Eine Parlamentssession in Schottland.

Er hinterließ den Befehl, daß die schottischen Stände nach einer Pause von mehr als dritthalb Jahren wieder einberufen werden sollten. Hamilton, der viele Monate in der Zurückgezogenheit gelebt, hatte sich seit dem Sturze Melville’s mit dem Hofe ausgesöhnt und willigte jetzt ein, seinen Ruhesitz zu verlassen und als Lord Obercommissar Holyrood House zu beziehen. Es war nothwendig, daß einer der Staatssekretäre für Schottland den König begleitete, und der Master von Stair hatte sich daher auf den Continent begeben. Sein College Johnstone war erster Agent der Krone für Edinburg und hatte Auftrag, regelmäßig mit Carstairs zu correspondiren, der Wilhelm nie verließ.[134]

Man hätte wohl erwarten können, daß die Session stürmisch werden würde. Das Parlament war das nämliche, das im Jahre 1689 mit überwiegenden Majoritäten die heftigsten Beschlüsse votirt hatte, welche Montgomery und sein Club entwerfen konnten, das Steuern verweigert, die Minister der Krone proscribirt, die Gerichtshöfe geschlossen hatte und sich vorgenommen zu haben schien, Schottland in eine oligarchische Republik zu verwandeln. Im Jahre 1690 waren die Stände in einer besseren Stimmung gewesen. Doch hatten sie selbst im Jahre 1690, als die kirchliche Verfassung des Reichs berathen wurde, auf den wohlbekannten Wunsch des Königs wenig Rücksicht genommen. Sie hatten das Patronatsrecht abgeschafft, sie hatten das Mißhandeln des Episkopalklerus sanctionirt, sie hatten sich geweigert, eine Toleranzacte zu erlassen. Es war sehr wahrscheinlich, daß sie auch jetzt noch unlenksam befunden werden würden, wenn sie Religionsfragen entscheiden sollten, und leider mußten ihnen solche Fragen zur Entscheidung vorgelegt werden. Wilhelm hatte während der Suspension der Ständeversammlung die Generalversammlung der Kirche zu überreden versucht, diejenigen seitherigen Curaten, welche das Glaubensbekenntniß unterschrieben und sich der Synodalverfassung unterwarfen, in die Gemeinschaft aufzunehmen. Aber der Versuch war mißlungen und die Versammlung war in Folge dessen von dem Lord Commissar aufgelöst worden. Unglücklicherweise aber hatte die Acte, welche das presbyterianische Kirchenregiment einführte, die Ausdehnung der Gewalt nicht bestimmt, die der Souverain über die geistlichen Gerichtshöfe ausüben sollte. Die Auflösung war daher nicht sobald angekündigt, als der Präses ums Wort bat. Man sagte ihm, daß er jetzt nur noch eine Privatperson sei. Er bat daher als Privatperson um Gehör und protestirte im Namen seiner Collegen gegen das königliche Mandat. Das Recht der kirchlichen Würdenträger, sagte er, sich zu versammeln und ihre Interessen zu berathen, stamme von ihrem göttlichen Oberhaupte und hänge nicht von dem Belieben der weltlichen Obrigkeit ab. Seine Collegen standen auf und gaben durch ein beifälliges Gemurmel ihre Zustimmung zu den Worten ihres Präsidenten zu erkennen. Ehe sie auseinandergingen, bestimmten sie einen Tag zu ihrer nächsten Zusammenkunft.[135] Es war allerdings ein sehr entfernter Tag, und als er herankam, erschien weder ein Geistlicher noch ein Aeltester, denn selbst die kühnsten Mitglieder scheuten sich vor einem vollständigen Bruche mit der Civilgewalt. Aber wenn auch kein offener Krieg zwischen der Kirche und der Regierung bestand, so waren sie doch einander entfremdet, auf einander eifersüchtig und in beständiger Furcht vor einander. Es war kein Schritt zu einer Aussöhnung geschehen, als die Stände zusammentraten, und man konnte wohl in Zweifel darüber sein, auf welche Seite die Stände treten würden.

Aber die Vorgänge in fast jeder Sitzung dieses sonderbaren Parlaments machten alle Prophezeiungen der Politiker zu Schanden. Es war einst der unlenksamste aller Senate gewesen, jetzt war es der willfährigste. Und doch waren es die nämlichen Männer und sie saßen in dem nämlichen Saale wie früher. Es befanden sich darunter die lärmendsten Agitatoren des Clubs, mit Ausnahme Montgomery’s, der in einer Dachstube fern von seinem Heimathlande an Mangel und an gebrochenem Herzen dahinstarb. Es waren darunter der scheinheilige Roß und der treulose Annandale. Es war darunter Sir Patrick Hume, unlängst zum Peer creirt und jetzt Lord Polwarth genannt, aber noch immer so beredtsam als zu der Zeit, wo seine endlosen Deklamationen und Dissertationen der Expedition Argyle’s verderblich wurden. Doch der ganze Geist der Versammlung hatte eine Veränderung erfahren. Die Mitglieder hörten mit tiefer Ehrerbietung das Schreiben des Königs an und antworteten darauf in respectvoller und herzlicher Sprache. Eine außerordentliche Beisteuer von hundertvierzehntausend Pfund Sterling wurde der Krone bewilligt. Strenge Gesetze gegen die Jakobiten wurden erlassen. Die Gesetze in Bezug auf kirchliche Angelegenheiten waren so erastianisch als Wilhelm selbst es nur wünschen konnte. Es wurde eine Acte erlassen, welche allen Dienern der Staatskirche vorschrieb, Ihren Majestäten Treue zu schwören, und der Generalversammlung befahl, diejenigen noch nicht abgesetzten Episkopalgeistlichen, welche erklärten, daß sie sich der presbyterianischen Lehre und Kirchenzucht anbequemten, in die Gemeinschaft aufzunehmen.[136] Ja, die Stände trieben die Servilität sogar so weit, daß sie den König unterthänigst ersuchten, er möge geruhen seinem Lieblinge Portland eine schottische Pairie zu verleihen. Dies war in der That ihre Hauptpetition. Sie baten nicht um Abstellung eines einzigen Mißbrauchs, sondern sie beschränkten sich darauf, in allgemeinen Ausdrücken anzudeuten, daß Mißbräuche existirten, welche Abhülfe erheischten, und den König behufs näherer Information an seine Minister, den Lord Obercommissar und den Staatssekretär, zu verweisen.[137]

Einen Gegenstand gab es, dessen Nichterwähnung selbst bei dem servilsten schottischen Parlamente auffallen muß. Es war seit dem Gemetzel von Glencoe über ein Jahr verstrichen, und man hätte erwarten sollen, daß die ganze Versammlung, Peers, Grafschaftsabgeordnete und Burgfleckenabgeordnete, einstimmig eine strenge Untersuchung dieses großen Verbrechens verlangen würde. Allein es ist erwiesen, daß kein Antrag auf eine solche Untersuchung gestellt wurde. Die Lage der gälischen Clans wurde zwar in Erwägung gezogen, ein Gesetz zur wirksameren Unterdrückung der Räubereien und Gewaltthätigkeiten jenseit der Grenze der Hochlande erlassen und in dieses Gesetz eine Specialklausel aufgenommen, welche Mac Callum More seine erbliche Gerichtsbarkeit reservirte. Aber es ergiebt sich weder aus den öffentlichen Acten über die Proceduren der Stände noch aus den Privatbriefen, in denen Johnstone regelmäßig Carstairs das Vorgegangene berichtete, daß irgend ein Sprecher das Schicksal Mac Ian’s und seiner Stammesgenossen erwähnte.[138] Dieses sonderbare Stillschweigen scheint sich nur dadurch erklären zu lassen, daß die in der Hauptstadt Schottland’s versammelten Politiker von dem Schicksale eines räuberischen Celtenstammes wenig wußten und sich wenig darum kümmerten. Der beleidigte Clan, durch die Furcht vor den allmächtigen Campbells zu Boden gedrückt und nicht gewohnt, sich an die bestehenden Behörden des Landes um Schutz oder Genugthuung zu wenden, reichte keine Petition bei den Ständen ein. Die Geschichte von dem Gemetzel war in den Kaffeehäusern erzählt worden, aber in sehr verschiedener Weise. Ganz neuerdings waren zwar einige Bücher, in denen die Thatsachen nur zu richtig mitgetheilt wurden, aus den geheimen Pressen London’s hervorgegangen. Aber diese Bücher wurden nicht öffentlich verkauft, und sie trugen den Namen keines verantwortlichen Autors. Die jakobitischen Schriftsteller im allgemeinen waren hämisch boshaft und fragten durchaus nichts nach Wahrheit. Da die Macdonalds sich nicht beschwerten, so hatte ein kluger Mann natürlich keine Lust, sich das Mißfallen des Königs, der Minister und der mächtigsten Familie Schottland’s zuzuziehen, indem er eine Anklage zu erheben wagte, die sich auf nichts als von Mund zu Mund gehende Gerüchte oder auf Pamphlets gründete, welche kein Censor erlaubt, auf die kein Verfasser seinen Namen gesetzt und die kein Buchhändler auszustellen wagte. Doch mag dies die richtige Lösung sein oder nicht, soviel ist gewiß, daß die Stände nach einer zweimonatlichen Session, während der, soweit es sich jetzt noch ermitteln läßt, der Name Glencoe im Parlamentshause nicht ein einziges Mal erwähnt wurde, ruhig auseinandergingen.