Die Geistlichkeit unzufrieden mit dem König.
Auch dem König, sagte man, war nicht zu trauen. Er conformirte sich zwar dem bestehenden Gottesdienste, aber es war bei ihm eine örtliche und gelegentliche Conformität. Denn gegen einige Ceremonien, für welche die Hochkirchlichen sehr eingenommen waren, empfand er einen Widerwillen, den er gar nicht zu verhehlen suchte. Es war eine seiner ersten Maßregeln gewesen, zu befehlen, daß der Gottesdienst in seiner Privatkapelle gesprochen und nicht gesungen werden solle, und diese Anordnung erregte viel Murren, obgleich die Rubrik sie guthieß.[115] Es war bekannt, daß er so profan war, über einen durch hohe kirchliche Autorität sanctionirten Gebrauch zu spötteln, über den Gebrauch des Händeauflegens gegen die Skropheln. Diese Ceremonie hatte sich fast unverändert seit dem grauesten Alterthum bis zu den Zeiten Newton’s und Locke’s erhalten. Die Stuarts spendeten häufig die heilende Kraft im Bankethause. Die Tage, an denen dieses Wunder verrichtet werden sollte, wurden in Sitzungen des Geheimen Raths bestimmt, und dann in allen Pfarrkirchen des Reichs von den Geistlichen feierlich verkündet.[116] Wenn die bestimmte Zeit kam, standen mehrere Geistliche im vollen Ornate um den Staatsbaldachin. Der königliche Leibarzt führte die Kranken herein, und es wurde hierauf eine Stelle aus dem 16. Kapitel des Evangeliums Marci vorgelesen. Nach den Worten: „Auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird’s besser mit ihnen werden,“ wurde innegehalten und einer der Kranken vor den König gebracht. Se. Majestät berührte die Geschwüre und Beulen und hing ein weißes Band, an dem eine Goldmünze befestigt war, um den Hals des Patienten. Die Uebrigen wurden so alle nacheinander vorgeführt und wenn jeder berührt war, wiederholte der Kaplan die Worte; „Auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird’s besser mit ihnen werden.“ Dann kamen die Epistel, Gebete, Wechselgesänge und ein Segen. Der Dienst findet sich noch in den Gebetbüchern aus der Regierungszeit der Königin Anna. Erst einige Zeit nach der Thronbesteigung Georg’s I. hörte die Universität Oxford auf, das feierliche Amt der Heilung mit der Liturgie zusammen drucken zu lassen. Theologen von ausgezeichneter Gelehrsamkeit, Bildung und Tugendhaftigkeit sanctionirten dieses Blendwerk durch ihre Autorität und was noch auffälliger ist, hochberühmte Aerzte glaubten an die heilenden Kräfte der königlichen Hand, oder stellten sich wenigstens als glaubten sie daran. Wir dürfen wohl annehmen, daß jeder im Dienste Karl’s II. stehende Arzt ein Mann von hoher Berufstüchtigkeit war, und mehr als einer von den Aerzten Karl’s II. hat uns das feierliche Bekenntniß seines Glaubens an die Wunderkraft des Königs hinterlassen. Einer von ihnen schämt sich nicht uns zu sagen, daß die Gabe durch die bei der Krönung stattfindende Salbung mitgetheilt werde, daß die Heilungen so zahlreich seien und zuweilen so rasch erfolgten, daß sie keiner natürlichen Ursache zugeschrieben werden konnten, daß das Fehlschlagen lediglich dem Mangel an Glauben auf Seiten des Kranken beigemessen werden müsse; daß Karl einst einen skrophulösen Quäker berührt und ihn in einem Augenblicke zu einem gesunden Menschen und wahren Hochkirchenmann gemacht; daß, wenn die Geheilten das ihnen um den Hals gehängte Goldstück verlören oder verkauften, die Geschwüre von neuem aufbrächen und nur durch eine abermalige Berührung und durch einen zweiten Talisman geheilt werden könnten. Wenn Männer der Wissenschaft solchen Unsinn ernsthaft wiederholten, so dürfen wir uns nicht darüber wundern, daß der große Haufe ihn glaubte. Noch weniger dürfen wir uns wundern, daß Unglückliche, die von einer Krankheit gequält wurden, gegen welche natürliche Heilmittel nichts vermochten, Geschichten von übernatürlichen Kuren begierig verschlangen, denn nichts ist so leichtgläubig als das Unglück. Die Volksmassen, die sich an den Heilungstagen nach dem Palaste drängten, waren ungeheuer. Karl II. berührte im Laufe seiner Regierung nahe an hunderttausend Personen. Die Zahl war größer oder geringer je nachdem die Popularität des Königs stieg oder sank. Während der toryistischen Reaction, welche auf die Auflösung des Oxforder Parlaments folgte, drängte sich das Volk massenhaft in seine Nähe. Im Jahre 1682 verrichtete er die Ceremonie achttausendfünfhundert Mal. Im Jahre 1684 war das Gedränge so arg, daß sechs oder sieben Kranke todtgetreten wurden. Jakob berührte auf einer seiner Reisen im Chore der Kathedrale von Chester achthundert Personen. Die Kosten der Ceremonie beliefen sich auf nicht viel weniger als zehntausend Pfund jährlich und würden ohne die Wachsamkeit des königlichen Leibarztes, der die Applikanten zu untersuchen und Diejenigen, welche um der Heilung willen kamen, von Denen, welche des Goldstücks wegen kamen, zu scheiden hatte, noch viel bedeutender gewesen sein.[117]
Wilhelm war viel zu klug, als daß er hätte getäuscht werden können, und viel zu rechtschaffen, um an einer Handlung Theil zu nehmen, von der er wußte, daß es Betrug war. „Es ist ein kindischer Aberglaube,“ rief er aus, als er hörte, daß zu Ende der Fastenzeit sein Palast von einer Menge Kranker belagert war; „man gebe den armen Leuten etwas Geld und schicke sie fort.“[118] Einmal wurde er dringend gebeten, seine Hand auf einen Patienten zu legen. „Gott schenke Euch bessere Gesundheit,“ sagte er, „und mehr Verstand.“ Die Eltern skrophulöser Kinder schrien Zeter über seine Grausamkeit; die Bigotten erhoben entsetzt über seine Gottlosigkeit Hände und Augen zum Himmel; die Jakobiten lobten ihn sarkastisch, daß er nicht so anmaßend sei, sich eine Kraft beizumessen, die nur legitimen Souverainen zukomme, und selbst einige Whigs meinten, es sei unklug von ihm, daß er einen im Volke tief eingewurzelten Aberglauben mit so auffallender Geringschätzung behandle. Wilhelm aber war nicht zu bewegen und wurde deshalb von vielen Hochkirchlichen als entweder ein Ungläubiger oder ein Puritaner betrachtet.[119]