Freude in England.
Die Nachricht wurde in London mit grenzenlosem Jubel aufgenommen. In dem Kampfe auf offener See war die numerische Uebermacht der Alliirten allerdings so groß gewesen, daß sie wenig Ursache hatten, sich auf ihren Sieg etwas einzubilden. Aber der Muth und die Geschicklichkeit, womit die Mannschaften der englischen Boote in einem französischen Hafen, im Angesicht einer französischen Armee und unter dem Feuer französischer Batterien eine imposante französische Flotte zerstört hatten, rechtfertigte vollkommen den Stolz, mit dem unsere Vorfahren den Namen La Hogue aussprachen. Um uns ganz in ihre Gefühle hineindenken zu können, müssen wir uns erinnern, daß dies der erste große Schlag war, der den Waffen Ludwig’s XIV. versetzt wurde, und der erste große Sieg, den die Engländer seit der Schlacht von Agincourt über die Franzosen davontrugen. Der Flecken, den die schmachvolle Niederlage bei Beachy Head auf unsren Namen gebracht, war verwischt, und diesmal war der Ruhm ganz unser. Die Holländer hatten zwar ihre Pflicht gethan, wie sie sie im Seekriege jederzeit gethan haben, mochten sie mit uns oder gegen uns fechten, mochten sie siegen oder besiegt werden. Die Engländer aber hatten die Hauptlast des Kampfes getragen. Russell, der das Obercommando führte, war ein Engländer. Delaval, der den Angriff auf Cherbourg leitete, war ein Engländer. Rooke, der die Flotille in die Bai von La Hogue führte, war ein Engländer. Die beiden einzigen hohen Offiziere, welche gefallen waren, Admiral Carter und Kapitain Hastings vom „Sandwich”, waren Engländer. Die Freude, mit der die gute Nachricht bei uns aufgenommen wurde, darf indessen nicht ausschließlich, nicht einmal hauptsächlich dem Nationalstolze zugeschrieben werden. Die Insel war außer Gefahr. Die herrlichen Weiden, Kornfelder und Landgüter von Hampshire und Surrey sollten nicht der Schauplatz eines Krieges werden. Die Häuser und Gärten, die Küchen und Milchkammern, die Keller und Geschirrschränke, die Frauen und Töchter unserer Gentry und unserer Geistlichkeit, sollten nicht den Händen irischer Rapparees, die den Engländern von Leinster die Häuser angezündet und das Vieh abgezogen hatten, oder französischen Dragonern, die gewohnt waren, auf Kosten der Protestanten von Auvergne zu leben, preisgegeben werden. Whigs und Tories dankten Gott für die Errettung aus dieser großen Gefahr, und die achtungswertheren Eidverweigerer mußten nothwendig im Herzen froh sein, daß der rechtmäßige König nicht durch eine Armee von Ausländern zurückgebracht werden sollte.
Die öffentliche Freude war demnach fast allgemein. Mehrere Tage lang läuteten die Glocken London’s unaufhörlich. Flaggen wehten auf allen Kirchthürmen, Reihen von Lichtern standen in allen Fenstern, Freudenfeuer brannten an allen Straßenecken.[126] Die Meinung, welche die Regierung von den Diensten der Flotte hegte, wurde rasch und in verständiger und angenehmer Weise kund gethan. Sidney und Portland wurden nach Portsmouth zur Flotte abgeschickt, begleitet von Rochester, als Repräsentanten der Tories. Die drei Lords nahmen siebenunddreißigtausend Pfund baares Geld mit, die sie als Geschenk unter die Mannschaften vertheilen sollten.[127] Die Offiziere erhielten goldne Medaillen.[128] Hastings’ und Carter’s Ueberreste wurden mit allen Ehrenbezeigungen ans Land gebracht; Carter wurde mit großem militärischen Gepränge in Portsmouth begraben;[129] die Leiche Hastings’ wurde nach London abgeführt und mit ungewöhnlicher Feierlichkeit unter den Steinplatten von Saint James Church beigesetzt. Die Gardeinfanterie folgte der Bahre mit umgekehrten Gewehren, vier königliche Galawagen, jeder von sechs Pferden gezogen, fuhren im Zuge, eine Menge vornehmer Leute in Trauerkleidung füllte die Kirchenstühle, und der Bischof von Lincoln hielt die Leichenrede.[130] Während man den Gefallenen solche Ehre erzeigte, vergaß man auch der Verwundeten nicht. Funfzig Aerzte, reichlich versehen mit Instrumenten, Bandagen und Medikamenten, wurden schleunigst von Lincoln nach Portsmouth geschickt.[131] Wir können uns nicht leicht einen Begriff davon machen, mit welchen Schwierigkeiten es damals verknüpft war, Hunderten von verstümmelten und zerfleischten Menschen eine bequeme Unterkunft und geschickte Pflege zu verschaffen. Gegenwärtig kann sich jede Grafschaft, jede große Stadt eines geräumigen Palastes rühmen, in welchem der ärmste Arbeiter, der ein Glied gebrochen, ein vortreffliches Bett, einen geschickten Arzt, eine aufmerksame Wärterin, Arzeneien von bester Qualität und die einem Kranken nöthige Kost findet. Damals aber gab es im ganzen Reiche nicht ein einziges durch freiwillige Beiträge unterhaltenes Krankenhaus. Selbst in der Hauptstadt waren die beiden einzigen Gebäude, in denen Verwundete Aufnahme finden konnten, die beiden alten Hospitäler zu St. Thomas und zu St. Bartholomäus. Die Königin gab Befehl, daß in diesen beiden Hospitälern auf Staatskosten Vorkehrungen zur Aufnahme von Kranken von der Flotte getroffen werden sollten.[132] Zu gleicher Zeit wurde bekannt gemacht, daß ein würdiges und dauerndes Erinnerungszeichen der Dankbarkeit England’s für den Muth und Patriotismus seiner Seeleute sich bald auf einer vorzüglich geeigneten Stelle erheben werde. Unter den außerhalb der Stadt gelegenen Residenzen unserer Könige nahm die zu Greenwich lange einen ausgezeichneten Platz ein. Karl II. liebte diesen Wohnsitz und er beschloß das Haus umzubauen und die Gärten zu verschönern. Bald nach seiner Restauration begann er an einem Punkte, der bei hochgehender Fluth fast von der Themse bespült wurde, einen Palast von großem Umfange mit bedeutendem Kostenaufwande zu erbauen. Hinter dem Palaste wurden lange Alleen von Bäumen angelegt, welche unter der Regierung Wilhelm’s kaum mehr als Schößlinge waren, die aber jetzt mit ihren gigantischen Laubkronen die Lustpartien mehrerer Generationen beschattet haben. An dem Hügelabhange, welcher lange Zeit der Schauplatz der Feiertagsbelustigungen der Londoner gewesen ist, wurden zahlreiche Terrassen angelegt, deren Spuren noch jetzt zu erkennen sind. Die Königin erklärte jetzt öffentlich im Namen ihres Gemahls, daß das von Karl angefangene Gebäude vollendet und eine Zufluchtsstätte für Seeleute werden sollte, die im Dienste für ihr Vaterland invalid geworden waren.[133]
Eine der glücklichsten Wirkungen der erfreulichen Nachricht war die Beruhigung des Volks. Seit ungefähr einem Monate hatte die Nation stündlich eine Invasion und einen Aufstand erwartet und war in Folge dessen beständig in einer reizbaren und argwöhnischen Stimmung gewesen. In vielen Gegenden England’s konnte ein Eidverweigerer sich nicht blicken lassen, ohne die größte Gefahr insultirt zu werden. Das Gerücht, daß in einem Hause Waffen verborgen seien, genügte, um einen wüthenden Pöbelhaufen an die Thür zu ziehen. Das Schloß eines jakobitischen Gentleman in Kent war angegriffen und nach einem Kampfe, bei dem mehrere Schüsse fielen, erstürmt und niedergerissen worden.[134] Indessen waren derartige Tumulte noch keineswegs die schlimmsten Symptome des Fiebers, das die ganze Gesellschaft ergriffen hatte. Die Ausstellung Fuller’s im Februar schien dem Treiben des schändlichen Gesindels, dessen Patriarch Oates war, ein Ende gemacht zu haben. Einige Wochen lang war die Welt sogar geneigt in Bezug auf Complotte übermäßig ungläubig zu sein. Im April aber trat eine Reaction ein. Die Franzosen und Irländer sollten kommen, und man hatte nur zu guten Grund zu glauben, das es Verräther auf der Insel gebe. Wer da behauptete, daß er diese Verräther bezeichnen könne, der konnte gewiß sein, aufmerksames Gehör zu finden, und es fehlte nicht an einem falschen Ankläger, der sich diese vortreffliche Gelegenheit zu Nutze machte.