Zustand Irland’s.
Spät in dieser geschäftsreichen und ereignißvollen Session wurde die Aufmerksamkeit der Häuser auf den Zustand Irland’s gelenkt. Die Verwaltung dieses Reiches war während der sechs Monate, welche auf die Uebergabe von Limerick folgten, in einem ungeregelten Zustande gewesen. Erst als die irischen Truppen, welche zu Sarsfield hielten, nach Frankreich abgesegelt waren, und als die, die sich für das Zurückbleiben entschieden hatten, aufgelöst worden waren, erließ Wilhelm endlich eine Proklamation, in der er die Beendigung des Bürgerkrieges feierlich ankündigte. Von der Feindseligkeit der eingeborenen Bevölkerung war bei ihrem jetzigen Mangel an Anführern, Waffen und Organisation nichts weiter zu befürchten als gelegentliche Räubereien und Morde. Aber der Kriegsruf der Irländer war kaum verstummt, als sich auch schon das erste schwache Gemurmel der Engländer vernehmen ließ. Coningsby stand seit einigen Monaten an der Spitze der Verwaltung. Er machte sich der dominirenden Kaste bald im höchsten Grade verhaßt. Er war ein characterloser Mensch, von einer unersättlichen Gier nach Reichthümern beseelt und in einer Stellung, in der ein characterloser Mann leicht zu Reichthümern gelangen konnte. Ungeheure Summen Geldes, ungeheure Massen militärischer Vorräthe waren von England herübergeschickt worden, großartige Confiscationen fanden in Irland statt. Der habsüchtige Gouverneur hatte täglich Gelegenheit zu unterschlagen und zu erpressen, und er benutzte diese Gelegenheiten ohne Gewissensscrupel und ohne Scham. Dies war jedoch in den Augen der Colonisten noch nicht sein größtes Verbrechen. Seine Habgier würden sie ihm noch verziehen haben; aber die Milde, die er gegen ihre besiegten und geknechteten Feinde übte, konnten sie ihm nicht verzeihen. Seine Milde bestand allerdings nur darin, daß er das Geld mehr liebte als er die Papisten haßte, und daß er nicht abgeneigt war, Dem und Jenem von der unterdrückten Klasse ein wenig Gerechtigkeit für einen hohen Preis zu verkaufen. Leider betrachtete die herrschende Minderheit, noch blutend von den Wunden des letzten Kampfes und noch trunken von dem errungenen Siege, die unterjochte Mehrheit als eine Heerde Vieh, oder vielmehr als ein Rudel Wölfe. Der Mensch erkennt dem niedrigen Thiere keine Rechte zu, die sich mit seiner Bequemlichkeit nicht vertragen, und wie der Mensch die unter ihm stehenden Thiere behandelt, so glaubte der Cromwellianer die römischen Katholiken behandeln zu dürfen. Coningsby zog sich daher durch seine wenigen guten Thaten einen ärgeren Sturm von Vorwürfen zu, als durch seine vielen schlechten Thaten. Das Geschrei gegen ihn war so heftig, daß er abberufen werden mußte, und Sidney ging mit der ganzen Macht und dem ganzen Ansehen eines Vicekönigs hinüber, um in Dublin ein Parlament zu halten.[119]
Aber der sanfte Character und die gewinnenden Manieren Sidney’s machten keineswegs einen versöhnenden Eindruck. Er selbst scheint zwar nicht nach unerlaubtem Gewinn gestrebt zu haben; aber er verstand es nicht, mit hinreichend fester Hand den Schwarm der Subalternbeamten zu zügeln, welche durch Coningsby’s Beispiel und Protection ermuthigt worden waren, das Volk auszuplündern und ihre Dienste Supplikanten zu verkaufen. Auch war der neue Vicekönig nicht geneigt, die schwachen Ueberreste der einheimischen Aristokratie hart zu behandeln. Daher wurde er denn sehr bald für die angelsächsischen Colonisten ein Gegenstand des Mißtrauens und des Widerwillens. Sein erster Act war, daß er eine allgemeine Wahl ausschrieb. Die Katholiken waren von jeder Municipalcorporation ausgeschlossen worden; aber kein Gesetz hatte ihnen noch das Grafschaftswahlrecht entzogen. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß kein einziger katholischer Freisasse sich den Wahlorten zu nähern wagte. Die gewählten Mitglieder waren mit wenigen Ausnahmen Männer, die vom Geiste von Enniskillen und Londonderry beseelt waren, einem in der Zeit der Bedrängniß und Gefahr ungemein heldenmüthigen, in der Zeit des Glücks und der Macht aber nur zu oft grausamen und herrschsüchtigen Geiste. Sie verabscheuten den Civiltractat von Limerick und waren entrüstet, als sie erfuhren, daß der Lordlieutenant mit Bestimmtheit die parlamentarische Ratification dieses verhaßten Tractats von ihnen erwartete, eines Tractats, der den Götzendienst der Messe sanctionirte und die guten Protestanten verhinderte, ihre papistischen Nachbarn durch Anstellung von Civilklagen wegen zur Zeit des Kriegs ihnen zugefügter Unbilden zu Grunde zu richten.[120]
Am 5. October 1692 trat das Parlament zu Dublin in Chichester House zusammen. Es war ganz anders zusammengesetzt als die Versammlung, welche im Jahre 1689 denselben Namen getragen hatte. Kaum ein Peer, und nicht ein Mitglied des Hauses der Gemeinen, die in King’s Inns gesessen, war hier zu sehen. Auf den Schwarm der O und Mac, der Nachkommen der ehemaligen Fürsten der Insel, waren Männer gefolgt, deren Namen einen sächsischen Ursprung verriethen. Ein einziger O, ein von dem Glauben seiner Väter Abgefallener, und drei Mac, offenbar Einwanderer aus Schottland und wahrscheinlich Presbyterianer, hatten Sitze in der Versammlung.
Das so zusammengesetzte Parlament besaß damals weniger Befugnisse als die gesetzgebenden Versammlungen von Jamaika oder von Virginien. Die in Dublin tagende Legislatur war nicht blos der absoluten Controle der in Westminster tagenden Legislatur unterworfen, sondern ein im 15. Jahrhundert während der Verwaltung des Lordstellvertreters Poynings erlassenes und nach ihm benanntes Gesetz hatte auch bestimmt, daß keine vom englischen Geheimen Rathe nicht erwogene und genehmigte Bill in einem der beiden irischen Häuser eingebracht und daß jede so berathene und genehmigte Bill entweder ohne Amendement angenommen oder verworfen werden müsse.[121]
Die Session begann mit der feierlichen Anerkennung der Oberherrlichkeit des Mutterlandes. Die Gemeinen ließen sich von ihrem Schriftführer die englische Acte vorlesen, welche von ihnen die Leistung des Suprematseides und die Unterschreibung der Erklärung gegen die Transsubstantiation verlangte. Nachdem sie die Verlesung der Acte angehört, schritten sie sofort zur Befolgung derselben. Dann wurden Adressen votirt, welche dem Könige die innigste Dankbarkeit und Anhänglichkeit aussprachen. Zwei Mitglieder, welche zur Zeit der Unruhen dem protestantischen und englischen Interesse untreu geworden waren, wurden ausgestoßen. Geldsummen, welche im Vergleich zu den Hülfsquellen eines durch jahrelangen Raubkrieg verwüsteten Landes bedeutend waren, wurden gern bewilligt. Aber die Bill zur Bestätigung der Ansiedlungsacte wurde als zu günstig für die eingeborne Gentry erachtet und, da sie nicht amendirt werden durfte, ohne große Umstände verworfen. Ein Ausschuß des ganzen Hauses resolvirte, daß die unverantwortliche Nachsicht, mit der die Irländer seit der Schlacht am Boyne behandelt worden, eine der Hauptursachen der Noth des Landes sei. Ein Beschwerden-Ausschuß hielt täglich bis elf Uhr Abends Sitzung, und die Proceduren dieser Untersuchungscommission beunruhigten das Schloß in hohem Grade. Eine Menge Fälle von grober Feilheit und Schurkerei von Seiten hoher Staatsbeamten wurden ans Licht gezogen, eben so auch viele Beispiele von dem was man damals für eine strafbare Milde gegen die unterjochte Nation hielt. Dieser Papist hatte in die Armee eintreten, jener Papist ein Feuergewehr behalten dürfen; ein dritter hatte ein zu gutes Pferd, ein vierter war gegen Protestanten in Schutz genommen worden, die wegen Unbilden, welche sie in den Jahren der Verwirrung erfahren hatten, Klage erheben wollten. Nachdem der Vicekönig ziemlich so viel Geld bewilligt erhalten hatte als er erwarten durfte, beschloß er diesen unangenehmen Untersuchungen ein Ziel zu setzen. Er wußte jedoch, daß, wenn er sich mit dem Parlamente wegen strengen Verfahrens gegen Peculatoren oder Papisten überwarf, er von England wenig Beistand zu erwarten hatte. Er sah sich daher nach einem Vorwande um und war so glücklich einen zu finden. Die Gemeinen hatten einen Beschluß gefaßt, der mit einigem Anschein von Wahrheit als mit dem Poyningsgesetz unverträglich dargestellt werden konnte. Alles, was wie eine Verletzung dieses wichtigen Fundamentalgesetzes aussah, mußte aller Wahrscheinlichkeit nach jenseit des St. Georgskanals entschiedene Mißbilligung erregen. Der Vicekönig erkannte seinen Vortheil und benutzte ihn. Er begab sich nach Chichester House in die Kammer der Lords, ließ die Gemeinen kommen, gab ihnen einen nachdrücklichen Verweis, beschuldigte sie des pflichtwidrigen und undankbaren Eingreifens in die Rechte des Mutterlandes und machte der Session ein Ende.[122]
Die Gemeinen entfernten sich höchlich aufgebracht über die Strafpredigt, die er ihnen gehalten. Die Beschuldigung, die er gegen sie erhoben, sei ungerecht, sagten sie; sie hegten große Zuneigung und Verehrung für das Land, dem sie entsprossen seien, und erwarteten in vollem Vertrauen Genugthuung von dem obersten Parlamente. Mehrere von ihnen reisten nach London, um sich zu rechtfertigen und den Vicekönig anzuklagen. Sie fanden langes und aufmerksames Gehör bei den Lords wie bei den Gemeinen und wurden aufgefordert, den wesentlichen Inhalt des Gesagten schriftlich aufzusetzen. Die demüthige Sprache der Petenten und ihre Betheuerungen, daß sie nie die Absicht gehabt hätten, das Poyningsstatut zu verletzen oder die Oberherrlichkeit England’s zu bestreiten, verwischten den Eindruck, den Sidney’s Beschuldigung gemacht hatte. Beide Häuser überreichten dem Könige Adressen über den Zustand Irland’s. Sie tadelten keinen Schuldigen mit Namen, sondern sprachen nur die Ansicht aus, daß grobe Verwaltungssünden vorgekommen, daß das Publikum ausgeplündert und daß die Katholiken mit unverantwortlicher Milde behandelt worden seien. Wilhelm versprach ihnen in Antwort darauf, daß etwaige Mißbräuche abgestellt werden sollten. Sein Freund Sidney wurde bald zurückberufen und für den Verlust der viceköniglichen Würde durch den einträglichen Posten des Feldzeugmeisters entschädigt. Die Verwaltung Irland’s wurde auf einige Zeit Lords Justices übertragen, unter denen Sir Heinrich Capel, ein eifriger Whig, der sehr wenig Neigung hatte, gegen die Papisten Nachsicht zu üben, die erste Stelle einnahm.