Glencoe.
Mac Ian wohnte am Eingange einer nicht weit vom südlichen Ufer des Lochleven, eines Armes des Meeres, das tief in die Westküste Schottland’s einschneidet und Argyleshire von Inverneßshire trennt, gelegenen Schlucht. In der Nähe seines Hauses lagen zwei oder drei von seinem Stamme bewohnte kleine Ortschaften. Die ganze Bevölkerung, über die er herrschte, wurde auf nicht mehr als zweihundert Seelen geschätzt. In der Umgegend der paar Dörfer befand sich etwas Buschholz und etwas Weideland; aber ein wenig höher hinauf in dem Engpasse war keine Spur von Bevölkerung oder Fruchtbarkeit zu sehen. In der gälischen Sprache bedeutet Glencoe Schlucht des Weinens, und dieser Paß ist in der That der traurigste und einsamste von allen schottischen Gebirgspässen, das wahre Thal des Todesschattens. Nebel und Stürme lagern den größten Theil des schönsten Sommers darüber und selbst an den wenigen Tagen, wo die Sonne hell scheint und keine Wolke am Himmel steht, macht die Landschaft einen düsteren und unheimlichen Eindruck. Der Weg führt am Rande eines Bergstromes hin, der aus der ödesten und einsamsten Gebirgslache kommt. Mächtige Abgründe von nacktem Gestein gähnen zu beiden Seiten, und in der Nähe des Gipfels sieht man noch im Juli Streifen von Schnee in den Spalten. Ueberall an den Abhängen der Felsen bezeichnen Haufen von Gerölle die steilen Pfade der Gießbäche. Meilenweit sieht sich der Wanderer vergebens nach dem Rauche einer Hütte, nach einer in einen Plaid gehüllten menschlichen Gestalt um und lauscht umsonst auf das Gebell eines Schäferhundes oder auf das Geblök eines Lammes. Meilenweit ist der einzige Laut, der eine Spur von Leben verräth, der schwache Schrei eines Raubvogels auf einer sturmgepeitschten Felsspitze. Die Fortschritte der Civilisation, welche so viele Wüsten in lachende Gefilde voll goldener Aehren oder blühender Obstbäume verwandelt, haben Glencoe nur noch verödeter gemacht. Alle Wissenschaft und Industrie einer friedlichen Zeit vermag dieser Wildniß nichts Werthvolles zu entreißen; aber in einem Zeitalter der Gewaltthätigkeit und des Raubes hatte die Wildniß selbst einen Werth, weil sie den Räubern und ihrer Beute Schutz gewährte. Nichts konnte natürlicher sein, als daß der Clan, dem diese rauhe Wüstenei gehörte, wegen seiner räuberischen Gewohnheiten bekannt war. Denn bei den Hochländern im Allgemeinen galt Raub für eine mindestens eben so ehrenvolle Beschäftigung wie der Ackerbau, und von allen Hochländern hatten die Macdonalds von Glencoe den mindest ergiebigen Boden und die bequemste und sicherste Räuberhöhle. Mehrere aufeinanderfolgende Regierungen hatten es versucht diesen wilden Stamm zu züchtigen; aber es war zu diesem Zwecke nie eine starke Truppenmacht aufgeboten worden, und einem kleinen Corps konnten Leute, die jeden Winkel und jeden Ausgang der natürlichen Festung kannten, in der sie geboren und aufgewachsen waren, leicht Widerstand leisten oder ausweichen. Die Leute von Glencoe würden wahrscheinlich nicht so friedenstörende Nachbarn gewesen sein, wenn sie unter ihren Stammverwandten gelebt hätten. Aber sie waren eine von jedem andern Zweige ihrer Familie getrennte Nebenlinie des Clan Donald und fast rings umgeben von dem Gebiete des feindlichen Stammes Diarmid.[67] Durch erbliche Feindschaft sowohl als durch Noth wurden sie angetrieben, auf Unkosten des Stammes Campbell zu leben. Breadalbane’s Eigenthum hatte von ihren Räubereien viel zu leiden gehabt, und sein Character war nicht von der Art, daß er solche Beleidigungen hätte vergeben können. Als daher der Häuptling von Glencoe beim Congreß in Glenorchy erschien, wurde er unfreundlich empfangen. Der Earl, der sich sonst mit dem würdevollen Anstande eines castilischen Granden zu benehmen pflegte, vergaß im Zorne seine gewohnte Grandezza, seinen öffentlichen Character und die Gesetze der Gastfreundschaft und verlangte mit heftigen Vorwürfen und Drehungen Entschädigung für die Heerden, welche Mac Ian’s Anhänger aus seinem Gebiete fortgetrieben hatten. Mac Ian fürchtete ernstlich eine persönliche Gewaltthätigkeit und war froh, als er seine heimathliche Schlucht wohlbehalten wieder erreicht hatte.[68] Sein Stolz war verletzt, und mit den Regungen des gekränkten Stolzes verbanden sich die des Interesses. Als das Oberhaupt eines Volkes, das vom Plündern lebte, hatte er starke Gründe zu wünschen, daß das Land in einem ungeordneten Zustand bleiben möchte. Er hatte wenig Aussicht, eine einzige Guinee von dem Gelde zu bekommen, das unter die Unzufriedenen vertheilt werden sollte; denn sein Antheil an diesem Gelde hätte Breadalbane’s Entschädigungsforderungen schwerlich befriedigt, und es konnte kaum einem Zweifel unterliegen, daß Breadalbane vor allen Anderen darauf bedacht sein würde, sich bezahlt zu machen. Mac Ian bot daher Alles auf, um seine Verbündeten von der Annahme von Bedingungen, von denen er selbst keinen Nutzen erwarten durfte, abzurathen, und sein Einfluß war nicht gering. Die Zahl seiner eigenen Vasallen war zwar unbedeutend, aber er stammte vom besten Geblüt der Hochländer, hatte stets ein freundschaftliches Verhältniß mit seinen mächtigeren Verwandten aufrecht erhalten, sie waren ihm deshalb weil er ein Räuber war, nicht weniger zugethan, denn sie beraubte er niemals, und daß der Raub an und für sich etwas Böses und Entehrendes sei, war noch keinem celtischen Häuptling je in den Sinn gekommen. Mac Ian stand daher in hoher Achtung bei seinen Bundesgenossen. Er war von ehrwürdigem Alter, hatte ein majestätisches Aeußere und besaß in hohem Grade die geistigen Eigenschaften, welche in rohen Gesellschaften dem Einzelnen ein großes Uebergewicht über seine Nebenmenschen geben. Breadalbane sah sich bei jedem Schritte der Unterhandlung von seinem alten Feinde überlistet, und der Name Glencoe wurde ihm mit jedem Tage mehr und mehr verhaßt.[69]
Die Regierung verließ sich jedoch nicht einzig und allein auf Breadalbane’s diplomatische Gewandtheit. Die Behörden zu Edinburg erließen eine Proklamation, in der sie die Clans aufforderten, sich dem Könige Wilhelm und der Königin Marie zu unterwerfen, und jedem Rebellen, der bis zum 31. December 1691 sich eidlich verpflichtete, ruhig unter der Regierung Ihrer Majestäten zu leben, Verzeihung anboten. Diejenigen aber, welche nach diesem Tage noch im Widerstande beharrten, sollten als Feinde und Verräther behandelt werden.[70] Zu gleicher Zeit wurden kriegerische Anstalten getroffen, welche bewiesen, daß die Drohung ernstlich gemeint war. Die Hochländer bekamen Angst und hielten es, obgleich die pekuniären Bedingungen nicht befriedigend geordnet waren, für rathsam, das von ihnen verlangte Versprechen zu geben. Kein Häuptling hatte jedoch Lust mit dem Beispiele der Unterwerfung voranzugehen. Glengarry bramarbasirte und rief aus, daß er sein Haus befestigen werde.[71] „Ich will nicht die Bahn brechen,” sagte Lochiel; „dies ist bei mir eine Ehrensache. Aber meine Tacksmen[72] und Leute mögen sich ihrer Freiheit bedienen.”[73] Seine Tacksmen und Leute verstanden ihn und begaben sich zu Hunderten zu dem Sheriff, um die Eide zu leisten. Die Macdonalds von Sleat, Clanronald, Keppoch und selbst Glengarry folgten dem Beispiele der Camerons, und die Häuptlinge folgten, nachdem sie versucht hatten einander im Ausharren zu übertreffen so lange sie es wagen durften, dem Beispiele ihrer Vasallen.
Der 31. December erschien, und noch waren die Macdonalds von Glencoe nicht zur Eidesleistung gekommen. Wahrscheinlich fühlte sich der sehr empfindliche Stolz Mac Ian’s durch den Gedanken befriedigt, daß er fortfuhr der Regierung zu trotzen, nachdem der prahlerische Glengarry, der grimmige Keppoch und der hochherzige Lochiel nachgegeben hatten; aber er sollte diese Genugthuung theuer bezahlen.
Endlich, am 31. December, begab er sich, von seinen angesehensten Vasallen begleitet, nach Fort William und erbot sich die Eide zu leisten. Zu seinem Schrecken erfuhr er, daß sich Niemand in dem Fort befand, der befugt gewesen wäre, ihm dieselben abzunehmen. Oberst Hill, der Gouverneur, war kein Magistratsbeamter und es war auch kein solcher näher als in Inverary. Mac Ian, der jetzt vollkommen die Thorheit erkannte, die er begangen, indem er einen Act, von dem sein Leben und sein Vermögen abhingen, bis zum letzten Augenblicke verschoben hatte, brach in großer Angst nach Inverary auf. Er hatte einen Brief bei sich von Hill an den Sheriff von Argyleshire, Sir Colin Campbell von Ardkinglaß, einen achtbaren Gentleman, der unter der vorigen Regierung wegen seiner whiggistischen Grundsätze viel gelitten hatte. In diesem Briefe sprach der Oberst die wohlmeinende Hoffnung aus, daß ein verlorenes Schaf und noch dazu ein so schönes, selbst nach Ablauf der bestimmten Frist noch mit Freuden aufgenommen werden würde. Mac Ian eilte so sehr er nur konnte und hielt nicht einmal in seinem eigenen Hause an, obgleich es nahe an der Straße lag. Doch eine Reise durch Argyleshire mitten im Winter ging damals natürlich langsam von Statten. Der Marsch des alten Mannes über steile Gebirge und sumpfige Thäler wurde durch Schneestürme aufgehalten, und erst am 6. Januar erschien er vor dem Sheriff zu Inverary. Der Sheriff war unschlüssig. Seine Befugniß, sagte er, gehe nicht über die Bestimmungen der Proklamation hinaus, und er sehe nicht ein, wie er einen Rebellen schwören lassen könne, der sich nicht innerhalb der vorgeschriebenen Zeit unterworfen habe. Mac Ian bat dringend und mit Thränen in den Augen, daß er vereidigt werden möchte. Seine Leute, sagte er, würden seinem Beispiele folgen. Wenn einer von ihnen sich widerspenstig erweisen sollte, würde er ihn selbst ins Gefängniß schicken oder nach Flandern einschiffen. Seine Bitten und Hill’s Schreiben besiegten endlich Sir Colin’s Skrupel, der Eid wurde abgenommen und dem Staatsrathe zu Edinburg ein Certifikat übersandt, welches die besonderen Umstände auseinandersetzte, durch die sich der Sheriff habe bewegen lassen etwas zu thun, was, wie er wohl gewußt, nicht streng in der Ordnung gewesen sei.[74]
Die Nachricht, daß Mac Ian sich nicht innerhalb der vorgeschriebenen Zeit unterworfen habe, wurde von drei mächtigen Schotten, die sich damals am englischen Hofe befanden, mit boshafter Schadenfreude aufgenommen. Breadalbane war zu Weihnachten nach London gegangen, um Bericht über seine Amtsführung abzustatten. Dort traf er mit seinem Vetter Argyle zusammen. Argyle war hinsichtlich seiner persönlichen Eigenschaften einer der unbedeutendsten von der langen Reihe von Edelleuten, welche diesen berühmten Namen getragen haben. Er war der Nachkomme ausgezeichneter Männer und der Vater ausgezeichneter Männer. Er war der Enkel eines der geschicktesten schottischen Staatsmänner, der Sohn eines der tapfersten und aufrichtigsten schottischen Patrioten, der Vater eines Mac Callum More, der als Krieger und Redner, als das Muster vornehmer Eleganz und als einsichtsvoller Beschützer der Künste und Wissenschaften berühmt war, und eines andren Mac Callum More, der sich durch Talent für Staatsgeschäfte wie für militärisches Commando und durch Kenntniß der exacten Wissenschaften auszeichnete. Argyle war solcher Vorfahren und solcher Nachkommen gleich unwürdig. Er hatte sich sogar des Verbrechens schuldig gemacht, das zwar unter den schottischen Staatsmännern ziemlich allgemein, bei ihm aber ganz besonders schmachvoll war, heimlich mit den Agenten Jakob’s zu verkehren, während er Loyalität für Wilhelm zur Schau trug. Bei alledem hatte Argyle die von hohem Range, großem Grundbesitz, ausgedehnten Lehnsrechten und fast unbegrenzter patriarchalischer Autorität untrennbare Bedeutung. Ihm sowohl wie seinem Vetter Breadalbane war die Nachricht, daß der Stamm Glencoe außerhalb des Schutzes der Gesetze stehe, sehr angenehm und der Master von Stair empfand mehr als Sympathie mit ihnen beiden.
Das Gefühl Argyle’s und Breadalbane’s ist vollkommen begreiflich. Sie waren die Oberhäupter eines großen Clans und sie hatten Gelegenheit, einen Nachbarclan zu vernichten, mit dem sie in erbitterter Fehde lagen. Breadalbane war besonders gereizt worden. Seine Güter waren zu wiederholten Malen verwüstet und ihm eben erst bei einer wichtigen Unterhandlung ein Strich durch die Rechnung gemacht worden. Leider gab es kaum ein Uebermaß von Grausamkeit, für das sich in celtischen Traditionen nicht ein Präcedenzfall auffinden ließ. Bei allen kriegerischen Barbaren gilt die Rache für die heiligste Pflicht und für den höchsten Genuß, und dafür galt sie auch bei den Hochländern seit langer Zeit. Die Geschichte der Clans ist reich an grauenvollen Erzählungen von Metzeleien und Meuchelmorden aus Rache, die zum Theil fabelhaft und übertrieben sein mögen, zum Theil aber auch gewiß auf Wahrheit beruhen. So umzingelten zum Beispiel die Macdonalds von Glengarry, als sie einmal von den Leuten von Culloden beleidigt worden waren, eines Sonntags die Kirche von Culloden, verschlossen die Thüren und verbrannten die ganze Gemeinde lebendig. Während die Flammen wütheten, verhöhnte der erbliche Musikant der Mörder das Wehgeschrei der umkommenden Menge durch die Töne seiner Sackpfeife.[75] Eine Bande Macgregors legte den abgeschnittenen Kopf eines Feindes, nachdem sie ihm den Mund mit Brot und Käse gefüllt, auf den Tisch seiner Schwester, und hatte die Genugthuung, sie vor Entsetzen über den Anblick wahnsinnig werden zu sehen. Dann trugen sie die fürchterliche Trophäe im Triumph zu ihrem Häuptlinge. Der ganze Clan versammelte sich unter dem Dache einer alten Kirche und jeder Einzelne legte die Hand auf den Kopf des Ermordeten und gelobte, die Mörder zu vertheidigen.[76] Die Bewohner von Eigg ergriffen einige Macleods, banden ihnen Hände und Füße und stießen sie in einem Boote in die offene See hinaus, um von den Wellen verschlungen zu werden oder vor Hunger umzukommen. Die Macleods rächten sich dafür, indem sie die Bewohner von Eigg in eine Höhle trieben, am Eingange derselben ein Feuer anzündeten und den ganzen Stamm, Männer, Frauen und Kinder, ersticken ließen.[77] Es ist bei weitem nicht so wunderbar, daß die beiden mächtigen Earls aus dem Hause Campbell, von den Leidenschaften hochländischer Häuptlinge erfüllt, auf eine hochländische Rache sannen, als daß sie in dem Master von Stair einen Complicen, und noch etwas mehr als einen Complicen fanden.
Der Master von Stair war einer der ersten Männer seiner Zeit, ein Jurist, ein Staatsmann, ein tüchtiger Gelehrter und ein gewandter Redner. Sein feines Benehmen und seine lebendige Conversation machten ihn zu einem Liebling der aristokratischen Zirkel, und wer ihn in einer solchen Gesellschaft sah, würde es nicht für möglich gehalten haben, daß er bei einem abscheulichen Verbrechen die Hauptrolle spielen könne. Seine politischen Grundsätze waren lax, doch nicht laxer als die der meisten schottischen Staatsmänner jener Zeit. Grausamkeit hatte man ihm nie vorwerfen können. Selbst Diejenigen, die ihm am wenigsten gewogen waren, ließen ihm die Gerechtigkeit widerfahren zuzugestehen, daß er, wo seine politischen Pläne nicht ins Spiel kämen, ein sehr gutherziger Mann sei.[78] Man hat nicht den geringsten Grund anzunehmen, daß er durch die That, die seinen Namen mit Schande bedeckt hat, ein einziges Pfund Schottisch gewann. Er hatte keinen persönlichen Grund, den Leuten von Glencoe Böses zu wünschen. Es hatte keine Fehde zwischen ihm und seiner Familie bestanden. Seine Güter lagen in einem Districte, wo ihr Tartan nie gesehen wurde. Und dennoch haßte er sie mit einem so heftigen und unversöhnlichen Hasse, als hätten sie seine Felder verwüstet, sein Haus angezündet, sein Kind in der Wiege ermordet.
Welcher Ursache sollen wir eine so sonderbare Antipathie zuschreiben? Diese Frage setzte schon des Masters Zeitgenossen in Verlegenheit, und jede Antwort, die sich jetzt darauf geben läßt, muß mit Vorsicht gegeben werden.[79] Die wahrscheinlichste Vermuthung ist die, daß er von einem überspannten, rücksichtslosen, ungezügelten Eifer für das was ihm das Interesse des Staats dünkte, getrieben wurde. Diese Erklärung wird Diejenigen in Erstaunen setzen, welche nie erwogen haben, ein wie großer Theil der schwärzesten Verbrechen, von denen uns die Geschichte erzählt, einem verkehrten Gemeinsinne zugeschrieben werden muß. Wir sehen täglich Leute für ihre Partei, für ihre Secte, für ihr Vaterland, für ihre politischen und socialen Lieblingsreformpläne Dinge thun, die sie nicht thun würden, um sich zu bereichern oder zu rächen. Bei einer Versuchung, die sich direct an unsre persönliche Habgier oder an unsren Privathaß richtet, wird alle Tugend, die wir besitzen, alarmirt. Aber die Tugend selbst kann zum Falle Desjenigen beitragen, der da glaubt, es stehe in seiner Macht, durch Verletzung einer allgemeinen Vorschrift der Moral einer Kirche, einem Staate, oder der ganzen Menschheit einen wichtigen Dienst zu leisten. Er bringt die Mahnungen seines Gewissens zum Schweigen und verhärtet sein Herz gegen die erschütterndsten Scenen des Elends, indem er sich beständig wiederholt, daß seine Absichten lauter, daß seine Zwecke edel sind, daß er eine kleine Sünde um eines großen Guten willen thut. So gelangt er nach und nach dahin, daß er die Schändlichkeit der Mittel über die Vortrefflichkeit des Zweckes gänzlich vergißt, und verübt schließlich ohne einen Gewissensbiß Thaten, vor denen ein Seeräuber zurückbeben würde. Man hat keinen Grund anzunehmen, daß Dominicus um des besten Erzbisthums der Christenheit halber wilde Räuber angereizt haben würde, eine friedliche und betriebsame Bevölkerung auszuplündern und niederzumetzeln, daß Eberhard Digby für ein Herzogthum eine zahlreiche Versammlung von Menschen in die Luft gesprengt, oder daß Robespierre für Geld einen Einzigen von den Tausenden gemordet haben würde, die er aus Philanthropie mordete.
Der Master von Stair scheint einen wahrhaft großen und edlen Zweck in Auge gehabt zu haben: die Pacifirung und Civilisirung der Hochlande. Er war, wie selbst Diejenigen zugaben, die ihn am meisten haßten, ein Mann von weitgreifenden Plänen. Er hielt es mit Recht für monströs, daß ein Dritttheil von Schottland sich in einem kaum minder rohen Zustande befand als Neuguinea, daß Brand- und Mordbriefe in einem Dritttheil von Schottland Jahrhunderte lang als eine Art gesetzlichen Verfahrens betrachtet wurden und daß Niemand den Versuch machte, ein radikales Heilmittel gegen solche Uebelstände anzuwenden. Die Unabhängigkeit, die sich ein Haufe kleiner Souveraine anmaßen wollte, der hartnäckige Widerstand, den sie der Autorität der Krone und des Court of Session zu leisten pflegten, ihre Kriege, ihre Räubereien, ihre Brandstiftungen, ihre Gewohnheit, friedlichere und nützlichere Leute als sie zu brandschatzen: dies Alles mußte nothwendig den Abscheu und den Unwillen eines aufgeklärten und einsichtsvollen Mannes des Friedens erwecken, der sowohl seinem Character als den Gewohnheiten seines Berufs nach ein Freund des Gesetzes und der Ordnung war. Sein Zweck war nichts Geringeres als eine vollständige Auflösung und Umgestaltung der Gesellschaft in den Hochlanden, eine Auflösung und Umgestaltung, wie sie zwei Generationen später auf die Schlacht von Culloden folgte. In seinen Augen waren die Clans so wie sie zur Zeit bestanden, die Plage des Landes, und der schlimmste von allen Clans war der, welcher Glencoe bewohnte. Ein haarsträubendes Beispiel von der Gesetzlosigkeit und Grausamkeit dieser Räuber sollte ihn besonders ergriffen haben. Einer von ihnen, der an irgend einem Acte der Gewaltthätigkeit oder des Raubes Theil genommen, hatte seine Genossen angezeigt. Er war an einen Baum gebunden und ermordet worden. Der alte Häuptling hatte ihm den ersten Stoß gegeben und der Körper des Unglücklichen war dann von mehr als zwanzig Dolchen durchbohrt worden.[80] Der Gebirgsbewohner betrachtete einen solchen Act wahrscheinlich als eine rechtmäßige Ausübung patriarchalischer Justiz. Der Master von Stair aber war der Meinung, daß Leute, unter denen solche Dinge geschahen und zugelassen wurden, wie eine Heerde Wölfe behandelt, durch jede List in die Falle gelockt und ohne Gnade niedergemetzelt werden müßten. Er war wohl belesen in der Geschichte und wußte wahrscheinlich, wie große Regenten in seinem eignen und in anderen Ländern mit solchen Banditen verfahren sind. Er wußte wahrscheinlich mit welcher Energie und mit welcher Strenge Jakob V. die Straßenräuber des Grenzlandes unterdrückt hatte, wie der Häuptling von Henderland über dem Thore des Schlosses, in welchem er ein Gastmahl für den König hergerichtet hatte, aufgeknüpft worden war, wie Johann Armstrong und seinen sechsunddreißig Reitern, als sie herbeikamen, um ihren Souverain zu bewillkommnen, kaum so viel Zeit gelassen wurde, um ein einziges Gebet zu sprechen, bevor sie alle aufgehängt wurden. Ebenso waren dem Sekretär wahrscheinlich die Mittel nicht unbekannt, durch welche Sixtus V. den Kirchenstaat von Banditen gesäubert hatte. Die Lobredner dieses großen Pontifex erzählen uns von einer gefürchteten Bande, die aus einer Feste in den Apenninen nicht zu vertreiben war. Es wurden daher Saumthiere mit vergifteten Speisen und Wein beladen und auf einem nahe bei der Festung vorüberführenden Wege abgeschickt. Die Räuber kamen heraus, bemächtigten sich der Beute, schmausten und starben, und der greise Papst freute sich höchlich als er erfuhr, daß die Leichen von dreißig Räubern, die der Schrecken vieler friedlicher Dörfer gewesen waren, unter den Maulthieren und Packereien umherliegend gefunden worden waren. Die Pläne des Masters von Stair waren im Geiste Jakob’s und Sixtus’ entworfen, und die Empörung der Gebirgsbewohner bot anscheinend eine vortreffliche Gelegenheit zur Ausführung dieser Pläne. Bloße Empörung hätte er allerdings leicht vergeben können. Gegen die Jakobiten als solche zeigte er niemals irgend Lust, hart zu verfahren. Er haßte die Hochländer nicht als Feinde dieser oder jener Dynastie, sondern als Feinde des Gesetzes, der Industrie und des Handels. In seiner Privatcorrespondenz wendete er auf sie die kurze und schreckliche Phrase an, mit der der unversöhnliche Römer den Fluch über Karthago aussprach. Sein Plan bestand in nichts Geringerem, als daß das ganze Gebirgsland von einer Meeresküste zur andren, sowie die benachbarten Inseln durch Feuer und Schwert verwüstet, daß die Camerons, die Macleans und alle Zweige des Stammes Macdonald vertilgt werden sollten. Er betrachtete daher Aussöhnungspläne nicht mit freundlichem Auge, und während Andere hofften, daß etwas Geld Alles ordnen werde, deutete er sehr verständlich seine Meinung an, daß das Geld, welches man auf die Clans verwenden wolle, besser in der Gestalt von Kugeln und Bajonetten verwendet werden würde. Bis zum letzten Augenblicke schmeichelte er sich, daß die Rebellen unbeugsam bleiben und ihm dadurch einen Vorwand liefern würden, die große sociale Revolution zu bewerkstelligen, die er sich in den Kopf gesetzt hatte.[81] Der Brief ist noch vorhanden, in welchem er die Befehlshaber der Truppen in Schottland instruirt, was sie zu thun hätten, wenn sich die jakobitischen Häuptlinge nicht vor Ende December zur Vereidigung stellen sollten. Es liegt etwas Grauenhaftes in der Ruhe und bündigen Kürze, mit der die Instructionen ertheilt wurden. „Ihre Truppen werden den District Lochaber, Lochiel’s, Keppoch’s, Glengarry’s und Glencoe’s Ländereien, gänzlich verwüsten. Ihr Corps wird stark genug sein. Ich hoffe, die Soldaten werden die Regierung nicht mit Gefangenen beschweren.”[82]
Diese Depesche war kaum abgesandt, als in London die Nachricht eintraf, daß die widerspenstigen Häuptlinge, nachdem sie lange fest geblieben, endlich vor den Sheriffs erschienen waren und die Eide geleistet hatten. Lochiel, der angesehenste unter ihnen, hatte nicht nur erklärt, daß er als ein treuer Unterthan König Wilhelm’s leben und sterben wolle, sondern hatte auch die Absicht angekündigt, England zu besuchen, in der Hoffnung, daß es ihm gestattet werde, Sr. Majestät die Hand zu küssen. In London wurde mit Jubel verkündet, daß alle Clans, ohne Ausnahme, sich rechtzeitig unterworfen hätten, und die Ankündigung wurde allgemein für höchst befriedigend gehalten.[83] Aber der Master von Stair war schmerzlich enttäuscht. Die Hochlande sollten also bleiben was sie gewesen waren, die Schande und der Fluch Schottland’s. Eine kostbare Gelegenheit, sie dem Gesetze zu unterwerfen, hatte man sich entgehen lassen, und sie kehrte vielleicht nie wieder. Wenn nur die Macdonalds ausgehalten hätten; wenn nur wenigstens an den beiden schlimmsten Macdonalds, Keppoch und Glencoe, ein Exempel hätte statuirt werden können, so wäre es doch etwas gewesen. Aber selbst Keppoch und Glencoe, Räuber, die in jedem wohl regierten Lande schon vor dreißig Jahren aufgehängt worden wären, seien, wie es scheine, in Sicherheit.[84] Während der Master über solche Gedanken brütete, brachte ihm Argyle einigen Trost. Die Nachricht, daß Mac Ian die Eide innerhalb der vorgeschriebenen Zeit geleistet, war irrig. Der Sekretär war getröstet. Also war doch ein Clan in den Händen der Regierung, und dieser Clan war der gesetzloseste von Allen. Ein großer Act der Gerechtigkeit, nein der Barmherzigkeit, konnte vollzogen, ein furchtbares und denkwürdiges Exempel konnte statuirt werden.
Eine Schwierigkeit gab es indeß noch. Mac Ian hatte die Eide geleistet. Er hatte sie zwar zu spät geleistet, um den Buchstaben des königlichen Versprechens zu seinen Gunsten geltend machen zu können; aber die Thatsache, daß er die Eide geleistet, durfte offenbar Denen nicht verschwiegen werden, die über sein Schicksal zu entscheiden hatten. Durch eine schwarze Intrigue, deren Geschichte nur unvollkommen bekannt ist, die aber aller Wahrscheinlichkeit nach vom Master von Stair geleitet wurde, ward der Beweis von Mac Ian’s verspäteter Unterwerfung beseitigt. Das Certificat, welches der Sheriff von Argyleshire dem Geheimen Rathe zu Edinburg übersandt, wurde der Behörde nie vorgelegt, sondern nur privatim einigen hochgestellten Personen, insbesondere dem Lordpräsidenten Stair, dem Vater des Sekretärs, mitgetheilt. Diese Personen erklärten das Certifikat für ordnungswidrig, ja für durchaus nichtig, und es wurde cassirt.
Unterdessen entwarf der Master von Stair in Gemeinschaft mit Breadalbane und Argyle einen Plan zur Vernichtung der Leute von Glencoe. Es war nöthig, die Bewilligung des Königs einzuholen, zwar nicht bezüglich der Einzelheiten dessen was geschehen sollte, wohl aber in Betreff der Frage, ob Mac Ian und seine Leute als Rebellen behandelt werden sollten, die außer dem Bereiche des ordentlichen Gesetzes standen, oder ob nicht. Der Master von Stair stieß im königlichen Cabinet auf keine Schwierigkeit. Wilhelm hatte aller Wahrscheinlichkeit nach die Leute von Glencoe nie anders als Banditen nennen hören. Er wußte, daß sie sich bis zu dem vorgeschriebenen Tage nicht gestellt hatten; aber daß sie sich nach diesem Tage noch gestellt hatten, wußte er nicht. Wenn er der Sache einige Aufmerksamkeit schenkte, so mußte er der Meinung sein, daß man eine so günstige Gelegenheit, den Verwüstungen und Räubereien, von denen eine friedliche und betriebsame Bevölkerung soviel gelitten hatte, ein Ende zu machen, nicht unbenutzt vorübergehen lassen dürfe.
Es wurde ihm ein Befehl zur Unterzeichnung vorgelegt. Er unterzeichnete denselben, aber, wenn man Burnet glauben darf, ohne ihn zu lesen. Wer einige Kenntniß von den Staatsgeschäften hat, weiß, daß Fürsten und Minister täglich Schriftstücke unterzeichnen und in der That unterzeichnen müssen, die sie nicht gelesen haben, und von allen Schriftstücken war eines, das sich auf einen kleinen Stamm Gebirgsbewohner bezog, der eine auf keiner Karte angegebene Wildniß bewohnte, am wenigsten geeignet, einen Souverain zu interessiren, dessen Kopf mit Plänen angefüllt war, von denen das Geschick Europa’s abhängen konnte.[85] Aber selbst wenn man annimmt, daß er den Befehl gelesen, unter den er seinen Namen setzte, ist kein Grund vorhanden, ihn zu tadeln. Der an den Commandeur der Truppen in Schottland gerichtete Befehl lautet folgendermaßen: „Anlangend Mac Ian von Glencoe und diesen Stamm, so wird es, wenn sie von den anderen Hochländern streng unterschieden werden können, angemessen sein, diese Räuberbande zur Behauptung der öffentlichen Gerechtigkeit zu vertilgen.” Der Sinn dieser Worte ist an sich völlig unschuldig und sie würden ohne das entsetzliche Ereigniß welches folgte, allgemein in diesem Sinne verstanden worden sein. Es ist unzweifelhaft eine der ersten Pflichten jeder Regierung Räuberbanden auszurotten. Damit ist aber nicht gesagt, daß jeder Räuber meuchlings im Schlafe ermordet, ja nicht einmal, daß jeder Räuber nach einer ordentlichen Untersuchung öffentlich hingerichtet werden müsse, sondern nur daß jede Bande als solche vollständig aufzulösen und jede zur Erreichung dieses Zweckes unerläßlich nothwendig erscheinende Strenge anzuwenden sei. Hätte Wilhelm die Worte, die ihm sein Sekretär unterbreitete, gelesen und erwogen, so würde er sie wahrscheinlich so verstanden haben, daß Glencoe von Truppen besetzt, daß Widerstand, wenn solcher versucht würde, mit kräftiger Hand niedergeworfen, daß die vornehmsten Mitglieder des Clans, welche großer Verbrechen überführt werden könnten, streng bestraft, daß einige thätige junge Freibeuter, die mehr gewohnt waren, mit dem Breitschwerte umzugehen als mit dem Pfluge, und von denen nicht zu erwarten stand, daß sie sich entschließen würden, als friedliche Arbeiter zu leben, zur Armee in den Niederlanden versetzt, daß andere nach amerikanischen Pflanzungen transportirt und daß diejenigen Macdonalds, die man in ihrem heimathlichen Thale ließe, entwaffnet und angehalten werden sollten, für ihre Aufführung Geißeln zu stellen. Ein diesem sehr ähnlicher Plan war wirklich in den politischen Kreisen Edinburg’s vielfach berathen worden.[86] Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß Wilhelm sich um sein Volk sehr verdient gemacht haben würde, wenn er in dieser Weise nicht nur den Stamm Mac Ian’s, sondern überhaupt jeden hochländischen Stamm, dessen einzige Beschäftigung darin bestand, Vieh zu stehlen und Häuser anzuzünden, ausgerottet hätte.
Die Ausrottung, welche der Master von Stair im Sinne hatte, war ganz andrer Art. Sein Plan war, das ganze fluchwürdige Räubergezücht zu vertilgen. So lautete die Sprache, in der sein Haß sich Luft machte. Er studirte die Geographie der wilden Gegend um Glencoe und traf seine Anordnungen mit teuflischem Scharfsinn. Der Schlag mußte wo möglich rasch, vernichtend und gänzlich unerwartet sein. Wenn Mac Ian aber die Gefahr ahnen und versuchen sollte, auf den Gebieten seiner Nachbarn eine Zufluchtsstätte zu suchen, mußte er jeden Weg versperrt finden. Der Paß von Rannoch mußte besetzt werden. Dem Laird von Weems, der in Strath Tay große Macht hatte, mußte gesagt werden, daß, wenn er die Räuber bei sich aufnehme, er dies auf seine Gefahr thue. Breadalbane versprach, den Fliehenden auf einer Seite den Rückzug abzuschneiden, Mac Callum More auf einer andren. Es sei ein Glück, schrieb der Sekretär, daß Winter sei. Dies sei die rechte Zeit, um die Schurken zu züchtigen. Die Nächte seien so lang, die Berggipfel so kalt und stürmisch, daß auch die abgehärtetsten Männer den Aufenthalt im Freien ohne Obdach oder Feuer nicht lange aushalten könnten. Daß die Frauen und Kinder in dieser Wildniß Schutz fänden, sei ganz unmöglich. Während er so schrieb, kam ihm nicht im Entferntesten der Gedanke, daß er eine große Abscheulichkeit begehe. Er war glücklich in der Billigung seines eigenen Gewissens. Pflicht, Gerechtigkeit, ja Nächstenliebe und Erbarmen waren die Namen, die er seiner Grausamkeit als Mantel umhing, und es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß er sich selbst durch die Maske täuschen ließ.[87]
Hill, welcher die im Fort William versammelten Truppen befehligte, wurde nicht mit der Ausführung des Planes beauftragt. Er scheint ein menschenfreundlicher Mann gewesen zu sein, denn er war tief betrübt, als er erfuhr, daß die Regierung sich zur Strenge entschlossen habe, und man fürchtete wahrscheinlich, daß ihm im entscheidendsten Momente der Muth sinken werde. Er erhielt deshalb die Weisung, ein starkes Detachement unter die Befehle seines Untercommandeurs, des Oberstleutnants Hamilton zu stellen. Diesem wurde sehr verständlich angedeutet, daß er jetzt eine vortreffliche Gelegenheit habe, seinen Ruf in den Augen der am Ruder Stehenden zu befestigen. Ein großer Theil der ihm anvertrauten Truppen waren Campbells und gehörten zu einem unlängst von Argyle errichteten und nach ihm benannten Regimente. Man glaubte wahrscheinlich, daß bei einer solchen Gelegenheit die Humanität sich der bloßen Gewohnheit des militärischen Gehorsams gegenüber als zu stark erweisen möchte und daß man sich wenig auf Herzen würde verlassen können, die nicht durch eine Fehde verhärtet seien, wie sie seit langer Zeit zwischen den Leuten Mac Ian’s und den Leuten Mac Callum More’s wüthete.
Wäre Hamilton offen gegen die Leute von Glencoe marschirt und hätte sie über die Klinge springen lassen, so würde es seiner That wahrscheinlich nicht an Vertheidigern und sicherlich wenigstens nicht an Präcedenzfällen gefehlt haben. Aber der Master von Stair hatte sehr nachdrücklich ein andres Verfahren empfohlen. Bei dem geringsten Alarm würde man das Nest der Räuber leer finden und in einer so unwirthbaren Gegend Jagd auf sie zu machen, würde selbst mit allem Beistande Breadalbane’s und Argyle’s ein langwieriges und schweres Stück Arbeit sein. „Besser,” schrieb er, „man bindet gar nicht mit ihnen an, als man bindet vergebens mit ihnen an. Wenn die Sache beschlossen ist, muß sie im Geheimen und unverhofft geschehen.[88]” Man folgte seinem Rathe und beschloß, daß die Leute von Glencoe nicht durch militärische Execution, sondern durch die feigste und niederträchtigste Form des Meuchelmordes umkommen sollten.
Am 1. Februar marschirten hundertzwanzig Soldaten von Argyle’s Regiment unter den Befehlen eines Hauptmanns Namens Campbell und eines Leutnants Namens Lindsay nach Glencoe. Hauptmann Campbell wurde in Schottland nach dem Gebirgspasse, in welchem seine Besitzung lag, gewöhnlich Glenlyon genannt. Er besaß jede erforderliche Eigenschaft für den Dienst zu dem er verwendet wurde: eine schamlose Stirn, eine glatte, lügnerische Zunge und ein demanthartes Herz. Auch war er einer von den wenigen Campbells, von denen man erwarten durfte, daß die Macdonalds ihnen trauen und sie willkommen heißen würden, denn seine Nichte war mit Alexander, dem zweiten Sohne Mac Ian’s, vermählt.
Der Anblick der herannahenden Rothröcke erregte einige Besorgniß unter der Bevölkerung des Thales. Johann, der älteste Sohn des Häuptlings, ging mit zwanzig Clansleuten den Fremden entgegen und fragte sie, was dieser Besuch zu bedeuten habe. Leutnant Lindsay antwortete, die Soldaten kämen als Freunde und verlangten nichts weiter als Quartier. Sie wurden freundlich aufgenommen und unter den Strohdächern der kleinen Commun einlogirt. Glenlyon fand mit mehreren seiner Leute Aufnahme in dem Hause eines Tacksman, der nach dem Häuflein Hütten, das unter seiner Autorität stand, Inverriggen genannt wurde. Lindsay fand näher bei der Wohnung des alten Häuptlings ein Unterkommen. Auchintriater, einer der vornehmsten Männer des Clans, der das kleine Dorf Auchnaion verwaltete, fand daselbst Raum für eine von einem Sergeanten, Namens Barbour, commandirte Abtheilung. Lebensmittel wurden in reichlicher Menge geliefert. Es fehlte nicht an Rindfleisch, das wahrscheinlich auf fremden Weiden fett geworden, und man verlangte keine Bezahlung, denn in der Gastfreundschaft wie in der Raublust wetteiferten die gälischen Banditen mit den Beduinen. Zwölf Tage lang lebten die Soldaten ganz gemüthlich unter den Bewohnern der Schlucht. Der alte Mac Ian, der wegen des Verhältnisses, in dem er zur Regierung stand, anfangs nichts Gutes geahnet hatte, schien jetzt Gefallen an dem Besuche zu finden. Die Offiziere brachten einen großen Theil ihrer Zeit bei ihm und seiner Familie zu. Die langen Winterabende wurden mit Hülfe einiger Spiele Karten, die sich nach diesem entlegenen Winkel der Welt verlaufen hatten, und etwas Franzbranntwein, der wahrscheinlich ein Theil von Jakob’s Abschiedspräsent an seine hochländischen Anhänger war, heiter und vergnügt am Torffeuer hingebracht. Glenlyon schien seiner Nichte und deren Gatten Alexander mit inniger Liebe zugethan. Jeden Tag kam er in ihr Haus, um dort zu frühstücken. Währenddem erforschte er mit der größten Aufmerksamkeit alle Zu- und Ausgänge, auf denen die Macdonalds, wenn das Signal zum Gemetzel erfolgte, versuchen konnten, ins Gebirge zu entkommen, und berichtete Hamilton das Ergebniß seiner Beobachtungen.
Hamilton bestimmte den 13. Februar, fünf Uhr Morgens, zur Ausführung der That. Er hoffte, daß er bis dahin Glencoe mit vierhundert Mann erreichen und alle Baue verstopft haben würde, in die sich der alte Fuchs und seine beiden Jungen — so wurden Mac Ian und seine Söhne spottweise von den Mördern genannt — flüchten konnten. Schlag fünf Uhr aber sollte Glenlyon, mochte Hamilton eingetroffen sein oder nicht, aufbrechen und jeden Macdonald unter siebzig Jahren ermorden.
Die Nacht war rauh. Hamilton und seine Truppen kamen nur langsam vorwärts und verspätigten sich bedeutend. Während sie mit Wind und Schnee kämpften, speiste Glenlyon mit Denen, die er vor Tagesanbruch niederzumetzeln gedachte, und spielte Karten mit ihnen. Er und Leutnant Lindsay hatten versprochen, am folgenden Tage bei dem alten Häuptlinge zu Mittag zu essen.
Spät am Abend erwachte in dem ältesten Sohne des Häuptlings der unbestimmte Verdacht, daß man etwas Böses im Sinne habe. Die Soldaten waren unverkennbar in einer aufgeregten Stimmung und einige von ihnen ließen sonderbare Aeußerungen fallen. Man erzählte sich, daß zwei Mann Folgendes leise mit einander gesprochen haben sollten. „Mir gefällt dieser Streich nicht,” flüsterte der Eine. „Ich würde recht gern gegen die Macdonalds kämpfen, aber Leute in ihren Betten umbringen — ” „Wir müssen thun was uns befohlen wird,” erwiederte eine andre Stimme. „Geschieht etwas Unrechtes, so haben es unsere Offiziere zu verantworten.” Johann Macdonald war so beunruhigt, daß er noch kurz nach Mitternacht in Glenlyon’s Quartier kam. Glenlyon und seine Leute waren sämmtlich wach und schienen ihre Waffen zum Kampfe in Bereitschaft zu bringen. Johann fragte äußerst besorgt, was diese Vorkehrungen zu bedeuten hätten. Glenlyon erschöpfte sich in Freundschaftsversicherungen. „Einige von Glengarry’s Leuten haben die Gegend beunruhigt, und wir machen uns bereit, gegen sie auszurücken. Ihr habt nichts zu fürchten. Glaubt Ihr ich würde Eurem Bruder Sandy und seiner Frau nicht einen Wink gegeben haben, wenn Euch irgend eine Gefahr drohte?” Johann’s Verdacht war beschwichtigt. Er kehrte nach Hause zurück und legte sich zur Ruhe.
Es war fünf Uhr Morgens. Hamilton war mit seinen Leuten noch einige Meilen entfernt, und die Zugänge die er besetzen sollte, noch frei. Glenlyon aber hatte gemessene Befehle, und er begann sie in dem kleinen Dorfe, in welchem er selbst lag, in Vollzug zu setzen. Sein Wirth Inverriggen und neun andere Macdonalds wurden aus ihren Betten gerissen, an Händen und Füßen gefesselt und ermordet. Ein zwölfjähriger Knabe umschlang die Knie des Hauptmanns und bat flehentlich um sein Leben. Er wolle Alles thun, er wolle überallhin mitgehen, er wolle Glenlyon bis ans Ende der Welt folgen. Selbst Glenlyon soll Zeichen von Rührung an den Tag gelegt haben; aber ein Bube, Namens Drummond, schoß den Knaben nieder.
In Auchnaion war der Tacksman Auchintriater diesen Morgen frühzeitig aufgestanden und saß mit acht Mitgliedern seiner Familie am Feuer, als eine Flintensalve ihn und sieben seiner Angehörigen todt oder sterbend zu Boden streckte. Sein Bruder, der allein nicht getroffen worden war, rief den Sergeanten Barbour, der die Mörder commandirte, an und bat ihn um die Vergünstigung, unter freiem Himmel sterben zu dürfen. „Gut,” sagte der Sergeant, „ich will Euch den Gefallen thun, weil ich an Eurem Tische gegessen habe.” Der verwegene und athletische Bergschotte kam unter dem Schutze der Dunkelheit heraus, stürzte sich auf die Soldaten, die eben auf ihn anschlagen wollten, warf ihnen seinen Plaid über die Köpfe und war in einem Nu auf und davon.
Unterdessen hatte Lindsay an die Thür des alten Häuptlings geklopft und mit freundlichen Worten Einlaß begehrt. Die Thür ward geöffnet. Während Mac Ian sich ankleidete und seine Dienerschaft rief, um seinen Gästen Erfrischungen bringen zu lassen, wurde er durch den Kopf geschossen. Zwei seiner Leute wurden zugleich mit ihm ermordet. Seine Gattin war bereits auf und in dem Staate, den die Fürstinnen der wilden Schluchten der Hochlande zu tragen pflegten. Die Mörder rissen ihr die Kleider und das Geschmeide vom Leibe. Die Ringe ließen sich nicht leicht von den Fingern ziehen; ein Soldat riß sie mit den Zähnen herunter. Sie starb am folgenden Tage.
Der Staatsmann, dem dieses große Verbrechen hauptsächlich zur Last fällt, hatte den Plan dazu mit vollendeter Geschicklichkeit entworfen; aber die Ausführung war nur in Bezug auf Schuld und Schmach vollkommen. Eine Reihe von Fehlgriffen bewahrte drei Viertel der Leute von Glencoe vor dem Schicksale ihres Häuptlings. Alle diejenigen moralischen Eigenschaften, welche den Menschen geschickt machen, bei einem Gemetzel eine Rolle zu spielen, besaßen Hamilton und Glenlyon in höchster Vollendung. Aber keiner von Beiden scheint viel militärisches Talent besessen zu haben. Hamilton hatte seinen Plan entworfen, ohne das schlechte Wetter in Anschlag zu bringen, und dies in einem Lande und zu einer Jahreszeit, wo das Wetter aller Wahrscheinlichkeit nach schlecht sein mußte. Die Folge davon war, daß die Fuchsbaue, wie er sie nannte, nicht zur rechten Zeit verstopft wurden. Glenlyon und seine Leute begingen den Fehler, ihre Wirthe durch Feuerwaffen aus der Welt zu befördern, anstatt sich des kalten Stahles zu bedienen. Der Knall und Blitz der Schüsse verkündete drei verschiedenen Theilen des Thales zu gleicher Zeit, daß gemordet wurde. Aus funfzig Hütten flüchtete das Landvolk halb nackt in die verborgensten Schlupfwinkel seiner unwegsamen Schlucht. Selbst den Söhnen Mac Ian’s, welche speciell zur Vernichtung bestimmt waren, gelang es zu entkommen. Sie wurden durch treue Diener geweckt. Johann, welcher durch den Tod seines Vaters der Patriarch des Stammes geworden, verließ seine Wohnung gerade in dem Augenblicke, als zwanzig Soldaten mit aufgesteckten Bajonnetten im Anmarsche waren. Es war längst heller Tag als Hamilton ankam, und er fand das Werk noch nicht halb verrichtet. Ungefähr dreißig Leichen schwammen auf den Düngerhaufen vor den Thüren in ihrem Blute. Darunter sah man auch einige Frauen und ein noch gräßlicherer und erschütternderer Anblick, eine kleine Hand, die im Tumulte des Gemetzels einem Kinde abgehauen worden war. Ein bejahrter Macdonald wurde noch lebend gefunden. Er war wahrscheinlich zu schwach, um fliehen zu können, und da er über siebzig Jahre zählte, erstreckte sich der Befehl, nach welchem Glenlyon gehandelt, nicht mit auf ihn. Hamilton ermordete den alten Mann mit kaltem Blute. Die verödeten Dörfer wurden sodann angezündet und die Soldaten zogen ab, eine Menge Schafe und Ziegen, neunhundert Rinder und zweihundert der kleinen zottigen Ponies der Hochlande mit sich fortführend.
Man sagt, und es ist nur zu glaublich, daß die Leiden der Flüchtlinge entsetzlich gewesen seien. Wie viele Greise, wie viele Frauen mit kleinen Kindern auf den Armen in den Schnee niedersanken, um nie wieder aufzustehen, wie Viele, die von Anstrengung und Hunger erschöpft in Schlupfwinkel an den Bergabhängen gekrochen waren, in diesen finstren Höhlen starben und von den Gebirgsraben bis auf die Knochen verzehrt wurden, ist nicht zu ermitteln. Wahrscheinlich aber war die Zahl Derer, welche durch Kälte, Erschöpfung und Hunger umkamen, nicht geringer als die Zahl Derer, welche von den Mördern hingeschlachtet wurden. Als die Truppen fort waren, kamen die Macdonalds aus den Höhlen von Glencoe hervor, wagten sich zurück zu der Stelle, wo die Hütten gestanden, zogen die halbverbrannten Leichname aus den rauchenden Trümmern und verrichteten einige einfache Beerdigungsceremonien. Die Tradition erzählt, daß der erbliche Barde des Stammes sich auf einen Felsen niedersetzte, der die Stätte des Gemetzels beherrschte, und sich in eine lange Klage über seine gemordeten Brüder und seine verödete Heimath ergoß. Noch achtzig Jahre nachher sang die Bevölkerung des Thales dieses schwermüthige Klagelied.[89]
Die Ueberlebenden hatten alle Ursache zu der Befürchtung, daß sie den Kugeln und Schwertern nur entgangen waren, um durch Hunger umzukommen. Das ganze Gebiet war eine Wüste. Häuser, Scheunen, Mobilien, Wirthschaftsgeräthe, Rinder- und Schafheerden und Pferde, Alles war fort. Viele Monate mußten vergehen, ehe der Clan im Stande war, auf seinem Grund und Boden die Mittel zu gewinnen, um auch nur die dürftigste Existenz zu fristen.[90]
Man wird sich vielleicht wundern, daß diese Ereignisse nicht mit einem Ausrufe des Abscheus in allen Theilen der civilisirten Welt aufgenommen wurden. Aber es ist Thatsache, daß Jahre vergingen, ehe der öffentliche Unwille gründlich erwachte, und Monate, bevor der schwärzeste Theil der Geschichte selbst bei den Feinden der Regierung Glauben fand. Daß das Gemetzel in den Londoner Tagesblättern und in den monatlichen Zeitschriften, welche kaum minder höfisch gesinnt waren als die Zeitungen, oder in den durch officielle Censoren erlaubten Flugschriften nicht erwähnt wurde, ist leicht erklärlich. Daß sich aber auch in Tagebüchern und Briefen von Personen, die von jeder Beschränkung frei waren, keine Notiz davon findet, muß auffällig erscheinen. In Evelyn’s Tagebuch kommt kein Wort über den Gegenstand vor. In Narcissus Luttrell’s Tagebuche ist fünf Wochen nach dem Gemetzel eine interessante Bemerkung eingezeichnet. Briefe aus Schottland, sagt er, schilderten dieses Land als vollkommen ruhig, ausgenommen daß man sich über kirchliche Fragen noch ein wenig stritte. Die holländischen Minister theilten ihrer Regierung regelmäßig alle schottischen Neuigkeiten mit. Sie hielten es damals der Mühe werth zu erwähnen, daß ein Kaper in der Nähe von Berwick ein Kohlenschiff aufgebracht habe, daß die Edinburger Diligence beraubt worden, und daß bei Aberdeen ein Wallfisch mit einer siebzehn Fuß langen und sieben Fuß breiten Zunge gestrandet sei. Aber in keiner ihrer Depeschen findet sich eine Andeutung, daß die Rede von einem außerordentlichen Ereignisse in den Hochlanden gehe. Es kamen zwar nach ungefähr drei Wochen Gerüchte von der Ermordung einiger Macdonalds über Edinburg nach London. Aber diese Gerüchte waren vag und einander widersprechend, und das Schlimmste derselben war noch weit von der schrecklichen Wahrheit entfernt. Die whiggistische Version der Geschichte lautete, daß der alte Räuber Mac Ian die Soldaten habe in einen Hinterhalt locken wollen, daß er sich aber in seiner eigenen Schlinge gefangen habe und daß er nebst einigen Mitgliedern seines Clans mit dem Schwerte in der Hand gefallen sei. Die jakobitische Version, welche am 23. März von Edinburg abging, erschien am 7. April in der Pariser Gazette. Glenlyon, hieß es darin, sei mit einem Detachement von Argyle’s Regiment abgesandt worden, um unter dem Schutze der Dunkelheit die Bewohner von Glencoe zu überfallen, und habe sechsunddreißig Männer und Knaben und vier Frauen getödtet.[91] Darin lag weder etwas Wunderbares noch etwas Entsetzliches. Ein nächtlicher Angriff auf eine Bande Freibeuter in einer starken natürlichen Festung kann eine durchaus gerechtfertigte militärische Operation sein, und in der Dunkelheit und der Verwirrung eines solchen Angriffs kann auch der Humanste das Unglück haben, eine Frau oder einen Knaben, zu erschießen. Die Umstände, welche dem Gemetzel von Glencoe einen eigenthümlichen Character verleihen, der Wortbruch, die Verletzung der Gastfreundschaft, die zwölf Tage erheuchelter Freundschaft und heiteren Zusammenlebens, der Morgenbesuche, der geselligen Mahlzeiten, des Gesundheittrinkens und des Kartenspiels wurden von dem Edinburger Correspondenten der Gazette de Paris nicht erwähnt, und wir dürfen daraus mit Gewißheit schließen, daß jene Umstände bis dahin selbst nachforschenden und thätigen Mißvergnügten, welche in der Hauptstadt Schottland’s, hundert Meilen von der Stelle, wo die That verübt worden, wohnten, völlig unbekannt waren. Im Süden der Insel machte die Sache, so weit es sich jetzt beurtheilen läßt, fast gar kein Aufsehen. Für den Londoner der damaligen Zeit war Appin das, was für uns das Kafferngebiet oder Borneo ist. Die Nachricht, daß einige hochländische Räuber überfallen und getödtet worden wären, machte auf ihn keinen größeren Eindruck als wenn wir hören, daß eine Bande Viehdiebe von Amakosah niedergemacht oder daß ein Fahrzeug voll malayischer Piraten in den Grund gebohrt worden sei. Er hielt es für ausgemacht, daß in Glencoe nichts Schlimmeres geschehen sei als was in vielen anderen Schluchten Schottland’s geschah. Es hatte einen nächtlichen Kampf, wie sie zu Hunderten vorkamen, zwischen den Macdonalds und Campbells gegeben, und die Campbells hatten die Macdonalds aufs Haupt geschlagen.
Nach und nach kam jedoch die ganze Wahrheit zum Vorschein. Aus einem ungefähr zwei Monat nach Verübung des Verbrechens in Edinburg geschriebenen Briefe geht hervor, daß die entsetzliche Geschichte unter den Jakobiten dieser Stadt bereits cursirte. Im Sommer wurde Argyle’s Regiment nach dem Süden der Insel versetzt, und Einige von der Mannschaft machten bei der Flasche auffällige Bekenntnisse von dem, was sie im vergangenen Winter zu thun gezwungen worden waren. Die Eidverweigerer bemächtigten sich bald des Fadens und verfolgten ihn entschlossen; ihre geheimen Pressen traten in Thätigkeit, und endlich, fast ein Jahr nachdem das Verbrechen begangen worden, wurde es der Welt offenbart.[92] Aber die Welt war noch lange ungläubig. Die gewohnheitsmäßige Lügenhaftigkeit der jakobitischen Pasquillanten hatte ihnen eine wohlverdiente Strafe zugezogen. Jetzt, wo sie zum ersten Mal die Wahrheit sagten, glaubte man wieder sie erzählten nur einen Roman. Sie beklagten sich bitter darüber, daß die Geschichte, obgleich vollkommen authentisch, vom Publikum als eine Parteilüge betrachtet werde.[93] Noch im Jahre 1695 bemerkte Hickes in einer Schrift, in der er sein Lieblingsthema von der Thebanischen Legion gegen das aus dem Stillschweigen der Geschichtsschreiber abgeleitete unwiderlegbare Argument zu vertheidigen suchte, daß man wohl daran zweifeln dürfe, ob irgend ein Geschichtsschreiber das Gemetzel von Glencoe erwähnen werde. Es gebe in England, sagt er, viele Tausend gebildete Leute, welche nie von diesem Gemetzel gehört hätten oder die es für eine bloße Fabel hielten.[94]
Gleichwohl begann die Strafe einiger der Schuldigen sehr bald. Hill, den man eigentlich kaum schuldig nennen kann, war sehr ängstlich. Auch Breadalbane, so verhärtet er war, fühlte den Stachel des Gewissens oder die Furcht vor der Strafe. Wenige Tage nachdem die Macdonalds zu ihrer alten Wohnstätte zurückgekehrt waren, besuchte sein Intendant die Trümmer des Hauses Glencoe und bemühte sich die Söhne des ermordeten Häuptlings zur Unterzeichnung einer Schrift zu überreden, worin sie erklärten, daß sie den Earl für unschuldig an dem vergossenen Blute hielten. Es wurde ihnen versichert, daß, wenn sie diese Erklärung abgäben, Se. Lordschaft seinen ganzen großen Einfluß aufbieten würde, um ihnen volle Amnestie und Zurückerstattung alles dessen was sie verwirkt hätten, zu verschaffen.[95] Glenlyon bemühte sich nach Möglichkeit eine gleichgültige Miene zu heucheln. Er zeigte sich in dem elegantesten Kaffeehause von Edinburg und sprach laut und selbstgefällig von dem wichtigen Dienste, zu welchem er im Gebirge verwendet worden sei. Einige von seinen Soldaten jedoch, die ihn genauer beobachteten, raunten einander zu, daß alle seine Bravaden bloß Schein seien. Er sei nicht mehr der Mann, der er vor jener Nacht gewesen. Sein ganzes Aussehen sei verändert. An jedem Orte, zu jeder Stunde, er möge wachen oder schlafen, stehe Glencoe vor seinen Augen.[96]
Doch welche Besorgnisse Breadalbane beunruhigen, welche Fantome Glenlyon ängstigen mochten, der Master von Stair empfand weder Furcht noch Reue. Er war wohl ärgerlich, aber nur über Hamilton’s Mißgriffe und über das Entrinnen so Vieler von dem verdammten Gezücht. „Thue Recht und scheue Niemand”, so lautet die Sprache in seinen Briefen. „Kann es eine heiligere Pflicht geben als das Land von Räubern zu befreien? Das Einzige, was ich bedaure, ist, daß welche davongekommen sind.”[97]