Argumente für Leistung der Eide.

Ein großer Theil der Geistlichkeit war der Meinung, daß der klare Wortlaut der Schrift ihnen gebiete, sich dem im factischen Besitz des Thrones befindlichen Souverain zu unterwerfen, ohne nach seinem Recht auf diesen Thron zu fragen. Die Obrigkeiten, von denen der Apostel in dem den anglikanischen Theologen jener Zeit genau bekannten Evangelium sagt, daß sie von Gott eingesetzt seien, sind nicht diejenigen welche auf einen rechtmäßigen Ursprung zurückgeführt werden können, sondern die eben bestehenden. Als Jesus gefragt wurde, ob das auserwählte Volk Cäsar rechtmäßigerweise Tribut zahlen dürfe, antwortete er mit der Frage, nicht ob Cäsar einen von dem alten Königshause Juda abgeleiteten Stammbaum aufweisen könnte, sondern ob das Geldstück, das die Fragenden an den Schatz Cäsars zu zahlen Bedenken trugen, aus Cäsar’s Münze komme, mit anderen Worten, ob Cäsar thatsächlich die Autorität eines Herrschers besitze und die Functionen eines solchen ausübe.

Es wird gewöhnlich, und mit vielem Anschein von Begründung, angenommen, daß der zuverlässigste Commentar zu dem Text der Evangelien und Episteln sich in der Praxis der ersten Christen findet, so weit diese Praxis genügend zu ermitteln ist, und gerade jene Zeiten, zu welchen die Kirche sich allgemein anerkanntermaßen im Zustande der höchsten Reinheit befand, waren Zeiten häufiger und heftiger politischer Umgestaltungen. Einer der Apostel wenigstens erlebte es, daß binnen wenig mehr als einem Jahre vier Kaiser gestürzt wurden. Von den Märtyrern des 3. Jahrhunderts muß sich ein großer Theil zehn bis zwölf Revolutionen haben erinnern können. Diese Märtyrer müssen oft in der Lage gewesen sein zu erwägen, welche Pflichten sie gegen einen Fürsten hatten, der so eben durch einen mit Erfolg gekrönten Aufstand zur Macht gelangt war. Daß sie allesammt durch die Furcht vor Strafe abgehalten worden seien das zu thun, was sie für Recht hielten, ist eine Beschuldigung, welche nicht einmal ein rechtschaffener Ungläubiger auf sie werfen wird. Wenn indessen irgend eine Behauptung in Bezug auf die ersten Christen mit völliger Gewißheit aufgestellt werden kann, so ist es die, daß sie nie und nimmer einem factischen Regenten wegen der Unrechtmäßigkeit seines Titels den Gehorsam verweigerten. Einmal wurde sogar die höchste Gewalt von zwanzig bis dreißig Rivalen beansprucht. Jede Provinz von Britannien bis Egypten hatte ihren Augustus. Diese Prätendenten konnten natürlich nicht alle rechtmäßige Kaiser sein. Dennoch finden wir nirgends etwas erwähnt, daß die Gläubigen an irgend einem Orte das geringste Bedenken getragen hätten, sich der Person zu unterwerfen, welche an diesem Orte die kaiserlichen Functionen ausübte. Während die Christen von Rom Aurelian gehorchten, gehorchten die Christen von Lyon Tetrikus und die Christen von Palmyra der Zenobia. „Tag und Nacht,“ — waren die Worte, welche der große Cyprian, Bischof von Karthago, an den Repräsentanten Valerian’s und Gallienus richtete, — „Tag und Nacht beten wir Christen zu dem einen wahren Gott für das Wohl unserer Kaiser.“ Und doch hatten diese Kaiser einige Monate vorher ihren Vorgänger Aurelianus gestürzt, der seinen Vorgänger Gallus gestürzt hatte; dieser hatte auf den Trümmern des Hauses seines Vorgängers Decius den Gipfel der Macht erstiegen, Decius hatte seinen Vorgänger Philipp und dieser seinen Vorgänger Gordianus erschlagen. Konnte man glauben, daß ein Heiliger, der in dem kurzen Zeitraum von dreizehn bis vierzehn Jahren dieser Reihe von Rebellen und Königsmördern unverbrüchliche Unterthanentreue bewahrt hatte, lieber eine Spaltung in der Christenheit hervorgerufen, als König Wilhelm und Königin Marien anerkannt haben würde? Hundertmal forderten diejenigen anglikanischen Geistlichen, welche die Eide geleistet hatten, ihre skrupulöseren Amtsbrüder auf, ihnen ein einziges Beispiel anzuführen, daß die ursprüngliche Kirche einem glücklichen Usurpator den Gehorsam verweigert hätte, und hundertmal wich man der Aufforderung aus. Die Eidverweigerer konnten über diesen Punkt weiter nichts sagen, als daß Präcedenzfälle Prinzipien gegenüber kein Gewicht hätten, eine Behauptung, die sehr sonderbar klang aus dem Munde einer Schule, welche stets eine fast abergläubische Ehrfurcht vor der Autorität der Kirchenväter an den Tag gelegt hatte.[77]

Präcedenzfälle aus späteren und verderbteren Zeiten verdienten wenig Beachtung. Aber selbst in der Geschichte späterer und verderbterer Zeiten konnten die Eidverweigerer nicht leicht einen ihrem Zwecke dienenden Präcedenzfall finden. In unsrem eignen Lande hatten viele Könige, die kein erbliches Recht hatten, auf dem Throne gesessen, aber es war nie für unvereinbar mit der Pflicht eines Christen gehalten worden, ein treuer Vasall dieser Könige zu sein. Die Usurpation Heinrich’s IV., die noch abscheulichere Usurpation Richard’s III. hatten kein Schisma in der Kirche hervorgerufen. Sobald der Usurpator auf seinem Throne fest saß, hatten Bischöfe ihm für ihre Grundbesitzungen gehuldigt; Convocationen hatten Adressen an ihn gerichtet und ihm Gelder bewilligt, und kein Casuist hatte jemals behauptet, daß diese Unterwerfung unter einen sich im factischen Besitze der Macht befindenden Fürsten eine Todsünde sei.[78]

Mit der Verfahrungsweise der ganzen christlichen Welt stand die Autoritätslehre der englischen Kirche unverkennbar in genauem Einklange. Die Homilie über vorsätzliche Empörung, eine Predigt, welche in maßlosen Ausdrücken die Pflicht des Gehorsams gegen Regenten einschärft, spricht nur von factischen Regenten. Es wird sogar in dieser Homilie den Leuten gesagt, daß sie nicht nur ihrem rechtmäßigen Landesherrn, sondern auch jedem Usurpator, den Gott in seinem Zorne ihrer Sünden halber über sie setzen werde, zu gehorchen verpflichtet seien. Es würde gewiß der höchste Grad von Ungereimtheit sein, wollte man behaupten, daß wir diejenigen Usurpatoren, welche Gott im Zorne sendet, unterwürfig hinnehmen, solchen aber, die er uns in Gnaden sendet, den Gehorsam beharrlich verweigern müßten. Zugegeben es war ein Verbrechen, den Prinzen von Oranien nach England einzuladen, ein Verbrechen sich ihm anzuschließen, ein Verbrechen ihn zum König zu machen, was war die ganze Geschichte der jüdischen Nation und der christlichen Kirche Andres als eine Reihenfolge von Fällen, in denen die Vorsehung aus Bösem Gutes hervorgehen ließ? Und welcher Theolog wird behaupten, daß wir in solchen Fällen aus Abscheu vor dem Bösen das Gute von uns weisen müßten?

Aus diesen Gründen waren eine große Anzahl Geistliche, welche noch an dem Prinzipe festhielten, daß Widersetzlichkeit gegen den Souverain jederzeit sündhaft sein müsse, der Ansicht, daß Wilhelm jetzt der Souverain sei, dem sich zu widersetzen eine Sünde sein würde.