Der König verweigert die Genehmigung der Dreijährigkeitsbill.

Die Prorogation rückte heran und noch immer war das Schicksal der Dreijährigkeitsbill zweifelhaft. Einige der geschicktesten Minister hielten die Bill für eine gute, und selbst wenn sie sie für eine schlechte gehalten hätten, würden sie wahrscheinlich versucht haben, ihren Gebieter von der Verwerfung derselben abzubringen. Es war jedoch nicht möglich, ihn von der Idee zurückzubringen, daß eine Concession in diesem Punkte seine Autorität ernstlich beeinträchtigen würde. Da er sich auf das Urtheil seiner gewöhnlichen Rathgeber nicht verlassen wollte, schickte er Portland zu Sir Wilhelm Temple, um dessen Ansicht einzuholen. Temple hatte sich auf einen Landsitz, Namens Moor Park, in der Nähe von Farnham, zurückgezogen. Die Gegend um seine Wohnung war fast eine Wildniß. Seit mehreren Jahren beschäftigte er sich damit, in dieser Wüste einen Wohnsitz zu schaffen, den die holländischen Bürgermeister, unter denen er einige der schönsten Jahre seines Lebens zugebracht hatte, als ein Paradies betrachtet haben würden. Seine Einsiedelei war hin und wieder mit einem Besuche des Königs beehrt worden, der den Schöpfer der Tripleallianz von Jugend auf gekannt und geachtet hatte und dem es wohl gefiel, inmitten des Haidekrauts und des Ginsters der Wildnisse von Surrey einen Ort zu finden, der wie ein Stück Holland aussah: einen graden Kanal, Terrassen, Reihen beschnittener Bäume und rechteckige Blumen- und Gemüsebeete.

Nach diesem einsamen Wohnsitze begab sich Portland jetzt und fragte das Orakel um Rath. Temple war entschieden der Meinung, daß die Bill genehmigt werden müsse. Er fürchtete, daß die Gründe, die ihn zu dieser Ansicht bestimmten, von Portland, der zwar ein so tapferer Soldat und ein so zuverlässiger Freund war wie es je einen gegeben hat, dessen natürliche Fähigkeiten nicht unbedeutend waren und der in einigen Geschäftsbranchen viel Erfahrung besaß, der aber die Geschichte und die Verfassung England’s nur sehr unvollkommen kannte, dem Könige nicht vollständig und genau berichtet werden möchten. Da der Gesundheitszustand Sir William’s ihm durchaus nicht gestattete, selbst nach Kensington zu reisen, so beschloß er, seinen Sekretär dahin zu senden. Der Sekretär war ein armer Gelehrter von einigen zwanzig Jahren, unter dessen einfachem Rocke und linkischem Benehmen einige der ausgezeichnetsten Geistesgaben verborgen waren, die die Natur je einem Menschenkinde verliehen: ein seltenes Beobachtungstalent, ein glänzender Witz, eine groteske Erfindungsgabe, ein Humor von der beißendsten Schärfe, aber ausnehmend köstlich, eine wunderbar reine, männliche und klare Beredtsamkeit. Dieser junge Mann hieß Jonathan Swift. Er war in Irland geboren, würde sich aber beleidigt gefühlt haben, wenn man ihn einen Irländer genannt hätte. Er war von reinem englischen Geblüt und betrachtete die eingeborne Bevölkerung der Insel, auf der er das Licht der Welt erblickt, Zeit seines Lebens als eine fremde und servile Kaste. Er hatte unter der vorigen Regierung auf der Universität Dublin Collegia gehört, sich dort aber nur durch seinen unregelmäßigen Lebenswandel ausgezeichnet und nur mit Mühe seinen Grad erlangt. Zur Zeit der Revolution hatte er sich mit vielen Tausenden seiner Mitcolonisten vor den Gewaltthätigkeiten Tyrconnel’s ins Mutterland geflüchtet und sich glücklich geschätzt, daß er in Moor Park ein Obdach fand.[123] Dieses Obdach kam ihm jedoch theuer zu stehen. Man hielt ihn mit zwanzig Pfund jährlich und freier Station für seine Dienste hinlänglich bezahlt. Er speiste an der zweiten Tafel. Zuweilen, wenn keine bessere Gesellschaft zu haben war, wurde er allerdings eingeladen, mit seinem Prinzipal Karten zu spielen, und Sir William war dann immer so großmüthig seinem Gegner für den Anfang etwas Silbergeld zu geben.[124] Der bescheidene Student würde es nicht gewagt haben, den Blick zu einer Dame von Familie zu erheben; als er aber Kleriker geworden war, begann er nach Art der damaligen Kleriker einem hübschen Kammermädchen den Hof zu machen, welche die Hauptzierde der Dienerschaft war und deren Name mit dem seinigen in einer traurigen und geheimnißvollen Geschichte unzertrennlich verbunden ist.

Swift erzählte viele Jahre nachher einen Theil dessen was er auf seiner Reise nach Hofe empfand. Sein Lebensmuth war durch Mißgeschick und Demüthigungen gebeugt, ja anscheinend völlig gebrochen worden. Die Sprache, die er seinem Prinzipal gegenüber zu führen pflegte, war, so weit wir es nach den noch vorhandenen Proben beurtheilen können, die eines Lakaien oder vielmehr eines Bettlers.[125] Ein hartes Wort oder ein kalter Blick des Herrn reichte hin, um den Diener auf mehrere Tage unglücklich zu machen.[126] Doch diese Zahmheit war nur die Zahmheit, mit der ein eingefangener, in den Käfig gesperrter und hungriger Tiger sich dem Wärter unterwirft, der ihm Futter bringt. Der demüthige Diener war im Herzen der stolzeste, hochstrebendste, rachsüchtigste und despotischste Mensch von der Welt. Und jetzt eröffnete sich ihm endlich eine weite, unbegrenzte Aussicht. Wilhelm kannte ihn schon ein wenig. In Moor Park war der König zuweilen, wenn die Gicht seinen Wirth an den Krankenstuhl fesselte, von dem Sekretär durch den Park begleitet worden. Se. Majestät hatte geruht, seinem Begleiter zu beschreiben, wie man in Holland den Spargel zu schneiden und zuzubereiten pflegte, und hatte ihn huldreich gefragt, ob Mr. Swift wohl Lust habe, ein Rittmeisterpatent in einem Cavallerieregiment anzunehmen. Jetzt aber sollte der junge Mann zum ersten Male als Rathgeber vor dem Könige stehen. Er erhielt Zutritt in das Privatcabinet Wilhelm’s, überreichte ihm einen Brief von Temple und erläuterte und bekräftigte die in diesem Briefe enthaltenen Argumente in gedrängter Kürze, aber ohne Zweifel mit Klarheit und Gewandtheit. Es sei, sagte er, kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß kurze Parlamente mehr als lange Parlamente geneigt sein würden, in die gerechten Prärogativen der Krone einzugreifen. Das Parlament, welches in der vorhergehenden Generation gegen einen König Krieg geführt, ihn gefangen genommen, ihn in den Kerker, vor Gericht und aufs Schaffot gebracht habe, sei sogar in unseren Annalen vorzugsweise als das Lange Parlament bekannt. Nie würde solches Unheil über die Monarchie gekommen sein, wenn das verhängnißvolle Gesetz nicht existirt hätte, welches diese Versammlung vor Auflösung sicherte.[127] Man muß gestehen, daß in dieser Beweisführung ein Mangel war, den auch ein minder kluger Kopf als Wilhelm leicht entdeckt haben würde. Wenn eine Beschränkung der königlichen Prärogative verderblich geworden war, so bewies dies noch nicht, daß eine andre Beschränkung heilsam sein werde. Daraus, daß ein Souverain ins Verderben gestürzt worden war, weil er sich eines ihm feindlich gesinnten Parlaments nicht hatte entledigen können, folgte noch keineswegs, daß ein andrer Souverain nicht dadurch ins Verderben gestürzt werden konnte, daß er genöthigt war, sich von einem ihm freundlich gesinnten Parlamente zu trennen. Zum großen Verdrusse des Abgesandten vermochten seine Gründe nicht, den Entschluß des Königs zu erschüttern. Am 14. März wurden die Gemeinen ins Oberhaus beschieden; der Titel der Dreijährigkeitsbill wurde verlesen und es wurde der hergebrachten Form gemäß angekündigt, daß der König und die Königin die Sache in Erwägung ziehen wollten. Dann wurde das Parlament prorogirt.