Argumente gegen die Eidesleistung.
Auf diese Argumentation entgegneten die Eidverweigerer, daß der Apostel Paulus unter den bestehenden Obrigkeiten die bestehenden rechtmäßigen Obrigkeiten gemeint haben müsse und daß es dem gesunden Verstande ins Gesicht schlagen, die Religion schänden, den schwachen Gläubigen Aergerniß und den Spöttern Anlaß zum Triumphiren geben heißen würde, wollte man seine Worte anders deuten. Die Gefühle der ganzen Menschheit müßten sich gegen die Behauptung empören, daß, sobald ein König, wäre sein Recht auf den Thron noch so klar und seine Verwaltung noch so weise und gut, durch Verräther vertrieben sei, alle seine Diener ihn verlassen und zu seinen Feinden übergehen müßten. Zu allen Zeiten und bei allen Nationen sei treue Anhänglichkeit an eine gute Sache im Unglück als eine Tugend betrachtet worden. Zu allen Zeiten und bei allen Nationen sei der Politiker, der sich immer zu der Partei geschlagen, welche die Oberhand gehabt, verachtet worden. Dieser neue Toryismus sei schlimmer als Whiggismus. Die Bande der Unterthanentreue zerreißen, weil der Souverain ein Tyrann sei, das sei unstreitig eine große Sünde; aber es sei eine Sünde, für die sich milde Bezeichnungen und plausible Vorwände finden ließen und in welche ein braver und hochherziger Mann, der nicht in der göttlichen Wahrheit unterrichtet und durch göttliche Gnade beschützt sei, leicht verfallen könne. Aber alle Bande der Unterthanentreue blos deshalb zu zerreißen, weil der Souverain unglücklich sei, das sei nicht nur schlecht, sondern gemein. Könne ein Ungläubiger die heilige Schrift ärger beschimpfen, als durch die Behauptung, daß die heilige Schrift den Christen etwas als eine geheiligte Pflicht vorschreibe, was der natürliche Verstand die Heiden als den höchsten Grad der Schlechtigkeit zu betrachten gelehrt habe? In der Schrift finde sich die Geschichte eines Königs von Israel, der durch einen unnatürlichen Sohn aus seinem Palaste vertrieben und gezwungen worden sei, über den Jordan zu fliehen. David habe, wie Jakob, das Recht, Absolom, wie Wilhelm, den factischen Besitz gehabt. Würde ein Schriftforscher zu behaupten wagen, daß Simei’s Benehmen bei dieser Gelegenheit als ein Muster zur Nachahmung hingestellt sei und daß Barsillai, der treu zu seinem flüchtigen Gebieter gehalten, sich gegen die Vorschrift Gottes aufgelehnt und Verdammniß auf sich gezogen habe? Würde ein wahrer Sohn der Kirche England’s im Ernst behaupten, daß ein Mann, der bis nach der Schlacht von Naseby ein entschiedener Royalist war, dann zum Parlament überging, sobald das Parlament auseinandergesprengt war, ein willfähriger Diener des Rumpfes wurde und sobald der Rumpf vertrieben war, sich für einen treuen Unterthan des Protectors erklärte, die Achtung der Christen mehr verdiene, als der standhafte alte Cavalier, der Karl I. im Gefängniß und Karl II. im Exil unerschütterlich treu blieb und der bereit war, eher Grundbesitz, Freiheit und Leben zu wagen als durch Wort oder That die Autorität einer der plötzlich aufgetauchten Regierungen anzuerkennen, welche in jener schlimmen Zeit in den Besitz einer Macht gelangt waren, die ihnen von Rechtswegen nicht gebührte? Und welcher Unterschied sei zwischen diesem und dem jetzt vorliegenden Falle? Daß Cromwell thatsächlich eben so viel Macht, ja weit mehr Macht als Wilhelm besessen habe, sei ausgemacht, und daß Wilhelm’s Macht so gut wie Cromwell’s Macht illegitimen Ursprungs sei, werde kein Geistlicher, der dem Prinzip des Nichtwiderstandes huldige, bestreiten. Wie könne denn ein solcher Geistlicher leugnen, daß Cromwell Gehorsam gebührt habe, und doch behaupten, daß Wilhelm solcher gebühre? Wollte man annehmen, daß eine solche Inconsequenz ohne Unredlichkeit existiren könne, so sei das nicht Nachsicht sondern Schwäche. Diejenigen welche entschlossen seien, sich der Parlamentsacte zu fügen, würden besser thun, wenn sie sich offen darüber aussprächen und sagten was Jedermann schon wisse: daß sie sich nur deshalb fügten, um ihre Pfründen zu behalten. Allerdings sei dies ein sehr starker Beweggrund. Daß ein Geistlicher, der Gatte und Vater sei, dem 1. August und 1. Februar mit ängstlicher Besorgniß entgegensehe, sei natürlich. Aber er solle nicht vergessen, daß, wie schrecklich auch der Tag der Suspension und der Tag der Amtsentsetzung sein möge, zuverlässig zwei andere noch schrecklichere Tage kommen würden: der Tag des Todes und der Tag des jüngsten Gerichts.[79]
Die schwörenden Geistlichen, wie man sie nannte, waren nicht wenig betroffen über dieses Raisonnement. Nichts setzte sie mehr in Verlegenheit als die Parallele, welche die Eidverweigerer mit unermüdlicher Beharrlichkeit zwischen der Usurpation Cromwell’s und der Usurpation Wilhelm’s zogen. Denn es gab damals keinen Hochkirchlichen, der es nicht für eine Ungereimtheit gehalten hätte, zu behaupten daß die Kirche ihren Söhnen befohlen habe, Cromwell zu gehorchen. Und doch war es unmöglich zu beweisen, daß Wilhelm vollständiger im Besitze der höchsten Gewalt sei, als Cromwell es gewesen. Die Schwörenden hüteten sich daher eben so sorgfältig, mit den Nichtschwörenden über diesen Punkt zu streiten, wie die Nichtschwörenden es vermieden, mit den Schwörenden über die Frage bezüglich der Praxis der frühesten Kirche zu streiten.
Das Wahre ist, daß die Regierungstheorie, welche der Klerus seit langer Zeit lehrte, so unsinnig war, daß sie zu nichts als Unsinn führen konnte. Mochte der Priester, der dieser Theorie huldigte, die Eide leisten oder sie verweigern, er war in beiden Fällen nicht im Stande, eine vernünftige Erklärung seines Verfahrens zu geben. Schwor er, so konnte er dies nur durch Aufstellung von Behauptungen, gegen die sich jedes redliche Herz instinktmäßig empörte, nur durch die Erklärung rechtfertigen, daß Christus der Kirche befohlen habe, die gerechte Sache zu verlassen, sobald diese Sache aufhöre zu prosperiren, und die Hände der vom Glück begünstigten Schlechtigkeit gegen die bedrängte Tugend zu kräftigen. So gewichtig indessen die Einwürfe gegen diese Doctrin waren, die Einwürfe gegen die Doctrin des Nichtschwörenden waren wo möglich noch gewichtiger. Nach ihm mußte eine christliche Nation beständig entweder in einem Zustande von Knechtschaft oder in einem Zustande von Anarchie sein. Etwas läßt sich sowohl für den Menschen sagen, der die Freiheit opfert, um die Ordnung zu erhalten, als auch für den Menschen, der die Ordnung opfert, um die Freiheit zu erhalten. Denn Freiheit und Ordnung sind zwei der größten Segnungen, deren sich eine Gesellschaft erfreuen kann, und wenn sie sich unglücklicherweise als mit einander unverträglich herausstellen, da haben Diejenigen, welche die eine oder die andre Seite ergreifen, Anspruch auf große Nachsicht. Der Eidverweigerer aber opferte nicht die Freiheit der Ordnung, nicht die Ordnung der Freiheit auf, sondern Freiheit und Ordnung einem Aberglauben, der eben so einfältig und erniedrigend war als die Anbetung von Katzen und Zwiebeln bei den Egyptern. Wenn eine Person, die sich nur durch den Zufall der Geburt von anderen unterschied, auf dem Throne saß, mochte sie auch ein Nero sein, sollte kein Ungehorsam stattfinden; und wenn eine andre Person auf dem Throne saß, mochte sie auch ein Alfred sein, so sollte kein Gehorsam stattfinden. Es war gleichgültig, wie unvernünftig und schlecht die Verwaltung der Dynastie, welche das erbliche Recht hatte, oder wie weise und tugendhaft die Verwaltung einer aus einer Revolution hervorgegangenen Regierung sein mochte. Auch konnte keine Verjährungszeit gegen den Anspruch der vertriebenen Familie geltend gemacht werden. Der Zeitraum von Jahren, der Zeitraum von Jahrhunderten änderte nichts. Bis an das Ende der Welt mußten die Christen ihr politisches Verhalten einfach nach der Genealogie ihrer Landesherren reguliren. Das Jahr 1800, das Jahr 1900 könnte Fürsten, die ihre Rechtsansprüche von den Beschlüssen der Convention herleiteten, ruhig und glücklich regieren sehen. Gleichviel, sie blieben deshalb immer Usurpatoren, und wenn im 20. oder 21. Jahrhundert Jemand, der ein besseres Geblütsrecht auf die Krone nachweisen konnte, eine spätere Nachwelt auffordern sollte, ihn als König anzuerkennen, so mußte der Aufforderung bei Strafe ewiger Verdammniß Folge geleistet werden.
Ein Whig konnte sich wohl über den Gedanken freuen, daß die unter seinen Gegner entstandenen Controversen die Richtigkeit seines politischen Glaubens festgestellt hatten. Die Streitenden, welche ihn lange übereinstimmend eines gottlosen Irrthums beschuldigt, hatten ihn jetzt wirksam gerechtfertigt und einander gegenseitig widerlegt. Der Hochkirchliche, der die Eide leistete, hatte durch unwiderlegliche Gründe aus den Evangelien und Episteln, aus der gleichmäßigen Praxis der ersten Kirche und aus den deutlichen Erklärungen der anglikanischen Kirche bewiesen, daß die Christen nicht in allen Fällen verpflichtet waren, dem Fürsten, der das erbliche Recht besaß, zu gehorchen. Der Hochkirchliche, der die Eide leisten wollte, hatte eben so befriedigend dargethan, daß die Christen nicht in allen Fällen verpflichtet seien, den Fürsten, welcher thatsächlich regierte, zu gehorchen. Daraus folgte, daß, um einer Regierung ein Recht auf die Treue der Unterthanen zu geben, etwas Andres erforderlich war, als bloße Legitimität oder bloßer Besitz. Was dieses Andre war wurde den Whigs nicht schwer zu sagen. Ihrer Ansicht nach war der Zweck, um dessen willen alle Regierungen eingesetzt worden, das Wohl der Gesellschaft. So lange der erste Beamte im Staate, mochte er auch einige Fehler haben, das Gute förderte, gebot die Vernunft den Menschen, ihm zu gehorchen und die Religion, welche dem Gebote der Vernunft ihre feierliche Sanction ertheilt gebot den Menschen, ihn als einen von Gott Gesandten zu verehren. Erwies er sich aber als ein Beförderer des Bösen, auf welche Gründe hin war er dann als ein von Gott Gesandter zu betrachten? Die Tories, welche die Eide leisteten, hatten bewiesen, daß er wegen des Ursprungs seiner Macht nicht als ein solcher zu betrachten sei; die Tories, welche nicht schwören wollten, hatten eben so klar bewiesen, daß er wegen der Existenz seiner Macht nicht als ein solcher zu betrachten sei.
Einige heftige und hämische Whigs triumphirten mit Ostentation und rücksichtsloser Arroganz über die bestürzte und in sich uneinige Geistlichkeit. Den Eidverweigerer betrachteten sie im allgemeinen mit geringschätzendem Mitleid als einen einfältigen und verschrobenen, aber aufrichtigen Bigotten, dessen absurde Praxis seiner absurden Theorie entsprach und der die Verblendung, welche ihn antrieb, sein Vaterland zu ruiniren, damit entschuldigte, daß die nämliche Verblendung ihn getrieben habe, sich selbst zu ruiniren. Ihren schärfsten Tadel aber sparten sie für diejenigen Geistlichen auf, die jetzt bereit waren einem Usurpator Treue zu schwören, nachdem sie sich in den Tagen der Ausschließungsbill und des Ryehousecomplots durch ihren Eifer für das göttliche und unveräußerliche Recht des erblichen Souverains ausgezeichnet hatten. Sei dies der wahre Sinn der sublimen Phrasen, welche neunundzwanzig Jahre lang von unzähligen Kanzeln herab gepredigt worden? Hätten die Tausende von Geistlichen, die sich der unwandelbaren Loyalität ihres Standes so laut gerühmt, in Wirklichkeit nur gemeint, daß ihre Loyalität nur bis zum nächsten Glückswechsel unwandelbar bleiben solle. Es sei lächerlich, es sei unverschämt von ihnen, zu behaupten, daß Ihr gegenwärtiges Verfahren mit ihrer früheren Sprache in Einklang stehe. Wenn ein Ehrwürdiger Doctor endlich überzeugt worden sei, daß er im Unrecht gewesen, so müsse er doch gewiß durch einen offenen Widerruf den verfolgten, den verleumdeten, den gemordeten Vertheidigern der Freiheit jede noch mögliche Genugthuung geben. Sei er hingegen noch immer überzeugt, daß seine ersten Ansichten die richtigen seien, so müsse er mannhaft das Loos der Eidverweigerer theilen. Achtung gebühre sowohl Dem, der einen Irrthum offen eingestehe, wie auch dem, der für einen Irrthum muthig leide; schwerlich aber könne man einen Diener der Religion achten, der da behaupte, daß er es noch immer mit den Grundsätzen der Tories halte, und dabei seine Pfründe durch Ablegung eines Eides rette, welcher ehrenhafterweise nur nach den Grundsätzen der Whigs geleistet werden könne.
Diese Vorwürfe mochten vielleicht nicht ganz ungerecht sein, aber sie waren unzeitig. Die vernünftigeren und gemäßigteren Whigs, welche einsahen, daß Wilhelm’s Thron nicht feststehen könne, wenn er nicht eine breitere Basis habe als ihre eigne Partei, enthielten sich bei dieser Gelegenheit aller Spötteleien und Invectiven und trachteten danach die Bedenken der Geistlichen zu heben und ihre verletzten Gefühle zu beschwichtigen. Die Collectivmacht der Rectoren und Vikare England’s war ungeheuer, und es war immer besser sie schwuren aus dem nichtigsten Grunde, den ein Sophist ersinnen konnte, als sie schwuren gar nicht.