Young’s Complot.
Dieser falsche Ankläger hieß Robert Young. Seine Geschichte wurde bei seinen Lebzeiten so genau erforscht und es ist von seiner Correspondenz soviel auf uns gekommen, daß der ganze Mensch vor uns steht. Sein Character bietet in der That Stoff zu einem interessanten Studium. Ueber seinen Geburtsort stritten sich drei Nationen. Die Engländer erklärten ihn für einen Irländer, und die Irländer, denen eben nicht viel daran gelegen war, ihn ihren Landsmann nennen zu dürfen, behaupteten wieder, er sei in Schottland geboren. Wo er auch geboren sein mochte, das Land, wo er aufgewachsen war, konnte keinem Zweifel unterliegen, denn seine Phraseologie ist ganz die der Teagues,[135] welche zu seiner Zeit Lieblingscharactere auf unsrer Bühne waren. Er nannte sich einen Priester der Staatskirche; in Wahrheit aber war er nur Diakonus und seine Ordination als solcher hatte er durch Vorlegung falscher Zeugnisse über seine Kenntnisse und seinen moralischen Character erlangt. Schon lange vor der Revolution hatte er in verschiedenen Gegenden Irland’s Curatenstellen bekleidet, war aber an keinem Orte lange geblieben. Die eine Stelle verlor er in Folge des Aergernisses, das seine gesetzwidrigen Liebschaften erregten. Einen andren Ort verließ er auf einem geborgten Pferde reitend, das er nie zurückgab. Er ließ sich in einer dritten Gemeinde nieder und wurde wegen Bigamie eingezogen. Einige Briefe, die er bei dieser Gelegenheit im Gefängnisse von Cavan schrieb, sind uns erhalten worden. Er versicherte jeder seiner Frauen mit den entsetzlichsten Schwüren, daß sie allein der Gegenstand seiner Liebe sei, und es gelang ihm dadurch, die eine zu bewegen, daß sie ihn im Gefängnisse unterhielt, die andre, daß sie bei den Assisen falsch schwor, um ihm das Leben zu retten. Die einzigen auf uns gekommenen Probestücke seiner Methode, religiöse Lehren zu ertheilen, sind in diesen Episteln enthalten. Er vergleicht sich mit David, dem Manne nach dem Herzen Gottes, der sich sowohl des Ehebruchs als auch des Mordes schuldig machte. Er erklärt, daß er seine Sünden bereue, bittet den Allmächtigen um Vergebung derselben und fleht dann sein „süßes Weib” an, um Christi willen einen Meineid zu schwören. Nachdem er mit genauer Noth dem Galgen entgangen war, trieb er sich mehrere Jahre bettelnd, stehlend, betrügend, heuchelnd und fälschend in Irland und England umher und saß unter verschiedenen Namen in verschiedenen Gefängnissen. Im Jahre 1684 wurde er in Bury des Verbrechens überführt, Sancroft’s Namensunterschrift in betrügerischer Absicht nachgemacht zu haben, und zu Pranger und Einsperrung verurtheilt. Aus seinem Kerker schrieb er an den Primas, um seine Nachsicht anzuflehen. Man kann diesen Brief noch heute mit all’ seiner ursprünglichen schlechten Satzconstruction und Orthographie lesen.[136] Der Schreiber bekannte seine Schuld, erklärte, daß er nie wieder Ruhe finden werde, bis er die bischöfliche Absolution empfangen habe und sprach einen tödtlichen Haß gegen die Dissenters aus. Da alle diese Zerknirschtheit und Rechtgläubigkeit nichts half, sann der Bußfertige auf etwas Andres, nachdem er hoch und theuer geschworen hatte, sich an Sancroft zu rächen. Der Aufstand im Westen war eben ausgebrochen, und die Magistratsbeamten im ganzen Lande waren nur zu bereit, jeder gegen Whigs oder Nonconformisten erhobenen Anklage ein geneigtes Ohr zu leihen. Young erklärte an Eidesstatt, er wisse, daß in Suffolk ein Anschlag gegen das Leben des Königs Jakob geschmiedet worden sei und nannte einen Peer, mehrere Gentleman und zehn presbyterianische Geistliche als Theilnehmer an dem Complot. Einige von den Angeschuldigten wurden in Untersuchung gezogen und Young erschien in der Zeugenloge, aber die Geschichte, die er erzählte, wurde durch unwiderlegliche Beweise als falsch dargethan. Bald nach der Revolution wurde er abermals einer Fälschung überwiesen, zum vierten oder fünften Mal an den Pranger gestellt und in Newgate eingesperrt. Während er hier saß, beschloß er zu versuchen, ob er als Ankläger von Jakobiten glücklicher sein würde, denn als Ankläger von Puritanern. Er wendete sich zuerst an Tillotson, dem er sagte, es sei ein gräßliches Complot gegen Ihre Majestäten im Werke, ein Complot, so schwarz wie die Hölle, und einige der vornehmsten Männer England’s seien mit in dasselbe verwickelt. Obgleich Tillotson einer aus solcher Quelle kommenden Mittheilung wenig Vertrauen schenkte, so glaubte er doch, daß der Eid, den er als Mitglied des Geheimen Raths geleistet, es ihm zur Pflicht mache, die Sache gegen Wilhelm zu erwähnen. Wilhelm nahm wie gewöhnlich die Angelegenheit sehr leicht. Ich bin überzeugt, sagte er, es ist eine Schurkerei, und ich mag auf solche Gründe hin Niemandes Ruhe stören. Nach dieser Abfertigung verhielt sich Young einige Zeit still. Als aber Wilhelm auf dem Continent war und die Nation von der Furcht vor einer französischen Invasion und einem jakobitischen Aufstande erfüllt war, durfte ein falscher Ankläger hoffen, Gehör zu finden. Die bloße eidliche Aussage eines Mannes, der den Kerkermeistern von zwanzig Gefängnissen wohl bekannt war, konnte allerdings so leicht Niemandem nachtheilig werden. Aber Young war Meister einer Waffe, die von allen Waffen der Unschuld am gefährlichsten ist. Er hatte mehrere Jahre von Handschriftenfälschung gelebt und hatte es in dieser abscheulichen Kunst endlich zu einer solchen Fertigkeit gebracht, daß selbst erfahrene Schreiber, die sich auf Handschriften verstanden, bei der genauesten Vergleichung kaum einen Unterschied zwischen seinen Nachahmungen und den Originalen zu entdecken vermochten. Es war ihm gelungen, sich eine Sammlung von Schriftstücken von der Hand angesehener Männer, die im Verdacht der Unzufriedenheit standen, zu verschaffen. Einige Autographen hatte er gestohlen, andere hatte er dadurch erlangt, daß er sich unter fingirtem Namen nach der Führung von Dienstleuten und Curaten erkundigte. Er verfertigte jetzt eine Schrift, die einen Associationsvertrag zur Wiedereinsetzung des verbannten Königs vorstellen sollte. In diesem Dokumente verpflichteten sich die Unterzeichner im Angesicht Gottes, für Seine Majestät die Waffen zu ergreifen und sich des Prinzen von Oranien todt oder lebend zu bemächtigen. Unter diesen Vertrag setzte Young die Namen Marlborough’s, Cornbury’s, Salisbury’s, Sancroft’s und Sprat’s, Bischofs von Rochester und Diakonus von Westminster.
Das Nächste, was geschehen mußte, war, das Papier an einen Versteck im Hause einer der Personen zu bringen, deren Unterschriften nachgemacht worden waren. Da Young Newgate nicht verlassen durfte, mußte er sich zu diesem Zwecke eines Helfershelfers bedienen. Er wählte dazu einen Elenden, Namens Blackhead, der früher einmal wegen Meineids in Untersuchung gewesen und zum Verluste beider Ohren verurtheilt worden war. Die Wahl war nicht glücklich, denn Blackhead besaß keine von den Eigenschaften, welche das Amt eines falschen Zeugen außer der Schlechtigkeit noch erheischt. Er hatte nichts Vertrauenerweckendes. Seine Stimme war rauh; Heimtücke sprach aus allen Zügen seines fahlen Gesichts; er besaß weder Erfindungsgabe noch Geistesgegenwart, und er konnte nicht viel mehr thun als die ihm von Anderen eingelernten Lügen hersagen.
Dieser Mensch begab sich, nachdem er von seinem Complicen instruirt war, nach Bromley in Sprat’s Palast, stellte sich hier als der vertraute Diener eines imaginären Doctors der Theologie vor, überreichte dem Bischofe mit gebeugtem Knie einen von Young sinnreich verfaßten Brief und ließ sich mit anscheinend tiefer Ehrerbietung den bischöflichen Segen geben. Die Dienerschaft nahm den Fremden gastlich auf; er wurde in den Keller geführt, trank auf das Wohl ihres Herrn und bat sie, daß sie ihn im Hause herumführen möchten. Ihm die Privatgemächer des Bischofs zu zeigen, durften sie nicht wagen, und Blackhead mußte sich deshalb, nachdem er dringend, aber vergebens gebeten hatte, wenigstens einen Blick in das Studirzimmer werfen zu dürfen, damit begnügen, den Associationsvertrag in einem Blumentopfe zu verbergen, der in einem Zimmer neben der Küche stand.
Nachdem Alles in dieser Weise vorbereitet war, benachrichtigte Young die Minister, daß er ihnen etwas mittheilen könne, was für das Wohl des Staates von höchster Wichtigkeit sei, und bat dringend um Gehör. Sein Gesuch kam ihnen an dem vielleicht angstvollsten Tage eines angstvollen Monats zu. Tourville war so eben ausgelaufen, Jakob’s Armee wurde eingeschifft, und London war durch Gerüchte von der schlechten Gesinnung der Marineoffiziere beunruhigt. Die Königin überlegte eben, ob sie die Verdächtigen cassiren oder die Wirkung einer Appellation an ihre Ehre und ihren Patriotismus versuchen solle. In einem solchen Augenblicke konnten die Minister sich nicht weigern, Jemanden anzuhören, welcher erklärte, ihnen wichtige Mittheilungen machen zu können. Young und sein Complice wurden demnach vor den Geheimen Rath geführt. Hier beschuldigten sie Marlborough, Cornbury, Salisbury, Sancroft und Sprat des Hochverraths. Diese hochgestellten Männer, sagte Young, hätten Jakob zu einer Invasion in England aufgefordert und hätten versprochen sich ihm anzuschließen. Der beredte und geistreiche Bischof von Rochester habe es übernommen, eine Erklärung zu entwerfen, welche die Nation gegen die Regierung des Königs Wilhelm entzünden werde. Die Verschwörer seien durch ein schriftliches Instrument mit einander verbunden und dieses von ihnen eigenhändig unterzeichnete Instrument werde man bei genauer Nachsuchung in Bromley finden. Young verlangte insbesondere, daß die Boten Befehl erhalten sollten, die Blumentöpfe des Bischofs zu untersuchen.
Die Minister waren ernstlich beunruhigt. Die Geschichte ging sehr ins Einzelne und ein Theil derselben klang wahrscheinlich. Marlborough’s Verkehr mit Saint-Germains war Caermarthen, Nottingham und Sidney wohl bekannt. Cornbury war ein Werkzeug Marlborough’s und der Sohn eines Eidverweigerers und notorischen Verschwörers. Salisbury war ein Papist. Sancroft hatte erst vor wenigen Monaten in dem allem Anscheine nach nur zu begründeten Verdachte gestanden, daß er die Franzosen aufgefordert habe, in England einzufallen. Von allen Angeschuldigten war Sprat derjenige, von dem es am unwahrscheinlichsten war, daß er sich an einem gefahrvollen Plane betheiligt haben sollte. Er besaß weder Enthusiasmus noch Ausdauer. Sein Ehrgeiz sowohl wie sein Parteigeist waren jederzeit durch seine Liebe zur Behaglichkeit und durch die Besorgniß um sein persönliches Wohl wirksam in Schranken gehalten worden. Er hatte sich in der Hoffnung, Jakob’s Gunst zu gewinnen, einiger strafbarer Gefälligkeiten schuldig gemacht, war Mitglied der Hohen Commission gewesen, hatte an mehreren von diesem Gerichtshofe erlassenen ungerechten Decreten Antheil gehabt und hatte mit zitternder Hand und unsicherer Stimme die Indulgenzerklärung im Chore der Abtei verlesen. Weiter aber war er nicht gegangen. Sobald man sich zuzuflüstern begann, daß die bürgerliche und religiöse Verfassung England’s bald durch außerordentliche Mittel vertheidigt werden würden, hatte er die Gewalten niedergelegt, die er zwei Jahre lang im Widerspruch mit dem Gesetz ausgeübt, und hatte sich beeilt sich mit seinen geistlichen Amtsbrüdern auszusöhnen. Er hatte in der Convention für eine Regentschaft gestimmt, hatte aber ohne Zögern die Eide geleistet; er hatte bei der Krönung der neuen Souveraine eine hervorragende Rolle gespielt und von seiner geschickten Hand waren der am 5. November gebrauchten Gebetsformel die Sätze hinzugefügt worden, in denen die Kirche für die an diesem Tage bewirkte zweite Befreiung ihren Dank ausspricht.[137] Daß ein solcher Mann, im Besitz eines großen Einkommens, eines Platzes im Hause der Lords, eines angenehmen Hauses unter den Ulmen von Bromley, und eines zweiten im Bezirke von Westminster, sich in die Gefahr des Märtyrertodes begeben werde, war sehr unwahrscheinlich. Er stand allerdings nicht auf vollkommen gutem Fuße mit der Regierung, denn das Gefühl, welches nächst der Sorge für seine Bequemlichkeit und Ruhe den meisten Einfluß auf sein öffentliches Benehmen gehabt zu haben scheint, war seine Abneigung gegen die Puritaner, eine Abneigung, die nicht aus Bigotterie, sondern aus Epikuräismus entsprang. Ihr strenger Wandel war ein Vorwurf für sein träges und üppiges Leben; ihre Phraseologie beleidigte seinen eigensinnigen Geschmack, und wo sie ins Spiel kamen, verließ ihn seine gewohnte Gutmüthigkeit. Bei seinem Widerwillen gegen die Nonconformisten war von ihm kein großer Eifer für einen Fürsten zu erwarten, den die Nonconformisten als ihren Protector betrachteten. Doch Sprat’s Fehler boten eine sichere Gewähr dafür, daß er sich nie aus Groll gegen Wilhelm bei einem Complot zur Zurückführung Jakob’s betheiligen werde. Warum Young einem ganz besonders fügsamen, vorsichtigen und die Bequemlichkeit liebenden Manne die gefährlichste Rolle bei einem gefährlichen Unternehmen zuertheilte, ist schwer zu sagen.
Der erste Schritt, den die Minister thaten, war, daß sie Marlborough in den Tower schickten. Er war von allen Angeschuldigten der bei weitem am meisten zu Fürchtende, und daß er mit Saint-Germains in hochverrätherischer Correspondenz gestanden hatte, war eine Thatsache, die der Königin und ihren vornehmsten Räthen als wahr bekannt war, mochte Young nun meineidig sein oder nicht. Einer von den Sekretären des Geheimen Raths und mehrere Gerichtsdiener wurden mit einem Verhaftsbefehle von Nottingham nach Bromley gesandt. Sprat wurde festgenommen und alle Zimmer durchsucht, von denen sich vernünftigerweise annehmen ließ, daß er ein wichtiges Dokument darin verborgen haben könnte: die Bibliothek, das Speisezimmer, das Empfangzimmer, das Schlafzimmer und die anstoßenden Cabinette. Seine Papiere wurden genau untersucht und viel gute Prosa, vielleicht auch einige schlechte Verse, aber nichts Hochverrätherisches darunter gefunden. Die Gerichtsdiener durchwühlten jeden Blumentopf, den sie finden konnten, aber vergebens. Es fiel ihnen jedoch nicht ein, in das Zimmer zu sehen, in welchem Blackhead den Associationsvertrag verborgen hatte, denn dieses Zimmer lag in der Nähe der von der Dienerschaft bewohnten Räume und wurde von dem Bischofe und seiner Familie wenig benutzt. Die Beamten kehrten mit ihrem Gefangenen, aber ohne das Dokument nach London zurück, das, wenn es gefunden worden wäre, ihm hätte verderblich werden können.
Noch spät in der Nacht wurde er nach Westminster gebracht, wo er in seiner Dechanei schlafen durfte. Alle seine Bücherschränke und Schubladen wurden durchsucht und Schildwachen an die Thür seines Schlafzimmers gestellt, die aber strenge Ordre hatten, sich höflich gegen ihn zu benehmen und die Familie nicht zu belästigen.
Am folgenden Tage wurde er vor den Geheimen Rath geführt. Das Verhör wurde von Nottingham mit großer Humanität und Artigkeit geleitet. Der Bischof benahm sich im Bewußtsein völliger Unschuld mit Mäßigung und Festigkeit. Er beklagte sich über nichts. „Ich füge mich,” sagte er, „den Nothwendigkeiten des Staats in einer Zeit des Mißtrauens und der Gefahr wie die gegenwärtige ist.” Er wurde gefragt, ob er eine Erklärung für König Jakob entworfen, ob er in Correspondenz mit Frankreich gestanden, ob er einen hochverrätherischen Associationsvertrag unterzeichnet habe und ob er überhaupt von einer solchen Association etwas wisse. Alle diese Fragen beantwortete er mit vollkommener Wahrheit, auf sein Wort als Christ und Bischof, verneinend. Er wurde in seine Dechanei zurückgebracht, blieb dort noch zehn Tage in leichter Haft und durfte dann, da nichts ihn Gravirendes entdeckt worden war, nach Bromley zurückkehren.
Inzwischen hatten die falschen Ankläger einen neuen Plan ausgesonnen. Blackhead begab sich aufs Neue nach Bromley und fand Mittel und Wege, den fingirten Associationsvertrag von dem Orte, wo er ihn verborgen hatte, wegzunehmen und Young zurückzubringen. Eine von Young’s beiden Frauen trug das Papier dann in das Staatssekretariat und erzählte eine von Young erfundene Lüge, um zu erklären, wie ein Dokument von solcher Wichtigkeit in ihre Hände gekommen sei. Aber es war jetzt nicht mehr so leicht die Minister zu erschrecken, wie es einige Tage früher gewesen war. Die Schlacht von La Hogue hatte allen Invasionsbefürchtungen ein Ende gemacht. Anstatt daher wieder einen Verhaftsbefehl nach Bromley zu schicken, schrieb Nottingham nur einige Zeilen an Sprat, mit denen er ihn bat, ihn in Whitehall zu besuchen. Der angeschuldigte Prälat kam der Einladung unverzüglich nach und wurde vor dem Geheimen Rathe mit Blackhead confrontirt. Die Wahrheit kam sogleich ans Licht. Der Bischof erinnerte sich der tückischen Miene und Stimme des Mannes, der ihn knieend um seinen Segen gebeten hatte, und sein Sekretär bestätigte die Aussage seines Gebieters. Der falsche Zeuge verlor bald seine Geistesgegenwart. Seine stets bleichen Wangen wurden leichenhaft und seine in der Regel laute und rauhe Stimme sank zu einem Gelispel herab. Die Mitglieder des Geheimen Raths sahen seine Verwirrung und unterwarfen ihn einem strengen Verhör. Eine Zeit lang beantwortete er ihre Fragen durch wiederholtes Hervorstammeln seiner ersten Lüge in den ursprünglichen Worten. Endlich aber sah er keinen andren Ausweg mehr als seinem Lügengewebe als das Eingeständniß seiner Schuld. Er gestand, daß er eine unwahre Darstellung von seinem Besuche in Bromley gegeben habe, erzählte nach vielen Ausflüchten, wie er den Associationsvertrag verborgen und ihn aus seinem Verstecke wieder entfernt habe, und bekannte, daß er von Young gebraucht worden sei.
Hierauf wurden die beiden Complicen mit einander confrontirt. Young leugnete mit frecher Stirn Alles. Er wisse nichts von den Blumentöpfen. „Wenn dies wahr ist,” riefen Nottingham und Sidney zu gleicher Zeit, „warum legten Sie dann so besonderes Gewicht darauf, daß die Blumentöpfe in Bromley untersucht werden sollten?” — „Ich habe nie etwas über die Blumentöpfe gesagt,” erwiederte Young. Jetzt rief der ganze Staatsrath entrüstet aus: „Wie können Sie das zu behaupten wagen? Wir Alle entsinnen uns dessen.” Der Schurke hielt sich noch immer tapfer und rief mit einer Unverschämtheit, um die ihn Oates hätte beneiden können: „Diese ganze Versteckungsgeschichte ist ein zwischen dem Bischofe und Blackhead verabredeter Streich. Der Bischof hat Blackhead gewonnen, und sie versuchen Beide, das Complot zu vertuschen.” Das war zu viel. Das ganze Collegium lächelte und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. „Mensch,” rief Caermarthen, „willst Du uns glauben machen, der Bischof habe dieses Papier an einem Orte aufbewahren lassen, wo Zehn gegen Eins zu wetten war, daß unsere Agenten es finden würden und wo es ihn an den Galgen bringen konnte, wenn sie es gefunden hätten?”
Die falschen Ankläger wurden ins Gefängniß zurückgebracht, und der Bischof verabschiedete sich von den Ministern, nachdem er ihnen für ihr unparteiisches und ehrenwerthes Verfahren seinen wärmsten Dank ausgesprochen hatte. Im Vorzimmer fand er eine Menge Leute versammelt, welche Young angafften, der dasaß und ihre neugierigen Blicke mit der heiteren Ruhe eines Mannes aushielt, der von der Hälfte der Pranger England’s auf viel zahlreichere Versammlung herabgesehen hatte. „Young,” sagte Sprat zu ihm, „Euer Gewissen muß Euch sagen, daß Ihr mir schweres Unrecht gethan habt. Um Euretwillen bedaure ich, daß Ihr darauf beharrt, das zu leugnen, was Euer Genosse bereits eingestanden hat.” — „Eingestanden?” rief Young; „nein, es ist noch nicht Alles eingestanden, und das werden Sie zu Ihrem Schrecken erfahren. Es giebt ein Ding, das man Anklage nennt, Mylord. Sobald das Parlament versammelt ist, sollen Sie mehr von mir hören.” — „Gott führe Euch zur Reue,” entgegnete der Bischof, „denn verlaßt Euch darauf, Ihr seid in viel größerer Gefahr, verurtheilt zu werden, als ich angeklagt, zu werden.”[138]
Achtundvierzig Stunden nach der Entlarvung dieses schändlichen Betrugs wurde Marlborough gegen Bürgschaft seiner Haft entlassen. Young und Blackhead hatten ihm einen unschätzbaren Dienst geleistet. Daß er bei einem ganz eben so strafbaren Complot betheiligt war wie das, dessen sie ihn fälschlich beschuldigt hatten, und daß die Regierung moralische Beweise seiner Schuld in Händen hatte, ist jetzt gewiß. Aber seine Zeitgenossen hatten nicht, wie wir jetzt, den materiellen Beweis seiner Treulosigkeit vor Augen. Sie wußten, daß er eines Verbrechens angeklagt war, das er nicht begangen hatte, daß Meineid und Fälschung angewendet worden waren, um ihn ins Verderben zu stürzen, und daß er in Folge dieser Machinationen einige Wochen im Tower zugebracht hatte. Die öffentliche Meinung brachte sehr natürlich seine Ungnade und seine Verhaftung mit einander in Verbindung. Er war ohne genügenden Grund verhaftet worden. Konnte man also nicht, in Ermangelung jeden Ausschlusses, vernünftigerweise annehmen, daß er auch ohne genügenden Grund in Ungnade gefallen war? Es stand fest, daß eine schändliche, jeder Begründung entbehrende Verleumdung Ursache gewesen war, daß man ihn im Mai wie einen Verbrecher behandelt hatte. War es da nicht wahrscheinlich daß im Januar ebenfalls eine Verleumdung ihm die Gunst seines Gebieters entzogen haben konnte?
Young’s Hilfsmittel waren noch nicht erschöpft. Sobald er von Whitehall nach Newgate zurückgebracht war, ging er ans Werk, ein neues Complot zu erdichten und einen neuen Complicen zu suchen. Er wendete sich an einen Menschen, Namens Holland, der in größter Dürftigkeit lebte. Noch nie, sagte Young zu ihm, sei die Gelegenheit so günstig gewesen. Ein verwegener und schlauer Bursche könne mit Leichtigkeit fünfhundert Pfund verdienen. Fünfhundert Pfund waren in den Augen Holland’s ein fabelhafter Reichthum. Er fragte, was er dafür thun müsse. Nichts weiter, lautete die Antwort, als die Wahrheit sagen, das heißt handgreifliche Wahrheit, ein wenig entstellt und ausgeschmückt. Es existire wirklich ein Complot, und dies würde auch bewiesen worden sein, wenn Blackhead sich nicht hätte erkaufen lassen. Sein Abfall habe es nothwendig gemacht, die Erdichtung zu Hülfe zu nehmen. „Ihr müßt beschwören, daß Ihr mit mir in einer Hinterstube im höchsten Stockwerk des „Seekrebs,” in Southwark gewesen seid. Dort sind einige Männer mit uns zusammengetroffen, die ein Losungswort geben mußten, ehe sie eingelassen wurden. Sie trugen alle weiße Camelotröcke. Sie unterzeichneten in unsrer Gegenwart den Associationsvertrag, bezahlten dann jeder seinen Schilling und gingen wieder. Ihr müßt bereit sein, zwei von diesen Leuten als Mylord Marlborough und den Bischof von Rochester zu bezeichnen.” „Wie soll ich ihre Identität beweisen?” fragte Holland. „Ich habe sie in meinem Leben nicht gesehen.” — „Ihr müßt dafür sorgen, daß Ihr sie sobald als möglich zu sehen bekommt,” erwiederte der Versucher. „Der Bischof wird in der Abtei sein, und Jedermann am Hofe wird Euch Lord Marlborough zeigen.” Holland ging sogleich nach Whitehall und hinterbrachte Nottingham diese Unterredung. Der unglückliche Nachahmer Oates’ wurde auf Befehl der Regierung wegen Meineids, Verleitung zum Meineid und Fälschung in Untersuchung gezogen. Er wurde für schuldig befunden und zu Gefängniß verurtheilt, wurde abermals an den Pranger gestellt, und erfuhr als Zugabe zu seiner Ausstellung, aus der er sich wenig machte, eine so wüthende Steinigung von Seiten des Pöbels, wie man sie selten erlebt hatte.[139] Nach überstandener Strafe verlor er sich einige Jahre unter dem Schwarme von Dieben und Gaunern, die in der Hauptstadt ihr Unwesen trieben. Im Jahre 1700 endlich trat er wieder aus seinem Dunkel hervor und erregte eine momentane Aufmerksamkeit. Die Zeitungen berichteten, daß der einst so berüchtigte Robert Young wegen Falschmünzerei eingezogen, daß er schuldig befunden und zum Tode verurtheilt und daß schließlich der ehrwürdige Herr in Tyburn aufgehängt worden sei und eine zahlreiche Versammlung von Schaulustigen durch seine Reue höchlich erbaut habe.[140]