Ministerielle Arrangements.
Bald nach der Prorogation brach Wilhelm nach dem Continent auf. Vor seiner Abreise mußte er jedoch noch einige wichtige Aenderungen vornehmen. Er war entschlossen, Nottingham nicht zu entlassen, in dessen Rechtschaffenheit, eine bei den englischen Staatsmännern seltene Tugend, er wohlbegründetes Vertrauen setzte. Wenn jedoch Nottingham Staatssekretär blieb, konnte Russell ferner nicht bei der Flotte bleiben. Russell wurde, allerdings zu seinem großen Verdruß, zur Annahme eines einträglichen Postens im Hofstaate bewogen, und zwei in ihrem Fache ausgezeichnete Flottenoffiziere, Killegrew und Delaval, bei der Admiralität angestellt und mit dem Commando der Kanalflotte betraut.[128] Diese Arrangements erweckten einiges Murren unter den Whigs, denn Killegrew und Delaval waren anerkanntermaßen Tories und wurden von Vielen für Jakobiten gehalten. Aber andere Ernennungen, welche zu gleicher Zeit stattfanden, bewiesen, daß der König unparteiisch gegen die beiden feindlichen Parteien verfahren wollte. Nottingham war seit einem Jahre alleiniger Staatssekretär. Jetzt erhielt er einen Collegen, in dessen Gesellschaft er sich sehr unbehaglich gefühlt haben muß: Johann Trenchard. Trenchard gehörte zur extremen Section der Whigpartei. Er war ein Tauntonmann, beseelt von dem Geiste, durch den sich Taunton durch zwei Generationen vorzugsweise ausgezeichnet hatte. Er hatte in den Tagen der Papstverbrennungen und der protestantischen Dreschflegel[129] dem berühmten Club des grünen Bandes angehört, war ein thätiges Mitglied mehrerer stürmischer Parlamente gewesen, hatte die erste Ausschließungsbill eingebracht, war bei den von den Häuptern der Opposition geschmiedeten Comploten stark betheiligt gewesen, war auf den Continent geflüchtet, hatte lange in der Verbannung zugebracht und war von der allgemeinen Amnestie von 1686 speciell ausgenommen worden. Obwohl er ein sehr unruhiges Leben geführt, war er doch von Natur friedlichen Temperaments, aber er stand in enger Verbindung mit einer Klasse von Leuten, deren Leidenschaften weit heftiger waren als seine eigenen. Er hatte sich mit der Schwester Hugo Speke’s vermählt, eines der falschesten und boshaftesten Pasquillanten, welche die Sache der constitutionellen Freiheit schändeten. Aaron Smith, der Prokurator des Schatzes, ein Mann, der den Fanatiker und den Rabulisten in seltenem Grade in sich vereinigte, hatte nur zu großen Einfluß auf den neuen Sekretär, mit dem er zehn Jahre früher in der Rose Revolutionspläne berathen hatte. Warum Trenchard vor vielen Männern höheren Ranges und größerer Befähigung zu einem der höchsten und wichtigsten Posten ernannt wurde, ist schwer zu sagen. Er scheint jedoch, obgleich er den Titel eines Staatssekretärs führte und den Gehalt eines solchen bezog, in kein wichtiges Staatsgeheimniß eingeweiht worden und nicht viel mehr als ein Oberaufseher der Polizei gewesen zu sein, dessen Amt darin bestand, die Drucker nicht censirter Bücher, die Pastoren eidverweigernder Gemeinden und die Besucher hochverrätherischer Wirthshäuser ausfindig zu machen.[130]
Ein andrer Whig von viel bedeutenderem Rufe wurde zur selben Zeit zu einem weit höheren Verwaltungsposten berufen. Das große Siegel war nunmehr vier Jahre einer Commission anvertraut gewesen. Seit Maynard’s Rücktritt hatte die Beschaffenheit des Court of Chancery wenig Achtung eingeflößt. Trevor, der erster Commissar war, fehlte es weder an Talenten noch an Gelehrsamkeit; aber seine Rechtschaffenheit wurde mit gutem Grunde in Zweifel gezogen, und die Pflichten, die ihm als Sprecher des Hauses der Gemeinen vier bis fünf Monate hindurch in dem geschäftsreichsten Theile des Jahres oblagen, machten es ihm unmöglich, seinen Platz als Billigkeitsrichter gehörig auszufüllen. Jeder Rechtsuchende klagte, daß er übermäßig lange auf einen Ausspruch habe warten müssen, und wenn endlich ein Urtheil gefällt worden sei, habe es alle Aussicht gehabt, bei der Appellation umgestoßen zu werden. Inzwischen gab es keinen wirksamen Justizminister, keinen hohen Beamten, der die specielle Obliegenheit hatte, dem Könige bei der Ernennung von Richtern, Kronanwälten und Friedensrichtern mit Rath zur Hand zu gehen.[131] Es war bekannt, daß Wilhelm die Nachtheile dieses Zustandes der Dinge einsah, und seit mehreren Monaten war die Rede davon, daß bald ein Lord Siegelbewahrer oder ein Lord Kanzler ernannt werden würde.[132] Der am häufigsten genannte Name war der Nottingham’s. Aber die nämlichen Gründe, die ihn abgehalten hatten, im Jahre 1689 das große Siegel anzunehmen, hatten seit diesem Jahre an Stärke eher zugenommen als verloren. Wilhelm’s Wahl fiel endlich auf Somers.
Somers stand erst in seinem zweiundvierzigsten Lebensjahre, und es war noch keine fünf Jahre her, seitdem die Welt seine Talente an dem wichtigen Tage des Prozesses der Bischöfe zuerst kennen gelernt hatte. Von jenem Augenblicke an war sein Ruf stetig und rapid gestiegen. Weder in richterlicher noch in parlamentarischer Beredtsamkeit stand irgend Jemand über ihm. Die Consequenz in seinem öffentlichen Auftreten hatte ihm das volle Vertrauen der Whigs verschafft, und seine Urbanität hatte ihm auch die Herzen der Tories gewonnen. Nur mit großem Widerstreben hatte er sich dazu verstanden, eine Versammlung, auf die er einen ungeheuren Einfluß ausübte, mit einer andren Versammlung zu vertauschen, in der er voraussichtlich stumm bleiben mußte. Er hatte erst seit Kurzem eine große Praxis, und seine Ersparnisse waren daher unbedeutend. Da er nicht die Mittel besaß, um einen erblichen Titel gehörig zu repräsentiren, mußte er, wenn er die ihm angetragene hohe Würde annahm, mehrere Jahre im Oberhause präsidiren, ohne an den Debatten Theil zu nehmen. Andere waren jedoch der Meinung, daß er als Oberhaupt des Gesetzes nützlicher sein werde, denn als Oberhaupt der Whigpartei bei den Gemeinen. Er wurde nach Kensington beschieden und in das Staatsrathszimmer gerufen. Caermarthen sprach im Namen des Königs. „Sir John,” sagte er, „es ist im Interesse des Staats nöthig, daß Sie dieses Amt übernehmen, und ich habe Befehl von Sr. Majestät, Ihnen zu sagen, daß er keine Entschuldigung gelten lassen kann.” Somers fügte sich. Das Siegel wurde ihm übergeben, zugleich mit einem Patent, das ihm von dem Tage, an welchem er sein Amt niederlegen würde, eine Pension von zweitausend Pfund jährlich zusicherte, und er wurde unverzüglich als Mitglied des Geheimen Raths und Großsiegelbewahrer vereidigt.[133]