Sunderland.
Der Staatsmann, welcher den Hauptantheil an der Bildung des ersten englischen Ministeriums hatte, war einst nur zu bekannt gewesen, hatte sich aber lange vor den Augen der Oeffentlichkeit verborgen und war erst kürzlich wieder aus dem Dunkel hervorgetreten, indem man erwartet hatte, daß er den Rest seines schmachvollen und unglücklichen Lebens zubringen werde. Während der Periode allgemeinen Schreckens und allgemeiner Verwirrung, welche auf Jakob’s Flucht folgte, war Sunderland verschwunden. Es war hohe Zeit, denn von allen Agenten der gestürzten Regierung war er, mit alleiniger Ausnahme Jeffreys’, der Nation am meisten verhaßt. Nur Wenige wußten, daß Sunderland insgeheim gegen die Beraubung des Magdalenencollegiums und die gerichtliche Verfolgung der Bischöfe gestimmt hatte; Jedermann aber wußte, daß er zahlreiche, von Gesetzen dispensirende Dokumente unterzeichnet, daß er in der Hohen Commission gesessen hatte, daß er, sei es wirklich oder nur zum Schein, Papist geworden und daß er, wenige Tage nach seinem Abfall, in Westminster Hall als Zeuge gegen die unterdrückten Väter der Kirche aufgetreten war. Allerdings hatte er viele Verbrechen durch ein neues Verbrechen gesühnt, das schändlicher war als alle übrigen. Sobald er Ursache hatte zu glauben, daß der Tag der Befreiung und Vergeltung bevorstehe, hatte er durch einen sehr geschickten und rechtzeitigen Verrath seine Begnadigung erlangt. Während der letzten drei Monate vor der Ankunft des holländischen Geschwaders bei Torbay hatte er der Sache der Freiheit und der protestantischen Religion Dienste geleistet, deren Schändlichkeit, aber auch Nützlichkeit schwerlich zu hoch angeschlagen werden kann. Ihm hauptsächlich hatte man es zu verdanken, daß in dem kritischesten Momente unsrer Geschichte nicht eine französische Armee die batavische Grenze bedrohte und eine französische Flotte an den englischen Küsten kreuzte. Wilhelm durfte sich, ohne einen Schatten auf seine eigne Ehre zu werfen, nicht weigern einen Mann zu protegiren, den er zu benutzen keinen Anstand genommen hatte. Es war jedoch selbst für Wilhelm keine leichte Aufgabe, dieses schuldbeladene Haupt gegen den ersten Ausbruch der Volkswuth zu schützen. Denn selbst diejenigen extremen Politiker beider Parteien, die in sonst nichts übereinstimmten, stimmten in dem Rachegeschrei gegen den Renegaten überein. Die Whigs haßten ihn als den Erbärmlichsten unter den Sklaven, welche der vorigen Regierung gedient hatten, und die Jakobiten als den Schändlichsten unter den Verräthern, durch die sie gestürzt worden war. Wäre er in England geblieben, so würde er wahrscheinlich von der Hand des Scharfrichters gestorben sein, wenn nicht der Pöbel dem Scharfrichter noch zuvorkam. In Holland aber hatte ein vom Statthalter begünstigter politischer Flüchtling einige Hoffnung, unbelästigt zu existiren. Nach Holland floh Sunderland, als Frau verkleidet, wie man sagt, und seine Gattin begleitete ihn. In Rotterdam, einer dem Hause Oranien ergebenen Stadt, hielt er sich für sicher. Aber die Behörde war nicht in alle Geheimnisse des Prinzen eingeweiht und einige diensteifrige Engländer versicherten ihr, Se. Hoheit werde sehr erfreut sein, wenn er die Verhaftung des papistischen Schuftes, des Judas erführe, dessen Erscheinen auf Tower Hill ganz London mit Ungeduld erwarte. Sunderland wurde ins Gefängniß geworfen und blieb darin bis der Befehl zu seiner Freilassung von Whitehall kam. Er begab sich nun nach Amsterdam und wechselte dort abermals seine Religion. Sein zweiter Abfall erbaute seine Gattin eben so sehr, wie sein erster Abfall seinen Gebieter erbaut hatte. Die Gräfin schrieb an ihre frommen Freunde in England, um ihnen zu versichern, daß das Herz ihres armen geliebten Gemahls endlich wirklich von der göttlichen Gnade berührt worden sei und daß sie sich bei all’ ihrem Kummer getröstet fühle, da sie einen so aufrichtigen Convertiten in ihm sähe. Wir dürfen jedoch, ohne die Pflicht der christlichen Liebe zu verletzen, wohl annehmen, daß er noch immer der nämliche falsche und verstockte Sunderland war, der wenige Monate zuvor durch die Ableugnung des Daseins Gottes Bonrepaux mit Schaudern erfüllt und zu gleicher Zeit durch das Vorgeben, daß er an die Transsubstantiation glaube, Jakob’s Herz gewonnen hatte. Bald darauf veröffentlichte der Verbannte eine Apologie seiner Handlungsweise. Bei genauer Untersuchung dieser Apologie findet man, daß sie lediglich auf das Bekenntniß hinausläuft, daß er eine Reihe von Verbrechen begangen habe, um Jakob’s Gunst zu erlangen, und eine andre Reihe von Verbrechen, um nicht in Jakob’s Sturz hineingezogen zu werden. Der Verfasser schließt mit der Bemerkung, daß er beabsichtige, den Rest seines Lebens in Bußübungen und Gebet zuzubringen. Er zog sich bald von Amsterdam nach Utrecht zurück und machte sich dort durch seinen regelmäßigen und andächtigen Besuch des Gottesdienstes hugenottischer Prediger bemerkbar. Wenn man seinen Briefen und denen seiner Gattin glauben darf, so hatte er dem Ehrgeize für immer entsagt. Er sehnte sich zwar danach, aus der Verbannung zurückzukehren, nicht um wieder die Gunstbezeigungen der Krone genießen und spenden zu können, nicht damit er seine Vorzimmer wieder mit dem täglichen Schwarme von Bittstellern gefüllt sähe, sondern nur um die Wiesen, die Bäume und die Familiengemälde seines Landsitzes wiederzusehen. Sein einziger Wunsch war, sein ruheloses Leben in Althorpe beschließen zu dürfen, und er wollte seinen Kopf zum Pfande setzen, daß er die Umhegungen seines Parks nie wieder verließ.[53]
So lange das während der Erledigung des Thrones gewählte Haus der Gemeinen eifrig mit dem Proscriptionswerke beschäftigt war, durfte er es nicht wagen, sich in England zu zeigen. Als aber diese Versammlung nicht mehr existirte, glaubte er sich sicher. Wenige Tage nachdem die Begnadigungsacte auf den Tisch der Lords niedergelegt worden war, kehrte er zurück. Von der Wohlthat dieser Acte war er speciell ausgeschlossen; aber er wußte sehr gut, daß er jetzt nichts zu fürchten hatte. Er begab sich heimlich nach Kensington, erlangte Zutritt ins königliche Cabinet, hatte eine zwei Stunden dauernde Audienz, und zog sich dann auf seinen Landsitz zurück.[54]
Viele Monate lang führte er ein eingezogenes Leben und hatte keine Wohnung in London. Einmal, im Frühjahr 1691, zeigte er zum großen Erstaunen des Publikums sein Gesicht im Hofzirkel und wurde freundlich aufgenommen.[55] Er scheint gefürchtet zu haben, daß sein Wiedererscheinen im Parlamente ihm einen eklatanten Affront zuziehen möchte. Er schlich sich daher wohlweislich in der stillen Jahreszeit an einem Tage bis zu welchem die Häuser auf königlichen Befehl vertagt waren und an welchem sie sich nur versammelten, um wieder vertagt zu werden, nach Westminster, hatte gerade noch so viel Zeit, sich vorzustellen, die Eide zu leisten, die Erklärung gegen die Transsubstantiation zu unterzeichnen und seinen Sitz einzunehmen. Keiner von den wenigen anwesenden Peers fand Gelegenheit, eine Bemerkung zu machen.[56] Erst im Jahre 1692 begann er den Sitzungen wieder regelmäßig beizuwohnen. Er schwieg; aber geschwiegen hatte er jederzeit in zahlreichen Versammlungen, selbst als er auf dem Höhepunkte der Macht stand. Seine Talente waren nicht die eines öffentlichen Redners. Die Kunst, in der er Jeden übertraf, war die Kunst des Flüsterns. Sein Takt, sein Scharfblick für individuelle Schwächen, seine freundlichen Manieren, seine Gabe, sich einzuschmeicheln, und vor Allem seine anscheinende Freimüthigkeit, machten ihn in der Privatconversation unwiderstehlich. Durch diese Eigenschaften hatte er Jakob beherrscht, und wollte nun damit Wilhelm beherrschen.
Es war zwar nicht leicht Wilhelm zu beherrschen; aber Sunderland erlangte doch einen solchen Grad von Gunst und Einfluß, daß es großes Erstaunen und selbst einigen Unwillen erregte. Allerdings war kaum ein Geist stark genug, um dem Zauber seiner Rede und seines Benehmens zu widerstehen. Jedermann ist geneigt an die Dankbarkeit und Anhänglichkeit auch der werthlosesten Menschen zu glauben, denen er große Wohlthaten erzeigt hat. Es kann daher kaum auffallen, daß der geschickteste aller Schmeichler ein geneigtes Ohr fand, als er mit allen äußeren Zeichen tiefer Bewegtheit um die Erlaubniß bat, alle seine Geisteskräfte dem Dienste des hochherzigen Beschützers zu widmen, dem er Vermögen, Freiheit und Leben verdankte. Es ist jedoch deshalb nicht anzunehmen, daß der König sich täuschen ließ. Er wird mit gutem Grunde geglaubt haben, daß zwar auf Sunderland’s Betheuerungen nicht viel zu geben war, daß er aber um so mehr Vertrauen in seine Stellung setzen konnte, und Sunderland erwies sich im Ganzen wirklich als ein treuerer Diener wie ein minder verderbter Mann es hätte sein können. Er that zwar in aller Stille einige schüchterne Schritte zu einer Aussöhnung mit Jakob, allein man darf mit Gewißheit behaupten, daß, selbst wenn diese Schritte freundlich aufgenommen worden wären — und sie scheinen sehr unfreundlich aufgenommen worden zu sein — der zwiefache Renegat der jakobitischen Sache nie einen wirklichen Dienst geleistet haben würde. Er wußte recht gut, daß er etwas gethan hatte, was in Saint-Germains als unverzeihlich betrachtet werden mußte. Nicht daß er blos verrätherisch und undankbar gewesen wäre, Marlborough war eben so verrätherisch und undankbar gewesen, und Marlborough hatte Verzeihung erlangt. Aber Marlborough hatte sich nicht der gottlosen Heuchelei schuldig gemacht, die äußeren Zeichen einer Bekehrung zur Schau zu tragen. Marlborough hatte nicht vorgegeben, durch die Argumente der Jesuiten überzeugt, durch die göttliche Gnade berührt worden zu sein, sich nach der Aufnahme in den Schooß der allein wahren Kirche zu sehnen. Marlborough hatte nicht, als der Papismus überwiegend war, sich bekreuzigt, gebeichtet, Buße gethan, das heilige Abendmahl in Einer Gestalt genommen, war nicht, sobald ein Wechsel des Glückes eintrat, abermals abgefallen und hatte nicht der ganzen Welt erklärt, daß, als er im Beichtstuhl gekniet und die Hostie empfangen, er den König und die Priester nur ausgelacht habe. Sunderland’s Verbrechen war ein solches, das Jakob nie vergeben konnte, und ein Verbrechen, das Jakob nie vergeben konnte, war in gewissem Sinne eine Empfehlung bei Wilhelm. Der Hof, ja selbst der Staatsrath waren mit Männern angefüllt, welche hoffen konnten, ihr Glück zu machen, wenn der verbannte König wieder auf den Thron gesetzt wurde. Sunderland aber hatte sich keinen Rückzug gesichert, er hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen. Er war gegen den Einen so falsch gewesen, daß er nothgedrungen dem Andren treu sein mußte. Daß er in der Hauptsache der Regierung, die ihn jetzt beschützte, treu war, steht kaum zu bezweifeln, und da er treu war, konnte er nur nützlich sein. Er war in einigen Beziehungen ganz vorzüglich geeignet, damals ein Rathgeber der Krone zu sein, denn er besaß gerade die Talente und Kenntnisse, an denen es Wilhelm fehlte. Die Beiden zusammen würden einen vollendeten Staatsmann ausgemacht haben. Der Gebieter war fähig, große Pläne zu entwerfen und auszuführen, aber er vernachlässigte die kleinen Kunstgriffe, in denen der Diener sich auszeichnete. Der Gebieter sah weiter als andere Menschen; aber das Nahe sah Niemand so deutlich als der Diener. Der Gebieter war zwar in der Politik der großen Völkergemeinschaft gründlich erfahren, lernte aber die Politik seines eigenen Landes niemals genau kennen. Der Diener war mit der Stimmung und der Organisation der englischen Parteien so wie mit den starken und schwachen Seiten des Characters jedes angesehenen Engländers wohl vertraut.
Zu Anfang des Jahres 1693 ging das Gerücht, daß Sunderland über alle die innere Verwaltung des Reichs betreffende wichtige Fragen zu Rathe gezogen werde, und dieses Gerücht bekam noch mehr Halt, als man erfuhr, daß er im Herbste vor dem Zusammentritt des Parlaments nach London gekommen war und ein großes Haus in der Nähe von Whitehall bezogen hatte. Die Kaffeehaus-Politiker waren überzeugt, daß er auf dem Punkte stand, ein hohes Amt zu erhalten. Vor der Hand war er jedoch so klug, sich mit der wirklichen Macht zu begnügen und den Schein derselben Anderen zu überlassen[57].