Schlacht bei La Hogue.
Tourville hatte nur sein eignes, aus vierundvierzig Linienschiffen bestehendes Geschwader bei sich. Aber er hatte bestimmten Befehl, die Landung in England zu decken und eine Schlacht nicht abzulehnen. Obgleich er diese Befehle erhalten, ehe man in Versailles wußte, daß die holländische und die englische Flotte sich vereinigt, hatte er doch nicht Lust, die Verantwortlichkeit für die Nichtbefolgung derselben auf sich zu nehmen. Er erinnerte sich noch mit Bitterkeit des Verweises, den seine übergroße Vorsicht ihm nach dem Gefecht von Beachy Head zugezogen hatte. Er wollte sich nicht zum zweiten Male sagen lassen, daß er ein zaghafter Commandeur sei und keinen andren Muth habe als den gewöhnlichen Muth eines gemeinen Matrosen. Auch war er überzeugt, daß die Uebermacht, mit der er es zu thun haben sollte, mehr scheinbar als wirklich sei. Er glaubte auf Jakob’s und Melfort’s Versicherung hin, daß die englischen Seeleute, von den Flaggenoffizieren bis herab zu den Kajütenjungen, Jakobiten seien, daß die, welche kämpften, nur mit halben Herzen kämpfen und daß im entscheidendsten Augenblicke wahrscheinlich viele Desertionen stattfinden würden. Von solchen Hoffnungen erfüllt, segelte er von Brest ab, steuerte zuerst gegen Nordosten, gelangte in Sicht der Küste von Dorsetshire und fuhr dann über den Kanal auf La Hogue zu, wo die Armee, die er nach England convoyiren sollte, bereits angefangen hatte, sich auf den Transportfahrzeugen einzuschiffen. Als er sich noch einige Meilen von Barfleur befand, sah er am Morgen des 19. Mai vor Tagesanbruch die große Flotte der Verbündeten am östlichen Horizont entlang segeln. Er beschloß auf sie abzuhalten. Um acht Uhr waren die beiden Schlachtlinien formirt, das Feuer aber begann erst um elf. Es wurde bald klar, daß die Engländer, vom Admiral abwärts, entschlossen waren, ihre Pflicht zu thun. Russell hatte alle seine Schiffe besucht und eine Ansprache an alle seine Mannschaften gehalten. „Wenn Eure Commandeurs falsches Spiel spielen,” sagte er, „dann über Bord mit ihnen, und mit mir zuerst.” Es gab keine Desertion und keine Lauheit. Carter war der Erste, der die französische Schlachtlinie durchbrach. Er wurde von einem Splitter einer seiner eigenen Raaen getroffen und fiel sterbend aufs Verdeck nieder. Er wollte nicht hinuntergetragen sein, ja er wollte nicht einmal seinen Degen loslassen. „Kämpft für das Schiff,” waren seine letzten Worte, „so lange es schwimmen kann.” Die Schlacht währte bis vier Uhr Nachmittags. Der Kanonendonner wurde mehr als zwanzig Meilen weit entfernt ganz deutlich von der Armee gehört, welche an der Küste der Normandie lagerte. Während des ersten Theils des Tages war der Wind den Franzosen günstig; sie hatten es mit der Hälfte der verbündeten Flotte zu thun und gegen diese Hälfte bestanden sie den Kampf mit ihrer gewohnten Tapferkeit und mit mehr als gewohnter seemännischer Tüchtigkeit. Nach einem heißen und zweifelhaften Kampfe von fünf Stunden dachte Tourville es sei genug gethan um die Ehre der weißen Flagge aufrecht zu erhalten, und er begann sich zurückzuziehen. Mittlerweile aber war der Wind umgesprungen und den Alliirten günstig geworden, so daß diese jetzt ihre große Ueberlegenheit an Streitkräften nützen konnten. Sie kamen rasch heran, und der Rückzug der Franzosen verwandelte sich in eine Flucht. Tourville vertheidigte sein eignes Schiff mit verzweifeltem Muthe. Es hieß, in Anspielung auf Ludwig’s Lieblingsemblem, der „Soleil Royal” und war weit und breit als das schönste Kriegsschiff der Welt berühmt. Die englischen Seeleute erzählten sich, daß es mit einem Bilde des großen Königs geschmückt und daß er auf demselben so dargestellt sei wie er auf der Place de la Victoire erschien: mit besiegten Nationen in Ketten unter seinen Füßen. Das stolze Schiff lag, von Feinden umringt, wie eine große Festung auf dem Wasser, von allen Seiten aus seinen hundertvier Stückpforten Tod und Verderben ausspeiend. Es war so stark bemannt, daß alle Versuche, es zu entern, scheiterten. Lange nach Sonnenuntergang machte es sich von seinen Angreifern los und segelte, alle seine Speigate von Blut triefend, nach der Küste der Normandie. Es hatte so viel gelitten, daß Tourville seine Flagge schleunigst auf ein Schiff von neunzig Kanonen verlegte, das der „Ambitieux” hieß. Seine Flotte war inzwischen weit über das Meer verstreut. Ungefähr zwanzig seiner kleinsten Schiffe entkamen auf einem Wege, der für jeden andren Muth als den der Verzweiflung zu gefährlich gewesen wäre. Unter dem Schutze der zweifachen Dunkelheit der Nacht und eines dichten Seenebels entflohen sie durch die brausenden Wogen und die verrätherischen Felsen des Strudels von Alderney und erreichten mit merkwürdigem Glück ohne einen einzigen Unfall St. Malo. Bis in diese gefährliche Meerenge, den Schauplatz zahlloser Schiffbrüche, wagten die Verfolger den Fliehenden nicht nachzusetzen.[123]
Diejenigen französischen Schiffe, welche zu groß waren, um sich in den Strudel von Alderney wagen zu können, stoben in die Häfen des Cotentin. Der Soleil Royal nebst zwei anderen Dreideckern kamen glücklich nach Cherbourg. Der Ambitieux und zwölf andere Schiffe, lauter Fahrzeuge ersten und zweiten Ranges, flüchteten sich in die Bai von La Hogue, nahe bei dem Hauptquartiere der Armee Jakob’s.
Den drei Schiffen, welche nach Cherbourg flohen, war ein englisches Geschwader unter Delaval’s Commando dicht auf den Fersen. Er fand sie in seichtem Wasser liegend, wo kein großes Kriegsschiff ihnen beikommen konnte, und beschloß daher, sie mit seinen Brandern und Booten anzugreifen. Die Operation wurde mit Muth und Erfolg ausgeführt. In kurzer Zeit waren der Soleil Royal und seine beiden Gefährten zu Asche verbrannt. Ein Theil des Schiffsvolks rettete sich ans Land, ein andrer fiel den Engländern in die Hände.[124]
Mittlerweile hatte Russell mit dem größeren Theile seiner siegreichen Flotte die Bai von La Hogue blockirt. Hier, wie bei Cherbourg, waren die französischen Kriegsschiffe in seichtes Wasser gezogen worden. Sie lagen nahe bei dem Lager der Armee, die zur Invasion England’s bestimmt war. Sechs von ihnen waren unter einem Fort, Namens Lisset, vor Anker gegangen. Die übrigen lagen unter den Kanonen eines andren Forts, genannt Saint-Vaast, wo Jakob sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte und wo die Unionsflagge, mit dem St. Georgs- und dem St. Andreaskreuze geschmückt, neben der weißen Flagge Frankreich’s hing. Der Marschall Bellefonds hatte mehrere Batterien aufgefahren, von denen man glaubte, daß sie auch den kühnsten Feind abschrecken würden, sich dem Fort Lisset oder dem Fort Saint-Vaast zu nähern. Jakob indessen, der die englischen Seeleute ein wenig kannte, war nicht ganz unbesorgt und schlug vor, starke Truppencorps an Bord der Schiffe zu bringen. Aber Tourville wollte sich nicht dazu verstehen, eine solche Schmach auf seinen Stand zu laden.
Inzwischen traf Russell Vorbereitungen zu einem Angriffe. Am Nachmittag des 23. Mai war Alles fertig. Eine aus Sloops, Brandern und zweihundert Booten bestehende Flotte wurde dem Commando Rooke’s anvertraut. Die ganze Flotte war vom höchsten Muthe beseelt. Die Ruderer, durch den schon errungenen Sieg angefeuert und von dem Gedanken erfüllt, daß sie unter den Augen französischer und irischer Truppen kämpfen sollten, welche gekommen waren, um England zu unterjochen, steuerten muthig und unter lauten Hurrahs auf die sechs gewaltigen hölzernen Kastelle zu, welche dicht bei dem Fort Lisset lagen. Die Franzosen, obgleich ein ausgezeichnet tapferes Volk, sind stets empfänglicher für plötzliche Anfälle von panischem Schrecken gewesen als ihre phlegmatischen Nachbarn, die Engländer und Deutschen. An diesem Tage bemächtigte sich der Flotte wie der Armee ein panischer Schrecken. Tourville befahl seinen Matrosen ihre Boote zu bemannen, um sie dem Feinde entgegen in die Bai hinaus zu führen. Aber sein Beispiel und seine Ermahnungen blieben erfolglos. Die Boote machten Kehrt und flohen in völliger Verwirrung. Die Schiffe wurden im Stich gelassen, die Kanonade vom Fort Lisset war so schwach und schlecht dirigirt, daß sie keine Wirkung that, und die am Strande lagernden Regimenter zogen sich zurück, nachdem sie aufs Gerathewohl einige Flintenschüsse abgefeuert hatten. Die Engländer enterten die Schiffe, steckten sie in Brand und zogen, nachdem sie diese wichtige Operation ohne den Verlust eines einzigen Menschenlebens ausgeführt, mit der zurückgehenden Fluth wieder ab. Die Bai glich während der ganzen Nacht einem Feuermeere und dann und wann verkündete eine heftige Explosion, daß die Flammen eine Pulverkammer oder eine Reihe geladener Geschütze ergriffen hatten. Am andern Morgen um acht Uhr mit der wiederkehrenden Fluth kamen Rooke und seine zweihundert Boote nochmals in die Bai. Der Feind machte einen schwachen Versuch, die in der Nähe des Forts St. Vaast liegenden Schiffe zu vertheidigen. Wenige Minuten lang spielten die Batterien mit einiger Wirkung gegen die Mannschaften unserer Boote; aber der Kampf war bald vorüber. Die Franzosen stürzten hastig auf der einen Seite aus ihren Schiffen, die Engländer drangen eben so schnell auf der andren Seite hinein und richteten unter lautem Jubel die genommenen Kanonen gegen das Ufer. Die Batterien waren bald zum Schweigen gebracht. Jakob und Melfort, Bellefonds und Tourville sahen in hülfloser Verzweiflung der zweiten Verbrennung zu. Die Sieger ließen die Kriegsschiffe ruhig brennen und drangen in eine innere Bucht vor, in der viele Transportschiffe lagen. Acht von diesen Schiffen wurden ebenfalls in Brand gesteckt, mehrere andere wurden ins Schlepptau genommen und der Rest würde auch noch entweder angezündet oder mit fortgeführt worden sein, wenn nicht die Ebbe eingetreten wäre. Es war unmöglich noch mehr zu thun und die siegreiche Flotille zog sich langsam zurück, das feindliche Lager mit dem donnernden Gesange des God save the king verhöhnend.
So endete am Nachmittage des 24. Mai der große Kampf, der fünf Tage lang in weiter Ausdehnung auf der See und an der Küste gewüthet hatte. Ein englischer Brander war in der Ausübung seiner Pflicht zu Grunde gegangen. Sechzehn französische Kriegsschiffe, lauter prächtige Fahrzeuge, darunter acht Dreidecker, waren versenkt oder bis auf den Kiel niedergebrannt. Die Schlacht wird nach der Stelle, wo sie endigte, die Schlacht von La Hogue genannt.[125]