Complot Marlborough’s gegen die Regierung Wilhelm’s.
Marlborough hatte nie aufgehört, dem Hofe von Saint-Germains zu versichern, daß das große Verbrechen, welches er begangen, ihm beständig vorschwebe und daß er keinen andren Lebenszweck mehr habe, als es zu bereuen und wieder gut zu machen. Er hatte nicht allein sich selbst, sondern auch die Prinzessin Anna bekehrt. Im Jahre 1688 hatten die Churchill sie mit geringer Mühe bewogen, aus dem Palaste ihres Vaters zu entfliehen. Im Jahre 1691 bewogen sie sie mit eben so geringer Mühe, einen Brief abzuschreiben und zu unterzeichnen, in welchem sie ihre innige Theilnahme an seinem Unglück und den ernsten Wunsch aussprach, ihre Pflichtverletzung wieder gut zu machen.[42] Zu gleicher Zeit nährte Marlborough die Hoffnung, daß es in seiner Macht stehen werde, die Wiedereinsetzung seines früheren Gebieters auf dem bestmöglichen Wege, ohne den Beistand eines einzigen fremden Soldaten oder Seemannes, durch die Beschlüsse der englischen Lords und Gemeinen und durch die Unterstützung der englischen Armee zu bewerkstelligen. Wir sind über die Einzelnheiten seines Planes nicht vollkommen unterrichtet; die Umrisse desselben aber kennen wir aus einer von Jakob geschriebenen höchst interessanten Abhandlung, von der sich eine Copie in der Bodlejanischen Bibliothek und eine andre in den Archiven des französischen Ministeriums des Auswärtigen befindet.
Die Eifersucht mit der die Engländer die Holländer betrachteten, war damals sehr heftig. Eine herzliche Freundschaft hatte niemals zwischen den beiden Nationen bestanden. Sie waren zwar nahe verwandt mit einander; sie sprachen zwei Dialecte einer weitverbreiteten Sprache, beide rühmten sich ihrer politischen Freiheit, beide huldigten dem reformirten Glauben, beide wurden von dem nämlichen Feinde bedroht, und konnten nur so lange vor ihm sicher sein als sie einig waren. Gleichwohl herrschte keine aufrichtige Zuneigung zwischen ihnen. Sie würden einander wahrscheinlich mehr geliebt haben, wenn sie einander in mancher Beziehung weniger geglichen hätten. Sie waren die beiden großen Handelsnationen und die beiden großen Seevölker. Ihre Flaggen fand man in allen Meeren beisammen, im baltischen wie im mittelländischen, im Golf von Mexico wie in der Meerenge von Malakka. Ueberall bemühten sich der Kaufmann von London und der Kaufmann von Amsterdam einander zu überflügeln und Concurrenz zu machen. In Europa war der Kampf nicht blutig. In barbarischen Ländern aber, wo kein andres Gesetz als das Recht des Stärkeren herrschte, waren die beiden Nebenbuhler, von Habsucht und Haß erfüllt, zum Kampfe gerüstet, jeder dem andren feindselige Absichten zutrauend und jeder entschlossen, dem andren keinen Vortheil zu gönnen, nur zu oft aneinander gerathen. Daß unter solchen Umständen viele Gewaltthätigkeiten und Grausamkeiten verübt wurden, ist nicht zu verwundern. Man konnte in Europa selten genau erfahren, was in jenen entfernten Gegenden geschehen war. Alles wurde durch vage Gerüchte und durch das Nationalvorurtheil übertrieben und entstellt. Bei uns glaubte das Volk, daß die Engländer stets vorwurfsfrei seien und daß jeder Streit der Habsucht und Unmenschlichkeit der Holländer zugeschrieben werden müsse. Beklagenswerthe Vorfälle, die sich auf den Gewürzinseln ereignet hatten, wurden wiederholt auf unsre Bühne gebracht. Die Engländer waren alle Heilige und Helden, die Holländer durchgehends Teufel in Menschengestalt, lügend, raubend, schändend, mordend und quälend. Die zornigen Leidenschaften, welche diese Theaterstücke verriethen, hatten sich mehr als ein Mal im Kriege Luft gemacht. Dreimal im Zeitraume eines Menschenlebens hatten diese beiden Nationen mit gleichem Muthe und mit wechselndem Glücke um die Herrschaft auf dem deutschen Ocean gestritten. Die Tyrannei Jakob’s hatte, wie sie die Tories mit den Whigs und die Hochkirchlichen mit den Nonconformisten aussöhnte, auch die Engländer mit den Holländern ausgesöhnt. Während unsere Vorfahren aus dem Haag Befreiung erwarteten, hatte es den Anschein gehabt, als ob das Gemetzel von Amboina und die große Demüthigung von Chatham vergessen gewesen wären. Aber seit der Revolution war das alte Gefühl wiedererwacht. Obwohl England und Holland jetzt durch einen Vertrag eng mit einander verbunden waren, waren sie doch so wenig als je durch Zuneigung verbrüdert. Einmal, unmittelbar nach der Schlacht bei Beachy Head, schienen unsere Landsleute geneigt, gegen die Holländer gerecht zu sein; aber es trat sehr bald eine heftige Reaction ein. Torrington, der erschossen zu werden verdiente, wurde ein Liebling des Volks, und die Bundesgenossen, die er schändlicherweise im Stich gelassen, wurden beschuldigt, daß sie ihn ohne Ursache verfolgten. Die Parteilichkeit, welche der König für die Gefährten seiner Jugend an den Tag gelegt, war das Lieblingsthema der Aufwiegler. Die einträglichsten Stellen in seinem Hofstaate, sagte man, würden von Holländern bekleidet; das Haus der Lords fülle sich rasch mit Holländern; die schönsten Domänen der Krone würden Holländern verliehen; die Armee werde von Holländern befehligt. Daß Wilhelm klug gethan haben würde, wenn er seine lobenswerthe Vorliebe für sein Vaterland etwas weniger auffallend an den Tag gelegt und seine alten Freunde etwas sparsamer belohnt hätte, ist vollkommen wahr. Aber es wird nicht leicht zu beweisen sein, daß er bei irgend einer wichtigen Gelegenheit während seiner ganzen Regierung die Interessen unserer Insel den Interessen der Vereinigten Provinzen nachstellte. Die Engländer waren jedoch in diesem Punkte zu Anfällen von Eifersucht geneigt, die sie ganz unfähig machten, der Vernunft Gehör zu geben. Einer der heftigsten dieser Anfälle trat im Jahre 1691 ein. Die Antipathie gegen die Holländer war zu der Zeit in allen Klassen stark, nirgends aber stärker als im Parlament und in der Armee.[43]
Diese Antipathie beschloß Marlborough zu benutzen, um, wie er Jakob und dessen Anhängern versicherte, eine Restauration herbeizuführen. Die Stimmung beider Häuser war von der Art, daß sie durch geschickte Behandlung nicht unwahrscheinlich bestimmt werden konnten, eine gemeinschaftliche Adresse zu überreichen, welche darum ersuchte, daß alle Ausländer aus dem Dienste Ihrer Majestäten entfernt werden möchten. Marlborough unternahm es, eine solche Adresse bei den Lords zu beantragen, und es würde nicht schwer gehalten haben, einen Gentleman von großem Gewicht zu finden, der einen gleichen Antrag bei den Gemeinen gestellt hätte.
Wenn die Adresse durchging, was konnte Wilhelm dann thun? Würde er nachgeben und alle seine theuersten, ältesten und zuverlässigsten Freunde aus seiner Nähe entfernen? Es war kaum möglich zu glauben, daß er eine so schmerzliche und so demüthigende Concession machen würde. Fügte er sich nicht, so entstand ein Bruch zwischen ihm und dem Parlament und des Parlament hatte das Volk zur Stütze. Selbst ein kraft eines erblichen Titels regierender König hätte wohl vor einem solchen Kampfe mit den Ständen des Reichs zurückschrecken können. Einem Könige aber, dessen Rechtstitel auf einem Beschlusse der Stände des Reichs beruhten, mußte ein solcher Kampf fast unvermeidlich zum Verderben gereichen. Die letzte Hoffnung Wilhelm’s war dann die Armee. Diese zu bearbeiten nahm Marlborough ebenfalls auf sich, und es ist höchst wahrscheinlich, daß ihm auch hier sein Plan gelungen sein würde. Sein Muth, seine Talente, seine noblen und gewinnenden Manieren, der glänzende Erfolg, den er bei jeder Gelegenheit wo er das Commando geführt, errungen, hatten ihn ungeachtet seiner schmutzigen Laster zum Liebling seiner Waffenbrüder gemacht. Sie waren stolz darauf, einen Landsmann zu haben, der bewiesen hatte, daß ihm nur die Gelegenheit fehlte, um es mit dem geschicktesten Marschall von Frankreich aufzunehmen. Bei den englischen Truppen waren die Holländer noch weniger beliebt als bei der Nation überhaupt. Wäre daher Marlborough, nachdem er sich die Mitwirkung einiger hoher Offiziere gesichert, im kritischen Augenblicke vor den Regimentern erschienen, die er in Flandern und in Irland zum Siege geführt, hätte er sie aufgefordert, sich um ihn zu schaaren, das Parlament zu beschützen und die Fremden zu vertreiben, so ist starker Grund zu der Annahme vorhanden, daß seinem Aufrufe Folge geleistet worden wäre. Es würde dann in seiner Macht gestanden haben, die Versprechungen zu erfüllen, die er seinem früheren Gebieter so feierlich gegeben.
Von allen Plänen, welche je zur Restauration Jakob’s oder seiner Nachkommen entworfen wurden, versprach dieser der beste zu sein. Der Nationalstolz und der Haß gegen Willkürgewalt, welche bisher auf Wilhelm’s Seite gewesen waren, würden sich jetzt gegen ihn gewendet haben. Hunderttausende, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben würden, um eine französische Armee zu verhindern, den Engländern eine Regierung aufzudringen, würden keine Lust gezeigt haben, eine englische Armee am Hinaustreiben der Holländer zu hindern. Selbst die Whigs konnten, ohne ihre alten Grundsätze aufzugeben, kaum einen Fürsten unterstützen, der sich hartnäckig weigerte, den ihm durch sein Parlament kund gegebenen allgemeinen Wunsch seines Volks zu erfüllen. Das Complot lief sich ganz gut an. Es wurden eifrig Stimmen geworben, und viele Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die nicht die entfernteste Ahnung davon hatten, daß ein weitergehender Plan dahinter steckte, versprachen gegen die Fremden zu stimmen. Marlborough war unermüdlich, die Mißstimmung der Armee zu nähren. Sein Haus war beständig mit Offizieren angefüllt, die sich durch Schmähen der Holländer bis zur Wuth erhitzten. Noch ehe aber die Vorbereitungen beendigt waren, stieg in einem der Jakobiten ein sonderbarer Verdacht auf. Daß der Urheber dieses kühnen und schlauen Planes die bestehende Regierung stürzen wollte, konnte kaum einem Zweifel unterliegen. Aber war es auch ganz gewiß, welche andre Regierung er einzusetzen gedachte? Konnte er nicht Wilhelm absetzen, ohne Jakob einzusetzen? War es nicht möglich, daß ein so kluger, so ehrgeiziger und so gewissenloser Mann einen doppelten Verrath im Sinne haben konnte, einen Verrath, den die großen italienischen Politiker des 15. Jahrhunderts ein Meisterstück der Staatskunst genannt, um den ihn ein Borgia beneidet, den ein Machiavel bis in den Himmel erhoben haben würde? Wie, wenn dieser vollendete Heuchler beide rivalisirende Könige betrog? Wie, wenn er als Befehlshaber der Armee und als Protector des Parlaments die Prinzessin Anna zur Königin proklamirte? War es nicht möglich, daß die ermüdete und gehetzte Nation sich eine solche Einrichtung willig gefallen ließ? Jakob war unpopulär, weil er ein unter dem Einflusse papistischer Priester stehender Papist war. Wilhelm war unpopulär, weil er ein ausländischen Günstlingen zugethaner Ausländer war. Anna war zu gleicher Zeit Protestantin und Engländerin. Unter ihrer Regierung konnte das Land nicht in die Gefahr kommen, entweder mit Jesuiten oder mit Holländern überschwemmt zu werden. Daß Marlborough die stärksten Gründe hatte, sie auf den Thron zu setzen, lag auf der Hand. Am Hofe ihres Vaters konnte er nie etwas Andres als ein reuiger Sünder sein, dessen Dienste durch einen Pardon mehr als bezahlt waren. An ihrem Hofe aber wäre der Gatte ihrer geliebten Freundin das geworden, was Pipin Heristall und Karl Martell den Chilperich und Childebert gewesen waren. Die oberste Leitung der Civil- und Militärverwaltung wäre in seine Hände gekommen, er hätte über die ganze Macht England’s verfügt, er hätte die Wagschale Europa’s gehalten, große Könige und Republiken hätten um seine Gunst gebuhlt und ihre Staatskassen erschöpft in der eitlen Hoffnung, seine Habsucht zu befriedigen. Es war daher anzunehmen, daß, wenn er die englische Krone in seine Gewalt bekam, er sie der Prinzessin aufsetzen würde. Welche Beweise die Richtigkeit dieser Annahme unterstützten, ist nicht bekannt; soviel aber ist gewiß, daß sich etwas ereignete, was einige der ergebensten Freunde der verbannten Familie überzeugte, daß er eine neue Perfidie im Sinne habe, welche selbst das noch übertraf, was er in Salisbury gethan. Sie fürchteten daß, wenn es ihnen in diesem Augenblicke gelang, Wilhelm los zu werden, Jakob’s Situation hoffnungsloser als je sein würde.