Pestilenz in der englischen Armee.

Einige Stunden vor der Hinrichtung der Haupträdelsführer wurde eine allgemeine Musterung der Armee vorgenommen, und man sah, daß die Reihen der englischen Bataillone stark gelichtet waren. Viel Kranke hatte es vom ersten Tage des Feldzugs an unter den Rekruten gegeben, aber erst zur Zeit des Aequinoctiums nahm die Sterblichkeit in beunruhigendem Maße zu. Die Herbstregen sind in Irland gewöhnlich stark, dieses Jahr aber waren sie stärker als sonst, das ganze Land war überschwemmt, und das Lager des Herzogs wurde ein förmlicher Sumpf. Die Enniskillener waren an das Klima gewöhnt, und die Holländer waren gewohnt in einem Lande zu leben, das, wie ein Witzling der damaligen Zeit sagte, funfzig Fuß Wasser zieht. Sie hielten ihre Lagerhütten trocken und reinlich und sie hatten erfahrene, aufmerksame Offiziere, welche die Unterlassung keiner Vorsicht duldeten. Die Landleute von Yorkshire und Derbyshire aber hatten weder Constitutionen, welche dem verderblichen Einflusse zu widerstehen vermochten, noch verstanden sie es, sich gegen denselben zu schützen. Die schlechten Lebensmittel, welche das Commissariat lieferte, verschlimmerte die durch die klimatischen Verhältnisse erzeugten Krankheiten. An Heilmitteln fehlte es fast ganz, Aerzte waren nur wenige vorhanden, und die Arzneikästen enthielten nicht viel mehr als Charpie und Wundpflaster. Die Engländer erkrankten und starben zu Hunderten. Selbst Diejenigen, welche nicht von der Seuche ergriffen wurden, waren entkräftet und muthlos und erwarteten, anstatt die Energie zu entfalten, welche das Erbtheil unsrer Nation ist, mit der hülflosen Apathie von Asiaten ihr Schicksal. Umsonst versuchte Schomberg sie zu lehren, wie sie ihre Quartiere verbessern und den feuchten Erdboden, auf dem sie lagen, mit einem dicken Teppich von Farrnkräutern bedecken konnten. Körperliche Anstrengung war ihnen noch schrecklicher geworden als selbst der Tod. Es stand nicht zu erwarten, daß Leute, die sich selbst nicht helfen konnten, einander gegenseitig helfen würden. Niemand beanspruchte und Niemand bezeigte Theilnahme. Die Vertrautheit mit grauenvollen Scenen erzeugte eine Gefühllosigkeit und eine verzweifelte Gottlosigkeit, die selbst in der Geschichte ansteckender Krankheiten so leicht nicht ihres Gleichen haben dürften. Das Schmerzensgestöhn der Kranken wurde durch die Flüche und unzüchtigen Reden ihrer Kameraden übertäubt. Zuweilen konnte man auf dem Leichname eines am Morgen gestorbenen Unglücklichen einen andren Unglücklichen sitzen sehen, der die kommende Nacht nicht mehr erleben konnte und der fluchend und Schandlieder singend auf die Gesundheit des Teufels Branntwein trank. Wenn die Leichen weggetragen wurden, um begraben zu werden, murrten die Ueberlebenden. Ein Todter, sagten sie, sei eine gute Decke und ein guter Stuhl. Warum sollten die Leute, wenn ein so reichlicher Vorrath eines so nützlichen Möbels vorhanden sei, der kalten Luft ausgesetzt und genöthigt sein, sich auf die nasse Erde zu legen?[64]

Viele Kranke wurden von den englischen Schiffen, welche nahe der Küste lagen, nach Belfast gebracht, wo ein großes Hospital errichtet war. Aber kaum die Hälfte von ihnen erlebte das Ende der Reise. Mehr als ein Schiff lag lange in der Bai von Carrickfergus, angefüllt mit Leichen und den Geruch des Todes ausströmend, ohne ein lebendes, Wesen an Bord.[65]

Die irländische Armee hatte viel weniger zu leiden. Der Kerne von Munster oder Connaught befand sich im Lager ganz eben so wohl als wäre er in seiner eignen Lehmhütte gewesen und hätte die Dünste seines heimathlichen Sumpfes eingeathmet. Natürlich freute er sich über das Elend der sächsischen Ketzer und hoffte, daß sie ohne einen Schwertstreich zu Grunde gehen würden. Mit Entzücken hörte er den ganzen Tag die Salven, welche über den Gräbern der englischen Offiziere knatterten, bis endlich die Begräbnisse zu zahlreich wurden, als daß sie noch mit militärischem Pomp hätten begangen werden können, und auf die schauerlichen Töne ein noch schauerlicheres Schweigen folgte.

Die Ueberlegenheit an Streitkräften war jetzt so entschieden auf Seiten Jakob’s, daß er es unbedenklich wagen konnte, fünf Regimenter von seiner Armee zu detachiren und nach Connaught zu senden. Sarsfield befehligte dieselben. Er stand allerdings nicht so hoch in der Achtung des Königs, als er es verdiente. Der König erklärte ihn mit einer Miene geistiger Ueberlegenheit, welche Avaux und Rosen ein spöttisches Lächeln abgezwungen haben muß, für einen wackeren Burschen, der aber sehr stiefmütterlich mit Verstand bedacht sei. Nur mit großer Mühe bewog der Gesandte Se. Majestät dazu, den besten Offizier der irischen Armee zum Range eines Brigadiers zu befördern. Sarsfield rechtfertigte jetzt vollkommen die vortheilhafte Meinung, die sich seine französischen Gönner von ihm gebildet hatten. Er vertrieb die Engländer aus Sligo und sicherte mit gutem Erfolg Galway, das in ernster Gefahr gewesen war.[66]

Auf die englischen Verschanzungen vor Dundalk wurde jedoch kein Angriff gemacht. Inmitten der sich stündlich mehrenden Schwierigkeiten und Unfälle zeigten sich die glänzenden Eigenschaften Schomberg’s immer deutlicher. Nicht im vollen Strome des Glücks, nicht auf dem Schlachtfelde von Montes Claros, nicht unter den Mauern von Mastricht hatte er die Bewunderung der Menschheit so wohl verdient. Seine Entschlossenheit wankte nie; seine Umsicht schlummerte nie; trotz vielfacher Verdrüßlichkeiten und Provocationen war er stets froher und heiterer Laune. Der Effectivbestand seiner Mannschaften, selbst wenn man alle die, welche nicht am Fieber darnieder lagen, als effectiv mitrechnete, überstieg jetzt nicht mehr fünftausend. Diese waren kaum noch dem gewöhnlichen Dienste gewachsen, und sie mußten jetzt zu doppelten Dienstleistungen angetrieben werden. Dessenungeachtet traf der alte Mann seine Dispositionen so meisterhaft, daß er mit diesen geringen Streitkräften mehrere Wochen lang einer von einer Menge bewaffneter Banditen begleiteten Truppenmacht von zwanzigtausend Mann die Spitze bot.