Stimmung der englischen Flotte.
Eine gewaltigere Flotte war noch nie im britischen Kanal erschienen. Man hatte wenig Ursache zu befürchten, daß eine solche Streitmacht in einem ehrlichen Kampfe geschlagen werden könnte. Gleichwohl herrschte in London große Besorgniß. Es war bekannt, daß es eine jakobitische Partei in der Flotte gab. Beunruhigende Gerüchte waren von Frankreich aus in Umlauf gekommen. Man erzählte sich, der Feind habe auf die Mitwirkung einiger von denjenigen Offizieren gerechnet, von deren Treue in dieser kritischen Lage das Wohl des Staats abhängen konnte. Auf Russell hatte man, so weit es sich jetzt ermitteln läßt, noch keinen Verdacht. Aber andere, wahrscheinlich minder Strafbare, waren indiscreter gewesen. In alten Kaffeehäusern wurden Admirale und Kapitäne mit Namen als Verräther bezeichnet, die sofort cassirt, wenn nicht erschossen werden sollten. Es wurde sogar mit Bestimmtheit behauptet, daß einige der Schuldigen in Arrest gebracht, andere aus dem Dienste entfernt worden seien. Die Königin und ihre Rathgeber waren in großer Verlegenheit. Es war schwer zu sagen, ob es gefährlicher sein würde, den verdächtigen Personen zu trauen oder sie zu entlassen. Marie beschloß unter vielen bangen Ahnungen, und die Folge bewies, daß ihr Entschluß sehr weise war, die schlimmen Gerüchte als Verleumdungen zu betrachten, an die Ehre der angeschuldigten Generäle feierlich zu appelliren und dann das Wohl und Wehe des Königreichs ihrem National- und Berufsgeiste anzuvertrauen.
Am 15. Mai wurde eine zahlreiche Versammlung von Offizieren bei Saint-Helen an Bord der „Britannia,” eines schönen Dreideckers, auf welchem Russell’s Flagge wehte, berufen. Der Admiral sagte ihnen, daß er eine Depesche erhalten habe, die er ihnen vorzulesen beauftragt sei. Sie war von Nottingham. Die Königin, schrieb der Staatssekretär, habe in Erfahrung gebracht, daß Geschichten circulirten, welche den Ruf der Flotte sehr nahe berührten. Es sei sogar behauptet worden, daß sie sich genöthigt gesehen habe, viele Offiziere zu entlassen. Allein Ihre Majestät sei entschlossen nichts zu glauben, was gegen die Treue dieser wackeren Diener des Staats spreche. Die so schändlich verleumdeten Gentlemen könnten versichert sein, daß sie volles Vertrauen in sie setze. Dieser Brief war vortrefflich berechnet, auf Diejenigen, an die er gerichtet war, einen tiefen Eindruck zu machen. Wahrscheinlich hatten sich nur sehr wenige unter ihnen etwas Schlimmeres zu schulden kommen lassen, als daß sie beim Weine in aufgeregtem Zustande unbesonnene Worte gesprochen. Sie waren bis jetzt nur Mißvergnügte. Hätten sie geglaubt verdächtig zu sein, so wären sie vielleicht aus Nothwehr Verräther geworden. Sie wurden enthusiastisch loyal, sobald sie überzeugt waren, daß die Königin volles Vertrauen in ihre Loyalität setzte. Bereitwilligst unterzeichneten sie eine Adresse, in der sie sie baten zu glauben, daß sie mit der äußersten Entschlossenheit und Freudigkeit ihr Leben zur Vertheidigung ihrer Rechte, der englischen Freiheit und der protestantischen Religion gegen alle fremden und papistischen Feinde aufs Spiel setzen würden. „Gott,” setzten sie hinzu, „erhalte Ihre Person, leite Ihre Rathgeber und gebe Ihren Waffen Glück, und möge Ihr ganzes Volk Amen sagen.”[121]
Die Aufrichtigkeit dieser Betheuerungen wurde bald auf die Probe gestellt. Wenige Stunden nach der Zusammenkunft an Bord der Britannia sah man von den Klippen von Portland die Masten von Tourville’s Geschwader. Ein Bote sprengte mit der Nachricht von Weymouth nach London und weckte Whitehall um drei Uhr Morgens aus dem Schlafe. Ein andrer schlug den Küstenweg ein und brachte die Nachricht Russell. Alles war bereit, und am Morgen des 17. Mai stach die verbündete Flotte in See.[122]