, die so alt waren, daß niemand den Beginn ihrer Existenz kennt, und so wirksam, daß ihre natürliche, viele Menschenalter hindurch fortgesetzte Entwickelung die Ordnung der Dinge hervorgebracht hat, unter der wir jetzt leben.
Erstens konnte der König, ohne die Zustimmung seines Parlaments kein Gesetz erlassen; zweitens konnte er ohne die Zustimmung desselben keine Steuern ausschreiben, und drittens war er gehalten, die exekutive Gewalt nach den Landesgesetzen zu üben; verletzte er diese Gesetze, so waren seine Räthe und Beamten verantwortlich.
Kein aufrichtiger Tory wird läugnen können, daß diese Prinzipien vor fünfhundert Jahren die Geltung von Grundgesetzen erlangt hatten; andererseits wird kein ehrlicher Whig behaupten, daß sie in derselben frühen Zeit frei von aller Zweideutigkeit gewesen und in allen ihren Konsequenzen streng durchgeführt seien. Eine Verfassung des Mittelalters ging nicht, wie im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, als selbstständiges Ganze aus einem einzigen Akte hervor, und ward eben so wenig in einer einzigen Urkunde vollständig niedergelegt; nur in dem verfeinerten und spekulativen Zeitalter wird das Staatswesen systematisch geordnet. Der Fortschritt des Staatswesens in ungebildeten Gesellschaften läßt sich mit dem der Sprache und der Verskunst vergleichen. Ungebildete Gesellschaften haben oft eine reiche und kräftige Sprache, aber es fehlt ihnen eine wissenschaftliche Grammatik, die Definition von Haupt- und Zeitwörtern, die Namen für Deklinationen, Modi, Tempora und Laute; sie haben eine Verskunst die oft viel Kraft und Anmuth besitzt; aber sie haben keine Regeln des Versmaßes, und der Minstrel, dessen nur durch das Ohr geregelte Verse die Hörer entzücken, würde selbst nicht angeben können, aus wieviel Dactylen und Trochäen jede seiner Zeilen besteht. Gleich der Beredtsamkeit, die älter als die Syntaxis, und dem Gesange, der älter als die Prosodie ist, kann ein Staat lange zuvor, ehe die Grenzen zwischen der gesetzgebenden, ausübenden und richterlichen Gewalt genau bestimmt sind, einen hohen Grad der Vortrefflichkeit erlangt haben.
So war es in unserm Vaterlande. Zwar war die Grenzlinie der königlichen Gewalt im Allgemeinen ziemlich klar, aber nicht überall mit Genauigkeit und Bestimmtheit angegeben. Deshalb gab es nahe der Grenze einen streitigen Boden, auf dem stets Eingriffe und Zurückerpressungen stattfanden, bis endlich nach Jahrhunderten des Kampfes bestimmte und dauerhafte Grenzmarken errichtet wurden. Es dürfte lehrreich sein, anzugeben, auf welche Weise und bis zu welcher Ausdehnung unsere frühern Regenten die drei großen Grundsätze, welche die Freiheiten des Volks schützten, gewöhnlich zu verletzen pflegten.
Kein englischer König hat je die gesetzgebende Gewalt in ihrem ganzen Umfange beansprucht. Der gewaltthätigste und herrschsüchtigste Plantagenet hat sich nie das Recht angemaßt, ohne die Zustimmung seines großen Rathes anzuordnen, daß eine Jury aus zehn, statt aus zwölf Personen bestehen, daß das Gedinge einer Witwe das Viertheil statt des Drittheils betragen, daß der Meineid als ein Todesverbrechen betrachtet, oder daß der Gebrauch der gleichmäßigen Erbtheilung unter Brüdern in Yorkshire eingeführt werden solle[2]. Aber dem Könige stand das Recht zu, Verbrecher zu begnadigen, und es giebt einen Punkt, wo das Recht der Begnadigung und das Recht der Gesetzgebung in einander zu fließen scheinen und leicht, wenigstens in einer nicht aufgeklärten Zeit, verwechselt werden können. Ein Strafgesetz ist thatsächlich aufgehoben, wenn die durch dasselbe auferlegten Strafen so oft erlassen werden, als sie verwirkt sind. Der Souverain besaß ohne Zweifel die Befugniß, unbeschränkt Strafen zu erlassen; demnach war er befugt, ein Strafgesetz thatsächlich aufzuheben. Es konnte scheinen, als ließe sich kein begründeter Einwand aufstellen, wenn er das, was ihm thatsächlich auszuführen zustand, auch formell ausführen wollte. So entstand an der zweifelhaften Grenze zwischen der vollziehenden und gesetzgebenden Gewalt mit Hilfe spitzfindiger und höfischer Rechtsgelehrten die große Anomalie, die unter dem Namen des Begnadigungsrechts bekannt ist.
Seit undenklichen Zeiten ist es in England unbestritten ein Fundamentalgesetz gewesen, daß der König ohne Bewilligung des Parlamentes Steuern nicht auferlegen könne. Dieses Gesetz befand sich unter den Artikeln, zu deren Unterzeichnung Johann von den Baronen gezwungen wurde. Eduard I. wagte es, diese Bestimmung zu überschreiten; aber er stieß, obgleich er sehr geschickt, mächtig und bei dem Volke beliebt war, auf einen Widerstand, dem nachzugeben er für gut befand. Deshalb gelobte er ausdrücklich für sich und seine Erben, nie wieder ohne Zustimmung und Willfährigkeit der Stände irgend eine Steuer erheben zu wollen. Diesen feierlichen Vertrag versuchte sein mächtiger und siegreicher Enkel zu brechen, aber dem Versuche ward ein kräftiger Widerstand entgegengesetzt. Entmuthigt gaben die Plantagenets endlich diesen Punkt auf; aber wenn sie auch offen das Gesetz nicht mehr verletzten, so wußten sie dennoch durch Umgehung desselben sich vorkommenden Falls zu temporären Zwecken außerordentlich Beihilfe zu verschaffen. Das Eintreiben von Steuern war ihnen nicht erlaubt, aber sie nahmen das Recht in Anspruch, zu bitten und zu borgen; sie baten dann mitunter in einem Tone, der dem des Befehlens nicht unähnlich war, und borgten nicht selten, ohne viel an Rückzahlung zu denken. Aber schon in der Thatsache, daß man für nöthig hielt, diese Erpressungen mit den Namen freiwilliger Steuern und Darlehn zu bemänteln, liegt der genügende Beweis, daß die Gültigkeit der großen verfassungsmäßigen Bestimmung allgemein anerkannt war.
Daß der Grundsatz, „der König von England ist verbunden, das Land den Gesetzen gemäß zu verwalten, und seine Räthe und Beamten sind verantwortlich, wenn er wider das Gesetz handelt,“ schon in einer sehr frühen Zeit festgestellt worden, beweisen die strengen Urtheile, die oft gegen die Günstlinge des Königs erlassen und vollzogen sind; aber dessen ungeachtet ist es auch erwiesen, daß die Plantagenets oft die Rechte einzelner Personen verletzten, nur damit die beeinträchtigten Parteien oft keine Rechtshilfe erlangen konnten. Nach dem Gesetze konnte kein Engländer auf den alleinigen Befehl des Herrschers verhaftet oder gefangen gehalten werden; aber es ist thatsächlich, daß der Regierung mißliebige Personen ohne jede andere Autorität als den königlichen Befehl eingekerkert wurden. Nach dem Gesetze durfte die Folter, die Schmach der römischen Rechtspflege, unter allen Umständen bei keinem englischen Unterthanen angewendet werden; nichtsdestoweniger wurde bei den Wirren des fünfzehnten Jahrhunderts eine Folterbank in dem Tower aufgestellt, und gelegentlich unter dem Vorwande politischer Nothwendigkeit, angewendet. Aus solchen Gesetzwidrigkeiten den Schluß ziehen zu wollen, die englischen Monarchen seien in der Theorie oder Praxis unumschränkt gewesen, würde indeß ein großer Irrthum sein. Wir leben in einer höchst gebildeten bürgerlichen Gesellschaft, in der mittelst der Presse und der Post Nachrichten so reißend schnell verbreitet werden, daß jeder Act grober Rechtsverletzung, in welchem Theile unserer Insel er auch begangen sein mag, in wenig Stunden von Millionen besprochen wird. Wollte jetzt ein englischer Souverain, der Habeas Corpus Acte entgegen, einen Unterthanen einkerkern oder einen Verschwörer auf die Folterbank spannen lassen, die Nachricht davon würde augenblicklich die ganze Nation electrisiren. Im Mittelalter war der Zustand der Gesellschaft ein ganz anderer; selten und nur mit großer Schwierigkeit gelangten die Beeinträchtigungen Einzelner zur Kenntniß des Publikums. Monate lang konnte Jemand gesetzwidrig in dem Schlosse von Carlisle oder Norwich gefangen gehalten werden, ohne daß die leiseste Kunde davon nach London kam; und es ist sehr wahrscheinlich, daß die Folterbank manches Jahr gebraucht worden, ehe die Mehrzahl des Volks auch nur geahnt, daß sie je in Anwendung gebracht. Auch waren unsere Vorfahren durchaus nicht so fest von der Nothwendigkeit überzeugt, große allgemeine Regeln festzuhalten, als wir; denn wir haben aus langer Erfahrung gelernt, daß man irgend eine Verletzung der Verfassung nicht ohne Gefahr unbemerkt könne vorübergehen lassen. Man theilt jetzt allgemein die Ansicht, daß eine Regierung die strenge Rüge des Parlamentes verdiene, wenn sie Vollmachten unnöthigerweise überschreitet; daß sie aber, wenn sie im Drange der Nothwendigkeit und aus reiner Absicht ihre Vollmachten überschritten hat, ohne Verzug das Parlament um nachträgliche Genehmigung angehen müsse. Aber so dachten die Engländer des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts nicht; sie zeigten wenig Neigung, eines Grundsatzes wegen, und nur seiner selbst wegen, zu streiten, oder gegen eine Regelwidrigkeit, die nicht zugleich eine Belästigung war, Beschwerde zu führen. So lange im Allgemeinen die Verwaltung einen milden und volksthümlichen Charakter trug, gestatteten sie ihrem Regenten gern einigen Spielraum; ja sie verziehen ihm nicht nur bei allgemein als gut anerkannten Zwecken eine das Gesetz überschreitende Gewalt, sie zollten ihm auch noch Beifall, und waren, so lange sie unter seiner Regierung sich der Sicherheit und Wohlfahrt erfreuten, nur zu geneigt zu glauben, daß der, den seine Ungunst getroffen, sie auch verdient habe. Aber diese Nachsicht hatte eine Grenze, und der König, der zu viel auf die Langmuth des englischen Volkes baute, handelte nicht weise, denn es gestattete ihm wohl mitunter, die verfassungsmäßige Linie zu überschreiten, aber es beanspruchte dann auch für sich selbst das Recht, über diese Linie hinauszugehen, wenn seine Übergriffe so ernst waren, daß sie Besorgniß erweckten. Wagte er, nicht zufrieden mit der gelegentlichen Bedrückung Einzelner, große Massen zu bedrücken, so riefen seine Unterthanen schleunig die Gesetze an, und war diese Berufung ohne Erfolg, so wandten sie sich eben so schleunig an den Gott der Schlachten.
[2.] Dies hat Hallam im ersten Kapitel seiner constitutional History vortrefflich auseinandergesetzt.
Widerstand, die gewöhnliche Schranke der Tyrannei im Mittelalter. [Die] Engländer durften aber auch ruhig dem Könige einige Übergriffe nachsehen, denn sie besaßen für den Fall der Noth einen Zügel, der den ungestümsten und stolzesten Herrscher bald zur Vernunft brachte, den Zügel der physischen Gewalt. Einem Engländer des neunzehnten Jahrhunderts wird es schwer fallen, sich einen Begriff davon zu machen, wie leicht und schnell vor vierhundert Jahren ein solches Mittel angewendet wurde. Das Volk versteht seit langer Zeit nicht mehr, die Waffen zu gebrauchen. Unsern Voreltern war die Stufe der Vollendung unbekannt, auf der jetzt die Kriegskunst steht, und nur eine besondere Klasse besitzt die Kenntniß derselben. Hunderttausend Mann gut disciplinirter und gut geleiteter Truppen halten Millionen von Bauern und Handwerkern nieder, und einige Regimenter Garden reichen aus, um allen unzufriedenen Geistern einer großen Hauptstadt Furcht einzuflößen. Zugleich läßt aber auch die stete Vermehrung des Wohlstandes dem denkenden Menschen einen Aufstand weit furchtbarer erscheinen, als eine schlechte Regierung. Es sind ja unermeßliche Summen auf Werke verwendet, die bei dem Ausbruche einer Revolution in wenig Stunden zu Grunde gehen würden. Schon die Masse von beweglichen Gütern, die allein in den Läden und Magazinen von London aufgespeichert liegt, übersteigt diejenige fünfhundertmal, welche die ganze Insel zur Zeit der Plantagenets enthielt; stürzte man nun die Regierung durch physische Gewalt, so würden alle diese beweglichen Güter einer drohenden Gefahr der Plünderung und Zerstörung ausgesetzt sein. Aber noch größer wäre die Gefahr für den öffentlichen Credit, mit dem die Existenz Tausender von Familien unmittelbar zusammenhängt, und mit dem der Credit der ganzen Handelswelt unzertrennlich verbunden ist. Man kann ohne Übertreibung behaupten, daß ein Bürgerkrieg, nur eine Woche auf englischem Boden geführt, jetzt ein Unheil erzeugen würde, das vom Hoangho bis zum Missouri sich fühlbar macht und Spuren zurückläßt, die nach einem Jahrhunderte noch sichtbar sind. In einem solchen Zustande der Gesellschaft muß der Widerstand als ein Heilmittel betrachtet werden, das bei weitem verzweifelter ist, als jede Krankheit, die den Staat heimsuchen kann. Zur Zeit des Mittelalters dagegen wandte man den Widerstand als ein gewöhnliches Heilmittel gegen politische Übel an, denn es war ein Mittel, das man stets bei der Hand hatte und, wenn auch für den Augenblick von starker Wirkung, dennoch ohne empfindliche und dauernde Folgen blieb. Wenn ein bei dem Volke angesehener Führer sein Banner für eine volksthümliche Sache erhob, so konnte in einem Tage eine unregelmäßige Armee versammelt sein. Regelmäßige Truppen gab es damals nicht. Jeder war ein wenig Soldat, aber keiner mehr als das. Der Nationalreichthum bestand vorzüglich in Viehherden, in der jährlichen Erndte und in den einfachen, vom Volke bewohnten Gebäuden. Sämmtliche Hausgeräthe, die Vorräthe in den Kaufläden, und die Maschinen des ganzen Reichs waren nicht so viel werth, als das Eigenthum einzelner Kirchspiele unserer Zeit. Das Fabrikwesen war roh, der Credit fast unbekannt. Die Gesellschaft erholte sich daher von der Erschütterung, sobald der sie bewirkende Stoß vorüber war. Das Gemetzel auf dem Schlachtfelde, einige nachfolgende Hinrichtungen und Güterconfiscationen waren sämmtliche Drangsale eines Bürgerkriegs. Eine Woche später trieb der Bauer wieder sein Gespann, und der Edelmann ließ wieder seine Falken über das Feld von Towton oder Bosworth fliegen, als ob kein ungewöhnliches Ereigniß den gewöhnlichen Lauf des menschlichen Lebens unterbrochen hätte.
Es sind nun hundertundsechzig Jahre verflossen, seit das englische Volk gewaltsam eine Regierung gestürzt hat. Während der einhundertundsechzig Jahre vor der Vereinigung der Rosen regierten neun Könige in England. Sechs von diesen neun Königen wurden abgesetzt, und fünf verloren mit der Krone auch das Leben. Hieraus geht klar hervor, daß jeder Vergleich zwischen unserer alten und neuen Staatsform zu völlig unrichtigen Schlüssen führen muß, wenn man die Wirkung des den Plantagenets durch den Widerstand und durch die stete Furcht vor demselben auferlegten Zwanges nicht streng berücksichtigt. Unsere Vorfahren besaßen ein sehr kräftiges Schutzmittel gegen die Tyrannei, das uns fehlt, und deshalb konnten sie ohne Bedenken auf andere Garantien verzichten, denen wir mit Recht die höchste Wichtigkeit beilegen. Da wir aber die Schranke der physischen Gewalt einer schlechten Regierung nicht entgegenstellen können, ohne uns der Gefahr von Übeln auszusetzen, vor denen der Gedanke allein schon zurückbebt, so handeln wir offenbar sehr klug, wenn wir alle verfassungsmäßigen Hinderungsmittel einer solchen Regierung gegenüber stets im Stande der Wirksamkeit erhalten, die Anfänge von Übergriffen eifersüchtig bewachen, und Abweichungen von der Regel, auch wenn sie an und für sich unbedenklich erscheinen, nicht ungerügt hingehen lassen, damit sie nicht die Bedeutung von Präcedenzfällen erhalten. Eine so scharfe Wachsamkeit war vor vierhundert Jahren unnöthig. Ein Volk kühner Bogenschützen und Lanzenträger konnte, ohne große Gefahr für seine Freiheiten, dem Fürsten einige Ungesetzlichkeiten nachsehen, dessen Regierung im Allgemeinen gut und dessen Thron durch keine Compagnie geübter Soldaten beschützt war.
Mag immerhin dieses System in Vergleich mit jenen sorgfältig ausgearbeiteten Verfassungen, an denen die letzten siebzig Jahre so fruchtbar gewesen, roh erscheinen, so erfreuten sich die Engländer dennoch unter demselben eines hohen Maßes von Freiheit und Glück. Obgleich der Staat unter der schwachen Regierung Heinrichs VI. in erster Zeit durch Parteiungen und zuletzt durch den Bürgerkrieg zerrissen wurde; obgleich Eduard IV. ein ausschweifender und herrschsüchtiger Fürst war; obgleich Richard III. als ein Ungeheuer von Schlechtigkeiten geschildert worden ist, und obgleich die Bedrückungen Heinrichs VII. großen Mißmuth erregten: so steht es dennoch fest, daß unsere Vorfahren unter diesen Königen weit besser regiert wurden, als die Belgier unter Philipp, dem man den Beinamen des Guten gegeben, oder als die Franzosen unter jenem Ludwig, den man den Vater seines Volkes nannte. Es scheint selbst, daß unser Vaterland, während die Kriege der Rosen am ärgsten wütheten, sich in einer glücklichern Lage befunden habe, als die benachbarten Reiche in den Jahren tiefen Friedens. Comines war einer der aufgeklärtesten Staatsmänner seiner Zeit; er hatte die reichsten und die gebildeten Theile des Festlandes besucht, hatte in den reichen Städten von Flandern, den Manchesters und Liverpools des fünfzehnten Jahrhunderts, sich aufgehalten, das eben erst durch die Prachtliebe Lorenzo’s neu geschmückte Florenz gesehen, und ebenso Venedig, bevor es durch die Verbündeten von Cambray gedemüthigt war: dieser ausgezeichnete Staatsmann erklärte nach reiflicher Erwägung, daß England von allen Ländern, die er kenne, am besten regiert werde. Die Verfassung desselben bezeichnete er ausdrücklich als ein gerechtes und heiliges Werk, das zugleich dem Volke Schutz, und der Hand des Fürsten, der es achte, wahre Stärke verleihe. Es seien die Unterthanen, sagte er, in keinem andern Lande so sicher vor Unrecht geschützt. Die aus unsern inneren Kriegen hervorgegangenen Drangsale erstreckten sich, nach seiner Ansicht, nur auf den Adel und die kampffähigen Männer; sie hinterließen keine Spuren, als zerstörte Wohnplätze und entvölkerte Städte, wie er sie an andern Orten zu sehen gewohnt war.
Eigenthümlicher Charakter der englischen Aristokratie. [Es] war jedoch die Wirksamkeit der die königlichen Hoheitsrechte beschränkenden Bestimmungen nicht allein, wodurch sich England vor den meisten Nachbarländern vortheilhaft unterschied; das Verhältniß des hohen Adels zu den übrigen Volksklassen war eine gleich wichtige, wenn auch weniger beachtete Eigenthümlichkeit. Es gab zwar eine starke erbliche Aristokratie, aber sie war von allen dergleichen Aristokratien die am wenigsten anmaßende und ausschließende, denn sie besaß nichts von dem gehässigen Charakter einer Kaste, sie nahm fortwährend Glieder aus dem Volke in sich auf, und gab aus ihrer Mitte dem Volke Glieder, die sich mit ihm mischten. Jeder Gentleman konnte ein Peer werden. Der jüngere Sohn eines Peers war nur ein Gentleman, und die Enkel von Peers standen im Range neuernannten Rittern nach. Die Würde des Ritters war Keinem unerreichbar, der durch Fleiß und Sparsamkeit ein ansehnliches Grundstück erworben, oder durch Tapferkeit in einer Schlacht oder Belagerung sich hervorzuthun vermochte. Es gereichte der Tochter eines Herzogs, selbst eines solchen von königlichem Geblüte, nicht zur Unehre, wenn sie einen ausgezeichneten Bürgersmann heirathete. Sir John Howard zum Beispiel heirathete die Tochter des Thomas Mowbray, Herzogs von Norfolk; Sir Richard Pole heirathete die Gräfin von Salisbury, die Tochter des Herzogs Georg von Clarence. Eine edle Abkunft stand zwar in großem Ansehen, aber es gab, zum Glück für unser Vaterland, keinen nothwendigen Zusammenhang zwischen einer edeln Abkunft und den Vorrechten der Peerswürde. Nicht nur das Haus der Lords hatte lange Stammbäume und alte Wappen aufzuweisen, man fand sie auch außer demselben. Es gab Emporkömmlinge mit den höchsten Titeln, aber es gab auch Männer ohne Titel, Nachkommen von Rittern, welche die Reihen der Sachsen bei Hastings durchbrochen oder die Mauern von Jerusalem erstiegen hatten. Es gab Bohun’s, Mowbray’s, de Veres, selbst Verwandte des Hauses Plantagenet, die keinen andern Titel als den des Esquire’s und keine andern bürgerlichen Vorrechte hatten, als die, deren sich jeder Pächter und Krämer erfreute. Eine Grenzlinie welche, wie in andern Ländern, den Patrizier vom Plebejer scheidet, gab es bei uns nicht. Der Freisasse fühlte sich nicht geneigt, unzufrieden auf die Würden zu blicken, die seinen eigenen Kindern erreichbar waren, und der Edelmann von hohem Range fühlte sich nicht versucht, einen Stand mit Verachtung zu behandeln, zu dem seine Kinder hinabsteigen mußten.
Nach den Kriegen der Häuser York und Lancaster wurden die Bande, welche den Adel und das Volk umschlangen, inniger und zahlreicher, als je. Wie groß die durch diese Kriege unter der alten Aristokratie angerichtete Verwüstung war, läßt sich aus einem einzigen Umstande folgern. Im Jahre 1451 berief Heinrich IV. dreiundfünfzig weltliche Lords zum Parlamente; die Zahl der von Heinrich VII. im Jahre 1485 berufenen weltlichen Lords betrug nur neunundzwanzig, und von diesen waren mehrere erst kurz vor der Berufung zur Peerswürde erhoben worden. Im Laufe des folgenden Jahrhunderts wurden die Reihen des hohen Adels stark aus der Gentry ergänzt. Zu dieser heilsamen Vermischung der Stände trug besonders die Verfassung des Hauses der Gemeinen bei. Der abgeordnete Ritter der Grafschaft war das verbindende Glied zwischen dem Baron und dem Krämer. Auf denselben Bänken zwischen Goldschmieden, Tuchhändlern und Gewürzkrämern, welche die Handelsstädte in das Parlament gesandt hatten, saßen auch Mitglieder, die man in jedem andern Lande für Edelleute und Erbgutsherrn erachten würde, denn sie waren berechtigt, Gericht zu halten und Wappen zu führen, und konnten durch viele Generationen zurück ihre ehrenvolle Abstammung verfolgen. Einige von ihnen waren jüngere Söhne und Brüder hoher Lords, andere konnten sich sogar von königlicher Abkunft rühmen. Endlich trat der älteste Sohn eines Earl von Bedford, dem man als Courtoisie den Titel seines Vaters beigelegt, als Bewerber um einen Platz im Hause der Gemeinen auf, und seinem Beispiele folgten andere. Waren die Erben der Großen des Reichs einmal Glieder dieses Hauses, so nahmen sie sich der Privilegien desselben ebenso eifrig an, als irgend einer der Bürger, mit denen sie gemischt waren. So ward schon von frühen Zeiten an unsere Demokratie die am meisten aristokratische, und unsere Aristokratie die am meisten demokratische von der Welt, eine Eigenthümlichkeit, die sich bis zu unsern Tagen erhalten, und manche wichtige moralische und politische Wirkung geäußert hat.
Regierung der Tudors. [Die] Regierung Heinrichs VII., seines Sohnes und seiner Enkel war im Allgemeinen willkürlicher, als die der Plantagenets. Dieser Unterschied läßt sich, bis zu einer gewissen Grenze, aus dem persönlichen Charakter erklären, denn Muth und Willenskraft waren Männern und Frauen des Hauses Tudor gemein. Während eines Zeitraums von einhundertzwanzig Jahren übten sie ihre Macht stets mit Energie, oft mit Gewaltthätigkeit, mitunter selbst mit Grausamkeit aus. Nach dem Beispiele der ihnen vorangegangenen Herrscherfamilie verletzten sie nicht selten die Rechte einzelner Unterthanen, erhoben zuweilen Steuern unter dem Namen von Anleihen und Geschenken, befreieten sich von Straferlassen, und wenn sie auch nie aus eigener Machtvollkommenheit ein bleibendes Gesetz zu geben wagten, so erlaubten sie sich dennoch bei vorkommenden Fällen, wenn das Parlament nicht versammelt war, vorübergehenden Bedürfnissen durch vorübergehende Verfügungen abzuhelfen. Die Bedrückung über einen gewissen Punkt hinauszutreiben, war indeß den Tudors nicht möglich, da sie keine bewaffnete Macht besaßen und von einem bewaffneten Volke umgeben waren. Die Wache des Palastes bestand nur aus wenigen Dienern, welche das Aufgebot einer einzigen Grafschaft oder eines einzigen Distrikts von London leicht hätte überwältigen können. Auf solche Weise wurden diese stolzen Fürsten in stärkere Schranken gehalten, als auferlegte Gesetze zu ziehen vermögen, in Schranken, die sie zwar nicht hinderten, mitunter gegen einen Einzelnen willkürlich und selbst grausam zu verfahren, die aber doch das Volk im Allgemeinen vor dauernden Bedrückungen sicher stellten.
In dem Bereiche ihres Hofes konnten sie zwar gefahrlos als Tyrannen auftreten, aber sie mußten doch stets mit Besorgniß auf die Stimmung des Landes achten. Heinrich VIII. z. B. fand keinen Widerstand, als er Buckingham und Surrey, Anna Boleyn und Lady Salisbury auf das Schaffot bringen wollte; als er aber ohne Bewilligung des Parlamentes den sechsten Theil des Vermögens seiner Unterthanen als Steuer forderte, fand er sich bald genöthigt, davon abzustehen. Hunderte und Tausende riefen, daß sie Engländer und nicht Franzosen, freie Männer und nicht Knechte seien. In Kent mußten die königlichen Kommissäre ihr Leben durch die Flucht retten; in Suffolk griffen viertausend Männer zu den Waffen, während die königlichen Statthalter in dieser Grafschaft vergebens ein Heer zusammenzubringen suchten. Wer sich auch nicht an dem Aufstande betheiligte, erklärte dennoch, daß er in einem solchen Kampfe nicht gegen seine Brüder fechten wolle. So stolz und eigensinnig Heinrich auch war, er mied nicht ohne Grund den Kampf mit dem aufgeregten Geiste der Nation, denn ihm schwebte das Schicksal seiner Vorgänger, die zu Berkeley und Pomfret umgekommen waren, vor Augen. Er widerrief nicht nur seine ungesetzlichen Erlasse, er verzieh nicht nur allen Mißvergnügten; er entschuldigte sich selbst öffentlich und feierlich deswegen, daß er die Gesetze verletzt habe.
Sein Benehmen bei diesem Anlasse bezeichnet die ganze Politik seines Hauses. Die Fürsten dieser Linie besaßen ein hitziges Temperament und einen hochfliegenden Geist, aber sie kannten den Charakter des Volks, das sie regierten, und nie trieben sie, wie manche ihrer Vorgänger und Nachfolger, die Hartnäckigkeit bis zu einem gefährlichen Punkte. Die Tudors handelten stets so besonnen, daß ihre Macht zwar oft Widerstand fand, aber nie gestürzt wurde. Die Herrschaft eines Jeden derselben ward durch starke Ausbrüche der Unzufriedenheit gestört, aber stets gelang es der Regierung, die Aufständischen entweder zu beruhigen, oder sie zu besiegen und zu bestrafen. Durch rechtzeitige Zugeständnisse wußte sie auch mitunter Bürger-Unruhen abzuwenden; in der Regel aber blieb sie fest, und rief die Nation um Hilfe an. Die Nation folgte dem Rufe, sammelte sich um den Herrscher, und machte ihm die Unterwerfung der kleinen Anzahl Mißvergnügter möglich.
Auf diese Weise entwickelte sich die Größe und Blüthe Englands von Heinrichs III. bis zu Elisabeths Zeit unter einer Verfassung, die den Keim zu unsern gegenwärtigen Institutionen in sich trug, und, wenn sie auch nicht genau bestimmt war und streng beobachtet wurde, dennoch durch die Furcht der Regierenden vor dem Geiste und der Kraft der Regierten gegen das Ausarten in Despotismus nachdrücklich geschützt ward.
Eine solche Staatsverfassung paßt indeß nur für ein eigenes Stadium in der Ausbildung der Gesellschaft. Dieselben Ursachen, die in den friedlichen Künsten eine Theilung der Arbeit bewirken, müssen endlich auch den Krieg zu einer besondern Wissenschaft und einem besondern Gewerbe machen. Es kommt eine Zeit, in welcher der Gebrauch der Waffen die volle Aufmerksamkeit eines besondern Standes zu beanspruchen beginnt; es zeigt sich bald, daß noch so tapfere Bauern und Bürger geübten Soldaten gegenüber nicht Stand halten können, Männern, deren ganzes Leben eine Vorbereitung auf den Tag der Schlacht ist, deren Nerven durch das stete Vertrautsein mit der Gefahr abgehärtet sind, und deren Bewegungen die völlige Genauigkeit eines Uhrwerks eigen ist. Man begreift, daß der Schutz von ganzen Nationen nicht länger mehr sicher solchen Streitern anvertraut werden könne, die zu einem vierzigtägigen Feldzuge dem Pfluge oder Webstuhle entnommen sind. Bildet irgend ein Staat ein großes, stehendes Heer, so müssen die Nachbarstaaten dem Beispiele nachahmen, wenn sie sich einem fremden Joche nicht unterwerfen wollen. Wo aber ein großes stehendes Heer vorhanden ist, kann die beschränkte Monarchie nach Art des Mittelalters nicht länger fortbestehen; der Regent ist mit einem Male von der Hauptfessel seiner Macht befreit und wird unvermeidlich absolut, wenn ihm nicht Schranken angewiesen werden, die einer Gesellschaft als überflüssig erscheinen würden, in der Jeder vorkommenden Falls, aber Keiner stets Soldat ist.
Die beschränkten Monarchien des Mittelalters sind allgemein in absolute Monarchien verwandelt. [Mit] der Gefahr kamen auch die Mittel, sich vor ihr zu schützen. In den Monarchien des Mittelalters besaßen die Fürsten die Macht des Schwertes, die Nation aber die Macht des Geldbeutels, und in demselben Maße, wie die fortschreitende Civilisation das Schwert des Fürsten der Nation stets furchtbarer ward, so ward der Geldbeutel der Nation dem Fürsten stets nothwendiger. Die erblichen Einkünfte des Letztern reichten nicht länger für die Kosten der Civilverwaltung aus, und es war völlig unmöglich, daß er ohne ein geregeltes und umfassendes Steuersystem eine große Masse disciplinirter Truppen in steter Thätigkeit erhalten konnte. Die Politik, welche die parlamentarischen Versammlungen Europa’s hätten befolgen müssen, wäre gewesen: fest auf ihr verfassungsmäßiges Recht zu bestehen, wonach ihnen die Bewilligung und das Ablehnen des Geldes zustand, und entschlossen, so lange die Summen für den Unterhalt der Armeen zu verweigern, bis sie hinreichende Bürgschaft gegen Despotismus erlangt hätten.
Nach dieser weisen Politik handelte man nur in unserm Vaterlande; in den benachbarten Königreichen traf man große militärische Einrichtungen, aber man dachte nicht daran, der öffentlichen Freiheit Schutzwehren zu errichten, und hieraus folgte, daß überall die alten parlamentarischen Verfassungen aufhörten. In Frankreich, wo sie stets schwach gewesen, siechten sie hin, bis sie endlich an völliger Schwäche erstarben. In Spanien, wo sie so stark gewesen wie nur irgend in Europa, vertheidigten sie tapfer ihr Leben, aber zu spät. Die Handwerker von Toledo und Valladolid vertheidigten ohne Erfolg die Privilegien der Castilischen Cortes gegen die alten geübten Kriegerhaufen Karls V., und ebenso erfolglos kämpften eine Generation später die Bürger von Saragossa gegen Philipp II. für die alte Verfassung von Aragonien. So sanken die großen Nationalversammlungen der festländischen Monarchien eine nach der andern zu völliger Nichtigkeit herab, Versammlungen, die einst minder stolz und mächtig gewesen, als jene in Westminster. Wenn sie zusammentraten, geschah es nur, um einige ehrwürdige Förmlichkeiten zu beobachten, ungefähr wie jetzt unsere Kirchenversammlungen.
Die englische Monarchie als besondere Ausnahme. [In] England gestalteten sich die Dinge anders. Dieses besondere Glück hat es vorzüglich seiner insularischen Lage zu danken. Für die Würde und selbst für die Sicherheit der französischen und spanischen Monarchien wurden schon vor dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts große militärische Einrichtungen unentbehrlich. Hätte eine dieser beiden Mächte eine Entwaffnung vorgenommen, so würde sie bald dem Übergewichte der andern unterworfen gewesen sein. England aber, durch das Meer vor Angriffen von Außen geschützt und selten in Kriegsunternehmungen auf dem Festlande begriffen, befand sich noch nicht in der Nothwendigkeit, regelmäßige Truppen zu halten. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert fanden es noch ohne stehende Heere. Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts hatte die Staatswissenschaft schon beträchtliche Fortschritte gemacht; das Schicksal der spanischen Cortes und der französischen allgemeinen Reichsstände war unsern Parlamenten eine ernste Mahnung gewesen, und noch zu rechter Zeit, die Natur und Größe der Gefahr vollkommen erkennend, ergriffen sie ein System der Taktik, das nach einem drei Generationen hindurch dauernden Kampfe endlich dennoch den Sieg errang.
Fast jeder Schriftsteller, der von diesem Kampfe geschrieben, ist darzuthun bemüht gewesen, daß die Parthei, der er angehörte, es war, die für die unveränderte Beibehaltung der alten Verfassung kämpfte; aber das Wahre ist, daß die alte Verfassung nicht unverändert beibehalten werden konnte. Ein Gesetz, erhaben über alle Berechnungen menschlicher Weisheit, hat geboten, daß Verfassungen jener besondern Art, wie sie im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte in Europa allgemein gewesen, nicht länger mehr bestehen sollten. Die Frage war also nicht, ob unsere Regierungsform eine Veränderung erleiden, sondern welcher Art diese Veränderung sein müsse. Durch das Erstehen einer neuen und mächtigen Kraft war das alte Gleichgewicht gestört und alle beschränkten Monarchien hatten sich eine nach der andern in unbeschränkte verwandelt. Was an andern Orten geschehen, würde sicher auch bei uns geschehen sein, wenn das Gleichgewicht nicht dadurch hergestellt worden wäre, daß man einen großen Theil der Macht von der Krone auf das Parlament übertrug. Es fehlte nicht viel, so hätten unsern Fürsten Zwangsmittel zu Gebote gestanden, wie kein Plantagenet oder Tudor sie je besessen, und sie wären unvermeidlich Despoten geworden, hätte man ihnen nicht zu gleicher Zeit Beschränkungen auferlegt, denen kein Plantagenet oder Tudor je unterworfen gewesen.
Die Reformation und ihre Wirkungen. [Es] scheint demnach gewiß zu sein, daß das siebzehnte Jahrhundert auch dann nicht ohne heftige Kämpfe zwischen unsern Königen und ihren Parlamenten vorübergegangen wäre, wenn nur politische Gründe sie angefacht hätten; aber andere Ursachen, vielleicht noch gewichtiger, brachten sie hervor. Während die Regierung der Tudors auf dem Gipfelpunkte ihrer Kraft stand, trat ein Ereigniß ein, das den Geschicken aller christlichen Völker, und namentlich dem des englischen Volks, eine neue Richtung gab. Zweimal im Laufe des Mittelalters hatte sich der Geist Europa’s gegen die Herrschaft des Pabstes erhoben. Die erste Erhebung fand im südlichen Frankreich statt. Das kräftige Einschreiten Innocenz’ III., der Eifer der damals erst gestifteten Franziskaner- und Dominikaner-Orden und die Rohheit der Kreuzfahrer, von der Geistlichkeit auf eine unkriegerische Bevölkerung gehetzt, vernichteten die albigensische Kirche. Die zweite Erhebung begann in England, und verbreitete sich bis nach Böhmen; aber auch diesmal gelang es dem Konzil von Kostnitz, indem es einige kirchliche Mißbräuche, an denen die Christenheit Anstoß nahm, beseitigte, und den europäischen Fürsten, indem sie schonungslos mit Feuer und Schwert gegen die Ketzer einschritten, der Bewegung Einhalt zu thun. Auch dies haben wir nicht sehr zu bedauern. Die Sympathien eines Protestanten werden sich natürlich zu den Albigensern und Lollards hinneigen; aber ein gemäßigter und aufgeklärter Protestant wird nach genauer Prüfung doch wohl in Zweifel ziehen, daß der glückliche Erfolg dieser Sekten überhaupt Glück und Tugend der Menschen befördert haben würde. Wie verdorben die römische Kirche damals auch war, so ist es doch wahrscheinlich, daß eine noch viel verdorbenere an ihre Stelle getreten sein würde, wenn sie im zwölften, und selbst im vierzehnten Jahrhunderte noch, gestürzt wäre. Der größte Theil Europa’s besaß in jener Zeit nur wenig Kenntnisse, und die vorhandenen waren Eigenthum der Geistlichkeit. Von fünfhundert Menschen konnte nicht einer die Psalmen lesen; Bücher waren selten und theuer; die Buchdruckerkunst kannte man nicht, und Abschriften der Bibel, bei weitem nicht so schön und deutlich als die, welche der ärmste Landmann sich jetzt gedruckt verschaffen kann, wurden zu Preisen verkauft, die selbst der größte Theil der Geistlichen nicht zu zahlen vermochte. Dem Laienstande war es daher völlig unmöglich, durch eigene Anschauung die heilige Schrift kennen zu lernen. Wäre nun das eine geistige Joch abgeworfen gewesen, so hätte man aller Wahrscheinlichkeit nach ein anderes auferlegt, und die bisher von der römischen Geistlichkeit ausgeübte Gewalt würde auf eine weit schlimmere Klasse von Lehrern übergegangen sein. Mit den übrigen Jahrhunderten verglichen, war das sechzehnte Jahrhundert ein sehr aufgeklärtes; und dennoch folgte in diesem Zeitalter eine große Anzahl derer, welche sich von der alten Religion losgesagt, dem ersten besten verlockenden und scheinheiligen Führer, der sich ihnen darbot, und verfielen bald in noch gefährlichere Irrthümer als die waren, denen sie entsagt hatten. So war es dem Matthias und Knipperdolling, den Aposteln der Unzucht, des Raubes und des Mordes, möglich, eine Zeitlang große Städte zu beherrschen. In einem noch ungebildeten Zeitalter hätten solche falsche Propheten Reiche gründen können, und das Christenthum wäre in einen grausamen und sittenlosen Aberglauben verkehrt worden, schädlicher, nicht nur als das Pabstthum, sondern auch als der Islam.
Jene große religiöse Umwälzung, die man besonders die Reformation nennt, begann ungefähr hundert Jahre nach dem Kostnitzer Konzile. Die Zeit war nun zu Reformationen reif, denn der geistliche Stand besaß nicht mehr allein und hauptsächlich den Schatz menschlichen Wissens. Die Erfindung der Buchdruckerkunst hatte den Gegnern der römischen Kirche eine mächtige Waffe gegeben, die den Vorgängern derselben gefehlt; das Studium der alten Schriftsteller, die rasche Entwickelung der neuen Sprachen, die plötzlich in jedem Zweige der Literatur entfaltete Thätigkeit, der politische Zustand Europas, die Lasterhaftigkeit des römischen Hofes, die Erpressungen der römischen Kanzlei, die Eifersucht, welche die Reichthümer und Privilegien der Geistlichkeit in den Laien erweckten, der Neid, den das Übergewicht Italiens in den diesseits der Alpen Geborenen erregte, — dies Alles gab den Predigern der neuen Gotteslehre einen Vortheil, den sie zweckmäßig zu verwenden wußten.
Man kann ohne Inconsequenz, selbst in Anbetracht des wohlthätigen Einflusses, den die römische Kirche auf die Menschheit ausübte, die Reformation als ein unschätzbares Glück betrachten. Das Gängelband, welches das Kind sichert und aufrecht erhält, ist dem Manne ein Hinderniß. So können dieselben Hilfsmittel, die auf der einen Bildungsstufe den menschlichen Geist stützen und entwickeln, auf einer andern ihm hemmende Bande sein. In der Existenz des Einzelnen wie der Gesellschaften giebt es einen Punkt, wo die Unterwerfung und der Glaube, die man in späteren Zeiten mit Recht Knechtssinn und Leichtgläubigkeit nennen würde, nützliche Eigenschaften sind. Das Kind, das gelehrig und vertrauensvoll auf die Unterweisungen Älterer hört, wird ohne Zweifel rasche Fortschritte machen; der Mann aber, der unbedenklich und mit kindlicher Gelehrigkeit jede Behauptung und jede Glaubensansicht eines andern und nicht klügern Mannes als er, annimmt, würde verächtlich erscheinen. Ebenso ist es mit ganzen Gesellschaften. Die Kindheit der europäischen Nationen verfloß unter der Vormundschaft der Geistlichkeit. Der Einfluß der geistlichen Orden war lange Zeit so überwiegend, wie es naturgemäß und mit Recht jede geistige Autorität sein muß. Die Priester, mit allen ihren Fehlern, bildeten den aufgeklärtesten Theil der Gesellschaft; es war daher im Ganzen genommen ein Glück, daß man ihnen gehorchte und sie achtete. Die Übergriffe der kirchlichen Macht in das Gebiet der weltlichen war so lange mehr segenbringend als schädlich, als sich die geistliche Gewalt in den Händen der einzigen Klasse befand, die Geschichte, Philosophie und öffentliches Recht studirt hatte, die weltliche Gewalt aber in den Händen roher Häuptlinge, die ihre eigenen Verleihungen und Erlasse nicht lesen konnten. Dies änderte sich jedoch; die Kenntnisse verbreiteten sich nach und nach unter den Laien, von denen schon im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts viele in geistiger Beziehung den aufgeklärtesten ihrer Seelenhirten gleich kamen. Von nun an wurde jene Autorität, welche ungeachtet mancher Mißbräuche in den Jahrhunderten der Finsterniß eine gesetzliche und heilsame Vormundschaft gewesen, eine ungerechte und verderbliche Tyrannei.
Von der Zeit an, wo die Barbaren das weströmische Reich stürzten, bis zu der Zeit des Wiederemporblühens der Wissenschaften übte die römische Kirche im Allgemeinen auf Wissenschaft, Civilisation und eine gute Staatsverfassung einen heilsamen Einfluß aus; aber während der letzten drei Jahrhunderte ist es ihr Hauptbestreben gewesen, die Entwickelung des menschlichen Geistes zu hindern. Alle Fortschritte in der Christenheit, in Wissen, Freiheit, Wohlstand und in den Künsten des Lebens, sind ungeachtet ihres Entgegenwirkens gemacht worden und haben stets zu ihrer Macht im entgegengesetzten Verhältnisse gestanden. Die schönsten und fruchtbarsten Provinzen Europa’s sind unter ihrer Herrschaft in Armuth, politische Knechtschaft und geistige Erstarrung versunken, während protestantische Länder, die einst als unfruchtbar und barbarisch sprichwörtlich waren, durch Geschicklichkeit und Fleiß in Gärten verwandelt wurden, und sich einer langen Reihe von Helden, Staatsmännern, Philosophen und Dichtern rühmen. Man kann sich ein Urtheil über die Tendenzen der päpstlichen Herrschaft bilden, wenn man weiß, was Italien und Schottland von Natur sind und vor vierhundert Jahren wirklich waren, und wenn man jetzt die Gegend um Rom mit der um Edinburg vergleicht. Das Herabsinken Spaniens, einst die erste unter den Monarchien, zu der untersten Stufe der Erniedrigung, und das Emporsteigen Hollands, ungeachtet mancher natürlichen Hindernisse, zu einer Höhe, wie sie kein Gemeinwesen von so geringer Ausdehnung je erreicht hat, beweisen dasselbe. Wer in Deutschland aus einem katholischen Lande in ein protestantisches, in der Schweiz aus einem katholischen in einen protestantischen Kanton, und in Irland aus einer katholischen in eine protestantische Grafschaft kommt, gewahrt, daß er von einem niedern Grade der Civilisation bei einem höhern Grade angelangt ist. Dieselben Resultate findet man jenseits des atlantischen Meeres. Die Protestanten der Vereinigten Staaten haben die Katholiken in Mexico, Peru und Brasilien weit hinter sich gelassen. Die Katholiken von Unter-Canada verharren in ihrer Trägheit; die Protestanten aber erfüllen den ganzen Kontinent um sich her durch Thätigkeit und Unternehmungsgeist. Die Franzosen haben ohne Zweifel Energie und Intelligenz an den Tag gelegt, die ihnen, selbst wenn sie in unrechte Bahnen geleitet wurden, gerechten Anspruch auf den Namen einer großen Nation geben; aber bei näherer Untersuchung wird sich diese scheinbare Ausnahme dennoch als eine Bestätigung der Regel bewähren, denn in keinem Lande, das für römisch-katholisch galt, hat die römisch-katholische Kirche mehrere Generationen hindurch so wenig in Ansehen gestanden, als in Frankreich.
Ob England mehr der römisch-katholischen Religion oder der Reformation verdankt, ist schwer zu bestimmen. Die Vermischung der Volksstämme und die Abschaffung der Leibeigenschaft ist vorzüglich ein Ergebniß des Einflusses, den der Clerus des Mittelalters auf den Laienstand ausübte; die politische und geistige Freiheit hingegen, sammt allen mit ihnen verbreiteten Segnungen, dankt England hauptsächlich der großen Erhebung des Laienstandes gegen die Geistlichkeit.
Der Kampf zwischen der alten und neuen Glaubenslehre in unserm Vaterlande war ein langer, und der Ausgang desselben schien mitunter zweifelhaft. Es gab zwei extreme Parteien, gleich bereit, mit Gewalt zu handeln, oder mit unbeugsamer Festigkeit zu dulden. Zwischen diesen beiden Parteien befand sich eine Zeitlang eine dritte, welche zwar sehr unlogisch, aber dennoch sehr natürlich die in der Kindheit erhaltenen Lehren mit den Predigten der neuern Evangelisten vermischt und, obgleich mit Vorliebe an den alten Observanzen hangend, dennoch die mit diesen Observanzen verknüpften Mißbräuche verabscheute. Leute von solcher Denkart folgten willig, fast dankbar, den Anleitungen eines tüchtigen Führers, der ihnen die Mühe ersparte, selbst zu urtheilen und, mit starker, fester Stimme das Lärmen des Streitens übertönend, ihnen sagte, wie sie Gott verehren und was sie glauben müßten. Es kann uns daher nicht befremden, daß die Tudors einen so großen Einfluß auf die kirchlichen Angelegenheiten auszuüben vermochten, und daß sie diesen Einfluß meistens nur in ihrem eigenen Interesse geltend machten.
Heinrich VIII. versuchte eine anglikanische Kirche zu gründen, die sich von der römisch-katholischen in dem Punkte des Supremats, und nur in diesem Punkte allein unterschied; der Erfolg war ein außerordentlicher. Seine Energie des Charakters, seine besonders günstige Stellung zu fremden Mächten, die ungeheuren Reichthümer, welche durch die Beraubung der Klöster ihm zufielen, und vorzüglich der Beistand aller Derer, die zwischen beiden Meinungen schwankten, machten es ihm möglich, beiden Extremen zu trotzen, die Anhänger der Lehren Luthers als Ketzer verbrennen und die als Verräther hängen zu lassen, welche die Autorität des Papstes anerkannten. Aber Heinrichs System starb mit ihm. Wenn er länger gelebt hätte, würde es ihm schwer geworden sein, eine Stellung zu behaupten, die von den Anhängern der neuen und der alten Meinungen mit gleicher Wuth angegriffen wurde. Die Minister, denen die Bewahrung der königlichen Hoheitsrechte während der Minderjährigkeit seines Sohnes anvertraut war, konnten es nicht wagen, in einer so kühnen Politik zu verharren, und eben so wenig unternahm es Elisabeth, zu ihr zurückzukehren. Es mußte nothwendig eine Wahl getroffen werden: Die Regierung hatte sich entweder Rom zu unterwerfen, oder die Hilfe der Protestanten zu erwirken, mit denen sie nur das Eine, den Haß gegen die päpstliche Gewalt, gemein hatte. Die englischen Reformatoren waren eifrig bemüht, eben so weit zu gehen, als ihre Brüder auf dem Continente; einmüthig verdammten sie mehrere Glaubenssätze und Gebräuche als unchristlich, an denen Heinrich hartnäckig gehalten, und die Elisabeth nur mit Widerstreben aufgab. Selbst gegen gleichgültige Dinge, die einen Theil der Verfassung oder des Rituals des mystischen Babylon gebildet hatten, hegten viele von ihnen einen lebhaften Widerwillen. Bischof Hooper, der in Gloucester muthig für seinen Glauben starb, weigerte sich lange Zeit, die bischöflichen Gewänder anzulegen. Bischof Ridley, ein noch berühmterer Märtyrer, ließ die alten Altäre seiner Diöcese niederreißen und an Tafeln, die in der Mitte der Kirche aufgestellt und von den Papisten sehr unehrerbietig Austernbänke genannt wurden, das heilige Abendmahl austheilen. Bischof Jewel nannte die geistliche Tracht ein Theaterkleid, einen Narrenanzug, ein Überbleibsel von den Amonitern, und versprach, Alles aufzubieten, um solche schmähliche Absurditäten auszurotten. Erzbischof Grindal zögerte lange, die Mitra anzunehmen, weil er Widerwillen gegen die Weihe hegte, die er als eine Mummerei betrachtete. Bischof Parkhurst sprach in einem inbrünstigen Gebet aus, die Kirche von England möge sich die von Zürich als absolutes Vorbild einer christlichen Verbrüderung nehmen. Bischof Ponet wollte, daß man die Benennung „Bischof“ den Papisten überlassen und die höchsten Beamten der geläuterten Kirche Superintendenten nennen sollte. Erwägt man nun, daß alle diese Prälaten nicht der äußersten Richtung der protestantischen Partei huldigten, so kann man unbezweifelt annehmen, daß das Werk der Reformation in England ebenso schonungslos würde betrieben worden sein als in Schottland, wenn man allgemein der Richtung dieser Partei gefolgt wäre.
Ursprung der Kirche von England. [In] demselben Maße aber, wie die Regierung des Beistandes der Protestanten bedurfte, so bedurften die Protestanten des Schutzes der Regierung. Man gab deshalb viel von beiden Seiten auf, es kam eine Vereinigung zu Stande, und die Frucht dieser Vereinigung war die Kirche von England. Viele der wichtigsten Begebenheiten, die sich seit der Reformation in unserm Vaterlande zugetragen haben, sind den Eigenthümlichkeiten dieser großen Institution und den heftigen Leidenschaften zuzuschreiben, die sie in den Gemüthern von Freunden und Feinden erweckt. Die weltliche Geschichte Englands wird uns völlig unklar bleiben, wenn wir sie nicht im steten Zusammenhange mit der Geschichte seiner Kirchenverfassungen studiren.
Der Mann, der am thätigsten bei der Feststellung der Bedingungen jenes Bündnisses wirkte, aus dem die anglikanische Kirche entstand, war Thomas Cranmer. Er war der Repräsentant beider Parteien, die damals des gegenseitigen Beistandes bedurften; er war Theolog und Staatsmann zugleich. Als Theolog zeigte er sich völlig bereit, die Bahn der Änderung eben so weit zu verfolgen, als irgend ein schweizerischer oder schottischer Reformator; als Staatsmann aber strebte er danach, die Organisation zu bewahren, die Jahrhunderte lang den Zwecken der römischen Bischöfe so treffliche Dienste geleistet hatte, und von der zu erwarten stand, daß sie jetzt den Zwecken der englischen Könige und der Minister derselben eben so ersprießlich sein würde. Sein Charakter und sein Verstand befähigten ihn vollkommen zu dem Amte des Vermittlers. Fromm in seinen Worten, ohne Scrupel in seinen Handlungen, im Grunde für nichts begeistert, kühn in der Theorie, ein Feigling und Mantelträger bei der Ausführung, ein versöhnlicher Feind und ein lauer Freund, besaß er alle Eigenschaften, welche zur Aufstellung der Vertragsbedingungen zwischen den religiösen und weltlichen Feinden des Papismus erforderlich waren.
Ihr eigenthümlicher Charakter. [Noch] heute zeigt die Kirche in Verfassung, Lehren und gottesdienstlichen Gebräuchen die sichtbaren Spuren des Vergleichs, aus dem sie hervorging; sie ist ein Mittelding zwischen den Kirchen von Rom und Genf. Ihre von Protestanten verfaßten Bekenntnisse und Abhandlungen stützen sich auf theologische Grundsätze, an denen Calvin und Knox kaum ein Wort zu tadeln gehabt hätten. Ihre aus den alten Brevieren entnommenen Gebete und Danksagungen sind fast alle der Art, daß Bischof Fisher oder der Cardinal Pole sie aus Herzensgrunde hätten mitbeten können. Ein Polemiker, der ihre Artikel und Homilien im arminianischen Sinne auslegt, wird bei billigdenkenden Männern eben so wenig Recht erhalten, als der, der läugnen wollte, daß in ihrer Liturgie die Lehre von der Wiedergeburt durch die Taufe zu finden sei.
Die römische Kirche hielt immer noch fest, daß die Bischofswürde eine göttliche Einsetzung, und gewisse übernatürliche hohe Gaben fünfzig Generationen hindurch von den elf, die auf dem galiläischen Berge ihre Ämter empfangen, durch Handauflegen auf die Bischöfe übergegangen seien, die in Trient sich versammelten. Eine große Anzahl Protestanten aber hielt die Prälatur geradezu für ungesetzlich, und glaubte in der heiligen Schrift eine ganz andere Form des kirchlichen Regimentes ausgesprochen zu finden. Die Gründer der anglikanischen Kirche schlugen einen Mittelweg ein, indem sie das Episkopat zwar beibehielten, aber den Einfluß desselben auf das Gedeihen einer christlichen Gesellschaft oder die Wirksamkeit der Sakramente für unwesentlich erklärten. Cranmer selbst sprach bei einer wichtigen Gelegenheit als seine Überzeugung aus, daß es in den ersten christlichen Zeiten keinen Unterschied zwischen Bischöfen und Priestern gegeben habe, und daß das Händeauflegen völlig unnütz sei.
In der presbyterianischen Kirche ist die Leitung des öffentlichen Gottesdienstes größtentheils den Geistlichen überlassen. Ihre Gebete sind deshalb in zwei Versammlungen an einem Tage oder in einer Versammlung an verschiedenen Tagen nicht dieselben. In dieser Gemeinde sind sie inbrünstig, beredt und sinnreich; in jener vielleicht matt und absurd. Die Priester der römisch-katholischen Kirche hingegen haben schon seit Jahrhunderten tagtäglich dieselben alten Glaubensbekenntnisse, Bitten und Danksagungen, in Indien wie in Lithauen, in Irland wie in Peru, abgesungen. Der in einer todten Sprache abgehaltene Gottesdienst ist nur den Gelehrten verständlich, und von der großen Mehrzahl der versammelten Gemeinde kann man sagen, daß sie demselben mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer beiwohnen. Aber auch hier schlug die englische Kirche wieder den Mittelweg ein, indem sie die römisch-katholischen Gebetsformen beibehielt, sie in die Volkssprache übersetzte und die ungelehrte Menge aufforderte, ihre Stimme mit der des Priesters zu vereinigen.
Dieselbe Politik läßt sich durch alle ihre Systeme verfolgen. Sie verwarf zwar die Lehre von der Transsubstantiation, und verdammte jede Anbetung des Brodes und Weines beim Abendmahle als einen Götzendienst; aber sie verlangte dennoch, zum Ärgerniß der Puritaner, daß ihre Kinder das Erinnerungszeichen göttlicher Liebe demüthig kniend empfangen sollten. Sie beseitigte zwar die reichen Bekleidungen, welche die Altäre des alten Glaubens umgaben; aber das einfache weißleinene Gewand, das Sinnbild der Reinheit, die ihr als der mystischen Braut Christi zukomme, behielt sie, zum Schrecken schwacher Gemüther, bei. Sie schaffte zwar eine Menge pantomimischer Bewegungen ab, die bei dem römisch-katholischen Gottesdienste verständliche Worte vertreten, aber sie gab doch manchem strengen Protestanten dadurch Anstoß, daß sie das eben aus dem Taufsteine besprengte Kind mit dem Zeichen des Kreuzes segnete. Der römische Katholik betete zu einer Menge Heiliger, unter denen sich Männer von zweifelhaftem, sogar einige von gehässigem Charakter befanden; der Puritaner weigert sich, selbst den Apostel der Heiden, den Jünger, den Jesus liebte, „heilig“ zu benennen. Obgleich die Kirche von England kein geschaffenes Wesen um Schutz anflehte, so setzte sie doch besondere Tage zur Gedächtnißfeier an die fest, die für den Glauben Großes gewirkt und gelitten hatten. Die Confirmation und die Ordination behielt sie als erbauliche Gebräuche bei, aber sie zählte sie nicht zu den Sakramenten. Die Ohrenbeichte gehörte nicht in ihr System; aber sie forderte den sterbenden Sünder freundlich auf, seine Vergehen einem Geistlichen zu bekennen, und ermächtigte ihre Diener, die scheidende Seele durch eine Absolution zu erleichtern, welche ganz den Geist des alten Glaubens athmet. — Man kann im Allgemeinen sagen, sie wendet sich mehr an den Verstand und weniger an die Sinne und die Phantasie, als die römische Kirche; aber sie nimmt weniger den Verstand und mehr die Sinne und die Phantasie in Anspruch, als die protestantischen Kirchen von Schottland, Frankreich und der Schweiz.
Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand. [Nichts] jedoch unterschied die englische Kirche so sehr von andern Kirchen, als ihr Verhältniß zur Monarchie. Der König war ihr Haupt. Die Grenzen der Macht, die er als ein solches besaß, waren nicht genau angegeben, und sind auch nie genau angegeben worden. Die Gesetze, durch die er zum Oberherrn der Kirche ernannt, waren unbestimmt und zu allgemeinen Ausdrücken abgefaßt. Prüfen wir, um den Sinn dieser Gesetze genau zu deuten, die Schriften und das Leben der Gründer der englischen Kirche, so werden wir in noch größere Verlegenheit gerathen, denn diese schrieben und wirkten in einer Zeit großer geistigen Gährung, in einer Zeit steten Strebens und Gegenstrebens. Sie standen daher nicht nur untereinander, sondern oft auch mit sich selbst im Widerspruch. Der Lehrsatz, daß der König nächst Christus das alleinige Haupt der Kirche sei, wurde von Allen einmüthig anerkannt; aber diesen Worten wurde von Verschiedenen, selbst von Einem und Demselben unter verschiedenen Umständen, eine sehr verschiedene Bedeutung beigelegt. Man schrieb dem Souverain nicht selten eine Gewalt zu, mit der sich ein Hildebrand zufrieden erklärt haben würde; dann wieder ward sie dergestalt eingeschränkt, daß sie nicht viel größer war als jene, welche alte englische Fürsten beanspruchten, die stete Gemeinschaft mit der römischen Kirche gepflogen hatten. Das, was Heinrich und seine vertrauten Räthe unter Suprematie verstanden, war nichts Geringeres, als die ganze Macht des Papstes; der König sollte der Papst seines Reiches, der Stellvertreter Gottes, der Ausleger der katholischen Wahrheit, der Ausfluß der sakramentlichen Gnaden sein. Er maßte sich die rechtsgültige Entscheidung über wahre Lehre und Ketzerei an, das Entwerfen und Anordnen von Glaubensbekenntnissen, und religiöse Unterweisungen für das Volk. Er erklärte, daß alle geistliche und weltliche Gerichtsbarkeit ihm allein zustehe, und daß er die Macht besitze, die bischöfliche Würde zu verleihen und zurückzunehmen; er ging selbst so weit, daß er den Bestallungsdekreten der Bischöfe, wonach diesen ihre Amtsverrichtungen nur auf so lange übertragen wurden, als er es für gut befinden würde, sein Siegel beifügte. Nach diesem, von Cranmer aufgestellten Systeme, war der König nicht nur das geistliche, sondern auch das weltliche Oberhaupt der Nation, und in dieser doppelten Eigenschaft mußte er seine Stellvertreter haben. Wie er bürgerliche Beamte zur Bewahrung seiner Siegel, zur Erhebung seiner Einkünfte und zur Ausübung des Rechts in seinem Namen bestellte, so ernannte er auch Geistliche verschiedenen Ranges, um das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu ertheilen; das Auflegen der Hände war dabei nicht nöthig. Nach Cranmer’s klar und deutlich ausgesprochener Meinung konnte der König, kraft seiner ihm von Gott verliehenen Gewalt, einen Priester bestellen, und der so bestellte Priester bedurfte keiner weitern Ordination. Trotz der Opposition einiger eben nicht höfisch ggesinnten Geistlichen, verfuhr Cranmer nach diesen Ansichten in allen ihren gesetzlichen Consequenzen; er hielt seine eigenen geistlichen Funktionen für beendet, wie die des Kanzlers und des Schatzmeisters, sobald die Krone auf ein anderes Haupt übergehe. — Demnach holten, bei Heinrichs Tode, der Erzbischof und seine Suffragane neue Bestallungen ein, die sie ermächtigten, so lange zu ordiniren und geistliche Verrichtungen vorzunehmen, bis der neue Monarch anders verfügen würde. Als man den Einwand machte, die Gewalt zu lösen und zu binden, die der Herr seinen Aposteln verliehen, sei von der weltlichen Gewalt ganz verschieden, so antworteten die Theologen dieser Schule, daß die Macht zu lösen und zu binden nicht auf die Geistlichkeit allein, sondern auf die Gesammtheit der Christen übergegangen sei und von der höchsten Obrigkeit, als der Repräsentantin der Gesellschaft, geübt werden müsse. Dem Einwande, der heilige Paulus habe nur von bestimmten Personen gesprochen, die der heilige Geist zu Aufsehern und Hirten der Gläubigen erwählt, ward mit der Antwort begegnet: König Heinrich sei eben der Aufseher und Hirt, den der heilige Geist erwählt habe, und auf den sich die Worte des heiligen Paulus bezögen.[3]
Diese ausgedehnten Ansprüche erregten bei Protestanten und Katholiken gleiches Ärgerniß, und dies ward ein noch größeres, als das Supremat, das Maria dem Papste zurückgegeben, bei der Thronbesteigung Elisabeths mit der Krone wieder verbunden wurde. Man hielt es für unerhört, daß eine Frau der erste Bischof der Kirche sein solle, in der, nach dem Verbote des Apostels, sie nicht einmal ihre Stimme hören lassen dürfe. Die Königin sah sich daher genöthigt, auf den priesterlichen Charakter, den ihr Vater sich beigelegt, und der nach Cranmer’s Ansicht durch göttliche Verordnung mit der königlichen Würde unzertrennlich verbunden sei, ausdrücklich Verzicht zu leisten. Bei der unter ihrer Regierung stattgefundenen Revision des anglikanischen Glaubensbekenntnisses erklärte man das Supremat in einer ganz andern Weise, als es an Heinrich’s Hofe zu geschehen pflegte. Cranmer hatte in bestimmten Ausdrücken erklärt, Gott habe den christlichen Fürsten die ganze Sorge für das Heil aller Unterthanen, also ebensowohl in Bezug auf die Ausübung des göttlichen Wortes in der Seelsorge, als in Bezug auf die Ausübung der staatlichen Gewalt, unmittelbar übertragen.[4] Der siebenunddreißigste Religionsartikel, der unter Elisabeths Regierung entworfen ward, erklärt in eben so bestimmten Ausdrücken, daß den Fürsten die Aufsicht über die Ausübung des göttlichen Wortes nicht gebühre. Aber dessen ungeachtet besaß die Königin immer noch ein ausgedehntes und unbestimmt begrenztes Aufsichtsrecht über die Kirche. Das Parlament hatte ihr das Amt übertragen, Ketzereien und jede Art kirchlicher Mißbräuche zu verhindern und zu bestrafen, und ihr zugleich gestattet, diese Gewalt wiederum auf Bevollmächtigte übergehen zu lassen. Die Bischöfe waren nicht mehr, als ihre Minister. Im elften Jahrhundert würde die römische Kirche eher ganz Europa in Brand gesetzt haben, als daß sie der bürgerlichen Macht die unumschränkte Befugniß zur Ernennung geistlicher Hirten zugestanden hätte. In unserer Zeit würden die Diener der schottischen Kirche ihre Pfründen bei Hunderten aufgeben, ehe sie der bürgerlichen Obrigkeit die Gewalt einräumten, Kirchendiener zu ernennen. Solche Scrupel hegte die englische Kirche nicht. Die königliche Autorität allein genügte, die Kirchenversammlungen einzuberufen, zu ordnen, zu vertagen und aufzulösen. Ihre Beschlüsse hatten ohne die königliche Sanction keine Kraft. Selbst einer ihrer Glaubensartikel bestimmte, daß ein kirchliches Koncilium ohne königliche Genehmigung gesetzlich nicht zusammentreten könne. Von allen ihren Gerichtsstellen konnte man in letzter Instanz an die königliche Autorität appelliren, selbst wenn es sich um die Feststellung ketzerischer Ansichten, oder um die Gültigkeit eines ausgetheilten Sakramentes handelte. Eben so wenig mißgönnte die Kirche unsern Fürsten diese ausgedehnte Gewalt, die von ihnen in’s Leben gerufen, in ihrer schwachen Kindheit gepflegt, hier vor den Papisten und dort vor den Puritanern bewahrt, gegen ihr abgeneigte Parlamente geschützt, und an gelehrten Gegnern, denen zu antworten ihr schwer gefallen wäre, gerächt worden war. So ward sie durch Dankbarkeit, Hoffnung, Furcht und gemeinsame Neigung und Abneigung an den Thron gefesselt; alle ihre Traditionen und Gefühle waren monarchisch. Loyalität wurde unter ihrer Geistlichkeit zu einem Punkte der Standesehre, zu einem Zeichen, das sie von Calvinisten und Papisten zugleich unterschied. Calvinisten und Papisten, obgleich in andern Beziehungen uneinig, betrachteten alle Eingriffe der weltlichen Macht in das Gebiet der geistlichen mit großer Eifersucht. Calvinisten wie Papisten behaupteten, daß die Unterthanen berechtigt seien, gegen gottvergessene Regenten das Schwert zu ziehen. In Frankreich trotzten Calvinisten Karl IX., Papisten Heinrich IV., und beide Parteien zusammen Heinrich III. In Schottland nahmen Calvinisten Maria gefangen; im Norden vom Trent schwangen Papisten die Waffen gegen Elisabeth. Die Kirche von England aber verdammte Calvinisten und Papisten, und rühmte sich offen, daß sie keine Pflicht beharrlicher und dringender einschärfe, als die des Gehorsams gegen die Fürsten.
Die Vortheile, welche der Krone aus dieser innigen Vereinbarung mit der Staatskirche erwuchsen, waren zwar groß, aber nicht ohne starke Schattenseiten. Eine große Zahl Protestanten hatte den durch Cranmer vermittelten Vergleich schon anfangs für eine Erfindung gehalten, um zweien Herren zu dienen, und für einen Versuch, den Dienst des Herrn mit dem des Baal zu vereinigen. Unter Eduard VI.. hatten die Scrupel dieser Partei dem regelmäßigen Gange der Regierung mehreremal große Hindernisse bereitet, und bei der Thronbesteigung Elisabeths mehrten sich diese Hindernisse. Gewalt gebiert natürlich Gewalt.
[3.] Siehe eine merkwürdige Schrift, die Stryve als von Gardiners eigener Hand verfaßt hält: Ecclesiastical Memorials, Buch I. Kap. 17.
[4.] Dies sind Cranmer’s eigene Worte. Siehe den Anhang zu Burnets History of the Reformation, Part I. Book III. No. 21. Question 9.
Die Puritaner. [Nach] den von Maria verübten Grausamkeiten war der Geist des Protestantismus viel heftiger und unduldsamer, als zuvor. Viele eifrige Anhänger der neuen Glaubensmeinungen waren in jener schlimmen Zeit nach der Schweiz und nach Deutschland geflüchtet, hatten dort bei ihren Glaubensbrüdern gastliche Aufnahme gefunden, zu den Füßen der großen Doctoren von Straßburg, Zürich und Genf gesessen, und waren einige Jahre hindurch an einen einfachen Gottesdienst und eine demokratischere Form der Kirchenverwaltung gewöhnt, als in England bis dahin existirt hatte. Diese Leute kehrten mit der Überzeugung in ihr Vaterland zurück, daß die unter König Eduard stattgehabte Reform nicht so gründlich und umfassend gewesen sei, als es die Interessen einer reinen Religion erforderten. Ihre Bemühungen, von Elisabeth irgend ein Zugeständniß zu erlangen, blieben ohne Erfolg. Es schien ihnen, daß das System der Letztern in allem, worin es sich von dem ihres Bruders unterschied, schlechter sei, als jenes; sie waren wenig geneigt, sich in Glaubensangelegenheiten irgend einer menschlichen Autorität zu unterwerfen. Auf ihre eigene Auslegung der Schrift bauend, hatten sie sich erst kürzlich gegen eine Kirche erhoben, deren Stärke in großem Alter und in der allgemeinen Anerkennung beruhte; nur durch einen ungewöhnlichen Aufwand geistiger Kraft war es ihnen gelungen, das Joch dieses glänzenden und imponirenden Aberglaubens abzuwerfen, und es stand daher nicht zu erwarten, daß sie unmittelbar nach einer solchen Emanzipation sich geduldig einer neuen geistigen Tyrannei fügen würden. Lange gewöhnt, die Angesichter wie vor einem gegenwärtigen Gotte zur Erde zu neigen, wenn der Priester die Hostie erhob, hatten sie die Messe als ein götzendienerisches Possenspiel betrachten gelernt; lange gewöhnt, den Papst als den Nachfolger des ersten der Apostel, als den Bewahrer der Schlüssel von Erde und Himmel zu betrachten, hatten sie gelernt, in ihm das Thier, den Antichrist und den Mann der Sünde zu sehen. Daß sie nun die Huldigung, die sie dem Vatican entzogen, unmittelbar auf eine neu geschaffene Autorität übertragen, daß sie ihr eigenes Urtheil der Autorität einer Kirche unterordnen, die sich ebenfalls nur auf individuelles Urtheil gründete, und daß sie sich scheuen würden, von Lehren abzuweichen, die selbst von dem, was noch kürzlich der allgemeine Glaube der westlichen Christenheit gewesen, abwich, ließ sich nicht erwarten. Es ist leicht zu begreifen, daß kühne und forschende Geister, triumphirend über die neu errungene Freiheit, höchst entrüstet sein mußten, wenn eine um manches Jahr jüngere Institution als sie selbst, eine Institution, die unter ihren eigenen Augen nach und nach ihre Form von den Leidenschaften und den Interessen des Hofes erhalten, das hochmüthige Wesen Rom’s nachzuahmen begann.
Ihr republikanischer Geist. [Da] man diese Leute nicht überzeugen konnte, beschloß man, sie zu verfolgen, und die Verfolgung äußerte ihre natürlichen Wirkungen: sie fand in ihnen eine Sekte, und machte daraus eine Partei. Mit ihrem Hasse gegen die Kirche verband sich nun auch der Haß gegen die Krone. Diese beiden Gefühle vermischten sich, indem eines die Bitterkeit des andern vermehrte. Die Meinungen der Puritaner über das gegenseitige Verhältniß zwischen Herrscher und Beherrschten waren von denen weit verschieden, die in den Homilien eingeschärft wurden. Die beliebtesten Theologen derselben hatten durch Wort und Beispiel zum Widerstande gegen Tyrannen und Verfolger ermuthigt; die calvinistischen Genossen in Frankreich, Holland und Schottland hatten die Waffen gegen götzendienerische und grausame Regenten ergriffen, und die Ansichten derselben über Staatsregierung nahmen die Färbung der Ansichten von der Kirchenregierung an. Einige von den Sarkasmen, die das Volk im gemeinen Leben gegen die Geistlichkeit richtete, konnten leicht auf das Königthum gerichtet werden, und manche der Gründe, durch die man bewies, daß die geistliche Gewalt am besten durch eine Synode ausgeübt werde, führten anscheinend auch zu dem Schlusse, daß die weltliche Gewalt am besten in einem Parlamente bewahrt sei.
Wie nun der Priester der Staatskirche aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft den königlichen Vorrechten ein eifriger Verfechter war, so stand der Puritaner aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft ihnen feindlich entgegen. Die mißvergnügten Sektirer hatten eine ausgedehnte Macht, in jedem Stande fanden sie Anhänger, und unter den handeltreibenden Klassen der Städte sowie unter den kleinen Grundbesitzern auf dem Lande die meisten.
Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine systematische parlamentarische Opposition. [Schon] in den ersten Regierungsjahren Elisabeths bildeten diese Sektirer die Majorität in dem Hause der Gemeinen, und wenn unsere Vorfahren damals ihre ganze Aufmerksamkeit auf die innern Angelegenheiten hätten richten können, so unterliegt es keinem Zweifel, daß der Streit zwischen der Krone und dem Parlamente sofort begonnen haben würde. Damals aber war keine Zeit für innere Zwistigkeiten. Es steht überhaupt in Frage, ob selbst die festeste Vereinigung aller Klassen im Staate die gemeinsame Gefahr, die ihnen drohte, hätte abwenden können. Das römisch-katholische und das reformirte Europa führten einen Kampf auf Leben und Tod. Frankreich, mit sich selbst im Kriege begriffen, konnte für einige Zeit in der Christenheit nicht in Betracht gezogen werden. Die englische Regierung stand an der Spitze des protestantischen Interesses, und während sie im Lande die Presbyterianer verfolgte, ließ sie den presbyterianischen Kirchen im Auslande einen kräftigen Schutz angedeihen. An der Spitze der Gegenpartei stand der mächtigste Fürst jener Zeit, ein Fürst, der Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Ost- und West-Indien beherrschte, dessen Armeen mehr als einmal Paris bedrohten, und dessen Flotten die Küsten von Devonshire und Sussex in Furcht hielten. Lange hatte es den Anschein, daß die Engländer auf eignem Boden einen verzweifelten Kampf um Religion und Unabhängigkeit zu bestehen haben würden, und von der Befürchtung eines argen Verrathes im eignen Lande waren sie keinen Augenblick frei, denn damals war es auch für viele edle Charaktere ein Gewissens- und Ehrenpunkt geworden, das Vaterland der Religion zu opfern. Eine Reihe schwarzer Pläne, von Römisch-Katholischen gegen das Leben der Königin und die Existenz der Nation ausgebrütet, hielt die Gesellschaft in steter Besorgniß. Mag immerhin Elisabeth ihre Fehler gehabt haben, es ist dennoch klar, daß, nach menschlichem Ermessen, das Schicksal des Reichs und aller reformirten Kirchen von der Sicherheit ihrer Person und von dem Glücke ihrer Regierung abhing. Es war daher die erste Pflicht eines Patrioten und Protestanten, die Autorität derselben zu kräftigen, und diese Pflicht ward treulich erfüllt. Selbst in der Nacht der Kerker, wohin Elisabeth sie gesendet hatte, beteten die Puritaner mit ungeheuchelter Inbrunst, daß die Königin vor dem Dolche des Meuchelmörders geschützt bleiben, daß der Aufruhr zu ihren Füßen niedergeworfen werden, und ihre Waffen zu Wasser und zu Lande siegreich sein mögen. Einer der hartnäckigsten Anhänger jener hartnäckigen Sekte, dem der Scharfrichter eine Hand abhauen mußte, weil er sich durch seinen maßlosen Eifer zu einem Vergehen hatte hinreißen lassen, schwenkte unmittelbar nach der Exekution mit der ihm gebliebenen Hand seinen Hut und rief: Gott erhalte die Königin! Das Gefühl, das diese Leute bei ihrem Anblicke beseelte, ist auf die Nachkommen übergegangen, und die Nonconformisten, obgleich sie von ihr sehr streng behandelt wurden, haben in der Gesammtheit stets ihr Andenken ehrend bewahrt.[5]
Zeigten sich, während des größern Theils ihrer Regierung, die Puritaner im Hause der Gemeinen mitunter auch widersetzlich, so versuchten sie doch nie, in einer systematischen Opposition ihr entgegenzutreten. Als aber durch die Niederlage der Armada, den glücklichen Widerstand der Vereinigten Niederlande gegen die spanische Macht, die Befestigung des Thrones Heinrichs IV. von Frankreich und durch den Tod Philipps II. Staat und Kirche gegen alle Gefahr von Außen gesichert war, begann sofort im Innern ein hartnäckiger Kampf, der mehrere Generationen hindurch dauern sollte.
[5.] Der puritanische Geschichtsschreiber Neal, nachdem er ihre Härte gegen die Sekte getadelt, der auch er angehörte, sagt schließlich: Die Königin Elisabeth wird trotz dieser Makel in der Geschichte eine weise und staatskluge Fürstin bleiben, denn sie befreite ihr Königreich von den Bedrängnissen, in denen es sich bei ihrem Regierungsantritte befand, und schützte die protestantische Reformation, nach außen hin, gegen die mächtigen Angriffe des Papstes, des Kaisers und des Königs von Spanien, im Innern gegen die der Königin von Schottland und ihrer papistischen Unterthanen. Sie war der Ruhm des Zeitalters, in dem sie lebte, und wird die Bewunderung der Nachwelt sein. — History of the Puritans, Part I. Chap. VIII.
Monopolfrage. [In] dem Parlamente von 1601 lieferte die Opposition, die seit vierzig Jahren im Stillen Kräfte gesammelt und gespart hatte, ihre erste große Schlacht, und gewann ihren ersten Sieg. — Der Boden war gut gewählt. Die englischen Souveraine sind stets mit der obersten Leitung der Handelspolizei betraut gewesen; sie besaßen das unantastbare Recht der Münz-, Gewicht- und Maß-Regulirung, der Bestimmung der Messen, Märkte und Häfen. Die Grenzlinie ihrer Autorität in Handelsangelegenheiten war, wie gewöhnlich, sehr undeutlich gezeichnet; wie gewöhnlich machte sie daher Übergriffe in das Gebiet, das verfassungsmäßig der Gesetzgebung angehörte. Diese Übergriffe wurden, wie gewöhnlich, so lange geduldig ertragen, bis sie einen ernsten Charakter annahmen. Als endlich die Königin sich anmaßte, dutzendweis Patente zu Monopolen zu ertheilen, daß es kaum noch eine Familie im Reiche gab, die sich nicht über Bedrückungen und Erpressungen, die natürlich aus diesem Mißbrauche entstehen mußten, zu beklagen hatte; als Eisen, Öl, Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Garn, Felle, Leder und Glas mit übermäßig hohen Preisen bezahlt werden mußten — da versammelte sich das Haus der Gemeinen in einer sehr zornigen und entschlossenen Stimmung, und umsonst tadelte eine höfisch gestimmte Minderzahl den Sprecher, daß er die Handlungen der königlichen Hoheit in Frage stellen lasse. Die starke und drohende Sprache der mißvergnügten Partei fand in der Stimme der ganzen Nation ihren Wiederhall. — Ein wüthender Volkshaufen umtobte den Wagen des ersten Ministers der Krone, verwünschte die Monopole, und rief aus, es dürfte nicht geduldet werden, daß die königlichen Hoheitsrechte die alten Freiheiten Englands antasteten. Einen Augenblick schien es, als ob die lange und ruhmreiche Regierung Elisabeths ein schmähliches, unglückliches Ende nehmen solle. Mit bewunderungswürdiger Klugheit und Fassung lehnte die Königin aber den Streit ab, stellte sich an die Spitze der reformirten Partei, entsprach den erhobenen Beschwerden, dankte den Gemeinen in einer ergreifenden und würdigen Ansprache für die eifrige Sorge um das öffentliche Wohl, gewann sich die Herzen des Volks wieder, und hinterließ ihren Nachfolgern ein denkwürdiges Beispiel von dem Verhalten eines Herrschers öffentlichen Bewegungen gegenüber, denen Widerstand zu leisten nicht möglich ist.
Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein und desselben Reichs. [Im] Jahre 1603 starb die große Königin. In vielen Beziehungen ist dieses Jahr eine der wichtigsten Epochen unserer Geschichte. Schottland und Irland wurden damals wieder mit England vereinigt. Beide Länder waren zwar von den Plantagenets zur Unterwerfung gebracht, aber keines derselben hatte sich geduldig dem Joche gefügt. Schottland hatte mit heldenmüthiger Ausdauer seine Unabhängigkeit wieder erkämpft, war seit der Zeit des Robert Bruce ein besonderes Königreich gewesen, und ward nun mit dem südlichen Theile der Insel dergestalt vereinigt, daß sein Nationalstolz mehr befriedigt, als verletzt wurde. Irland hatte seit der Zeit Heinrichs II. nie die fremden Eroberer vertreiben können, obgleich es lange und heftig gegen sie gekämpft. Während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts war die englische Macht auf dieser Insel stets gesunken, und in den Tagen Heinrichs VII. war sie bis zu dem niedrigsten Punkte gelangt. Die irischen Besitzungen dieses Fürsten bestanden nur aus den Grafschaften Dublin und Louth, einigen Theilen von Meath und Kildare, und aus einigen an der Küste zerstreut liegenden Seehäfen. Der größte Theil von Leinster selbst war noch nicht in Grafschaften eingetheilt. Munster, Ulster und Connaught standen unter kleinen souverainen Fürsten, die theils Celten, theils ausgeartete Normannen waren, ihren Ursprung vergessen, und celtische Sprache und Sitten angenommen hatten. Während des sechzehnten Jahrhunderts aber war die englische Macht wieder bedeutend gewachsen. Die halbwilden Häuptlinge, die jenseits der Grenzpfähle regierten, hatten sich einer nach dem andern den Statthaltern der Tudors unterworfen. Wenig Wochen vor Elisabeths Tode ward endlich durch Mountjoy die Eroberung vollendet, die Strongbow vor mehr als vierhundert Jahren begonnen hatte. Jakob I. hatte kaum den Thron bestiegen, als die letzten O’Donnell und O’Neill, die bisher in dem Range unabhängiger Fürsten gestanden, zu Whitehall seine Hand küßten. Von da an gewannen seine Erlasse in Irland Geltung, seine Richter hielten dort überall ihre Assisen, und das englische Gesetz trat an die Stelle der Gebräuche, die unter den eingeborenen Stämmen geherrscht hatten.
Schottland und Irland waren an Umfang einander fast gleich, und beide zusammen ziemlich so groß wie England; aber sie hatten eine weit geringere Bevölkerung und standen ihm an Wohlstand und Civilisation nach. Schottland war durch die Unfruchtbarkeit seines Bodens zurückgeblieben, und auf Irland ruhete noch immer, obgleich rings von Licht umgeben, die starre Finsterniß des Mittelalters.
Mit Ausnahme der celtischen Stämme, die dünn zerstreut die Hebriden und die gebirgigen Theile der nördlichen Grafschaften bewohnten, war die Bevölkerung Schottlands von demselben Blute wie die Englands, sie redete dieselbe Sprache, die sich von dem reinsten Englisch nicht mehr unterschied, als sich die Dialekte von Somersetshire und Lancashire von einander unterschieden. Die Bevölkerung Irlands dagegen war, mit Ausnahme der kleinen englischen Kolonie unfern der Küste, celtisch, und bewahrte noch immer celtische Sprache und Sitte.
Zu der Zeit ihrer Verbindung mit England zeichneten sich beide Nationen durch angeborenen Muth und durch Intelligenz aus. In Ausdauer, Selbstbeherrschung, Vorsicht, kurz in allen Eigenschaften, die im Leben Erfolge sichern, sind die Schotten nie übertroffen worden. Die Iren hingegen zeichneten sich durch Eigenschaften aus, die mehr interessant als glücklich machen. Ein feuriges und ungestümes Volk, waren sie leicht zum Weinen und zum Lachen, zur Wuth und zur Liebe zu bewegen. Von den Nationen des nördlichen Europa’s besaßen sie allein die Empfänglichkeit, die Lebhaftigkeit und die natürlichen Anlagen zur Pantomime und Redekunst, die man unter Küstenbewohnern des mittelländischen Meeres heimisch findet. In geistiger Bildung stand Schottland unbestreitbar höher. War es auch damals das ärmste Königreich in der Christenheit, so wetteiferte es dennoch in jedem Zweige des Wissens mit den begünstigtesten Ländern. Schotten, deren Wohnung und Nahrung so elend waren, wie die der Isländer zu unserer Zeit, schrieben eben so schöne lateinische Verse als Vida, und machten wissenschaftliche Entdeckungen, die einem Galilei zum Ruhme gereicht haben würden. Irland hatte sich keines Buchanan oder Napier zu rühmen; das Genie, mit dem die Urbewohner desselben reich begabt waren, gab sich nur in Balladen kund, die obgleich roh und rauh, dem Kennerauge Spenser’s dennoch eine schöne, reine Poesie zu enthalten schienen.
Schottland bewahrte seine ganze Würde, als es zu einem Theile der britischen Monarchie umgeschaffen wurde. Nachdem es den englischen Waffen Generationen hindurch muthigen Widerstand geleistet hatte, ward es mit seinem überlegenen Nachbar unter den ehrenvollsten Bedingungen vereinigt.
Es gab einen König, anstatt einen zu empfangen; es behielt seine eigene Verfassung und seine eigenen Gesetze, und seine Gerichtshöfe und Parlamente blieben von denen zu Westminster völlig unabhängig. Die Verwaltung Schottland’s lag in schottischen Händen, denn es fühlte sich kein Engländer geneigt, nach dem Norden auszuwandern, um mit dem schlauesten und beharrlichsten aller Stämme um das zu ringen, was sich in der ärmsten Schatzkammer zusammenraffen ließ. Dagegen strömten schottische Abenteurer nach dem Süden, wo sie auf allen Lebensbahnen zu einem Glücke gelangten, das zwar großen Neid erregte, im Allgemeinen aber nur der gerechte Lohn der Klugheit und des emsigen Fleißes war. Dessen ungeachtet erlag Schottland dem Geschicke, dem ein jedes Land, das mit einem andern an Hilfsquellen reichern zwar verbunden, ihm aber nicht einverleibt wird, unterworfen ist. War es auch dem Namen nach ein unabhängiges Königreich, so ward es doch länger als ein Jahrhundert in vielen Beziehungen nur wie eine unterjochte Provinz behandelt.
Irland ward offen als ein durch das Schwert erkämpftes Besitzthum regiert. Die rohen National-Institutionen existirten nicht mehr; die englischen Kolonisten unterwarfen sich den Bestimmungen des Mutterlandes, ohne dessen Schutz sie nicht bestehen konnten, und suchten Ersatz darin, daß sie das Volk, unter dem sie sich niedergelassen, mit Füßen traten. — Das Parlament, das in Dublin zusammentrat, konnte ohne vorhergegangene Genehmigung des englischen Geheimen-Raths kein Gesetz erlassen; die Autorität der englischen Legislatur erstreckte sich über Irland. Die ausführende Verwaltung war Männern anvertraut, die entweder England selbst oder dem englischen Bezirke entnommen worden, und in beiden Fällen wurden diese von der celtischen Bevölkerung als Fremde, selbst als Feinde betrachtet.
Aber noch ist des Umstandes zu erwähnen, der die Verschiedenheit Irlands und Schottlands tiefer als ein anderer begründete: Schottland war protestantisch. Die Erregung des Volksgeistes gegen die römisch-katholische Kirche hatte sich in keinem andern Theile Europa’s so rasch und heftig gezeigt. Die Reformatoren hatten ihre götzendienerische Herrscherin besiegt, abgesetzt und eingekerkert; nicht einmal auf einen Vergleich, wie er in England abgeschlossen, wollten sie eingehen. Sie hatten die Lehre, die Kirchenzucht und den Gottesdienst der Calvinisten eingeführt, und machten zwischen Papstthum und Prälatur, zwischen der Messe und dem allgemeinen Gebetbuche wenig Unterschied. Zu Schottlands Unglück war der Fürst, den es zur Regierung eines schönern Erblandes aussandte, durch die Hartnäckigkeit, mit der die schottischen Theologen die Privilegien der Synode und der Kanzel gegen ihn behauptet, der von den Schotten geliebten Kirchenverfassung so abhold geworden, als es seine weibische Natur nur irgend zuließ; und kaum hatte er den englischen Thron bestiegen, so begann er einen unduldsamen Eifer für das Regiment und Ritual der englischen Kirche an den Tag zu legen.
Die Iren waren das einzige Volk in dem nördlichen Europa, das der alten Religion treu geblieben. Dies ist zum Theil dem Umstande beizumessen, daß sie ihren Nachbarn an Kenntnissen um einige Jahrhunderte nachstanden. Aber auch andere Ursachen hatten mitgewirkt. Die Reformation war nicht minder eine rationelle, als eine moralische Erhebung, nicht nur ein Aufstand der Laien gegen die Geistlichkeit, sondern auch aller Zweige des großen germanischen Stammes gegen Fremdherrschaft gewesen. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß keine große Gesellschaft, deren Sprache nicht deutschen Ursprungs, je zum Protestantismus übergetreten ist, und daß überall, wo man eine Sprache redet, die von der des alten Rom abstammt, die Religion des neuern Rom bis auf diesen Tag die vorherrschende geblieben. Der Patriotismus der Iren hatte eine eigene Richtung genommen; — sie waren nicht auf Rom, sondern auf England erbittert, und hatten besondere Gründe die englischen Fürsten zu hassen, welche die Häupter des großen Schisma gewesen: Heinrich VIII. und Elisabeth. Religiöse und nationale Begeisterung waren während des fruchtlosen Kampfes, den zwei Generationen milesischer Fürsten gegen die Tudors unterhalten hatten, in den Gemüthern des besiegten Volksstammes auf das Innigste verschmolzen. Der neue Hader zwischen Protestanten und Papisten fachte den alten zwischen Sachsen und Celten an. Die englischen Eroberer vernachlässigten dabei alle gesetzlichen Bekehrungsmittel; man sorgte weder für Lehrer, die der besiegten Nation sich verständlich machen konnten, noch für eine Übersetzung der Bibel in die ersische Sprache. Die Regierung begnügte sich mit der Einsetzung einer ausgedehnten Hierarchie protestantischer Erzbischöfe, Bischöfe und Rectoren, die nichts thaten, und für ihr Nichtsthun mit dem Raube bezahlt wurden, den man an einer von der großen Masse des Volks geliebten und verehrten Kirche verübte.
Sowohl in den Zuständen Schottlands als auch Irlands gab es Manches, das in einem scharfblickenden Staatsmann peinliche Besorgnisse zu erregen geeignet war. Einstweilen jedoch war ein Anschein von Ruhe da, denn alle britischen Inseln waren zum ersten Male friedlich unter einem Scepter vereinigt.
Man würde glauben können, der Einfluß Englands auf die europäischen Nationen hätte von dieser Epoche an bedeutend zunehmen müssen. Das Gebiet, das sein neuer König beherrschte, hatte fast den doppelten Umfang von dem, welches Elisabeth geerbt, und kein Reich der Welt war so in sich abgeschlossen, so vor Angriffen gesichert, als das seinige. Die Plantagenets und Tudors hatten sich wiederholt gegen Schottland vertheidigen müssen, während sie auf dem Festlande in Kriege verwickelt waren, und der lange Kampf in Irland hatte ihren Hilfsquellen einen empfindlichen und andauernden Abzug bewirkt; doch selbst unter so ungünstigen Verhältnissen hatten sich diese Fürsten einer hohen Achtung in der ganzen Christenheit zu erfreuen gehabt. Deshalb war nicht grundlos zu erwarten, daß England, Schottland und Irland vereint hätten einen Staat bilden müssen, der keinem andern seiner Zeit nachstände.
Verminderung des Einflusses Englands nach der Thronbesteigung Jakobs I. [In] allen diesen Erwartungen wurde man jedoch arg getäuscht. Von dem Tage der Thronbesteigung Jakobs I. an sank unser Vaterland von der Höhe herab, in der es sich bis dahin gehalten, und man begann es als eine Macht kaum zweiten Ranges zu betrachten. Unter vier auf einander folgenden Fürsten aus dem Hause Stuart war die große britische Monarchie viele Jahre hindurch kaum ein wichtigeres Glied in dem europäischen Staatensysteme, als das kleine Königreich Schottland zuvor gewesen. Dies ist jedoch nicht zu bedauern. Man kann von Jakob I. wie von Johann sagen, daß seine Regierung, wäre sie tüchtig und glänzend gewesen, ohne Zweifel unserm Vaterlande Unheil gebracht hätte, und daß wir seinen Schwächen und Jämmerlichkeiten mehr verdanken, als der Weisheit und Kraft viel besserer Regenten. Er kam in einem kritischen Augenblicke zur Regierung. Der Zeitpunkt, wo entweder der König absolut werden, oder das Parlament die ganze ausführende Gewalt unter seine Autorität stellen mußte, rückte schnell heran. Wäre Jakob I. ein tapferer, thätiger und staatskluger Regent gewesen wie Heinrich IV., Moritz von Nassau oder wie Gustav Adolph, hätte er sich an die Spitze der Protestanten Europa’s gestellt, hätte er große Siege über Tilly und Spinola erfochten, Westminster mit der Beute aus baierischen Klöstern und flamländischen Kathedralen geschmückt, hätte er österreichische und castilianische Fahnen in der St. Paulskirche aufgehängt und sich, nachdem er große Thaten ausgeführt, an der Spitze von fünfzigtausend tapfern, disciplinirten Truppen, die seiner Person treu anhingen, befunden — das englische Parlament wäre bald nichts mehr als ein Name gewesen. Zum Glück war er nicht der Mann, der eine solche Rolle spielen konnte. Er begann seine Regierung damit, daß er dem Kriege, der viele Jahre lang zwischen England und Spanien gewüthet hatte, ein Ende machte, und von da an vermied er Feindseligkeiten mit einer Vorsicht, welche der Hohn seiner Nachbarn und das Geschrei seiner Unterthanen nicht zu erschüttern vermochten. Selbst der vereinigte Einfluß seines Sohnes, seines Günstlings, seines Parlaments und seines Volkes konnte ihm bis zu seinem letzten Lebensjahre nicht bewegen, den geringsten Schritt zur Vertheidigung seiner Familie und seiner Religion zu thun. Für die, welche er regierte, war es gut, daß er in dieser Beziehung ihren Wünschen kein Gehör gab. Seine friedliche Politik brachte die Wirkung hervor, daß die Vertheidigung unserer Insel immer noch der Miliz anvertraut blieb, während Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und Deutschland von gemietheten Soldaten wimmelten.
Die Lehre vom göttlichen Rechte. [Da] der König kein stehendes Heer besaß und nicht einmal versuchte, ein solches zu bilden, so hätte er klug gethan, jeden Konflikt mit dem Volke zu vermeiden. Aber seine Unbedachtsamkeit war so groß, daß er nicht nur die Mittel, die ihn allein wahrhaft unumschränkt machen konnten, versäumte, sondern daß er auch stets in der verletzendsten Weise Ansprüche machte, an die keiner seiner Vorgänger auch nur im Traume gedacht hatte. Damals tauchten jene seltsamen Theorien auf, welche Filmer später in ein System brachte und der heftigsten Klasse von Tories und Hochkirchenmännern zur Loosung wurden. Man behauptete in vollem Ernste, daß das höchste Wesen die erbliche Monarchie, im Gegensatze zu andern Regierungsformen, besonders wohlgefällig betrachte; daß das Gesetz der Erbfolge nach der Ordnung der Erstgeburt eine göttliche Einrichtung, und älter als die christliche Religion, selbst als die mosaische Gesetzgebung sei; daß keine menschliche Macht, selbst die der ganzen gesetzgebenden Gewalt, keine Dauer unrechtmäßigen Besitzes, und wenn sie zehn Jahrhunderte ausmache, dem gesetzlichen Fürsten seine Rechte rauben könne; daß seine Gewalt nothwendig stets despotisch sei; daß die das Hoheitsrecht beschränkenden Gesetze, sowohl in England wie in andern Ländern, nur eine vom Souverain freiwillig ertheilte Concession sei, die er nach Belieben zurückziehen könne; und daß endlich jeder Vertrag, den der König mit seinem Volke abschließt, nur eine Erklärung seiner augenblicklichen Absichten und nicht eine Verbindlichkeit sei, deren Erfüllung gefordert werden könne. Obwohl diese Theorie die Grundlagen der Regierung befestigen sollte, so ist es doch augenscheinlich, daß sie nur dazu beitrug, sie völlig wanken zu machen. Ließ das göttliche und unabänderliche Gesetz der Erstgeburt Frauen zu, oder schloß es dieselben aus? In der einen wie in der andern Voraussetzung wären die Hälfte der europäischen Regenten Usurpatoren, die trotz der Befehle des Himmels regierten und von den rechtmäßigen Erben außer Besitz gebracht werden könnten. Diese widersinnigen Theorien fanden keine Begründung in dem alten Testamente, denn wir lesen darin, daß das auserwählte Volk getadelt und bestraft ward, weil es einen König haben wollte, und daß es später den Befehl erhielt, ihm den Gehorsam zu verweigern. Die ganze Geschichte jenes Volks unterstützt nicht nur die Ansicht von der göttlichen Einsetzung des Erstgeburtsrechts nicht, sie scheint vielmehr anzudeuten, daß der Himmel die jüngern Brüder unter seinen besondern Schutz genommen habe. Isaak war nicht der älteste Sohn Abrahams, Jakob nicht der Isaaks, Juda nicht der Jakobs, David nicht der Isais, Salomon nicht der Davids. In den Ländern, wo die Vielweiberei herrscht, wird die Altersordnung unter den Kindern selten streng beobachtet. Durch die Stellen des neuen Testamentes, welche die Regierung als eine Anordnung Gottes bezeichnen, ward Filmers System eben so wenig unterstützt, denn die Regierung, unter der die Autoren des neuen Testaments lebten, war keine erbliche Monarchie. Die römischen Kaiser waren vom Senate ernannte Magistratspersonen, und keiner derselben behauptete, kraft des Rechtes der Geburt zu regieren; [A]weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen Regierungstheorie nach faktisch Usurpatoren[A]. Im Mittelalter würde man die Lehre vom unveräußerlichen Erbrechte für ketzerisch gehalten haben, denn sie war mit den großen Ansprüchen der römischen Kirche völlig unvereinbar. Auch den Gründern der englischen Kirche war sie unbekannt. Die Homilie über die vorsätzliche Empörung hatte den Gehorsam gegen die eingesetzte Obrigkeit kräftig, und wahrlich zu kräftig, eingeprägt; aber sie machte weder zwischen erblichen und Wahlmonarchien, noch zwischen Monarchien und Republiken einen Unterschied. Die meisten Vorgänger Jakobs würden gewißlich aus persönlichen Beweggründen der patriarchalischen Regierungstheorie abgeneigt gewesen sein. Wilhelm der Rothe, Heinrich I., Stephan, Johann, Heinrich IV., Heinrich V., Heinrich VI., Richard III. und Heinrich VII., alle hatten regiert, ohne sich an die strenge Ordnung der Erbfolge zu kehren. Über die Legitimität Maria’s und Elisabeths schwebte ein ernster Zweifel ob. Daß Katharina von Aragonien und Anna Boleyn beide rechtmäßige Frauen Heinrichs VIII. gewesen, war unmöglich, und die höchste Autorität des Reichs hatte beide Fälle geleugnet. Die Tudors betrachteten das Erbfolgegesetz so wenig als eine göttliche unantastbare Einsetzung, daß sie stets daran zu ändern suchten. Heinrich VIII. erlangte einen Parlamentsbeschluß, wonach er ermächtigt war, testamentarisch über die Krone zu verfügen, und wirklich machte er auch zum Nachtheile der königlichen Familie von Schottland ein Testament. Eduard VI. nahm sich, ohne Ermächtigung vom Parlamente, ein ähnliches Recht, und die bedeutendsten Reformatoren billigten es. Elisabeth, überzeugt, daß ihr eigener Rechtsanspruch ernsten Anfechtungen ausgesetzt war, und nicht geneigt, ihrer Nebenbuhlerin und Feindin, der Königin von Schottland, auch nur das Recht der Anwartschaft zu belassen, wußte das Parlament zur Beschließung eines Gesetzes zu bewegen, wonach Jeder, der die Befugniß des regierenden Herrschers, mit Genehmigung der Reichsstände die Thronfolge zu ändern, anfechten würde, den Tod des Verräthers erleiden solle. Aber die Lage Jakobs war eine ganz andere, als die Elisabeths. Wenn auch an Fähigkeiten ihr nachstehend, und weniger bei dem Volke beliebt, wenn auch von den Engländern als ein Fremder betrachtet und durch das Testament Heinrichs VIII. vom Throne ausgeschlossen, war der König von Schottland dennoch der unzweifelhafte Erbe Wilhelms des Eroberers und Egberts. Deshalb hatte er ein naheliegendes Interesse, wenn er die abergläubische Ansicht einschärfte, die Geburt verleihe Rechte, die über dem Gesetze ständen, und das Gesetz könne diese Rechte nicht ändern. Diese Ansicht war übrigens seinem Verstande und seinem Charakter entsprechend, auch fand sie nicht nur bald viel Vertheidiger unter denen, die um seine Gunst buhlten, sondern machte auch schnelle Fortschritte unter den Geistlichen der Staatskirche.
So wurden die Ansprüche des Monarchen gerade in der Zeit, wo sich im Parlamente und im Lande der republikanische Geist stark zu regen begann, so ausgedehnt, daß sie selbst dem hochfahrendsten und eigenmächtigsten seiner Vorgänger auf dem Throne mißfallen haben würden.
Jakob rühmte sich stets seiner Fertigkeit in dem, was er Königskunstgriff nannte; und doch läßt sich kaum ein Verfahren denken, das allen Regeln der Kunst eines Herrschers so zuwider wäre, als das seine. Weise Regenten haben stets die Politik befolgt, Handlungen der Gewalt unter populären Formen zu verbergen. Augustus und Napoleon schufen auf diese Weise absolute Monarchien, indeß die Volksmenge sie nur für hervorragende Bürger hielt, denen man zeitweilig die höchste Gewalt übertragen. Die Politik Jakobs stand zu der dieser beiden Männer im schroffsten Gegensatze. Er reizte und beunruhigte seine Parlamente durch die wiederholte Erklärung, daß sie ihre Privilegien nur so lange als es ihm beliebe besäßen, und daß sie eben so wenig die Rechtmäßigkeit seiner eigenen Handlungen als die der Gottheit zu beurtheilen befugt seien. Und dennoch beugte er sich ihnen, gab einen Minister nach dem andern ihrer Rache preis, und ließ sich durch sie zu Handlungen bewegen, die seinen Lieblingswünschen durchaus nicht entsprachen. Der Unwille über seine Ansprüche wuchs gleichzeitig mit der Verachtung, die seine Zugeständnisse erregten. Seine Vorliebe für unwürdige Günstlinge und die Nachsicht mit der Tyrannei und Raubsucht derselben erhielten die Unzufriedenheit beständig wach; seine Feigheit, sein kindisches Wesen, seine Pedanterie, das Widrige in Person und Manieren und seine provinzielle Sprache machten ihn zum Gegenstande des Gespötts. Selbst in seinen Vorzügen und Talenten zeigte sich stets das Unkönigliche. In dem Verlaufe seiner Regierung verloren alle jene ehrwürdigen Ideenverbindungen, die so lange die Stütze des Thrones gewesen, nach und nach ihre Kraft. Seit zweihundert Jahren waren alle Herrscher Englands, mit Ausnahme des unglücklichen Heinrich VI., charakterfeste, stolze, muthige und wirklich fürstliche Männer gewesen, und fast alle hatten mehr als gewöhnliche Fähigkeiten besessen; es war daher kein bedeutungsloser Umstand, daß gerade am Vorabend des entscheidenden Kampfes zwischen unsern Regenten und ihren Parlamenten das Königthum stammelnd, geifernd, unmännlich weinend, vor einem gezogenen Degen bebend und bald im Tone des Narren, bald in dem eines Schulmeisters redend, der Welt sich zeigen sollte.
[A...A] »weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen Regierungstheorie nach faktisch Usurpatoren.«
Satz ungeändert: übersetzungsfehler für
»sowohl Tiberius ... als auch Nero ...«
(both Tiberius ... and Nero ... were ... usurpers)
Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern wird größer. [Inzwischen] waren die religiösen Zwistigkeiten, die seit der Zeit Eduard VI. die Protestanten bewegt hatten, furchtbarer als je geworden. Die Kluft zwischen der ersten Generation der Puritaner einerseits und Cranmer und Jewel andererseits, war in Vergleich zu der, welche die dritte Generation der Puritaner von Laud und Hammond trennte, eine kleine. So lange Maria’s Grausamkeiten noch in frischer Erinnerung standen, die Macht der katholischen Partei noch Besorgnisse erweckte, und so lange Spanien ein Übergewicht hatte und nach der Universalherrschaft trachtete, waren sich alle reformirten Sekten eines starken, gemeinsamen Interesses und eines gemeinsamen Todfeindes bewußt. Ihre Erbitterung untereinander war im Vergleich zu der, die sie gegen Rom hegten, nur schwach zu nennen. Conformisten und Nichtconformisten hatten einen aufrichtigen Bund zur Erwirkung äußerst strenger Gesetze gegen die Papisten geschlossen. Als aber mehr denn ein halbes Jahrhundert ungestörten Besitzes der Staatskirche Zuversicht eingeflößt, als neun Zehntheile des Volks aufrichtig dem Protestantismus anhingen, als England mit aller Welt in Frieden stand, als eine Gefahr, den Papismus der Nation durch fremde Waffen aufgedrängt zu sehen, nicht mehr zu fürchten war, und als die letzten Bekenner, die vor Bonner gestanden, dahin waren, änderte sich die Stimmung der anglikanischen Geistlichkeit. Ihre Abneigung gegen die römisch-katholische Lehre und Kirchendisziplin war bedeutend schwächer geworden ihre Abneigung gegen die Puritaner aber wuchs mit jedem Tage. Die Streitigkeiten, die von Beginn an die protestantische Partei zerrissen hatten, gestalteten sich der Art, daß keine Hoffnung auf Aussöhnung blieb, und zu den alten Streitfragen gesellten sich neue von noch größerer Wichtigkeit.
Zwar hatten die Gründer der anglikanischen Kirche das Episkopat als eine alte, gute und passende kirchliche Einrichtung beibehalten, aber sie hatten nicht erklärt, daß diese Form der Kirchenverwaltung eine von Gott eingesetzte sei. Wie gering Cranmer das Amt eines Bischofs hielt, haben wir bereits gesehen. Jewel, Cooper, Whitgift und andere hervorragende Religionslehrer unter der Regierung Elisabeths vertheidigten die Prälatur als etwas Unschädliches und Nützliches, das der Staat einzuführen befugt sei, und wenn es einmal eingeführt, auf die Achtung jedes Bürgers Anspruch habe, aber nie läugneten sie, daß eine christliche Gemeinde ohne Bischof eine reine Kirche sein könne, sie betrachteten vielmehr die Protestanten auf dem Festlande als Glieder einer Glaubensfamilie, der sie selbst angehörten. Wohl waren die Engländer in England gehalten, die Autorität des Bischofs ebenso anzuerkennen, wie ihnen die Autorität des Sheriffs und des Coroners anzuerkennen oblag, aber diese Verpflichtung war nur eine örtliche. Ging ein Mitglied der englischen Kirche, ja selbst ein englischer Prälat, nach Holland, so fügte er sich ohne Bedenken der holländischen Staatskirche. Die Botschafter Elisabeths und Jakobs gingen im Auslande mit vollem Gepränge zu demselben Gottesdienste, den Elisabeth und Jakob in der Heimath übten, und mieden es sorgfältig, um den schwächern Brüdern kein Ärgerniß zu geben, ihre Privatkapellen nach anglikanischer Art auszuschmücken. Im Jahre 1603 erkannte die Kirchenversammlung der Provinz Canterbury die Kirche von Schottland, welche damals bischöfliche Beaufsichtigung und Ordination noch nicht kannte, feierlich als einen Theil der heiligen, allgemeinen Kirche Christi an.[6] Man hielt selbst presbyterianische Geistliche zu Sitz und Stimme in ökumenischen Konzilien als berechtigt. Als die Generalstaaten der Vereinigten Niederlande eine Synode von nicht bischöflich ordinirten Lehrern in Dortrecht versammelten, betheiligten sich ein englischer Bischof und ein englischer Dechant im Auftrag des Oberhauptes der englischen Kirche an den Sitzungen dieser Gottesgelehrten, predigten und stimmten mit ihnen über die wichtigsten theologischen Fragen ab.[7] Es befanden sich auch viel englische Pfründen in den Händen von Geistlichen, die früher in der auf dem Festlande üblichen Weise der Calvinisten zu ihrem Amte geweiht waren, und man hatte die Reordination durch einen Bischof in solchen Fällen nicht für nöthig, selbst für ungesetzlich gehalten.
Aber eine neue Art von Theologen begann in der englischen Kirche bereits aufzutauchen. Nach der Ansicht derselben war das Amt des Bischofs zur Wohlfahrt einer christlichen Gemeinschaft und zur Förderung der Wirksamkeit der feierlichsten Religionsgebräuche wesentlich. Es gehören zu jenem Amte gewisse hohe und heilige Vorrechte, die menschliche Macht weder verleihen noch entziehen könne. Eine Kirche, sagten sie, welche die apostolische Nachfolge abschaffte, könne eben so gut auch die Lehre von der Dreieinigkeit oder der Menschwerdung abschaffen, und die römische Kirche, welche bei allen ihren Verderbnissen die apostolische Nachfolge beibehalten, sei der ursprünglichen Reinheit näher, als jene reformirten Gemeinden, welche vorschnell, dem göttlichen Muster geradezu entgegen, ein von Menschen ersonnenes System aufgestellt hätten.
Zur Zeit Eduards VI. und Elisabeths hatten die Vertheidiger des anglikanischen Rituals, sich gewöhnlich mit dem Ausspruche begnügt, daß das Ritual ohne Sünde angewendet werden könne, und jeder, der sich weigere, es auf Verordnung der Obrigkeit anzuwenden, sei ein störrischer, ungehorsamer Unterthan. Die neu erstehende Partei aber, die für die Institutionen der Kirche einen himmlischen Ursprung bezeichnete, begann ihren religiösen Handlungen eine Würde und Bedeutung beizulegen. Man deutete an, daß der Fehler des eingeführten Gottesdienstes, wenn er überhaupt einen habe, in seiner zu großen Einfachheit bestehe, und daß die Reformatoren in dem Eifer des Streites mit Rom viel alte Ceremonien abgeschafft, die man füglich hätte beibehalten können. Man zollte gewissen Tagen und Orten wiederum eine mystische Verehrung; Gebräuche, die man lange außer Anwendung gesetzt und als abergläubische Spielereien betrachtet, wurden wieder hervorgerufen; Gemälden und Schnitzwerken, welche der Zerstörungswuth der ersten Generation der Protestanten entkommen waren, ließ man nun wieder eine Verehrung angedeihen, die Viele für götzendienerisch hielten.
Die Reformatoren verabscheuten keinen Theil des alten Kirchensystems mehr, als die dem Cölibate gezollte Hochachtung. Sie waren der Ansicht, daß schon der Apostel Paulus die römische Lehre über diesen Punkt als die des Teufels prophetisch verdammt habe, und sprachen gern und viel über die Verbrechen und Ärgernisse, welche diese schreckliche Anklage zu begründen den Anschein hatten. Luther hatte seine Ansicht, indem er eine Nonne heirathete, sehr klar an den Tag gelegt. Einige der ausgezeichnetsten Bischöfe und Priester, die unter der Regierung Maria’s den Feuertod erlitten, hatten Frauen und Kinder hinterlassen. Jetzt aber tauchte das Gerücht auf, der alte Mönchsgeist lasse sich in der englischen Kirche wieder verspüren, höhern Orts hege man Abneigung gegen verheirathete Priester, Laien, die Protestanten seien, hätten in Bezug auf das Cölibat Entschlüsse gefaßt, die fast Gelübden glichen, und selbst ein Diener der Staatskirche habe ein Nonnenkloster gegründet, in welchem ein Verein gottgeweihter Jungfrauen um Mitternacht Psalmen sängen.[8]
Dies war jedoch nicht Alles. Eine Klasse von Fragen, über welche bei den Gründern der anglikanischen Kirche und der ersten Generation der Puritaner wenig oder gar keine Meinungsverschiedenheit herrschte, rief nach und nach einen heftigen Streit hervor. Die Controversen, welche die protestantische Partei in ihrer Kindheit schon entzweit, hatten sich fast ausschließlich auf Kirchenregiment und Kirchengebräuche bezogen, und über Punkte der metaphysischen Theologie war es zwischen den streitenden Parteien zu einem ernsten Kampfe nicht gekommen. Die Lehren von Erbsünde, Glauben, Gnade, Prädestination und Gnadenwahl, an denen die Häupter der Hierarchie festhielten, waren die, welche man gewöhnlich calvinisch nannte. Der Erzbischof Whitgift, ihr Lieblingsprälat, entwarf im Verein mit dem Bischof von London und andern Theologen gegen das Ende der Regierung Elisabeths die berühmte Schrift, die unter dem Namen der „Lambeth-Artikel“ bekannt ist. Es werden darin die stärksten calvinistischen Lehren mit einer Bestimmtheit behauptet, die vielen Calvinisten unserer Zeit anstößig sein würde. Ein Geistlicher, der entgegengesetzter Ansicht war und sich hart über Calvin äußerte, wurde von der Universität Cambridge dieser Vermessenheit wegen angeklagt, und entging der Strafe nur dadurch, daß er sich öffentlich zu den Lehren von der Verdammniß und dem endlichen Beharren bekannte, und seine Reue über die Beleidigung aussprach, die er frommen Männern durch seine Angriffe auf den großen französischen Reformator zugefügt habe. Zwischen Cranmer’s und Lauds Schulen steht jene theologische, deren Haupt Hooker war, in der Mitte, und die Arminianer haben Letztern in der neueren Zeit als ihren Genossen betrachtet; aber dennoch erklärte Hooker Calvin für einen Mann, der allen andern Theologen, die Frankreich je hervorgebracht, an Weisheit überlegen sei, für einen Mann, dem Tausende ihre Kenntniß der göttlichen Wahrheit verdankten, er selbst aber, Calvin, sei nur Gott zu Danke verpflichtet. Als in Holland der arminianische Streit begann, standen die englische Regierung und die englische Kirche der calvinistischen Partei kräftig bei, und jene Flecken, welche durch die Einkerkerung des Grotius und den Justizmord des Barneveldt auf dieser Partei haften, trägt auch zum Theil der englische Name.
Vor dem Zusammentritt der holländischen Synode hatte indeß jene Partei der anglikanischen Geistlichkeit, die dem calvinistischen Kirchenregimente und dem calvinistischen Gottesdienste besonders abhold war, angefangen, die calvinistische Metaphysik mißfällig zu betrachten, und dieses Mißfallen ward natürlich durch die auffallende Ungerechtigkeit, Anmaßung und Grausamkeit der in Dortrecht vorherrschenden Partei noch vermehrt. Die arminianische Lehre, nicht so streng logisch als die der früheren Reformatoren, aber den Volksbegriffen von der göttlichen Gerechtigkeit und Güte entsprechender, fand eine rasche und weite Verbreitung. Auch der Hof ward bald davon ergriffen. Ansichten, die zur Zeit der Thronbesteigung Jakobs kein Geistlicher aussprechen durfte, ohne den Verlust seines Priesterrockes befürchten zu müssen, gaben jetzt den besten Anspruch auf Beförderung. Ein Geistlicher jener Zeit, der von einem schlichten Landedelmann befragt ward, was die Arminianer denn eigentlich behaupteten, gab die eben so wahre als witzige Antwort: sie behaupten die besten Bisthümer und Dekaneien Englands.
Zu gleicher Zeit, als ein Theil des anglikanischen Clerus die ursprünglich eingenommene Stellung nach einer Richtung hin verließ, wich ein Theil der Puritaner gerade in entgegengesetzter Richtung von den Grundsätzen und Gewohnheiten seiner Väter ab. Die von den Separatisten erlittene Verfolgung war zwar hart genug gewesen, um zu erbittern, aber zu gelind, um zu vernichten; man hatte sie nicht bis zur Unterwürfigkeit gezähmt, sondern bis zur Wildheit und Unbeugsamkeit emporgestachelt. Wie alle unterdrückten Sekten, hielten auch sie ihre eigenen Rachegefühle für fromme Regungen, erhöhten durch Lesen und Nachdenken den Hang, über ihre Leiden zu brüten, und bildeten sich ein, wenn sie sich bis zum Hasse gegen ihre Feinde aufgeregt, daß sie die Feinde des Himmels haßten. Wenn sich auch im neuen Testamente nur wenig fand, was selbst bei unredlich verfälschter Auslegung dem Ergeben gehässiger Leidenschaften scheinbar Nachsicht gewährte, so enthielt doch das alte Testament die Geschichte eines Volks, das von Gott zum Zeugen seiner Einheit und zum Diener seiner Rache auserwählt worden, und dem er besonders mancherlei Dinge zu thun befohlen, die, ohne sein ausdrückliches Geheiß verübt, die gräßlichsten Verbrechen gewesen wären. In einer solchen Geschichte Vieles zu finden, was sich durch Verdrehung den betreffenden Wünschen entsprechend machen ließ, konnte erbitterten und düstern Gemüthern nicht schwer fallen. Bei den extremen Puritanern begann sich nun eine Vorliebe für das alte Testament zu bilden, die sich in ihrer ganzen Denkart und in allen ihren Gebräuchen zeigte, wenn sie es auch sich selbst nicht offen eingestehen mochten. Der hebräischen Sprache zollten sie eine Verehrung, die sie der Sprache versagten, in welcher uns die Unterredungen Jesu und die Briefe des Paulus überliefert worden; ihren Kindern gaben sie in der Taufe nicht die Namen christlicher Heiligen, sondern die hebräischer Patriarchen und Krieger; den wöchentlichen Festtag, den die Kirche von den ältesten Zeiten an zum Andenken an die Auferstehung des Herrn begeht, verwandelten sie, ungeachtet der ausdrücklichen und wiederholten Erklärungen Luthers und Calvins, in einen jüdischen Sabbath; Rechtsgrundsätze suchten sie in den mosaischen Bestimmungen, und Vorgänge, die ihrem gewöhnlichen Verhalten als Muster dienen sollten, in den Büchern der Richter und Könige; ihre Gedanken und Gespräche dreheten sich meistens um Handlungen, die man sicherlich nicht als nachahmungswürdige Beispiele für uns niedergeschrieben hat. Der Prophet, der einen gefangenen König in Stücke hieb, der ungehorsame Feldherr, der das Blut einer Königin den Hunden gab, das Weib, das ungeachtet eines gegebenen Versprechens und der morgenländischen Gastfreundschaft zum Trotz, mit einem Nagel das Gehirn des flüchtigen Bundesgenossen durchbohrte, der an ihrem Tische gesessen und unter ihrem Zelte schlief, diese alle wurden den unter der Tyrannei von Fürsten und Prälaten leidenden Christen als Muster aufgestellt. Moral und Sitten wurden von einem Codex abhängig gemacht, der dem der Synagoge in ihrem schlechtesten Zustande glich. Kleidung, Haltung, Sprache, Studien und Vergnügungen dieser strengen Sekte waren nach Grundsätzen geregelt, ähnlich denen der Pharisäer, die im Stolze auf ihre rein gewaschenen Hände und breiten Gedenkzettel den Erlöser als einen Sabbathschänder und Säufer schmähten. Einen Maibaum mit Kränzen zu schmücken, die Gesundheit eines Freundes zu trinken, einen Falken fangen zu lassen, einen Hirsch zu jagen, Schmachtlocken zu tragen, die Halskrause zu stärken, das Spinett zu schlagen oder die Königin der Feen zu lesen, war eine Sünde. Vorschriften dieser Art, die dem freien und fröhlichen Geiste Luthers unerträglich, und dem hellen philosophischen Verstande Zwingli’s verächtlich erschienen sein würden, breiteten ein mehr als mönchisches Duster über das ganze Leben. Die Gelehrsamkeit und Redekunst, durch die sich die großen Reformatoren so hoch auszeichneten, und denen sie größtentheils ihre Erfolge verdankten, betrachtete die neue Schule der Protestanten mit Argwohn, wenn nicht selbst mit Abneigung. — Einige der Rigorösesten trugen sogar Bedenken, aus der lateinischen Grammatik Unterricht ertheilen zu lassen, weil die Namen Mars, Bacchus und Apollo darin vorkamen. Die schönen Künste waren so gut wie verpönt; der feierliche Klang der Orgel erschien abergläubisch; die leichte Musik von Ben Jonson’s Maskenspielen galt für unsittlich; die eine Hälfte der schönen Gemälde in England war götzendienerisch, die andere unanständig. Den extremen Puritaner konnte man sofort an seinem Gange, seiner Kleidung, seinem glatten Haare, der kalten Feierlichkeit seines Gesichts, dem emporgekehrten Weißen der Augen, der näselnden Sprache und vor Allem an seiner eigenthümlichen Ausdrucksweise erkennen. Bei jeder Gelegenheit wendete er Bilder und Styl der heiligen Schrift an. Hebräismen, gewaltsam in die englische Sprache verflochten, und Metaphern, der kühnsten lyrischen Poesie eines fernen Zeitalters und Landes entlehnt, und auf die gewöhnlichsten Angelegenheiten des englischen Lebens angewendet, waren die hervorragendsten Eigenthümlichkeiten dieses Sprachgemisches, das mit vollem Rechte den Spott der Prälatisten sowohl als der Freigeister nach sich zog.
Das politische und religiöse Schisma, das im sechzehnten Jahrhunderte sich gebildet hatte, ward im ersten Viertheile des siebzehnten Jahrhunderts stets größer. In Whitehall waren Theorien Mode, die sich dem türkischen Despotismus näherten; der größte Theil des Unterhauses huldigte Theorien, die sich dem Republikanismus zuneigten. Die eifrigen Prälatisten, die bis auf den letzten Mann für das Hoheitsrecht kämpften, und die eifrigen Puritaner, welche eben so heftig für die Privilegien des Parlaments stritten, standen sich mit einer viel größern Erbitterung gegenüber, als in der vorangegangenen Generation je zwischen Katholiken und Protestanten geherrscht hat.
Bei dieser Gemüthsstimmung der Menschen ward das Land nach einem langjährigen Frieden in einen Krieg verwickelt, der große Anstrengungen nöthig machte. Durch diesen Krieg ward die große constitutionelle Krisis beschleunigt. Der König brauchte eine starke Militär-Macht, diese konnte er ohne Geld nicht erlangen, und Geld war ohne Zustimmung des Parlaments auf gesetzlichem Wege nicht zu erheben. Hieraus ging hervor, daß er entweder im Sinne des Hauses der Gemeinen regieren, oder eine Verletzung der Grundgesetze des Landes wagen mußte, die man seit mehreren Hundert Jahren nicht mehr kannte. Die Plantagenets und Tudors hatten zwar bei vorkommenden Gelegenheiten einen Ausfall in ihren Einkünften durch freiwillige oder gezwungene Anleihen gedeckt, aber diese Aushilfsmittel waren immer nur vorübergehend. Die regelmäßigen Bedürfnisse eines langen Kriegs durch regelmäßige Steuern, ohne Einwilligung der Stände des Reichs ausgeschrieben, zu decken, war ein Verfahren, dessen Ausführung selbst Heinrich VIII. nicht gewagt haben würde. So schien die entscheidende Stunde zu nahen, in der entweder das englische Parlament das Schicksal der festländischen Senate theilen, oder das höchste Übergewicht im Staate erlangen müsse.
[6.] Canon 55. of 1603.
[7.] Joseph Hall, damals Dechant von Worcester und später Bischof von Norwich, war einer jener Abgeordneten. In seiner Selbstbiographie sagt er: „Meine Unwürdigkeit wurde zu einem Theilnehmer an dieser ehrenwerthen, wichtigen und verehrungswürdigen Versammlung ernannt.“ Diese Demuth wird Hochkirchenmännern nicht recht am Platze erscheinen.
[8.] Peckard’s Life of Ferrar. Das arminianische Nonnenkloster, oder eine kurze Beschreibung der vor Kurzem gestifteten klösterlichen Anstalt, das arminianische Nonnenkloster genannt, zu Little Gidding in Huntingdonshire, 1641.
Thronbesteigung und Charakter Karls I. [In] dieser verhängnißvollen Zeit starb Jakob, und Karl I. bestieg nach ihm den Thron. Die Natur hatte ihn mit einem größern Verstande, mit einem stärkern Willen und einem strengern, festern Charakter begabt, als seinen Vater. Die politischen Theorien desselben hatte er nicht nur geerbt, er war auch weit mehr als jener geneigt, sie praktisch auszuführen. Er war wie jener ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, außerdem, was der Vater nie gewesen, ein eifriger Arminianer, und sah, obgleich kein Papist, dennoch einen Papisten lieber, als einen Puritaner. Man würde ungerecht sein, wollte man läugnen, daß Karl einige der Eigenschaften eines guten, ja selbst eines großen Fürsten besaß. Er schrieb und sprach nicht mit der Genauigkeit eines Professors, wie sein Vater, sondern wie ein intelligenter, wohlunterrichteter Edelmann. Sein Geschmack in Literatur und Kunst war vortrefflich, seine Manieren waren würdevoll, wenn auch nicht gewinnend, und sein häusliches Leben tadellos. Treulosigkeit war der Hauptgrund zu seinem Mißgeschick, und bildet den schwärzesten Fleck auf seinem Andenken, denn er besaß wirklich einen unheilbaren Hang, dunkle und krumme Wege zu gehen. Es erscheint seltsam, daß sein Gewissen ihn dieses großen Lasters wegen nie plagte, während es bei unbedeutenden Gelegenheiten sich ziemlich empfindsam zeigte; man muß indeß mit gutem Grunde annehmen, daß er nicht nur aus Neigung und Gewohnheit, sondern aus Grundsatz treulos war. Man möchte glauben, er habe von den Theologen, die er hoch schätzte, gelernt, daß zwischen ihm und seinen Unterthanen kein gegenseitiger Vertrag bestehe, daß er sich seiner despotischen Autorität, auch wenn er wollte, nicht entäußern dürfe, und daß in jedem seiner Versprechen der stillschweigende Vorbehalt liege, es im Falle der Nothwendigkeit wieder brechen zu können, und daß ihm allein die Entscheidung zustehe, ob dieser Nothfall eingetreten sei.
Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen. [Und] nun begann das gewagte Spiel, das über das Geschick des englischen Volks entschied. Auf Seite des Hauses der Gemeinen ward mit Eifer, aber auch mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit, Ruhe und Ausdauer, gespielt. An der Spitze der Versammlung standen große Staatsmänner, die weit zurück und weit hinaus zu blicken vermochten, und diese waren entschlossen, den König in eine Lage zu versetzen, daß er entweder nach den Wünschen des Parlamentes regieren, oder die heiligsten Grundsätze der Verfassung gewaltsam antasten müsse. Aus diesem Grunde bewilligten sie ihm nur kärgliche Geldunterstützungen. Der König erkannte, daß er entweder im Einverständnisse mit dem Hause der Gemeinen, oder mit allen Gesetzen im Widerspruche regieren müßte, und sein Entschluß stand bald fest: er löste sein erstes Parlament auf und erhob aus eigner Machtvollkommenheit Steuern. Nun berief er ein zweites Parlament, und fand es noch unbeugsamer als das erste. Wiederum nahm er zu dem Mittel der Auflösung seine Zuflucht, erhob, ohne den leisesten Anschein eines gesetzlichen Rechts, neue Steuern, und ließ die Führer der Opposition einkerkern. Eine neue Beschwerde, welche die eigenthümlichen Gefühle und Gewohnheiten des englischen Volks zu einer kaum erträglichen Last machten und die allen scharfblickenden Männern als eine furchtbare Vorbedeutung erschien, erregte zu derselben Zeit allgemeine Unzufriedenheit und Unruhe: es wurden Compagnien Soldaten bei dem Volke einquartiert und das Kriegsrecht verdrängte an einigen Orten die alten Rechte des Reichs.
Bitte um Recht. [Der] König berief ein drittes Parlament, und bald ward er gewahr, daß ihm die Opposition stärker und heftiger entgegentrat, als je. Nun entschloß er sich, die Taktik zu ändern. Statt den Forderungen der Gemeinen hartnäckig entgegen zu sein, ging er nach manchem Streite und manchen Ausflüchten auf einen Vergleich ein, der, wenn er ihm treulich nachgekommen wäre, ein dauerndes Ungemach abgewendet haben würde. Das Parlament bewilligte eine namhafte Geldunterstützung; der König bestätigte feierlich das berühmte Gesetz, das unter dem Namen der Bitte des Rechts bekannt ist, und die zweite große Urkunde der Freiheiten Englands bildet. Durch die Bestätigung dieses Gesetzes legte er sich zugleich die Verpflichtung auf, nie wieder ohne Bewilligung der Häuser Geld zu erheben, nie wieder eine Person, wenn nicht der Rechtsgang dabei beobachtet, einzukerkern, und nie wieder das Volk den Kriegsgerichten zu unterwerfen.
Der Tag, an welchem nach langem Zögern dieses wichtige Aktenstück feierlich die königliche Sanktion erhielt, war ein Tag der Freude und der Hoffnung. Die an den Schranken des Hauses der Lords versammelten Gemeinen erhoben ein lautes Jubelgeschrei, als der Sekretär die Worte der Formel ausgesprochen, durch welche seit Jahrhunderten unsere Fürsten den Wünschen der Reichsstände ihre Zustimmung zu ertheilen pflegten. — Die Stimme der Hauptstadt und der Nation war der Wiederhall dieses Jubels; aber schon nach drei Wochen zeigte es sich, daß Karl nicht die Absicht hatte, den geschlossenen Vertrag zu halten. Das von den Volksvertretern bewilligte Geld ward erhoben; das Versprechen, durch welches die Bewilligung erlangt, ward gebrochen. Es entspann sich ein heftiger Kampf. Das Parlament ward in einer Weise aufgelös’t, die deutlich das Mißfallen des Königs bekundete. Einige der hervorragendsten Mitglieder wurden eingekerkert, und eins derselben, Sir Johann Elliot, starb im Gefängnisse nach jahrelangen Leiden.
Karl wagte indeß nicht, die zur Fortführung des Kriegs erforderlichen Steuern aus eigener Machtvollkommenheit ferner zu erheben; er beeilte sich demnach, Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen, und befaßte sich von da an nur mit Britanniens politischen Angelegenheiten.
Eine neue Ära begann. Viele englische Könige hatten nur bei gewissen Gelegenheiten verfassungswidriger Handlungen sich schuldig gemacht, aber keiner hatte es noch unternommen, sich systematisch zu einem Despoten zu machen, und das Parlament bis zu einem Nichts herabzubringen. Und dies war das Ziel, nach welchem Karl unverkennbar strebte. Die Häuser wurden vom März 1629 bis zum April 1640 nicht wieder zusammenberufen. Unsere Geschichte wies keinen Zeitraum von elf Jahren nach, der zwischen einem und dem nächsten Parlamente gelegen; nur ein Mal hat es einen halb so langen Zwischenraum gegeben. Diese Thatsache allein widerlegt die Behauptung, daß Karl nur in die Fußtapfen der Plantagenets und Tudors getreten sei.
Die Bitte um Recht wird verletzt. [Durch] Zeugnisse der eifrigsten Anhänger des Königs ist bewiesen, daß er die Bestimmungen in der Bitte um Recht in diesem Abschnitte seiner Regierung nicht nur bei einzelnen Gelegenheiten, sondern fortwährend und systematisch verletzte; daß er die Einkünfte größtentheils ohne gesetzliche Ermächtigung erhoben, und daß er der Regierung mißliebige Personen, ohne gerichtliche Vorladung und Verhör, Jahre lang im Kerker hat schmachten lassen.
Für solche Handlungen muß die Geschichte den König als persönlich verantwortlich erachten. Seit der Zeit seines dritten Parlaments war er selbst sein erster Premierminister; nur einige Personen, deren Charakter und Fähigkeiten seinen Plänen entsprachen, standen an der Spitze verschiedener Verwaltungszweige.
Charakter und Absichten Wentworths. [Thomas] Wentworth, erst zum Lord Wentworth und dann zum Earl von Strafford ernannt, ein äußerst fähiger, beredter und muthiger Mann, aber grausamen und herrschsüchtigen Charakters, war in politischen und militärischen Angelegenheiten der vertrauteste Rath des Königs. Früher eins der bedeutendsten Glieder der Oppositionspartei, hegte er gegen die, deren Sache er verlassen, jene eigenthümliche Abneigung, die in allen Zeiten die Apostaten charakterisirt hat. Da die Gefühle, die Hilfsquellen und die Politik der Partei, der er noch vor Kurzem angehört, ihm genau bekannt waren, hatte er einen umfassenden, tief durchdachten Plan entworfen, der die kluge Taktik der leitenden Staatsmänner im Hause der Gemeinen fast vereitelt hätte. Dieses Plans erwähnte er in seiner vertraulichen Correspondenz unter der bezeichnenden Benennung: „Durch.“ Er beabsichtigte, in England Alles, und mehr noch als das, zu thun, was Richelieu in Frankreich gethan; Karl zu einem so unumschränkten Monarchen zu machen, wie nur irgend einer auf dem Festlande existirte; das Vermögen und die persönliche Freiheit des ganzen Volks unter die Verfügung der Krone zu stellen; die Gerichtshöfe aller selbstständigen Macht selbst in gewöhnlichen civilrechtlichen Angelegenheiten zwischen Privatleuten zu berauben, und mit schonungsloser Härte alle die zu bestrafen, die bei Handlungen der Regierung sich unzufrieden zeigten, oder bei irgend einem Gerichtshofe um Abstellung derselben einkamen.[9]
Dies war sein Ziel, und den einzigen Weg, der zu diesem Ziele führte, kannte er genau. Hätte er bei seiner wirklich klaren, zusammenhängenden und bestimmten Anschauungsweise nicht ein seinem Vaterlande und seinen Mitmenschen so verderbliches Ziel verfolgt, er würde die gerechtesten Ansprüche auf hohe Bewunderung gehabt haben. Daß es nur ein einziges Werkzeug gab, seine großen und kühnen Pläne auszuführen, und daß dieses Werkzeug ein stehendes Heer sei, sah er klar ein. Mit der ganzen Energie seines kräftigen Geistes strebte er nun nach der Errichtung eines solchen Heeres. In Irland, wo er Vicekönig war, gelang ihm wirklich die Einführung eines militärischen Despotismus, nicht nur über die eingeborene Bevölkerung, sondern auch über die englischen Colonisten, und er konnte sich mit Recht rühmen, daß der König auf dieser Insel so unumschränkt sei, als nur irgend ein Fürst der Welt.[10]
[9.] Die Correspondenz Wentworths scheint mir das im Text Gesagte völlig zu bestätigen. Alle Stellen abzuschreiben, die mich zu dem erlangten Schlusse geführt, würde eben so unmöglich sein, als es nicht leicht ist, eine bessere Auswahl zu treffen, als Mr. Hallam bereits getroffen hat. Aber ich mache den Leser besonders auf die vortreffliche Schrift aufmerksam, die Wentworth über die Angelegenheiten der Pfalz verfaßte. Sie ist vom 31. März 1637 datirt.
[10.] Dies sind Wentworths eigene Worte. Siehe seinen Brief an Laud vom 16. Decbr. 1634.
Charakter Laud’s. [Die] Verwaltung der Kirche leitete indeß hauptsächlich Wilhelm Laud, der Erzbischof von Canterbury. Mehr als alle Prälaten der anglikanischen Kirche ist Laud von den Grundsätzen der Reformation abgewichen, und Rom nahegetreten. Seine theologischen Ansichten entfernten sich von denen der Calvinisten mehr, als selbst die der holländischen Arminianer. Seine maßlose Vorliebe für Ceremonien, seine Verehrung der Festtage, Vigilien und geheiligten Orte, seine übel verhehlte Abneigung gegen die Ehe der Priester, sein glühender und von Eigennutz nicht völlig freier Eifer, mit dem er den Anspruch des Clerus auf das ehrerbietige Benehmen der Laien vertrat, würden ihm den Haß der Puritaner zugezogen haben, auch wenn er nur gesetzliche und milde Mittel zur Erreichung seiner Pläne verwendet hätte. Aber sein Verstand war ein beschränkter, und mit der Welt hatte er nur in geringem Verkehre gestanden. Er war heftig und reizbar von Natur, lebhaft empfindlich, wenn es seine eigene Würde galt, kalt für die Leiden Anderer, und zu dem bei abergläubischen Menschen gewöhnlichen Irrthume geneigt, die eigenen mürrischen und gehässigen Launen für die Regungen eines gottesfürchtigen Eifers zu halten. Jeder Winkel des Reichs ward unter seiner Leitung einer unausgesetzten und scharfen Beaufsichtigung unterworfen; jeder kleine Separatisten-Verein ward ausgespürt und aufgelöst, selbst die Privatandachtsübungen der Familien entgingen den Späherblicken seiner Kundschafter nicht. Die Furcht vor seiner Härte war so groß, daß der tödtliche Haß gegen die allgemeine Kirche, der sich unzähliger Herzen bemächtigt, unter dem äußern Scheine voller Übereinstimmung mit derselben allgemein verborgen ward. Selbst an dem Vorabende der für ihn und seinen Stand so verhängnißvollen Unruhen konnten ihm die Bischöfe mehrerer umfangreichen Diöcesen noch berichten, daß in ihren Sprengeln auch nicht ein Dissidenter mehr zu finden sei.
Sternkammer und Hohe Commission. [Die] Gerichtshöfe gewährten den Unterthanen gegen die bürgerliche und geistliche Tyrannei jener Periode keinen Schutz. Die Richter des gemeinen Rechts, die ihre Stellen nur so lange bekleideten, als es dem Könige beliebte, zeigten sich in empörender Weise willfährig; aber ungeachtet ihrer Willfährigkeit waren sie dennoch nicht so bereitwillige und wirksame Werkzeuge der Willkür-Gewalt, als eine Klasse von Gerichtshöfen, die noch jetzt, nach mehr als zweihundert Jahren, in dem Andenken des Volks tief verabscheut wird. An der Spitze dieser Gerichtshöfe, durch Macht und Ehrlosigkeit gleich ausgezeichnet, standen die Sternkammer und die Hohe Commission; die Erstere war ein politisches, die Letztere ein religiöses Inquisitionsgericht, und keins von Beiden war aus der alten Verfassung Englands hervorgegangen. Die Sternkammer war von den Tudors umgestaltet, und die Hohe Commission hatten sie erschaffen. War die Gewalt dieser Höfe schon vor der Thronbesteigung Karls ausgedehnt und furchtbar gewesen, so zeigte sie sich jetzt in einer Gestalt, daß jene nur gering erscheint. Von dem gewaltigen Geiste des Primas hauptsächlich geleitet, und von der parlamentarischen Aufsicht befreit, bethätigten sie eine Raubgier, eine Grausamkeit und eine boshafte Energie, die man in frühern Zeiten nie gekannt hatte. Mit Hilfe derselben war es der Regierung möglich, nach Willkür Geldstrafen aufzuerlegen, einzukerkern, an den Pranger zu stellen und zu verstümmeln. Zu York hatte ein besonderer Rath unter dem Präsidium Wentworths seinen Sitz, der, im Widerspruch mit dem Gesetz und nur durch die eigene Machtvollkommenheit des Königs ernannt, eine fast maßlose Gewalt über die nördlichen Grafschaften ausübte. Alle diese Gerichtshöfe, der Autorität von Westminsterhall Hohn und Trotz bietend, verübten täglich Excesse, welche selbst von den hervorragendsten Royalisten hart getadelt wurden. Nach Clarendons Bericht gab es kaum einen bedeutenden Mann im Königreiche, der die Härte und Gier der Sternkammer nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt; die Hohe Commission verfuhr in einer Weise, daß ihr kaum noch ein Anhänger im Lande geblieben, und durch die Tyrannei des Raths von York war nördlich vom Trent die Magna Charta zu einem todten Buchstaben geworden.
Bis auf einen Punkt war nun die englische Regierung eben so despotisch, als die französische; aber dieser eine Punkt enthielt eine hohe Bedeutung: es gab noch kein stehendes Heer, und folglich auch keine Sicherheit dafür, daß nicht das ganze Gebäude der Tyrannei an einem Tage zertrümmert werden könne. Wollte aber der König aus eigener Machtvollkommenheit Steuern zum Unterhalte eines Heeres auferlegen, so hatte man, aller Wahrscheinlichkeit nach, sofort den heftigen Ausbruch eines Aufstandes zu fürchten. Durch diese Schwierigkeit ward Wentworth mehr als durch jede andere in Verlegenheit gesetzt. Man griff nun begierig zu einem Auskunftsmittel, das Finch, der Lord Siegelbewahrer, in Übereinstimmung mit andern der Regierung dienenden Rechtsgelehrten, empfohlen hatte.
Schiffsgeld. [Es] hatten nämlich die alten englischen Könige die Bewohner nicht nur der in der Nähe Schottlands liegenden Grafschaften zur Vertheidigung der Grenze unter die Waffen gerufen, sondern auch die Grafschaften an dem Meere aufgeboten, Schiffe zur Vertheidigung der Küste auszurüsten; statt der Schiffe hatte man mitunter Geld genommen. Diesen alten Gebrauch beschloß man jetzt, nach einem langen Zeitraume, nicht nur wieder einzuführen, sondern auch auszudehnen. Früher hatten die Fürsten nur zur Zeit des Krieges Schiffsgeld erhoben — jetzt forderte man es in einer Zeit tiefen Friedens ein. Wenn früher die Fürsten, selbst in den gefährlichsten Kriegen, das Schiffsgeld nur in den Küstengegenden erhoben hatten, so nahm man es jetzt von den Grafschaften des Binnenlandes. Früher hatte man das Schiffsgeld eingefordert, um eine Vertheidigung des Landes zur See zu bewirken; jetzt trieb man es ein, wie die Royalisten selbst zugestehen, nicht um eine Flotte zu unterhalten, sondern um dem Könige Gelder zu verschaffen, deren Betrag er nicht nur nach Belieben ausdehnen, sondern auch zu jedem beliebigen Zwecke verwenden konnte.
Die ganze Nation gerieth in Aufregung und Entrüstung. John Hampden, ein reicher Gentleman aus guter Familie in Buckinghamshire, der in seiner nähern Umgebung hoch geachtet, aber in weitern Kreisen des Königreichs noch wenig bekannt war, hatte zuerst den Muth, der ganzen Gewalt der Regierung entgegenzutreten und auf eigene Kosten und Gefahr die Hoheitsrechte zu bestreiten, die der König in Anspruch nahm. Der Fall ward den Richtern der Schatzkammer zur Entscheidung vorgelegt; wie abhängig und knechtisch auch die Richter waren, es lagen so starke Gründe gegen die Ansprüche der Krone vor, daß die Majorität gegen Hampden so klein als nur möglich ausfiel — aber es war immer eine Majorität. Die Ausleger der Gesetze hatten erklärt, daß der königliche Machtspruch eine große, ergiebige Steuer auferlegen könne, und Wentworth bemerkte sehr richtig, ihr Urtheil sei nur durch Gründe zu rechtfertigen, die direct zu einem Schlusse führten, den zu ziehen sie nicht gewagt haben würden. — War es gesetzmäßig, daß zur Unterhaltung einer Flotte ohne Zustimmung des Parlamentes Geld erhoben werden konnte, so ließ sich schwer in Abrede stellen, daß auch Geld zum Unterhalte einer Armee ohne Zustimmung des Parlaments erhoben werden dürfe.
Dieser Richterspruch vermehrte die Erbitterung des Volks. Ein Jahrhundert früher würde eine minder große Erbitterung einen allgemeinen Aufstand bewirkt haben; aber die Unzufriedenheit äußerte sich jetzt nicht so rasch als in früherer Zeit durch Empörung, denn Reichthum und Gesittung der Nation waren seit lange in stetem Wachsen gewesen, und seit siebzig Jahren, seit der Zeit nämlich, als die großen nordischen Grafen die Waffen gegen Elisabeth ergriffen, hatte kein Bürgerkrieg stattgefunden. So lange die englische Nation existirte, war nie eine so lange Zeit ohne innern Zwist verflossen. Das Volk hatte sich an den Betrieb friedlicher Gewerbe gewöhnt, und so erbittert es auch war, so zögerte es doch lange, ehe es zum Schwerte griff.
Unter diesen Umständen schwebten die Freiheiten unsers Vaterlandes in der größten Gefahr. Die Gegner der Regierung begannen an dem Schicksale ihres Vaterlandes zu verzweifeln, und mancher von ihnen hielt die Wildnisse Amerika’s für die einzige Zufluchtsstätte bürgerlicher und geistiger Freiheit. Einige entschlossene Puritaner, welche für ihre Religion weder das Toben des Oceans, die Beschwerden des uncivilisirten Lebens, die Klauen wilder Thiere, noch die Tomahawks wilder Menschen fürchteten, hatten dort inmitten der Urwälder Dörfer angebaut, die jetzt große, reiche Städte sind, und durch alle Schicksalswechsel Spuren des ihren Gründern angestammten Charakters bewahrt haben. Die Regierung sah mit gehässigen Blicken auf diese jungen Colonien und suchte gewaltsam dem Strome der Auswanderung nach denselben zu steuern; sie konnte aber nicht verhindern, daß die Einwohnerschaft Neu-Englands aus allen Theilen des alten Englands durch unerschrockene und gottesfürchtige Männer ansehnlich vermehrt wurde. Jetzt jubelte Wentworth ob des nahen Gelingens seines „Durch“. Wahrscheinlich hätten nur wenig Jahre zur Ausführung seines großen Planes genügt, und wäre strenge Sparsamkeit beobachtet, jeder Krieg mit auswärtigen Mächten vermieden, so hätte man nicht nur die Schulden der Krone bezahlen, sondern auch Fonds zum Unterhalte einer großen Militärmacht beschaffen können, und diese Macht konnte bald den widerspenstigen Geist der Nation zügeln.
Widerstand gegen die Liturgie in Schottland. [In] dieser Krisis ward die ganze Gestalt der öffentlichen Angelegenheiten durch einen Akt wahnsinniger Bigotterie plötzlich verändert. Wäre der König weise gewesen, so hätte er so lange eine vorsichtige und milde Politik gegen Schottland verfolgt, bis er der Herr des Südens geworden; denn von allen seinen Reichen war in Schottland die größte Gefahr vorhanden, daß ein Funke zur Flamme, und eine Flamme zu einer Feuersbrunst werden konnte. Eine constitutionelle Opposition, wie man sie ihm in Westminster entgegenstellte, hatte er allerdings in Edinburg nicht zu fürchten, da das Parlament seines nördlichen Königreichs ein ganz anderer Körper als der war, der in England denselben Namen führte. Es war schlecht zusammengesetzt, ward wenig geachtet und hatte nie einem seiner Vorgänger ernste Schranken gezogen. Die drei Stände beriethen in einem Hause; die Bevollmächtigten der Flecken betrachtete man nur als von den großen Edelleuten abhängige Personen, und kein Gesetz konnte eingebracht werden, bevor nicht die Lords der Artikel, — ein Ausschuß, den die Krone in der That, wenn auch nicht der Form nach ernannte — ihre Billigung ausgesprochen hatten. War nun auch das schottische Parlament ein fügsames, so hatte sich doch das schottische Volk stets als ein unruhiges und unlenksames gezeigt. Es hatte seinen ersten Jakob in dem Schlafzimmer niedergemetzelt, mehr als einmal die Waffen gegen Jakob II. erhoben, Jakob III. auf dem Schlachtfelde erschlagen, durch Ungehorsam Jakob V. das Herz gebrochen, Maria entthront und eingekerkert, hatte den Sohn derselben gefangen gehalten, und war noch eben so unbändig als sonst. Alle seine Gewohnheiten waren roh und kriegerisch. An der ganzen südlichen Grenze, sowie auf der ganzen Landstrecke zwischen den Hoch- und Niederlanden wüthete beständig ein Raubkrieg; in jedem Landestheile war man gewohnt, den Beschwerden über erlittenes Unrecht mit kräftiger Faust abzuhelfen, und wie groß auch die frühere Anhänglichkeit der Nation an die Stuarts gewesen sein mochte, sie war während der langen Abwesenheit derselben erkaltet. Der mächtigste Einfluß auf die öffentliche Stimmung theilte sich unter zwei Klassen von Mißvergnügten: unter die der Grundherren und die der Prediger — Grundherren, von demselben Geiste beseelt, der so oft die alten Douglas zum Widerstande gegen das königliche Haus angetrieben, und Prediger, welche Knox’s repulikanische Ansichten und den Starrsinn desselben geerbt hatten. Sowohl die nationalen als die religiösen Gefühle der Bevölkerung waren gleich tief verletzt worden; alle Stände klagten, daß ihr Vaterland, einst so ruhmvoll um seine Unabhängigkeit gegen die fähigsten und muthigsten Plantagenets kämpfend, jetzt durch seine eigenen Fürsten eine englische Provinz, wenn auch nicht dem Namen nach, doch in der That geworden sei. Die calvinistische Lehre und Kirchenordnung hatte in keinem andern Theile Europa’s einen so starken Haltpunkt in der öffentlichen Meinung gewonnen; die große Masse des Volks sah auf die römische Kirche mit einem Hasse, der mit vollem Rechte ein grimmiger zu nennen war, und die Kirche von England, die täglich der von Rom ähnlicher zu werden schien, war der Gegenstand einer nicht minder großen Abneigung.
Das anglikanische System über die ganze Insel auszudehnen, war schon lange der Wunsch der Regierung gewesen, und in dieser Absicht hatte sie bereits verschiedene, jedem Presbyterianer höchst ärgerliche Änderungen vorgenommen. Eine Neuerung aber, die kühnste von allen, weil sie von dem Volke unmittelbar aufgefaßt werden mußte, hatte man noch nicht versucht. Es war nämlich der öffentliche Gottesdienst in der bei dem Volke gern gesehenen Weise bisher abgehalten; Karl und Laud beschlossen aber jetzt, den Schotten die englische Liturgie oder vielmehr eine Liturgie aufzudringen, die nach dem Urtheile aller strengen Protestanten nicht nur von der englischen abwich, sondern auch in den abweichenden Punkten schlechter war, als jene.
Diesem rein aus tyrannischem Übermuthe und in sträflicher Unkenntniß oder noch strafwürdigerer Verachtung der Volksgefühle unternommenen Schritte verdankt unser Vaterland seine Freiheit. Der erste Gottesdienst mit den neuen Ceremonien hatte einen Aufruhr zur Folge, und der Aufruhr ward schnell zu einer Revolution. Ehrgeiz, Vaterlandsliebe und Fanatismus brausten auf in einem gewaltig reißenden Strome; die ganze Nation stand unter den Waffen. Zwar war die Macht Englands, wie sich einige Jahre später auswies, stark genug, um Schottland im Zügel zu halten; aber ein großer Theil des englischen Volks theilte die religiösen Gefühle der Aufständischen, und viele Engländer, denen Wechselgesänge, Kniebeugen, Altäre und Chorhemden keine Scrupel erregten, sahen mit Freuden auf die Fortschritte einer Empörung, die Aussicht auf Vereitelung der Willkürpläne des Hofes und auf die Einberufung eines Parlaments bot.
Für diesen unklugen Einfall, der solche Wirkungen hervorbrachte, ist Wentworth nicht verantwortlich zu machen,[11] denn er verwirrte in der That alle seine Pläne. Eine Nachgiebigkeit anzurathen, lag jedoch nicht in seiner Natur. Es ward versucht, den Aufstand durch das Schwert zu dämpfen; aber die militärischen Kräfte und Talente des Königs waren dem Unternehmen nicht gewachsen. Unter diesen Umständen und im Widerspruche mit den Gesetzen neue Steuern aufzuerlegen, wäre Wahnsinn gewesen; es blieb keine andere Aussicht als ein Parlament, und im Frühjahr 1640 ward ein solches einberufen.
[11.] Siehe seinen Brief an den Grafen von Northumberland, d. d. 30. Juli 1638.
Ein Parlament wird berufen und aufgelös’t. [Bei] der Aussicht auf Wiederherstellung einer verfassungsmäßigen Regierung und auf Abhilfe der Beschwerden war die Stimmung der Nation eine bessere geworden. Das neue Haus der Gemeinen zeigte sich gemäßigter und ehrerbietiger gegen den Thron, als alle, die sich seit dem Tode Elisabeths versammelt hatten. Die ausgezeichnetsten Royalisten haben die Mäßigung dieser Versammlung hoch gepriesen, aber den Häuptern der Opposition scheint sie nicht wenig Sorge und eine große Enttäuschung bereitet zu haben. Karl blieb indeß seiner eben so unpolitischen als unedeln Gewohnheit treu, den Wünschen seines Volks so lange sich abhold zu zeigen, bis diese Wünsche drohend ausgesprochen wurden. Kaum legten die Gemeinen die Neigung an den Tag, die Beschwerden, unter denen das Land elf Jahre lang gelitten, in Betracht zu ziehen, als der König das Parlament mit allen Zeichen des Mißfallens auflös’te.
Zwischen der Auflösung dieser auf so kurze Zeit einberufenen Versammlung und der Constituirung jenes ewig merkwürdigen Körpers, der unter dem Namen des Langen Parlaments bekannt ist, lagen wenig Monate, in denen das Joch der Nation sich herber als je gestaltete, der Volksgeist aber sich zorniger als je dagegen erhob. Der Geheime Rath ließ Mitglieder des Hauses der Gemeinen wegen ihres parlamentarischen Verhaltens zur Rechenschaft ziehen, und als sie sich weigerten Rede zu stehen, in’s Gefängniß werfen. Das Schiffsgeld ward mit größerer Strenge eingetrieben; man bedrohte den Lord Mayor und die Sheriffs von London mit Gefängniß, weil sie nicht streng genug die Gelder eingezogen hatten; es fanden gewaltsame Aushebungen von Soldaten statt, deren Unterhalt ihre Grafschaften bestreiten mußten. Die stets ungesetzlich gewesene Folter, und erst kürzlich noch von den servilsten Richtern jener Zeit für ungesetzlich erklärt, ward in England im Monat Mai 1640 zum letzten Male angewendet.
Von dem Ausgange der Kriegsoperationen des Königs gegen die Schotten hing nun Alles ab. Jener Geist, der den eigentlichen Soldaten von dem Volke trennt und ihn an seine Führer bindet, zeigte sich äußerst spärlich in seinen Truppen. Das Heer, größtentheils aus Rekruten zusammengesetzt, die sich nach dem Pfluge zurücksehnten, von dem man sie gewaltsam fortgerissen, und die im ganzen Lande vorherrschenden religiösen und politischen Ansichten theilend, war dem Könige gefährlicher als dem Feinde. Die von den Führern der englischen Opposition ermuthigten Schotten fanden bei den englischen Truppen nur schwachen Widerstand, sie gingen über den Tweed und den Tyne, und lagerten sich an den Grenzen von Yorkshire. Und nun artete das Murren der Unzufriedenheit in einen Tumult aus, der alle Gemüther, eines ausgenommen, mit Schrecken erfüllte. Strafford beharrte noch immer bei dem „Durch“, und selbst in diesem verhängnißvollen Augenblicke zeigte er sich so grausam und despotisch, daß nicht viel fehlte, und seine eigenen Lanzknechte hätten ihn in Stücke zerrissen.
Noch gab es indessen ein Auskunftsmittel, das dem Könige, wie er sich schmeichelte, die Schmach ersparen könnte, einem andern Hause der Gemeinen gegenüberzutreten. Dem Hause der Lords war er weniger abgeneigt. Die Bischöfe hingen an ihm und die weltlichen Lords, wenn auch im Allgemeinen mit seiner Verwaltung nicht einverstanden, mußten sich doch als Stand so sehr bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und dem Verbleiben der alten Einrichtungen interessiren, daß ein Drängen nach ausgedehnten Reformen ihrerseits nicht zu fürchten war. Wider die Gewohnheit, die seit Jahrhunderten ununterbrochen bestanden, rief er nur die Lords zu einem großen Rathe zusammen; die Lords aber waren zu klug, als daß sie die verfassungswidrigen Funktionen übernahmen, die er ihnen zugedacht hatte. Ohne Geld, ohne Credit und ohne Autorität, selbst in seinem eigenen Lager, fügte er sich dem Drange der Nothwendigkeit. Die Häuser wurden zusammenberufen und die Wahlen bewiesen, daß Mißtrauen und Haß gegen die Regierung seit dem Frühjahre gefährliche Fortschritte gemacht hatten.
Das lange Parlament. [Im] November 1640 trat jenes berühmte Parlament zusammen, das, ungeachtet mancher Irrthümer und Mißgeschicke, gerechten Anspruch auf die Hochachtung und Dankbarkeit aller derer hat, die in irgend einem Theile der Welt sich der Segnungen einer constitutionellen Regierung erfreuen.
Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich in den Häusern keine Meinungsverschiedenheit von großer Wichtigkeit heraus. Die bürgerliche und geistliche Verwaltung war zwölf Jahre hindurch so bedrückend und so verfassungswidrig ausgeübt worden, daß selbst diejenigen Klassen, die gewöhnlich auf Ordnung und Autorität halten, mit großem Eifer volksthümliche Reformen zu fördern und die Werkzeuge der Tyrannei vor Gericht zu stellen bemüht waren. Eine Verordnung ward erlassen, wonach zwischen einem und dem nächsten Parlamente nicht mehr als drei Jahre liegen durften und erfolgte das Ausschreiben unter dem großen Siegel nicht zur gehörigen Zeit, so waren die Wahlbeamten befugt, auch ohne ein solches Ausschreiben die Wahlkörper behufs Wahl der Vertreter einzuberufen. Die Sternkammer, die Hohe Kommission und der Rath von York wurden aufgehoben. Männer, die grausam verstümmelt in tiefen Kerkern schmachteten, wurden freigelassen. An den ersten Dienern der Krone nahm das Volk schonungslose Rache; der Lord Siegelbewahrer, der Primas, der Lord Statthalter wurden in Anklagestand versetzt; Finch rettete sich durch die Flucht, Laud ward in den Tower geworfen und Strafford ward vor Gericht gestellt und laut eines Parlamentsbeschlusses zum Tode verurtheilt. An demselben Tage, an dem dieser Beschluß durchging, stimmte der König einem Gesetze bei, durch das er sich verpflichtete, das bestehende Parlament weder zu vertagen, noch zu prorogiren oder aufzulösen, wenn es nicht selbst seine Zustimmung dazu gäbe.
Im September 1641, nach einer zehnmonatlichen angestrengten Arbeit, vertagten sich die Häuser auf kurze Zeit und der König besuchte Schottland, das er nur mit Mühe durch die Verzichtleistung auf alle seine kirchlichen Reformpläne und durch die mit großer Überwindung ertheilte Bestätigung einer Akte, die das Episcopat in Widerspruch mit Gottes Wort erklärte, beruhigte.
Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien. [Die] Ferien des englischen Parlamentes dauerten sechs Wochen. Der Tag des Wiederzusammentritts der Häuser bildet eine der merkwürdigsten Epochen unserer Geschichte. Von diesen Tage an existiren die beiden großen corporativen Parteien, die seitdem stets das Land abwechselnd regiert haben, obgleich der Unterschied, der damals augenscheinlich hervortrat, in einem gewissen Sinne immer bestanden hat und auch immer bestehen muß, denn er entspringt den Verschiedenheiten des Temperaments, der Intelligenz und des Interesses, die man in allen Gesellschaften findet und so lange finden wird, bis der menschliche Geist aufhört, sich durch den Reiz der Gewohnheit und Neuheit in entgegengesetzte Richtungen leiten zu lassen. Wir finden diesen Unterschied nicht nur in der Politik, sondern auch in der Literatur, in Kunst und Wissenschaft, in Chirurgie, Mechanik, dem Seewesen, der Landwirthschaft, und selbst in der Mathematik. Überall begegnen wir einer Menschenklasse, die mit Vorliebe an allem Alten hängt, und selbst dann noch mit banger Besorgniß und bösen Ahnungen in die Neuerung willigt, wenn überwiegende Gründe für deren Wohlthätigkeit vorliegen. Ebenso finden wir überall eine zweite Menschenklasse, die sanguinischer Hoffnung und kühner Pläne voll die Unvollkommenheiten des Bestehenden rasch erfaßt, über die Gefahren und Widerwärtigkeiten der Neuerungen leicht hinweggeht, und nur zu geneigt ist, jede Veränderung für eine Verbesserung zu halten. In den Neigungen beider Klassen liegt etwas, das man billigen muß; aber die Höhepunkte Beider findet man in der Nähe der gemeinschaftlichen Grenze, der extreme Theil der einen besteht aus abergläubischen, einfältigen Narren; der extreme Theil der andern aus seichten und unbesonnenen Empirikern.
Daß sich schon in unsern ersten Parlamenten ängstlich auf Erhaltung des Bestehenden bedachte Mitglieder von andern, eifrig nach Reformen strebenden unterscheiden ließen, ist nicht zu bezweifeln; so lange aber die Sitzungen des gesetzgebenden Körpers nur von kurzer Dauer waren, konnten diese Gruppen keine bestimmte und bleibende Form annehmen, sich anerkannten Führern nicht unterordnen, und sich weder durch Namen und Zeichen noch durch Losungsworte unterscheiden. Der Unwille über die seit vielen Jahren erlittene widergesetzliche Unterdrückung war während der ersten Monate des langen Parlaments so groß und allgemein, daß das Haus der Gemeinen wie ein Mann handelte. Ohne Streit verschwand Mißbrauch auf Mißbrauch. Eine geringe Minorität des repräsentativen Körpers wünschte die Sternkammer und die Hohe Commission beizubehalten; aber eingeschüchtert durch die Begeisterung und das numerische Übergewicht der Reformer begnügte sie sich, im Stillen den Verlust von Institutionen zu beklagen, die mit irgend einer Aussicht auf Erfolg sich offen nicht vertheidigen ließen. Die Royalisten fanden es in einer spätern Zeit für zweckmäßig, den Ursprung der zwischen ihnen und ihren Gegnern eingetretenen Spaltung weiter hinauszuverlegen, und die Akte, die dem Könige das Auflösen oder Vertagen des Parlamentes verbietet, die Akte über die dreijährige Frist zwischen zwei Parlamenten, sowie die Anklage der Minister und den Antrag auf Straffords Verurtheilung, jener Faktion beizumessen, die später gegen den König Krieg führte. Ein unredlicherer Kunstgriff läßt sich nicht denken. Die eifrigste Förderung dieser strengen Maßregel war von Männern ausgegangen, die später unter den Cavalieren in erster Reihe standen. Kein Republikaner hätte härter über Karls so lange schlecht verwaltete Regierung gesprochen, als Colepepper, und die merkwürdigste Rede zu Gunsten der Dreijährigkeits-Akte hatte Digby gehalten. Die Anklage des Lord Siegelbewahrers hatte Falkland beantragt, und die Forderung, den Lord Statthalter in engem Gewahrsam zu halten, war an den Schranken des Lords von Hyde gestellt. Erst dann, als das Gesetz in Betreff der Verurtheilung Strafford’s vorgeschlagen wurde, ließen sich die Zeichen einer ernsten Uneinigkeit erkennen und selbst gegen dieses Gesetz, das nichts als die äußerste Nothwendigkeit rechtfertigen konnte, stimmten etwa sechzig Mitglieder des Hauses der Gemeinen. Es ist gewiß, daß Hyde nicht bei der Minorität war, und daß Falkland nicht nur mit der Majorität stimmte, sondern auch kräftig zu Gunsten der Bill sprach. Selbst die kleine Anzahl, die Zweifel darüber hegte, ob eine die Todesstrafe aussprechende Verfügung rückwirkend sein könne, hielten es für nöthig gegen Straffords Charakter und Verwaltung den größten Abscheu auszudrücken.
Unter dieser scheinbaren Einmüthigkeit verbarg sich indeß ein großes Schisma, und als im October 1641 das Parlament nach kurzen Ferien wieder zusammentrat, standen zwei Parteien einander feindlich gegenüber, dem Wesen nach dieselben, die unter verschiedenen Namen seitdem stets um die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gestritten haben und noch streiten. Man bezeichnete sie einige Jahre hindurch mit den Namen: Cavaliere und Rundköpfe; später nannte man sie Tories und Whigs, und wie es scheint, werden diese letztern Namen sobald nicht veralten.
Auf jede dieser berühmten Faktionen eine Schmähschrift oder eine Lobrede zu verfassen, würde nicht schwer sein, denn Jeder, der noch einigermaßen urtheilsfähig und redlich ist, muß eingestehen, daß dem Rufe der Partei, der er angehört, nicht zu vertilgende Flecken ankleben und daß seine Gegenpartei sich vieler ausgezeichneten Namen, vieler heroischen Thaten und vieler großen, dem Staate geleisteten Dienste rühmen kann. Die Wahrheit ist, daß England beider Parteien, obgleich sie sich oft bedeutend geirrt, nicht hätte entbehren können. Wenn wir in den Institutionen desselben Freiheit und Ordnung mit den aus Neuerung und Verjährung entspringenden Vortheilen bis zu einem Umfange vereinigt finden, der andernorts unbekannt ist, so können wir diese glückliche Eigenthümlichkeit den heftigen Kämpfen und den abwechselnden Siegen zweier wetteifernden Verbindungen von Staatsmännern zuschreiben: der einen, die für Autorität und Alterthum, der andern, die für Freiheit und Fortschritt eiferte.
Man darf den Umstand nicht übersehen, daß der Unterschied zwischen den beiden Hauptabtheilungen englischer Politiker stets mehr ein Unterschied des Grades als des Grundsatzes gewesen ist. Gewisse Grenzen, zur Rechten wie zur Linken, wurden sehr selten überschritten. Eine kleine Anzahl Enthusiasten auf der einen Seite hätte bereitwillig alle unsere Rechte und Freiheiten dem Könige zu Füßen gelegt; auf der andern Seite gab es ebenfalls einzelne Enthusiasten, die gern ihr Lieblingsphantom, das einer Republik, durch endlose Bürgerkriege verfolgt hätten. Aber die große Mehrzahl der Anhänger der Krone war dem Despotismus nicht zugethan, und die große Mehrzahl der Kämpfer für die Volksrechte wollte die Anarchie nicht. Im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts stellten beide Parteien zweimal den gegenseitigen Kampf ein, um ihre Kräfte zur Durchführung einer gemeinschaftlichen Sache zu vereinigen. Ihre erste Vereinigung stellte die erbliche Monarchie wieder her; ihre zweite rettete die verfassungsmäßige Freiheit.
Ferner muß bemerkt werden, daß diese Parteien nie die ganze Nation umfaßt, und daß selbst beide zusammen nie eine Mehrzahl von der Nation gebildet haben; stets befand sich zwischen ihnen eine große Masse, die nicht beständig einer oder der andern anhing, und bald in träger Neutralität verharrte, bald hin und her schwankte. Diese Masse ist in wenigen Jahren mehr als einmal von einem Extreme zu dem andern, und dann wieder zurück gegangen. Mitunter wechselte sie ihre Parteistellung nur deshalb, weil sie stets dieselben Männer zu unterstützen müde war; mitunter, weil sie vor ihrem eigenen Zuweitgehen erschrak, und nicht selten auch, weil sie Unmöglichkeiten erwartet hatte und sich getäuscht sah. Neigte sie sich aber mit ihrem ganzen Gewicht nach der einen oder andern Richtung hin, war ein Widerstand für diese Zeit unmöglich.
Bei dem ersten Auftreten der rivalisirenden Parteien in bestimmter Gestalt schienen ihre Kräfte ziemlich gleich vertheilt zu sein. Auf der Seite der Regierung stand eine große Mehrzahl des Adels und jener reichen Gentlemen aus guter Familie, denen, um adelig zu sein, nichts fehlte als der Name; diese bildeten mit ihren Anhängern, über deren Beistand sie bestimmen konnten, eine nicht unbedeutende Macht im Staate. Auf derselben Seite standen der ganze Clerus, beide Universitäten und jene Laien alle, die fest der bischöflichen Regierung und dem anglikanischen Ritual anhingen. Diesen achtbaren Klassen hatten sich einige Bundesgenossen von minderer Bedeutung angeschlossen. Alle, die aus dem Vergnügen ein Geschäft machten, oder durch Galanterie, Kleiderprunk und Geschmack an den leichten Künsten sich hervorthun wollten, veranlaßte die puritanische Strenge, zu der Partei des Königs zu treten. Mit diesen gingen nun wiederum alle diejenigen, die davon lebten, Andern Zeitvertreib zu schaffen; der Maler, der komische Dichter, der Seiltänzer und der Possenreißer (lustige Andreas). Diese Künstler wußten recht gut, daß sie nur unter einem stolzen und üppigen Despotismus gedeihen konnten, unter der strengen Herrschaft der Rigoristen aber Hunger leiden mußten. Dasselbe Interesse leitete alle Katholiken. Die Königin, eine Tochter Frankreichs, bekannte sich zu ihrem Glauben; von dem Gemahle derselben wußte man, daß er seine Gattin eben so sehr liebte, als er sie fürchtete, und daß er, obgleich unbezweifelt Protestant aus Überzeugung, dennoch die Bekenner der alten Religion nicht mit Abneigung betrachtete, sondern ihnen gern eine größere Duldung gewährte, als er den Presbyterianern zu bewilligen bereit war. Wenn die Opposition den Sieg davon trug, so wären wahrscheinlich die unter der Regierung Elisabeths erlassenen Blutgesetze streng geübt worden; die Römisch-Katholischen hatten daher die triftigsten Gründe, sich der Sache des Hofes zuzuwenden. Verfuhren sie im Allgemeinen auch mit einer Vorsicht, durch die sie den Vorwurf der Feigheit und Lauheit auf sich zogen, so ist es dennoch wahrscheinlich, daß sie bei dieser großen Zurückhaltung nicht minder das Interesse des Königs als ihr eigenes im Auge hatten, und es wäre wahrlich nicht heilbringend für ihn gewesen, wenn sie sich unter seinen Freunden besonders bemerkbar gemacht hätten.
Die Opposition fand ihre Hauptstärke in den kleinen Freisassen auf dem Lande und den Krämern der Städte; aber diese wurden von einer zu fürchtenden Minorität der Aristokratie geleitet, zu der die reichen und mächtigen Grafen von Northumberland, Bedford, Warwick, Stamford und Essex gehörten. In denselben Reihen befanden sich sämmtliche protestantischen Nonconformisten und die mehrsten derjenigen Mitglieder der Staatskirche, die noch immer an den calvinistischen Meinungen hingen, welche die Prälaten und die niedere Geistlichkeit vor vierzig Jahren allgemein getheilt hatten. Auch die städtischen Corporationen standen, mit geringen Ausnahmen, auf Seite derselben Partei. In dem Hause der Gemeinen hatte die Opposition das Übergewicht, jedoch ein nicht entschiedenes.
Keiner der beiden Parteien fehlte es für die Maßregeln, die sie ergriffen zu sehen wünschten, an triftigen Gründen. Das Raisonnemenent der aufgeklärtesten Royalisten kann in Folgendem zusammengefaßt werden: „Es ist wahr, daß große Mißbräuche stattgefunden haben, aber sie sind beseitigt. Es ist wahr, daß theure Rechte verletzt worden sind, aber man hat ihnen wieder volle Geltung und neue Bürgschaften dafür gegeben. Man hat zwar die Versammlungen der Reichsstände gegen alle frühern Gebräuche und gegen den Geist der Verfassung elf Jahre lang ausgesetzt, jetzt aber steht fest, daß in Zukunft nie drei Jahre ohne ein Parlament verstreichen sollen. Die Sternkammer, die Hohe Commission und der Rath von York haben uns gedrückt und ausgeplündert; diese verhaßten Gerichtshöfe existiren nicht mehr. Der Lord Statthalter gedachte einen Militairdespotismus einzuführen; er hat diesen Verrath mit seinem Kopfe gebüßt. Der Primas befleckte unsern Gottesdienst mit papistischen Gebräuchen und strafte die Zweifel unsers Gewissens mit papistischer Grausamkeit; er erwartet im Tower das Urtheil seiner Pairs. Der Lord Siegelbewahrer bestätigte einen Plan, nach dem das Eigenthum aller Engländer der Gnade der Krone unterworfen werden sollte; er ist beschimpft, zu Grunde gerichtet und gezwungen worden, Zuflucht in einem fremden Lande zu suchen. Die Diener der Tyrannei haben ihre Verbrechen gebüßt — die Opfer der Tyrannei haben für ihre Leiden Entschädigung erhalten. Es würde nicht weise sein, wollten wir unter diesen Umständen ferner noch auf einem Verfahren beharren, das damals gerechtfertigt und nothwendig war, als wir nach einem langen Zwischenraume wieder zusammentraten und die ganze Verwaltung nur aus Mißbräuchen bestehend vorfanden; jetzt müssen wir uns hüten, unsern Sieg über den Despotismus nicht so weit zu verfolgen, daß wir der Anarchie anheimfallen. Die schlechten Einrichtungen, unter denen das Vaterland noch vor Kurzem seufzte, ohne gewaltige, die Grundlagen der Regierung erschütternde Maßregeln zu beseitigen, stand nicht in unserer Macht; jetzt aber, da diese Einrichtungen gestürzt sind, dürfen wir nicht zögern, dasselbe Gebäude zu stützen, das zu zertrümmern noch vor kurzer Frist unsere Pflicht war. Unsere Weisheit muß künftig darin bestehen, daß wir mißtrauisch die Neuerungspläne in’s Auge fassen und alle jene Hoheitsrechte, die das Gesetz im Interesse des allgemeinen Besten dem Souverain verliehen, vor Beeinträchtigung wahren.“
Dies waren die Ansichten der Männer, als deren Führer der vortreffliche Falkland zu betrachten ist. Auf der andern Seite behaupteten nicht geringer befähigte und redliche Männer mit nicht minder ernstem Nachdrucke, daß die Bürgschaften für die Freiheiten des englischen Volkes mehr scheinbare als wirkliche seien, und daß der Hof seine Willkürpläne sofort wieder aufnehmen würde, wenn die Wachsamkeit der Gemeinen nachließe. Es sei wahr, sagten Pym, Hollis und Hampden, daß viele gute Gesetze erlassen wären, aber hätten diese Gesetze genügt, den König zu beschränken, so würden seine Unterthanen nur wenig Ursache zu Klagen über seine Verwaltung gehabt haben, und die neuen Gesetze, meinten sie, hätten sicherlich keine geringere Autorität, als die Magna Charta und die Bitte um Recht; aber weder die Magna Charta, wenn auch durch die Verehrung geheiligt, die man ihr vier Jahrhunderte lang gezollt, noch die Bitte um Recht, die Karl selbst nach reiflicher Erwägung und aus wichtigen Gründen genehmigt, sei für den Schutz des Volkes wirksam genug befunden worden. Erschlaffte nur einmal der Zügel der Furcht, ließe man den Geist der Opposition nur einmal einschlummern, so würden sich alle Bürgschaften für die englischen Freiheiten in eine einzige auflösen, in das königliche Wort, und daß man diesem nicht viel trauen dürfe, sei durch eine lange und bittere Erfahrung bewiesen.
Der irische Aufstand. [Noch] beharrten beide Parteien in einer feindseligen Vorsicht, noch hatten sie ihre Kraft nicht gemessen, als eine Kunde anlangte, welche Beider Leidenschaften entflammte und Beide in ihren Ansichten bestärkte. Es hatten nämlich die großen Häuptlinge von Ulster, die sich bei Jakobs Regierungsantritte der königlichen Autorität nach langem Kampfe gebeugt, der erniedrigenden Abhängigkeit müde, sich gegen die englische Regierung verschworen, und waren des Hochverraths für schuldig erklärt worden. Ihre unermeßlichen Besitzungen fielen nun der Krone anheim und wurden bald von Tausenden englischer und schottischer Auswanderer bevölkert. Die neuen Ansiedler überragten an Civilisation und geistiger Bildung die Eingeborenen, und mißbrauchten nicht selten diese Überlegenheit. Der Haß, den die Verschiedenheit des Stammes erzeugt, ward durch die Verschiedenheit der Religion noch vermehrt. Unter Wentworth’s eiserner Herrschaft hatte sich zwar kaum ein leises Murren vernehmen lassen; als aber dieser starke Druck aufgehoben, als Schottland das Beispiel eines erfolgreichen Widerstandes geliefert, und als England mit eigenen Zwistigkeiten zu thun hatte, da brach die verhaltene Wuth der Iren in schrecklichen Gewaltthätigkeiten aus. Die Eingeborenen erhoben sich gegen die Colonisten. Ein Krieg, dem nationaler und religiöser Haß einen besonders furchtbaren Charakter verliehen, verwüstete Ulster und breitete sich über die benachbarten Provinzen aus. Das Schloß von Dublin hielt man kaum noch für sicher. Jede Post brachte Gräuelberichte nach London, die, wenn sie auch nicht übertrieben gewesen wären, dennoch Mitleid und Schrecken erregen mußten. Diese bösen Botschaften nun entzündeten bis zum höchsten Grade den Eifer der beiden großen Parteien, die in Westminster zum Kampfe gerüstet einander gegenüber standen. Die Anhänger des Königs behaupteten, es sei die Pflicht eines jeden guten Engländers und Protestanten, in einer solchen Krise die Macht des Souveräns zu stärken; die Opposition dagegen war der Ansicht, es lägen jetzt mehr als je triftige Gründe vor, ihm Hindernisse und Schranken entgegenzusetzen. Die Gefahr des Gemeinwesens war allerdings Grund genug, einem des Vertrauens würdigen Oberhaupte ausgedehnte Gewalt zu verleihen; aber der Umstand, daß dieses Oberhaupt dem Lande feindlich gesinnt war, gab einen eben so triftigen Grund dafür, ihm die Macht zu entziehen. Eine große Armee aufzustellen, war von jeher des Königs Hauptbestreben gewesen, und jetzt mußte ein solches Heer gesammelt werden. War man nun nicht auf neue Bürgschaften bedacht, so stand zu befürchten, daß die zur Bezwingung Irlands aufgestellten Streitkräfte gegen die Freiheit Englands verwendet werden würden. Aber auch dies war noch nicht Alles. Es hatte sich ein gräßlicher Verdacht, wenn auch ungerecht, doch nicht ganz unnatürlich, vieler Gemüther bemächtigt. Die Königin nämlich war eine erklärte Anhängerin der römisch-katholischen Kirche; den König hielten die Puritaner, weil er sie stets schonungslos verfolgt hatte, nicht für einen aufrichtigen Protestanten, und seine Zweideutigkeit war so allgemein bekannt, daß es keine Verrätherei mehr gab, deren seine Unterthanen, nur bei einigem Anscheine von Grund, ihn nicht für fähig gehalten hätten. Leise tauchte das Gerücht auf, der Aufstand der Römisch-Katholischen von Ulster sei nichts als ein Theil eines großen Werkes der Finsterniß, daß man in Whitehall vorbereitet habe.
Die Remonstration. [Am] 22. November 1641 fand nach einem Vorspiele von einigen Wochen der erste große parlamentarische Kampf zwischen den Parteien statt, die seitdem stets um die Regierung der Nation gestritten haben und noch darum streiten. Die Opposition stellte den Antrag, das Haus der Gemeinen möge dem Könige eine Vorstellung übergeben, in der die Fehler, die er seit seiner Thronbesteigung in der Verwaltung begangen, aufgezählt würden, und die zugleich das Mißtrauen ausdrücke, mit dem das Volk seine Politik betrachte. Dieselbe Versammlung, die noch vor wenig Monaten einstimmig die Abschaffung der Mißbräuche gefordert hatte, war jetzt in zwei heftig erbitterte Parteien von fast gleicher Stärke getheilt. Nach einer mehrstündigen heißen Debatte ward die beantragte Remonstration mit nur elf Stimmen angenommen.
Der conservativen Partei war das Ergebniß dieses Kampfes ungemein günstig. Daß sie binnen kurzer Zeit das Übergewicht im Unterhause erlangen würde, war unzweifelhaft, wenn nicht eine große Unbesonnenheit es verhinderte. Des Oberhauses hatte sie sich schon bemächtigt; es fehlte nichts zur völligen Sicherung ihres Erfolgs, als daß der König in seinem ganzen Verhalten Achtung vor den Gesetzen und gewissenhafte Treue gegen seine Unterthanen an den Tag legte.
Seine ersten Maßregeln versprachen Gutes. Wie es schien, hatte er die Nothwendigkeit eines vollständigen Wechsels des Systems erkannt und sich klüglich dem zugewendet, was nicht länger vermieden werden konnte. Offen erklärte er seinen Entschluß, daß er in Übereinstimmung mit den Gemeinen regieren und deshalb nur Männer zu seinen Räthen wählen wolle, in deren Fähigkeiten und Charakter sie volles Vertrauen setzten. Und diese Wahl fiel auch wirklich nicht übel aus. Falkland, Hyde und Colepepper, drei Männer, die sich durch den Eifer für Abstellung von Mißbräuchen und Bestrafung schlechter Minister hervorgethan, wurden eingeladen, die Stellung als vertraute Räthe der Krone einzunehmen, und sie erhielten auch von Karl die feierliche Versicherung, daß er ohne ihr Mitwissen keinen Schritt unternehmen wolle, der in irgend einer Weise das Unterhaus verletze.
Hätte er dieses Versprechen gehalten, so würde ohne allen Zweifel die Reaktion, die bereits im Fortschreiten begriffen, bald so stark geworden sein, als es die besten Royalisten nur immer wünschen konnten. Die heftigen Mitglieder der Opposition begannen schon an dem glücklichen Erfolge ihrer Partei zu verzweifeln, für ihre eigene Sicherheit zu fürchten und von dem Verkaufen ihrer Güter und der Übersiedelung nach Amerika zu sprechen. Daß die helle Aussicht, die sich dem Könige bereits eröffnet, sich plötzlich verdunkelte, daß sein Leben durch Widerwärtigkeit getrübt und endlich gewaltsam verkürzt wurde, ist nur seiner eigenen Treulosigkeit und Verhöhnung der Gesetze beizumessen.
Daß er beide Parteien, in die das Haus der Gemeinen sich theilte, haßte, ist wahrscheinlich, und man kann sich darüber nicht wundern, denn in beiden Parteien waren Freiheits- und Ordnungsliebe, wenn auch in verschiedenen Verhältnissen, stets gemischt vorhanden. Die Rathgeber, die zu berufen ihn die Nothwendigkeit gezwungen, waren durchaus nicht Männer nach seinem Herzen; sie hatten an der Verurtheilung seiner Tyrannei, an der Schmälerung seiner Macht und der Bestrafung seiner Werkzeuge Theil genommen. Nun waren sie allerdings bereit, durch streng gesetzliche Mittel seine streng gesetzlichen Rechte zu vertheidigen, aber sie würden vor dem Gedanken zurückgeschaudert sein, Wentworths Pläne des „Durch“ wieder in Angriff zu nehmen. Aus diesem Grunde hielt sie der König für Verräther, die sich nur durch den Grad ihrer aufrührerischen Bosheit von Pym und Hampden unterschieden.
Anklage der fünf Mitglieder. [Einige] Tage nach dem den Häuptern der constitutionellen Royalisten geleisteten Versprechen, daß kein wichtiger Schritt ohne ihr Mitwissen gethan werden solle, faßte er die verhängnißvollste Entschließung seines ganzen Lebens, verbarg sie ihnen sorgfältig und brachte sie in einer Weise zur Ausführung, die sie mit Scham und Schrecken erfüllte. Er gab dem Kronanwalt Auftrag, Pym, Hollis, Hampden und andere Mitglieder des Hauses der Gemeinen vor den Schranken des Hauses der Lords als Hochverräther anzuklagen. Noch nicht zufrieden mit dieser schweren Verletzung der Magna Charta und des ununterbrochenen Gebrauchs von Jahrhunderten, erschien er in Person, unter Begleitung von Bewaffneten, um in den Mauern des Parlamentsgebäudes selbst die Führer der Opposition zu verhaften.
Der Versuch mißlang, denn die angeklagten Mitglieder hatten kurz vor Karls Erscheinen das Haus verlassen. Sowohl im Parlamente als im Lande folgte nun ein plötzlicher und heftiger Umschwung der Stimmung. Die gelindeste Ansicht, welche die parteilichsten Verfechter des Königs über sein Verhalten bei dieser Gelegenheit je gehegt haben, ist die, daß er schwach genug gewesen sei, sich von den schlechten Rathschlägen seiner Frau und seiner Höflinge zu einer unerhörten Unbesonnenheit hinreißen zu lassen. Die allgemeine Stimme aber klagte ihn laut eines weit schwerern Vergehens an. In demselben Augenblicke, in dem seine Unterthanen, lange durch seine schlechte Verwaltung ihm entfremdet, mit Gefühlen des Vertrauens und der Liebe zu ihm zurückkehren wollten, führte er einen tödtlichen Streich auf ihre theuersten Rechte, auf die Vorrechte des Parlaments, überhaupt auf das ganze Prinzip der Geschwornengerichte, und zeigte, daß er eine Opposition gegen seine Willkürpläne für eine nur durch Blut zu sühnende Schuld betrachte. Er war nicht nur seinem großen Rathe und seinem Volke, sondern auch seinen eigenen Anhängern untreu geworden, und hatte einen Schritt zu thun gewagt, der wahrscheinlich einen blutigen Kampf an dem Stuhle des Sprechers hervorgerufen haben würde, wenn ihn ein unvorhergesehener Zufall nicht verhindert hätte. Es fühlten jetzt die einflußreichsten Männer im Unterhause, daß nicht nur ihre Macht und Popularität, sondern auch ihre Güter und Köpfe von dem Ausgange des Kampfes, in den sie verwickelt waren, abhingen. Der gesunkene Eifer der dem Hofe entgegenstehenden Partei erhob sich plötzlich wieder zu neuem Leben. Die ganze Nacht, die auf den Frevel folgte, stand die City von London unter Waffen. Die der Hauptstadt zuführenden Straßen waren nach wenig Stunden schon mit Schaaren von Freisassen bedeckt, welche mit den Zeichen der Parlamentssache an den Hüten nach Westminster eilten. Die Opposition im Hause der Gemeinen wurde plötzlich unwiderstehlich und setzte, bei einem Stimmenverhältnisse von mehr als zwei gegen eine, Beschlüsse von beispielloser Heftigkeit durch. Die Wache in Westminsterhall wurde von starken Abtheilungen der Landmiliz besetzt und regelmäßig abgelös’t. Eine wüthende Menge belagerte täglich die Thüren des königlichen Palastes, ihre Schmähungen und Flüche drangen bis in das Audienzgemach, und die Hofdiener konnten den Andrang kaum von den königlichen Zimmern abhalten. Wäre Karl noch länger in der stürmisch aufgeregten Hauptstadt geblieben, die Gemeinen würden wahrscheinlich einen neuen Vorwand gefunden haben, um ihn, unter Beobachtung äußerer Formen der Ehrerbietung, zum Staatsgefangenen zu machen.
Karls Abreise von London. [Er] verließ London, um nicht eher dorthin zurückzukehren, bis der Tag einer furchtbaren und denkwürdigen Abrechnung gekommen war. Es begann eine Unterhandlung, die mehrere Monate dauerte. Anklagen und Gegenanklagen wechselten zwischen den streitenden Parteien; jede friedliche Schlichtung war unmöglich geworden. Auch den König ereilte endlich die sichere Strafe, die den steten Verrath treffen muß. Umsonst verpfändete er jetzt sein königliches Wort, umsonst rief er den Himmel zum Zeugen der Aufrichtigkeit seiner Versicherungen an; das Mißtrauen seiner Gegner war weder durch Schwüre noch durch Verträge zu verbannen, denn sie hegten die Überzeugung, daß ihre Sicherheit von seiner völligen Hilflosigkeit abhinge, und aus diesem Grunde bestanden sie darauf, er solle nicht nur auf die Vorrechte verzichten, die er sich durch die Verletzung alter Gesetze und seiner eigenen noch kürzlich geleisteten Versprechen angemaßt hatte, sondern auch auf andere, in deren Besitz die englischen Könige seit undenklichen Zeiten waren und noch bis auf den heutigen Tag sind. Es sollte ohne Zustimmung der Häuser kein Minister ernannt, kein Pair gewählt werden, und vor Allem sollte der Souverain sich der höchsten Militairgewalt entäußern, die seit einer Zeit, deren sich niemand mehr erinnert, der königlichen Würde angehört hatte.
Daß Karl auf solche Forderungen eingehen würde, so lange er noch irgend ein Widerstandsmittel besaß, ließ sich nicht erwarten; aber es würde auch schwer sein, den Nachweis zu liefern, daß die Häuser mit Sicherheit weniger hätten fordern können. Die große Mehrzahl der Nation hielt fest an der erblichen Monarchie; der republikanisch Gesinnten waren nur noch wenige, und diese wagten nicht, ihre Meinung laut auszusprechen. Die Abschaffung des Königthums war daher eine Unmöglichkeit; aber zugleich war es klar, daß man in den König kein Vertrauen setzen durfte. Es hätten Diejenigen, die sein Streben nach ihrer Vernichtung aus jüngster Erfahrung kannten, widersinnig gehandelt, wenn sie sich damit begnügt hätten, ihm eine andere Bitte um Recht einzureichen, und von ihm neue, denen ähnliche Versprechungen anzunehmen, die er wiederholt gegeben und nicht gehalten hatte. Nur der Mangel einer Armee hatte ihn verhindert, die alte Reichsverfassung völlig umzustürzen. Die Wiedereroberung Irlands hatte die Aufstellung einer großen regelmäßigen Armee nöthig gemacht, es wäre daher reiner Wahnsinn gewesen, hätte man die volle Militairgewalt, wie sie seine Vorfahren besaßen, in seinen Händen lassen wollen.
Befindet sich ein Land in der Lage, in der sich damals England befand, wird das königliche Amt mit Liebe und Verehrung, aber die dasselbe verwaltende Person mit Haß und Mißtrauen betrachtet, so sollte man meinen, daß der einzuschlagende Ausweg nicht fern läge: die Würde des Amtes aufrecht zu halten, und die Person zu beseitigen. Diesen Weg wählten unsere Vorfahren 1399 und 1689. Hätte im Jahre 1642 ein Mann gelebt, der eine Stellung wie Heinrich von Lancaster zur Zeit der Entthronung Richards II., oder wie der Prinz von Oranien zur Zeit der Thronentsetzung Jakobs II. einnahm, so ließe sich annehmen, daß die Häuser die Dynastie gewechselt, aber keine förmliche Veränderung der Verfassung ausgeführt haben würden, und der neue König, durch ihre Wahl zu dem Throne berufen und abhängig von ihrer Unterstützung, hätte nothwendig in Übereinstimmung mit ihren Wünschen und Ansichten regieren müssen. Aber die Partei des Parlaments zählte keinen Prinzen von königlichem Geblüte zu ihren Anhängern, und wenn sie auch Männer von hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten besaß, so war doch keiner unter ihnen, der die übrigen dergestalt überragte, daß man ihn als Throncandidaten aufstellen konnte. Da es einen König geben mußte, und ein neuer nicht zu finden war, so stellte sich die Nothwendigkeit heraus, Karl den königlichen Titel zu belassen, und es blieb nur der eine Ausweg übrig, den Titel von den Hoheitsrechten zu trennen.
Schien auch die Änderung, welche die Häuser an unsern Institutionen vorzunehmen beschlossen, eine weitumfassende, als man sie genau in Vertragsartikel geordnet hatte; so ging sie doch in der That um nicht viel weiter als jene Änderung, welche in der nächsten Generation die Revolution hervorbrachte. Der Souverain ward in der Revolution allerdings nicht durch ein Gesetz der Macht beraubt, seine Minister zu wählen; aber es steht auch fest, daß es seit der Revolution keinem Minister möglich war, länger als sechs Monate im Amte zu bleiben, wenn das Haus der Gemeinen widersprach. Der Souverain hat zwar noch immer die Gewalt Pairs zu ernennen, und die noch viel wichtigere des Schwertes; aber er ist seit der Revolution bei Ausübung dieser Gewalten stets von Räthen umgeben gewesen, die das Vertrauen der Volksvertreter besaßen. Die Führer der Rundköpfe vom Jahre 1642 und die Staatsmänner, die vielleicht ein halbes Jahrhundert später die Revolution hervorriefen, verfolgten in der That genau dasselbe Ziel, und dieses Ziel war, den Streit zwischen der Krone und dem Parlamente dadurch zu Ende zu bringen, daß man dem Letztern die Oberaufsicht über die executive Verwaltung zuertheilte. Die Staatsmänner der Revolution bewirkten dies indirekt durch einen Dynastie-Wechsel. Die Rundköpfe von 1642 mußten einen direkten Weg zum Ziele einschlagen, da sie den Dynastie-Wechsel nicht bewirken konnten.
Es darf uns jedoch nicht befremden, wenn die Forderungen der Opposition, die eine vollständige und förmliche Übertragung aller der Krone bisher angehörigen Befugnisse auf das Parlament umfaßten, jene große Partei abschreckten, deren charakteristische Merkmale Achtung vor gesetzlicher Autorität und Furcht vor gewaltsamen Neuerungen waren. Diese Partei hatte noch kürzlich die Hoffnung gehegt, die Erlangung des Übergewichts in dem Hause der Gemeinen durch friedliche Mittel zu bewirken; in dieser Hoffnung aber war sie getäuscht. Karl hatte durch seine Treulosigkeit die alten Feinde unversöhnlich gemacht, eine Anzahl gemäßigter und im Übertritte zu ihm begriffener Männer in die Reihen der Mißvergnügten zurückgetrieben, und seine besten Freunde so tief gekränkt, daß sie sich eine Zeit lang beschämt und entrüstet zurückzogen. Jetzt aber mußten die constitutionellen Royalisten unter zwei Gefahren wählen, und sie hielten es für Pflicht, eher zu einem Fürsten zu stehen, dessen bisheriges Verfahren sie verabscheuten und dessen Worten sie wenig Vertrauen schenkten, als eine Entwürdigung des königlichen Amtes und eine völlige Umgestaltung der Reichsverfassung zu dulden. Mit diesen Gefühlen traten viele Männer, deren Tugenden und Fähigkeiten einer jeden Sache zur Ehre gereicht haben würden, auf die Seite des Königs.
Anfang des Bürgerkriegs. [Im] August 1642 griff man endlich zum Schwerte, und fast in jeder Grafschaft des Königreichs standen zwei bewaffnete Parteien einander feindlich gegenüber. Welche von den streitenden Parteien anfangs die furchtbarste war, läßt sich schwer bestimmen. Die Häuser geboten über London und die umliegenden Grafschaften, über die Flotte, die Themseschifffahrt und die meisten großen Städte und Seehäfen; fast alle Kriegsvorräthe im Königreiche standen zu ihrer Verfügung, so daß sie Zölle sowohl von Waaren, aus fremden Ländern eingeführt, als auch von einigen wichtigen Erzeugnissen inländischer Industrie erheben konnten. Der König war mit Artillerie und Munition schlecht versehen. Die Steuern, welche er aus den von seinen Truppen besetzten Landbezirken zog, lieferten einen weit geringern Ertrag, als der, den das Parlament allein aus der City von London erhob. Zwar ist es nicht zu läugnen, daß die Freigebigkeit seiner reichen Anhänger ihn mit Geldmitteln unterstützte, daß viele von ihnen ihr Grundeigenthum mit Schulden belasteten, ihre Juwelen verpfändeten und ihre silbernen Geräthe und Taufbecken zu Gelde machten, um ihm zu helfen; allein die Erfahrung hat vollständig bewiesen, daß die freiwillige Aufopferung Einzelner, selbst in den Zeiten der größten Aufregung, gegen eine strenge regelmäßige Besteuerung, die willige und zähe Zahler zugleich drückt, nur eine dürftige finanzielle Hilfsquelle ist.
Karl besaß jedoch einen Vortheil, der nicht nur den Mangel an Vorräthen und Geld mehr als aufgewogen haben würde, wenn er ihn gut benützt hätte, sondern ihm auch, ungeachtet der schlechten Führung, einige Monate lang die Überlegenheit im Kriege gab. Seine Truppen kämpften anfangs viel besser, als die des Parlaments. Bestanden auch beide Armeen fast nur aus Leuten, die nie ein Schlachtfeld gesehen hatten, so war dennoch der Unterschied ein großer. In den Reihen der Parlamentstruppen standen eine Menge Miethlinge, die Mangel und Müßiggang bewogen hatten, sich anwerben zu lassen. Hampdens Regiment hielt man für eins der Besten; aber selbst dieses Regiment schildert Cromwell nur als eine zusammengelaufene Bande von unbeschäftigten Kellnern und Bedienten. Die Armee des Königs dagegen bestand größtentheils aus muthigen, begeisterten Gentlemen, gewohnt, den Tod der Schande vorzuziehen, im Fechten und im Gebrauche der Feuerwaffe geübt, als kecke Reiter vertraut mit der männlichen und gefahrvollen Lust der Jagd, die man passend ein Bild des Krieges genannt hat. Solche Männer, ihre Leibrosse unter sich und kleine Schaaren kommandirend, die aus ihren jüngern Brüdern, ihren Stallknechten, Wildhütern und Jägern zusammengestellt waren, zeigten sich schon am ersten Tage des Feldzugs befähigt, in einem Gefecht mit Ehren zu bestehen. Zwar brachten es diese tapfern Freiwilligen nie zu der Ausdauer, dem pünktlichen Gehorsam und der maschinenmäßigen Präzision in den Bewegungen, die den regulären Soldaten eigen sind; aber man stellte sie anfangs Feinden entgegen, die eben so undisziplinirt wie sie, und bei weitem nicht so unternehmend, stark und beherzt waren. Aus diesem Grunde fochten die Cavaliere eine Zeit lang fast immer mit Glück.
Auch in der Wahl eines Generals war das Parlament unglücklich gewesen. Der Rang und Reichthum des Grafen Essex machten ihn zu einem der bedeutendsten Glieder der Parlamentspartei. Er hatte ruhmvoll auf dem Continente gefochten, und bei dem Beginne des Krieges ward er als Militair so hoch geachtet, wie nur irgend ein Mann im Lande; aber bald zeigte es sich, daß er dem Posten des Oberbefehlshabers nicht gewachsen war. Er hatte wenig Energie und durchaus keinen erfinderischen Geist, so daß ihn die im pfälzischen Kriege erlernte regelmäßige Taktik nicht vor dem Schimpfe bewahrte, sich von einem Anführer wie Ruprecht, der keinen höhern Ruhm als den eines kühnen Parteigängers beanspruchen konnte, überrumpeln und zersprengen zu lassen.
Ebenso wenig waren die Offiziere, denen man unter Essex die Hauptposten anvertraut hatte, geeignet, das zu ersetzen, was ihm fehlte. Das Parlament kann man dafür nicht verantwortlich machen. In einem Reiche, in dem seit Menschengedenken kein großer Landkrieg geführt war, suchte man vergebens nach Generalen von erprobter Kunst und Tapferkeit, mußte daher anfangs unerprobten Männern vertrauen und gab natürlich von diesen denen den Vorzug, die sich entweder durch ihre Stellung, oder durch ihre im Parlamente entwickelten Fähigkeiten hervorgethan hatten. Aber auch nicht eine einzige Wahl war eine glückliche zu nennen; weder die großen Herren noch die großen Redner zeigten sich als gute Soldaten. Der Graf von Stamford, einer der bedeutendsten Männer des hohen Adels, ward bei Stratton von den Royalisten geschlagen; Nathaniel Fiennes, der an Fähigkeiten in bürgerlichen Angelegenheiten keinem seiner Zeitgenossen nachstand, bedeckte sich durch die kleinmüthige Übergabe von Bristol mit Schmach. Von allen Staatsmännern, die in jener Zeit hohe Militairposten empfingen, scheint Hampden allein auch im Felde die Fähigkeit und Energie gezeigt zu haben, durch die er sich in der Politik auszeichnete.
Erfolge der Royalisten. [Nach] Verlauf eines Jahres waren alle Kriegsvortheile entschieden auf Seiten der Royalisten. In den westlichen und nördlichen Grafschaften hatten sie gesiegt, sie hatten dem Parlamente Bristol, die zweite Stadt des Königreichs, entrissen, und mehrere Schlachten gewonnen, ohne eine einzige ernste oder schimpfliche Niederlage zu erleiden. Unter den Rundköpfen dagegen begann das Mißgeschick Uneinigkeit und Unzufriedenheit hervorzurufen; das Parlament ward bald durch Komplote, bald durch Tumulte in einer steten Aufregung erhalten, so daß man es für nöthig erachtete, London gegen die königliche Armee zu befestigen, und einige mißvergnügte Bürger an ihren eigenen Hausthüren aufzuhängen. Mehrere der bekanntesten Pairs, die bis dahin zu Westminster geblieben waren, flüchteten an den Hof, damals zu Oxford, und unbezweifelt würde Karl im Triumphe nach Whitehall marschirt sein, wenn zu dieser Zeit die Operationen der Cavaliere durch scharfsinnige und energische Köpfe geleitet worden wären.
Aber der König ließ den günstigen Augenblick vorübergehen, und dieser Augenblick kam nie wieder. Im August 1643 belagerte er die Stadt Gloucester, die von den Einwohnern und der Garnison mit einer Hartnäckigkeit vertheidigt ward, wie sie die Anhänger des Parlamentes seit dem Beginn des Krieges nicht gezeigt hatten. Dieses Beispiel erweckte den Eifer Londons, und die Miliz der City erklärte sich bereit, nach allen Orten zu gehen, wo man ihrer Dienste bedürfe. Man sammelte schnell eine beträchtliche Streitmacht, und ließ sie nach dem Westen ausrücken. Man entsetzte Gloucester. In allen Theilen des Königreichs verloren die Royalisten den Muth, die Parlamentspartei ward von neuem begeistert, und die abtrünnigen Lords, welche jüngst von Westminster nach Oxford geflohen waren, kehrten eilig von Oxford nach Westminster zurück.
Erstehen der Independenten. [Neue] beunruhigende Symptome zeigten sich nun in dem kranken Staatskörper. Von Anfang an hatte die Parlamentspartei Männer gehabt, die Pläne zu verwirklichen suchten, vor denen die Mehrzahl dieser Partei zurückgebebt wäre. Diese Männer waren Independenten in religiöser Beziehung. Sie waren der Ansicht, jede christliche Gemeinde sei nach Christus die höchste Gerichtsstelle in geistlichen Angelegenheiten, Berufungen an Provinzial- und National-Synoden seien der heiligen Schrift eben so sehr entgegen, als Berufungen an den erzbischöflichen Gerichtshof oder den Vatican, und Papstthum, Prälatur und Presbyterianismus seien nur drei Formen einer und derselben großen Apostasie. In der Politik waren die Independenten, um sie mit der Benennung ihrer Zeit zu bezeichnen, Wurzel- und Zweig-Männer, oder, um einen verwandten Ausdruck unserer Zeit anzuwenden, Radicale. Mit der Beschränkung der Macht des Monarchen nicht zufrieden, wollten sie auf den Trümmern des alten englischen Staats eine Republik errichten. An Zahl wie an Einfluß waren sie anfangs zwar unbedeutend gewesen, aber bevor noch der Krieg zwei Jahre gedauert, hatten sie sich, wenn auch nicht zu der größten, doch zu der mächtigsten Partei im Lande ausgebildet. Die alten parlamentarischen Führer hatte theils der Tod geraubt, theils hatten sie selbst das öffentliche Vertrauen verscherzt. Pym war mit fürstlichen Ehren neben den Plantagenets zur Gruft bestattet; Hampden war seiner würdig gefallen, indem er bei einem vergeblichen Versuche, den kühnen Reitern Ruprechts standzuhalten, seinen Leuten ein heldenmüthiges Beispiel geben wollte; Bedford war der Sache untreu geworden; Northumberland war als ein lauer Anhänger bekannt, und Essex sammt seinen Unterbefehlshabern hatte wenig Kraft und Befähigung zur Leitung der Kriegsoperationen bewiesen. Unter diesen Umständen begann die feurige, entschlossene und hartnäckige Independenten-Partei sowohl im Lager als im Hause der Gemeinen ihr Haupt zu erheben.
Oliver Cromwell. [Die] Seele dieser Partei war Oliver Cromwell. Er war zu friedlichen Beschäftigungen erzogen, hatte aber doch, schon über vierzig Jahre alt, eine Stelle in der Parlamentsarmee angenommen. Kaum Soldat geworden, erkannte er mit dem hellen Blicke des Genie’s, was Essex und Genossen, trotz aller ihrer Erfahrung, nicht erkannt hatten. Ihm ward sofort klar, worin die Stärke der Royalisten bestand, und welche Mittel zur Bewältigung derselben anzuwenden seien. Er erkannte, daß eine Reorganisation des Parlamentsheeres nothwendig, und daß zu diesem Zwecke reiches und vortreffliches Material vorhanden sei, wenn auch nicht so glänzendes, aber doch zuverlässigeres als das, aus dem die tapfern Schwadronen des Königs gebildet waren. Es mußten Rekruten beschafft werden, die nicht nur als Miethlinge dienten, sondern aus anständigen Lebensverhältnissen kamen, und einen ernsten Charakter, Gottesfurcht und Eifer für die öffentliche Freiheit besaßen. Solche Männer stellte er in die Reihen seines eigenen Regimentes, und indem er sie einer strengen, bis dahin in England unbekannten Disziplin unterwarf, wirkte er zugleich durch Reizmittel von außerordentlicher Kraft auf ihre geistige und sittliche Natur.
Die Ereignisse des Jahres 1644 lieferten den vollständigen Beweis von der Überlegenheit seines Geistes. Im Süden, unter Essex’ Oberbefehl, erlitten die Truppen des Parlaments eine schimpfliche Niederlage nach der andern; im Norden aber ward durch den Sieg bei Marston Moor ein reicher Ersatz für alles Das geboten, was andernorts verloren ging. Den Royalisten war dieser Sieg kein härterer Schlag, als der Partei, die in Westminster bis dahin das Übergewicht gehabt, denn man wußte allgemein, daß die Energie Cromwells und der ausdauernde Muth der von ihm gebildeten Truppen die Schlacht, welche die Presbyterianer schimpflich verloren, wieder gewonnen hatten.
Selbstverleugnungsverordnung. [Die] Selbstverleugnungsverordnung und die neue Organisation der Armee waren Folgen dieser Begebenheiten. Essex und die meisten derjenigen Männer, die unter ihm hohe Posten eingenommen hatten, wurden unter schicklichen Vorwänden und mit allen Zeichen der Achtung entlassen; die Führung des Kriegs ward andern Händen übergeben. Fairfax, ein tapferer Soldat, aber ein Mann von mittelmäßigen Fähigkeiten und unentschlossenem Charakter, wurde dem Namen nach Generalissimus der Armee, Cromwell aber war das eigentliche Haupt derselben.
Cromwell organisirte nun eilig die ganze Armee nach denselben Grundsätzen, nach denen er die Organisation seines eigenen Regimentes bewirkt hatte, und mit der Vollendung dieses Werkes war auch der Ausgang des Krieges entschieden. Die Cavaliere standen nun einem natürlichen Muthe gegenüber, der nicht geringer als ihr eigener war, einem höhern Enthusiasmus, als sie selbst besaßen, und einer Disziplin, die ihnen durchaus mangelte. Daß die Soldaten des Fairfax und Cromwell von anderer Zucht seien, als die des Essex, wurde bald sprichwörtlich.
Sieg des Parlaments. [Der] erste große Zusammenstoß der Royalisten und der neuorganisirten Armee der beiden Häuser hatte bei Naseby statt; der Sieg der Rundköpfe war vollständig und entscheidend, und andere Triumphe reiheten sich ihm in kurzer Zeit an. Wenig Monate genügten, und die Autorität des Parlaments war vollständig im ganzen Königreiche hergestellt. Karl flüchtete zu den Schotten, und diese lieferten ihn seinen englischen Unterthanen in einer Weise aus, die ihrem Nationalcharakter wenig Ehre machte.
Noch war der Ausgang des Krieges zweifelhaft, und schon hatte das Parlament den Primas hinrichten, den Gebrauch der Liturgie, soweit sich seine Autorität erstreckte, verbieten lassen, und Jedermann aufgefordert, jene berühmte Urkunde zu unterschreiben, die unter dem Namen der feierlichen Ligue und des Covenants bekannt ist. Nach beendigtem Kampfe ward das Werk der Neuerung und Rache mit erhöhtem Eifer fortgesetzt. Man veränderte die Kirchenverfassung des Königreichs und verjagte die meisten Mitglieder des alten Klerus aus ihren Pfründen. Den Royalisten, die schon durch die dem Könige gewährten reichen Unterstützungen verarmt waren, wurden so hohe Geldbußen auferlegt, daß sie völlig zu Grunde gingen. Viele Güter wurden confiscirt und viele geächtete Cavaliere fanden es gerathen, den Schutz einflußreicher Mitglieder der siegenden Partei mit großen Kosten zu erkaufen. Ausgedehnte Besitzungen der Krone, der Bischöfe und Kapitel zog man ein und vergab sie entweder an Andere, oder verkaufte sie öffentlich, so daß in Folge dieser Beraubungen ein großer Theil des Bodens von England auf einmal feilgeboten wurde. Da nur wenig Geld vorhanden, der Markt überfüllt, der Besitztitel unsicher und die Furcht vor mächtigen Kauflustigen der freien Mitbewerbung hinderlich war, waren die Preise oft nur dem Namen nach vorhanden. Spurlos verschwanden auf diese Weise viele alte und ehrenwerthe Familien, und viele bis dahin unbekannte Leute wurden in kurzer Zeit reich.
Während aber die Häuser in dieser Art ihre Autorität geltend machten, ward sie plötzlich ihren Händen entrissen. Das Parlament hatte diese Autorität dadurch erlangt, daß man eine Gewalt erschaffen, der keine Schranken gesetzt werden konnten. Im Sommer 1647, nachdem ungefähr zwölf Monate verflossen, seit der letzte feste Platz der Cavaliere sich dem Parlamente ergeben, mußte das Parlament sich seinen eigenen Soldaten unterwerfen.
Herrschaft und Charakter der Armee. [Nun] folgte ein Zeitraum von dreizehn Jahren, in dem England, wenn auch unter verschiedenen Namen und Formen, in der That durch das Schwert regiert ward. Weder vor noch nach dieser Zeit ist in unserm Vaterlande die bürgerliche Gewalt einer Militairdictatur unterworfen gewesen.
Die Armee, die nun die Hauptmacht im Staate bildete, war von allen denen sehr verschieden, die wir seitdem kennen gelernt haben. Die Löhnung des gemeinen Soldaten ist jetzt der Art, daß sie nur die unterste Klasse der Arbeiter Englands reizen kann, ihren Stand aufzugeben. Der Gemeine ist von dem höhern Offizier durch eine fast unübersteigliche Schranke getrennt. Von allen denen, die im Militairdienste avancirt sind, hat die größere Mehrzahl die Stellen erkauft. Die entfernten Besitzungen Englands sind so zahlreich und ausgedehnt, daß jeder in den Kriegsdienst Eintretende fürchten muß, entweder viele Jahre im Exile, oder einige Jahre unter Himmelsstrichen zu verleben, die auf Gesundheit und Kraft eines Europäers nachtheilig einwirken. Die Armee des langen Parlaments war für den Dienst im Inlande bestimmt; die Löhnung des gemeinen Soldaten war bedeutend höher als der Lohn, den die große Masse des Volkes durch Arbeit verdiente, und jeder, der sich durch Einsicht und Tapferkeit auszeichnete, hatte Hoffnung auf höhere Stellungen. So kam es, daß in den Reihen des Heeres Leute standen, die an Stand und Bildung die große Masse überragten, nüchtern, sittlich, fleißig und zu denken gewöhnt waren, Leute, die weder aus Hang zur Veränderung und Zügellosigkeit, noch durch die Kniffe der Werbeoffiziere veranlaßt, sondern aus religiösem und politischem Eifer und mit dem Streben nach Auszeichnung und Beförderung die Waffen ergriffen hatten. Diese Soldaten sprachen in ihren feierlichen Beschlüssen mit Stolz aus, daß sie weder durch Zwang, noch aus Gewinnsucht Dienste genommen, daß sie nicht Janitscharen seien, sondern freigeborene Engländer, die aus eigenem Antriebe für die Freiheit und die Religion Englands ihr Leben einsetzten, und deren Recht und Pflicht es wäre, die Wohlfahrt der Nation, die sie gerettet hätten, zu bewachen.
Einem aus solchen Elementen hervorgegangenen Heere konnte man ohne Nachtheil für die Wirksamkeit desselben einige Freiheiten nachsehen, die bei andern Truppen alle Disziplin aufgelöst haben würden. Gewöhnlich werfen Soldaten, die politische Klubs bilden, Abgeordnete erwählen und Beschlüsse über wichtige politische Fragen fassen, jeden Zwang ab, hören auf eine Armee zu sein und werden die schlechtesten und gefährlichsten Pöbelhaufen. In unserer Zeit würde es nicht gerathen sein, religiöse Zusammenkünfte in irgend einem Regimente zu gestatten, bei denen ein Korporal, der in der Bibel belesen, die Andachtsübungen seines weniger aufgeklärten Obersten leitete, oder einen vom Glauben abgefallenen Major Zurechtweisungen ertheilte. Aber die Krieger, die Cromwell gebildet, waren so einsichtsvoll, so ernst und so mächtig ihrer selbst, daß, unbeschadet der militairischen Organisation, eine politische und religiöse in ihrem Lager bestehen konnte. Leute, die außer dem Dienste als Demagogen und als Prediger im freien Felde verrufen waren, zeichneten sich durch Beharrlichkeit, Liebe zur Ordnung und durch strengen Gehorsam sowohl auf der Wache und bei den Exercitien, als auf dem Kampfplatze aus.
Im Kriege war dieser wunderbaren Armee nicht zu widerstehen. Das System Cromwells hatte den unbeugsamen Muth, der dem englischen Volke eigen ist, nicht nur geregelt, es feuerte ihn auch an. Andere Führer haben eine eben so strenge Ordnung eingeflößt und ihren Leuten nicht minder glühenden Eifer eingeflößt, aber nur in seinem Lager fand man strenge Disziplin und feurigen Enthusiasmus gepaart Mit der Genauigkeit von Maschinen, obgleich wie Kreuzfahrer fanatisirt, rückten seine Truppen zum Siege. Von der Reorganisation bis zu seiner Auflösung hat das Heer weder auf den britischen Inseln noch auf dem Festlande einen Feind gefunden, der seinem Angriffe widerstehen konnte. In England, Schottland, Irland und Flandern haben die puritanischen Soldaten, wenn auch oft mit Schwierigkeiten und nicht selten gegen eine dreifach überlegene Macht kämpfend, nicht nur stets den Sieg errungen, sie haben auch jedes ihnen entgegenstehende Heer völlig geschlagen und vernichtet, so daß sie zuletzt den Tag der Schlacht als einen Tag unfehlbaren Siegs betrachteten und mit stolzer Zuversicht den berühmtesten Bataillonen Europa’s entgegenrückten. Turenne staunte über das wilde Jubelgeschrei, mit dem seine englischen Verbündeten zum Kampfe gingen, und als er erfuhr, daß die Lanzenträger Cromwells stets mit hoher Freude dem Feinde in’s Angesicht sähen, sprach er die höchste Zufriedenheit des wahren Soldaten aus. Auch in den verbannten Cavalieren regte sich der Nationalstolz, als sie eine Brigade ihrer Landsleute, von den Feinden an Zahl überlegen und von ihren Verbündeten verlassen, die schönste spanische Infanterie in wirrer Flucht vor sich hinjagen und den Weg zu einer Schanze brechen sahen, die so eben erst die tüchtigsten Marschälle von Frankreich für unüberwindlich erklärt hatten.
Aber die Hauptauszeichnung der Armee Cromwells vor andern Armeen waren die strenge Moralität und Gottesfurcht, die sich in allen Reihen zeigte. Selbst die eifrigsten Royalisten haben zugegeben, daß in diesem seltsamen Lager nie ein Schwur gehört, nie Trunkenheit und Spiel gesehen, und daß in der langen Zeit der Soldatenherrschaft das Eigenthum friedlicher Bürger und die Ehre der Frauen stets heilig gehalten worden sind. Die etwa vorkommenden Excesse waren von denen, die siegreiche Armeen gewöhnlich auszuüben pflegen, sehr verschieden. Es hatte sich keine Magd über rohe Galanterie der Rothröcke zu beklagen, und kein Goldschmied, daß aus seinem Laden eine Unze Silber genommen sei; aber eine pelagianische Predigt, oder ein Fenster, auf dem die Jungfrau mit dem Kinde abgebildet war, regten die puritanischen Reihen dergestalt auf, daß die Offiziere nur mit großer Anstrengung sie wieder beruhigen konnten. Die Musketiere und Dragoner von gewaltsamen Angriffen auf die Kanzeln der Geistlichen abzuhalten, deren Reden nicht, wie man sich zu jener Zeit ausdrückte, schmackhaft waren, bot für Cromwell eine der Hauptschwierigkeiten dar, und viele unserer Kathedralen tragen jetzt noch die Zeichen des Hasses, mit dem jene strengen Geister auf jede Spur des Papstthums blickten.
Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldatenherrschaft. [Es] war selbst für diese Armee keine leichte Aufgabe, das englische Volk im Zaume zu halten. Sobald die Nation, an eine solche Knechtung nicht gewöhnt, den ersten Druck der militairischen Tyrannei fühlte, begann sie einen heftigen Kampf dagegen. Selbst in den Grafschaften, die während des letzten Krieges dem Parlamente die unterwürfigsten gewesen waren, brachen Aufstände los. Das Parlament verabscheute in der That seine alten Vertheidiger mehr als seine alten Feinde, und mit Karl auf Unkosten der Truppen einen Vergleich zu schließen, war sein lebhaftester Wunsch. In Schottland erstand zu derselben Zeit eine Koalition zwischen den Royalisten und einer großen Zahl Presbyterianer, welche die Lehren der Independenten verabscheuten. Bald kam der Sturm zum Ausbruch. In Norfolk, Suffolk, Essex, Kent und Wales erfolgten Aufstände. Die Themseflotte zog plötzlich die königliche Flagge auf, stach in See und bedrohte die südliche Küste. Eine große schottische Heeresabtheilung überschritt die Grenze und rückte bis nach Lancashire vor. Daß alle diese Bewegungen von einem großen Theile der Lords und der Gemeinen mit stillem Wohlgefallen betrachtet wurden, läßt sich nicht mit Unrecht vermuthen.
Aber so war das Joch der Armee nicht abzuwerfen. Während Fairfax die Erhebungen in der Umgebung der Hauptstadt niederdrückte, schlug Cromwell die Insurgenten von Wales, zerstörte ihre festen Plätze und rückte gegen die Schotten vor. Gegen die angreifenden Truppen waren die seinigen nur gering an Zahl, aber er war nicht gewohnt, seine Feinde zu zählen. Die schottische Armee ward völlig vernichtet. Nun erfolgte eine Veränderung in der schottischen Regierung; in Edinburg setzte man eine dem Könige feindliche Verwaltung ein, und Cromwell, mehr als je von seinen Soldaten geliebt, kehrte triumphirend nach London zurück.
Verfahren gegen den König. [Nun] bildete sich ein Plan zu einer festen Form aus, den Niemand bei dem Beginne des Bürgerkrieges auch nur anzudeuten gewagt haben würde und der mit der feierlichen Ligue und dem Covenant eben so im Widerspruche stand, als mit den alten Gesetzen von England. Seit mehrern Monaten hatten die finstern Krieger, welche die Nation beherrschten, eine furchtbare Rache an dem gefangenen Könige ersonnen. Wann und wie dieser Plan zuerst entstanden, ob er von dem Generale in die Reihen der Soldaten, oder von diesen zu dem Generale seinen Weg gefunden, ob er der Politik beizumessen ist, welche den Fanatismus als ihr Werkzeug benutzte, oder dem Fanatismus, der die Politik jäh mit sich fortriß, sind Fragen, die sich selbst heute noch nicht mit voller Sicherheit beantworten lassen. Im Allgemeinen aber läßt sich annehmen, daß der, der zu leiten schien, in der Wirklichkeit folgen mußte, und daß er bei diesem, wie einige Jahre später bei einem andern Anlasse, sein eigenes Urtheil und seine eigenen Neigungen den Wünschen des Heeres zum Opfer brachte; denn die von ihm erschaffene Macht konnte er selbst nicht immer zügeln, und um nach der Regel befehlen zu können, mußte er mitunter auch gehorchen. Er gab öffentlich die Erklärung ab, daß er weder die Sache angeregt habe, noch um die ersten Schritte wisse, daß er dem Parlamente die Ausführung des Streichs nicht habe anrathen können, aber daß er seine eigenen Gefühle der Macht der Verhältnisse untergeordnet, von der er geglaubt, sie deute die Zwecke der Vorsehung an. Man hat gewöhnlich diese Bekenntnisse für Beweise der Heuchelei gehalten, die man ihm beizumessen pflegte; aber selbst die, die ihn für einen Heuchler halten, werden es gewiß nicht wagen, ihn einen Narren zu nennen, und deshalb werden sie darthun müssen, daß er zu irgend einem Zwecke das Heer heimlich reizte, den Weg zu betreten, den er offen zu empfehlen nicht wagte. Die Annahme wäre widersinnig, daß er, dem selbst die achtbarsten Feinde weder muthwillige Grausamkeit noch unversöhnliche Rachsucht beigemessen haben, den wichtigsten Schritt seines Lebens aus reiner Bosheit gethan haben solle. Er war viel zu klug, um nicht wissen zu können, daß er durch das Einwilligen, das geheiligte Blut zu vergießen, eine That verübe, die nichts sühnen konnte, und welche nicht nur die Royalisten, sondern auch neun Zehntheile der Parlamentspartei mit Schmerz und Abscheu erfüllen würde. Mögen Andere Phantomen nachgehangen haben, er dachte sicher weder an eine Republik nach antikem Muster, noch an das tausendjährige Reich der Heiligen. Wenn er selbst schon danach strebte, eine neue Dynastie zu gründen, so wäre Karl I. offenbar ein weniger zu fürchtender Mitbewerber gewesen, als Karl II. Von dem Augenblicke an, in dem Karl I. starb, würde jeder Cavalier seine Loyalität unverkürzt auf Karl II. übertragen haben. Karl I. war ein Gefangener, Karl II. lebte in der Freiheit. Karl I. war selbst bei denen ein Gegenstand des Mißtrauens und der Abneigung, die bei dem Gedanken an seine Ermordung zurückbebten; Karl II. würde alle die Theilnahme für sich gehabt haben, die unglückliche Jugend und Unschuld erregen. Es läßt sich unmöglich annehmen, daß dem scharfsinnigsten Politiker jener Zeit so naheliegende und inhaltschwere Betrachtungen entgangen sein sollten. Das Wahre ist, daß Cromwell eine Zeit lang die Absicht hegte, zwischen dem Throne und dem Parlamente zu vermitteln und unter der Sanktion des königlichen Namens den zerrütteten Staat durch die Macht des Schwertes wieder aufzubauen. An dieser Absicht hielt er so lange fest, bis er durch den widerstrebenden Geist seiner Soldaten und die unheilbare Treulosigkeit des Königs sie aufzugeben gezwungen ward. Eine Partei im Lager forderte den Kopf des Verräthers, der mit Agag zu unterhandeln vorschlug. Es wurden Verschwörungen angezettelt, mit Anklagen laut gedroht, und eine Meuterei brach aus, die Cromwell mit aller seiner Kraft und Entschlossenheit kaum zu unterdrücken vermochte. Stellte er auch durch eine kluge Vereinigung von Strenge und Milde die Ordnung wieder her, so entging es ihm doch nicht, daß es im höchsten Grade schwierig und gefährlich sei, die Wuth von Kriegern bezähmen zu wollen, die den gefallenen Tyrannen nicht nur als ihren eigenen Feind, sondern auch als den Feind Gottes betrachteten.
Um diese Zeit stellte sich klarer als je heraus, daß man dem Könige nicht trauen dürfe. Die eigenen Laster hatten Karl völlig umstrickt, wobei allerdings auch Laster waren, die in schwierigen Lagen doppelt stark hervorzutreten pflegen. Die List ist dem Schwachen das natürlichste Vertheidigungsmittel, und ein Fürst, der auf dem Gipfel seiner Macht Täuschungen aus Gewohnheit ausübte, wird in schwierigen Lebenslagen und Bedrängnissen sich wahrlich der Aufrichtigkeit nicht befleißigen. So gewissenlos Karl in der Kunst zu heucheln war, eben so unglücklich war er auch darin, denn keinem Staatsmanne sind soviel Betrügereien und Unwahrheiten unwiderleglich nachgewiesen, als ihm. Er erklärte öffentlich die Häuser zu Westminster als ein gesetzliches Parlament, und gleichzeitig gab er im geheimen Rathe die Erklärung ab, daß diese Anerkennung nichtig sei. Er verwahrte sich öffentlich, daß er nie daran denke, fremde Hilfe gegen sein Volk in das Land zu rufen; heimlich suchte er Hilfe bei Frankreich, Dänemark und Lothringen. Er leugnete öffentlich, daß er Papisten in seine Dienste nähme; gleichzeitig sandte er seinen Generalen im Geheimen die Weisung, jeden Papisten, der dienen wolle, anzunehmen. Er nahm öffentlich zu Oxford das Sakrament darauf, daß er das Papstthum in England nie begünstigen wolle; im Geheimen gab er seiner Gattin die Versicherung, daß er das Papstthum in England dulden werde, und Lord Glamorgan ermächtigte er zu dem Versprechen, daß das Papstthum in Irland eingeführt werden solle; dann versuchte er, sich auf Kosten dieses Bevollmächtigten rein zu waschen: Glamorgan empfing von der Hand des Königs geschriebene Verweise, die zum Lesen für Andere bestimmt waren; aber auch lobende Anerkennungen, die nur er allein lesen solle. Und wahrlich, es beherrschte in der That die Falschheit den ganzen Charakter des Königs dergestalt, daß seine treuesten Freunde sich nicht enthalten konnten, sich gegenseitig mit bitterm Schmerze und tiefer Scham über seine unredliche Politik zu beklagen. Seine Niederlagen, äußerten sie, verursachten ihnen weniger Kummer als seine Intriguen. Seit dem Beginne seiner Gefangenschaft suchte er jeden Theil der siegreichen Partei durch Schmeicheleien und Umtriebe zu berücken, aber keiner seiner Versuche war je so unglücklich ausgefallen, als der, Cromwell durch Schmeicheleien zu täuschen und zu stürzen.
Cromwell mußte indeß einen Entschluß fassen. Sollte er bei dem ohne Zweifel vergeblichen Versuche, einen König zu retten, der durch keinen Vertrag zu binden war, die Anhänglichkeit seiner Partei und Armee, seine eigene Größe, ja selbst sein Leben preisgeben? Nach vielem Kämpfen und Schwanken, vielleicht auch nach vielem Beten, ward der Entschluß festgestellt. Karl blieb seinem Schicksale überlassen. Die kriegerischen Heiligen beschlossen nun, daß der König, den alten Reichsgesetzen und der fast allgemeinen Gesinnung der Nation zum Trotz, sein Verbrechen mit dem Leben büßen solle. Eine Zeit lang glaubte er einen Tod sterben zu müssen, wie seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und Richard II.. Einen solchen Verrath hatte er indeß nicht zu fürchten, denn die, welche ihn unter ihren Händen hatten, waren keine nächtlichen Meuchelmörder; was sie thaten, sollte ein Schauspiel für Himmel und Erde sein und ein ewiges Andenken bleiben. Das Ärgerniß, das sie gaben, hatte für sie den höchsten Reiz. Daß die alte Verfassung und die öffentliche Meinung Englands mit dem Königsmorde im schroffsten Widerspruche standen, ließ einer Partei, die eine vollständige politische und sociale Revolution bewirken wollte, den Mord in einem verführerischen Lichte erscheinen. Die Erreichung dieses Zweckes machte das Zerbrechen jedes einzelnen Theils der Staatsmaschine nöthig, und diese Nothwendigkeit berührte sie mehr angenehm, als schmerzlich. Die Gemeinen stimmten für den Abschluß eines Vergleichs mit dem Könige; die Soldaten schlossen die Majorität gewaltsam aus. Die Lords verwarfen einstimmig den Vorschlag, den König vor Gericht zu stellen; ihr Haus ward sofort geschlossen. Kein ordentlicher Gerichtshof wollte die Verantwortung auf sich nehmen, den zu richten, der die Quelle der Gerechtigkeit repräsentirte.
Seine Hinrichtung. [Da] ward ein revolutionaires Tribunal errichtet, und dieses Tribunal erklärte Karl für einen Tyrannen, für einen Verräther, einen Mörder und einen öffentlichen Feind. Vor Tausenden von Zuschauern, dem Banketsaale seines Palastes gegenüber ließ man seinen Kopf von dem Rumpfe trennen.
Aber bald zeigte es sich, daß die politischen und religiösen Eiferer, denen diese That beizumessen ist, nicht nur ein Verbrechen, sondern auch ein Versehen begangen hatten. Dem Fürsten nämlich, der dem Volke bisher nur durch seine Fehler bekannt gewesen, hatten sie Gelegenheit geboten, auf einer großen Bühne, Angesichts aller Nationen und Zeiten, Eigenschaften zu zeigen, die unwiderstehlich Bewunderung und Zuneigung erwecken müssen: den hohen Muth eines Helden, und die Geduld und Sanftmuth eines reuigen Christen; sie hatten selbst ihre Rache in einer Weise ausgeübt, daß derselbe Mann, der sein ganzes Leben hindurch nur auf die Vernichtung der Freiheiten Englands gesonnen, als ein Märtyrer eben dieser Freiheiten zu sterben schien. Nie hat ein Demagog so auf den öffentlichen Geist gewirkt, als dieser gefangene König, der selbst auf dem höchsten Gipfel des Unglücks seine volle königliche Würde bewahrte, dem Tode furchtlos in’s Angesicht sah und den Gefühlen seines unterdrückten Volkes Ausdruck verlieh, indem er muthig seine Rechtfertigung vor einem dem Gesetze unbekannten Gerichtshofe verweigerte, von der Soldatengewalt an die Grundsätze der Verfassung appellirte, nach dem Rechte fragte, mit dem das Haus der Gemeinen seiner achtbarsten Glieder und das der Lords seiner legislativen Funktionen beraubt sei, und den weinenden Zuhörern sagte, er vertheidige nicht nur seine, sondern auch ihre Sache. Seine lange schlechte Regierung, seine unzähligen Treulosigkeiten waren nun vergessen, und in den Gemüthern des größten Theils seiner Unterthanen lebte sein Andenken mit dem an die freien Institutionen fort, die er lange zu vernichten bemüht gewesen war, denn diese freien Institutionen waren mit ihm untergegangen, und seine Stimme allein hatte sie unter dem schmerzlichen Schweigen eines durch Waffengewalt unterdrückten Staates vertheidigt. Eine Reaktion, zu Gunsten der Monarchie und des vertriebenen Königshauses, trat an diesem Tage ein und schritt so lange fort, bis der Thron in seiner vollen alten Würde wieder aufgebaut war.
Anfangs schien es jedoch, als ob die Mörder des Königs in dem blutigen Sakramente, das sie eng mit einander verbunden und für immer von der großen Masse ihrer Landsleute getrennt hatte, neue Willenskraft fänden. England ward zu einer Republik umgeschaffen, und das Haus der Gemeinen, auf eine kleine Zahl von Gliedern beschränkt, ward dem Namen nach die höchste Staatsgewalt; in der That aber regierten die Armee und ihre ersten Führer. Cromwells Wahl war getroffen, er hatte sich die Herzen seiner Soldaten bewahrt und fast alle übrigen Klassen seiner Mitbürger sich entfremdet. Man konnte nicht sagen, daß er außerhalb der Grenzen seiner Lager und festen Plätze Anhänger habe. Die Elemente jener Macht, die seit dem Beginne des Bürgerkriegs sich unter einander selbst bekämpft hatten, als sämmtliche Cavaliere, die große Mehrzahl der Rundköpfe, die anglikanische, presbyterianische und römisch-katholische Kirche, England, Schottland und Irland, alle hatten sich nun gegen ihn verbunden. Aber Cromwells Genie und Entschlossenheit waren so gewaltig, daß er Alles vernichtete, was ihm auf der Bahn entgegentrat, die er eingeschlagen hatte, um sich zu einen unumschränktern Gebieter seines Vaterlandes zu machen, als irgend einer der gesetzlichen Könige desselben gewesen, und um es gefürchteter und geachteter hinzustellen, als es Generationen hindurch unter der Regierung legitimer Fürsten gestanden hatte.
England kämpfte schon nicht mehr; aber die beiden andern Königreiche, die unter dem Scepter der Stuarts gestanden, hegten gegen die neue Republik eine feindliche Gesinnung. Die irischen Katholiken und die schottischen Presbyterianer sahen gleich gehässig auf die Independenten-Partei. Beide Länder, erst kürzlich noch aufständisch gegen Karl I., huldigten jetzt der Autorität Karls II.
Unterwerfung Irlands und Schottlands. [Aber] nichts konnte der Kraft und Geschicklichkeit Cromwells Widerstand leisten. Er besiegte in wenig Monaten Irland so vollständig, wie es in den fünfhundert Jahren, die seit der Landung der ersten normannischen Ansiedler verflossen, nie besiegt gewesen. Dem Kampfe der Volksstämme und Religionen, der so lange die Insel zerrüttet, wollte er dadurch ein Ziel setzen, daß er der englischen und protestantischen Bevölkerung die entschieden wichtigste Stellung anwies. Um diesen Zweck zu erreichen, zügelte er den wilden Fanatismus seiner Anhänger nicht mehr, führte einen Krieg, der dem Israels gegen die Kananiter glich, vernichtete die Götzendiener mit der Schärfe des Schwertes, daß große Städte fast keine Einwohner mehr hatten, trieb Tausende nach dem Festlande oder ließ sie nach Westindien führen, und füllte die dadurch entstandene Lücke mit Ansiedlern sächsischen Blutes und calvinistischen Glaubens aus. Daß das eroberte Land unter dieser eisernen Regierung sich eines zunehmenden Wohlstandes zu erfreuen schien, klingt seltsam, aber es ist wahr. Gegenden, die noch vor kurzer Zeit so unwirthbar gewesen, als jene, in denen die ersten weißen Ansiedler von Connecticut mit den rothen Männern kämpften, glichen nach wenig Jahren Kent und Norfolk. Überall erstanden neue Gebäude, Straßen und Pflanzungen; der Ertrag der Güter vermehrte sich schnell, und bald klagten die englischen Grundbesitzer über die Konkurrenz irischer Produkte auf den Märkten, und forderten Schutzgesetze.
Der siegreiche Feldherr, der nun auch dem Namen nach war, was er schon längst in Wirklichkeit gewesen, Lord General der republikanischen Heere, wandte sich von Irland nach Schottland, wo der junge König war, der zur presbyterianischen Kirche übergetreten, den Covenant unterzeichnet, und als Lohn dafür von den strengen Puritanern, die zu Edinburg die Regierung leiteten, die Erlaubniß erhalten hatte, die Krone zu tragen, und unter ihrer Oberaufsicht still und ernst einen Hof zu halten. Diese Scheinloyalität dauerte nicht lange; Cromwell vernichtete in zwei großen Schlachten die ganze Kriegsmacht Schottlands. Karl rettete sich durch die Flucht vor dem Schicksale, das seinen Vater betroffen. Zum ersten Male war nun das alte Königreich der Stuarts völlig zur Unterwürfigkeit gebracht, und von der Unabhängigkeit, die einst gegen die tüchtigsten Plantagenets so tapfer vertheidigt worden, blieb keine Spur. Das englische Parlament gab Schottland Gesetze, englische Richter hielten dort Assisen, und selbst die hartnäckige Kirche, die ihre Selbstständigkeit gegen so viele Regierungen bewahrt, wagte nicht einmal leise zu murren.
Das lange Parlament wird vertrieben. [Zwischen] den Kriegern, die Irland und Schottland unterjocht, und den Politikern, die in Westminster beriethen, hatte bis zu dieser Frist wenigstens ein Schein von Übereinstimmung stattgefunden; aber den Bund, den die Gefahr geschlossen, löste der Sieg wieder auf. Das Parlament vergaß, daß es nur eine Kreatur der Armee war, und die Armee war jetzt weniger als sonst geneigt, sich den Verordnungen des Parlaments zu fügen. Es hatte auch in der That der geringe Mitgliederbestand, den man verächtlich den Rumpf des Hauses der Gemeinen nannte, nicht mehr Anspruch auf die Achtung, die Volksvertretern gebührt, als die Befehlshaber in der Armee. Der Streit ward bald zu einem entscheidenden Ende geführt. Cromwell füllte das Haus mit Bewaffneten, der Sprecher ward von seinem Stuhle geworfen, der Stab vom Tische genommen, der Saal geleert und die Thür verschlossen. Die Nation, die keiner der streitenden Parteien hold war, aber ohne es zu wollen, die Tüchtigkeit und Energie des Feldherrn achten mußte, sah geduldig, vielleicht auch mit Wohlgefallen zu.
König, Lords und Gemeine waren nach und nach bewältigt und vernichtet und Cromwell erschien nun als der einzige Erbe der Machtbefugnisse die jene zusammen besessen hatten; aber die Armee selbst, der er seine ausgedehnte Autorität verdankte, legte ihm gewisse Beschränkungen auf. Dieser sonderbare Körper bestand größtentheils aus eifrigen Republikanern, die ihr Vaterland frei zu machen wähnten, indem sie es der Knechtschaft überlieferten. Das von ihnen allgemein verehrte Buch enthielt ein Beispiel, dessen sie häufig erwähnten. Es murrte die unwissende und undankbare Nation gegen ihre Befreier, wie einst ein anderes auserwähltes Volk gegen den Mann gemurrt, der es auf mühseligen und traurigen Pfaden aus der Knechtschaft in ein Land geführt, wo Milch und Honig floß; und dennoch hatte dieser Führer seine Brüder wider ihren Willen befreit, auch eben so wenig Anstand genommen, diejenigen zum abschreckenden Beispiele furchtbar zu züchtigen, welche die dargebotene Freiheit verachteten, und sich nach den Fleischtöpfen, den Frohnvögten und Götzenbildern Egyptens zurücksehnten. Das Ziel der kriegerischen Heiligen, die Cromwell umgaben, war die Gründung einer freien, frommen Republik. Zur Erreichung dieses Ziels waren sie bereit alle Mittel, selbst gewaltthätige und ungesetzliche, ohne Bedenken anzuwenden. Es lag daher die Möglichkeit vor, mit ihrer Hilfe eine dem Wesen nach absolute Monarchie zu errichten, aber eben so auch die Wahrscheinlichkeit, daß sie ihre Hilfe sofort einem Herrscher entziehen würden, der selbst unter streng constitutionellen Formen, den Namen und die Würde eines Königs anzunehmen wagte.
Cromwell dachte anders; er war nicht mehr, was er gewesen, und die Veränderung in seinen Ansichten nur als eine Wirkung selbstsüchtigen Ehrgeizes ansehen zu wollen, würde ungerecht sein. Er brachte, als er zu dem langen Parlamente trat, wenig Bücherkenntniß aus seiner ländlichen Einsamkeit mit, und besaß weder Erfahrung in wichtigen Angelegenheiten, wohl aber eine durch lange Tyrannei der Regierung und der Hierarchie gereizte Stimmung. Während der folgenden dreizehn Jahre hatte er eine politische Schule nicht gewöhnlicher Art durchgemacht. In einer Reihe von Revolutionen hatte er bedeutende Rollen gespielt; er war lange die Seele und zuletzt das Haupt einer Partei gewesen; er hatte Heere befehligt, Schlachten gewonnen, Verträge abgeschlossen, und Königreiche unterjocht, beruhigt und geordnet. Es wäre in der That seltsam gewesen, wenn er stets dieselben Ansichten behalten, die er damals besessen hatte, als sein Geist sich nur mit den Feldern und der Religion beschäftigte, als ein Viehmarkt oder eine fromme Versammlung in Huntingdon die Hauptereignisse waren, die in den einförmigen Lauf seines Lebens Abwechselung brachten. Er sah ein, daß manche jener früheren Neuerungspläne, für die er eiferte, mochten sie nun an sich gut oder schlecht sein, der allgemeinen Stimmung des Landes nicht entsprachen, und daß er, wenn er auf diesen Plänen beharrte, stets mit Unruhen zu schaffen haben würde, die nur durch unausgesetzte Anwendung des Schwertes unterdrückt werden könnten. Deshalb beabsichtigte er, in allen wesentlichen Punkten jene alte Verfassung wieder herzustellen, welche der große Theil des Volks stets geliebt hatte, und nach der es sich jetzt sehnte. Das Verfahren, das später Monk anwendete, konnte Cromwell noch nicht beobachten. Der große Königsmörder ward durch die Erinnerung an einen furchtbaren Tag von dem Hause Stuart für immer getrennt; ihm blieb nichts, als den alten englischen Thron zu besteigen und im Sinne der alten englischen Staatsverfassung zu regieren. Gelang ihm dies, so durfte er hoffen, daß die Wunden des zerfleischten Staatskörpers bald wieder verharrschen würden; es hätten sich viele redliche und besonnene Männer um ihn gesammelt, und diejenigen Royalisten, die mehr an den Institutionen als den Personen, mehr an dem königlichen Amte als an König Karl I. oder Karl II. hingen, würden bald die Hand des Königs Oliver geküßt haben. Es würden die Peers, die still auf ihren Landgütern wohnten und mürrisch die Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten verweigerten, mit Freuden ihre alten Functionen wieder übernommen haben, wenn sie das Ausschreiben eines im Besitz des Thrones befindlichen Königs zu ihrem Hause gerufen hätte; Northumberland und Bedford, Manchester und Pembroke würden stolz gewesen sein, wenn sie dem Manne, der die Aristokratie wiederhergestellt, Krone und Sporen, Scepter und Reichsapfel hätten vorantragen können; das Volk würde nach und nach durch ein Gefühl der Loyalität mit der neuen Dynastie verbunden worden sein und bei dem Tode des Gründers dieser Dynastie wäre die königliche Würde unter allgemeiner Billigung auf seine Nachkommen übergegangen.
Die scharfsinnigsten Royalisten hielten dafür, daß diese Ansichten richtig seien, und daß, wenn Cromwell nur nach seinem Urtheile hätte verfahren können, die vertriebene Dynastie nie wieder zur Regierung gelangt wäre; aber sein Plan widersprach völlig den Gefühlen jener Klasse, der einzigen, die er nicht zu reizen wagte. Den Soldaten war der Name des Königs verhaßt. Einige derselben haßten selbst eine Verwaltung, die sich in den Händen einer einzelnen Person befand; und war der große Theil auch geneigt, den General, als den gewählten ersten Beamten einer Republik, gegen alle Factionen zu schützen, die seine Autorität nicht anerkennen würden, so wollten sie doch nicht zugeben, daß er sich den Königstitel beilege, oder daß die Würde, die nur der gerechte Lohn für seine persönlichen Verdienste sei, für erblich in seiner Familie erklärt werde. Ihm blieb nun nichts weiter übrig, als der neuen Republik eine der alten Monarchie so ähnliche Verfassung zu geben, als es die Armee nur irgend gestattete. Damit nun seine Erhebung zur Macht nicht als ein Akt persönlichen Ehrgeizes erscheinen möchte, berief er einen Rath, der theils aus Personen zusammengesetzt war, auf deren Unterstützung er zählen, theils aus solchen, deren Opposition er ohne Gefahr Trotz bieten konnte. Nachdem diese, von ihm Parlament genannte Versammlung, von dem Volke aber nach einem seiner hervorragendsten Mitglieder „Barebones Parlament“ getauft, sich eine Zeit lang der allgemeinen Verachtung ausgesetzt hatte, gab sie dem General die von demselben empfangenen Vollmachten zurück und überließ ihm allein, einen Verfassungsplan zu entwerfen.
Oliver Cromwell’s Protektorat. [Sein] Plan hatte Anfangs nur eine große Ähnlichkeit mit der alten Verfassung; nach Verlauf einiger Jahre aber glaubte er weiter gehen und fast alle Theile des alten Systems unter neuen Namen und Formen wiederherstellen zu dürfen. Der Königstitel ward nicht wieder verwendet, aber die Vorrechte des Königs wurden einem Lord Groß-Protektor bewilligt. Man nannte den Souverain nicht „Se. Majestät“, sondern „Se. Hoheit.“ Man krönte und salbte ihn nicht in der Westminsterabtei, aber man ließ ihn feierlich den Thron besteigen, mit einem Staatsschwerte umgürtet und einem Purpurmantel angethan, und in der Westminsterabtei schenkte man ihm eine prachtvolle Bibel. Man hatte sein Amt nicht für erblich erklärt, aber ihm erlaubt, seinen Nachfolger zu ernennen, und Niemand zweifelte, daß er seinen Sohn wählen würde.
Ein Haus der Gemeinen war ein nothwendiger Bestandtheil der neuen Verfassung. Bei der Gestaltung dieses Instituts zeigte der Protektor Weisheit und Gemeinsinn, die seine Zeitgenossen nicht gebührend gewürdigt haben. Waren die Fehler des alten Vertretungssystems auch nicht so bedeutend, als sie später wurden, so hatten sie scharfblickende Männer dennoch schon bemerkt. Cromwell reformirte dieses System nach denselben Grundsätzen, nach denen Pitt einhundertdreißig Jahre später es zu verbessern versuchte, und nach denen es endlich in unserer Zeit wirklich verbessert wurde. Den kleinen Flecken entzog man mit noch schonungsloserer Strenge als 1832 das Wahlrecht und die Zahl der Grafschaftsmitglieder ward vergrößert. Nur wenig Städte, die nicht vertreten waren, hatten sich bis dahin zu einer Bedeutung erhoben; zu diesen wenigen gehörten Manchester, Leeds und Halifax, und diese erhielten Vertreter. Die Zahl der Mitglieder, die für die Hauptstadt wählten, wurde vermehrt. Das Wahlrecht ward dergestalt geordnet, daß jeder Besitzende, mochte sein Eigenthum in Freisassengütern bestehen oder nicht, eine Stimme in der Grafschaft hatte, in der er angesessen war. Nur wenig Schotten und wenige der englischen Colonisten von Irland wurden zu der Versammlung berufen, die in Westminster allen Theilen der britischen Inseln Gesetze geben sollte.
Ein Haus der Lords zu errichten, war eine schwierigere Aufgabe. Die Demokratie kann die Stütze der Verjährung entbehren, die Monarchie hat oft ohne sie bestanden, aber ein Patrizierstand ist das Werk der Zeit. Cromwell fand einen reichen, hoch geehrten und in allen untern Volksklassen so populären Adel vor, als nur je der Adel gewesen ist. Wenn er als König von England, gemäß dem alten Brauche des Königreichs, die Pairs zu dem Parlamente berufen hätte, es würden viele derselben ohne Zweifel dem Rufe gefolgt sein; dies durfte er nicht, und daß er den Häuptern erlauchter Familien in seinem neuen Senate Sitze anbot, blieb ohne Erfolg, denn sie sahen ein, daß sie einer neuerstandenen Versammlung nicht beitreten konnten, ohne auf ihr Geburtsrecht zu verzichten und ihren Stand zu verrathen. Der Protektor sah sich nun genöthigt, sein Oberhaus mit neuen Männern zu besetzen, die sich in der letzten Zeit der Aufregung hervorgethan hatten. Diese seiner Einrichtungen, die allen Parteien mißfiel, war die unglücklichste. Die nach allgemeiner Gleichheit strebende Partei — Levellers — zürnte ihm darüber, daß er eine bevorzugte Klasse schuf; die Menge, welche für die großen geschichtlichen Namen des Landes Achtung und Liebe hegte, verlachte sonder Scheu ein Haus der Lords, das glückliche Kärrner und Schuhmacher zu Gliedern zählte und wenige der alten Adeligen, die sich fast alle verächtlich davon abwandten, berufen hatte.
Die Art und Weise der Einrichtung von Cromwells Parlamenten war praktisch von untergeordneter Bedeutung, da er die Mittel besaß, auch ohne die Unterstützung und ungeachtet der Opposition derselben die Verwaltung zu führen. Eine verfassungsmäßige Regierung, und an Stelle der Schwertherrschaft die der Gesetze zu stellen, scheint in seinem Wunsche gelegen zu haben. Aber ihm ward bald klar, daß er nur bei einer unumschränkten Verwaltung sicher sein konnte, da Royalisten und Presbyterianer ihn haßten. Das erste Haus der Gemeinen, auf seinen Befehl vom Volke gewählt, zog seine Autorität in Frage; es ward aufgelöst, ohne daß es auch nur eine Akte durchgebracht hatte. Sein zweites Haus der Gemeinen, das ihn zwar als Protektor anerkannte und ihn gern zum Könige gemacht haben würde, weigerte sich dessenungeachtet hartnäckig, seine neuen Lords anzuerkennen. Ihm blieb nichts übrig, als das Parlament aufzulösen. Als er schied, rief er aus: Gott sei Richter zwischen Euch und mir!
Diese Zerwürfnisse hatten jedoch durchaus keinen Einfluß auf die energische Verwaltung des Protektors. Dieselben Soldaten, die ihm das Tragen des Königstitels nicht gestatten wollten, unterstützten ihn bei Ausführung solcher Gewaltmaßregeln, wie sie je ein englischer König nur versucht hat. So war die Regierung der Form nach republikanisch, in Wahrheit aber eine durch die Weisheit, Mäßigung und Großherzigkeit des Despoten gemilderte Despotie. Das Land war in Militairbezirke getheilt, die unter den Befehlen von Generalmajors standen. Jede aufständische Bewegung ward im Keime erstickt und bestraft. Die Macht des Schwertes in einer so starken, unbeugsamen und erfahrenen Hand dämpfte den Muth der Cavaliere und der Levellers. Die loyale Gentry erklärte, sie sei zwar immer noch bereit, für die alte Verfassung und Dynastie das Leben einzusetzen, wenn nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg vorhanden wäre; aber an der Spitze von Dienern und Pächtern sich den Lanzen von Brigaden entgegenzustellen, die in hundert Schlachten und Belagerungen siegreich gewesen, sei eine unsinnige Verschwendung unschuldigen und schätzenswerthen Blutes. Da sich von offenem Widerstande nichts hoffen ließ, begannen Royalisten und Republikaner schwarze Mordpläne zu ersinnen; aber des Protektors Kundschafter waren gut, und seine Wachsamkeit ward nicht lästig; nur in der Mitte der blanken Schwerter und Harnische seiner getreuen Garden verließ er die Mauern seines Palastes.
Wäre Cromwell ein grausamer, ausschweifender und raublustiger Regent gewesen, so hätte die Nation vielleicht in der Verzweiflung Muth gefunden und sich durch eine krampfhafte Anstrengung von der Militairherrschaft zu befreien gesucht; aber waren auch die Bedrückungen, unter denen das Land seufzte, stark genug, um ernstliche Unzufriedenheit zu erregen, so konnten sie doch die große Masse nicht bewegen, Leben, Vermögen und die Wohlfahrt der Familien einer furchtbaren Macht gegenüber auf das Spiel zu setzen. Die Last der Steuern war, wenn auch drückender als unter den Stuarts, mit den Nachbarstaaten verglichen und nach den Hilfsquellen Englands beurtheilt, eine leichte zu nennen. Das Eigenthum war sicher, und selbst der Cavalier, wenn er die neue Verfassung unangetastet ließ, genoß in Frieden, was ihm die bürgerlichen Unruhen gelassen hatten. Nur in Fällen, in denen es sich um die Sicherheit der Person und der Regierung des Protektors handelte, wurden die Gesetze überschritten; aber in Streitsachen zwischen Privaten ward die Justiz mit einer Strenge und Unparteilichkeit geübt, wie man sie zuvor nie gekannt. Seit der Reformation hatten unter keiner englischen Regierung so wenig religiöse Verfolgungen stattgefunden. Betrachtete man auch die unglücklichen Katholiken als dem Bereiche der christlichen Kirche nicht mehr angehörig, so gestattete man dennoch dem gestürzten anglikanischen Klerus, seinen Gottesdienst unter der Bedingung abzuhalten, daß seine Predigten alle Politik ausschlössen. Es durften selbst die Juden, denen seit dem dreizehnten Jahrhundert der öffentliche Gottesdienst untersagt gewesen, sich trotz der Opposition neidischer Kaufleute und fanatischer Theologen in London eine Synagoge bauen.
Des Protektors auswärtige Politik zwang zugleich auch diejenigen, die ihn am meisten haßten, gegen ihren Willen ihm Anerkennung zu zollen. Die Cavaliere konnten kaum den Wunsch unterdrücken, daß der, der soviel zur Vermehrung des Nationalruhmes gethan, ein legitimer König gewesen sei, und die Republikaner waren zu dem Eingeständnisse gezwungen, daß der Tyrann nur für sich allein das Recht usurpire, mitunter dem Vaterlande Unrecht zu thun, und daß er ihm für die geraubte Freiheit Ruhm zurückgegeben habe. Nach einem halben Jahrhundert, während dessen England kaum ein bedeutenderes Gewicht in der Politik Europa’s gehabt, als Venedig und Sachsen, erhob es sich plötzlich zu der gefürchtetsten Macht der Welt, schrieb den Vereinigten Niederlanden Friedensbedingungen vor, rächte an den Seeräubern der Berberei die der ganzen Christenheit zugefügte Schmach, besiegte Spanien zu Land und zu Meer, bemächtigte sich einer der schönsten westindischen Inseln und gewann an der flämischen Küste einen festen Platz, der den Nationalstolz für den Verlust von Calais tröstete. Es war die erste Macht auf dem Weltmeere; es stand an der Spitze des protestantischen Interesses; Cromwell ward von allen in katholischen Königreichen zerstreuten reformirten Kirchen als Schirmherr anerkannt; die Hugenotten von Languedoc, die Hirten, die sich in ihren Alpendörfchen zu einem ältern Protestantismus als den von Augsburg bekannten, wurden durch den Schrecken allein vor Verfolgung gesichert, den sein großer Name verbreitete. Selbst der Papst mußte papistischen Fürsten Menschlichkeit und Mäßigung einschärfen, denn eine Stimme, die selten vergebens drohte, hatte erklärt, daß die englischen Kanonen in der Engelsburg gehört werden sollten, wenn man dem Volke Gottes nicht Duldung angedeihen lasse. Es gab in der That Nichts, was Cromwell wegen seiner und seiner Familie hätte mehr wünschen können, als einen allgemeinen europäischen Religionskrieg, denn in diesem Falle wäre er der Führer der protestantischen Armeen, und das Herz Englands wäre mit ihm gewesen; man hätte seine Siege mit einer allgemeinen Begeisterung begrüßt, wie sie das Land seit der Vernichtung der Armada nicht geäußert, und der Flecken, den eine durch die Stimme der ganzen Nation verdammte Handlung auf seinem strahlenden Ruhme zurückgelassen, würde durch sie verlöscht worden sein. Zu seinem Unglücke bot sich ihm keine Gelegenheit, außer gegen die britischen Inseln, sein bewundernswürdiges Feldherrntalent zu entwickeln.
Seine Gewalt, den Unterthanen ein Gegenstand der Abneigung, der Bewunderung und der Furcht zugleich, stand, so lange er lebte, fest. Seine Regierung war nur bei Wenigen beliebt, aber die, denen sie am meisten verhaßt war, haßten sie nicht so sehr, als sie sie fürchteten. Wäre die Regierung eine schlechtere gewesen, ihre Stärke hätte sie wahrlich nicht vor dem Sturze sichern können. Aber sie enthielt Mäßigung genug, um Bedrückungen zu vermeiden, welche die Menschen zur Wuth treiben, und besaß eine Kraft und Energie, die zu bekämpfen nur Menschen wagen konnten, welche die Unterdrückung bereits zum Wahnsinn getrieben.
Richard, Cromwells Nachfolger. [Man] hat oft behauptet, und anscheinend nur aus wenigen Gründen, daß Cromwell zu einer seinem Ruhme günstigen Zeit gestorben sei, und daß er, bei längerer Lebenszeit, wahrscheinlich minder ehrenvoll und glücklich geendet haben würde. Soviel steht fest, daß ihn seine Soldaten bis zu dem letzten Momente ehrten, daß ihm die ganze Bevölkerung der britischen Inseln gehorchte, daß ihn alle auswärtigen Mächte fürchteten, daß er mit einem Gepränge, wie London es zuvor nie gesehen, neben den alten Souverainen Englands zur Gruft bestattet wurde, und daß ihm sein Sohn Richard so ruhig in der Regierung folgte, wie je ein Prinz von Wales einem Könige gefolgt ist.
Die Verwaltung Richard Cromwells hatte fünf Monate lang einen so friedlichen und regelmäßigen Gang, daß ganz Europa der Meinung war, seine Stellung am Staatsruder sei eine durchaus feste. Seine Lage war wirklich in manchen Beziehungen vortheilhafter, als die seines Vaters; er war noch zu jung, um Feinde zu haben, und an seinen Händen klebte noch kein Bürgerblut. Die Cavaliere selbst gestanden ein, daß er ein braver, gutmüthiger Gentleman sei. Die presbyterianische Partei, gleich mächtig an Zahl wie an Reichthum, hatte mit dem nun verstorbenen Protektor in tödtlicher Feindschaft gestanden, dem gegenwärtigen aber zeigte sie eine geneigte Stimmung. Diese Partei hatte stets den Wunsch genährt, es möge die alte Reichsverfassung mit einigen genauern Bestimmungen und einigen stärkern Bürgschaften für die öffentliche Freiheit wieder hergestellt werden, aber sie hatte mancherlei Gründe, die Wiedereinsetzung der alten Herrscherfamilie zu fürchten. Für diese Politiker war Richard der rechte Mann, denn seine Humanität, seine Freimüthigkeit und Bescheidenheit, die Mittelmäßigkeit seiner Talente und die Fügsamkeit, mit der er sich der Leitung klügerer Leute, als er, überließ, machten ihn ganz vorzüglich geeignet, das Oberhaupt einer beschränkten Monarchie zu sein.
Es schien wirklich eine Zeit lang, als ob er unter der Leitung fähiger Rathgeber das durchführen werde, was sein Vater umsonst begonnen hatte. Es ward ein Parlament berufen und die Ausschreiben dazu erließ man in der alten Form. Den kleinen Flecken gab man das ihnen vor Kurzem entzogene Wahlrecht zurück; Manchester, Leeds und Halifax schickten ferner nicht mehr Mitglieder ab, und die Grafschaft York ward wiederum auf zwei Abgeordnete beschränkt. Es muß einer Generation, welche durch die Fragen über Reform des Parlaments fast bis zum Wahnsinn aufgeregt ward, außergewöhnlich erscheinen, daß große Städte und Grafschaften sich dieser Änderung nicht nur geduldig, sondern auch gern fügten; aber wenn auch damals schon denkende Männer die Fehler des alten Repräsentativ-Systems und die daraus früher oder später entspringenden ernsten praktischen Übel erkannten, so waren doch diese praktischen Übel noch nicht empfindlich fühlbar gewesen. Hatte Oliver Cromwell sein Repräsentativ-System auch nach den richtigsten Grundsätzen gebildet, so war es doch nicht volksthümlich; sowohl die Begebenheiten, aus denen es hervorgegangen, als die Folgen, die es bewirkt, konnten die öffentliche Meinung nicht für dasselbe gewinnen. Es war der Militairgewalt entsprungen, und hatte nur Streit erregt. Der Regierung durch das Schwert überdrüssig, sehnte sich die ganze Nation nach der Regierung durch das Gesetz. Deshalb gewährte die Wiederherstellung selbst der Anomalien und Mißbräuche, die mit den Gesetzen streng übereinstimmten und durch das Schwert vernichtet gewesen waren, allgemeine Befriedigung.
Im Hause der Gemeinen gab es eine starke, theils aus offenen Republikanern, theils aus geheimen Royalisten bestehende Opposition; aber eine große, fest entschlossene Majorität schien dem Plane geneigt, die alte Verfassung unter einer neuen Dynastie wieder herzustellen. Richard ward feierlich als die erste obrigkeitliche Person im Staate anerkannt. Die Gemeinen erklärten sich nicht nur bereit, mit den von Oliver Cromwell ernannten Lords gemeinschaftlich die Staatsgeschäfte zu verhandeln, sondern nahmen auch den Beschluß an, daß diejenigen Adeligen, die zur Zeit der Unruhen der Sache der öffentlichen Freiheit angehangen, ohne neue Ernennung im Oberhause des Parlaments zu sitzen das Recht haben sollten.
Bis hierher waren die Staatsmänner, deren Rath Richard befolgte, glücklich gewesen. Fast alle Theile der Staatsverwaltung hatte man eben so eingerichtet, wie sie bei dem Beginne des Bürgerkrieges gewesen. Hätten der Protektor und das Parlament ungestört fortschreiten dürfen, so läßt sich kaum bezweifeln, daß unter dem Hause Cromwell schon eine ähnliche Ordnung der Dinge erstanden wäre, wie sie später unter dem Hause Hannover begründet ward. Aber es gab im Staate eine andere Macht, vollkommen fähig, gegen Protektor und Parlament aufzutreten. Richard besaß nämlich über die Armee keine andere Autorität als die, welche er aus dem großen ererbten Namen herleitete. Er hatte sie nie zum Siege geführt, hatte selbst nie die Waffen getragen, alle seine Neigungen und Gewohnheiten waren friedlicher Art, und seine religiösen Ansichten und Gesinnungen erfreuten sich des Beifalls der militairischen Heiligen nicht. Daß er ein guter Mensch war, hat er durch Demuth und Leutseligkeit, während er auf dem Gipfel menschlicher Größe stand, und durch freudige Ergebung bei Leiden und Unglücksfällen treffender dargethan, als durch tiefe Seufzer und lange Reden; aber das damals in jeder Wachtstube übliche fromme Geschwätz war ihm dergestalt zum Ekel, daß er seine Abneigung dagegen nicht immer verbergen konnte. Die Offiziere, welche den größten Einfluß auf die in der Nähe stationirten Truppen ausübten, gehörten nicht zu seinen Freunden; sie waren durch Muth und Tapferkeit auf dem Schlachtfelde ausgezeichnete Männer, aber es fehlte ihnen jene Klugheit, jener bürgerliche Muth, die Eigenschaften, die ihrem verstorbenen Führer in so hohem Grade eigen waren. Einige von ihnen waren achtungswerthe, aber fanatische Independenten und Republikaner. Das Haupt dieser Klasse war Fleetwood. Andere wieder strebten danach, das zu werden, was Oliver Cromwell gewesen; sein rasches Emporkommen, sein Glück und sein Ruhm, seine feierliche Inauguration in den Hallen von Westminster, und seine prachtvolle Bestattung in der Abtei hatten die Phantasie derselben entflammt; sie waren von eben so guter Herkunft, eben so gut erzogen, als er, und begriffen nun nicht, warum sie nicht eben so würdig wären, mit dem Purpur bekleidet zu werden und das Schwert des Staates zu tragen. Das Ziel ihres maßlosen Ehrgeizes verfolgten sie nicht, wie er, mit Geduld, Wachsamkeit, Scharfsinn und Entschlossenheit, sondern mit jener Ungeduld und Unentschiedenheit, welche die hochfliegende Mittelmäßigkeit charakterisiren. Unter diesen matten Copien eines großen Originals zeichnete sich Lambert am auffälligsten aus.
Sturz Richards, und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments. [Denselben] Tag, an dem Richard den Thron bestiegen, traten die Offiziere zu einer Verschwörung gegen ihren neuen Gebieter zusammen. Das gute Einvernehmen zwischen ihm und seinem Parlamente beschleunigte das Herannahen der Krisis. In dem Lager entstanden Unruhe und Erbitterung, sowohl die religiösen Gefühle als die des Standes der Armee waren tief verletzt, und es schien, als sollten sich die Independenten den Presbyterianern, und die Männer des Schwerts den Männern der Robe unterwerfen. Zwischen den Unzufriedenen in der Armee und der republikanischen Minorität in dem Hause der Gemeinen bildete sich eine Koalition. Selbst wenn Richard das scharfe Urtheil und den eisernen Muth seines Vaters ererbt hätte, so bleibt es dennoch zweifelhaft, ob er diese Koalition besiegt haben würde; es ist vielmehr gewiß, daß seine Einfachheit und Sanftmuth den Erfordernissen der Zeit nicht entsprachen. Er fiel ohne Widerstand und ohne Ruhm; die Armee benutzte ihn als Werkzeug zur Auflösung des Parlamentes und schob ihn dann verächtlich bei Seite. Um ihre republikanischen Verbündeten zufrieden zu stellen, erklärten die Offiziere die Vertreibung des Rumpfparlamentes für ungesetzlich und luden diese Versammlung ein, ihre Amtsgeschäfte wieder zu beginnen. Der alte Sprecher und eine beschlußfähige Anzahl Mitglieder traten wieder zusammen, und unter schlecht verhehltem Hohne und Verwünschungen Seitens der Nation wurden sie zur ersten Macht des Staates ausgerufen. Auch ward ausdrücklich erklärt, daß es weder einen ersten Beamten, noch ein Haus der Lords ferner geben solle.
Zweite Vertreibung des Langen Parlaments. [Ein] solcher Zustand der Dinge konnte nicht von langer Dauer sein. An demselben Tage, an dem das Lange Parlament wieder in’s Leben trat, lebten auch die alten Zwistigkeiten mit der Armee wieder auf. Es vergaß der Rumpf abermals, daß er sein Dasein dem Belieben der Soldaten verdankte, und begann wieder, sie als Untergebene zu behandeln. Wiederum schloß man die Thüren des Hauses der Gemeinen durch militairische Gewalt, und eine von den Offizieren ernannte provisorische Regierung übernahm die Leitung der Staatsgeschäfte.
Das Drückende dieser Lage und die Befürchtung, es könne noch schlimmer werden, bewirkte indeß eine Verbindung zwischen den Cavalieren und den Presbyterianern. Einige Presbyterianer hatten zwar schon vor dem Tode Karls I. zu einer ähnlichen Vereinbarung sich geneigt gezeigt, aber erst nach dem Falle Richard Cromwells eiferte die ganze Partei für die Wiederherstellung des Königshauses. Für die Wiederherstellung der alten Verfassung unter einer Dynastie gab es keine begründete Hoffnung mehr; man mußte daher zwischen den Stuarts und der Armee wählen. Die vertriebene Königsfamilie hatte sich großer Vergehen schuldig gemacht, aber sie hatte diese Vergehen hart gebüßt, und man durfte hoffen, daß sie in der Schule des Unglücks heilsame Lehren erhalten habe; es ließ sich annehmen, daß das Schicksal Karls I. für Karl II. ein warnendes Beispiel sein würde. Aber es waren auch, ohne Rücksicht hierauf, die dem Lande drohenden Gefahren der Art, daß man zu ihrer Abwendung wohl einige Ansichten aufgeben und sich einigen Wagnissen aussetzen konnte. England schien der gehässigsten und erniedrigendsten aller Regierungsformen anheim zu fallen bestimmt zu sein, einer Form, die alle Übel des Despotismus mit allen Schrecken der Anarchie vereinigte. Alles Andere war dem Joche vorzuziehen, das eine Reihenfolge unfähiger und unrühmlicher Tyrannen auferlegte, welche nach Art der Dey’s der Berberei durch unausgesetzte Militairrevolutionen endlich zur Regierung gelangten. Lambert konnte der erste dieser Despoten werden, aber nach Verlauf eines Jahres hätte er wahrscheinlich Desborough, und später Desborough dem Harrison weichen müssen. So oft der Kommandostab aus einer schwachen Hand in die andere übergegangen wäre, so oft würde die Nation den Erpressungen ausgesetzt gewesen sein, welche die Geschenke für die Truppen nöthig machten. Wenn die Presbyterianer hartnäckig auf ihrer Trennung von den Royalisten bestanden, wäre der Staat verloren gewesen, und ob es den vereinigten Anstrengungen Beider gelungen wäre, ihn zu retten, war sehr zweifelhaft, denn die Furcht vor der unbesiegbaren Armee hatte sich aller Bewohner der Insel bemächtigt, und die Cavaliere, durch hundert verlorene Schlachten belehrt, wie wenig die numerische Überlegenheit gegen die Disziplin vermag, waren selbst noch mehr eingeschüchtert, als die Rundköpfe.
Die Armee von Schottland rückt in England ein. [So] lange die Soldaten unter sich einig blieben, waren alle Complote und Aufstände der Mißvergnügten ohne Wirkung. Aber wenig Tage nach der zweiten Vertreibung des Rumpf-Parlaments liefen Nachrichten ein, welche die Herzen Aller, die entweder der Monarchie oder der Freiheit anhingen, mit Freude erfüllten. Jene ungeheure Streitmacht, welche Jahre lang wie ein einziger Mann gehandelt und dadurch so unüberwindlich geworden war, hatte sich endlich in Zwiespalt aufgelöst. Die schottische Armee, welche der Republik große Dienste geleistet, befand sich in dem Zustande voller Kraft; mit einem dem ähnlichen Unwillen, den die an der Donau und am Euphrat stehenden römischen Legionen bei der Nachricht empfanden, daß die prätorianischen Garden das Reich zum Verkauf feilgeboten, hatte sie sich von der Revolution fern gehalten und sie beobachtet. Sie fand es unerträglich, daß einige Regimenter, weil sie in der Nähe von Westminster cantonnirten, und nur deshalb sich anmaßten, im Laufe eines halben Jahres mehrere Regierungen zu ernennen und wieder abzusetzen. Wäre die Regelung der Staatsangelegenheiten durch Soldaten am rechten Platze gewesen, so hätten diejenigen, welche im Norden des Tweed die englische Autorität aufrecht erhielten, dasselbe Recht abzustimmen gehabt, als die, welche den Tower von London besetzt hielten. Die in Schottland stehenden Truppen scheinen weniger vom Fanatismus ergriffen gewesen zu sein, als irgend ein anderer Theil der Armee, und Georg Monk selbst, ihr General, war der vollständige Gegensatz von einem Zeloten. Bei dem Beginne des Bürgerkriegs hatte er zu Gunsten des Königs die Waffen getragen, war von den Rundköpfen gefangen worden, hatte dann von dem Parlamente eine Offizierstelle angenommen und sich, ohne den geringsten Anspruch auf Heiligkeit, durch Muth und militairische Fähigkeiten zu hohen Kommandostellen emporgeschwungen. Beiden Protektoren hatte er nützliche Dienste geleistet, er war ruhig geblieben, als die Offiziere zu Westminster Richard stürzten und das Lange Parlament wieder einsetzten, und hätte ihm die provisorische Regierung nicht Grund zu Unwillen und Besorgniß gegeben, so würde er vielleicht eben so ruhig bei der zweiten Vertreibung des Langen Parlaments geblieben sein, denn er war von Natur vorsichtig, etwas langsam und durchaus nicht geneigt, sichere und mäßige Vortheile der Möglichkeit zu opfern, selbst einen glänzenden Erfolg zu bewirken. Die Furcht, durch die Unterwerfung unter die neuen Herrscher des Staats in seiner Sicherheit gefährdet zu werden, scheint ihn mehr zum Angriffe getrieben zu haben, als die Hoffnung, durch ihren Sturz zu einer Größe sich zu erheben. Was auch immerhin seine Gründe sein mochten — er trat als der Verfechter der unterdrückten bürgerlichen Gewalt auf, verweigerte die Anerkennung der angemaßten Autorität der provisorischen Regierung und rückte an der Spitze von siebentausend alten Soldaten gegen England vor.
Dies war das Zeichen zu einem allgemeinen Ausbruche: überall weigerte sich das Volk, Steuern zu zahlen; zu Tausenden versammelten sich die Arbeiter der City und riefen laut nach einem freien Parlamente; die Flotte segelte in die Themse und erklärte sich gegen die Tyrannei der Soldaten; die Soldaten, frei von der Aufsicht eines überwiegenden Geistes, theilten sich in Parteien; aus Furcht allein zu stehen und so das Racheziel der unterdrückten Nation zu werden, beeilte sich jedes einzelne Regiment, einen Separatfrieden zu schließen. Lambert, der nach Norden der schottischen Armee entgegen geeilt war, gerieth, von seinen Truppen verlassen, in Gefangenschaft. Seit dreizehn Jahren hatte die bürgerliche Gewalt in jedem Streite der militairischen erliegen müssen; jetzt beugte sich die militairische vor der bürgerlichen Gewalt. Das allgemein gehaßte und verachtete Rumpfparlament, aber der einzige politische Körper im Lande, der noch einen Schein von gesetzlicher Autorität trug, kehrte in das Haus zurück, aus dem man es zweimal schimpflich vertrieben hatte.
Monk rückte indeß London näher. Überall, wohin er kam, eilte ihm die Gentry entgegen und bat ihn flehentlich, er möge seine Macht zur Wiederherstellung des Friedens und der Freiheit der zerrütteten Nation verwenden. Der General, kaltblütig, schweigsam und ohne Eifer für irgend eine politische oder religiöse Verfassung, beobachtete eine unerschütterliche Zurückhaltung. Was damals seine Pläne waren, und ob er überhaupt Pläne hatte, läßt sich nicht bestimmen; aber es war ersichtlich sein Hauptziel, sich so lange als möglich die freie Wahl zwischen zwei Verfahrungsarten zu erhalten, die gewöhnliche Politik von Männern, die sich mehr durch Klugheit, als durch Scharfsinn auszeichnen. Es ist wahrscheinlich, daß er seinen Entschluß erst nach einigen Tagen Aufenthaltes in der Hauptstadt festgestellt hat. Das ganze Volk rief nach einem freien Parlamente, und es ist nicht zu bezweifeln, daß ein solches die verbannte Königsfamilie sofort zurückgerufen hätte. Der Rumpf und die Soldaten waren dem Hause Stuart noch immer feindlich gesinnt, und der Rumpf wiederum ward allgemein verachtet und gehaßt. Man hatte zwar die Macht der Soldaten immer noch zu fürchten, aber die herrschende Zwietracht hatte diese Macht bedeutend geschwächt, und dabei war sie ohne Führer. In vielen Theilen des Landes hatten sich die Soldaten einander feindlich gegenüber gestanden, und noch Tags zuvor, ehe Monk London erreichte, hatte auf dem Strande ein Kampf zwischen Reiterei und Fußvolk stattgefunden. Eine einige Armee hatte lange Zeit eine durch Zwiespalt zerrüttete Nation niedergedrückt; jetzt war die Nation einig und die Armee durch Zwiespalt zerrüttet.
Monk erklärt sich für ein freies Parlament. [Die] Verstellung oder Unschlüssigkeit Monks hielt eine Zeit lang alle Parteien in einer peinlichen Ungewißheit. Endlich brach er das Schweigen, indem er sich für ein freies Parlament erklärte.
Diese Erklärung versetzte die Nation in einen wahren Freudentaumel; überall wo er sich zeigte, drängte sich die jubelnde Menge um ihn und segnete seinen Namen; alle Glocken Englands stimmten in diesen Jubel mit ein; in den Straßen floß das Bier, und mehrere Nächte hindurch erhellten unzählige Freudenfeuer London und die Umgegend von fünf Meilen. Diejenigen presbyterianischen Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die man mehrere Jahre zuvor durch Waffengewalt vertrieben hatte, kehrten zu ihren Sitzen zurück und es empfingen sie die lauten Begrüßungen der Menge, die Westminsterhall und den Schloßhof anfüllte. Die Häupter der Independenten wagten kaum noch sich in den Straßen zu zeigen, sie waren selbst in ihren Wohnungen nicht mehr sicher. Man ergriff nun Maßregeln zur Gründung einer zeitweiligen Regierung; es wurden Befehle zu einer allgemeinen Wahl erlassen und das denkwürdige Parlament, das durch zwanzig bewegte Jahre alle Wechsel des Glücks erfahren, seinen Souverain besiegt, von seinen Dienern geknechtet und zweimal vertrieben, und zweimal wieder eingesetzt worden, sprach endlich feierlich seine eigene Auflösung aus.
Allgemeine Wahl von 1660. [Das] Ergebniß der Wahlen entsprach dem, was man von der Stimmung der Nation erwarten konnte. Das neue Haus der Gemeinen war, mit geringen Ausnahmen, aus Männern zusammengesetzt, die ergeben an der königlichen Familie hingen. Die Presbyterianer bildeten die Mehrheit.
Es schien fast gewiß, daß nun eine Restauration stattfinden würde; aber es stand noch zu fürchten, daß sie keine friedliche sein würde. Die Stimmung der Soldaten war finster und wild, sie haßten den Königstitel, den Namen Stuart, verabscheuten den Presbyterianismus, aber mehr noch die Prälatur. Indem sie mit Bitterkeit das Ende ihrer langen Herrschaft und den Beginn eines Lebens voll Elend und ruhmlosen Mühens herannahen sahen, schrieben sie ihr Unglück der Schwäche und dem Verrathe einiger Generale zu. Eine Stunde ihres theuren Oliver Cromwell hätte selbst jetzt noch den erloschenen Ruhm neu anfachen können. Waren sie auch verrathen, uneinig und ohne einen Führer, der ihr Vertrauen besaß, so mußte man sie dennoch fürchten. Der Wuth und Verzweiflung von funfzigtausend Männern entgegenzutreten, die noch nie einem Feinde den Rücken gewendet hatten, war keine leichte Aufgabe. Monk und seine politischen Genossen sahen wohl ein, daß diese Krisis eine sehr gefährliche sein würde. Indem sie jede List anwendeten, die mißvergnügten Soldaten zu beruhigen und unter sich zu entzweien, trafen sie auch zugleich für den Fall eines Zusammenstoßes die kräftigsten Vorsichtsmaßregeln. Die in London garnisonirende schottische Armee erhielt man durch Belobungen, Versprechen und Geschenke in einer günstigen Stimmung. Die reichsten Bürger von London gewährten den Rothröcken alles, sie spendeten so freigebig ihre besten Weine, daß man ganze Haufen dieser frommen Krieger oft in einem Zustande fand, der weder ihrem religiösen, noch ihrem militairischen Charakter große Ehre machte. Monk wagte es, einige widerspenstige Regimenter aufzulösen, während die provisorische Regierung mit Hilfe der Gentry und der Behörden die größten Anstrengungen zur Organisirung der Miliz machte. Bald stand diese Streitmacht, die mindestens einhundertzwanzigtausend Mann stark war, in jeder Grafschaft marschfertig. Über zwanzigtausend gut bewaffnete und ausgerüstete Bürger ward in Hyde-Park Heerschau gehalten, wobei diese in einen Enthusiasmus ausbrachen, der zu der Hoffnung berechtigte, daß sie im Fall der Noth tapfer für ihre Läden und Häuser kämpfen würden. Die ganze Flotte hielt es mit der Nation. Es war eine Zeit der Aufregung und der Angst, aber auch eine Zeit der Hoffnung. Man war allgemein der Ansicht, daß England, wenn auch durch einen verzweifelten und blutigen Kampf, frei werden, und daß die, die so lange Zeit durch das Schwert geherrscht, jetzt durch das Schwert umkommen würden.
Glücklicherweise wurden die Gefahren eines Zusammenstoßes abgewendet. Dadurch, daß Lambert aus dem Kerker entwich und seine Kameraden unter die Waffen rief, entstand zwar ein Augenblick ernster Gefahr, und die Flamme des Bürgerkrieges loderte sogleich empor, aber man erstickte sie durch schnelle und kräftige Maßregeln, so daß sie sich nicht verbreiten konnte, und nahm den unglücklichen Nachahmer Cromwells von Neuem gefangen. Das Mißglücken dieses Unternehmens entmuthigte die Soldaten, so daß sie sich traurig ihrem Schicksale unterwarfen.
Die Restauration. [Das] neue Parlament, oder richtiger gesagt der Convent, denn die Zusammenberufung hatte ohne königliche Ausschreiben stattgefunden, trat in Westminster zusammen, und die Lords kehrten wieder in den Saal zurück, von dem sie seit länger denn elf Jahren mit Gewalt fern gehalten worden waren. Beide Häuser luden sogleich den König ein, in sein Reich zurückzukehren. Mit einem nie gesehenen Gepränge ward er wiederum proklamirt. Eine glänzende Flotte holte ihn von Holland und schiffte ihn an der Küste von Kent aus. Die Felsen von Dover waren mit Tausenden von Zuschauern bedeckt, unter denen sich wohl nicht einer befand, der nicht vor Freude weinte. Seine Reise nach London war ein ununterbrochener Triumphzug. Von Rochester an war die ganze Straße mit Buden und Zelten bedeckt, daß sie einem endlosen Markte glich; überall flatterten Fahnen, überall ertönten Glocken und Musik, überall floß der Wein und das Bier auf das Wohl dessen, der Friede, Gesetz und Freiheit zurückbrachte. Aber inmitten der allgemeinen Freude gewährte ein düsterer Fleck einen drohenden Anblick. Zur Begrüßung des Herrschers hatte man die Armee auf Blackheath aufgestellt; ob er auch lächelte, sich verbeugte, den Obristen und Majoren seine Hand zum Kusse bot — sein freundliches Entgegenkommen war vergebens. Die Haltung der Soldaten blieb eine düstere und drohende, und hätten sie ihren Gefühlen freien Lauf gelassen, so würde das Freudenfest, bei dem auch sie wider Willen betheiligt waren, ein schreckliches und blutiges Ende genommen haben. Aber es herrschte keine Einigkeit mehr unter ihnen, das Vertrauen zu den Führern und zu einander selbst hatten Zwietracht und Abtrünnigkeit geraubt. Die ganze Macht der City von London stand unter den Waffen, zahlreiche Milizkompagnien, geführt von loyalen Edelleuten und Gentlemen, waren aus verschiedenen Theilen des Landes gekommen, um den König zu bewillkommnen. Dieser große Tag ging in Frieden zu Ende, und der zurückgerufene Wanderer konnte sicher ruhen in dem Palaste seiner Vorfahren.