Operationen im Mittelländischen Meere.
Inzwischen leistete Russell’s Flotte der gemeinsamen Sache gute Dienste. Widrige Winde hatten seine Einfahrt durch die Meerenge so lange verzögert, daß er erst Mitte Juli Carthagena erreichte. Indessen hatten die Fortschritte der französischen Waffen selbst bis in das Eskurial Schrecken verbreitet. Noailles hatte an den Ufern des Tar eine Armee unter den Befehlen des Vicekönigs von Catalonien geschlagen, und an dem Tage, an welchem dieser Sieg erfochten wurde, hatte sich das Brester Geschwader in der Rosasbai mit dem Touloner Geschwader vereinigt. Palamos, gleichzeitig zu Lande und zur See angegriffen, wurde mit Sturm genommen. Gerona kapitulirte nach schwachem Widerstande. Ostalric ergab sich auf die erste Aufforderung. Barcelona würde aller Wahrscheinlichkeit nach auch gefallen sein, hätten die französischen Admiräle nicht erfahren, daß der Sieger von La Hogue sich nähere. Sie verließen sogleich die Küste von Catalonien und hielten sich nicht eher für sicher, als bis sie unter dem Schutze der Batterien von Toulon waren.
Die spanische Regierung sprach ihren warmen Dank für diesen rechtzeitigen Beistand aus und machte dem englischen Admiral einen Juwel zum Geschenk, dessen Werth allgemein auf zwanzigtausend Pfund Sterling geschätzt wurde. Es hielt nicht schwer, einen solchen Juwel unter der Masse kostbarer Kleinodien zu finden, welche Karl V. und Philipp II. einem entarteten Geschlecht hinterlassen hatten. In Allem, was den wahren Reichthum eines Staates bildet, war jedoch Spanien sehr arm. Seine Schatzkammer war leer, seine Arsenale waren nicht gefüllt, seine Schiffe waren so verfallen, daß sie bei dem Abfeuern ihrer eigenen Geschütze aus den Fugen zu gehen drohten. Seine zerlumpten und verhungerten Soldaten mischten sich oft unter den Bettlerschwarm an den Thüren der Klöster und schlugen sich da um eine Suppe und eine Brotrinde. Russell erfuhr die Prüfungen, denen kein englischer Befehlshaber entgangen ist, den sein Unstern dazu verurtheilte, in Verbindung mit Spanien zu operiren. Der Vicekönig von Catalonien versprach Viel, that Nichts und erwartete Alles. Er erklärte, daß dreihundertfunfzigtausend Rationen zur Vertheilung an die vor Carthagena liegende Flotte bereit seien. Es ergab sich jedoch, daß alle Magazine dieses Hafens nicht soviel Lebensmittel enthielten, um eine einzige Fregatte auf eine einzige Woche zu verproviantiren. Gleichwohl glaubte Se. Excellenz das Recht zu haben, sich darüber zu beschweren, daß England außer der Flotte nicht auch eine Armee geschickt habe, und daß der ketzerische Admiral es nicht für gut fand, die Flotte durch Angreifen der Franzosen unter den Kanonen von Toulon der gänzlichen Vernichtung auszusetzen. Russell beschwor die spanischen Behörden, die Thätigkeit auf ihren Schiffswerften zu beschleunigen und Alles aufzubieten, um für nächstes Frühjahr ein kleines Geschwader zu stellen, das wenigstens seetüchtig sei; aber er konnte sie nicht dazu bewegen, ein einziges Schiff auszubessern. Nur mit Mühe und unter harten Bedingungen erlangte er die Erlaubniß, einige seiner Kranken in die Marinehospitäler an der Küste zu schicken. Doch trotz aller Verlegenheiten, die ihm die Bornirtheit und Undankbarkeit einer Regierung bereitete, welche ihren Alliirten jederzeit mehr Schaden zugefügt hat als ihren Feinden, machte er seine Sache gut. Es ist nicht mehr als recht und billig, wenn man sagt, daß von dem Augenblicke an, wo er erster Lord der Admiralität wurde, eine entschiedene Besserung in der Marineverwaltung eintrat. Obgleich er mit seiner Flotte viele Monate lang in der Nähe einer ungastlichen Küste und in weiter Entfernung von England lag, kamen keine Klagen über die Qualität oder Quantität der Lebensmittel vor. Die Mannschaften hatten bessere Speisen und Getränke, als sie je zuvor gehabt; Bequemlichkeiten, welche Spanien nicht darbot, wurden vom Hause herbeigeschafft, und dennoch war der Kostenaufwand nicht größer als zu Torrington’s Zeiten, wo der Matrose mit verfaultem Zwieback und mit verdorbenem Biere vergiftet wurde.
Da fast die ganze französische Seemacht im Mittelländischen Meere war und da zu erwarten stand, daß in folgendem Jahre ein Versuch auf Barcelona gemacht werden würde, so erhielt Russell den Befehl, in Cadix zu überwintern. Im October segelte er nach diesem Hafen ab und hier betrieb er die Ausbesserung seiner Schiffe mit einer Thätigkeit, die den spanischen Beamten, welche die elenden Ueberreste der einst größten Flotte der Welt ruhig vor ihren Augen verfaulen ließen, unbegreiflich war.[117]