Montague.
Ein andrer Führer der Whigpartei war Karl Montague. Er wurde oft, nachdem er sich zu Macht, Ehren und Reichthümern erhoben hatte, von denen, die seinen Erfolg beneideten, ein Emporkömmling genannt. Daß sie ihn so nannten, darf uns mit Recht Wunder nehmen, denn nur wenige von den Staatsmännern seiner Zeit konnten einen Stammbaum aufweisen wie der seinige. Er stammte aus einer Familie, die so alt war wie die Eroberung; er hatte Anwartschaft auf den Earlstitel und war väterlicherseits der Vetter dreier Earls. Aber er war der jüngere Sohn eines jüngeren Bruders, und diese Phrase war von jeher seit der Zeit Shakespeare’s und Raleigh’s, und vielleicht schon vor ihrer Zeit sprichwörtlich, um einen Mann zu bezeichnen, der so arm war, daß er zu der niedrigsten Dienstbarkeit verurtheilt oder zu dem verzweifeltsten Abenteuer bereit war.
Karl Montague wurde frühzeitig für den geistlichen Beruf bestimmt, in die Schule zu Westminster aufgenommen und nachdem er sich hier durch seine Geschicklichkeit im lateinischen Versbau ausgezeichnet, nach Cambridge in das Trinity College geschickt. In Cambridge war die Philosophie Des Cartes’ noch immer in den Schulen vorherrschend. Aber einige wenige hervorragende Geister hatten sich von dem großen Haufen getrennt und bildeten ein geziemendes Auditorium um einen weit größeren Lehrer.[61] Unter den vielversprechenden Jünglingen, welche stolz darauf waren, zu den Füßen Newton’s zu sitzen, zeichnete sich der geistreiche und vielseitige Montague aus. Unter einer solchen Leitung machte der junge Student bedeutende Fortschritte in den ernsten Wissenschaften; aber die Poesie war sein Lieblingsstudium, und wenn die Universität ihre Söhne aufforderte, königliche Vermählungen und Leichenbegängnisse zu besingen, wurde es allgemein anerkannt, daß er seine Mitbewerber übertroffen habe. Sein Ruf drang bis nach London, er galt unter den Schöngeistern, welche bei Will ihre Zusammenkünfte hielten, für einen geistreichen jungen Mann, und die reizende Parodie, die er in Gemeinschaft mit seinem Freunde und Studiengenossen Prior auf Dryden’s Hind and Panther schrieb, wurde mit großem Beifall aufgenommen.
Zu dieser Zeit waren alle Wünsche Montague’s auf die Kirche gerichtet. Späterhin, als er ein Peer mit zwölftausend Pfund jährlicher Einkünfte war, als seine Villa an der Themse für den prächtigsten aller Wohnsitze galt, als man von ihm sagte, daß er in Tokaier aus den kaiserlichen Kellern und in Suppen schwelge, die aus ostindischen Vogelnestern bereitet seien, von denen das Stück drei Guineen koste, machte es seinen Feinden Vergnügen, ihn daran zu erinnern, daß es eine Zeit gegeben, wo er sein Einkommen durch literarische Arbeiten auf nicht mehr als fünfzig Pfund gebracht, wo er sich glücklich geschätzt habe, wenn er ein Stück Hammelfleisch und eine Flasche Ale aus den Kellern des Collegiums gehabt, und wo ein Zehntenferkel der größte Luxus gewesen sei, auf den er zu hoffen gewagt habe. Die Revolution kam und gab seinem ganzen Lebensplan eine andre Gestalt. Durch den Einfluß Dorset’s, der ein besonderes Vergnügen daran fand, sich vielversprechender junger Leute anzunehmen, erlangte er einen Sitz im Hause der Gemeinen. Der unbemittelte Gelehrte schwankte jedoch noch immer einige Monate lang zwischen der Politik und der Theologie. Allein es zeigte sich bald deutlich, daß unter der neuen Ordnung der Dinge parlamentarische Geschicklichkeit einen höheren Lohn erzielen müsse als jede andre Geschicklichkeit, und er fühlte, daß ihm in der parlamentarischen Geschicklichkeit Keiner überlegen sei. Er befand sich in der Stellung, zu der ihn die Natur ganz vorzüglich befähigt hatte, und einige Jahre hindurch war sein Leben eine Reihe von Triumphen.
Von ihm, wie von mehreren anderen seiner Zeitgenossen, insbesondere von Mulgrave und Sprat, kann man sagen, daß sein Ruhm durch die Thorheit der Verleger beeinträchtigt worden ist, welche bis auf unsre Zeit darin beharrt haben, seine Verse unter den Werken der britischen Dichter drucken zu lassen. Es vergeht kein Jahr, in welchem nicht Hunderte von Versen, die so gut sind als alle, die er je geschrieben, behufs der Bewerbung um den Newdigate-Preis zu Oxford oder um die Kanzler-Medaille zu Cambridge eingesandt würden. Sein Geist besaß allerdings große Schärfe und Kraft, aber nicht diejenige Schärfe und Kraft, welche große Dramen oder Oden producirt, und man thut ihm sehr Unrecht, wenn man seinen Man of Honour und seine Epistle on the Battle of the Boyne dem Comus und Alexander’s Feast zur Seite stellt. Andere ausgezeichnete Staatsmänner, wie Walpole, Pulteney, Chatham, Fox, schrieben Verse, die nicht besser waren als die seinigen. Aber zum Glück für sie wurden ihre metrischen Werke nie für würdig gehalten, in eine Sammlung unserer nationalen Klassiker aufgenommen zu werden.
Es ist seit langer Zeit gebräuchlich, die Phantasie in der Gestalt eines Flügels darzustellen und die gelungenen Aeußerungen der Phantasie Flüge zu nennen. Der eine Dichter ist ein Adler, der andre ein Schwan, der dritte vergleicht sich bescheidentlich mit der Biene. Aber keine dieser bildlichen Bezeichnungen würde auf Montague gepaßt haben. Man kann sein Genie mit dem Flügel vergleichen, der zwar zu schwach ist, den Strauß in die Lüfte zu erheben, ihn aber in den Stand setzt, während er auf der Erde bleibt, Hund, Pferd und Dromedar zu überholen. Wenn ein Mann, der diese Art Genie besitzt, den Himmel der Erfindung zu ersteigen versucht, so macht er sich durch seine mühsamen und erfolglosen Anstrengungen lächerlich. Wenn er sich aber damit begnügt, in der irdischen Thätigkeitssphäre zu bleiben, so wird er finden, daß die Fähigkeiten, die ihn nicht in den Stand setzen würden, sich in eine höhere Sphäre emporzuschwingen, es ihm möglich machen, in der niederen alle seine Rivalen hinter sich zu lassen. Als Dichter hätte Montague sich niemals über die Gewöhnlichkeit erheben können. Im Hause der Gemeinen aber, das jetzt rasch die höchste Behörde im Staate wurde und seine Gewalt über einen Zweig der ausübenden Verwaltung nach dem andren ausdehnte, erlangte der junge Glücksritter bald eine ganz andre Stellung, als die, welche er unter den Literaten einnimmt. In seinem dreißigsten Jahre würde er mit Freuden alle seine Lebensaussichten für ein anständiges Vikariat und ein Kaplansmäntelchen hingegeben haben. Mit siebenunddreißig Jahren war er erster Lord des Schatzes, Kanzler der Schatzkammer und Mitglied des Regentschaftsrathes des Königreichs, und diese hohe Stellung verdankte er keineswegs der Gunst, sondern lediglich der unbestreitbaren Ueberlegenheit seiner Talente für die Verwaltung und für die Debatte.
Die außerordentliche Geschicklichkeit, mit der er zu Anfang des Jahres 1692 die Conferenz über die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen leitete, stellte ihn mit einem Male in die erste Reihe der parlamentarischen Redner. Er stand bei dieser Gelegenheit einer Menge erfahrener, durch ihre Beredtsamkeit berühmter Senatoren, wie Halifax, Rochester, Nottingham und Mulgrave gegenüber, und er erwies sich als ihnen allen ebenbürtig. Nicht lange so erhielt er einen Sitz im Schatzamte, und hier gewahrte der scharfsinnige und erfahrene Godolphin bald, daß sein junger College sein Meister war. Als Somers das Haus der Gemeinen verlassen, hatte Montague keinen Nebenbuhler mehr darin. Sir Thomas Littleton, einst als der gewandteste Redner und Geschäftsmann unter den whiggistischen Mitgliedern ausgezeichnet, begnügte sich, unter seinem jüngeren Collegen zu dienen. Noch heute können wir in vielen Zweigen unsres Finanz- und Handelssystems Spuren von Montague’s scharfem Verstande und kühnem Geiste erkennen. Seine bittersten Feinde konnten nicht leugnen, daß einige von den Auskunftsmitteln, die er vorgeschlagen, sich als höchst wohlthätig für die Nation erwiesen hatten. Aber es wurde behauptet, diese Auskunftsmittel seien nicht in seinem eignen Kopfe entstanden. In hundert Pamphlets wurde er die Krähe mit geborgten Federn genannt. Er habe, versicherte man, die Idee zu jedem seiner großen Pläne aus den Schriften oder Reden eines genialen Theoretikers entlehnt. Dieser Vorwurf war eigentlich gar kein Vorwurf. Wir dürfen wohl kaum erwarten, in einem und demselben menschlichen Wesen die Talente, welche nöthig sind, um neue Erfindungen in der Staatswissenschaft zu machen, mit den Talenten gepaart zu finden, welche von zahlreichen und tumultuarischen Versammlungen die Zustimmung zu großen praktischen Reformen erlangen. Zu gleicher Zeit ein Adam Smith und ein Pitt zu sein, ist fast unmöglich. Es ist gewiß des Lobenswerthen genug bei einem thätigen Staatsmanne, wenn er die Theorien Anderer anzuwenden versteht, wenn er unter den Plänen zahlloser Projectenmacher gerade denjenigen herausfindet, der gebraucht wird und ausführbar ist, wenn er ihm eine solche Gestalt zu geben weiß, daß er dem Drange der Umstände und den Launen des Volks entspricht, wenn er ihn gerade in dem Augenblicke vorschlägt, wo er die meiste Aussicht hat, günstig aufgenommen zu werden, wenn er ihn siegreich gegen alle Widersacher vertheidigt, und wenn er ihn mit Umsicht und Energie ins Werk setzt, und auf dieses Lob hat kein englischer Staatsmann begründeteren Anspruch als Montague.
Es ist ein schlagender Beweis von seiner Selbstkenntniß, daß er von dem Augenblicke an, wo er sich im öffentlichen Leben auszuzeichnen begann, aufhörte ein Versemacher zu sein. Nachdem er Lord des Schatzes geworden war, scheint er kein einziges Couplet mehr geschrieben zu haben, mit Ausnahme einiger gut abgefaßter Zeilen als Inschriften auf eine Anzahl Trinkspruchgläser, welche den berühmtesten Whigschönheiten seiner Zeit verehrt wurden. Er beschloß wohlweislich, aus den Dichtungen Anderer einen Ruhm zu schöpfen, den er aus seinen eigenen nie geschöpft haben würde. Als Beschützer des Genies und der Gelehrsamkeit steht er auf gleicher Stufe mit seinen beiden berühmten Freunden, Dorset und Somers. Seine Freigebigkeit kam der ihrigen völlig gleich, und wenn er ihnen auch in der Feinheit des Geschmacks nachstand, so gelang es ihm doch, seinen Namen untrennbar mit einigen Namen zu verknüpfen, welche so lange dauern werden wie unsre Sprache.
Es muß jedoch auch zugegeben werden, daß Montague neben glänzenden Talenten und vielen Ansprüchen auf die Dankbarkeit seines Vaterlandes große Fehler besaß und leider Fehler nicht von der edelsten Art. Sein Kopf war nicht stark genug, um die hastige Eile seines Emporsteigens und die Höhe seiner Stellung ohne Schwindelanfälle zu ertragen. Er wurde widerlich anmaßend und eitel. Er war nur zu oft kalt gegen seine alten Freunde und prahlte nur zu gern mit seinen neuerworbenen Reichthümern. Vor Allem war er unersättlich nach Lob und es gefiel ihm um so besser, je plumper und übertriebener es war. Im Jahre 1693 waren jedoch diese Fehler noch nicht so schreiend, als sie es einige Jahre später wurden.