Wharton.

Mit Russell, Somers und Montague war ein Vierteljahrhundert lang ein vierter Whig eng verbunden, der im Character mit keinem von ihnen große Aehnlichkeit hatte. Dies war Thomas Wharton, der älteste Sohn Philipp’s, Lord Wharton. Thomas Wharton ist im Laufe dieser Erzählung schon häufig genannt worden; aber es ist jetzt Zeit ihn ausführlicher zu schildern. Er stand in seinem siebenundvierzigsten Jahre, war aber in Bezug auf Körperconstitution, Aussehen und Manieren noch ein junger Mann. Selbst Diejenigen, die ihn am gründlichsten haßten — und Niemand wurde gründlicher gehaßt — räumten ein, daß seine natürlichen Anlagen vortrefflich und daß er zum Reden wie zum Handeln in gleichem Grade befähigt sei. Sein Rang und seine Talente machten ihn zu einer so hervorragenden Persönlichkeit, daß wir an ihm den Ursprung und das Fortschreiten einer moralischen Verderbtheit, die unter seinen Zeitgenossen epidemisch war, deutlich zu erkennen vermögen.

Er war in den Tagen des Covenants geboren und war der Erbe eines dem Covenant angehörenden Hauses. Sein Vater war als ein Verbreiter calvinistischer Schriften und als ein Beschützer der calvinistischen Geistlichen bekannt. Seine ersten Knabenjahre brachte er unter Genfer Kragen, schlichten Haartouren, verdrehten Augen, näselndem Psalmengesange und dreistündigen Predigten zu. Schauspiele und Gedichte, Jagd und Tanz waren durch die strenge Hausordnung seiner frommen Familie verdammt. Die Früchte dieser Erziehung traten zu Tage, als der heißblütige und geistvolle junge Patrizier das düstere Haus seiner puritanischen Eltern mit dem heiteren und üppigen London der Restauration vertauschte. Die ausschweifendsten Cavaliere schauderten über die Ausschweifung des emancipirten Rigoristen. Er erwarb sich frühzeitig den Ruf, der größte Wüstling in England zu sein und behauptete diesen Ruf bis an sein Ende. Der Sklave des Weines wurde er zwar nie und er bediente sich desselben hauptsächlich nur zu dem Zwecke, um sich zum Beherrscher seiner Genossen zu machen. Aber bis an das Ende seines Lebens waren die Frauen und Töchter seiner nächsten Freunde nicht sicher vor seinen unzüchtigen Plänen. Die Unsittlichkeit seiner Unterhaltung erregte selbst zur damaligen Zeit Erstaunen. Der Religion seines Vaterlandes fügte er aus bloßem gottlosen Muthwillen Beleidigungen zu, die zu empörend sind, als daß man sie näher bezeichnen könnte. Seine Lügenhaftigkeit und seine Frechheit wurden sprichwörtlich. Von allen Lügnern seiner Zeit log er am gewandtesten, am erfinderischsten und am umständlichsten. Den Begriff Scham schien er gar nicht zu kennen. Kein Vorwurf, mochte auch der beißendste Witz ihn geschärft und gespitzt haben, schien einen Eindruck auf ihn zu machen. Große Satyriker, die von bitterem persönlichen Hasse gegen ihn beseelt waren, erschöpften ihre ganze Kraft in Angriffen auf ihn. Sie überhäuften ihn mit heftigen Schmähungen und mit noch heftigeren Verhöhnungen; aber sie überzeugten sich, daß weder Schmähungen noch Hohn ihm mehr als ein ungezwungenes Lächeln oder einen scherzhaften Fluch entlocken konnten, und sie warfen endlich die Peitschen fort und gaben zu, daß es unmöglich sei, ihm Gefühl beizubringen. Daß er bei solchen Fehlern eine große Rolle im Leben spielen, bei zahlreichen Wahlen durch seine persönliche Popularität über die furchtbarsten Gegner siegen, einen starken Anhang im Parlamente haben und sich zu den höchsten Staatsämtern emporschwingen konnte, scheint unbegreiflich. Aber er lebte zu einer Zeit, wo der Parteigeist fast an Wahnsinn grenzte und er besaß in seltenem Grade die Eigenschaften eines Parteiführers. Ein einziges Band gab es, das er achtete. In allen Beziehungen bis auf eine der falscheste Mensch von der Welt, war er der treueste aller Whigs. Den religiösen Ansichten seiner Familie hatte er schon frühzeitig mit Verachtung entsagt; den politischen Meinungen seiner Familie aber blieb er durch alle Versuchungen und Gefahren eines halben Jahrhunderts treu. In kleinen wie in großen Dingen zeigte sich beständig seine Hingebung für seine Partei. Er besaß das schönste Gestüt in England und es war sein größtes Vergnügen, Wetten gegen Tories zu gewinnen. Zuweilen, wenn man in einer entfernten Grafschaft zuversichtlich erwartete, daß das Pferd eines hochkirchlichen Squires das erste auf der Rennbahn sein werde, kam noch am Vorabend des Rennens Wharton’s Careleß, der in Newmarket nur aus Mangel an Mitbewerbern zu rennen aufgehört, oder Wharton’s Gelding an, für den Ludwig XIV. vergebens tausend Pistolen geboten hatte. Ein Mann, dessen bloßes Sportvergnügen von dieser Art war, gab wenig Hoffnung, auch in einem ernsten Kampfe leicht geschlagen zu werden. Einen solchen Meister in der ganzen Kunst der Wahlumtriebe hatte England noch nie gesehen. Buckinghamshire war seine specielle Provinz, und dort herrschte er ohne Nebenbuhler. Aber seine Fürsorge erstreckte sich auch auf die whiggistischen Interessen von Yorkshire, Cumberland, Westmoreland und Wiltshire. Zuweilen waren zwanzig, ja dreißig Parlamentsmitglieder von ihm ernannt. Als Stimmenwerber war er unwiderstehlich. Er vergaß nie ein Gesicht, das er einmal gesehen hatte. Ja in den Städten, in denen er seinen Einfluß zu befestigen wünschte, erinnerte er sich nicht allein der Wähler, sondern auch ihrer Familien. Seine Gegner erstaunten über die Stärke seines Gedächtnisses und über die Leutseligkeit seines Benehmens und gaben zu, daß es unmöglich sei gegen einen vornehmen Mann zu kämpfen, der den Schuhmacher bei seinem Taufnamen nannte, der gewiß war, daß des Fleischers Tochter zu einem schönen Mädchen herangewachsen sei und der sich angelegentlich danach erkundigte, ob des Hufschmieds jüngster Bube Hosen bekommen habe. Durch derartige Kunstgriffe machte er sich so beliebt, daß seine Reisen zu den Quartalsitzungen von Buckinghamshire königlichen Lustreisen glichen. In jedem Dorfe, durch das er kam, wurden die Glocken geläutet und ihm Blumen gestreut. Man glaubte allgemein, daß er im Laufe seines Lebens auf seine parlamentarischen Interessen nicht weniger als achtzigtausend Pfund verwendet habe, eine Summe, die nach Verhältniß des Werthes des Grundbesitzes dreimalhunderttausend Pfund in unsrer Zeit gleichkommend betrachtet werden muß.

Der wichtigste Dienst, den Wharton der Whigpartei leistete, bestand jedoch im Anwerben von Rekruten aus der jungen Aristokratie. Er war ein eben so geschickter Stimmenwerber unter den gestickten Röcken im Saint James-Kaffeehause, wie unter den Schurzfellen zu Wycombe und Aylesbury. Er warf sein Auge auf jeden jungen Mann von Stande, der majorenn wurde, und es war für einen solchen jungen Mann nicht leicht, den Kunstgriffen eines vornehmen, beredtsamen und reichen Schmeichlers zu widerstehen, der jugendliche Lebhaftigkeit mit großer Verschlagenheit und langjähriger Erfahrung in den eleganten Gesellschaftskreisen verband. Es war gleichgültig, was der Novize vorzog, ob die Galanterie oder die Sportvergnügungen, den Würfelbecher oder die Flasche; Wharton entdeckte sehr bald die vorherrschende Leidenschaft, bot Theilnahme, Rath und Beistand an, und während er nur der Diener der Vergnügungen seines Schülers zu sein schien, sicherte er sich die Stimme desselben.

Die Partei, deren Interessen Wharton mit so viel Muth und Beständigkeit seine Zeit, sein Vermögen, seine Talente und selbst seine Laster widmete, beurtheilte ihn, was auch sehr natürlich war, viel zu nachsichtig. Er war weit und breit unter dem ganz unverdienten Namen des ehrlichen Tom bekannt. Einige fromme Männer, zum Beispiel Burnet und Addison, drückten ein Auge zu über das Aergerniß, das er gab, und sprachen wenn auch nicht mit Achtung, so doch mit Wohlwollen von ihm. Ein höchst geistreicher und gebildeter Whig, der dritte Earl von Shaftesbury, Verfasser der „Characteristiken”, nannte Wharton den räthselhaftesten aller Menschen, ein seltsames Gemisch des Besten und Schlimmsten, privater Sittenlosigkeit und öffentlicher Tugend, und gestand offen, daß er nicht begreifen könne, wie ein in jeder Beziehung, außer in der Politik, völlig grundsatzloser Mensch in der Politik treu wie Stahl sein konnte. Doch gerade das was in den Augen der einen Partei Wharton’s Fehler mehr als zur Hälfte ausglich, schien sie in den Augen der andren Partei sämmtlich zu erschweren. Die Meinung, welche die Tories von ihm hatten, ist in einer einzigen Zeile ausgedrückt, die der talentvollste Mann dieser Partei nach seinem Tode schrieb: „Er war der universellste Schurke, den ich je kennen gelernt habe.”[62] Wharton’s politische Gegner lechzten nach seinem Blute und machten wiederholte Versuche es zu vergießen. Wäre er nicht ein Mann von unerschütterlicher Kaltblütigkeit, von unerschrockenem Bluthe und von vollendeter Fertigkeit in Führung der Waffen gewesen, so würde er kein hohes Alter erreicht haben. Aber weder Zorn noch Gefahr beraubten ihn jemals seiner Geistesgegenwart; er war ein unvergleichlicher Fechter, und er besaß eine besondere Geschicklichkeit darin, Gegner zu entwaffnen, die alle Duellanten seiner Zeit beneideten. Seine Freunde sagten, er habe nie Jemanden zum Zweikampfe herausgefordert, habe nie eine Herausforderung zurückgewiesen, habe nie einen Gegner getödtet und habe sich doch nie geschlagen, ohne das Leben seines Gegners in seinen Händen zu haben.[63]

Die vier Männer, welche ich hier geschildert habe, glichen einander so wenig, daß man sich wundern muß, wie sie jemals in Uebereinstimmung mit einander handeln konnten. Gleichwohl handelten sie viele Jahre lang in vollkommenster Uebereinstimmung. Sie stiegen mehr als ein Mal und fielen mehr als ein Mal zusammen. Aber ihre Einigkeit dauerte so lange, bis der Tod sie löste. So wenig Achtung einige von ihnen verdienten, keinen von ihnen kann man beschuldigen, daß er gegen seine Brüder von der Junta falsch gewesen wäre.