Unterhandlungen zwischen den irischen Generälen und den Belagerern.
Am Abend des Tages, welcher auf den Kampf am Thomondthore folgte, gaben die Trommeln von Limerick das Zeichen zum Parlamentiren, Wauchop rief von einem der Thürme die Belagerer an und ersuchte Ruvigny, Sarsfield eine Unterredung zu bewilligen. Der wackere Franzose, der wegen seiner Anhänglichkeit an die eine Religion ein Verbannter war, und der wackere Irländer, der im Begriff stand, wegen seiner Anhänglichkeit an eine andre ein Verbannter zu werden, kamen zusammen und conferirten miteinander, unzweifelhaft mit gegenseitiger Sympathie und Achtung.[123] Ginkell, dem Ruvigny den Verlauf der Unterredung berichtete, willigte gern in einen Waffenstillstand. Denn so andauernd auch sein Erfolg bis jetzt gewesen war, so hatte derselbe ihn doch noch nicht sicher gemacht. Die Chancen waren zwar entschieden auf seiner Seite, allein es war immerhin möglich, daß ein Versuch, die Stadt mit Sturm zu nehmen, scheiterte, wie ein ähnlicher Versuch zwölf Monate früher gescheitert war. Wenn die Belagerung in eine Belagerung verwandelt werden sollte, so war es wahrscheinlich, daß die Seuche, welche der Armee Schomberg’s verderblich geworden war, die Wilhelm zum Rückzuge gezwungen hatte und die selbst Marlborough’s Genie und Thatkraft beinahe zu Schanden gemacht hätte, das Blutbad von Aghrim sehr bald rächte. Es hatte neuerdings stark geregnet, die ganze Ebene konnte in Kurzem ein ungeheurer Pfuhl stehenden Wassers werden. Es konnte nöthig werden, die Truppen nach einer gesünderen Stellung als am Ufer des Shannon zu versetzen und ihnen ein wärmeres Obdach als das von Zelten zu verschaffen. Dann war der Feind bis zum Frühjahr sicher. Im Frühjahr konnte eine französische Armee in Irland landen, die Eingebornen konnten sich von Donegal bis Kerry aufs Neue bewaffnet erheben und der Krieg, der jetzt so gut wie beendigt war, konnte sich heftiger als je wieder entzünden.
Es wurde daher mit dem beiderseitigen aufrichtigen Wunsche, dem Kampfe ein Ziel zu setzen, eine Unterhandlung eröffnet. Die Anführer der irischen Armee hielten mehrere Berathungen, zu denen einige katholische Prälaten und einige ausgezeichnete Juristen eingeladen wurden. Man legte den Bischöfen eine vorläufige Frage vor, welche zarte Gewissen in Verlegenheit setzte. Der verstorbene Vicekönig hatte die Offiziere der Besatzung überredet zu schwören, daß sie Limerick nicht eher übergeben wollten, als bis sie eine Antwort auf das Schreiben erhalten haben würden, in dem ihre Lage Jakob geschildert worden war. Die Bischöfe waren der Meinung, daß der Eid nicht mehr bindend sei. Er sei zu einer Zeit wo die Communication mit Frankreich noch offen gewesen und in dem festen Glauben geleistet worden, daß Jakob’s Antwort binnen drei Wochen eintreffen werde. Jetzt sei mehr als das Doppelte dieser Zeit verstrichen. Jeder Zugang zur Stadt werde vom Feinde streng bewacht. Sr. Majestät getreue Unterthanen hätten im Sinne ihres Versprechens gehandelt, indem sie sich so lange gehalten, bis es ihm unmöglich geworden sei, ihnen seinen Willen kund zu thun.[124]
Die nächste Frage war, welche Bedingungen verlangt werden sollten. Eine Schrift, die Vorschläge enthielt, welche Staatsmänner unsrer Zeit für billig halten werden, welche aber selbst den humansten und liberalsten englischen Protestanten des 17. Jahrhunderts überspannt vorkamen, wurde ins Lager der Belagerer geschickt. Es wurde verlangt, daß alle Vergehen mit dem Mantel der Vergessenheit bedeckt, daß der eingebornen Bevölkerung vollkommene Freiheit der Gottesverehrung gewährt werden, daß jedes Kirchspiel seinen Priester haben und daß die irischen Katholiken befähigt sein sollten, alle Civil- und Militärämter zu bekleiden und alle municipalen Privilegien zu genießen.[125]
Ginkell kannte die Gesetze und Gesinnungen der Engländer wenig, aber er hatte unter seiner Umgebung Leute, welche befähigt waren, ihn zu leiten. Sie hatten ihn acht Tage vorher abgehalten, einen Rapparee rädern zu lassen, und jetzt gaben sie ihm eine Antwort auf die Vorschläge des Feindes ein. „Ich bin hier fremd,” sagte Ginkell, „ich kenne die Verfassung dieses Landes nicht; aber man versichert mir, daß das was Sie verlangen, mit dieser Verfassung unvereinbar ist, und deshalb kann ich mit Ehren nicht einwilligen.” Er ließ auf der Stelle eine neue Batterie errichten und mit Kanonen und Mörsern befahren. Aber seine Anstalten wurden sehr bald durch eine neue Botschaft aus der Stadt unterbrochen. Die Irländer baten ihn nun, ihnen zu sagen was er ihnen gewähren wolle, da er ihnen das was sie verlangten, nicht bewilligen könne. Er berief seine Rathgeber zu sich und schickte nach kurzer Besprechung mit ihnen eine Schrift zurück, welche einen Vertrag enthielt, von dem er annehmen zu dürfen glaubte, daß die Regierung, der er diente, ihn billigen werde. Was er anbot war allerdings viel weniger als die Irländer wünschten; aber es war so viel als sie erwarten konnten, wenn sie ihre Lage und die Stimmung der englischen Nation in Betracht zogen. Sie zeigten ihm eiligst ihre Zustimmung an. Es wurde festgesetzt, daß sowohl zu Lande als auch in den Häfen und Buchten von Munster die Feindseligkeiten eingestellt und einer französischen Flotte gestattet werden sollte, unbehindert den Shannon heraufzukommen und unbehindert wieder abzusegeln. Die Unterzeichnung des Vertrags wurde bis zur Ankunft der Lords Justices, welche Wilhelm in Dublin repräsentirten, in Ginkell’s Hauptquartier verschoben. Einige Tage lang ließ die militärische Wachsamkeit auf beiden Seiten nach. Gefangene wurden in Freiheit gesetzt. Die Vorposten der beiden Armeen plauderten und aßen zusammen. Die englischen Offiziere sahen sich in der Stadt um, die irischen Offiziere speisten im Lager. Anekdoten über das was bei den freundschaftlichen Zusammenkünften dieser Männer, welche noch kürzlich Todfeinde gewesen waren, vorging, circulirten weit und breit. Besonders eine Geschichte erzählte man sich in ganz Europa. „Hat dieser letzte Feldzug,” sagte Sarsfield zu einigen englischen Offizieren, „Ihnen nicht eine bessere Meinung von den irischen Soldaten beigebracht.” — „Aufrichtig gesagt,” erwiederte ein Engländer, „denken wir von ihnen noch ganz ebenso wie wir immer gedacht haben.” — „Wie gering Sie auch von uns denken mögen,” versetzte Sarsfield, „lassen Sie uns unsere beiderseitigen Könige vertauschen, und wir werden bereitwillig unser Glück noch einmal mit Ihnen versuchen.” Er dachte ohne Zweifel an den Tag, an welchem er die beiden Souveraine an der Spitze zweier großer Armeen gesehen hatte, Wilhelm als den Ersten beim Angriffe, und Jakob als den Ersten auf der Flucht.[126]