Tod Mariens.
Er hatte nur zu guten Grund, aufgeregt zu sein. Seine Gemahlin war seit einigen Tagen unwohl und am vorhergehenden Abend hatten sich bedenkliche Symptome gezeigt. Sir Thomas Millington, der Leibarzt des Königs, glaubte, sie habe die Masern. Radcliffe aber, der sich trotz seines unfeinen Benehmens und seiner geringen Büchergelehrsamkeit hauptsächlich durch seine seltene Geschicklichkeit in der Diagnostik die ausgebreitetste Praxis in London erworben hatte, sprach das bedenklichere Wort Pocken aus. Diese Krankheit, über welche die Wissenschaft seitdem eine Reihe ruhmvoller und wohlthätiger Siege errungen hat, war damals die furchtbarste aller Dienerinnen des Todes. Die Pest hatte die Menschen rascher hingerafft, aber sie hatte unsere Küsten seit Menschengedenken nur ein- oder zweimal heimgesucht; die Pocken hingegen herrschten beständig, füllten die Friedhöfe mit Leichen, quälten Alle, die sie noch nicht gehabt hatten, mit einer fortwährenden Angst, ließen an Denen, deren Leben sie verschonten, die abschreckenden Spuren ihrer Macht zurück, verwandelten den Säugling in ein häßliches Geschöpf, vor dem die Mutter zurückschauderte, und machten die Augen und Wangen der Braut zu Gegenständen des Abscheus für den Geliebten. Gegen das Ende des Jahres 1694 wüthete diese Seuche mit mehr als gewöhnlicher Bösartigkeit. Endlich verbreitete sich die Epidemie auch in den Palast und ergriff die junge blühende Königin. Sie vernahm die Ankündigung der ihr drohenden Gefahr mit wahrer Seelengröße. Sie gab Befehl, daß jede ihrer Hofdamen, jedes ihrer Ehrenfräuleins, ja selbst jeder niedere Dienstbote, der die Pocken noch nicht gehabt, Kensington House sofort verlassen solle. Sie schloß sich auf kurze Zeit in ihr Zimmer ein, verbrannte einige Papiere, ordnete andere und erwartete dann gefaßt ihr Schicksal.
Einige Zeit wechselten Hoffnung und Besorgniß häufig mit einander ab. Die Aerzte widersprachen einander und sich selbst in einer Weise, welche den damaligen Stand der Heilkunst deutlich verräth. Bald sollte die Krankheit die Masern, bald das Scharlachfieber, bald das Fleckfieber, bald der Rothlauf sein. Einmal wurden einige Symptome, welche gerade bewiesen, daß der Zustand der Patientin hoffnungslos war, als Zeichen der wiederkehrenden Gesundheit begrüßt. Endlich war jeder Zweifel vorüber. Radcliffe’s Ausspruch erwies sich als der richtige. Es war klar, daß die Königin von den Pocken in der bösartigsten Form ergriffen war.
Diese ganze Zeit über brachte Wilhelm Tag und Nacht an ihrem Lager zu. Das kleine Bett, auf dem er schlief, wenn er im Felde war, wurde im Vorzimmer für ihn aufgeschlagen, aber er legte sich nur selten darauf. Der Anblick seines Kummers, schrieb der holländische Gesandte, müsse auch das gefühlloseste Herz rühren. Nichts schien mehr von dem Manne übrig zu sein, dessen heitere Standhaftigkeit an dem unglücklichen Tage von Landen alte Soldaten und in der schauerlichen Nacht zwischen den Eisschollen und Sandbänken der Küste von Goren alte Seeleute in Erstaunen gesetzt hatte. Selbst die Dienerschaft sah die Thränen unaufhaltsam über das Antlitz herabrollen, dessen ernste Ruhe nur selten durch einen Triumph oder durch eine Niederlage gestört worden war. Mehrere Prälaten waren anwesend. Der König zog Burnet auf die Seite und machte seinem Schmerze gegen ihn Luft. „Es ist keine Hoffnung,” rief er aus. „Ich war der glücklichste Mann auf Erben; jetzt bin ich der unglücklichste. Sie hatte keinen Fehler, keinen; Sie kannten sie genau; aber ihre Herzensgüte kannten Sie nicht, die kannte Niemand als ich.” Tenison übernahm es ihr zu sagen, daß sie sterben müsse. Er fürchtete, daß eine solche Mittheilung ohne gehörige Vorbereitung sie heftig erschüttern werde, und er ging daher mit großer Schonung zu Werke. Aber sie errieth bald was er meinte und ergab sich mit dem edlen weiblichen Muthe, der so oft unsre Unerschrockenheit beschämt, in den Willen Gottes. Sie ließ sich ein kleines Kästchen bringen, in welchem sie ihre wichtigsten Papiere verschlossen hatte, befahl daß es sogleich nach ihrem Tode dem Könige eingehändigt werden solle, und riß sich dann von allen irdischen Sorgen los. Sie genoß das heilige Abendmahl und sprach die auf sie kommenden Worte mit ungeschwächtem Gedächtniß und Bewußtsein, wenn auch mit leiser Stimme. Sie bemerkte, daß Tenison lange an ihrem Bett gestanden hatte und stammelte mit der ihr eigenen liebenswürdigen Artigkeit die Bitte, daß er sich niedersetzen möchte, und wiederholte dieselbe, bis er ihr nachkam. Nachdem sie das Sakrament empfangen, nahm ihre Schwäche rasch zu und sie stammelte nur noch abgebrochene Worte. Zweimal versuchte sie es, von dem Manne Abschied zu nehmen, den sie so innig und ausschließlich geliebt hatte; aber sie konnte nicht mehr sprechen. Er hatte eine Reihe so beunruhigender Zufälle, daß seine Staatsräthe, die in einem anstoßenden Gemache versammelt waren, für seinen Verstand und für sein Leben fürchteten. Der Herzog von Leeds wagte es auf Ersuchen seiner Collegen die freundschaftliche Fürsorge zu übernehmen, deren durch Kummer zerrüttete Gemüther bedürfen. Wenige Minuten vor dem Hinscheiden der Königin wurde Wilhelm fast bewußtlos aus dem Krankenzimmer getragen.
Marie starb in Frieden mit Anne. Ehe die Aerzte die Krankheit für hoffnungslos erklärten, hatte die Prinzessin, deren Gesundheit damals sehr delikat war, sich freundlich erkundigen lassen, und Marie hatte freundlich geantwortet. Die Prinzessin hatte sich dann erboten, selbst zu kommen, aber Wilhelm hatte dieses Erbieten mit herzlichen Worten abgelehnt. Das Aufregende einer Unterredung, sagte er, würde beiden Schwestern zu nachtheilig sein. Sobald jedoch eine günstige Wendung einträte, würde Ihre königliche Hoheit in Kensington höchst willkommen sein. Wenige Stunden später war Alles vorbei.[133]
Die öffentliche Theilnahme war groß und allgemein. Denn Mariens tadelloser Wandel, ihre große Mildthätigkeit und ihre einnehmenden Manieren hatten ihr die Herzen ihres Volks gewonnen. Die Gemeinen verharrten in ihrer nächsten Sitzung einige Zeit in tiefem Stillschweigen. Endlich wurde beantragt und beschlossen, daß dem Könige eine Condolenzadresse überreicht werden solle, und dann trennte sich das Haus wieder, ohne zu weiteren Geschäften überzugehen. Der holländische Gesandte schrieb an die Generalstaaten, daß viele Mitglieder ihre Taschentücher vor den Augen gehabt hätten. Die Menge der betrübten Gesichter, die man auf der Straße sah, fiel jedem Beobachter auf. Die Trauer war allgemeiner als selbst die Trauer um Karl II. gewesen war. Am ersten Sonntage nach dem Ableben der Königin wurde in fast jeder Kirche der Hauptstadt und in fast jeder großen Versammlung von Nonconformisten ihr Gedächtniß gefeiert.[134]
Die achtungswertheren Jakobiten ehrten Wilhelm’s Schmerz und Mariens Andenken. Den heftigeren Zeloten der Partei aber war weder das Haus der Trauer noch das Grab heilig. In Bristol läuteten die Anhänger Sir John Knight’s die Glocken, wie zur Feier eines Sieges.[135] Es ist oft erzählt worden und klingt durchaus nicht unwahrscheinlich, daß ein eidverweigernder Geistlicher inmitten der allgemeinen Trauer über den Text gepredigt habe: „Besehet doch die Verfluchte und begrabet sie, denn sie ist eines Königs Tochter.” Es ist erwiesen, daß einige der abgesetzten Priester sie bis ans Grab mit Schmähungen verfolgten. Ihr Tod, sagten sie, sei offenbar eine Strafe für ihr Verbrechen. Gott habe, vom Gipfel des Sinai unter Donner und Blitz den Kindern, die ihre Eltern ehren würden, langes Leben versprochen, und in diesem Versprechen liege augenscheinlich eine Drohung. Welcher Vater sei jemals von seinen Töchtern so schändlich behandelt worden wie Jakob von Marien und Anna? Marie sei in der Blüthe des Lebens, in der Fülle der Schönheit, auf dem Gipfel des Glücks dahingerafft worden, und Anna werde wohl thun, diese Warnung zu benutzen. Wagstaffe ging noch weiter und sprach ein Langes und Breites über gewisse sonderbare Zeitcoincidenzen. Jakob sei in der Weihnachtswoche aus seinem Palaste und seinem Lande vertrieben worden. Marie sei in der Weihnachtswoche gestorben. Es könne keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn wir die Geheimnisse der Vorsehung zu ergründen vermöchten, wir finden würden, daß die Wendung in der Krankheit der Tochter im December 1694 in genauer Analogie mit der Wendung in dem Schicksale des Vaters im December 1688 stände. Um Mitternacht sei der Vater von Rochester geflohen; um Mitternacht sei die Tochter gestorben. Solcher Art war die Tiefe und der Scharfsinn eines Schriftstellers, den die jakobitischen Schismatiker mit Recht als eines ihrer talentvollsten Häupter betrachteten.[136]
Die Whigs hatten bald eine Gelegenheit, sich zu revangiren. Triumphirend erzählten sie, daß ein Stadtschreiber, ein starrer Anhänger des erblichen Rechts, während er über die Strafe, welche die Königin ereilt habe, frohlockte, selbst plötzlich todt zu Boden gesunken sei.[137]